Metagame - Vertigo - Teil 1 - Gift und Biebermütze

von Earl

Es roch durchdringend nach Alkohol, Schweiß und Rauch. Das Gasthaus „Schwarze Rose“ hier in Dreiberg war ein kleines, etwas abseits des Stadtzentrums gelegenes Etablissement. Es war proppenvoll und unglaublich laut. An der Theke drängten sich die Zecher und schrien abwechselnd nach mehr Bier, Wein oder Schnaps. Und mit jedem Mal wurden die Rufe gellender, unverständlicher und mit noch mehr unflätigen Ausdrücken geschmückt. Zwischen den Gästen drängten sich die Huren und stellten ihre Argumente in engen Miedern und weit ausgeschnittenen Blusen zur Schau. An den Tischen ging es wie auch am Ausschank laut und geschäftig zu. Mindestens genauso viele Kopper und Kronen wechselten den Besitzer mit atemberaubender Geschwindigkeit. Es wurde gespielt. Würfel rollten, Karten wurden triumphierend auf Tische geworfen. Wetten wurden abgegeben, ob sich Gast X nun tatsächlich auf Hure Y einließ. Laute Pfiffe der Verlierer und Triumphjubel der Gewinner hallten von den gekalkten Wänden wider.

„Komm, los Mann. Eine Runde noch. Ich will ´ne zweite Chance du Hohlbirne!“, lies sich ein Untersetzter aus einer der Würfelrunden vernehmen. Ein anderer, der aufgestanden war und sich gerade zum gehen wandte drehte sich um. „Bleib locker Ullrich, ich nehm dir dein restliches Geld noch früh genug ab. Es is´ spät. Ich will heim. Muss morgen früh raus.“, schrie die Hohlbirne gegen den Lärm an, gähnte und schob sich die rote Biebermütze mit den Rabenfedern auf dem Kopf zurecht. Der untersetzte Ullrich lachte dröhnend auf. „Ach was, die Nacht is´ noch jung und die Huren frisch“, mit diesen Worten packte er der am nächsten stehenden Dirne an den Hintern, worauf er sich direkt eine schallende Ohrfeige von ihr einhandelte. „10 Kopper du Sau!“, schrie ihn die Dirne an. Ullrich wandte sich um, wollte seinen Kumpanen fragen, ob er den Preis angemessen fände, doch der andere war bereits Richtung Tür verschwunden.

Hieronymus torkelte hinaus auf die enge Gasse. Er schloss hinter sich die Türe zum Gasthaus und sofort sank der Lärmpegel ab. Tatsächlich fiepte nun ein unerträglicher Ton in seinen überreizten Ohren. Mit einem tiefen Zug atmete er die frische, kühle Nachtluft ein und fast augenblicklich traf ihn die volle Wucht des Alkohols, den er den ganzen Abend in sich hinein gekippt hatte. Er taumelte kurz und musste sich an einem der Butzenfenster der „Schwarzen Rose“ abstützen. In seinem Kopf drehte sich alles. Er atmete schneller, versuchte den Ekel in der Magengegend abzuschütteln, doch es gelang ihm nicht. Mit einem lauten Würgen erbrach er sich gegen die Fachwerkfassade. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Noch einmal schüttelte es ihn krampfartig und er übergab sich abermals platschend gegen die Wand. Er taumelte rückwärts und wischte sich mit dem Handrücken Reste seines Mageninhalts und Speichel von Mund und Kinn. „Scheiße, der letzte Wodka war schlecht.“, flüsterte er schwer atmend. Als er sich etwas beruhigt hatte und wieder klarer denken konnte wurde ihm erst bewusst, was er da gerade angerichtet hatte. Schnell drehte er sich um und verließ unsicheren, torkelnden Schrittes die Szenerie Richtung Obermarkt.

Am nächsten Morgen erwachte er mit heftigen Kopfschmerzen. Durch das geschlossene Fenster fielen einige wenige Sonnenstrahlen in denen Staubkörnchen tanzten. Hieronymus setzte sich auf und zog sich den verbeulten Hut aus dem Gesicht. Er sah an sich hinab, er trug immer noch Hemd, Hose und Schuhe. Mit einem Stöhnen fiel er zurück in die Kissen und versuchte sich an den Heimweg zu erinnern. Doch irgendwie prangte in seiner Erinnerung ein gähnendes Loch. Er wusste, dass er die steile Treppe zu seiner Kammer erst nach mehrmaligen Anläufen hatte erklimmen können. Doch wie er es ins Bett geschafft hatte, wie er es überhaupt geschafft hatte, die Türe zu öffnen war ihm rätselhaft. Er schlief erneut ein.

Nach weiteren zwei Stunden erwachte er. Diesmal ging es ihm schon besser. Er griff zu einem Fläschchen mit einer orangefarbenen Flüssigkeit auf seinem Nachttisch. Er besah sich den Korken und den Wachsrand, befand dass niemand während seiner Abwesenheit die Flasche manipuliert hatte und entkorkte eben jene. Er leerte den Inhalt mit einem Zug, verzog das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse und schüttelte sich. „Uähh, dieses Siffzeug. Ich trink nie mehr Alkohol.“ Der Redanier schlug die Decke zurück und versuchte sich zum Aufstehen zu Motivieren. Beim dritten Anlauf gelang es ihm und er schwang sich abrupt aus dem Bett. Fast augenblicklich kehrten die Kopfschmerzen zurück. Er fasste sich mit schmerzverzerrter Miene an die Stirn und hielt kurz inne, bis die Schmerzen sich auf ein erträgliches Maß eingependelt hatten. Hieronymus zog sein Hemd aus und warf es in die Ecke, wo sich bereits ein kleiner Haufen Wäsche befand. Er ging zu einem Tisch mit Spülschüssel am Fenster, öffnete jenes und goß aus einer bereit gestellten Karaffe kühles Wasser in die Schüssel. Einen Moment lang beobachtete er die bunte Menschenmenge, die sich unten auf der Gasse tummelte. Hie und da bellte ein Hund, Hühner gackerten, man rief sich Grüße zu. Er riss sich von dem Anblick los und wusch sich schnell aber gründlich den Mief der vergangenen Nacht vom Leib.

Als er ein frisches Hemd angezogen hatte, fingerte er seine rote Biebermütze mit der silbernen Entenbrosche und den Rabenfedern zwischen den Falten der Bettdecke hervor und griff sich dann seine Fechtjacke vom Haken an der Wand neben der Türe und zog sie an. Vom Tischchen daneben nahm er seine fingerlosen Handschuhe und streifte auch diese über. Er zog sich die modisch geschnittene Jacke glatt und kontrollierte das Rote Wappen mit dem weißen Adler. Der Redanier befand, dass damit alles in bester Ordnung war. Als er schon fast zur Türe hinaus war, fiel ihm auf, dass er seinen Gürtel vergessen hatte. Hieronymus stöhnte genervt auf.

Als er den Gürtel mit seinen Ausrüstungstaschen und dem Hodendolch endlich am Fußende seines Bettes gefunden, sich gegürtet und das Haus verlassen hatte war eine gute halbe Stunde vergangen. „Moin Hieronymus!“, rief sogleich ein kleiner rattengesichtiger Mann der drei Häuser weiter gerade noch mit einem Händler um ein paar Schuhe gefeilscht hatte. Nun eilte er die Straße herauf und gab dem Junker vom Aschenberg die Hand. „Grüß dich Wilmund. Na, was führt dich hier herauf in die Strohgasse? Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du nur wegen einem Paar Schuhe hier bist.“ Hieronymus grinste verschwörerisch. Auch Wilmund grinste. „Weißte, gestern Nacht hat jemand Mara Haager ans Bein gepisst. Du weißt doch. Ihr gehört die „Schwarze Rose“. Irgendein Depp hat es geschafft anderthalb Meter der Gasthausfassade voll zu kotzen. Sie hat mich beauftragt den Trunkenbold zu finden, der das zu verantworten hat. Sie hat was von Prügel und Hausverbot gefaselt.“ Mit einem Mal wurde es Hieronymus ziemlich warm unter der Mütze und er nahm sie ab. „Puhh, Wilmund. Das is‘ keine leichte Aufgabe oder. Wie willst du den denn finden?“ Der Rattengesichtige machte eine siegessichere Miene. „Is doch ganz klar. Ich pick mir einen der vielen Suffköppe raus, die hier oben am „Goldbarsch“ rumlungern. Den füll ich richtig ab und bring ihn ihr vorbei. Todsicheres Ding.“ Hieronymus kratzte sich am Kopf. „Ja klar, todsicher. Du temerischer Fuchs. Tja, weißt du ich muss dann auch mal weiter. Zum Mittag ist in der Kaserne eine Besprechung der Offiziere angesetzt. Na dann. Wir sehen uns.“ Und ohne ein weiteres Wort abzuwarten eilte der junge Stabsunteroffizier in die entgegengesetzte Richtung davon.

Er kam an Lädchen und Marktständen vorbei, an offenen Kochstellen über denen Fleisch auf Rosten brutzelte, an ein oder zwei Gauklertruppen und an einem Bärendompteur. Als er schließlich an der Taverne „goldener Adler“, die an einem großen Marktplatz lag, hielt um sich einen Schluck Bier zu genehmigen begann gerade auf der anderen Seite des Marktes ein Barde in malvenfarbenem Doublet und mit keckem Hütchen gleicher Farbe zu singen und dazu zu Klampfen. Als er das Gasthaus wieder verließ war der Barde verschwunden. Hieronymus ging über den Markplatz. Wieder vorbei an Ständen. Er entschied sich für eine Abkürzung zur Kaserne, die zwischen zwei großen Stadthäusern hindurch führte.

Als er in die enge Gasse eingetreten war, bemerkte er zwei Kerle, die in etwa 3 Meter entfernt herum lungerten. Einer von ihnen trug einen breitkrempigen braunen Hut und einen alten zerschlissenen Gambeson. Der Andere hatte sich die langen Haare zu einem festen Knoten im Nacken gebunden und trug eine auffällige rote Weste. Sofort machte sich ein Kribbeln in Hieronymus Nacken breit. Der Junker zögerte nicht, sondern ging schnurgerade zwischen den beiden Häuserfassaden weiter. Als er noch etwa 4 Schritt entfernt war zog der Schläger mit dem Hut einen Katzbalger aus der Scheide an seiner Hüfte. Der andere mit den langen Haaren griff sich einen herum liegenden faustgroßen Sandstein vom Boden und zog ebenfalls seine Kurzwehr blank. Sie harrten einen Moment aus. Dieser Moment reichte dem Stabsunteroffizier um mit der rechten seinen Dolch und mit der linken Hand eine etwa 20 cm lange Nadel aus der Hutkrempe zu ziehen. Dann sprangen die beiden Angreifer los. Der Hutträger hieb von links unten zu. Mit einer Halbdrehung entzog sich der junge Offizier dem Hieb, sah sich allerdings zugleich mit einem Stich des Langhaarigen auf sein Gesicht konfrontiert. Er zog im letzten Moment den Kopf zur Seite und machte einen Ausfallschritt nach rechts. Er zog das linke Bein nach, duckte sich unter dem herannahenden Sandstein hinweg und rammte dem langhaarigen die Nadel tief ins Knie. Sein Gegner schrie auf und ließ den Sandstein fallen. Diesen kleinen Triumph nutzte Hieronymus um ihm den Hodendolch knapp über der Hüfte in die Seite zu stechen. Blut schoß aus der Wunde hervor und lief dem Junker sogleich über die Hand. Er rutschte mit der Hand vom Dolch ab und kam aus dem Gleichgewicht. In der Zwischenzeit hatte der breitkrempige Hut die Distanz überwunden. Geistesgegenwärtig griff der junge Mann nach dem fallen gelassenen Stein und blockte damit den Katzbalger. Der Mann mit der roten Weste war gerade im Begriff vor Schmerzen in die Knie zu gehen, da packte ihn Vertigo, riss ihn hoch und drückte ihn zwischen sich und den nächsten Stich des Katzbalgers. Der konnte nicht mehr stoppen und durchbohrte den Langhaarigen auf Brusthöhe. Ein letzter Schrei. Dann war er Tod.

Doch schon hatte der Mann mit dem Hut sein Kurzschwert zurück gezogen, trat zwei Schritte vorwärts und setzte zum nächsten Angriff an. Sein Gegenüber mit der Biebermütze nutzte den Moment um ihm den Sandstein entgegen zu schleudern. Dann hob er schnell die Kurzwehr des Gefallenen auf und startete seinen Angriff. Eine schnelle Finte rechts oben, dann das Schwert nach unten ziehend in Richtung des Oberschenkels. Doch sein Gegner hatte nicht geschlafen und sein Schwert ebenfalls nach unten gerissen. Klirrend trafen die Waffen aufeinander. Doch Hieronymus war schon einen Schritt weiter. Er riss die Faust hoch und verpasste dem Hutträger einen Schlag auf die Nase. Diese brach knackend. Für einen Moment war er vom Schmerz geblendet und gab Hieronymus die Chance abermals zuzuschlagen. Er ließ den Katzbalger fallen. Auch Hieronymus senkte seine Klinge. „Wer hat dich gekauft? Wer hat dich für meinen Tod bezahlt? Die Nilfgaarder? Hääh? Machs Maul auf.“ „Leck mich“, presste sein Blut überströmter Gegner hervor. Krachend traf sein Schädel auf das Fachwerk eines der Stadthäuser. Und noch einmal knallte sein Kopf gegen die Wand. Blut lief unter seinem Hut hervor. „Und jetzt?“ Ein blutverschmiertes Grinsen. Hieronymus verlor nun tatsächlich die Geduld. Er stieß seinen Angreifer zu Boden. Trat ihm hart gegen den Kopf. Ein leises Stöhnen. Hieronymus bückte sich zu seinem Opfer hinab. „Was hast du gesagt?“ „Grüße von Emhyr du redanischer Hurensohn!“ Und mit diesen Worten schnellte ein Stilett hervor und durchbohrte Vertigos Wade. Schreiend ging Hieronymus in die Knie. Er riss das Stilett aus seinem Bein und rammte es seinem Gegner durch den Hals. Ein Röcheln. Dann war der Attentäter Tod.

Hieronymus erhob sich unter Stöhnen. Er presste die Zähne zusammen und fingerte an seiner Gürteltasche mit den Trankfläschchen herum. Schnell fand er, wonach er gesucht hatte. Eine Phiole mit gelber zäher Flüssigkeit. Mit zitternden Fingern entkorkte er das Gefäß. Er spürte bereits das Kribbeln im Bein. Mit einer vergifteten Klinge hatte der junge Offizier gerechnet. Hieronymus kippte also schnell den pulshemmenden Stoff hinunter. Mit etwas Glück würde er es schnell genug zum Offizierslazarett schaffen. Schon taumelte er dem Licht der belebten Straße entgegen. Die Flüssigkeit begann seinen Puls zu schwächen. Die Augenlider flimmerten, die Ränder seines Sichtfeldes verschwammen. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht! Hieronymus presste ein Stöhnen hervor. Blut hatte seine Hose und das Fußbett seines linken Schuhs durchtränkt. Er schlurfte unter Aufbietung seiner letzten Kräfte der großen Straße entgegen. Er fiel vornüber. Direkt vor die Füße einer Stadtpatrouille. Seine Lippen formten die Worte: „Offizierslazarett. Vergiftung. Schnell.“ Dann umfing ihn Dunkelheit.

„Hier lang. Schnell. Hier herüber. Nein da lang. Los Beeilung. Er wurde vergiftet. Ja. Und er hat viel Blut verloren. Wir müssen sofort handeln.“

Kopfschmerzen und ein dumpfes Pochen im linken Bein weckten Hieronymus auf. Er blinzelte, konnte jedoch nichts erkennen, denn das Licht blendete ihn. Also schloss er die Augen wieder. Wie durch einen dicken Wattebausch nahm er Geräusche wahr, konnte jedoch nicht klar genug denken um sie genauer zu verorten. Stöhnend versuchte er seinen Kopf frei zu bekommen und nach ein paar Augenblicken gelang ihm das tatsächlich. Nun konnte er auch die Augen einen Spalt breit öffnen. Er lag offenbar unter einem weit geöffneten Fenster und darüber erstreckte sich eine tiefe Balkendecke. „Können Sie mich hören? Hieronymus Katz. Können Sie mich verstehen?“ Hieronymus drehte leicht den Kopf (was ihn schon eine gewaltige Kraftanstrengung kostete) und erblickte eine große Gestalt in grün. Er versuchte zu antworten, doch es kam nur ein brüchiger Laut heraus. „Er ist noch zu schwach. Er braucht mehr Ruhe.“

Hieronymus musste wieder eingeschlafen sein, denn als er das nächste Mal zum Fenster empor sah, war es geschlossen und nur einige wenige Sonnenstrahlen fielen rot glühend durch die Butzenscheiben. Und auch diesmal war sofort jemand da, der sich nach seinem Befinden erkundigte. Und diesmal, konnte er antworten: „Ja. Ja ich..verstehe. Mir geht’s gut.“ brachte er mühsam hervor. „Herr Katz ruhen Sie sich aus.“ Doch er wollte sich nicht ausruhen. Er hatte sich genug ausgeruht. Wie lange hatte er wohl schon in diesem Zimmer verbracht? „Wie lange?“, erkundigte er sich leise. „Wie bitte? Ach so! Nun in ein paar Stunden sind Sie seit genau 9 Tagen hier im Offizierslazarett“, gab die grüne Gestalt zum Besten. Seit 9 Tagen! Seit 9 Tagen schon lag er untätig hier herum! Er hatte seine Besprechung mit den anderen Offizieren der Dreiberg-Division verpasst! Er hatte den Auftritt von Lea van Dyken im „Drei Kronen“ verpasst! Hätte er es gekonnt, so hätte er sich jetzt wohl mit der Hand vor den Kopf geschlagen. Stattdessen stieß er hart die Luft aus. „Was ´s passiert?“, erkundigte er sich weiter. „Sie müssen sich ausruhen. Herr Katz. Hören Sie.“

Hieronymus schreckte hoch! „Wie lange? Was passiert?“, plärrte er. Und noch während er das tat, sah er sich zum ersten Mal richtig um. Da standen weitere Betten. Mindestens 5 in einem langen Raum mit niedriger Balkendecke. Nur 2 andere Betten waren belegt. Und die beiden Offiziere sahen nun zu ihm herüber. „Ey Mann. Halt die Fresse! Du bist hier nicht alleine!“, rief einer der beiden. Der Junker vom Aschenberg versuchte sich zu sammeln, spähte angestrengt im Raum umher, konnte allerdings niemanden außer den beiden Leidensgenossen sehen…. Er schlug augenblicklich die Decke zurück und sprang aus dem Bett, fiel allerdings sofort vorn über und schlug hart auf dem Boden auf. Seine Beine schmerzten und das linke Bein pochte immer noch sehr unangenehm. Während er sich wieder aufrichtete tropfte Blut aus seiner aufgeschlagenen Nase, doch das störte ihn nicht. Auch das Lachen der beiden anderen Offiziere störte ihn nicht, im Gegenteil, es stachelte ihn an. Und so erhob er sich vollends und machte einige langsame Schritte, wobei er das Gesicht schmerzerfüllt verzerrte. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Das hier war also das Offizierslazarett in Dreiberg. Hmm. Irgendwo hier mussten seine Sachen aufbewahrt werden. Nur wo? Er blickte sich um, doch da flog schon die Türe am Ende des Raumes auf und herein marschierte ein Medicus, der Vertigo vorwurfsvoll ansah: „Sofort zurück ins Bett! Sind Sie noch bei Trost? Sie haben …“ Doch Hieronymus Katz vom Aschenberg hörte ihm gar nicht zu, er hatte besseres zu tun. Grob stieß er den Mann in Grün beiseite und näherte sich dem Ausgang. „Sie sind doch irre! Ich hole die Wachposten!“, rief der Medicus laut und rannte los. „Gut“, rief ihm Vertigo mit rauher Stimme hinterher, „dann können Sie auch gleich Nikolas Treuhand her schleifen! Ich will eine Unterredung mit ihm und zwar sofort! Und bringen sie mir meinen Hut, sonst hol ich mir hier drin ja noch eine Erkältung.“

Eine halbe Stunde später saß Vertigo, lediglich mit leinenem Hemd, Bruche und knallroter Biebermütze bekleidet im Garten des Offizierslazaretts auf einer Bank, beobachtete die Bienen bei der Arbeit und wartete darauf, dass Nikolas Treuhand endlich auftauchen würde. Man hatte versucht ihn mit Gewalt zurück ins Bett zu befördern, doch erst nachdem er einen der Wachposten unter größter Anstrengung zu Boden geschlagen hatte und verlangt hatte, man möge sich Dienstschlüssel und Berechtigungsstufe in seiner Militärakte ansehen, da war man bereit gewesen nach Nikolas Treuhand, dem Chef der Abteilung für leichte Kavallerie der Dreiberger Stadtsicherheit, zu schicken.

Nikolas Treuhand war ein Oberst im Dienste des redanischen Militärgeheimdienstes und hatte natürlich nur sehr wenig mit der Stadtsicherheit von Dreiberg zu schaffen, gab es doch offiziell sowieso nur 2 leichte Kavallerieeinheiten bei der Stadtsicherheit Dreibergs. Inoffiziell lag diese Zahl bei 15. Diese Kavallerieeinheiten des Geheimdienstes waren in der gesamten Stadt und im Umland von Dreiberg stationiert und warteten nur darauf in sämtliche Himmelsrichtungen losgeschickt zu werden um Handelspapiere sicher zu stellen, Truppenbewegungen der Scoi’iateal und Nilfgaarder Verbände auszukundschaften, wichtige Handelsmissionen zu schützen usw.

„Haltung annehmen, Oberst Nikolas Treuhand anwesend!“, gebot eine raue Stimme. Vertigo schreckte aus seinen Gedanken hoch, sprang auf und salutierte. Einen Moment blieb es still, dann gebot dieselbe Stimme „Rühren Herr Stabsunteroffizier.“ Er legte die angespannte Haltung ab und drehte sich zu Nikolas Treuhand um. Der Chef der Geheimdienstabteilung war ein Mann in den Dreißigern, er hatte rabenschwarzes Haar und einen ebenso schwarzen Vollbart. Er war Hochgeschossen und äußerst sehnig. Der Oberst trug eine schwarze Cotte aus Samtstoff und darüber den typischen Offiziersgarnasche der Reitereieinheit von Dreiberg. „Nun Vertigo, ich sehe du bist wohlauf. Wir hatten größte Bedenken ob wir dich jemals wieder für den aktiven Dienst einsetzen könnten. Aber du hattest offenbar einen guten Einfall und sehr großes Glück obendrein. Das Herzschmerz einzusetzen, um die Durchblutung zu verlangsamen und dadurch die Ausbreitung des Giftes zu stoppen war sehr schlau und sehr dumm zugleich. Du hattest gerade einen Kampf hinter dir, warst aufgepeitscht und dein Puls war hoch. Dagegen dieses Zeug anwirken zu lassen war, als würdest du einem Pferd in vollem Galopp einen Baumstamm vor die Hufe werfen. Du bist zusammengebrochen, weil dein Körper das nicht verkraftet hat. Hätte dich nicht die Patrouille gefunden wärst du wahrscheinlich tot. Du kannst dich glücklich schätzen, dass es kein neuartiges Gift war und die Medici hier im Hospital so gut ausgebildet sind. Es hat in der Woche vor dem Angriff auf dich schon zwei weitere Anschläge auf Geheimdienstler gegeben. Die beiden hatten nicht so viel Glück.“

Einen Moment herrschte Stille. Dann fragte Hieronymus: „Was sagen die Ärzte, bin ich tauglich? Wann kann ich zurück in den Dienst? Der Drahtzieher hinter dieser Sache muss gefunden werden. Gibt es da schon Hinweise? “ „Nee du. Es gibt keine weiteren Befunde bei dir. Zumindest nicht, dass wir wüssten. Die Medici hätten dich allerdings gerne noch ein paar Tage hier behalten um sicher zu gehen, dass es da nicht doch irgendwas gibt“, antwortete Nikolas reserviert. „Ach was! Mumpitz! Ich muss zurück in den Dienst. Ich bin tauglich!“, beteuerte Hieronymus. „Es liegt nicht in deinem Aufgabengebiet das festzustellen! Reiß dich zusammen Mann. Ich brauche Leute, die gesund und einsatzfähig sind. Keine kranken Krähen, die plötzlich im Einsatz vom Gaul kippen! Die Drahtzieher sind übrigens gefunden. Oder was dachtest du, was der Geheimdienst die letzten 15 Tage seit dem ersten Attentat gemacht hat? Wir stehen kurz vor der Festnahme der betreffenden Personen. Rotte 7 wird sich morgen Mittag um diese Angelegenheit kümmern. Du kannst dich also ganz beruhigt noch ein paar Tage ausruhen. Unternimm ein paar Spaziergänge im Garten. Leg dich auf die faule Haut. Und in ein paar Tagen bist du wieder voll einsatzfähig.“

Der Junker nickte langsam, in seinem Kopf arbeitete es bereits. „Na gut, aber was wenn mich die Medici bis morgen Mittag für tauglich befinden?“ Nikolas zog eine Augenbraue streng nach oben: „Was willst du damit sagen?“ „Ist doch klar. Wenn ich tauglich bin, überträgst du dann der Rotte 3 den Einsatz? Du weißt du schuldest mir noch was!“ Nikolas lachte: „Scheint als wärst du tatsächlich schon wieder ganz der Alte. Du Gauner. Ja. Ja gut. Sollte man dich für tauglich befinden, was man nicht tun wird, dann kriegst du den Auftrag. Abgemacht!“

Die beiden hatten sich unter Händeschütteln verabschiedet und als Nikolas gegangen war, hatte Vertigo einen der Heileradepten losgeschickt, ihm einige seiner Habseligkeiten zu holen und ihn dann sofort mit einem wichtigen Auftrag in die Oberstadt weiter geschickt. Er lachte bei dem Gedanken daran, welch dummes Gesicht Nikolas machen würde, wenn er, Hieronymus Katz Junker vom Aschenberg, morgen früh voll tauglich bereit stehen würde. Bester Laune ließ er sich auf einer Bank im sonnendurchfluteten Garten nieder, schob die rote Biebermütze in den Nacken und steckte sich seine Pfeife an.