Metagame - Das letzte Gefecht um Kaer Iwhaell

Von Peter

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Kapitel 1 – Abschied

Greifenburg Kaer Iwhaell, Solonia, Winter 1279

Der Großmeister der Greifenhexer Valerian „Draugr“ von Novigrad stand in seinem grauen Morgenmantel mit einer Tasse heißen Kräutertee auf dem Balkon vor seinem Gemach und schaute hinunter zum verschneiten Innenhof der alten Burg Kaer Iwhaell. Vier seiner verbliebenen fünf Schüler waren gerade dabei, ihre morgendlichen Übungen im Innenhof zu absolvieren. Der ehemalige nilfgaarder Soldat Atheris lieferte sich gerade einen erbitterten Schwertkampf mit Viktor. Die Fähigkeiten der beiden hatte sich in den letzten Monaten erneut deutlich verbessert. Valerian nickte zufrieden und er wendete seine Aufmerksamkeit auf seine beiden jüngsten Schüler. Logan und Egon mussten härter als seine anderen Schüler an ihrer Physis arbeiten, um den Nachteil der fehlenden Kräuterprobe zumindest ein wenig ausgleichen zu können. Das Wissen um die Kräuterprobe, welche die Mutationen bei den Hexern erzeugte, war verloren gegangen. Valerian war strickt dagegen einen seiner Schüler ohne die verbesserten Fähigkeiten auf Monsterjagd zu entsenden, er musste einen Weg finden, das Wissen zurück zu erlangen. Er blickte zu seinem Gepäck, das vor seiner Kleidertruhe für die anstehende Expedition bereitstand. Auf dieser würde er auf die Suche nach dem verlorenen Wissen gehen. Außer den Hexern waren inzwischen viele Bewohner aus dem naheliegenden Dorf ‚Treuhall‘ damit beschäftigt, verschiedenste Kisten, Fässer und Truhen auf Ochsenkarren zu verladen. Gerade erst verließ ein vollbepackter Wagen die Tore in Richtung Hafen an der Elfenküste, um einen Teil der Bibliothek vor dem kommenden Untergang zu bewahren – zumindest was von der Bibliothek nach deren Diebstahl und der langsamen Restaurierung des Bücherbestandes übrig war. Valerians Blick richtete sich zum Himmel. Obwohl die Sonne bereits aufgegangen war, konnte er die Ursache der sich anbahnenden Katastrophe deutlich sehen: Der Mond am Firmament war vor vier Monaten in drei Teile zerbrochen, hatte seine Bahn verlassen und stürzte nun unaufhaltsam auf sie zu. Einige Gelehrte, die Valerian gut kannte, hatten geschätzt, dass im Winter nächsten Jahres der Himmelskörper einschlagen würde, wobei schon deutlich früher Umweltkatastrophen eintreten würden. Valerian hatte daraufhin die Evakuierung von Kaer Iwhaell befohlen und dafür die wenigen Goldreserven verwendet, die er auf die Schnelle zur Verfügung hatte. Sein Ziel war es, soviel Ausrüstung wie möglich zu retten. Die ‚Funkenflug‘, eine alte Handelskogge, die den Greifenhexern gehörte, lag an der Elfenküste vor Anker und wartete auf ihre wertvolle Ladung. Mit dem Schiff würden alle durch die geheime Nebelbank, die vor dem Kontinent Solonia lag und eine Art permanentes Portal bildete, dessen Ursprung Valerian nicht kannte, in die ‚alte Welt‘ gelangen. Einige Minuten verharrte der alte Mann in seiner Beobachterrolle und rief dann laut in den Hof hinunter: „Versammlung in fünfzehn Augenblicken!“ Er drehte sich um und schritt in das Innere der Räumlichkeiten. Viele von seinen persönlichen Sachen waren bereits verladen worden, wodurch der Raum kalt und ungemütlich wirkte. Erneut musste er also ein ihm lieb gewonnenes Heim aufgeben. In seinem, mit vielen Fellen ausgestatteten Bett, lag noch eine blonde Elfe, die ihn halb verschlafen zulächelte, während er sich anzog. Nella würde ihn auf der anstehenden Reise nicht begleiten und dieser Umstand machte ihn, obwohl er doch ein vermeintlich gefühlsloser Hexer war, sehr traurig. Valerian verließ sein Quartier, lief den langen Gang des Wohntraktes entlang, blickte in die leer geräumten Zimmer und gelangte über eine lange gewundene Treppe hinunter. Wenig später waren alle Bewohner von Kaer Iwhaell in der gemütlichen Halle des Marstalls versammelt. Neben den Greifenhexern waren noch die blonde Elfenmagierin Nella, der Händler und Dienstleister Heskor, sowie der Wolfshexer Volmar von Brugge mit seiner Begleiterin Charlotte anwesend. Valerian war ein Führer wider Willen und mochte keine großen Reden halten, deswegen fasste er sich wie immer kurz und knapp: „Die Vorbereitungen zur Evakuierung laufen seit Wochen und sind fast beendet. Die wichtigsten bürokratischen Angelegenheiten hier sind ebenfalls geklärt. Volmar, Charlotte und ich werden heute Mittag bereits abreisen. Ich habe Volmar versprochen, ihn auf der Suche in Kaer Morhen nach essenziellem Wissen für die Zukunft unserer Schule zu unterstützen. Hoffentlich gelingt es mir, das benötigte Wissen bezüglich der Kräuterprobe zu erlangen, an der Saleha und Eiwa so emsig mit uns forschen… wir werden sehen.“ Valerian machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr „Atheris, ich bitte dich die Evakuierung von Kaer Iwhaell wie besprochen zu Ende zu führen. Wir sehen uns dann im Frühjahr in der Leuenmark, bei der Fischzuchtanlage von Alastriona wieder. Noch Fragen?“ Valerian blickte in die Runde und Atheris zeigte ihm mit einem Nicken, dass er verstanden hatte. Der Großmeister der Greifenhexer wartete bis alle den Raum verlassen hatten, um ihren Aufgaben wieder nachzugehen und rief dann nochmal seinen ältesten Schüler zurück. „Atheris, noch eine Sache! Eigentlich war geplant, das Artefakt nun in Bruenors Koschbasalttruhe zu lagern... ich hab mich umentschieden. Du hast bisher gute Arbeit geleistet und die Maske stets in sicherer Bewegung gehalten. Hier - nimm sie erneut an dich“ er drückte dem großen Hexer eine versiegelte, kompakte Truhe in die Hand und fuhr fort, „ich vertraue dir das Artefakt an, erneut. Du kennst die Gefahr und die Macht, die damit verbunden ist, also bleibe nach der Abreise immer in Bewegung, halte dich von Ärger fern und wir treffen uns in einigen Wochen am verabredeten Treffpunkt wieder!“, Valerian packte seinen Schüler noch einmal kräftig an dessen breiten Schultern, schaute ihm tief in die katzenhaften Augen und wendete sich dann ab. Er schritt aus dem Marstall, und traf im Flur den wartenden Volmar – der ihm verstehend zunickte: Sie gingen zusammen in Valerians Studierzimmer: es gab noch einiges vor der Reise mit dem Wolfshexer unter vier Augen zu besprechen.

Am späten Nachmittag war der Moment des Abschiedes gekommen. Während Volmar und Charlotte bereits auf ihren Pferden saßen, befestigte Valerian noch seinen Schlafsack hinten am Sattel. Die restlichen Bewohner der Schule hatten sich am Tor versammelt und unterhielten sich angeregt miteinander. Nachdem der alte Hexer auch seine Schwerter verstaut hatte, schwang er sich auf seine Schimmelstute ‚Brunhild‘, nickte nochmal allen zu und gab dann seinem Tier die Sporen. Die drei Gefährten ritten durch das offene Tor, folgten der geraden, bergab verlaufenden Straße durch das Dorf und erreichten nach einigen hundert Metern das offene Feld.

Atheris stand noch einige Zeit mit Logan auf der Burgmauer und beobachtete die Abreise seines Meisters. Als die drei Reiter am Horizont verschwunden waren, drehte er sich zu seinem Freund um und sagte mit einem Lächeln im Gesicht: „Scheint als ob wir die Ehre haben, als letzte die Lichter auszumachen. Komm, es gibt noch einiges zu erledigen, bevor wir uns ebenfalls zum Hafen aufmachen!“ Der jüngere Hexer schüttelte seinen blonden Schopf und folgte seinem Freund in den Hof, in dem die anderen Schüler bereits warteten.

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Bildquelle: Die beste Tamira aller Zeiten

Die Wintersonne war hinter der alten Burg untergegangen, die letzten Dorfbewohner stellten ihre Arbeit für den Tag ein und die verbliebenen Bewohner von Kaer Iwhaell hatten sich im umgebauten Marstall versammelt. Diese Halle war in den letzten Jahren maßgeblich das Zentrum der Burg gewesen. Vorlesungen, Festmahle, Trainingshalle und so manch einen feuchtfröhlichen Abend hatten die Hexer in den letzten Jahren hier erlebt. Nun wirkte die Halle kahl, die Einrichtung war bereits auf die Ochsenkarren verladen worden und nur der letzte Eichentisch mit zwei langen Bänken stand noch an seinem angestammten Platz. Die Tischplatte war alt und erzählte durch ihre Flecken und Gravuren so manch eine unterhaltsame Geschichte. Da waren zum einen eine fast schon künstlerische Gravur, welches die Wappen der größeren nördlichen Königreiche in einem Quadrat darstellte, welches von der großen flammenden Sonne Nilfgaards umgeben wurde. Böse Zungen behaupteten es sei der nilfgaardische Hexer Atheris gewesen, der dieses Meisterwerk in den Stammtisch geschnitzt hatte, doch dieser widersprach selbst nach dem siebten Schnaps noch und leugnete, dass er für dieses Werk verantwortlich war. Logan hatte eine seiner Eroberungen künstlerisch auf der Platte verewigt und zuletzt gab es noch einen großen roten Fleck, der tief in die Poren des Holzes eingedrungen war und trotz mehrmaligen Schrubbens nicht mehr zu entfernen ging. Diesen legendären Fleck hatte Großmeister Valerian persönlich verursacht und wurde nur liebevoll von seinen Schülern als ‚Pax Valerian‘ bezeichnet. An ihrem letzten Abend, saßen nun die verbliebenen Greifen an ihrem Lieblingstisch und feierten ein letztes Mal. Atheris hatte den Abschied von Kaer Iwhaell als Anlass genommen, seine letzte Flasche ‚Est Est‘ zu öffnen und jedem seiner Freunde einen Schluck des besten und erlesensten Weines aus seiner Heimat Toussaint zu spendieren. Nach dem alle Kelche gefüllt waren, erhob sich Atheris und begann zu sprechen: „Meine Freunde, wenn ich mich in unserer erlauchten Runde umschaue, stelle ich fest, dass wir alle verschiedene Vaterländer haben. Der Begriff Vaterland fühlt sich männlich an. Vaterland kann blutrünstig sein. Vaterland ist gerade in Redanien und Temerien –aber nicht nur dort - auch ein missbrauchter Begriff. Für das Vaterland wurden schreckliche Kriege begonnen. Ich selber habe drei dieser Kriege jahrelang erlebt und bin zu der Erkenntnis gelangt, dass ich mir wünsche, dass es in jedem Staat Männer geben möge, die über die Vorurteile der Völkerschaft hinwegsehen könnten, und genau wüssten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört. Vor nunmehr fünf Jahren begegnete ich bei einem Sommerfeldzug per Zufall unseren Großmeister Valerian und auch, wenn es noch einige Zeit dauerte, fand ich hier bei den Greifen eine neue Familie, eine neue Heimat.“ Atheris machte eine rhetorische Pause und blickte seinen Freunden einzeln in die Gesichter bevor er fortfuhr. „Heimat! Heimat fühlt sich weiblich an. Heimat bietet Schutz, wie der Schoß einer Mutter. Heimat ist ein Ort der Geborgenheit, der freien Entfaltung, ein Ort der Liebe. Heimat kommt von ‚Heim‘, von Haus. In diesen Tagen starren die Bewohner Solonias genauso wie wir aus unseren Häusern gen Himmel und betrachten den Mond, wie dieser unsere Welt zu zerstören droht. Wir haben die Wahl, erneut gegen die unbesiegbar erscheinenden Lichtelfen ein letztes Mal ins Gefecht zu ziehen oder die Flucht. Pest oder Cholera. So oder so, wir verlieren alle unsere Heimat Kaer Iwhaell. Aber ich frage euch, was macht Kaer Iwhaell aus? Die alten Mauern? Diese Halle hier? Der Tisch an dem wir sitzen? Nein! Meister Valerian hat es bereits vor zwei Jahren bei der Belagerung durch die Redanier richtig erkannt: Wir sind Kaer Iwhaell, wir sind die Greifen und unsere Heimat ist da, wo wir sind! Also lasst uns an diesem letzten Abend kein Trübsal blasen, denn wir schlagen Morgen ein neues Kapitel in der Geschichte der Greifenschule auf! Deswegen lasst uns nicht auf unsere Vaterländer anstoßen, sondern auf unsere Heimat! Auf uns!“ Atheris erhob den Kelch und die anderen Greifen standen von ihren Plätzen auf und erwiderten die letzten Worte unisono. Es sah so aus, als ob es ein feuchtfröhlicher Abend werden würde. Während sich die Hexer eine interessante Geschichte von Logan über eine seiner Eroberungen anhörten, bemerkte Heskor, dass die Elfenmagierin Nella gedankenversunken auf Valerians freien Platz starrte. Der alte Haudegen nahm seinen Kelch und setzte sich zu ihr „Alles in Ordnung meine Liebe?“ fragte er. Sie blickte Heskor an und antwortete mit einem Lächeln: „Ich musste gerade an die letzten Jahre hier auf Kaer Iwhaell denken. Die Zeiten hier waren nie einfach gewesen, aber wir haben viele Freunde kennen gelernt und auch Gutes bewirkt. Nun geht unsere Zeit hier zu Ende, wir haben unser Heim so gut wie geräumt und viele Gefährten der letzten Jahre haben uns inzwischen verlassen, um eigene neue Wege zu gehen. Valerian ist zu seiner Expedition aufgebrochen, Raaga wird irgendwo in Skellige unterwegs sein und auch wir machen uns demnächst auf den Weg in die Leuenmark. Das ist wirklich das Ende eines Kapitels!“ Heskor trank einen Schluck und betrachtete den Honigwein in seinem Kelch, bevor er ebenfalls anfing zu philosophieren „und gleichzeitig der Anfang einer neuen Geschichte. Ich sehe es wie Valerian und Atheris: Wir sind eine Familie und egal an welchem Ort wir uns befinden, die Wege führen uns wieder zusammen. Diese alte Burg hat ihren Zweck als Heimat und Schule erfüllt und ich für meinen Teil freue mich auf die Leuenmark. Wir haben viele sehr gute Freund dort und ich bin überzeugt davon, dass wir dort die Schule wiederaufbauen werden!“ „Ja, ich freue mich auch auf das Neue, aber es fühlt sich schon so an, als wenn wir die Menschen hier in Solonia im Stich lassen…“ fuhr die Elfe fort. Der Unternehmer Heskor hob die Schultern und erwiderte pragmatisch wie er war: „Fast göttliche Wesen, die den Mond zerbrechen lassen können… Zeitblasen und deren Explosionen, von denen ich nichts verstehe und vieles mehr…“ er schwieg einen Moment „Nein, ich sehe wirklich nicht, wie wir hier noch von Hilfe sein können! Das Unheil zu verhindern haben wir die letzten drei Jahre versucht, und die Situation ist nach jedem unternommenen Schachzug schlimmer geworden. Dass wir alle noch am Leben sind, grenzt an ein Wunder!“ Nella war mit ihren magischen Fähigkeiten eine der Wenigen gewesen, die beim letzten Feldzug noch etwas bewirken konnte, aber auch sie gestand sich ein, dass sie hier und jetzt nicht mehr viel ausrichten konnte. Gerade als die Magierin wieder ihr Wort erheben wollte, wurde die Tür zur großen Halle aufgerissen und ein völlig entkräfteter Raaga stürzte hindurch. Geistesgegenwärtig sprangen Viktor und Atheris von der Bank auf und stürmten die zehn Meter bis zur Tür und schafften es gerade noch ihn aufzufangen, bevor er den Boden unfreiwillig küsste. Während die beiden älteren Hexer ihren Freund stützend zum Tisch führten, hatte Egon einen frischen Humpen Met besorgt, den der Skelliger dankend in einem einzigen großen Zug leerte. Nella war inzwischen hinter den erschöpften Hexer getreten und begann leise einen magischen Spruch zu skandieren, woraufhin ihre Handflächen ein leicht rötliches Licht abstrahlten. Sie legte die Hände an Raagas Schläfen und der Neuankömmling seufzte angenehm auf. Nachdem Nella mit ihrem Wirken geendet hatte, schien der Patient wieder soweit bei Kräften zu sein, dass er anfing zu berichten „Freunde, wir haben ein ernsthaftes Problem.“

Kapitel 2 - Unerwartete Wege

Ein Tag früher am Rande der Schwertau, Solonia

Die Wintersonne war inzwischen seit einer ganzen Weile untergegangen und der Wind fegte hörbar um die Taverne, in der sich Raaga für die Nacht niedergelassen hatte. Er saß alleine in einer Ecke des geräumigen Schankraums, hatte die Füße auf einen zweiten Stuhl hochgelegt und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Humpen. „Hmmmm… was für ein beschissenes Gesöff verkaufen die denn hier als Met!“ grummelte er und nahm zur Sicherheit noch einen großen Schluck hinterher, man konnte sich schließlich auch mal irren. Im Schankraum herrschte ein reges Treiben. Er kannte das aus seiner Heimat, den Skellige-Inseln. Besonders wenn die Winter lange und kalt waren, zog es die Bewohner in die Schenken, um die Wärme und Geselligkeit der Gemeinschaft zu suchen. Eigentlich wollte er schon seit Wochen in seiner alten Heimat sein, um einigen privaten Angelegenheiten nachzugehen, aber es kam anders als erwartet. Ein lukrativer Auftrag hatte ihn in der Schwert-Au gehalten und es war ihm erst heute Morgen gelungen, dem Biest ein Ende zu bereiten. Es war sein bisher härtester Kampf gewesen. Das Ungeheuer hatte sich mit allem gewehrt, was es aufzubieten hatte, aber letztendlich hatte seine scharfe Silberaxt sein Ziel gefunden und es erledigt. Nun lag seine Trophäe neben ihm in der Ecke und morgen früh würde er für sie eine stattliche Summe Gold erhalten. Sein Blick wanderte zum stinkenden, triefenden Bündel, bei dem man, mit ein wenig Fantasie, die Umrisse des Basiliskenkopfes darin erahnen konnte. Raaga richtete seine Aufmerksamkeit zurück auf die Leute im Schankraum. Die Stimmung im Raum war bedrückend, die Welt Solonia mit ihrem gespaltenen Mond war dem Untergang geweiht und die Bewohner wussten es. Zwei Bauern, die sich einige Tische entfernt unterhielten, erregten sein Interesse. Die beiden schienen ihn immer wieder zu beobachten und sich über ihn zu unterhalten. Offensichtlich hatten die beiden zwar was von Hexern gehört, aber nichts von ihren guten Sinnen und somit ahnten sie nicht, dass er die beiden teilweise verstehen konnte. „…sie lagern hier ganz in der Nähe! Wir sollten uns anschließen!“ sagte der schwarzhaarige Jüngling mit dem Lockenkopf. „Sie versprechen einen Ausweg! Einen Weg unser aller Leben zu retten! Lass es uns tun!“ erwiderte der Zweite. Die beiden tranken sich noch etwas Mut an und verließen die Taverne. Raaga zögerte einen Moment „Verdammt, was mach ich hier eigentlich!“ fluchte er, schnappte sich seine Sachen, schnippte eine kullernde Silbermünze auf den Tisch und folgte den beiden in die Nacht hinaus.

Er sah wie die beiden über den schneebedeckten Marktplatz des kleinen Dorfes schlenderten, dann in eine Seitengasse abbogen und schließlich die Dorfgrenze überschritten. Ihr Weg führte sie durch ein kleines Wäldchen, über eine Brücke, die über den teilweise zugefrorenen Fluss ragte, hinaus auf die Felder. Raaga war der beste Spurenleser der Greifenhexer und so fiel es im leicht, den beiden mit genügend Abstand und ungesehen durch die Nacht zu folgen. Nach einer Weile sah der Hexer einen breiten Lichtschein hinter einer Anhöhe und als er sich weiter näherte, hörte er tosenden Krach und lautes Stimmengewirr aus der Ferne. „Das müssen ja hunderte sein!“ dachte er sich und schlich von nun an sehr vorsichtig weiter. Er sah, wie die beiden Verfolgten über einen schmalen Pfad die Anhöhe erklommen und aus seinem Sichtfeld verschwanden. Der Skelliger bog vom Pfad ab und kämpfte sich leise durch die dicht bewachsene Böschung nach oben. Die Böschung gab aufgrund des Winters nur bedingt Sichtschutz, aber Raaga rechnete auch nicht mit besonders aufmerksamen Wachen. Schließlich fand er eine geeignete Stelle, die genügend Schutz bot, den Rand der Anhöhe zu observieren. Von seinem kleinen Versteck aus erblickte er ein riesiges Heerlager - wobei ‚Heerlager‘ der falsche Ausdruck war, verbesserte Raaga seinen eigenen Gedankengang. Für ein Militärlager herrschte hier zu viel Chaos, lediglich im Zentrum konnte der Hexer eine gewisse Grundordnung erkennen. Seine Sinne hatten ihn nicht getäuscht: Grob überschlagen sah er an die hundert Zelte und ein Vielfaches an Menschen. In der Mitte des Lagers war ein größerer freier Platz, in dessen Mitte ein großes Lagerfeuer brannte. Hier auf dem zentralen Platz hatte sich ein Großteil der Menschen versammelt; sie trugen lange weiße Roben, die mit einem zerbrochenen roten Vollmond bemalt waren. Auf dem Kopf trugen sie ebenfalls weiße Gugeln, die so tief ins Gesicht gezogen waren, dass man ihre Gesichter nicht erkennen konnte, bei einigen sah es danach aus, dass sie extra Sehschlitze in den Stoff geschnitten hatten. Auf einem Podest stand ein Mann in roter Robe und einem langen rötlichen Vollbart. Er wirkte in Verbindung mit dem flackernden Lichtschein des Lagerfeuers sehr bedrohlich. Dieser Bärtige sprach im lauten, hetzerischen Tonfall zu seinen Anhängern:“… seitdem der unselige, verstorbene König Gernot diesen Bastarden ein Lehen überlassen hat, haben die Probleme in Solonia erst begonnen! Untote Drachen, Dämonenbeschwörungen, adoptierte, betrunkene Trolle, die wahllose Züchtung tollwütiger Wildtiere, ausländische Besatzungsarmeen und Lichtelfen! Selbst die Orks befinden sich auf der Flucht! Der Ursprung allen Übels liegt nicht mehr weit von hier! Ich sage euch meine Brüder! Lasst uns zu ihrer Burg ziehen und sie ein für alle Male ausrotten! Die Götter werden uns ob dieses Dienstes gnädig sein und unsere Welt verschonen!“ die Vorwürfe gingen noch weiter und Raaga musste immer wieder verwundert den Kopfschütteln. Er war dabei gewesen, als die Greifenhexer zum ersten Mal nach Solonia gekommen waren und er hatte die meisten Ereignisse, die nun gegen die Hexer gerichtet wurden, selbst miterlebt. Die Greifen waren während der ganzen Krisen in den letzten Jahren immer an vorderster Frontlinie gestanden und hatten viel bluten müssen, um die Bewohner der Welt zu schützen und nun wurde von diesem Blender alles gegen sie verwendet. Raaga kochte innerlich vor Wut, aber er schaffte seine Emotionen unter Kontrolle zu halten und hörte der Brandrede weiter zu „… Alle neuen Brüder, die sich uns heute angeschlossen haben: Bewaffnet euch, wir ziehen morgen weiter!“ Der Fanatiker sprach noch ein paar weitere Plattitüden, bevor er das Zentrum des Lagers unter tosendem Applaus und lautem Geschrei verließ. Er lief einmal um das Feuer, ließ sich ausgiebig feiern und zog sich schließlich mit einigen Männern und Frauen in ein großes Zelt zurückzog, vor dem zwei Wachen standen. „Die haben sie doch nicht mehr alle!“ grummelte Raaga geschockt, nachdem er die Worte vernommen hatte. Er lag noch eine ganze Weile in seinem Versteck und versuchte, so viele Informationen wie möglich zu sammeln, die für die Greifen relevant werden könnten: Mannstärke, Bewaffnung, Belagerungsgerät, Vorräte und vieles mehr. Unerwartet tat sich ihm auf einmal eine günstige Gelegenheit auf, als einer der Fanatiker sich seiner Position näherte, um auszutreten. Als der Mann seine Hose öffnete, schlich sich der Hexer in einem kurzen Bogen hinter ihn und setzte ihm sein gezücktes Jagdmesser an den Hals. „Da habe ich dich wohl mit runtergelassenen Hosen erwischt! Ist dir etwa kalt? Scheint heute nicht mehr dein Tag zu werden!“ flüsterte Raaga dem Fanatiker ins Ohr. Mit einem kräftigen Schlag auf den Hinterkopf schickte er diesen ins Land der Träume. Raaga fesselte den Bewusstlosen und versteckte ihn. Der Hexer betrachtete das Gesicht des jungen Mannes, er war keine zwanzig Jahre alt, seine Mine wirkte friedlich. „Verdammter Fanatismus!“ fluchte Raaga, und packte den Mann in seinen Schlafsack, damit dieser nicht über Nacht erfrieren würde. Wenig später marschierte der Hexer durch das Lager, die erbeutete Gugel hatte er tief ins Gesicht gezogen und die weiße Robe verdeckte sein Stahlschwert, das er vor sich auf den Bauch gebunden hatte. Nicht, dass Raaga damit rechnete aufgrund seiner markanten Gesichtszüge oder seines blonden Bartes erkannt zu werden, aber wegen seiner katzenartigen Augen. Mit seiner langen Axt in der Hand wanderte er langsam durch das Lager, blieb bei manchen Grüppchen stehen und lauschte den Gesprächen. Es gab so viel Hass unter ihnen und alles fokussierte sich auf Kaer Iwhaell und die dort lebenden Hexer. Endlich stand er vor seinem eigentlichen Ziel, dem großen Zelt im Zentrum des Lagers, in dem der vermeintliche Anführer verschwunden war. Vor dem Eingang standen immer noch zwei Wachen. Er schlenderte unauffällig zum Eingang und stellte sich neben eine der Wachen und wirkte das ‚Axii‘-Zeichen. Mit diesem Zauber beeinflusste er den Verstand des Wachmanns, bevor Raaga ihm mit freundschaftlichen Tonfall begrüßte: „Hol dir ein Bier, mein Bruder. Ich werde solange für dich hier die Stellung halten!“ Mit einem wohlwollenden Nicken schritt der Fanatiker davon, auf der Jagd nach etwas ‚Gutem‘ zu Trinken. Als Raaga an die nun freigewordene Stelle trat, musterte der zweite Mann vor dem Zelt den Neuankömmling. Zum Glück trug der Hexer nicht wie die meisten seiner Gefährten zwei ikonische Schwerter auf dem Rücken, sondern bevorzugte seine Silberaxt zusätzlich zu dem Stahlschwert. „Schönes Stück trägst du da bei dir, mein Bruder!“ sprach der Fanatiker nach einem kurzen Moment und zeigte auf die Axt. „Danke, … Bruder. Ich kann es kaum erwarten, das gute Stück in die Köpfe der Bastarde zu versenken!“ antwortete Raaga, spuckte auf den Boden und versuchte dabei so angewidert wie möglich zu klingen. In seiner neuen Position stand er lange Zeit ruhig vor dem Zelt und richtete seine Aufmerksamkeit auf das, was er vom Inneren des Zeltes vernahm. Viel konnte er trotz seiner guten Sinne nicht vernehmen, aber er hörte immer wieder die Worte ‚Isador‘, ‚Maske‘ und ‚unvorstellbare Macht‘. Bei den Worten verzog Raaga das Gesicht, er hasste den bösartigen Magier Isador und viel schlimmer war, dass diese Fanatiker oder zumindest ihre Führung von dem Artefakt wussten, das sich seit einigen Wochen in der Verwahrung der Greifenhexer befand. Er musste so schnell wie möglich zu Valerian gelangen und seinen Ziehvater vor der Bedrohung warnen. Endlich kehrte der Wachmann von seinen ein, zwei oder vielleicht auch drei Getränken zurück. Als er an Raagas Seite trat, konnte dieser eine deutliche Alkoholfahne wahrnehmen. Der Hexer nickte dem Mann kurz zu und schlenderte ruhig und lässigen Schrittes aus dem Lager. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte er endlich den Rand des Lagers, seine Schritte beschleunigten immer mehr und als er sich sicher war, dass er außer Sicht war, warf er die Gugel und die Robe hinter einen Busch und begann zu rennen.

Als die Wintersonne über der Schwert-Au aufging und die verschneite Welt in einen Winterzauber verwandelte, entdeckten zwei Fanatiker beim morgendlichen Austreten einen ihrer Brüder. Er lag bewusstlos, und gut in einen Schlafsack verpackt, in einem Gebüsch. Aus dem neben ihm stehenden, blutigen Sack kam ihnen ein übelriechender Gestank entgegen und mit etwas Fantasie, konnte man die Umrisse eines Basiliskenkopfes erahnen.

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Kapitel 3 – Es beginnt

Wieder in der Gegenwart, Greifenburg Kaer Iwhaell, Solonia Raaga rang nach Luft, außer Atem nach seinem Dauerlauf zur Burg: „Ich bin vor einem Tag auf eine Gruppe von Fanatikern gestoßen und sie haben nur ein Ziel - uns!“ „Var'oom? Ich meine ‚warum‘?“ fragte Atheris, dessen Laune sich schlagartig verdüstert hatte. „Sie geben uns die Schuld an den Ereignissen in den letzten Jahren! Mit unserem Eintreffen hat der Niedergang Solonias begonnen und sie verbreiten die Ansicht, dass, wenn sie uns auslöschen, die Götter das Unheil abwenden werden!“ „Je extremer die Situation, desto leichter lassen sich die Menschen durch so einen Blödsinn beeinflussen!“ schimpfte der sonst stille Viktor. „Was machen wir jetzt?“ fragte Logan. „Wir sollten einen Boten Valerian hinterhersenden, er sollte unterrichtet werden! Raaga, wieviel Zeit bleibt uns schätzungsweise noch, bevor die Fanatiker hier eintreffen?“ fragte Atheris. Raaga überlegte einen kurzen Moment und schätze, dass eine entsendete Vorhut aus Reitern innerhalb weniger Stunden eintreffen könnte. Nach einer kurzen, aber intensiven Diskussion über ihre Lage, waren sich die Hexer einig, dass eine sofortige Evakuierung der Burg die einzige sinnvolle Lösung war. Egon und Logan liefen daraufhin los und trommelten die Dorfbewohner erneut zusammen. Sie mussten über die Gefahr informiert werden. Nathan, einer der beiden Stallburschen wurde Valerian hinterhergeschickt und die Hexer begannen noch in der Nacht mit dem finalen Auszug aus Kaer Iwhaell.

Die ganze Nacht über herrschte reges Treiben in der Burg. Vier vollbeladene Ochsenkarren verließen im Morgengrauen die Burg, drei weitere standen noch im Innenhof und wurden in Eile beladen. Atheris hatte seinen schwarzen Hengst Ker'zaer bereits fertig gesattelt und prüfte den Sitz der Satteltaschen. Logan und Egon waren noch im Hauptgebäude und liefen ein letztes Mal die Räumlichkeiten ab, um zu prüfen, ob etwas Wichtiges vergessen worden war. Die Magierin Nella instruierte gerade noch zwei kräftige Kerle, die dabei waren, eine schwere Kiste aus Valerians Labor auf einen der Wagen zu hieven. Die verpackten Gläser darin klimperten und klirrten aufgeregt. Heskor verstaute den letzten Rest seiner Handelswaren auf dem zweiten Wagen und Viktor stand seit Stunden oben auf dem alten Bergfried von Kaer Iwhaell und hielt Ausschau nach den Fanatikern. Lediglich Raaga hatte sich für einige Stunden zum Schlafen hingelegt. Es war eine heftige Diskussion gewesen, da er sich störrisch geweigert hatte sich auszuruhen. Letztlich war es Nella, die es geschafft hatte, ihn zur Vernunft zu bringen. Es würde nicht mehr lange dauern und sie würden sich auf den Weg zum großen Hafen in der Elfen-Au machen, um diese Welt für immer zu verlassen. Es war Viktors lauter Schrei, der sie alle aufschrecken ließ

„Sichtung! Eine Gruppe von fünfzehn Reitern kommt auf uns zu!“ Die anderen Hexer rannten zur Burgmauer neben dem Haupttor und mussten mit ansehen, wie die Reiter über die vier Ochsenkarren herfielen, die vor wenigen Augenblicken Kaer Iwhaell verlassen hatten. Die Fahrer wurden brutal massakriert und die wertvolle Ladung in Brand gesteckt. Einige Dorfbewohner, die nichts mit der Evakuierung der Burg zu tun hatten, kamen schreiend aus ihren Häusern gerannt und liefen auf das noch offene Burgtor zu, um sich in die vermeintliche Sicherheit der Mauern zu bringen. „Nein! Diese verdammten Bastarde!“ schrie Logan und zog in einer fließenden Bewegung sein Schwert. Atheris war inzwischen in den Innenhof gesprungen, schwang sich gekonnt auf sein Streitross und preschte im gestreckten Galopp durch das offene Burgtor. Mit gezogenen Stahlschwert ritt er die enge gepflasterte Straße hinunter, vorbei an den flüchtenden Bewohnern und erreichte nur wenige Augenblicke vor den Angreifern die Dorfgrenze. Dort zügelte der nilfgaarder Hexer sein Pferd und wartete. Die Fanatiker verlangsamten ihr Tempo und versuchten die neue Situation einzuschätzen. Einen Moment betrachtete die Gruppe den in schwarz-gold gerüsteten Reiter, der sich ihnen in den Weg gestellt hatte. Die goldene Sonne des Kaiserreichs Nilfgaard, die auf seiner Rüstung angebracht war, strahlte passend in der nun aufgegangenen Morgensonne und die scharfe Stahlklinge in seiner Hand erschien wie ein Versprechen Atheris‘. Nach einer kurzen Absprache lösten sich vier Reiter aus der Gruppe der Fanatiker und bildeten eine lose Formation. Atheris beobachtete ruhig, wie sich die Vier im schnellen Galopp auf ihn zubewegten. Seine langjährige Erfahrung in der kaiserlichen Armee ließ ihn erkennen, dass diese Reiter keine erfahrenen Kavalleristen waren. Im Galopp standen drei von ihnen in ihren Steigbügeln und nur einer von ihnen war in der Lage, den Schwung seines Pferdes im Sattel auszusitzen. Ihre Zügel hielten sie krampfhaft in der einen Hand, während sie in der anderen ihre gezogene Waffe schwangen. Ein kampferprobter Reiter musste in der Lage sein, bei hoher Geschwindigkeit sicher im Sattel zu sitzen und die Besten von ihnen steuerten ihr Pferde im Kampf nicht mit den Zügeln, sondern mit dem Druck ihrer Unterschenkel, zu leicht konnte es in der Schlacht passieren, dass man durch wildes Gezerre an den Zügeln die Kontrolle über das Reittier verlor und im schlimmsten Fall abgeworfen wurde. Atheris ließ seinen schwarzen Hengst steigen und wild mit den Vorderhufen auskeilen, bevor er mit einem lauten „Se'ege na tuvean!“ seinem Ross die Sporen gab und frontal auf die gegnerische Formation losstürmte.

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Sein einfaches Einschüchterungsmanöver zeigte Wirkung, die Fanatiker zögerten für einen Moment und waren sich ihrer selber nicht mehr so sicher. Atheris nutzte ihr zögerliches Verhalten und brach zwischen den beiden mittleren Reitern durch die Formation. Mit einem sauberen Mittelhau durchtrennte er dem Reiter rechts von ihm die Kehle und da die Formation alles andere als sauber geritten war, hatte er sogar noch die Zeit den Schwung seines Streiches in einen Stich über seine linke Schulter enden zu lassen und damit den Fanatiker links von ihm in dessen Blöße zu treffen. Beide Gegner landeten tödlich getroffen auf dem Boden. Atheris ließ Ker'zaer eine Wendung um die Hinterhand aus dem vollen Galopp vollführen und in die gegenläufige Richtung wieder angaloppieren. Durch dieses Wendemanöver brachte sich der Hexer hinter die beiden verbliebenen Angreifer und setzte ihnen nach. Die beiden Fanatiker waren einen weiten Bogen geritten, um ihn erneut zu stellen. Das kostete Zeit und durch die Kehrtwende konnte sich Atheris sein nächstes Ziel in aller Ruhe aussuchen. Für Ker’zaer, das edle Streitross aus Toussaint, war es ein leichtes die beiden anderen Tiere einzuholen und obwohl die Verfolgten mit Hacken versuchten den Hexer loszuwerden, schafften sie es nicht. „Nicht mal einfache Galoppwechsel haben diese Anfänger drauf“, dachte sich Atheris und setzt sich von hinten zwischen die beiden Fanatiker und mit einem präzisen Stich von hinten holte er den Rechten der beiden aus dem Sattel. Der Linke versuchte mit einem Rückhandschlag den Hexer zu treffen, der band aber den Hau mit seinem Parier, ergriff dessen Handgelenk und zog ihn mit einem kräftigen Ruck vom Pferderücken. Mit einem hörbaren Knacken landete dieser auf dem schneebedeckten Boden. Der Nilfgaarder blickte sich zu den übrigen Reitern um, offensichtlich hatten sie kein Interesse, es ihren Kameraden gleich zu tun. Im versammelten Galopp ritt Atheris im Triumph zurück zur Dorfgrenze und platzierte sich wieder an der Ausgangsposition. Dort ließ er gekonnt seinen Hengst auf der Stelle tänzeln. „Glaeddyvan vort! Lasst die Schwerter fallen und kehrt zurück zu euren Familien! Ihr werdet Solonia nicht retten können, indem ihr unsere Burg angreift. Hier wartet nur der Tod auf Euch, Aen Ard Feainn!“ schrie Atheris ihnen zu, machte kehrt und ritt im leichten Galopp zurück zur Burg. Dort angelangt empfing ihn Raaga mit den Worten „Meine Fresse, Atheris! Was ist in dich gefahren! “ „Ich habe fast mein ganzes Leben in der kaiserlichen Armee Nilfgaards gedient. Diese Reiter dort sind jeder für sich keine sonderlich große Gefahr! Für sie ist ein Pferd ein Transportmittel und keine Waffe! Die waren ja schon mit einem einfachen Frontalangriff überfordert!“ verteidigte Atheris sein Handeln, „und außerdem habe ich so den Dorfbewohnern etwas Zeit verschaffen können“, fuhr er fort. „Was machen wir jetzt?“ fragte Logan in die inzwischen versammelte Runde. Die Blicke richteten sich auf Raaga, er war der ranghöchste Greifenhexer und die rechte Hand von Valerian. Er war diese Rolle sichtlich noch nicht gewohnt, aber in Stresssituationen trotzdem immer fähig, entschieden zu handeln. Der Skelliger blickte zur Dorfgrenze, dort verweilten die übriggebliebenen Fanatiker und schienen auf etwas zu warten. „Wenn eine erste Vorhut bereits hier ist, bezweifle ich, dass wir es mit den übrigen Ochsenkarren bis zum Hafen schaffen. Ich hatte gehofft wir hätten mehr Zeit, aber sie scheinen sich ziemlich beeilt zu haben... Was haben wir denn noch für Möglichkeiten?“ erfasste Raaga die Situation. Es entbrannte eine hitzige, aber sachliche Diskussion in der klar wurde, dass eine Belagerung spätestens mit dem Eintreffen der von Raaga beschriebenen Hauptstreitmacht der Fanatiker zu ihren Ungunsten enden würde. Dementsprechend blieb ihnen nur die Flucht, die Frage war nur wie? Die Dorfbewohner Treuhalls waren allesamt in die Burg geflüchtet und die Hexer konnten sie nicht einfach im Stich lassen, nicht nachdem sie sehen mussten, was mit den Fahrern der Ochsenkarren passiert ist. Es gab einen schmalen versteckten Pfad, der vom alten Teil Kaer Iwhaells den Burghügel hinunterführte in ein kleines Waldstück. Dort gab es ein kleines Höhlensystem, in dem die Einwohner ausharren konnten. Das Problem war aber, dass die Bewohner nur dann eine realistische Möglichkeit hatten unentdeckt zu bleiben, wenn die Fanatiker nicht nach ihnen suchen würden und das war der Fall, wenn die Hexer tot oder sichtbar entkommen würden. „Wir können versuchen, die Portalsteine meines Schülers Lennox zu verwenden!“ meldete sich die Magierin Nella zu Wort. „Wenn ich es schaffe, die Steine richtig anzuordnen, bringen sie uns in seine Heimat und wir wären in Sicherheit. Problem ist aber, dass ich erstmal die versiegelte Kiste mit den Steinen aufbekommen muss und anschließend die korrekte Anordnung aus seinen Notizen herausfinden muss. Außerdem lässt das arkane Potential der Steine nur eine begrenzte Anzahl von reisenden Personen zu. Die Ochsenkarren müssen wir zurücklassen!“ fuhr die Elfe fort und ihre süßen Spitzöhrchen wippten aufgeregt beim Reden. „In Ordnung, dann beginne du mit deiner Arbeit.“ sagte Raaga. „Das Portal sollten wir im Innenhof des alten Burgteils aufstellen, diesen können wir mit unserer geringen Zahl am längsten halten.“ ergänzte Atheris. Die Greifen begannen mit der Vorbereitung für das letzte Gefecht um Kaer Iwhaell.

Einige Stunden vorher auf dem Weg in Richtung Elfen-Au

Valerian, Volmar und Charlotte ritten gemütlich die Hauptstraße entlang. Den Mantel eng um seine breiten Schultern geschlungen, saß der alte Hexer gedankenverloren tief in seinem Sattel. „Aaaach…wenn mein alter Meister Heswinn mich so sehen könnte…oder Erland, oder der alte Keldar… die würden den Kopf schütteln. Ich bin nicht mal ein Schatten ihrer damaligen Größe. Ob ich es jemals zu deren Meisterschaft als Großmeister bringen werde? Ich hätte mir nie erträumen lassen, dass das Schicksaal der Greifenschule von mir als ihrem Ältesten abhängt! Was ist, wenn ich versagen sollte? Was wird dann aus meinen Schülern? Was ist, wenn mir etwas zustoßen sollte? Der Großteil des alten Wissens der Greifen würde verloren gehen...“ Die Geräusche eines sich schnell nähernden Reiters rissen Valerian aus seinen Gedanken. Er drehte sich zeitgleich mit Volmar im Sattel um und blickte aufmerksam zurück. „Was ist los?“ fragte Charlotte, deren Sinne nicht mit denen der Mutanten mithalten konnten. „Ein Reiter, der sich uns schnell nähert!“ antwortete Volmar. „Es ist Nathan, mein Stallknecht! Was macht der hier!?“ Valerian ließ seine Stute Brunhild wenden und galoppierte seinem Bediensteten entgegen. Als der alte Hexer den jungen Mann erreichte, erkannte er die Pfeilspitze, die aus dessen Schulter ragte. Valerian zügelte sein Pferd, stieg ab und holte den Knecht vorsichtig aus dem Sattel und legte ihn auf den Boden. Nathan hatte viel Blut verloren und die Wunde musste dringend versorgt werden. „Meister Valerian!“ stammelte der Jüngling „Kaer Iwhaell wird von Fanatikern angegriffen. Sie geben uns die Schuld an dem furchtbaren Schicksal Solonias!“ stammelte der Verwundete. Valerians katzenartige Augen weiteten sich. „Ich danke dir Nathan für das Überbringen der Nachricht. Kennst du den Plan meiner Schüler?“ fragte der alte Hexer. „Als ich aufgebrochen bin, war der Plan, die Burg vorzeitig zu evakuieren, man wollte es nicht auf einen Kampf ankommen lassen!“ antwortete der Jüngling. „Volmar…Charlotte, könnt ihr euch bitte um Nathans Verletzung kümmern...?“ Valerian blickte angespannt zu seinen Begleitern. „… Valerian, zieh endlich los!“ Volmar und Charlotte nickten dem alten Hexer zu. Dieser sprang in einer fließenden Bewegung auf seine Schimmelstute und gab ihr die Sporen.

Kapitel 5 – Das letzte Gefecht um Kaer Iwhaell

Greifenburg Kaer Iwhaell, Solonia

Den ganzen Vormittag über trafen immer wieder kleinere Gruppen der Fanatiker auf den offenen Feldern vor dem Dorf Treuhall ein. „Ich zähle inzwischen dreiundsiebzig von ihnen!“ erstatte Egon an Raaga Bericht. Die Hexer gingen davon aus, dass es sich bei diesen Einheiten um eine Vorhut handelte, die alle Wege zu Kaer Iwhaell patrouilliert hatten, um eine Flucht der Hexer zu verhindern. Wie viele der Ochsenkarren in Richtung Elfenau in ihre Hände gefallen waren, mochte sich keiner auf der Burg ausmalen. Atheris und Raaga standen oben auf dem alten Bergfried und betrachteten die Situation. Kaer Iwhaell lag auf einer Anhöhe direkt hinter dem Dorf Treuhall. Der einzige befestigte Weg zur Burg führte durch die enge, gepflasterte Dorfstraße direkt zum Haupttor. Der Fluchtweg, den die Dorfbewohner genommen hatten, lag auf der gegenüber liegenden Seite des Haupteingangs und dürfte keinem der Angreifer bekannt sein. Trotzdem hatten sie einen freiwilligen Mann aus dem Dorf am Eingang positioniert, um die Hexer zu warnen, sollten sich doch Angreifer von hinten nähern. Ein dritter Weg führte durch einen Bergwald zum Haupttor. Dieser Weg eignete sich aufgrund des Gefälles aber nicht für schweres Belagerungsgerät. Atheris vermutete, dass die Fanatiker das Haupttor direkt angreifen würden, so wie es vor zwei Jahren das Expeditionscorps der verhassten Redanier getan hatte. Damals standen viele Verbündete den Greifen zur Seite und es war schon eine schier unmögliche Aufgabe, das Tor zu halten. Jetzt standen die Hexer ohne Verstärkung da und zusätzlich hatten sie auch noch Mitstreiter von damals verloren. Lediglich ein Dutzend junger Männer aus dem Dorf hatten sich Waffen besorgt und waren bereit, die Burg zu verteidigen. „Unser letztes Gefecht werden wir wohl am Eingang zum alten Burgteil führen.“ sagte Atheris und zeigte auf die Treppe und den anschließenden Torbogen zum alten Teil der Innenburg Kaer Iwhaells auf einer Anhöhe, innerhalb der äußeren Burgmauern. Der Innenteil bestand aus einer Burgruine, aus alten, wehrhafteren Tagen in Solonia. Die Ruine hatte keine Dächer mehr, aber die Mauern waren dick und stabil und der alte Bergfried, der ebenfalls zur Innenburg gehörte, war wunderbar geeignet, den Innenhof mit tödlichen Pfeilen einzudecken. Hinter dem Torbogen zu Füßen des Bergfrieds war Nella dabei, das Portal auf dem schneebedeckten Hof zu errichten.

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Zeichnung: Kaer Iwhaell im Herbst 1279

„Es ist, wie du es beschrieben hast Raaga, ein wild zusammengewürfelter Haufen. Ich sehe kaum Struktur in ihrem Aufmarsch! Siehst du die mit den Schilden im Zentrum? Das sind vermutlich die einzigen Söldner auf dem Feld!“ Atheris zeigte auf eine Formation mit zwanzig schwer bewaffneten Männern. Raaga brummte zustimmend. „Unser Vorteil ist, dass sie uns nicht einfach von allen Seiten angreifen können.“ fuhr Atheris fort. „Wenn sie wüssten wie wenige wir sind, hätten sie uns schon längst angegriffen und überrannt. Vielleicht kennen sie die Geschichte mit der redanischen Belagerung vor zwei Jahren?“ beendete der nilfgaarder Hexer seine Ausführung.

Nella hatte die magisch versiegelte Kiste mit den acht Portalsteinen geöffnet. Die richtige Anordnung machte ihr zu schaffen: Es gab zu viele Kombinationsmöglichkeiten der acht Steine und jede Falsche konnte beim Versuch, das Portal zu nutzen, in einem totalen Desaster enden. Sie überschlug die Anzahl stochastischer Optionen… achtmal der mathematische Operator Fakultät … Ihr rann eine Schweißperle über das sonst so stoische Elfengesicht „…vierzigtausenddreihundertzwanzig Permutationen.“ Die Notizen, die ihr Schüler Lennox hinterlassen hatte, waren noch nicht fertiggestellt. Immerhin wurde die Kombination der ersten fünf Steine beschrieben. Somit musste sie nur die korrekte Anordnung der letzten drei Steine selber analytisch kombinieren, was dann wesentlich weniger Permutationen bedeutete. Als Raaga zu ihr hinunterkam und sich nach dem Stand des Portals erkundigte, antwortete die Magierin zuversichtlich „ich brauche nicht mehr lange, wir können das notwendige Gepäck bereits im Steinkreis platzieren!“ der Hexer brummte.

Atheris, der inzwischen ebenfalls den Bergfried verlassen hatte, gesellte sich zu den beiden. „Ich werde zu den Verrückten da draußen reiten und versuchen zu verhandeln. Ich glaube zwar nicht, dass es inhaltlich etwas bringen wird, aber zumindest könnte es uns etwas zusätzliche Zeit verschaffen. Valerian würde sicher auch so handeln!“ informierte er seine Freunde. „Atheris, bei aller Liebe zur Diplomatie, das hier sind Fanatiker, die sind doch nicht mehr klar in der Birne, was willst du mit denen verhandeln?“ fragte Raaga auf seine typisch rohe Art. „Ich war dabei, als Valerian mit den Kodros-Barbaren der Leuenmark verhandelt hat, es hatte damals ebenfalls nichts gebracht, aber ihre Anführer waren für eine gute Stunde mit uns beschäftigt und wir konnten einige Informationen gewinnen!“ entgegnete Atheris. „Also gut, mach was du nicht lassen kannst, aber bleibe wenigstens so weit weg von deren Angriffslinie, dass du noch fliehen kannst!“ stimmte Raaga zu. Atheris ging in den großen Innenhof des neuen Burgteils, nahm sich eine alte Lanze von der Wand der Rüstkammer, befestigte ein weißes Tuch an dessen Spitze und ging zu seinem treuen Ross.

Valerian hatte in einem Gewaltritt die Strecke zur Burg zurückgelegt. Von seiner Position aus hatte er einen guten Überblick über die Lage auf den Feldern vor Kaer Iwhaell. „Verdammt, dass sieht nicht gut aus!“ schimpfte er und ritt weiter auf die Feinde zu. Es dauerte nicht lange, bis er von den Fanatikern erblickt wurde. Kurz darauf löste sich eine Gruppe von zwölf Reitern, die ihm entgegenkam. Die Hände als Geste der Friedfertigkeit erhoben, ließ er sich von den Reitern einkesseln. „Mein Name ist Valerian ‚Draugr‘ von Novigrad, Meister der Greifenhexer und Herr der Burg von König Gernots Gnaden, die ihr im Begriff seid anzugreifen. Ich will mit eurem Anführer verhandeln!“ Die Reiter blickten sich kurz enttäuscht an, bevor der älteste von ihnen antwortete „Folge uns!“ In Formation ritten sie ins Zentrum der kleinen Armee auf den Feldern vor Treuhall. Valerian war gerade dabei sich zu fragen, warum ihn keiner aufgefordert hatte, seine Waffen niederzulegen und erwartete kühn das Schlimmste für sich, in der Hoffnung seinen Schülern Zeit zu verschaffen oder mit seinem Opfer den rasenden Zorn der Wilden zu besänftigen - als ihn ein harter Schlag an der Schläfe traf und er träge aus dem Sattel kippte. Das dumpfe Geräusch seines eigenen Aufpralls auf dem frostigen Boden hat er in seiner Bewusstlosigkeit nicht mehr gehört.

Atheris war gerade dabei, sich in seinen Sattel zu schwingen, als Viktor oben vom Bergfried rief: „Es tut sich was, sie haben Holz auf einen Wagen geladen und einen Pfahl aufgestellt! Leute, das sieht aus wie ein Scheiterhaufen!“ Die übrigen Hexer rannten zur Mauer und schauten zur Dorfgrenze. Der fahrbare Scheiterhaufen wurde auf einem Karren fast bis an den Dorfrand geschoben und was sie dann sahen, ließ den Hexern das Blut im Körper erstarren: Eine Gruppe von schwer bewaffneten Soldaten führten einen sichtlich geschlagenen und gefesselten Valerian zum Wagen und ohne eine Gegenwehr vom Alten banden sie ihn an den Pfahl. Ein Mann in einer roten Robe und langem rötlichen Bart trat mit einer Fackel aus der Menge hervor, entzündete sie und begann überraschend laut zu rufen: „Feinde Solonias! Seht her, wir haben euren Meister! Er wird der Erste sein, der zur Besänftigung der Götter beitragen wird! Und ihr werdet ihm in Kürze in die Hölle folgen!“ Mit diesen Worten zündete der Mann den Scheiterhaufen an. „Vaaaater! Nein!!!“ schrie Raaga, blind vor Zorn zog der Skelliger seine silberne Axt vom Rücken, sprang über die Mauer aufs Pflaster der Dorfstraße und rannte in einer unnatürlich hohen Geschwindigkeit die Dorfstraße hinunter zum brennenden Scheiterhaufen, geradewegs auf die Fanatiker zu.

„Was passiert da draußen?“ rief Atheris vom Innenhof hinauf zur Mauer „Es ist Valerian, sie verbrennen ihn auf einem Scheiterhaufen!“ antwortete Logan mit gehetztem Gesichtsausdruck „und Raaga ist losgerannt, um ihn zu befreien!“ fuhr der junge Blondschopf fort. „Öffnet die Tore, schnell!“ befahl Atheris den beiden Männern, die am Haupttor standen und preschte los.

Raaga erreicht im vollen Sprint die erste Reihe der Robenträger, die ihm auf der gepflasterten Dorfstraße im Weg standen. Es waren sechs von ihnen, die mit ihren Speeren auf ihn warteten. Mit dem Zeichen „Aard“ erzeugte der Skelliger eine Druckwelle, welche eine Bresche in die Formation blies und Raaga den Durchbruch ermöglichte. Eine zweite Reihe aus ebenfalls sechs Fanatikern wartete einige Meter dahinter auf ihn. Sie waren ausgestattet mit kleinen Bucklern und Kurzschwertern. Mit einem ordentlichen Hieb zielte er auf den Kopf des vor ihm stehenden Mannes und obwohl dieser die Axt mit seinem Buckler zu blocken versuchte, reichte die Wucht des Hiebes aus, um ihm den Schädel zu spalten. Die beiden neben ihm stehenden Fanatiker gingen nun ebenfalls zum Angriff über: Den ersten Streich, der auf seine Brust zielte, wehrte Raaga mit dem Axtschaft ab und tauchte unter dem zweiten Hieb, der auf seinen Hals zielte, hindurch. In geduckter Haltung legte der Skelliger sein ganzes Gewicht nach vorne und rammte den Mann, der ihn gerade noch enthaupten wollte, mit aller Wucht seine Schulter in die Gegend seiner Leber. Entkräftet landete der Fanatiker auf den Boden, aber Raaga hatte keine Zeit ihm nachzusetzten, die nächsten beiden Schwerter rasten bereits auf ihn zu. Mit einer Rolle zur Seite brachte er sich aus Angriffsreichweite der Schwerter, allerdings bedrohten ihn nun wieder die Speerspitzen der ersten Reihe hinter ihm. Mit einem Abwehrschwung schlug er die Speere beiseite, sprang zwischen die Speerträger und verwandelte ihren Distanzvorteil in ihren tödlichen Nachteil. Mit zwei kurzen ruckartigen Schlägen tötete er zwei von ihnen, bevor ein Dritter ihn von hinten umfasste und ein weiterer versuchte, ihn mit seinem Speer zu durchbohren. Mit dem Hinterkopf brach der Hexer dem Fanatiker hinter sich die Nase, woraufhin dieser seinen Griff lockerte. Dies reichte Raaga, um mit einer halben Körperdrehung dem Speer auszuweichen, so dass dieser den Mann hinter ihm erstach. Zwei weitere Angriffe von Schwertern prasselten auf ihn ein, den ersten Streich konnte er noch mit dem Axt-Blatt parieren, der Zweite erwischte ihn trotz Ausweichmanövers noch am Oberarm. Die Lederrüstung des Hexers verhinderte schlimmere Verletzungen und im Rausche von Kampf und Zorn fühlte Raaga nicht den Schmerz der klaffenden Wunde. Die Fanatiker hatten es geschafft, Raaga zu stellen und von allen Seiten drohten ihm nun bedrohliche Klingen. Gerade als er sich bereit machte zu seiner Verteidigung das Zeichen „Quen“ zu wirken, bahnte sich ein in schwarz-gold gerüsteter Reiter seine Bahn durch die Reihen der Fanatiker. Raaga nutzte die erneute Bresche, die Atheris mit seinem Sturmangriff geschlagen hatte, und setzte erneut seinen Feinden zu.

Valerian versuchte seine Sinne zu sammeln und sich von seinen Fesseln zu befreien, aber er hatte keinen Erfolg. Er erkannte das Brennen des seltenen Metalls an seinen Handgelenken: Die Dimeritiumfesseln an seinen Handgelenken erlaubten ihm, keine magischen Zeichen zu wirken und die Stricke die ihn hielten, gaben keinen Millimeter nach. Der Qualm in seinen Augen ließ seine Sicht verschwimmen, aber er konnte erkennen, wie sein Ziehsohn Raaga mit erhobener Axt in die Front der weißen Roben brach und in jener Wildheit, die einen Skelliger auszeichnete, auf die Schädel seiner Gegner einschlug.

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Keinen Augenblick zu früh durchbrach Atheris die Reihen der Fanatiker neben Raaga. Die Ersten von ihnen konnten dem anstürmenden Nilfgaarder mit einem Sprung zur Seite noch ausweichen, bevor die Lanze Zwei von ihnen durchbohrte. Atheris musste den schweren Spieß fallen lassen und zog in einer flüssigen Bewegung sein Schwert aus der Scheide, die er an der Flanke seines Hengstes befestigt hatte. Von oben ließ er die scharfe Stahlklinge auf die rotweißen Männer niederrasen. Die Zuversicht, Valerian erreichen zu können wich, als sich ihm eine dritte Reihe gepanzerte Schildträger in den Weg stellten und mit langen Speeren nach ihm stachen. Es waren die Söldner, die er mit Raaga ausgemacht hatte. „A d'yaebl aép arse!“ fluchte Atheris, als sein Ansturm vollends zum Erliegen kam und er damit beschäftigt war, sich nicht vom Pferd reißen zu lassen. Es war diesmal Raaga mit seiner Axt, der Atheris in die Bresche gefolgt war und nun neben ihm auftauchte und Tod und Verderben unter die Fanatiker brachte. Es wurden aber immer mehr, und die Schildträger hatten einen Wall geformt und drängten die beiden Hexer vom Wagen weg. Raaga schrie vor Zorn auf, als er merkte, dass sie ihr Ziel aus dem Auge verloren. Auf einmal entfesselte sich um sie herum ein Feuerinferno. Atheris schütze seine Augen vor der Hitze und Ker'zaer geriet in Panik und drohte ihn abzuwerfen. Brennende und verkohlte Körper flogen durch die Luft, und es stank nach Schwefel und verbranntem Fleisch. Dem Nilfgaarder kamen schlagartig Gedanken an die erlebte Schlacht in Sodden in den Sinn, in welcher er vor vielen Jahren ein ähnliches Inferno überlebt hatte. Gerade als er seinen Hengst wieder unter Kontrolle gebracht hatte, sah er einen zweiten riesigen Feuerball über seinen Kopf fliegen und einige Meter weiter in die Reihen der Fanatiker einschlagen. Der Feuersturm wiederholte sich und die Reihen der Feinde gerieten endgültig in Unordnung. Wie Ameisen rannten die Feinde hin und her und Raaga, nutzte die Gelegenheit und versuchte sich seinen Weg, trotz der Flammen zu Valerian zu bahnen. Atheris drehte sich im Sattel um und sah, wie Nella auf der Mauer neben dem Haupttor stand und beide Hände gen Himmel erhoben hatte, ihr Gesicht von Wut und Verzweiflung gezeichnet. Sie formte mit ihren Händen erneut einen Feuerball, ließ diesen mit ihrer Energie anwachsen um ihn schließlich in hohem Bogen fliegen zu lassen.

Der dritte Einschlag war der heftigste. Die Druckwelle warf den Wagen mit dem Scheiterhaufen um. Valerian landete erneut hart auf dem Boden, diesmal aber in höchster Konzentration. Er realisierte schnell, dass der Pfahl gebrochen war und er sich von ihm lösen konnte. Er robbte den Boden entlang und Streifte den Holzpfahl von seinem Rücken ab. Danach brachte er seine mit dem Dimeritium gefesselten Hände über die angezogenen Beine nach vorne, ergriff sich ein kurzes Schwert von einer Leiche neben ihm und schaffte es gerade noch die ersten Angreifer mit dem Falchion gekonnt abzuwehren. Mit dem Wagen im Rücken rückten ihm die Fanatiker immer näher und egal wie viele er tötete, es kam immer ein Neuer nach. Auch wenn die Lage immer noch aussichtslos erschien, stand er wenigstens nicht mehr auf einem brennenden Scheiterhaufen – und Valerian entsann sich an die Lektionen der Greifenschule zur Abwehr mehrerer Gegner. Die Dimeritiumfesseln brannten auf der Haut seiner Handgelenke und der Großmeister der Greifen konzentrierte sich auf den Tanz seiner Klinge. Er beschloss möglichst viele von den Spinnern in den Tod mitzunehmen. „Von Oben!“ grollte ein tiefer Kampfschrei in seiner Nähe und im gleichen Augenblick wurden die beiden Fanatiker vor Valerian durch eine riesige Holzkeule zermalmt. „Alter Mann - gehen jetzt!“ brüllte der der riesige Troll, der auf einmal vor Valerian auftauchte.

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Der Hexer sprang über die ihm dargebotene Hand auf die Schultern des Ungetüms. Es war der Steintroll Effenberg und Talbot, der in den Wäldern nahe der Burg lebte und über die Jahre eine feste Freundschaft zu den Greifen aufgebaut hatte – basierend auf starkem Alkohol, mit dem der Troll bei Laune gehalten wurde. Nie war Valerian glücklicher gewesen ihn zu sehen. Von den Trollschultern aus hatte Valerian einen besseren Blick über die Situation: Sein Blick wanderte zu Raaga und Atheris, die unter starker Bedrängnis versuchten, sich zu ihm durchzuschlagen. Jedoch schlossen sich die Reihen der zuströmenden Fanatiker um die beiden und sie würden nicht mehr lange standhalten können. „Raaga, Atheris! Zieht euch zurück so lange ihr noch könnt! Ich komme hier klar!“ schrie der Meister ihnen zu. „Vaaalleeeriannn! Wir werden Lennox‘ Weg nehmen!“ schrie Atheris über die Köpfe der Feinde hinweg und Valerian gab ihm ein Zeichen, dass er verstanden hatte. Atheris ließ seinen Hengst über die Hinterhand wild dreimal im Kreis drehen und verschaffte sich so etwas Platz. Schnell zog er den Skelliger hoch auf sein Pferd und Raaga wirkte ein letztes „Ard“-Zeichen und die Druckwelle, die er entfachte, ließ sie aus der Umkesselung ausbrechen und die beiden Hexer preschten im gestreckten Galopp die Dorfstraße wieder hinauf zur Burg, dicht gefolgt von den Fanatikern, die jede taktische Disziplin verloren hatten. Oben auf der Mauer hatten Viktor, Logan und Egon angespannt das Geschehen auf dem Feld verfolgt. Viktor hatte die beiden jüngeren Hexer daran gehindert ebenfalls blind die Burg zu verlassen und den letzten Rückzugsort preis zu geben. Jetzt sah das Trio, wie die beiden Freunde die Dorfstraße hoch preschten und sahen den Pulk an Fanatikern die ihnen dicht folgten. „Seht doch nur, dort!“ schrie Logan und zeigte auf die letzte Seitengasse, die keine zwanzig Schritt vor den Burgtoren auf die größere Dorfstraße mündete. Dort hatte sich eine kleine Gruppe von Robenträgern versteckt und hielten eine lange Holzstange bereit. „Verdammt! Mir nach!“ schrie Viktor und setzte über die Mauer. So schnell ihn seine Beine trugen überbrückte er die kurze Strecke zur Gasse und gerade als die Gegner die beiden Flüchtenden mit der Stange zu Fall bringen wollten, schleuderte der langhaarige Hexer seine lange Stahlklinge auf den Ersten von ihnen. Die Klinge durchbohrte die Brust seines Opfers und ließ den Mann vornüber auf die Stange kippen. Dies reichte aus, dass sich der schwarze Hengst über das nun flach am Bodenliegende Hindernis ohne Probleme hinwegsetzten konnte und der Hinterhalt misslang. Viktor zog sein Jagdmesser aus dem Gürtel, duckte sich unter einem Schwerthieb hinweg und versenkte die kurze Klinge zwischen den Rippen des zweiten Angreifers. Ein Dritter Fanatiker wollten ihn von hinten erstechen, aber im letzten Moment wurde dessen Klinge von einer kräftigen Parade zur Seite geschlagen und Logans runder Schwertknauf zertrümmerte mit einem lauten Knacken dessen Gesicht. Viktor zog mit einem Ruck seine geworfene Waffe aus dem leblosen Körper, drehte sich in einer fließenden Bewegung um und sah, wie Egon mit einer Finte die Attacke des vierten Robenträgers ins Leere rauschen ließ und diesen mit zwei rasch ausgeführten Hieben auf Unterarm und Hals humorlos tötete. Den letzten Angreifer nahm sich Logan vor, indem er dem Mann seine rechte Blöße anbot. Als der erwartete Stich des Gegners erfolgte, machte er einen Satz nach links, drehte sich über seine linke Schulter und nutzte den Schwung der Drehung, um mit einem mächtigen Hieb, den Fanatiker den Kopf von den Schultern zu trennen. „Das hättest du aber auch leichter haben können!“ stellte Egon fest, der das Manöver beobachtete hatte. Logan antwortete mit einem schelmischen Grinsen, drehte sich um und rannte so schnell er konnte zurück zum Haupttor, dicht gefolgt von Viktor und Egon. „Feuer frei!“ schrie Atheris, noch bevor die Dorfbewohner das Tor geöffnet hatten. Die zwölf Freiwilligen begannen mit Bögen und Armbrüsten einen tödlichen Hagel aus Pfeilen und Bolzen auf die Fanatiker niederregnen zu lassen und ermöglichten dadurch allen fünf Hexern die sichere Rückkehr in die Burg. Das letzte Gefecht um Kaer Iwhaell hatte endgültig begonnen.

„Alles in Ordnung bei dir Raaga?“ fragte Atheris völlig fertig von dem Ausfall. „Ein paar Kratzer, ich werde es überleben!“ antwortete der Skelliger, während sich dunkle, nasse Flecken auf seinem Rüstwams zeigten und die provisorisch verbundenen Wunde an seinem Arm durchnässte. „Dann auf die Mauer! Es hat gerade erst begonnen!“ lächelte Atheris und sprang die Treppe hinauf zu ihren Freunden. Die Beiden stellten sich zu den anderen Hexern und blickten auf die Feinde, die gegen die Burgmauer brandeten, doch noch hielt das eiserne Tor dem Ansturm halt. „Wo sind Nella und Heskor?“ fragte Atheris, während er sich unter einem zischenden Armbrustbolzen hinwegduckte. „Nella hat nach ihrem dritten Feuerball das Bewusstsein verloren! Heskor hat sie nach hinten in den Bergfried gebracht und versucht ihr zu helfen!“ schrie Logan, während er einem Fanatiker, der es auf die Mauer geschafft hatte, mit einem sauber geführten Hieb die Kehle aufschlitze und ihn mit einem kräftigen Tritt zurück in die Menschenmenge vor der Mauer beförderte. Keiner der Hexer hätte sagen können, wie lange das Massaker bereits dauerte, aber Valerians hartes Training zahlte sich aus, denn jeder, der die Mauer betrat, fand augenblicklich den Tod. Untypisch für den Kampfstil der Greifen verzichteten sie auf die große Fechtkunst, die komplexe Bewegungslehre oder den üblichen Klingentanz – dafür war einfach weder Platz noch Zeit. Es wurden nur kurze, lethale Schläge und Stiche angesetzt auf Venen und Aorten - es war das reinste Morden. Die Situation verschlechterte sich rapide, als die Fanatiker einen improvisierten Rammbock die Dorfstraße hinaufzogen. „Wenn das Tor fällt, ziehen wir uns zum alten Teil der Burg zurück!“ schrie Atheris über das Kampfgetümmel hinweg den anderen zu. „Igni auf mein Zeichen!“ schrie Raaga, als der riesige, angespitzte Baumstamm vor den Toren in Position stand. Raaga und Viktor wirkten gemeinsam das Hexerzeichen mit einer Handgeste, sodass zwei Feuerströme auf die Ramme einwirkten. Die anderen Schüler konnten die Zeichen noch nicht wirken und Atheris war damit beschäftigt, die Lücke, die durch das Fehlen von Raaga und Viktor entstanden, war zu schließen. Von den Flammen erfasst, schrien die Rammenträger und wälzten sich entflammt am Boden, nur um wenige Momente später von anderen Fanatikern ersetzt zu werden. Die Hexer wiederholten das Ganze noch einmal, doch obwohl die Ramme brannte, ließen die Feinde nicht von ihr ab. Mit einem hässlich klingenden metallischen Getöse barst das Tor schließlich und ein rotweißer Strom ergoss sich auf den Innenhof von Kaer Iwhaell. „Rückzug!“ befahl Raaga und die überlebenden Dorfbewohner und die Hexer kletterten und sprangen von der Mauer und sprinteten über den großen Innenhof zum alten Teil der Burg. Der Eingang lag einige Schritt über dem äußeren Hof und nur eine schmale Treppe führte zu ihm hinauf. Hier mussten die Hexer solange Widerstand leisten, bis das Portal einsatzbereit sein würde. Während die überlebenden Männer des Dorfes quer durch den Innenhof der Ruinen liefen und den geheimen Pfad in das Höhlensystem hinter der Burg nahmen verteidigten die Hexer den Zugang zur Innenburg. Da die Treppe nur Platz für zwei Männer nebeneinander bot, rotierten die Verteidiger immer wieder durch, um sich so vereinzelt Verschnaufpausen zu verschaffen. „Uns bleibt nicht mehr viel Zeit! Ich gehe nach hinten und verschaffe mir einen Überblick über die Situation mit dem Portal!“ rief Atheris, schwer keuchend. Der ältere Hexer rannte in den hinteren Teil der Ruine, wo das Portal aufgebaut werden sollte. Auf einen Umhang gebettet lag Nella, neben ihr saß Heskor, der alles versuchte, um sie wieder zu Bewusstsein zu bringen. „Heskor…?“ fragte Atheris und schaute besorgt auf die Elfe und Panik stieg in ihm auf, als er sah, dass die Portalsteine offenkundig nicht fertig angeordnet waren. „Stront! Die letzten drei Steine fehlen immer noch!“ schimpfte Atheris. Er griff das Notizbuch von Lennox, welches neben den drei Portalsteinen lag und öffnete es. „Aha… So so!“ staunte Atheris laut. „Kannst du damit was anfangen, Atheris?“ fragte Heskor überrascht. „Äh, nein! Hier steht etwas, aber ich könnte dir nicht mal sagen, welche Sprache das sein soll! Aber hey, hier gibt es zumindest ein paar Bilder…vielleicht…“ antwortete Atheris, drehte das Buch und seine Skizzen mit fragendem Blick auf den Kopf und fing dabei an, die drei Portalsteine mit den gemalten Bildern und kryptischen Skizzen möglicher Anordnungsmuster abzugleichen. Nur wenige Augenblicke später ertönte ein lauter Schrei vom Eingang des Bergfrieds „Atheris! Wir können sie nicht mehr aufhalten!“ es war Raagas Stimme und es lag verzweifelte Wut in ihr. „… alles klar, gebt mir ein paar Wimpernschläge und zieht euch dann zurück!“ rief Atheris zurück. Heskor schaute den Hexer verdutzt an „Wie? Was? Bist du dir sicher?“ Atheris zuckte nur mit den Schultern „was soll ich denn sonst sagen? Das wir hier nicht wegkommen? Los bring Nella in den Kreis!“ rief Atheris, nahm die Steine, das Büchlein und seinen treuen Hengst und führte diesen in den offenen Steinkreis. Mit einem kurzen Axii-Zeichen beruhigte er das Tier. Der Nilfgaarder setzte zwei der drei Steine in die Kreisformation ein. Dabei orientierte er sich an den Abständen der bisher ausgelegten Steine. Den letzten Stein hielt er in der Hand und der Hexer hoffte inständig, dass dies der Schlüsselstein war. „Achtung Kartätsche!“ hörte man Viktors Schrei und eine kleine Explosion erschütterte den alten Torbogen und Steine prasselten auf den Boden. Durch den dicken Qualm, der durch den Eingang drang, stürmten die vier übel gezeichneten Hexer in Richtung Portal, dicht gefolgt von schwer gerüsteten Fanatikern. Völlig außer Atem erreichten sie den Steinkreis. „Atheris, los!“ schrie Raaga von der anderen Seite. Atheris setzte den vermeintlichen Schlüsselstein ein, doch nichts geschah. „Verdammt! Muss man noch eine Zauberformel sprechen!?“ schimpfte er. Doch gerade als er die Steine wieder versetzten wollte, bildete sich ein bläuliches Feld um sie herum und der Kopf eines Angreifers, der sich gerade auf Egon stürzen wollte, fiel sauber abgetrennt zu Boden in die blaue Säule, die sich um die Greifen gebildet hatte. Blaue Blitze bildeten sich um den Portalkreis und durchzuckten den kleinen Innenhof. Auf einmal verschwamm die Szenerie vor ihnen und einen Augenblick später umhüllte sie absolute Dunkelheit.

Zeitgleich verstärkten sich die blauen Blitze und Funken sprühten vom Portal aus in alle Richtungen des Innenhofs. Die Fanatiker warfen sich vor Panik auf den Boden. Einer der Blitze fand seinen Weg zu einem der vollbeladenen Ochsenkarren, auf dem ein Teil des Labors von Valerian verladen war und fing Feuer. Es dauerte nicht lange bis ein größerer Behälter mit der Aufschrift ‚Serrikanische Mischung‘ in die Luft flog und eine heftige Kettenreaktion mit den anderen alchemistischen Gütern auf dem Karren verursachte. Die heftige Explosion verwüstet einen Großteil von Kaer Iwhaell und ließ den alten Bergfried zusammenbrechen. Außerhalb des Dorfes Treuhall stand ein Mann, in roter Robe gekleidet und lachte erregt, als er beseelt das ewige Feuer der Reinigung im Hort des Bösen erblickte.

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Einige Augenblicke früher, auf den Feldern vor Kaer Iwhaell

Valerian wollte ihnen zunächst auf den Schultern des Trolls zur Burg folgen, aber ein zweiter Schildwall schnitt ihm auf der gepflasterten Dorfstraße den Weg ab. „Zurück zum Wald, mein Freund!“ schrie Valerian und der Troll stampfte in die gewünschte Richtung. Kurz bevor sie den Waldrand erreichten, kam eine Gruppe von Reitern, die mit Seilen und Hacken versuchten, den Troll zu Fall zu bringen. Valerians kurzes Falchion erschlug diejenigen, die er mit der kurzen Klinge vom Trollrücken aus erreichen konnte – aber das reichte nicht. Mit einem lauten ‚Rumms‘ schlug der schwere Leib des Trolls im zertrampelten Schnee auf und der alte Hexer musste sich mit einer gekonnten Sprungrolle retten und befand sich wieder mitten unter den Fanatikern. Der Troll grollte vor Wut, schaffte es aber nicht mehr wegen der Menschenmassen, die sich auf ihn warfen, zurück auf die Beine zu kommen. Valerian konnte die Angreifer, die ihn umzingelten mit seiner überlegenen Fechtkunst ausstechen: Einen diagonalen Hau eines Robenträgers passierter er geduckt mit einer Parade und positionierte sich neben den Angreifer. Mit einer flüssigen Doppelschrittdrehung brachte er den Falchionknauf an den Klingenansatz des gegnerischen Langschwertes und schleuderte dieses in seiner Körperdrehung mit einer Entwaffnung schwungvoll weg – direkt in den Brustkorb des Hintermannes. Valerian drehte sich in einer Pirouette weiter, wechselte die Manöverrichtung überraschend und hieb mit dem Falchion einem weiteren Fanatiker von unten in den Schritt, sodass die gekrümmte Klinge steckenblieb. Valerian duckte sich in Drehung unter einem horizontalen Hau weg und zog dabei das geworfene Langschwert aus dem Torso des am Boden liegenden Schreienden Robenträgers. Kurze Zeit später befand sich ein Kreis aus Blutspuren und abgetrennten Gliedmaßen um den alten keuchenden Mann. Da sah er, wie eine zweite, größere Welle an Fanatikern sich dem Dorf näherte. Er musste kurz schlucken und eine innere Hoffnungslosigkeit machte sich in ihm breit. Der Kreis der Angreifer umschloss Valerian enger: Mit einer schnellen Parade ließ er die Klinge des Angreifers, der Valerians Unachtsamkeit ausnutzen wollte, zur Seite abgleiten und mit einem kurzen Rückhandstreich schlitze der alte Hexer dem Mann die Halsschlagader durch. „Na los! Wer will der nächste sein!“ brüllte Valerian in aller Verzweiflung die um ihn stehenden Gegner an. Eine kleine, unscheinbare Bewegung aus dem nahen Waldrand erweckte seine Aufmerksamkeit. Plötzlich lächelte er, und schloss seine Augen: Ein lauter Knall, gefolgt von einem grellen Blitz durchbrach die Szenerie. Valerian wurde von zwei starken Armen zur Seite gezogen und ein paar geschickte Hände warfen ihm eine Robe und eine Gugel über den Kopf. In der allgemeinen Verwirrung, die im Umkreis von mehreren Metern herrschte, wurde er schnellen Schrittes ins Unterholz des Waldes geführt. Unerkannt erreichte er mit seinen beiden Helfern das Herz des Waldes. Volmar und Charlotte zogen sich die Gugeln vom Kopf „Das wurde mehr als knapp, tausend Dank!“ sagte Valerian und lächelte seinen Rettern zu. „Wir müssen hier verschwinden alter Mann, komm schnell!“ flüsterte Volmar und zeigte tiefer in den Wald. Valerian drehte sich noch einmal um: Die Burg war inzwischen überrannt worden, das Haupttor stand offen und die Horde stürmte in den Innenhof. Ein paar blaue Blitze zuckten in der Nähe vom alten Bergfried durch die Luft, gefolgt von mehreren starken Explosionen, welche die alte Burg erschüttern ließen. Augenblicklich stand die Hälfte von Kaer Iwhaell in Flammen, dunkler Rauch und Flammenzungen stiegen in die Luft. Auf dem Feld vor dem Dorf setzten Jubelschreie unter den Fanatikern ein. Valerian senkte den Blick und hoffte, dass seine Freunde alle aus dieser Feuerhölle entkommen waren. Er folgten Volmar und Charlotte im Laufschritt, bis sie zu einer ihm wohlbekannten Lichtung kamen: Hier war das Zuhause des Steintrolls und hier hatte er viele makabre Unterhaltungen mit ihm geführt - und natürlich sehr viel Alkohol getrunken. Nun standen dort in der Mitte der Lichtung ihre Pferde. Seine Stute Brunhild grüßte ihn mit einem vertrauten Schnauben. Charlotte ging zu einem alten Baumstumpf und zog ein paar Äste zur Seite. Zum Vorschein kam ein langes Bündel, dass Charlotte aufnahm, zu Valerian hinüberging und es ihm in die Hand drückte. „Nein… wie hast… unglaublich… Danke!“ stammelte Valerian. Er brauchte das Bündel nicht zu öffnen, um zu wissen, was es enthielt. Er konnte die Magie der Runen auf seinen Schwertern fühlen. „Frag lieber nicht, wie Charlotte an deine Stute und die Schwerter gekommen ist!“ grinste Volmar und die Schmugglerin aus Lyrien machte dabei einen leichten Knicks und grinste frech. Sie trat näher an Valerian heran und stand dicht vor ihm, „da wäre noch eine Kleinigkeit zu erledigen oder, Meister Valerian?“ fragte sie keck. Sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen und schaute Valerian vielversprechend in die Augen. Dieser zog irritiert die Augenbrauen hoch und versuchte sich zu räuspern, als sich mit einem leisen Klicken die Dimeritiumfesseln an seinen Handgelenken lösten. Mit einem breiten Lächeln steckte sie die wertvollen Fesseln in ihre Tasche und blickte verrucht in Richtung Volmar, der davon allerdings nichts mitbekam, da er gerade dabei war, sein Stahlschwert von der Rückenscheide zu ziehen. „Sie kommen, wir sollten hier jetzt verschwinden!“ rief er und alle drei schwangen sich in ihre Sättel und ritten einen kleinen Jagdpfad entlang. Als sie am Ende des Pfades den Wald verließen und in einem weiten Bogen nordwärts ritten, konnten sie nochmal einen letzten Blick zurückwerfen. Das Feuer hatte die Burg fest im Griff und dunkler Qualm stieg in den blauen Winterhimmel. Im Schatten des Waldes konnte er eine große buckelige Silhouette erkennen, die ihm zum Abschied zuwinkte und ganz gewiss vertraut und bestialisch nach Schnaps stank.

„Der Sturm des Wolfes bricht an, das Zeitalter von Schwert und Axt. Die Zeit der weißen Kälte und des weißen Lichts nahet. Die Zeit von Wahnsinn und die Zeit von Verachtung, Tedd Deireádh, die Endzeit. Die Welt wird im Frost vergehen und mit der neuen Sonne wiedergeboren werden…“ zitierte Valerian lehrmeisterhaft, wendete seinen Blick von Kaer Iwhaell ab und richtete seinen Blick auf den Weg, der vor dem Trio lag.