Metagame - Reine Kopfsache

Einige Tage vergingen, die Greifen waren bereits wieder von Ihrer Reise nach Amerion in Kaer Iwhaell eingekehrt und gingen ihrem Tagwerk nach. Lediglich Valerian fehlte, er brach direkt zu einer Expedition in ferne Lande auf.

Eines frühen Morgens allerdings kam der Meister in einen Wollmantel gehüllt die nebelverhangene Straße zur Burg hinauf. Raaga und Wim waren bereits wach und spalteten Holz im Burghof, der Vorrat für den nahenden Winter musste aufgefüllt werden. Wim kam kaum hinterher die Holzscheite bereit zu stellen, Raaga spaltete diese mit einer rasenden Geschwindigkeit und Präzision. „Verflucht, Raaga! Ich hätte dir nie die Axt in die Hand drücken dürfen!“ Fluchte der verschwitze Wim keuchend vor sich hin. Raaga hingegen schien entspannt, man merkte ihm die Anstrengung nicht an. Als ob er in Trance wäre schwang er die Axt im Rhythmus und spaltete die Holzklötze einen nach dem anderen. Kein Tropfen Schweiß war zu sehen, Wim hingegen war kurz vor der totalen Erschöpfung und keuchte immer mehr. Schmunzelnd schaute der vermummte Valerian dem Treiben vom Burgtor aus zu. Als er den ersten Fuß durch das Tor setzt knarzte der Kies unter seinen Füßen. Sofort wachte Raaga aus seiner Trance auf, in einer schwungvoll, fast tänzelten Bewegung griff er nach einer Wurfaxt an einer Hüfte, aus einer Drehung heraus schleuderte er diese in die Richtung, aus der das knarzen kam. Valerian drehte seinen Oberkörper gekonnt zur Seite, ohne überhaupt in die Richtung der herannahenden Axt zu schauen. Als diese ihn passierte, drehte er sich gänzlich mit und griff schnell nach dem rotierenden Projektil. Mit der Axt in der Hand stand er nun da, etwas entrüstet. „Raaga.... Erst Fragen dann werfen! Stell dir vor ich wäre ein Lieferant von Ludwig gewesen!“ Raaga, der bereit eine Kampfposition eingenommen hatte, entspannte seine Muskeln, Wim lag da, keuchend und nach Luft japsend. „wa... waa... was ist los?“ fragte er als er den Kopf hob und auf Raaga blickte. Dieser trieb die Axt in den Hackklotz, stieß ein tiefes Grunzen aus und ging langsam auf Valerian zu. Er schloss den alten Mann in die Arme „Schön dich zu sehen!“ Wim im Hintergrund hob lediglich die Hand und praktizierte etwas, was man mit viel Wohlwollen als Winken hätte identifizieren können.

Schnell machte Raaga sich daran Valerian über den momentanen Stand zu informieren: „Es ist viel passiert in der letzten Zeit, der Troll hat den Holzfällern ein Fass Bier gestohlen, sie verlangen Wiedergutmachung und weigern sich solange mehr Holz zu liefern. Mei kommt nur sehr selten aus ihrem Turm heraus, oft blutverschmiert, weil sie eine Taube gerissen hat. Der Faun beschwert sich laufend darüber, dass der Troll die ganzen Blumen zertrampelt. Logan hat sich beim Training die Hand gestaucht, Atheris jagt ein paar Ghule in der Kronau. Wim verhält sich glücklicherweise unauffällig, aber der Kerl macht schneller schlapp als ein Freier in der Passiflora. Vertigo weigert sich etwas zu essen oder zu trinken bevor es nach Gift untersucht wurde. Nella klagt seit Tagen über lähmende Kopfschmerzen, die sie fast in den Wahnsinn treiben. Ludwig hat einige Lieferungen mit Nahrungsmitteln einlagern lassen. Heskor ist laufend unterwegs, wer weiß was der schon wieder treibt. Ach, und ein Haufen Briefe liegen in deinem Studierzimmer, neue Steckbriefe und Aufträge sind auch dabei.“

Valerian nickte kurz und ließ Raaga und den erschöpften Wim im Burghof stehen. Er betrat die Taverne, warf seinen Mantel auf einen der Stühle. Kurz musterte er das Chaos der letzten Nacht. Die Luft war erfüllt von dem Geruch von Met und Braten. Heskor, ein paar Holzfäller und Bauern, sowie ein paar Mitarbeiter von Ludwig lagen teils auf und teils unter den Tischen. Der Hexer durchquerte leise den Schankraum, schritt das Treppenhaus hinauf und ging den Gang nach rechts zu seinem Studierzimmer. Von links hörte er Vertigo und Logan sich lautstark unterhalten, durch die offenen Fenster begannen die ersten Vögel ihr zwitschern. Mit einem zufriedenen Lächeln griff er nach der Türklinke. „Zuhause...“ Dachte er verträumt und drückte die Klinke nach unten. Knarrend öffnete sich die schwere Holztür und er trat in sein Reich. Es roch nach Tinte und verkohlten Ingredienzien seines Alchemielabors, auch den Geruch der alten Pergamente konnte der Hexer wahrnehmen. In dem Moment, als sein zweiter Fuß den Raum betrat und die Tür in ihr Schloss fiel, bemerkte der Hexer mit seinen übernatürlichen Sinnen, ein ganz feines magisches Surren. Die vorher vernommenen Stimmen Vertigos und Logans waren verstummt, kein Zwitschern der Vögel war mehr zu vernehmen und die vielfältigen zuvor aufgenommenen Gerüche waren ebenfalls nicht mehr zu erschnüffeln. Misstrauisch musterte Valerian jede Ecke, während seine Hand langsam in Richtung seiner Schwerter auf dem Rücken glitt. Schritt für Schritt ging er tiefer in den Raum hinein…

Valerianszimmer

An dem Großen Tisch vorbei langsam lugte er um die Ecke und schaute in sein Studierzimmer auf den großen alten Eichenschreibtisch, dort saß eine Gestalt, die Gugel tief in das Gesicht gezogen, bekleidet mit einer einfachen dunkelgrauen Robe, seine Hand lag auf einem Zettel, die Schrift war ihm bekannt, es war Nellas Notiz, die sie vor kurzem anfertigte und den Inhalt des verschlüsselten Briefs enthielt, den Wim nach seiner langen Abwesenheit anschleppte. Der Hexer achtete auf jedes Detail, die Hand war übersät mit Narben, ebenfalls der Teil des Unterarms, den er erspähen konnte, keine Narben, die durch kämpfe entstanden sind, es waren Narben die man durch Selbstverstümmelung kannte. Dieser man muss sich oft ins eigene Fleisch geschnitten haben oder er wurde gefoltert. Es waren keine frischen Narben.

„Valerian, Draugr von Novigrad, Meister der Greifenschule…“ eine raue und dunkle Stimme sprach diese Worte langgezogen langsam und mit bedacht. „Lasst euer Schwert stecken, es wird euch hier nichts nützen!“ Während der Fremde diese Worte von sich gab hob er langsam die Hände, griff nach der Gugel und strich diese nach hinten. Valerian kam angespannt hinter der Ecke hervor und wollte gerade etwas sagen. „Wer ich bin? Mein Name lautet Veritas Sarpedon. Versucht nicht nach euren Gefährten zu rufen, euch wird keiner hören und eure Waffen sind nutzlos. Zu einem bin ich keine Gefahr für euch zum anderen befinden wir uns in einer Metaebene, ähnlich der Astralebene, niemand würde uns sehen oder hören.“ Valerian musterte das Gesicht des Fremden, es war ein älterer Mann mit langen braunen Haaren durchzogen von weißgrauen Strähnen. Die Augen waren übernatürlich rot, aber ein grauer Schleier überzog diese. „Wir müssen reden.... Dringend!“ Die leeren Augen des alten Mannes durchdrungen Valerian geradezu. „Ihr habt einen Mann unter euch der eine Gefahr für die zwölft Auen, gar ganz Solonia darstellt. Wim Delvoye, oder sollte ich besser das benennen das sich in ihm befindet? Isador Sajuré!“ Er tippte mit der linken Hand auf die Schriftstücke. „Ich nehme an ihr kennt bereits die Geschichte, was damals passiert ist? Jetzt wisst ihr auch was genau er getan hat...!“ Er hob den entschlüsselten Text in die Höhe. „Der Transhumane Psyingress.... Leider fehlt euch ein Stück dieses Puzzles, oder besser gesagt ihr besitzt ein mickriges Stück in einem Bild aus ein tausend teilen. Setz dich Hexer, lass uns dieses Puzzle vervollständigen.“ Valerian kam langsam näher, er analysierte die Lage, den Raum, mögliche Gefahren, dann ging er auf den großen Schreibtisch zu und setzte sich auf einen leeren Stuhl der Veritas gegenüber stand. „Ihr wisst also mehr über Wim als wir?“ Er blickte den Mann fragend an „Nein, über Wim weiß ich kaum etwas, aber über Isador weiß ich einiges!“ Die Miene des Fremden verfinsterte sich etwas als er den Namen aussprach „Diesen Teufel kenne ich nur zu gut und auch was passiert, wenn ihr nicht bald eingreift. Die Zeichen stehen schlecht! Ich warne euch eindringlich Wim darf nichts von diesem Gespräch erfahren, deswegen diese Metaebene. Er darf auch nichts von euren Vorbereitungen wissen! Isador sieht und hört alles was Wim hört und sieht! Wenn er erahnt wie nah ihr ihm kommt, wird er sich vorbereiten. Es ist schon eine Katastrophe das er weiß das ihr vom Psyingress wisst. Er hat sich euch gezeigt, nicht wahr? Er hat Angst auf den letzten Metern aufgehalten zu werden.“ Der Fremde richtete seinen Oberkörper auf und stütze seine Ellbogen auf den Tisch. „Ich muss einige Dinge vorbereiten. Ich werde wiederkommen, in der Nacht des blutigen Mondes müsst ihr bereit sein. Nur in dieser Nacht kann der transhumane Psyingress erfolgreich ausgeführt werden und das müsst ihr! Ihr müsst zu Isador hinein, bevor er heraus zu euch kommen kann. Es wird ALLES von euch abverlangen und allein werdet ihr nicht siegen Valerian. Weiht eure Vertrauten ein, aber warnt sie vor, ein mancher könnte nicht wiederkehren!“ Die Stimme des Fremden wird leiser und das Bild vor Valerians Augen verschwimmt. Mit einem Zischen zersprang die Szene, Valerian saß in seiner Stube, vor ihm Nella, ihre Haare wehten, als ob ein Windstoß sie ergriff. Dokumente flogen durch den Raum und Staub wirbelte auf. Die Magierin hielt sich die Schläfe und stöhnte vor Schmerzen, doch im selben Moment riss sie erschrocken die Augen auf und starrte fragend auf den plötzlich erscheinenden Hexer.

Von Tobias Fels