Vertigo - Teil 1 - Gift und Biebermütze

Vertigo - Teil 1 - Gift und Biebermütze

Metagame

von Earl

Es roch durchdringend nach Alkohol, Schweiß und Rauch. Das Gasthaus „Schwarze Rose“ hier in Dreiberg war ein kleines, etwas abseits des Stadtzentrums gelegenes Etablissement. Es war proppenvoll und unglaublich laut. An der Theke drängten sich die Zecher und schrien abwechselnd nach mehr Bier, Wein oder Schnaps. Und mit jedem Mal wurden die Rufe gellender, unverständlicher und mit noch mehr unflätigen Ausdrücken geschmückt. Zwischen den Gästen drängten sich die Huren und stellten ihre Argumente in engen Miedern und weit ausgeschnittenen Blusen zur Schau. An den Tischen ging es wie auch am Ausschank laut und geschäftig zu. Mindestens genauso viele Kopper und Kronen wechselten den Besitzer mit atemberaubender Geschwindigkeit. Es wurde gespielt. Würfel rollten, Karten wurden triumphierend auf Tische geworfen. Wetten wurden abgegeben, ob sich Gast X nun tatsächlich auf Hure Y einließ. Laute Pfiffe der Verlierer und Triumphjubel der Gewinner hallten von den gekalkten Wänden wider.

„Komm, los Mann. Eine Runde noch. Ich will ´ne zweite Chance du Hohlbirne!“, lies sich ein Untersetzter aus einer der Würfelrunden vernehmen. Ein anderer, der aufgestanden war und sich gerade zum gehen wandte drehte sich um. „Bleib locker Ullrich, ich nehm dir dein restliches Geld noch früh genug ab. Es is´ spät. Ich will heim. Muss morgen früh raus.“, schrie die Hohlbirne gegen den Lärm an, gähnte und schob sich die rote Biebermütze mit den Rabenfedern auf dem Kopf zurecht. Der untersetzte Ullrich lachte dröhnend auf. „Ach was, die Nacht is´ noch jung und die Huren frisch“, mit diesen Worten packte er der am nächsten stehenden Dirne an den Hintern, worauf er sich direkt eine schallende Ohrfeige von ihr einhandelte. „10 Kopper du Sau!“, schrie ihn die Dirne an. Ullrich wandte sich um, wollte seinen Kumpanen fragen, ob er den Preis angemessen fände, doch der andere war bereits Richtung Tür verschwunden.

Hieronymus torkelte hinaus auf die enge Gasse. Er schloss hinter sich die Türe zum Gasthaus und sofort sank der Lärmpegel ab. Tatsächlich fiepte nun ein unerträglicher Ton in seinen überreizten Ohren. Mit einem tiefen Zug atmete er die frische, kühle Nachtluft ein und fast augenblicklich traf ihn die volle Wucht des Alkohols, den er den ganzen Abend in sich hinein gekippt hatte. Er taumelte kurz und musste sich an einem der Butzenfenster der „Schwarzen Rose“ abstützen. In seinem Kopf drehte sich alles. Er atmete schneller, versuchte den Ekel in der Magengegend abzuschütteln, doch es gelang ihm nicht. Mit einem lauten Würgen erbrach er sich gegen die Fachwerkfassade. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Noch einmal schüttelte es ihn krampfartig und er übergab sich abermals platschend gegen die Wand. Er taumelte rückwärts und wischte sich mit dem Handrücken Reste seines Mageninhalts und Speichel von Mund und Kinn. „Scheiße, der letzte Wodka war schlecht.“, flüsterte er schwer atmend. Als er sich etwas beruhigt hatte und wieder klarer denken konnte wurde ihm erst bewusst, was er da gerade angerichtet hatte. Schnell drehte er sich um und verließ unsicheren, torkelnden Schrittes die Szenerie Richtung Obermarkt.

Am nächsten Morgen erwachte er mit heftigen Kopfschmerzen. Durch das geschlossene Fenster fielen einige wenige Sonnenstrahlen in denen Staubkörnchen tanzten. Hieronymus setzte sich auf und zog sich den verbeulten Hut aus dem Gesicht. Er sah an sich hinab, er trug immer noch Hemd, Hose und Schuhe. Mit einem Stöhnen fiel er zurück in die Kissen und versuchte sich an den Heimweg zu erinnern. Doch irgendwie prangte in seiner Erinnerung ein gähnendes Loch. Er wusste, dass er die steile Treppe zu seiner Kammer erst nach mehrmaligen Anläufen hatte erklimmen können. Doch wie er es ins Bett geschafft hatte, wie er es überhaupt geschafft hatte, die Türe zu öffnen war ihm rätselhaft. Er schlief erneut ein.

Nach weiteren zwei Stunden erwachte er. Diesmal ging es ihm schon besser. Er griff zu einem Fläschchen mit einer orangefarbenen Flüssigkeit auf seinem Nachttisch. Er besah sich den Korken und den Wachsrand, befand dass niemand während seiner Abwesenheit die Flasche manipuliert hatte und entkorkte eben jene. Er leerte den Inhalt mit einem Zug, verzog das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse und schüttelte sich. „Uähh, dieses Siffzeug. Ich trink nie mehr Alkohol.“ Der Redanier schlug die Decke zurück und versuchte sich zum Aufstehen zu Motivieren. Beim dritten Anlauf gelang es ihm und er schwang sich abrupt aus dem Bett. Fast augenblicklich kehrten die Kopfschmerzen zurück. Er fasste sich mit schmerzverzerrter Miene an die Stirn und hielt kurz inne, bis die Schmerzen sich auf ein erträgliches Maß eingependelt hatten. Hieronymus zog sein Hemd aus und warf es in die Ecke, wo sich bereits ein kleiner Haufen Wäsche befand. Er ging zu einem Tisch mit Spülschüssel am Fenster, öffnete jenes und goß aus einer bereit gestellten Karaffe kühles Wasser in die Schüssel. Einen Moment lang beobachtete er die bunte Menschenmenge, die sich unten auf der Gasse tummelte. Hie und da bellte ein Hund, Hühner gackerten, man rief sich Grüße zu. Er riss sich von dem Anblick los und wusch sich schnell aber gründlich den Mief der vergangenen Nacht vom Leib.

Als er ein frisches Hemd angezogen hatte, fingerte er seine rote Biebermütze mit der silbernen Entenbrosche und den Rabenfedern zwischen den Falten der Bettdecke hervor und griff sich dann seine Fechtjacke vom Haken an der Wand neben der Türe und zog sie an. Vom Tischchen daneben nahm er seine fingerlosen Handschuhe und streifte auch diese über. Er zog sich die modisch geschnittene Jacke glatt und kontrollierte das Rote Wappen mit dem weißen Adler. Der Redanier befand, dass damit alles in bester Ordnung war. Als er schon fast zur Türe hinaus war, fiel ihm auf, dass er seinen Gürtel vergessen hatte. Hieronymus stöhnte genervt auf.

Als er den Gürtel mit seinen Ausrüstungstaschen und dem Hodendolch endlich am Fußende seines Bettes gefunden, sich gegürtet und das Haus verlassen hatte war eine gute halbe Stunde vergangen. „Moin Hieronymus!“, rief sogleich ein kleiner rattengesichtiger Mann der drei Häuser weiter gerade noch mit einem Händler um ein paar Schuhe gefeilscht hatte. Nun eilte er die Straße herauf und gab dem Junker vom Aschenberg die Hand. „Grüß dich Wilmund. Na, was führt dich hier herauf in die Strohgasse? Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du nur wegen einem Paar Schuhe hier bist.“ Hieronymus grinste verschwörerisch. Auch Wilmund grinste. „Weißte, gestern Nacht hat jemand Mara Haager ans Bein gepisst. Du weißt doch. Ihr gehört die „Schwarze Rose“. Irgendein Depp hat es geschafft anderthalb Meter der Gasthausfassade voll zu kotzen. Sie hat mich beauftragt den Trunkenbold zu finden, der das zu verantworten hat. Sie hat was von Prügel und Hausverbot gefaselt.“ Mit einem Mal wurde es Hieronymus ziemlich warm unter der Mütze und er nahm sie ab. „Puhh, Wilmund. Das is‘ keine leichte Aufgabe oder. Wie willst du den denn finden?“ Der Rattengesichtige machte eine siegessichere Miene. „Is doch ganz klar. Ich pick mir einen der vielen Suffköppe raus, die hier oben am „Goldbarsch“ rumlungern. Den füll ich richtig ab und bring ihn ihr vorbei. Todsicheres Ding.“ Hieronymus kratzte sich am Kopf. „Ja klar, todsicher. Du temerischer Fuchs. Tja, weißt du ich muss dann auch mal weiter. Zum Mittag ist in der Kaserne eine Besprechung der Offiziere angesetzt. Na dann. Wir sehen uns.“ Und ohne ein weiteres Wort abzuwarten eilte der junge Stabsunteroffizier in die entgegengesetzte Richtung davon.

Er kam an Lädchen und Marktständen vorbei, an offenen Kochstellen über denen Fleisch auf Rosten brutzelte, an ein oder zwei Gauklertruppen und an einem Bärendompteur. Als er schließlich an der Taverne „goldener Adler“, die an einem großen Marktplatz lag, hielt um sich einen Schluck Bier zu genehmigen begann gerade auf der anderen Seite des Marktes ein Barde in malvenfarbenem Doublet und mit keckem Hütchen gleicher Farbe zu singen und dazu zu Klampfen. Als er das Gasthaus wieder verließ war der Barde verschwunden. Hieronymus ging über den Markplatz. Wieder vorbei an Ständen. Er entschied sich für eine Abkürzung zur Kaserne, die zwischen zwei großen Stadthäusern hindurch führte.

Als er in die enge Gasse eingetreten war, bemerkte er zwei Kerle, die in etwa 3 Meter entfernt herum lungerten. Einer von ihnen trug einen breitkrempigen braunen Hut und einen alten zerschlissenen Gambeson. Der Andere hatte sich die langen Haare zu einem festen Knoten im Nacken gebunden und trug eine auffällige rote Weste. Sofort machte sich ein Kribbeln in Hieronymus Nacken breit. Der Junker zögerte nicht, sondern ging schnurgerade zwischen den beiden Häuserfassaden weiter. Als er noch etwa 4 Schritt entfernt war zog der Schläger mit dem Hut einen Katzbalger aus der Scheide an seiner Hüfte. Der andere mit den langen Haaren griff sich einen herum liegenden faustgroßen Sandstein vom Boden und zog ebenfalls seine Kurzwehr blank. Sie harrten einen Moment aus. Dieser Moment reichte dem Stabsunteroffizier um mit der rechten seinen Dolch und mit der linken Hand eine etwa 20 cm lange Nadel aus der Hutkrempe zu ziehen. Dann sprangen die beiden Angreifer los. Der Hutträger hieb von links unten zu. Mit einer Halbdrehung entzog sich der junge Offizier dem Hieb, sah sich allerdings zugleich mit einem Stich des Langhaarigen auf sein Gesicht konfrontiert. Er zog im letzten Moment den Kopf zur Seite und machte einen Ausfallschritt nach rechts. Er zog das linke Bein nach, duckte sich unter dem herannahenden Sandstein hinweg und rammte dem langhaarigen die Nadel tief ins Knie. Sein Gegner schrie auf und ließ den Sandstein fallen. Diesen kleinen Triumph nutzte Hieronymus um ihm den Hodendolch knapp über der Hüfte in die Seite zu stechen. Blut schoß aus der Wunde hervor und lief dem Junker sogleich über die Hand. Er rutschte mit der Hand vom Dolch ab und kam aus dem Gleichgewicht. In der Zwischenzeit hatte der breitkrempige Hut die Distanz überwunden. Geistesgegenwärtig griff der junge Mann nach dem fallen gelassenen Stein und blockte damit den Katzbalger. Der Mann mit der roten Weste war gerade im Begriff vor Schmerzen in die Knie zu gehen, da packte ihn Vertigo, riss ihn hoch und drückte ihn zwischen sich und den nächsten Stich des Katzbalgers. Der konnte nicht mehr stoppen und durchbohrte den Langhaarigen auf Brusthöhe. Ein letzter Schrei. Dann war er Tod.

Doch schon hatte der Mann mit dem Hut sein Kurzschwert zurück gezogen, trat zwei Schritte vorwärts und setzte zum nächsten Angriff an. Sein Gegenüber mit der Biebermütze nutzte den Moment um ihm den Sandstein entgegen zu schleudern. Dann hob er schnell die Kurzwehr des Gefallenen auf und startete seinen Angriff. Eine schnelle Finte rechts oben, dann das Schwert nach unten ziehend in Richtung des Oberschenkels. Doch sein Gegner hatte nicht geschlafen und sein Schwert ebenfalls nach unten gerissen. Klirrend trafen die Waffen aufeinander. Doch Hieronymus war schon einen Schritt weiter. Er riss die Faust hoch und verpasste dem Hutträger einen Schlag auf die Nase. Diese brach knackend. Für einen Moment war er vom Schmerz geblendet und gab Hieronymus die Chance abermals zuzuschlagen. Er ließ den Katzbalger fallen. Auch Hieronymus senkte seine Klinge. „Wer hat dich gekauft? Wer hat dich für meinen Tod bezahlt? Die Nilfgaarder? Hääh? Machs Maul auf.“ „Leck mich“, presste sein Blut überströmter Gegner hervor. Krachend traf sein Schädel auf das Fachwerk eines der Stadthäuser. Und noch einmal knallte sein Kopf gegen die Wand. Blut lief unter seinem Hut hervor. „Und jetzt?“ Ein blutverschmiertes Grinsen. Hieronymus verlor nun tatsächlich die Geduld. Er stieß seinen Angreifer zu Boden. Trat ihm hart gegen den Kopf. Ein leises Stöhnen. Hieronymus bückte sich zu seinem Opfer hinab. „Was hast du gesagt?“ „Grüße von Emhyr du redanischer Hurensohn!“ Und mit diesen Worten schnellte ein Stilett hervor und durchbohrte Vertigos Wade. Schreiend ging Hieronymus in die Knie. Er riss das Stilett aus seinem Bein und rammte es seinem Gegner durch den Hals. Ein Röcheln. Dann war der Attentäter Tod.

Hieronymus erhob sich unter Stöhnen. Er presste die Zähne zusammen und fingerte an seiner Gürteltasche mit den Trankfläschchen herum. Schnell fand er, wonach er gesucht hatte. Eine Phiole mit gelber zäher Flüssigkeit. Mit zitternden Fingern entkorkte er das Gefäß. Er spürte bereits das Kribbeln im Bein. Mit einer vergifteten Klinge hatte der junge Offizier gerechnet. Hieronymus kippte also schnell den pulshemmenden Stoff hinunter. Mit etwas Glück würde er es schnell genug zum Offizierslazarett schaffen. Schon taumelte er dem Licht der belebten Straße entgegen. Die Flüssigkeit begann seinen Puls zu schwächen. Die Augenlider flimmerten, die Ränder seines Sichtfeldes verschwammen. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht! Hieronymus presste ein Stöhnen hervor. Blut hatte seine Hose und das Fußbett seines linken Schuhs durchtränkt. Er schlurfte unter Aufbietung seiner letzten Kräfte der großen Straße entgegen. Er fiel vornüber. Direkt vor die Füße einer Stadtpatrouille. Seine Lippen formten die Worte: „Offizierslazarett. Vergiftung. Schnell.“ Dann umfing ihn Dunkelheit.

„Hier lang. Schnell. Hier herüber. Nein da lang. Los Beeilung. Er wurde vergiftet. Ja. Und er hat viel Blut verloren. Wir müssen sofort handeln.“

Kopfschmerzen und ein dumpfes Pochen im linken Bein weckten Hieronymus auf. Er blinzelte, konnte jedoch nichts erkennen, denn das Licht blendete ihn. Also schloss er die Augen wieder. Wie durch einen dicken Wattebausch nahm er Geräusche wahr, konnte jedoch nicht klar genug denken um sie genauer zu verorten. Stöhnend versuchte er seinen Kopf frei zu bekommen und nach ein paar Augenblicken gelang ihm das tatsächlich. Nun konnte er auch die Augen einen Spalt breit öffnen. Er lag offenbar unter einem weit geöffneten Fenster und darüber erstreckte sich eine tiefe Balkendecke. „Können Sie mich hören? Hieronymus Katz. Können Sie mich verstehen?“ Hieronymus drehte leicht den Kopf (was ihn schon eine gewaltige Kraftanstrengung kostete) und erblickte eine große Gestalt in grün. Er versuchte zu antworten, doch es kam nur ein brüchiger Laut heraus. „Er ist noch zu schwach. Er braucht mehr Ruhe.“

Hieronymus musste wieder eingeschlafen sein, denn als er das nächste Mal zum Fenster empor sah, war es geschlossen und nur einige wenige Sonnenstrahlen fielen rot glühend durch die Butzenscheiben. Und auch diesmal war sofort jemand da, der sich nach seinem Befinden erkundigte. Und diesmal, konnte er antworten: „Ja. Ja ich..verstehe. Mir geht’s gut.“ brachte er mühsam hervor. „Herr Katz ruhen Sie sich aus.“ Doch er wollte sich nicht ausruhen. Er hatte sich genug ausgeruht. Wie lange hatte er wohl schon in diesem Zimmer verbracht? „Wie lange?“, erkundigte er sich leise. „Wie bitte? Ach so! Nun in ein paar Stunden sind Sie seit genau 9 Tagen hier im Offizierslazarett“, gab die grüne Gestalt zum Besten. Seit 9 Tagen! Seit 9 Tagen schon lag er untätig hier herum! Er hatte seine Besprechung mit den anderen Offizieren der Dreiberg-Division verpasst! Er hatte den Auftritt von Lea van Dyken im „Drei Kronen“ verpasst! Hätte er es gekonnt, so hätte er sich jetzt wohl mit der Hand vor den Kopf geschlagen. Stattdessen stieß er hart die Luft aus. „Was ´s passiert?“, erkundigte er sich weiter. „Sie müssen sich ausruhen. Herr Katz. Hören Sie.“

Hieronymus schreckte hoch! „Wie lange? Was passiert?“, plärrte er. Und noch während er das tat, sah er sich zum ersten Mal richtig um. Da standen weitere Betten. Mindestens 5 in einem langen Raum mit niedriger Balkendecke. Nur 2 andere Betten waren belegt. Und die beiden Offiziere sahen nun zu ihm herüber. „Ey Mann. Halt die Fresse! Du bist hier nicht alleine!“, rief einer der beiden. Der Junker vom Aschenberg versuchte sich zu sammeln, spähte angestrengt im Raum umher, konnte allerdings niemanden außer den beiden Leidensgenossen sehen…. Er schlug augenblicklich die Decke zurück und sprang aus dem Bett, fiel allerdings sofort vorn über und schlug hart auf dem Boden auf. Seine Beine schmerzten und das linke Bein pochte immer noch sehr unangenehm. Während er sich wieder aufrichtete tropfte Blut aus seiner aufgeschlagenen Nase, doch das störte ihn nicht. Auch das Lachen der beiden anderen Offiziere störte ihn nicht, im Gegenteil, es stachelte ihn an. Und so erhob er sich vollends und machte einige langsame Schritte, wobei er das Gesicht schmerzerfüllt verzerrte. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Das hier war also das Offizierslazarett in Dreiberg. Hmm. Irgendwo hier mussten seine Sachen aufbewahrt werden. Nur wo? Er blickte sich um, doch da flog schon die Türe am Ende des Raumes auf und herein marschierte ein Medicus, der Vertigo vorwurfsvoll ansah: „Sofort zurück ins Bett! Sind Sie noch bei Trost? Sie haben …“ Doch Hieronymus Katz vom Aschenberg hörte ihm gar nicht zu, er hatte besseres zu tun. Grob stieß er den Mann in Grün beiseite und näherte sich dem Ausgang. „Sie sind doch irre! Ich hole die Wachposten!“, rief der Medicus laut und rannte los. „Gut“, rief ihm Vertigo mit rauher Stimme hinterher, „dann können Sie auch gleich Nikolas Treuhand her schleifen! Ich will eine Unterredung mit ihm und zwar sofort! Und bringen sie mir meinen Hut, sonst hol ich mir hier drin ja noch eine Erkältung.“

Eine halbe Stunde später saß Vertigo, lediglich mit leinenem Hemd, Bruche und knallroter Biebermütze bekleidet im Garten des Offizierslazaretts auf einer Bank, beobachtete die Bienen bei der Arbeit und wartete darauf, dass Nikolas Treuhand endlich auftauchen würde. Man hatte versucht ihn mit Gewalt zurück ins Bett zu befördern, doch erst nachdem er einen der Wachposten unter größter Anstrengung zu Boden geschlagen hatte und verlangt hatte, man möge sich Dienstschlüssel und Berechtigungsstufe in seiner Militärakte ansehen, da war man bereit gewesen nach Nikolas Treuhand, dem Chef der Abteilung für leichte Kavallerie der Dreiberger Stadtsicherheit, zu schicken.

Nikolas Treuhand war ein Oberst im Dienste des redanischen Militärgeheimdienstes und hatte natürlich nur sehr wenig mit der Stadtsicherheit von Dreiberg zu schaffen, gab es doch offiziell sowieso nur 2 leichte Kavallerieeinheiten bei der Stadtsicherheit Dreibergs. Inoffiziell lag diese Zahl bei 15. Diese Kavallerieeinheiten des Geheimdienstes waren in der gesamten Stadt und im Umland von Dreiberg stationiert und warteten nur darauf in sämtliche Himmelsrichtungen losgeschickt zu werden um Handelspapiere sicher zu stellen, Truppenbewegungen der Scoi’iateal und Nilfgaarder Verbände auszukundschaften, wichtige Handelsmissionen zu schützen usw.

„Haltung annehmen, Oberst Nikolas Treuhand anwesend!“, gebot eine raue Stimme. Vertigo schreckte aus seinen Gedanken hoch, sprang auf und salutierte. Einen Moment blieb es still, dann gebot dieselbe Stimme „Rühren Herr Stabsunteroffizier.“ Er legte die angespannte Haltung ab und drehte sich zu Nikolas Treuhand um. Der Chef der Geheimdienstabteilung war ein Mann in den Dreißigern, er hatte rabenschwarzes Haar und einen ebenso schwarzen Vollbart. Er war Hochgeschossen und äußerst sehnig. Der Oberst trug eine schwarze Cotte aus Samtstoff und darüber den typischen Offiziersgarnasche der Reitereieinheit von Dreiberg. „Nun Vertigo, ich sehe du bist wohlauf. Wir hatten größte Bedenken ob wir dich jemals wieder für den aktiven Dienst einsetzen könnten. Aber du hattest offenbar einen guten Einfall und sehr großes Glück obendrein. Das Herzschmerz einzusetzen, um die Durchblutung zu verlangsamen und dadurch die Ausbreitung des Giftes zu stoppen war sehr schlau und sehr dumm zugleich. Du hattest gerade einen Kampf hinter dir, warst aufgepeitscht und dein Puls war hoch. Dagegen dieses Zeug anwirken zu lassen war, als würdest du einem Pferd in vollem Galopp einen Baumstamm vor die Hufe werfen. Du bist zusammengebrochen, weil dein Körper das nicht verkraftet hat. Hätte dich nicht die Patrouille gefunden wärst du wahrscheinlich tot. Du kannst dich glücklich schätzen, dass es kein neuartiges Gift war und die Medici hier im Hospital so gut ausgebildet sind. Es hat in der Woche vor dem Angriff auf dich schon zwei weitere Anschläge auf Geheimdienstler gegeben. Die beiden hatten nicht so viel Glück.“

Einen Moment herrschte Stille. Dann fragte Hieronymus: „Was sagen die Ärzte, bin ich tauglich? Wann kann ich zurück in den Dienst? Der Drahtzieher hinter dieser Sache muss gefunden werden. Gibt es da schon Hinweise? “ „Nee du. Es gibt keine weiteren Befunde bei dir. Zumindest nicht, dass wir wüssten. Die Medici hätten dich allerdings gerne noch ein paar Tage hier behalten um sicher zu gehen, dass es da nicht doch irgendwas gibt“, antwortete Nikolas reserviert. „Ach was! Mumpitz! Ich muss zurück in den Dienst. Ich bin tauglich!“, beteuerte Hieronymus. „Es liegt nicht in deinem Aufgabengebiet das festzustellen! Reiß dich zusammen Mann. Ich brauche Leute, die gesund und einsatzfähig sind. Keine kranken Krähen, die plötzlich im Einsatz vom Gaul kippen! Die Drahtzieher sind übrigens gefunden. Oder was dachtest du, was der Geheimdienst die letzten 15 Tage seit dem ersten Attentat gemacht hat? Wir stehen kurz vor der Festnahme der betreffenden Personen. Rotte 7 wird sich morgen Mittag um diese Angelegenheit kümmern. Du kannst dich also ganz beruhigt noch ein paar Tage ausruhen. Unternimm ein paar Spaziergänge im Garten. Leg dich auf die faule Haut. Und in ein paar Tagen bist du wieder voll einsatzfähig.“

Der Junker nickte langsam, in seinem Kopf arbeitete es bereits. „Na gut, aber was wenn mich die Medici bis morgen Mittag für tauglich befinden?“ Nikolas zog eine Augenbraue streng nach oben: „Was willst du damit sagen?“ „Ist doch klar. Wenn ich tauglich bin, überträgst du dann der Rotte 3 den Einsatz? Du weißt du schuldest mir noch was!“ Nikolas lachte: „Scheint als wärst du tatsächlich schon wieder ganz der Alte. Du Gauner. Ja. Ja gut. Sollte man dich für tauglich befinden, was man nicht tun wird, dann kriegst du den Auftrag. Abgemacht!“

Die beiden hatten sich unter Händeschütteln verabschiedet und als Nikolas gegangen war, hatte Vertigo einen der Heileradepten losgeschickt, ihm einige seiner Habseligkeiten zu holen und ihn dann sofort mit einem wichtigen Auftrag in die Oberstadt weiter geschickt. Er lachte bei dem Gedanken daran, welch dummes Gesicht Nikolas machen würde, wenn er, Hieronymus Katz Junker vom Aschenberg, morgen früh voll tauglich bereit stehen würde. Bester Laune ließ er sich auf einer Bank im sonnendurchfluteten Garten nieder, schob die rote Biebermütze in den Nacken und steckte sich seine Pfeife an.


Ein befellter Bote

Ein befellter Bote

Metagame

von Pam

„Schon wieder Post für Mei? Sind wir ne Hexerschule oder die Poststelle von Solonia? Niemand kann so viele Briefe bekommen und sie auch noch lesen. Sie bekommt Briefe und merkwürdig riechende Päckchen und ist daraufhin wieder irgendwo unterwegs. Wenn sie nicht meine Tochter wäre und ich ihr nicht vertrauen würde, wäre ich wahrlich ziemlich irritiert und würde hinterher schnüffeln.“ „Ja und zum Glück bist du ein so toller Ziehvater, dass du Mei so sehr vertraust und dies nie in Erwägung ziehen würdest!“

Nella stand in Valerians Schreibzimmer und hielt einen Brief in der Hand. Einer von vielen in letzter Zeit. Dieser hier roch etwas nach gebratenem Speck. Mal eine Abwechslung, dachte sich Valerian. „Ist Mei nicht im Turm?“, kam es etwas pampiger von Valerian zurück wie er es eigentlich beabsichtigt hatte. Nella schüttelte nur den Kopf und legte den Brief auf Valerians großen Holzschreibtisch. „Ich bin direkt zu dir. Der Bote drückte mir den Brief in die Hand und war schon wieder weg. So viel ich weiß, ist sie in ihrem Zimmer und packt.“, antwortete die in rot und weiß gekleidete Magierin mit ihren langen blonden Haaren, welche sie seitlich mit einer Strähne nach hinten gebunden hatte. „Ich wollte sie nicht stören. Bist du bitte so gut und gibst ihn ihr, danke!“ Ohne auf eine Antwort Valerians wartend, drehte sich Nella schon um und war im Begriff zu gehen. Die Stimmung auf Kaer Iwhaell war seit den Ereignissen um Wim und Isador auf allen Seiten ziemlich angespannt, da sie Wim zwar von ihm hatten lösen aber ihn nicht gänzlich vernichten konnten. Wenigstens ging es Wim den Umständen entsprechend gut und der Hexermeister hoffte, so etwas bei einem seiner Familienmitglieder nie mehr durchmachen zu müssen. Er hatte erst mal die Schnauze voll von diversen Bessenheiten oder sonstigen seelischen Übernahmen, welche nicht auf Gegenseitigkeit beruhten. Erst jetzt realisierte Valerian was Nella soeben sagte. Bevor diese durch die Tür in den langen Flur verschwand, sprach er sie etwas verwirrt an. „Wie? Was? Häh … Mei packt. Wo geht sie denn jetzt schon wieder hin? Sie war doch erst vor kurzem ewig auf Skellige unterwegs.“ „Wenn sie dir es nicht sagt, warum sollte sie es ausgerechnet mir erzählen?“, grinste Nella frech und war schon halb aus dem Zimmer.

In dem Moment stand plötzlich Mei hinter ihr und hob ihre rechte Augenbraue. „Du kannst mich jetzt auch persönlich fragen, Vater.“, während sie das sagte drückte sie sich an Nella vorbei in die Schreibstube und schaute den verdatterten Valerian an. „Nicht das ich es dir erzählen würde aber die Zeit wird kommen und du wirst es erfahren, keine Sorge. Du weißt ich würde nichts tun ohne es vorher ordentlich geprüft zu haben und ich mir nicht hundert Prozent sicher wäre und außerdem ist da auch Zauberinnen Kram dabei, den du eh nicht verstehen würdest.“, man hörte von draußen ein leises und dumpfes Kichern. „Nur leider bedarf es meiner Anwesenheit bei diesem Problem. Ich habe meine Reise ja wegen Wim unterbrochen und nun setze ich diese fort. Damit ich das endlich hinter mir habe und längere Zeit hier bei euch bleiben kann. Ich reise ja schließlich nicht zum Vergnügen, mein lieber Vater.“ Mit jedem Wort schritt Mei langsam auf Valerians Schreibtisch zu und stützte sich nun auf diesem ab. Dabei sah sie ihn mit ihren zweifarbigen Augen eindringlich an um ihm zu signalisieren, dass sie die Wahrheit sprach und weiß was sie tat.

„Du weißt, du kannst mir vertrauen Valerian. Aber es gibt eben Dinge, die ich dir zu diesem Zeitpunkt noch nicht erzählen kann oder nicht sollte. Und falls es dich beruhigt, ich bin auf Ard Skellig unterwegs, gegeben falls mache ich noch einen kleinen Abstecher nach Faroe, wenn es die Umstände zulassen.“ Das Mei schon weitere Abstecher nach Oxenfurt, Novigrad, Kerack und in Solonia liegend die Auen besucht hatte, erwähnte sie nicht und dies sollte ihr Vater auch erst einmal nicht wissen. Zumal sie sich in große Gefahr begab, wenn sie nach Novigrad und Oxenfurt reiste. Dies allerdings nur unter größten Illusionszaubern die sie beherrschte. Denn erwischte man sie dort, würde sie dem Scheiterhaufen nicht noch einmal entgehen, so war sie sich sicher. Aber der Hintergedanke und aus welchen Gründen sie dies tat, waren gute Gründe und wegen IHR würde sie diese Gefahr auch zukünftig eingehen. Auch wenn Außenstehende Mei’s Beweggründe nicht nachvollziehen konnten, war die Zauberin es IHR schuldig, auf irgendeine banale Art und Weise. Wirklich erklären konnte sie es sich auch nicht, warum sie diese Gefühle für die kleine Schwarzhaarige hegte. Und was es genau für Gefühle waren. Sie musste helfen, egal wie. So war doch ihre Meinung immer gewesen, wenn sie die Fähigkeit und das Können besaß jemandem zu helfen, den sie wertschätzte und egal auf welche Art und Weise liebte, so tat sie dies auch. Ohne einen Vorteil daraus zu ziehen, wie es oft viele über Zauberinnen dachten.

Nach einigen Sekunden der Stille, durchriss die etwas raue Stimme Valerians ihre Gedanken. „… natürlich hast du Recht, aber … naja. Ich vertraue dir, Töchterlein. Hier ist übrigens, wer hätte es gedacht, ein Brief für dich. Gerade frisch eingetroffen aus …“, mit seinen Katzenaugen untersuchte er den Brief in seiner linken Hand. „… aus … keine Ahnung steht nix drauf. Hier!“ Der Hexer wedelte mit dem Brief vor Mei’s Nase herum und auch ihr stieg der Geruch von gebratenem Speck in die Nase. Begleitet von anderen Gerüchen, Eierkuchen und Hund, wenn sie sich nicht täuschte.
„Hmm riecht gut … oh da fällt mir ein ich muss Mila noch vor der Abreise füttern.“ „Wann holt Lennox die eigentlich mal wieder ab? Sie ist doch sicherlich schon wieder gesund oder? Ich würde mich mal wieder freuen ein leckeres, großen Stück Fleisch essen zu können, das wandert ja immer direkt zu Mila.“, raunzte Valerian etwas mürrisch und tat so als würde er in einem Dokument etwas lesen um dem strafenden Blick Mei’s zu entgehen.

„Kann sich nur noch um Tage handeln, ich musste das Bein vor ein paar Wochen nochmals operieren, da sich die Wunde entzündet hatte. Mila schleckte daran obwohl ich es ihr verboten habe. Nicht jedes Tier hört eben auf mich.“, sagte Mei lachend. „Also … ich verabschiede mich und passt auf euch auf, wenn etwas ist, wird Resta mich finden oder ein Spitzel von Heskor oder Vertigo. Ich liebe dich Vater. Mach’s gut!“. Sie ging um den großen Tisch herum und umarmte ihren Ziehvater länger wie sie es sonst tat. Mit dem Brief in der Hand verließ sie den Raum und begab sich in die Küche um das Futter für Mila zu holen. Die schwarze Pantherdame befand sich im Freilaufgehege neben ihrem Turm auf der kleinen Rasenfläche in den Ruinen und wartete sicherlich schon auf ein saftiges Stück Fleisch. Den Brief wollte sie nach der Portalreise in Ruhe lesen, so entschied die Zauberin.

Ungewohnt schlicht gekleidet, geschmückt mit einer Artefaktkette, welche ihren Fuchsschwanz und die Zähne verschwinden ließ, und die kupferfarbenen, langen Haare zu einem Flechtzopf zusammengebunden, betrat Mei die kleine Hütte auf Ard Skellig und fand alles wieder so vor wie sie es vor einigen Tagen verließ. Niemand machte sich an der Einrichtung zu schaffen, was hier nicht unüblich war. Sogar die Flasche Est Est stand noch auf dem Tisch. Zugegeben, verließ Mei die Hütte etwas überstürzt und hatte keine Zeit diverse kleinere Dinge wegzuräumen. Das holte sie mit einigen schnellen Handbewegungen nach und schon sah die kleine Holzhütte nicht mehr ganz so unordentlich aus.

Nachdem sie ihr kleines Gepäckstück in der großen verzierten Holztruhe verstaute, setzte sie sich auf das gemütliche weiche Bett und zog den Brief aus der Tasche. Das Sigel kannte sie nicht und deshalb zögerte sie erst etwas bis sie den Brief öffnete und zu lesen begann. Sichtlich überrascht las sie ihn zu Ende und war noch überraschter als sie den Absender erblickte. Ein Jarl schrieb ihr, DER Jarl aus Undvik, welcher vor ein paar Monaten noch ein Vagabund war und an dessen Name sie sich gut erinnern konnte. Zwar wurde er nur beiläufig als Rist bezeichnet, was wohl eine Abkürzung war, aber dennoch einprägsam genug. War bei ihr auch nicht anders, dachte sie. Sie starrte nochmals den Brief an: … vermutlich erinnerst du dich nicht mehr an unsere kurze Begegnung vor etwa zwei Jahren in Cintra. Ich wanderte damals als einfacher Vagabund an der Seite Annas … Und ob sie sich an diesen Kerl erinnerte. Etwas zottelige dunkle Haare zu einem Zopf zusammengebunden, nicht sehr groß, markante Gesichtszüge mit Bart und seine Kleidung verriet, dass er aus Skellige stammen könnte. Er hing bei dieser Begegnung immer wie eine Klette an Anna, daran erinnerte sie sich noch gut. Umso mehr wunderte es sie, wie dieser Mann es zu einem Jarl schaffte. Sie war allerdings auch nicht wirklich mit der Erbfolge der Skelliger vertraut. Mei las nochmals weiter und fing an sich mit Skoija zu unterhalten. „Hörst du das Kleine … er hat das dringende Bedürfnis sich mir zu unterhalten. Ich bin echt überrascht, dass ich nach all den vielen Briefen nun einen von Hjaldrist in den Händen halte. Ach wenn er wüsste, was ich schon alles wegen Anna unternommen habe. Das Schreiben hier bestärkt mich nun noch mehr. Eigentlich habe ich schon darauf gewartet, dass von ihm etwas kommt, schließlich ist er neben Vadim ein sehr guter Freund von Anna. Und das lustige, die beiden befinden sich hier in unmittelbarer Nähe. Ich könnte sie einfach besuchen und mich selbst davon überzeugen, wie es ihr geht. Was meinst du? Sie muss mich ja nicht sehen.“ Sie machte eine kurze Pause und wartete auf eine Antwort Skoijas.

„Ja du hast recht, es wäre zu riskant, dass Silven etwas davon mitbekommen könnte. Dann werde ich die beiden wohl erst auf dieser Insel Geddes treffen. Diese Insel … ich bin echt gespannt wie die so ist und es trifft sich so gut. Dann antworte ich dem Jarl wohl lieber gleich, bevor mir wieder etwas dazwischenkommt. Aber nett von ihm, dass er sich Gedanken darüber macht wie ich dort hinkomme. Was meinst du, Skoija? Die Olyckssyster im Hafen lassen und sich quasi kutschieren lassen … hmm lieber nicht, es ist zwar nett gemeint aber den Stress muss sich der gute Hjaldrist ja nicht machen. Er hat als Jarl sicher andere Probleme, zumal ich ja sowieso vor hatte mit den ganzen Zauberinnen und Filip via Schiff anzureisen.“ Was der Jarl aus Undvik beim Verfassen des Briefes nämlich nicht wusste, war die Tatsache, dass sie mit ihren Kolleginnen bereits beschlossen hatte, sich auf dieser besagten Insel Geddes zu treffen um dort Informationen auszutauschen. Auch bezüglich Anna, da manche ihrer Kolleginnen, vor allem Nyra, etwas schlampig waren, wenn es darum ging Ihr Informationen über den Briefweg zukommen zu lassen. Mit diesen Gedanken erhob sie sich und kramte in einem kleinen etwas schief geratenen Regal nach ihren Schreibutensilien. Nach kurzer Suche fand sie auch ein Papier welches nicht Opfer von Mäusezähnen wurde und schritt zu dem langen Eichentisch der am Fenster stand. Mit einer gekonnten Handbewegung ließ sie auf magische Weise das Fenster auffliegen und es strömte salzige und warme Luft in die Hütte. Einen tiefen Atemzug später setzte sich die Zauberin an den Tisch, breitete ihre Schreibutensilien aus und begann zu schreiben.

„So nur noch unterzeichnen, versiegeln und schon kann ich dich auf die Reise schicken.“, sagte Mei zu dem Brief vor ihr auf dem Tisch. Noch während sie dies aussprach, überlegte sie wie jetzt der Brief zu Rist gelangte. Momentan befand sie sich eher am Arsch der Welt, um so zügig einen Boten auftreiben zu können und ewig lange sollte der Brief hier nicht herumliegen oder auf dem Weg zum Jarl sein. Erfahrungsgemäß waren die Möwen nicht sehr geeignet um Briefe zu überbringen. Jetzt bereute sie es, dass sie ihren Raben Resta nicht hier hatte. Sie war verlässlich und wäre innerhalb einer Stunde locker von Ard Skellig nach Undvik und wieder zurückgeflogen. Nach einiger Gedenkzeit und einem Becher Wein entschied sie sich doch mit einem Portal die Insel zu wechseln und dort nach einem Boten Ausschau zu halten. Außerdem hoffte sie, dort jemanden zu finden der wusste wo sich Hjaldrist aufhielt. Mei wusste zwar, dass er auf Undvik war aber nicht genau wo er sich auf der kleinen Insel befand. Sie kannte die Insel zwar von früher aber war schon längere Zeit nicht mehr dort gewesen. Vielleicht zukünftig ja öfters, dachte sich die Zauberin. Sie zog sich schnell ein anderes dunkelgrünes Kleid an, steckte ihre Haare hoch und streifte sich ihre Brokat Gugel über den Kopf. Mit dem Brief von ihr und Rist bewaffnet verließ sie nicht einmal die Hütte um gekonnt und fast schon mit hypnotischen Armbewegungen und einem Spruch in ihrer Sprache sprechend, ein blau leuchtend, wabberndes Portal zu öffnen. Elegant schritt sie darauf zu, wurde von dem Leuchten verschluckt und mit einem dezenten Zischen schloss sich das Portal und Mei war verschwunden.

Die Luft auf Undvik war wie überall auf Skellige, salzig und warm, typische Insel-Luft eben. Entweder man mochte diesen Geruch oder man hasste ihn. Undvik war eine der kleineren Inseln der Skellige Inseln und lag zwischen An Skellig und Ard Skellig. Im Grunde sah sie wie jede hügelige Insel aus, eine Mischung aus kleineren Hügeln, bis hin zu großen Bergen bedeckt mit übersichtlichen kargen Baumgruppen oder kleinen Wäldchen, längeren kahlen Bodenabschnitten, viel Wasser und obenauf waren die Gipfel mit Schnee bedeckt. Undvik die Winterinsel, sie machte ihrem Namen alle Ehre.

An einem kleineren Wald standen einige Wildpferde und füllten ihre hungrigen Mägen mit den wenigen Gräsern die sie finden konnten. Plötzlich reckte ein junger Schimmel seinen Hals und schnupperte nervös in die Luft. Ein leises Wiehern entfuhr ihm, als er eine Veränderung in der Luft bemerkte, er spannte seine Muskeln an, bereit zur Flucht. Man vernahm ein immer lauter werdendes Zischen und die Luft begann bläulich zu flimmern. Als das Zischen seine endgültige Lautstärke erreicht hatte, schreckte das Pferd auf und hüpfte mit einem großen Satz zur Seite. Wo vor einigen Sekunden noch der Schimmel stand, öffnete sich plötzlich ein Portal und die rothaarige Zauberin schritt ebenso elegant wieder aus ihrem Portal heraus und stand nun auf der Wiese. So schnell sich das Portal öffnete war es auch schon wieder mit einem kleinen Aufblitzen verschwunden. Mei blickte sich um und sah das aufgeschreckte Pferd, welches sie nun mit großen, ängstlichen Augen anglotzte. Sie lächelte sanft und streckte ihre Hand dem Pferd entgegen aus und ließ es daran schnüffeln.

„Schhht, tut mir wirklich leid dich erschreckt zu haben. Ganz ruhig du schönes Geschöpf du.“, besänftigte sie den Hengst und legte behutsam ihre Hand auf seine Nüstern und streichelte seinen Kopf. Er duftete nach Freiheit und Wildheit, sein Fell war ganz weich und sie fühlte einen kleinen Wirbel auf seiner Stirn. Sie standen sich in der Zwischenzeit direkt gegenüber und Mei konnte ihre Stirn an die des Pferdes lehnen. Dann flüsterte sie: „Pass gut auf dich und deine Herde auf, hast du gehört!“ Der Hengst schnaubte hörbar wie zur Bestätigung aus und legte seine Ohren nach hinten. Nun bemerkte auch Mei die Stimmen in der Ferne. Sie streichelte dem Hengst noch einmal zur Verabschiedung den Kopf. „Ahh die können mir sicher sagen wo ich den Jarl finde. Mach’s gut Großer.“ Mit einem weiteren Hüpfer trabte der Hengst einige Schritte weg, aber gerade so um die Zauberin noch im Auge behalten zu können. Um nicht auffällig plötzlich im Nirgendwo zu stehen, steckte sie die Briefe in ihren Ausschnitt und tat so als würde sie Kräuter suchen und zupfte einige Grashalme heraus. Da sie nicht wie sonst ihren pompösen und recht auffälligen Kopfschmuck trug, wurde die Frau erst nicht von den heranlaufenden Männern bemerkt. Erst nach einigen Schritten mehr auf Mei zu, blieben die ersten zwei Männer plötzlich stehen, der hintere Mann bemerkte dies nicht sofort und rempelte versehentlich die anderen Männer an. „Hey sag mal warum bleibt ihr einfach stehen?“, frug der rundliche Mann. Die Männer trugen allesamt einfache Tuniken und Pluderhosen, welche mit typischen Wadenwickeln befestigt wurden. Der Größere der Gruppe schielte nach hinten und sprach in die Runde: „Da siehst du die Frau da hinten nicht? Boa diese Haare, aber keine von hier der Kleidung nach. Was macht die hier so allein am Waldrand.“ „Wohl eine von der mutigen Sorte!“, lachte der Dritte hämisch. Die Männer waren erst so mit sich beschäftigt, dass sie gar nicht bemerkten, dass sich Mei schnurstracks auf die Gruppe zu bewegte. „Guten Tag die Herrschaften. Schön jemanden hier anzutreffen. Ihr könnt mir doch sicher sagen wo ich den Jarl, Hjaldrist Halbjørnsson Falchraite, hier auf der Insel finde. Ich war schon einige Zeit nicht mehr auf Undvik und kenne mich wohl nicht mehr so gut aus wie ich anfangs geglaubt hatte.“, sprach die Zauberin und lächelte gutmütig. Ihre Augen nicht von den Männern abwendend. Denn Stress mit einer Bande Männern auf dieser kleinen Insel konnte sie nun wirklich nicht gebrauchen. Nicht, dass sie eine Chance hätten aber, wenn man es vermeiden konnte. „Ha wusste ich es doch … du bist nicht von hier, Kleine. So so haste dich also verirrt. Sei froh, dass du nicht auf Ard Skellig bist, wenn du dich hier schon verläufst. Da hätte man wahrscheinlich nur noch deine kalte Leiche gefunden … und das wäre echt schade um dich.“, blöckte der Große und musterte die Zauberin von oben bis unten. „Ach komm schon Gehardt, lass sie doch und sei einmal in deinem Leben höflich, wenn du einer hübschen Dame begegnest.“, mischte sich nun der rundliche Kerl ein, rollte mit den Augen und schob sich an seinen Kumpanen vorbei und stand nun direkt vor Mei. Er verbeugte sich höflich vor ihr und sprach sie direkt an: „Werte Dame, darf ich mich vorstellen, mein Name ist Kay Hebrigsson, ortsansässiger Händler feinster Speisen. Und selbstverständlich werden wir euch den Weg zur Falkenburg zeigen. Gerne begleiten wir euch auch sicher dorthin, wenn ihr dies wünscht!“ Die beiden anderen Männer verzogen das Gesicht und waren nicht begeistert, was ihr Kumpel da vorschlug. Da sie doch eigentlich anderes vorhatten, als eine Reisende zur Falkenburg zu begleiten. Die offensichtlich eine Orientierung wie eine Kartoffel hatte. Mei schaute die Männer abwechselnd an und dachte an ihre Gedanken in der Hütte. „Das ist sehr freundlich von euch aber mir ist schon Genüge getan, wenn ihr mir den Weg beschreibt. Dann finde ich schon selbst dorthin.“, entspannte sie etwas die Situation, da sie den anderen beiden Männern ansah, dass sie keine Ambitionen hatten sie dorthin zu begleiten, zumal sie sich vor Ort ja aus Sicherheitsgründen nicht blicken lassen wollte. Wie der Brief nun endgültig zu Rist gelangte kam ihr vorhin schon in den Sinn. Es sollte aber kein menschlicher Bote sein.

Der höfliche Mann erklärte Mei den Weg zur Falkenburg, diese befand sich sogar nur 10 Minuten Fußweg entfernt. Nachdem sie sich herzlichst bedankte, schritten die Männer wieder los und waren nach einiger Zeit nicht mehr zu sehen. Bei der heiligen Melitele wollten sie nicht noch mehr wissen und ließen sich schnell überzeugen. Mei atmete noch einmal tief ein, sog die moosige, kalte Luft ein und ließ sich auf dem kargen Steinboden nieder. Sie schloss die Augen, legte ihre Hände in den Schoß und murmelte etwas vor sich hin. Nach wenigen Sekunden raschelte und fiepte es neben ihr. Ein rotbraunes Fellknäuel mit einer großen schwarzen Nase und noch größeren gelben Augen, lugte zwischen einem Busch hervor und streckte neugierig den buschigen Schwanz in die Höhe. Geduckt und fast schon mit dem Boden verschmelzend, kroch ein adulter Fuchs zu Mei und legte vorsichtig seinen Kopf auf ihren Schoß. Die Frau in dem grünen Kleid hatte jedoch immer noch die Augen geschlossen und murmelte immer noch vor sich hin. Der Fuchs hob den Kopf und legte ihn schräg und starrte sie an. Keine andere Reaktion seitens Mei. Auffordernd stupste der Fuchs sie an und vergrub daraufhin seine Schnauze in ihren Händen. Sogleich begann Mei den Fuchs feinfühlig an der Schnauze zu streicheln. Das Fuchsmännchen genoss diese Zärtlichkeit und gab ein zufriedenes Knurren von sich und ließ seine Ohren entspannt sinken. Langsam öffnete Mei ihre Augen und blickte auf den sichtlich entspannten Fuchs, welcher sie in der Zwischenzeit schon komplett belagert hatte. Sie betrachtete ihn noch einen Augenblick, spürte das flauschige Winterfell unter ihren Händen und hörte dann schlagartig auf ihn zu streicheln. Empört hob er seinen Kopf und schaute die Zauberin in die Augen. Mei lächelte und stupste die große schwarze Nase des Männchens mit dem Finger an und sagte: „Genug gekuschelt. Würdest du mir einen großen Gefallen erweisen?“, sie wartete auf eine Reaktion und wurde nicht enttäuscht. Aufmerksam und wieder mit schiefem Kopf schaute der Fuchs sie an. „Ich habe hier einen Brief und der müsste so schnell wie möglich zur Falkenburg, besser gesagt zu Jarl Hjaldrist. Ich selber sollte aber aus Sicherheitsgründen nicht dort aufschlagen, sonst würde ich ihn persönlich überbringen. Und ganz ehrlich, dir vertraue ich hier mehr wie einem Boten. Ich laufe auch ein Stück mit dir mit.“ Wie von der Tarantel gestochen sprang der Fuchs freudig auf und hechelte aufgeregt. Tänzelnd signalisierte er, dass er sich der Aufgabe gewachsen fühlte und rannte schon zu dem schmalen Trampelpfad. Mei erhob sich und erinnerte sich an die Worte des Mannes, der ihr den Weg beschrieben hatte. Das Fuchsmännchen hüpfend und sie mit ordentlich Tempo hinterherlaufend begab sich das etwas schräge Duo zur Falkenburg. Die Umgebung während der kurzen Wanderung war wundervoll und trotz der eher tristen Winterlandschaft mit so viel Leben erfüllt. In der Zwischenzeit war die Sonne schon beachtlich weit gesunken, nicht mehr allzu lange und sie ging vollends unter um dem Mond gänzlich Platz zu schaffen. In der näheren Ferne konnte Mei das große Tor zur Falkenburg ausfindig machen und beschloss ab hier dem Fuchs die Leitung übernehmen zu lassen. Sie kramte in ihrem Ausschnitt nach den beiden Briefen und streckte erst den Jarls Brief ihm vor die Nase. Er schnüffelte daran und merkte sich den Geruch um später den Empfänger ausfindig machen zu können. Mei steckte diesen wieder ein und hielt ihm nun ihren geschriebenen Brief vor die Schnauze. Fast schon gekonnt schnappte er sich ihn und platzierte ihn zwischen seinen Zähnen. Er setzte sich hin und hob seine linke Pfote. Grinsend nahm Mei sie in ihre Hand und schüttelte sie zur Verabschiedung. Sie hauchte ein leises „Danke“ und der befellte Bote machte sich an sein Werk. Eher springend als rennend steuerte der Fuchs auf die Burg zu und war am Ende nur noch als kleiner brauner Fleck zu erkennen. Mei wartete noch eine Weile, bis sie sich sicher war, dass ihr Bote in der Burg war. Ihr war klar, dass er irgendein Schlupfloch finden musste um hineinzugelangen, da es ziemlich merkwürdig wäre, wenn plötzlich ein Fuchs mit Brief im Fang vor den Torwachen stehen würde. Wahrscheinlich hätten sie ihn eher verscheucht. Mei riss sich selbst aus ihren Gedanken und drehte ihren Kopf in Richtung eines kleinen Fensters in der Falkenburg. Eben noch dunkel gewesen, leuchtete plötzlich eine Kerze oder Fackel auf und man konnte eine schemenhafte Gestalt ausfindig machen. War es womöglich der Jarl oder gar Anna. Nie würde Mei dies erfahren. Sie hoffte nur, dass es ihr gut ginge und richtete ein Stoßgebet für sie zur heiligen Melitele gen Himmel. Auf das sie über die Schwarzhaarige junge Frau wache. Besorgt sah sie wieder zum Tor. Als sie sich sicher war, dass alles geklappt hatte, öffnete sie versteckt wieder ein bläulich schimmerndes Portal und war verschwunden.

Das Fuchsmännchen bremste kurz vor dem Tor ab, gerade so, dass die Wachen ihn nicht sahen. Erst nach rechts blickend, dann links, entschied er sich rechts nach einer Lücke in der Mauer oder einer anderen Möglichkeit zu suchen um ins Innere der Falkenburg zu gelangen. Sein Gesuch wurde bald belohnt, als er eine enge, bröckelige Stelle in der Mauer fand, an der sich bereits ein großer Busch am Mauerwerk zu schaffen gemacht hatte. Er legte den Brief kurz ab und buddelte sich einen schmalen Tunnel. Erst vergaß er fast das gefaltete Pergament und wollte ohne ihn losstürmen, als es ihm wieder einfiel. Mit etwas Dreck benetzt sah sich der Fuchs in einem kleinen Gärtchen wider. Schnüffelnd begab er sich hurtig zu einem großen, langen Gebäude in dem zwischenzeitlich Fackeln oder Öllampen erleuchtet wurden, da die Dämmerung allmählich eintrat. Schleichend entlang der Wand suchte er nach einer Öffnung um in das Gebäude zu gelangen. Er hatte nur den Fährtengeruch von Mei erhalten als sie ihn an dem Brief des Jarls hatte schnuppern lassen. Dieser roch für einen Menschen eher nur nach Essen aber das Männchen roch tiefer und hatte schon bald eine geeignete Fährte aufgespürt. Nach einigen Metern erblickte er eine Tür durch die gerade eine sehr junge Frau mit langen Zöpfen heraustrat und wohl zu den Stallungen eilte. In der Hoffnung es würde noch jemand die Tür öffnen, lauerte das Fuchsmännchen an der Wand um schnell hineinhuschen zu können. Kurze Zeit später drückte eine etwas ältere Frau die Türe auf und plärrte irgendwas Unverständliches in einem schrecklichen skelliger Akzent in das Gebäude hinein. Ohne zu zögern hüpfte das Tier mit einem weiten Satz aus seinem Versteck und schlüpfte durch die Tür. Jedoch nicht unbemerkt. Die Skelligerin schreckte auf und schrie wie am Spieß. „Ahhhh … was zum … Merrrleeeee … ah das geht bestimmt auf deinen Mist. Holst mir hier verlaustes Vieh ins Haus, ihhgitt!“

Viel mehr bekam er nicht mehr mit, da er seiner Fährte folgend quer durchs Gebäude raste. Einige Männer stellten sich ihm in den Weg. Diesen konnte er aber geschickt ausweichen und gelang so tiefer in das Gebäude. Bald hatte er sein Ziel erreicht. Nach wenigen Schritten befand er sich in einem großen, hell beleuchteten Saal wieder. Eingerichtet mit langen Tischen und sehr vielen Sitzgelegenheiten. Eine dieser Sitzgelegenheiten fiel im besonders ins Auge, ein Stuhl der wahrlich ein Thron sein könnte, sein Ziel. Von draußen hörte man Geschreie und harte Schritte. All das kümmerte den Fuchs nicht, er hatte seine Aufgabe vorerst gemeistert. Schade nur, dass der Empfänger nicht anwesend war. Vielleicht wurde dieser ja wegen des unbeabsichtigten Tumults aufmerksam und musste sich auf seinem Thron ausruhen.
Ausruhen war ein gutes Stichwort. Frech hopste er auf den Thron legte den Brief neben sich ab und machte es sich auf einem weichen Kissen bequem. Er entschied sich, hier auf den Jarl zu warten, früher oder später wird er wohl auftauchen müssen um seinen Pflichten nachzugehen. Gähnend und schmatzend rollte er sich ein, den Blick auf die große schwere Tür gerichtet, welche nur einen Spalt weit offen war. Schlagartig wurde diese aufgerissen und vier Männer stürmten herein. Gefolgt von der alten Frau. „Jetzt macht doch nicht so einen Tumult. Ich habe nur was Kleines mit Fell gesehen. Vielleicht war es auch irgendeine Katze.“ „Vorhin hast du gesagt, es war groß und hatte einen langen buschigen Schwanz. Kannst du dich mal entscheiden Weib. Der Jarl hat, bei Freya mehr zu tun als um sich um räudiges kleines Vieh in seinem Haus zu kümmern. Wenn es kein Monster ist, ist es auch keine Gefahr. Erschlag es, wenn du dem Vieh nochmal begegnest!“, schnauzte einer der Wachen die arme Frau an. Die beiden verfielen in einen kleinen Streit. In dem Moment betrat ein Mann mit dunklen, längeren Haaren, welche zu einem Zopf zusammengebunden waren, den Raum. Auf einem Kopf trug er einen wertvoll aussehenden Reif, wie eine Krone. Selbstbewusst und bestimmt trennte er die beiden Streithammel.

„Was ist denn hier los?“, begann er zu sprechen. „Tumult so früh am Abend, was soll das? Britta?“ Die ältere Frau, die mittlerweile ziemlich fertig aussah, antwortete erst etwas zögerlich. „Ich wollte zum Kräutergarten und plötzlich huschte durch die Tür etwas Felliges an mir vorbei ins Gebäude. Ich hab mich zu Tode erschreckt und laut aufgeschrien, aber ich denke es war vielleicht nur eine Katze. Tut mir leid für diesen Aufstand, Hjaldrist.“ Einer der Männer suchte währenddessen den Raum ab, blieb auf Hjaldrist’s Thron hängen und öffnete langsam den Mund um etwas zu sagen. „Keine Katze … ein wilder Fuchs hat sich hier Zutritt verschafft! Schaut mal da, der hat es sich auf dem Thron gemütlich gemacht.“, der Mann zeigte mit dem Finger zu dem hölzernen hohen Stuhl und dem darauf liegenden Fuchs. Hjaldrist grinste breit, denn so etwas hatte er noch nicht erlebt. Langsam ging er auf seinen Thron zu, um den Fuchs näher betrachten zu können. Er machte keinerlei Anstalten verschreckt wegzurennen, wie man es eigentlich von einem wilden Tier erwarten würde. Im Gegenteil, Hjaldrist konnte ihm so nah kommen wie er es zuvor nie konnte. Das war in dem Augenblick ein wunderschönes Gefühl. Das Fuchsmännchen hob seinen Kopf und schaute den Mann mit der Krone schräg an und bellte kurz auf. Dieser erschrak kurz und lachte auf. Erst jetzt fiel ihm der kunstvoll gefaltete Brief neben dem Fuchs auf. Aus Angst das Tier könnte ihn beißen, wenn er nach dem Brief griff, sprach er besänftigend auf ihn ein. Ruckartig schnellte das Tier hoch uns saß nun aufrecht da. Dabei fiel der Brief vor den Thron zu Boden. Mit dem Fuß versuchte der Jarl den Brief vorsichtig herzu fischen, da er immer noch die Befürchtung hatte der Fuchs könnte ihn zerfleischen. Ein ihm bekannter Duft stieg ihm in die Nase. Konnte das sein, dachte er sich. Er starrte erst auf den Brief, dann zu dem Fuchs. Ohne Vorwarnung sprang dieser auf und hüpfte an Hjaldrist vorbei zur offenstehenden großen Tür und verschwand.

„Schnell Olfir, renne hinterher und eskortiere ihn sicher wieder hier raus … schnell … im soll nichts geschehen!“, schrie der Jarl beinahe seine Wache an. Olfir glotzte ihn erst dümmlich an, tat aber wie ihm befahl und rannte dem Fuchs hinterher. „Was ist denn plötzlich los Hjaldrist? Warum soll Olfir einen wilden Fuchs hinausbegleiten?“, stammelte Britta fassungslos. Rist schaute auf den Brief in seiner Hand. Das Sigel erkannte er von einem anderen Schreiben das Anna vor einiger Zeit erhielt. Als er das Pergament umdrehte und die schöne schwungvolle Schrift erkannte, wurde seine Vermutung bestätigt. „An den Jarl, Hjaldrist Halbjørnsson Falchraite“ Ebenso roch das Papier leicht nach Vanille. Er war sichtlich erstaunt so schnell eine Antwort vom Silberfuchs zu erhalten und vor allem auf solch eine Art und Weise. Irgendwie hatte das Stil. „Weil der Fuchs einer Bekannten gehört, der ich einiges zu verdanken habe.“, antwortete der Jarl ernst …


Ach wie gut, dass niemand weiß...

Ach wie gut, dass niemand weiß...

Metagame

Von Peter

Februar 1279: Solonia, Königreich der zwölf Auen, in der Kronau

Es war früher Nachmittag, die Wintersonne schien über die verschneite Kronau und kitzelte Atheris in der Nase. Der Greifenhexer lag seit einigen Minuten versteckt hinter einem großen Felsen und beobachtete den Eingang zu einer alten Gruft. Hier hatte sich eine Gruppe von drei Ghulen versammelt, die sich wild über ein Stück Aas hermachten. „Sheyss, wir sind zu spät. Das wird wohl David gewesen sein!“ zischte der nilfgaarder Hexer leise. „Er hätte nie alleine losziehen sollen, der verrückte Junge“ erwiderte der junge Stallknecht Robert, der an der Seite von Atheris kauerte. Robert hatte sich bereit erklärt den Hexer zur verlassenen Gruft zu führen, zu welcher der Jäger David aus dem nahe gelegenen Dorf aufgebrochen war, um einem Gerücht über Monstersichtungen nachzugehen. „Und was machen wir nun? Dein Auftrag vom Bürgermeister lautete ja David zu finden und hier ist er, naja zumindest was von ihm übrig ist“ fragte er. „Ich werde mich um die Ghule kümmern. Ich habe einen mir heiligen Eid geschworen, Menschen vor solchen Bestien zu schützen, das ist meine Bestimmung als ein Vatt’ghern und ich gedenke diesen zu erfüllen!“ entgegnete Atheris und zog seine Silberklinge vom Rücken.

Aus einer Tasche, die er an der Seite trug holte er ein kleines Fläschchen und ein sauberes Leinentuch. Er entleerte den Inhalt auf das Tuch und fing an, die Klinge einzufetten. „Was machst du da? Das stinkt ja widerlich!“ fragte Robert leise. Der Stallknecht beobachtete mit großen Augen, den Hexer. „Nekrophagen sind an giftige Gase gewöhnt. Doch selbst die widerlichsten Ghule und Graveir sind den giftigen Wunden nicht gewachsen, die eine mit Nekrophagenöl bedeckte Klinge schlägt, so habe ich es von meinem Meister Valerian gelernt. Dieses Öl besteht im Wesentlichen aus Hundetalg und Pusteblumen, das klingt zwar nicht spektakulär, aber wird mir bei meinem Vorhaben gleich große Dienste leisten.“ erklärte Atheris ruhig. Sein Blick wanderte von der Klinge in seiner Hand zu den Ghulen. „Das Glück scheint mir hold zu sein, der Wind hat sich nicht gedreht, sie werden mich gegen den Wind erst spät wittern können.

Je näher ich an sie unbemerkt herankommen kann, desto leichter wird es für mich!“ fuhr der Hexer mit seinen Erklärungen fort. Er verstaute das Fläschen samt Leinentuch wieder in der Tasche, prüfte ob der Rest seiner Ausrüstung korrekt saß und erhob sich lautlos. „Se’ege na tuvean!“ flüsterte Atheris wie vor jedem seiner Kämpfe und schlich mit gezogener Klinge hinter dem Stein hervor. Wie eine Katze pirschte er sich durch den frisch gefallenen Schnee an seine Beute heran. Wenige Meter vor der Gruppe verharrte er für einen kurzen Moment, fokussierte sich auf den mittleren der drei Ghule und sprang mit dem Schwert über dem Kopf erhoben nach vorne. Die Silberklinge blitze in der Sonne, als sie aus der Kehle des ersten Monsters wieder zum Vorschein kam. Blut spritze auf den weißen Schnee und die Augen des Wesens erloschen noch während es verwundert auf die Klinge herabstarrte, die ihm das Ende bereitet hatte. Den eigenen Schwung nutzend zog Atheris sein Schwert aus dem erschlaffenden Körper um den Ghul zu seiner Rechten abzuwehren, der gerade mit einer seiner großen hässlichen Klauen nach seinem Bein griff. Wie ein heißes Messer durch Butter schnitt die scharfe Klinge durch das Fleisch und durchtrennte die Sehnen und Knochen des Unterarms, was mit einem qualvollen Heulen des Ghuls quittiert wurde. In einer flüssigen Bewegung ließ er die Klinge zur anderen Seite tanzen um dem letzten heranstürmenden Ungetüm entgegenzutreten. Atheris wich mit einem Ausfallschritt zur Seite aus und verpasste dem Ghul einen ‚en passant‘ Streich, welcher diesem die entblößte Flanke aufschlitzte. Der letzte verbliebene Gegner brüllte vor Wut, blieb aber auf Distanz. „Nou goed, lass es uns zu Ende bringen!“ schrie Atheris und sprang über eines der toten Wesen und stürmte mit erhobenen Schwert geradewegs auf den Ghul zu, welcher es ihm gleichtat. Kurz vor dem Zusammenprall wich der Hexer dem Angriff mit einer Hechtrolle aus und ließ den Ghul ins Leere stürzen. Atheris rollte sich schnell über die linke Schulter ab, drehte sich in der Hocke verbleibend halb herum und ließ die Klinge in einem weiten Bogen die Luft zerschneiden. Es war ein blinder Schlag, aber er traf das Monster noch am Hinterlauf und brachte es zu Fall. Langsam erhob sich der Hexer und ging in Richtung seines Opfers und gab dem sich am Boden wälzenden Wesen den Gnadenstoß.

„Warte noch hinter dem Stein Robert!“ rief Atheris in Richtung seines Begleiters. „Ich prüfe zuerst noch die Gruft!“ Nachdem er sich vergewissert hatte, dass kein weiterer Ghul in der Nähe lauerte, holte sich der Hexer jeweils die Köpfe seiner Beute und verstaute diese in einen großen Leinensack, den ihm Robert geholt hatte. Den Rest überließ er den natürlichen Aasfressern. Die Überreste von David brachten Robert und er in ein leeres Grab in der Gruft und verschloss dieses mit einem Steindeckel. Auf dem Rückweg zu den Pferden sprach der junge Robert: „Das sah ganz einfach aus, wie du mit den Monstern fertig geworden bist, sie hatten keine Chance gegen dich! Hätte ich schwerer erwartet.“ Atheris blickte auf den Jungen, der ihn freudig anstrahlte. „Das hängt von vielen Faktoren ab Robert.“ entgegnete Atheris freundlich und sprach weiter. „Ich wusste, welche Art von Wesen mich erwartete, ich kannte ihre Schwächen und war bestens vorbereitet. Mein Meister Valerian hat mir alles Hilfreiche über Ghule im theoretischen Unterricht beigebracht. Zudem hatte ich den Überraschungsmoment auf meiner Seite und letztlich gehört neben dem eigenen Können auch etwas Glück dazu.“ Der Hexer schmunzelte und fuhr mit seinen Erläuterungen zum Kampf fort, während der Junge ihm gefesselt lauschte. Einige Minuten später erreichten sie ihre Pferde und Atheris verstaute seine Ausrüstung in den Satteltaschen. „Ruhig Ker’zaer! Alles ist gut.“ besänftigte Atheris seinen großen Rappen, der vom Geruch der Trophäen nicht gerade begeistert schien. Anschließend stieg er in den Sattel und machte sich mit seinem Begleiter auf den Rückweg zum nahe gelegenen Dorf, um vom Bürgermeister das Geld für den Auftrag zu kassieren.

Drei Tage später:

Die Wintersonne war früh untergegangen und es zog ein kalter Wind durch die tief eingeschneiten Gassen des kleinen Dörfchens. In den Wohnhäusern war das Licht bereits erloschen und die Bewohner lagen in ihren warmen Betten und träumten vom kommenden Frühling. Lediglich in der Taverne zur ‚Goldenen Garbe‘, die direkt am Marktplatz lag, brannte noch Licht. Im Schankraum war nicht mehr viel los, ein wenig begnadeter Musikant zupfte an seiner Laute und versuchte sich eher schlecht als recht an ein paar Versen. In der Mitte der Schänke stand ein großer Tisch, an dem vier ältere Männer in ein Kartenspiel vertieft waren. Der Wirt und seine hübsche Schankmaid standen am Tresen und unterhielten sich gut gelaunt miteinander. Ein junges, wohl frisch verliebtes Pärchen saß eng umschlungen in der Ecke und vernachlässigten ihren bereits erkalteten Eintopf. Am Tisch neben den beiden saßen zwei junge Kerle, die es sich offenbar zur Aufgabe gemacht hatten, diesen Abend ihren Monatslohn zu versaufen. An der langen Tafel, die an der Stirnseite des Schankraumes stand und an der gut und gerne zehn Personen hätten Platz finden können, saß Atheris. Er hatte vor sich ein kleines Buch aufgeschlagen und füllte gemütlich dessen leere Seiten. Neben ihm stand noch der Rest von einem reichlichen Abendessen und ein Krug mit Rotwein. Bei einem Blick über seine Schultern konnte man die ersten Zeilen der Seite gut lesen: ‚Mein Name ist Atheris von Toussaint, ein Vatt’ghern der Greifenschule und dies ist meine Geschichte.‘ Atheris hatte sich schon länger vorgenommen seine Gedanken und Erinnerungen nieder zuschreiben und somit zu bewahren. Der Volksmund sagt nicht umsonst, dass noch nie ein Hexer alt und schwach in seinem eigenen Bett gestorben sei und Atheris fand die Vorstellung schön, dass eines Tages jemand das Buch in die Hände bekommen würde und für einen Moment die Erinnerung an einen Hexer mit dem Namen Atheris auf flackern würde. Natürlich war ihm bewusst, dass er weder ein bekannter Held noch ein sonderlich guter Hexer war, aber interessante Geschichten konnte er schon einige erzählen zum Beispiel über sein Leben als Vatt’ghern, über seine Zeit als Offizier im Dienste des Kaiserreichs Nilfgaard während der nördlichen Kriege oder über das Leben auf der Greifenhexerfestung Kaer Iwhaell mit all seinen Freunden. Der Gedanke an letztere ließ ihn unwillkürlich schmunzeln. Atheris blickte von seinem Buch auf und ließ den Blick durch den Schankraum schweifen und überlegte in welcher Form er erzählen sollte. „Eigentlich ist das doch irrelevant, ich bin kein Poet und letztlich kommt es auf die Geschichte an, die ich erzählen möchte“ sprach er mit sich selbst. Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Weinbecher und überlegte kurz, ob man dieses Getränk überhaupt Wein nennen durfte, denn mit den sehr guten Tropfen aus seiner Heimat Toussaint hatte dieser Fusel wirklich nichts gemein. Eigentlich war er schon viel zulange nicht mehr in seiner Heimat gewesen, mit den wunderschönen Weinbergen, dem milden Klima und den schönen Straßen der Hauptstadt Beauclair! Aber seit er aus der kaiserlichen Armee ausgetreten war und sich den Greifenhexern um Großmeister Valerian angeschlossen hatte, war einfach zu viel passiert und der Weg von Solonia nach Nilfgaard war ohne die Verwendung von Portalen nicht gerade der kürzeste. Atheris setzte wieder die Feder an und fuhr fort: ‚Soweit ich weiss bin ich der uneheliche Sohn des Grafen Ramon du Lac aus Toussaint, der aus einer Liebelei mit einer seiner Zofen hervorgegangen ist. Dies muss im Sommer 1220 gewesen sein, Genaueres habe ich nie herausfinden können.‘ Er schaute auf und blickte seine Hand an: wie 58 Jahre sah sie nicht aus, das musste an den Mutationen der Hexer liegen. Valerian hatte ihm einmal erklärt, dass der Metabolismus dadurch deutlich verlangsamt würde und der Alterungsprozess sich verzögerte. Wie alt dann wohl sein Meister sein musste? Der alte Mann war in einer körperlich sehr guten Verfassung nur beim Pissen über die Burgmauer hörte man ab und an die Beschwerden des Alters. ‚Als Bastard war ich am Hofe des Grafen politisch nicht gewünscht und ich wurde in sehr jungen Jahren zu den Vatt’ghern der Vipernschule gegeben.‘ Atheris nahm erneut einen Schluck aus dem Kelch, war es überhaupt von Belang, wo er herkam, wer seine Eltern waren und wie er aus dem elterlichen Haus gerissen wurde? Was wäre aus ihm geworden, wenn er am Hofe aufgewachsen wäre? Während er noch überlegte, flog auf einmal die Tür der Taverne auf und der junge Stallknecht Robert kam kreidebleich hineingestürmt und blickte sich in der Taverne um. Seine Augen fanden den ihm bekannten Hexer und er eilte zu ihm an den Tisch. „Atheris!“ keuchte er völlig außer Atem, „wir benötigen dringend deine Dienste!“ Atheris schob ihm den Weinkelch über den Tisch zu „Trink erst mal einen Schluck und dann erkläre mir in Ruhe, was ich für dich machen kann.“ Robert schob den Kelch dankend zur Seite „Wir haben keine Zeit dafür! Er hat das Baby meiner Schwester mitgenommen und hat das Dorf bereits verlassen!“ „Wer hat das Baby mitgenommen und warum?“ fragte Atheris überrascht. „Ein Kobolt war es! Erik, der Mann meiner Schwester, und sie selbst sind schon mit einigen anderen Knechten losgezogen, um die Verfolgung aufzunehmen! Ich bitte dich, beeile dich, helfe ihnen, du bist doch ein Hexer, du hast uns doch auch mit den Ghulen geholfen, verdammt, unternimm etwas! Sitze hier nicht einfach rum!“ kreischte Robert voller Panik. „In Ordnung, lass uns losziehen!“ mit diesen Worten erhob sich Atheris von der Bank, griff hinter sich und holte seinen Brustgurt mit den beiden Schwertern hervor, warf sie sich diese über die Schulter und eilte zur Tür. „Erzähle mir mehr, warum sollte ein Kobolt das Kind entführen, kennst du ihn etwa?“ fragte Atheris, während sie durch den tiefen Schnee liefen. „Er war des Öfteren zu Gast bei unserem Hof, ich weiß nicht genau, was er wollte oder um was es ging! Aber er war vorhin da und auf einmal gab es Schreie und als ich die die Stube kam, waren der Kobolt und das Baby weg und meine Schwester kniete heulend am Boden!“ antwortete Robert, der sichtlich Probleme hatte, mit dem Hexer Schritt zu halten. „In welche Richtung sind der Kobolt und die Verfolger gezogen?“ fragte Atheris und blickte sich suchend um. „Richtung Norden zum alten Wald, direkt hinter den Äckern! Es ist erst wenige Augenblicke her, sie können nicht viel Vorsprung haben!“ entgegnete der Stallknecht. „Hör mir zu Robert, du willst sicher deiner Schwester helfen, es ist aber wichtig, dass du zum Bürgermeister gehst und ihn bittest, die anderen Dörfler zusammenzutrommeln!“ entgegnete Atheris und zog seinen braunen Mantel enger um den Hals, es war bitter kalt und die Zeit drängte: bei der Kälte würde für das Baby nicht lange durchhalten, falls es der Kobolt böse mit ihm meinte. Atheris folgte der Dorfstraße Richtung Norden und schon bald fand er die Spuren der Verfolgten im tiefen Schnee und machte sich daran, sie einzuholen. Der Schnee peitschte ihm inzwischen schmerzhaft ins Gesicht und er verfluchte sich selbst zum wiederholten Male, dass er sich nicht noch mehr warme Sachen übergezogen hatte. In der kaiserlichen Armee sagte man immer, es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur die falsche Kleidung! Nach einiger Zeit erreichte er den beschriebenen Waldrand. „Die Spuren der Verfolger trennen sich hier, sie haben sich in Dreiergruppen aufgeteilt, offensichtlich haben sie die Spur des Kobolten hier verloren.“ sprach Atheris seine Gedanken laut aus. Er selber hatte bisher keine Spur eines Kobolten erkennen können. Bis hierhin hatte er nur Spuren der Verfolger gefunden. „Es müssten vermutlich kleinere Fußabdrücke zu sehen sein oder hatte der Kobolt etwa große Füße?“ dachte Atheris. „Um was für eine Art von Kobolt handelt es sich überhaupt? Kann er Magie wirken und somit seine Spuren verwischen! Verdammt, ich wünschte Valerian oder Raaga wären hier“. Raaga war einer der besten Fährtenleser, die Atheris jemals kennen lernen durfte und Großmeister Valerian würde in so einer Situation sicherlich durch seine Erfahrung wissen, was zu tun war. Atheris hatte im Vergleich zu den beiden einen Großteil seines Lebens in der kaiserlichen Armee gedient und war zwar ein gut ausgebildeter Soldat und oft auch hinter den feindlichen Linien als Aufklärer aktiv, aber für diese Art von Auftrag war er einfach der falsche Hexer am richtigen Ort. Letztlich entschied er sich einfach, die Richtung einzuschlagen, die bisher noch keiner der Verfolger genommen hatte. Selbst wenn es nicht richtig war, so konnte er zumindest den Suchradius erhöhen und einen weiteren Teil des Waldes absuchen. Der alte Wald mit seinen großen Bäumen wirkte in der winterlichen Dunkelheit schön und mystisch. Es war eine jener Gegenden, wo der menschliche Verstand einem allerlei Monster und Dämonen suggerieren konnte. Immer wieder verharrte Atheris und schaute sich um und versuchte, etwas Verdächtiges wahrzunehmen, aber da war einfach nichts. Etwa eine halbe Stunde später überlegte er sich, ob diese planlose Suche noch Sinn ergeben würde. Der Wald war sicherlich riesig und er könnte hier Tage lang durch die Gegend irren und nichts finden. Nicht einmal die anderen Dörfler, die auf der Suche waren konnte er noch wahrnehmen. Der Wald schluckte fast alle Geräusche. „Verdammt, es geht hier um ein kleines Baby, ein unschuldiges Leben! Mach was! Aufgeben ist keine Option! Denk nach!“ versuchte sich Atheris selbst zu motivieren und ging weiter. Als seine Verzweiflung immer größer wurde, fing auf einmal sein Hexermedaillon an, leicht zu vibrieren. Auch wenn er sich nicht sicher sein konnte, dass es was mit den Kobolt zu tun hatte, war es zumindest mal ein Zeichen, dass irgendetwas oder irgendjemand in der Nähe sein musste, das magischer Natur war. So schnell es ihm möglich war, nahm er die magische Fährte auf und rannte wie von Sinnen durch das Unterholz. Er sprintete eine längere Strecke als er vermutet hatte, demnach musste die Quelle der Magie relativ groß sein, sonst hätte das Medaillon nicht in so einer großen Entfernung angeschlagen. Schließlich gelangte Atheris an den Rand einer kleinen Lichtung, in deren Mitte tatsächlich ein kleines Männchen mit dem Rücken zu ihm stand. Vor dem Wesen in ein Tuch gewickelt lag das Baby auf etwas, das aussah wie ein großer Pilz. Um die beiden herum erkannte Atheris einen aus Steinen gebildeten Ring. Einer der Steine schien noch nicht lange an seinem Platz zu liegen, er war der einzige, der noch keine dicke Schneehaube trug. „Ist das etwa eine Art Portal?“ dachte sich Atheris. Er hatte vor einigen Wochen mit der Magierin Nella, einer Freundin Valerians, einmal über solche Steinportale gesprochen. Nella hatte ihn gewarnt, dass mit jedweder Art von Portalen nicht zu spaßen sei und man als nicht ausgebildeter Magier tunlichst die Finger von so was lassen sollte, aber er sah auf die Schnelle keine andere Lösung. Atheris trat auf die Lichtung, bückte sich beim Betreten des Kreises nach dem nicht schneebedeckten Stein und nahm diesen in die Hand. Das kleine Männlein drehte sich augenblicklich zu ihm um. Seine Fratze war angsterregend. Die zwei kleinen gelben Augen starrten Atheris aus einem voller Narben, Warzen und Falten verunstaltetem Gesicht entgegen, seine Nase war lang und sah aus wie die eines Boxers. Es trug einen langen Bart und grüne verdreckte Kleider. An der Hüfte des Kobolten konnte er ein kleines Messer erkennen. Die spitzen Zähne in seinem Mund kamen zum Vorschein, als es beim Anblick des Hexers anfing zu grinsen. „Was sehen meine alten müden Augen hier, ein Vatt’ghern, der auszog ein kleines Baby vor dem Bösen Monster zur retten, wie heroisch!“ sprach das Männchen zu Atheris. „und nun? Wirst du deine Silberklinge ziehen und mir das Baby mit Gewalt entreißen? Hast du auch das richtige Waffen-Öl aufgetragen?“ sprach der Kobolt mit einer für seine Größe sehr tiefen Stimme weiter. Atheris beobachtete die Bewegungen des Wesens weiter, nicht sicher, was er zu erwarten hatte. Er antwortete schließlich: „Es kommt auf dich an, wenn du mir das Baby aushändigst, habe ich kein weiteres Problem mit dir! Wie sieht es aus?“ Das Wesen antwortete ohne zu zögern: „Lass es mich erklären Hexer, es ist im Grunde ganz einfach! Ich habe mit der Bäuerin einen Vertrag. Ich habe ihr in einer Notsituation geholfen und sie hat mir ihr Erstgeborenes versprochen. Es ist also ähnlich wie bei euch Vatt’ghern die Kinder der Vorsehung.“ er machte eine kurze Pause und musterte den Hexer, bevor er fortfuhr: „Da mir die Bäuerin und ihr Ehemann das Kind aber nicht freiwillig geben wollten, trotz meiner höflichen Erinnerung und mit dem Verweis auf den Vertrag, habe ich mir das Kind letztlich selber geholt und ich möchte anmerken, ohne jemanden dabei zu verletzen.“ Wieder machte es eine kurze Pause, „Willst du mir also mein Anrecht auf das Kind streitig machen oder gestehst du ein, dass deine Auftraggeber im Unrecht sind? Es liegt also in diesem Fall bei dir Hexer, wie die Sache hier weitergeht!“ Das Wesen schwieg und wartete offensichtlich auf eine Antwort. Atheris überlegte einen Moment, der Kobolt hatte grundsätzlich nicht ganz unrecht, die Vatt’ghern hatten tatsächlich auch mit den Kindern der Vorsehung eine Art Entlohnung, die dazu führte, dass Kinder von ihren Eltern getrennt wurden. Atheris selber erging es ja in seiner Kindheit nicht anders, wobei in seinem Falle von einem liebenden Vater nicht dir Rede sein konnte und von seiner Mutter wusste er einfach zu wenig. „Ich kann deine Punkte verstehen!“ erwiderte Atheris nach einer kurzen Zeit. „Aber es ist moralisch nicht vertretbar, kleine Kinder von ihren Eltern zu trennen. Auch wenn wir Vatt’ghern es mit den Kindern der Vorsehung ebenso handhaben, rechtfertigt dies nicht deine Handlung. Ich persönlich und viele Vatt’ghern, die ich kennen gelernt habe, lehnen diese Praxis ab. Sie ist ein Relikt aus längst vergangenen, finsteren Tagen und hatte damals wie heute keine Daseinsberechtigung. Ich bin hier aber nicht derjenige, der für die Einhaltung von Gesetz und Ordnung verantwortlich ist, mir geht es hier und jetzt nur um das Wohlergehen des Babys und deswegen fordere ich dich auf, es mir zu übergeben und friedlich deines Weges zu ziehen.“ Atheris war sich nicht sicher, wie der Kobolt reagieren würde, machte sich aber auf alles gefasst. „Es tut mir leid, dass du es so siehst, aber ich werde nicht auf meinen Lohn verzichten!“ entgegnete das Wesen und seine Mine verfinsterte sich noch einmal, was Atheris gar nicht für möglich gehalten hatte. „Kann ich dich nicht mit etwas Anderem entschädigen? Wir können uns doch sicher auf ein faires Geschäft einigen!“ versuchte Atheris eine friedliche Lösung zu finden. „Man sagt euch Hexern nach, dass eure Lenden genauso vertrocknet sind wie die heißesten Wüsten und dass von dort kein Leben entspringt. Da ich jedoch für meine Vorhaben Kinder benötige, gibt es somit nichts, was du mir bieten kannst!“ lehnte der Kobolt kopfschüttelnd ab. „So sage mir, was hast du mit den Kindern vor?“ warf Atheris ein. „Das geht dich nichts an Hexer, es ist gleich ob ich Heroen ausbilden möchte, sie teuer verkaufe oder sonst etwas mit ihnen mache, es sind meine und damit muss ich mich nicht rechtfertigen und schon gar nicht gegenüber einem Rumstreuner wie dir!“ antwortete das Wesen scharf. „Wie kam es denn zu dem Vertrag mit der Bäuerin?“ versuchte Atheris die Lage zu entspannen. „Der Großgrundbesitzer, dem das Land gehört, welches die Bäuerin gepachtet hat, hatte gehört, dass sie aus Stroh Gold spinnen könne und da der Ehemann ihm noch einiges an Pacht schuldete, hat er sie gefangen genommen, damit sie ihm einen Strohballen in Gold umspinnt, ansonsten hätte er ihrem Mann seine Schläger auf den Hals gehetzt. Da sie allerdings keinerlei besonderes Talent hatte, habe ich ihr den Handel angeboten und meinen Teil der Abmachung auch eingehalten, wo wir wieder bei dem Baby und somit meinem Lohn wären.“ erzählte der Kobolt. „Warum um alles in der Welt sollte der Großgrundbesitzer glauben, dass die Bäuerin so etwas tun kann, ich bin kein Magier, aber Stroh in Gold zu transformieren habe ich bisher noch nicht gesehen. Die Bäuerin wäre zudem in der Lage, ihren eigenen Hof zu kaufen, wenn sie über so eine Fähigkeit verfügen würde, das ist doch kaum zu glauben!“ erwiderte Atheris. Der Kobolt setzte ein breites Lächeln auf: „Ihm werden schon die richtigen Beweise zugespielt worden sein!“ kicherte er. „Dir ist schon klar, dass die Geschichte meine Entscheidung, dir das Kind nicht zu überlassen, untermauert oder?“ erwiderte Atheris in einem schärferen Unterton. „Na wenn schon, du hast doch deine Entscheidung schon längst gefällt! Schon beim ersten Anblick deiner Fresse wusste ich, dass diese Nacht für dich nicht gut ausgehen wird. Ich wollte nur sehen, ob du wirklich so bescheuert bist, den Versuch zu starten, mir meine Beute zu entreißen!“ Mit diesen Worten zog das kleine Wesen blank. Atheris löste langsam sein Silberschwert vom Rücken, hielt es samt Scheide waagrecht vor sich und zog ebenfalls blank. Anschließend legte er die Schwertscheide ab, dehnte sich etwas und lockerte seine Muskeln. „Also lass uns beginnen!“ sagte Atheris und ging in seine seit Jahren gewohnte Ausgangsstellung mit dem Schwert erhoben über seinem Haupt. „Dann zeig mal was du kannst, ich habe gehört ihr Hexer seid schnell, wollen wir mal sehen wie schnell!“ mit diesen Worten schoss der Kobolt in einer unfassbaren Geschwindigkeit nach vorne. Es hagelte eine ganze Reihe von schnell ausgeführten Hieben und Stichen auf Atheris ein, nur mit Mühe konnte er das Wesen auf Distanz halten. Bisher war sein Freund Raziel der schnellste Schwertkämpfer gewesen, dem Atheris bisher begegnet war, aber dieses kleine Monster hier war bedingt durch seine Körpergröße noch gewandter als er. Nach einem ersten Schlagabtausch ließ das Wesen ab und sprach breit grinsend: „Es war ein Fehler von dir, du bist schnell, das muss man dir lassen, aber du bist bei weitem nicht schnell genug und wie ich sehe, hast du dir weder einen magischen Schild aufgebaut noch irgendeines eurer magischen Zeichen gewirkt, was ist los Hexer? Erkennst du den Ernst der Lage nicht, in der du dich befindest?“ Es stimmt, Atheris war zwar in seiner Kindheit als Vatt’ghern ausgebildet worden und durch die Kräuterprobe mutiert, aber seine damalige Schule war untergegangen und er war als Kind in die Hände des Kaiserreichs Nilfgaards gefallen, die ihn zwar hervorragend im Kampf ausgebildet hatten, aber eben nicht als Hexer. Erst Großmeister Valerian, dem er vor drei Jahren das erste Mal begegnet war, hatte ihn als Schüler aufgenommen und seine Ausbildung übernommen. Er war bei weitem nicht begabt genug, in einer Kampfsituation ein Zeichen wirken zu können. „Ach komm schon du kleiner Mann! Für so was wie dich benötige ich doch keine Magie, mit dir werde ich auch so fertig!“ brachte Atheris ruhig hervor. Beim nächsten Angriff sprang der Wicht kräftig ab und griff Atheris auf Augenhöhe an. Widernatürlich lang dauerte der Sprung und der letzte Stich des Angreifers durchstieß Atheris `s Deckung und die kleine scharfe Waffe drang tief in seine linke Seite ein. Atheris stöhnte auf. Der Kobolt stand wieder vor ihm und leckte das frische Blut von seiner Klinge. „Nicht schlecht mein lieber, nicht schlecht! Und damit meine ich nicht dein Können mit dem überdimensionierten Zahnstocher, sondern dein Blut. Es ist stark, schmeckt zwar wie bei Menschen üblich nach Eisen, aber durch aus zu gebrauchen!“ freute sich das Wesen und ging wieder in den Angriff über. Diesmal umkreiste der Kobolt Atheris und führte einige Scheinangriffe aus. „Beinarbeit…in Bewegung bleiben, lass dich nicht stellen! Halte ihn auf Distanz und setzte die Finten ein, die ich dir beigebracht habe!“ Valerians Worte, die er immer in den Übungskämpfen mit Raziel gebetsmühlenartig wiederholt hatte, schossen Atheris durch den Kopf. „Wenn er dir zu schnell ist, dann versuch ihn aus den Takt zu bringen! Setze die Zeichen sinnvoll ein, Aard kann deinen Gegner aus dem Gleichgewicht bringen, Blendbomben können dir für kurze Zeit einen Vorteil verschaffen und denk an deine Waffenöle, wenn der Gegner schnell ist, dann lähme ihn einfach! Mach es nicht so kompliziert! Nutze das Gelände zu deinem Vorteil!“ Ging die Predigt weiter. Atheris hatte leider keine Blendbomben am Mann, und um ein Waffenöl aufzutragen, war in Anbetracht der Lage auch keine Lösung, aber das Gelände nutzen, dass konnte funktionieren! Atheris spähte nach einer Möglichkeit, die ihm helfen konnte und tatsächlich kam ihm eine Idee. Er ließ sich von dem Wesen zurückdrängen bis er in einer größeren Mulde war, hier lag der Schnee deutlich höher und Atheris bemerkte sofort, dass der kleine Kobolt mit seinen kurzen Beinen mehr Schwierigkeiten hatte, seine Schnelligkeit auszuspielen. Einige leichte Treffer konnte er inzwischen auch verbuchen, aber die schienen seinen Gegner nicht zu beeinträchtigen. Atheris sammelte in seinem Inneren seine magische Energie und formte das Zeichen Aard. Er wirkte das Zeichen nicht direkt auf das Wesen, denn dafür war er viel zu schlecht, sondern er zielte mit dem Windstoß vor das kleine Männchen auf den Boden und blies ihm damit eine ordentliche Schneewehe mitten ins Gesicht. Den kleinen Augenblick, der sich bot nutze Atheris, machte einen großen Satz nach vorne und rammte mit aller Kraft sein Silberschwert in den Leib der Kreatur. Das grünliche Blut spritzte auf den weißen Schnee, und mit großen Augen starrte der Kobolt auf das Schwert, dass bis zum Parier in seinem Brustkorb steckte. Wie von einem Hammerschlag wurde Atheris von der kleinen Faust des Wesens getroffen und durch die Luft gewirbelt. Beim Aufschlag presste es ihm die Luft aus den Lungen und er sah nur noch verschwommen. Der Kobolt kam auf ihn zu, zog mit einem hasserfüllten Lachen das Schwert aus seinem Leib und warf es von sich in den Schnee. Atheris versuchte auf die Beine zu kommen, aber diese gehorchten ihn nicht mehr. Das Wesen näherte sich und sagte: „Ich habe dich unterschätzt, aber jetzt ist es mit dir vorbei, bereite dich auf dein Ende vor!“ Atheris tastete nach seinen Dolchen, die er immer am Oberschenkel trug und zog beide. Er hatte kaum noch Gefühl in den Händen, irgendwas muss beim Aufprall kaputtgegangen sein. Das kleine Männchen zögerte nicht und sprang ihn an. Mit seinen Händen, die es wie Klauen einsetzte, versuchte es Atheris das Herz herauszureißen und gleichzeitig ihm mit seinen Zähnen die Kehle zu zerfetzen. Einen Dolch hatte das Männchen ihm schon bei der ersten Attacke aus der Hand geschlagen, mit der zweiten stach er verzweifelt auf das Männchen ein, das aber die Wunden komplett zu ignorieren schien. „Verdammt, warum stirbst du nicht!“ schrie Atheris unter großen Schmerzen, er merkte wie seine Rippen brachen und der Kobolt den Brustkorb gewaltsam öffnete. Vollkommen verzweifelt und dem Ende nahe, griff Atheris nach der Sonne Nilfgaards, die er immer noch als Zeichen an seiner Jacke trug. Obwohl diese golden glänzte war sie doch vor allem aus Eisen gefertigt worden. Mit letzter Kraft wirkte er das Zeichen Igni und erhitze das Metall in seiner Hand. Dieses fing sofort an zu glühen und verbrannte Atheris die Handflächen. Wild schlug er mit den rotglühenden Sonnenstrahlen auf den Kopf und besonders auf die Augen des Kobolts ein. Immer mehr Energie legte Atheris in das Zeichen und das Metall fing an zu schmelzen. Aber es zeigte Wirkung, der Kobolt schrie vor Schmerzen und versuchte sich von Atheris zu lösen, dieser umklammerte ihn aber mit seinem freien Arm und zog ihn eng an sich. „Gloir aen Ard Feainn!“ schrie Atheris und mit einem letzten Schlag drang Atheris in das schreiende Maul des Wesens ein und dort ließ er das schmelzende Metall endlich los. Der Kobolt zuckte wild bevor er in sich zusammensackte und nur noch ein Röcheln von sich gab. Atheris stieß ihn von sich. „A d’yeabl aép arse, lieber lasse ich mir bei lebendigen Leib das Herz rausreißen, als meinen Eid nicht zu erfüllen!“ hauchte Atheris. Langsam kroch er auf das nur noch zuckende kleine Männlein zu, neben diesem lag im Schnee versunken sein Silberschwert, er nahm es in die unverletzte Hand und trennte mit vier Hieben das Haupt des Wesens von seinem Körper. Mit letzter Kraft krabbelte Atheris zurück zu dem Baby und umschloss es mit seinem Körper. „Ich schaffe es leider nicht mehr, dich in Sicherheit zu bringen, es tut mir unendlich leid!“ flüsterte Atheris ihm ins Ohr. Das Baby schien mit einem verspielten Lächeln zu antworten. Atheris schaute sich um, zog alle Tränke die er noch irgendwo am Körper fand raus und warf diese gegen einen Baum. Mit einem letzten Igni, das nicht mehr als ein Fünkchen Hoffnung war, setzte er alles in Brand und kauerte sich um das Baby zusammen. Die Hitze in seinem Rücken tat gut und nach einer kurzen Weile verlor er das Bewusstsein. Die Schatten, die sich schnell der Lichtung näherten, nahm er nicht mehr war.

Vier Tage später

Atheris öffnete die Augen und sah ein ihm alt bekanntes Gesicht. „Mei, was machst du hier in der Kronau?“ flüsterte Atheris, „wo ist das Baby?“ fuhr er fort. „Das, was ich immer mit dir mache, mein Guter, ich flicke dich wieder zusammen und du kannst dich beruhigen, dem Kind geht es den Umständen entsprechend gut und ist bei seiner Mutter!“ antwortete Mei lächelnd. In der Tat war es nicht das erste Mal, dass die Magierin Atheris retten musste und er war froh, sie zu sehen! „Wann können wir nachhause aufbrechen Mei?“ frage er. „In ein bis zwei Tagen teleportieren wir zurück nach Kaer Iwhaell, es ist einiges in Deiner Abwesenheit geschehen, aber jetzt ruhe dich erstmal weiter aus, diesmal war es verdammt knapp! Wäre ich auch nur drei Stunden später hier eingetroffen, hätte ich nichts mehr für dich tun können.“ antwortete sie und verließ das Zimmer. Atheris schloss wieder die Augen und schlief seelenruhig ein.


Reine Kopfsache

Reine Kopfsache

Metagame

Von Tobias Fels

Einige Tage vergingen, die Greifen waren bereits wieder von Ihrer Reise nach Amerion in Kaer Iwhaell eingekehrt und gingen ihrem Tagwerk nach. Lediglich Valerian fehlte, er brach direkt zu einer Expedition in ferne Lande auf.

Eines frühen Morgens allerdings kam der Meister in einen Wollmantel gehüllt die nebelverhangene Straße zur Burg hinauf. Raaga und Wim waren bereits wach und spalteten Holz im Burghof, der Vorrat für den nahenden Winter musste aufgefüllt werden. Wim kam kaum hinterher die Holzscheite bereit zu stellen, Raaga spaltete diese mit einer rasenden Geschwindigkeit und Präzision. „Verflucht, Raaga! Ich hätte dir nie die Axt in die Hand drücken dürfen!“ Fluchte der verschwitze Wim keuchend vor sich hin. Raaga hingegen schien entspannt, man merkte ihm die Anstrengung nicht an. Als ob er in Trance wäre schwang er die Axt im Rhythmus und spaltete die Holzklötze einen nach dem anderen. Kein Tropfen Schweiß war zu sehen, Wim hingegen war kurz vor der totalen Erschöpfung und keuchte immer mehr. Schmunzelnd schaute der vermummte Valerian dem Treiben vom Burgtor aus zu. Als er den ersten Fuß durch das Tor setzt knarzte der Kies unter seinen Füßen. Sofort wachte Raaga aus seiner Trance auf, in einer schwungvoll, fast tänzelten Bewegung griff er nach einer Wurfaxt an einer Hüfte, aus einer Drehung heraus schleuderte er diese in die Richtung, aus der das knarzen kam. Valerian drehte seinen Oberkörper gekonnt zur Seite, ohne überhaupt in die Richtung der herannahenden Axt zu schauen. Als diese ihn passierte, drehte er sich gänzlich mit und griff schnell nach dem rotierenden Projektil. Mit der Axt in der Hand stand er nun da, etwas entrüstet. „Raaga…. Erst Fragen dann werfen! Stell dir vor ich wäre ein Lieferant von Ludwig gewesen!“ Raaga, der bereit eine Kampfposition eingenommen hatte, entspannte seine Muskeln, Wim lag da, keuchend und nach Luft japsend. „wa… waa… was ist los?“ fragte er als er den Kopf hob und auf Raaga blickte. Dieser trieb die Axt in den Hackklotz, stieß ein tiefes Grunzen aus und ging langsam auf Valerian zu. Er schloss den alten Mann in die Arme „Schön dich zu sehen!“ Wim im Hintergrund hob lediglich die Hand und praktizierte etwas, was man mit viel Wohlwollen als Winken hätte identifizieren können.

Schnell machte Raaga sich daran Valerian über den momentanen Stand zu informieren: „Es ist viel passiert in der letzten Zeit, der Troll hat den Holzfällern ein Fass Bier gestohlen, sie verlangen Wiedergutmachung und weigern sich solange mehr Holz zu liefern. Mei kommt nur sehr selten aus ihrem Turm heraus, oft blutverschmiert, weil sie eine Taube gerissen hat. Der Faun beschwert sich laufend darüber, dass der Troll die ganzen Blumen zertrampelt. Logan hat sich beim Training die Hand gestaucht, Atheris jagt ein paar Ghule in der Kronau. Wim verhält sich glücklicherweise unauffällig, aber der Kerl macht schneller schlapp als ein Freier in der Passiflora. Vertigo weigert sich etwas zu essen oder zu trinken bevor es nach Gift untersucht wurde. Nella klagt seit Tagen über lähmende Kopfschmerzen, die sie fast in den Wahnsinn treiben. Ludwig hat einige Lieferungen mit Nahrungsmitteln einlagern lassen. Heskor ist laufend unterwegs, wer weiß was der schon wieder treibt. Ach, und ein Haufen Briefe liegen in deinem Studierzimmer, neue Steckbriefe und Aufträge sind auch dabei.“

Valerian nickte kurz und ließ Raaga und den erschöpften Wim im Burghof stehen. Er betrat die Taverne, warf seinen Mantel auf einen der Stühle. Kurz musterte er das Chaos der letzten Nacht. Die Luft war erfüllt von dem Geruch von Met und Braten. Heskor, ein paar Holzfäller und Bauern, sowie ein paar Mitarbeiter von Ludwig lagen teils auf und teils unter den Tischen. Der Hexer durchquerte leise den Schankraum, schritt das Treppenhaus hinauf und ging den Gang nach rechts zu seinem Studierzimmer. Von links hörte er Vertigo und Logan sich lautstark unterhalten, durch die offenen Fenster begannen die ersten Vögel ihr zwitschern. Mit einem zufriedenen Lächeln griff er nach der Türklinke. „Zuhause…“ Dachte er verträumt und drückte die Klinke nach unten. Knarrend öffnete sich die schwere Holztür und er trat in sein Reich. Es roch nach Tinte und verkohlten Ingredienzien seines Alchemielabors, auch den Geruch der alten Pergamente konnte der Hexer wahrnehmen. In dem Moment, als sein zweiter Fuß den Raum betrat und die Tür in ihr Schloss fiel, bemerkte der Hexer mit seinen übernatürlichen Sinnen, ein ganz feines magisches Surren. Die vorher vernommenen Stimmen Vertigos und Logans waren verstummt, kein Zwitschern der Vögel war mehr zu vernehmen und die vielfältigen zuvor aufgenommenen Gerüche waren ebenfalls nicht mehr zu erschnüffeln. Misstrauisch musterte Valerian jede Ecke, während seine Hand langsam in Richtung seiner Schwerter auf dem Rücken glitt. Schritt für Schritt ging er tiefer in den Raum hinein…

An dem Großen Tisch vorbei langsam lugte er um die Ecke und schaute in sein Studierzimmer auf den großen alten Eichenschreibtisch, dort saß eine Gestalt, die Gugel tief in das Gesicht gezogen, bekleidet mit einer einfachen dunkelgrauen Robe, seine Hand lag auf einem Zettel, die Schrift war ihm bekannt, es war Nellas Notiz, die sie vor kurzem anfertigte und den Inhalt des verschlüsselten Briefs enthielt, den Wim nach seiner langen Abwesenheit anschleppte. Der Hexer achtete auf jedes Detail, die Hand war übersät mit Narben, ebenfalls der Teil des Unterarms, den er erspähen konnte, keine Narben, die durch kämpfe entstanden sind, es waren Narben die man durch Selbstverstümmelung kannte. Dieser man muss sich oft ins eigene Fleisch geschnitten haben oder er wurde gefoltert. Es waren keine frischen Narben.

„Valerian, Draugr von Novigrad, Meister der Greifenschule…“ eine raue und dunkle Stimme sprach diese Worte langgezogen langsam und mit bedacht. „Lasst euer Schwert stecken, es wird euch hier nichts nützen!“ Während der Fremde diese Worte von sich gab hob er langsam die Hände, griff nach der Gugel und strich diese nach hinten. Valerian kam angespannt hinter der Ecke hervor und wollte gerade etwas sagen. „Wer ich bin? Mein Name lautet Veritas Sarpedon. Versucht nicht nach euren Gefährten zu rufen, euch wird keiner hören und eure Waffen sind nutzlos. Zu einem bin ich keine Gefahr für euch zum anderen befinden wir uns in einer Metaebene, ähnlich der Astralebene, niemand würde uns sehen oder hören.“ Valerian musterte das Gesicht des Fremden, es war ein älterer Mann mit langen braunen Haaren durchzogen von weißgrauen Strähnen. Die Augen waren übernatürlich rot, aber ein grauer Schleier überzog diese. „Wir müssen reden…. Dringend!“ Die leeren Augen des alten Mannes durchdrungen Valerian geradezu. „Ihr habt einen Mann unter euch der eine Gefahr für die zwölft Auen, gar ganz Solonia darstellt. Wim Delvoye, oder sollte ich besser das benennen das sich in ihm befindet? Isador Sajuré!“ Er tippte mit der linken Hand auf die Schriftstücke. „Ich nehme an ihr kennt bereits die Geschichte, was damals passiert ist? Jetzt wisst ihr auch was genau er getan hat…!“ Er hob den entschlüsselten Text in die Höhe. „Der Transhumane Psyingress…. Leider fehlt euch ein Stück dieses Puzzles, oder besser gesagt ihr besitzt ein mickriges Stück in einem Bild aus ein tausend teilen. Setz dich Hexer, lass uns dieses Puzzle vervollständigen.“ Valerian kam langsam näher, er analysierte die Lage, den Raum, mögliche Gefahren, dann ging er auf den großen Schreibtisch zu und setzte sich auf einen leeren Stuhl der Veritas gegenüber stand. „Ihr wisst also mehr über Wim als wir?“ Er blickte den Mann fragend an „Nein, über Wim weiß ich kaum etwas, aber über Isador weiß ich einiges!“ Die Miene des Fremden verfinsterte sich etwas als er den Namen aussprach „Diesen Teufel kenne ich nur zu gut und auch was passiert, wenn ihr nicht bald eingreift. Die Zeichen stehen schlecht! Ich warne euch eindringlich Wim darf nichts von diesem Gespräch erfahren, deswegen diese Metaebene. Er darf auch nichts von euren Vorbereitungen wissen! Isador sieht und hört alles was Wim hört und sieht! Wenn er erahnt wie nah ihr ihm kommt, wird er sich vorbereiten. Es ist schon eine Katastrophe das er weiß das ihr vom Psyingress wisst. Er hat sich euch gezeigt, nicht wahr? Er hat Angst auf den letzten Metern aufgehalten zu werden.“ Der Fremde richtete seinen Oberkörper auf und stütze seine Ellbogen auf den Tisch. „Ich muss einige Dinge vorbereiten. Ich werde wiederkommen, in der Nacht des blutigen Mondes müsst ihr bereit sein. Nur in dieser Nacht kann der transhumane Psyingress erfolgreich ausgeführt werden und das müsst ihr! Ihr müsst zu Isador hinein, bevor er heraus zu euch kommen kann. Es wird ALLES von euch abverlangen und allein werdet ihr nicht siegen Valerian. Weiht eure Vertrauten ein, aber warnt sie vor, ein mancher könnte nicht wiederkehren!“ Die Stimme des Fremden wird leiser und das Bild vor Valerians Augen verschwimmt. Mit einem Zischen zersprang die Szene, Valerian saß in seiner Stube, vor ihm Nella, ihre Haare wehten, als ob ein Windstoß sie ergriff. Dokumente flogen durch den Raum und Staub wirbelte auf. Die Magierin hielt sich die Schläfe und stöhnte vor Schmerzen, doch im selben Moment riss sie erschrocken die Augen auf und starrte fragend auf den plötzlich erscheinenden Hexer.


Konsequenzen

Konsequenzen

Metagame

von Earl

Im Westen hinter dem großen Turm ging gerade die herbstliche Sonne unter und tauchte das Land ringsum in ein erhabenes Gold. Der Redanier kam näher. Mit der einen Hand führte er sein erschöpftes Pferd am Zügel, mit der anderen, bandagierten Hand hielt er sich die Seite. Dahin trottend, ausgezehrt, müde und hungrig, schob er sich den roten Hut mit den Rabenfedern in den Nacken. Unter seinen beschlagenen Schuhen mit den Sporen knirschte der Sand und das Hufgeklapper hallte von der Ringmauer Kaer Iwhaells wider. Hieronymus passierte das offene Tor, aus dem großen Marstall drangen Lärm und Stimmengewirr. Abendbrotzeit. Er seufzte und wandte sich nach rechts zu den Stallungen.

Drinnen war es stickig und nur ein dünner Strahl schummrigen Lichts drang durch die kleine Öffnung unterhalb des Giebels. Hieronymus „Vertigo“ Katz vom Aschenberg band seinen Fuchs Philipp zum Absatteln kurz neben „Opa“ Valerians Falben an und als er fertig war humpelte er noch einmal mit einem Eimer nach draußen und füllte diesen im großen Trog. Als er wieder herein kam band er sein Pferd los und führte Philipp weg von Valerians Franziska, wobei er bemerkte, dass sich Philipp offenbar nur ungern von Franziska weg in den hinteren Teil der Scheune bringen ließ. Vertigo füllte Philipps Tränke auf, holte einen Arm frisches Heu und eine Hand voll Mohrrüben aus dem Vorrat und fütterte sein Pferd liebevoll. Als der Fuchs endlich fertig war, streichelte Hieronymus noch einmal den starken Hals und flüsterte: „Gut gemacht, Philipp.“ Dann ging er nach draußen und schloss das Tor.

Gerade als er sich umdrehte lief ihm Logan über den Weg. „Vertigo! Du hier? Du warst doch mindestens einen Monat weg. Sag mal, was ist denn mit dir los? Du siehst gelinde gesagt beschissen aus. Dein Auge, dein Bein? Was hast du mit der Hand gemacht?“Hieronymus blickte finster drein. „Ja, ich freu mich auch dich zu sehen. Später ja? Sag Valerian und den anderen Bescheid. Greifenrat! In seinem Studierzimmer. Aber lass ihn ruhig fertig essen.“ Ohne Logan eines weiteren Blickes zu würdigen verschwand der Redanier hinüber zum Treppenhaus.

Hieronymus war hinauf ins Zwischengeschoss gestiegen, hatte die Kette mit dem Schlüssel vom Hals genommen und die Eichentür zum Kontor geöffnet, anschließend hatte er sich eine Flasche des leuchtend orangenen ylosianischen Zwergenschnapses geschnappt, ein passendes Kristallglas dazu und sich auf den Weg zu Valerians Büro gemacht. Nicht ohne vorher in aller Gründlichkeit die Türe wieder zu verschließen.

In Valerians geräumigem Zimmer angekommen, ließ er sich in dem gepolsterten Scherenstuhl hinter dem mit Pergamenten und Papieren überfüllten eichenen Schreibtisch nieder. Ein Seufzer. Und dann ein lautes Plopp als er die Flasche des starken Alkohols entkorkte. Während er sich zwei Finger breit Schnaps eingoss blickte er sich im Raum um. Seit er hier zusammen mit Bertram Groll während der Belagerung durch Redanien das letzte Mal gesessen hatte, hatte sich der Raum kaum verändert. Auf dem Alchemietisch waren einige Kolben hinzu gekommen. Es standen ein paar neue Bücher im Regal (Zerbrochene Träume: Wenn sich das Schicksal wendet, Grausige Wesen der Tiefe, Wanderungen mit Werwölfen) und ein oder zwei hässliche neue Monstertrophäen standen auf der Kommode.

Während er so seinen Blick schweifen, die Gedanken kreisen und den ylosianischen Rachenputzer die Kehle hinunter rinnen lies, vernahm er plötzlich Schritte auf dem Gang. Er sprang auf, flitzte zum runden Ratstisch und ließ sich schnell auf einem der harten Holzstühle nieder. Keine Minute zu früh, denn schon flog die Tür krachend auf und nacheinander kamen Valerian, Raaga, Heskor, sowie Atheris, Wim und Nella herein. Das große Stühle rücken begann und als es endlich wieder still wurde fragte Valerian: „ Also? Du bist wieder da. Aber was soll dieser riesige Aufriss? Greifenrat? Wozu? Und wie siehst du überhaupt aus?“ Dies war eine überaus berechtigte Frage, denn tatsächlich war Vertigos äußeres Erscheinungsbild mehr als dürftig. Die Hose war dreckig, verkrustet und nur unzureichend geflickt worden. Der Verband an der linken Hand war seit einigen Tagen nicht gewechselt worden. Das Gesicht war zerschunden und mit Blutergüssen in allen Farben des Regenbogens übersäht. Und als Krönung des ganzen konnte man wohl die schlecht verheilte Wunde bezeichnen, die sich quer über sein linkes Auge zog. Dieses sah in der Tat sehr ungesund aus, hatte doch die Iris ein helles weiß, umschlossen von einem unregelmäßigen Ring Rubinrot angenommen. Der junge Redanier war wirklich in einem erbärmlichen Zustand. „Ja pass auf. Die Sache war die… Also ich sollte ja nach Bogenwald reisen. Einerseits um nach >>ihr<< zu sehen, andererseits…“, weiter kam er nicht, denn Raaga unterbrach ihn: „Welches >>Andererseits<<? Du solltest nach ihr sehen. Fertig. Sie einige Tage beobachten. Wie sie mit dem Befall fertig wird. Nichts andererseits. Oder irre ich mich da?“ Vertigo nahm einen großen Schluck vom Schnaps. „Also, als wir diesen Fisstechschieber hops genommen haben, haben wir ja auch Fisstech sicher gestellt. Gestreckt wie Sau. Mit Asche und so. Als dieser Drogenhändler abgeurteilt war, hat Nella ja den Rest dieses Teufelszeugs verbrannt. Aber…“ Valerian schlug sich vor die Stirn. „Oh Vertigo!“ „Nein, Nein. Nicht wie du denkst. Also. Ich habe eine kleine Phiole zurück behalten. Um es genauer zu analysieren und eventuell Rückschlüsse über die Herkunft zu erlangen. Nun, Anna hat es untersucht. Dieses Fisstech enthält Bestandteile, die in dieser Zusammensetzung hauptsächlich in Redanien verwendet werden.“

Da staunte sogar der nilfgaarder Hexer Atheris über so viel Scharfsinn und Vertigo erntete einige anerkennende Blicke. Heskor fragte neugierig: „Sag mal Vertigo. Könntest du mir das Fläschchen mit dem Rest vielleicht geben, dann würde ich es auch noch mal eingehend untersuchen. Vielleicht fällt mir ja noch irgendwas auf.“ Mit einem Mal wurde es sehr warm unter Vertigos Hut und er musste ihn abnehmen. Die anderen mussten seine Nervosität gespürt haben, denn nun hakte Nella nach: „Du hast es doch noch oder?“ „Nein, also wisst ihr da war dieser Hexer und ähm wisst ihr also…. Tja also… Scheiße. Nein. Ich hab es nicht mehr. Da war dieser Wolfshexer Balthar. Wir haben einen Abend zusammen im „Torkelnden Schurken“ gezecht. Es sind einige gute Liter Alkohol geflossen und Balthar zog sich eine Prise Nasentrost nach der anderen rein. Bis der Tabaksbeutel leer war. Und tja, es war eben schon etwas später und wie gesagt, der eine oder andere Kräuterwodka war schon in unseren Kehlen verschwunden. Und da dachte ich irgendwie es wäre eine gute Idee, ihm eine Nase von dem Fisstech zu gönnen. Nur eine Nase. Also bin ich durch die Bruchengasse rüber in die Messergasse zu meiner Herberge. Hab das Fläschchen raus gekramt und als ich ihm dann die Phiole im „Schurken“ gegeben habe, da hat er doch glatt das Fisstech unter unserer Zecherrunde, die übrigens beträchtlich war, verteilt und irgendwie kam das eine zum anderen und es wurde eine wilde Fisstechfeier.“, erlahmte Vertigos Stimme. Er lauschte auf das große Donnerwetter. Die Vorhaltungen, die Flüche. Doch es kam nichts. Irgendwann sagte Valerian langsam: „ Schade drum. Naja wenigstens wissen wir jetzt ein bisschen mehr. Und ihr hattet irgendwie ´nen guten Abend in der Taverne. Is ja auch was wert. Irgendwie.“

„Was ist jetzt aber mit deinem Auge und mit deinem Finger passiert?“, lies sich Wim vernehmen.„Das hier“, sagte Vertigo und hob die bandagierte linke Hand hoch und deutete mit der gesunden rechten auf sein zugeschwollenes Gesicht, „habe ich ihr zu verdanken. Naja, eigentlich ihm. War einer dieser Anfälle, die sich übrigens häufen. Sie hatte fünf Stück während ich dort war.“ „Wirklich?“, fragte Nella und blickte Vertigo tief in die ungleichen Augen. „Wirklich“, antwortete dieser. „Naja, der Zeigefinger ist mittlerweile taub, aber das kann Mei sicher schnell richten“, sagte Vertigo leicht hin. Atheris lächelte unangenehm. „Die ist zurzeit außer Haus. Nella kann dir den Finger aber sicher braten oder pulverisieren, wenn du das möchtest. Alternativ könnte ich ihn dir mit meinem Schwert abschnei…“ „Am Arsch die Räuber! Sicher nicht! Ich warte lieber, bis Mei wieder da ist, bevor ich dich mit deinem schlecht gewetzten Schlachtermesser da ran lass.“ Schnell unterbrach Raaga die beiden, denn er sah bereits einen ihrer üblichen Streits herauf ziehen. „Dein Auge? War das auch sie?“ Vertigo seufzte: „Nee du. In Bogenwald gab es ein Turnier. Allerdings wurde scharf gefochten und so eine unsäglich bescheuerte Magierin hat nichts Besseres zu tun, als sich ein Schwert zu nehmen, gegen mich anzutreten und mir mit einem unbeholfenen Streich das scheiß Auge aus dem Schädel zu puhlen! Kaum hatten es die Heiler wieder drin und mich schön unter Opiate gesetzt, kommt sie doch einfach her und versucht, unfassbar blöd wie sie eben ist, ungefragt obendrein, das Auge magisch zu heilen! Ist es denn zu fassen? Und dann legt sie nicht genug Kraft in den Spruch um die magische Barriere rund um Bogenwald zu brechen. Das Auge ist also fast heil. Nur seh‘ ich plötzlich alles rot.“ „Tust du das nicht eh?“, lies sich Atheris hören. „Ich seh also alles rot. Ich geh zu ihr hin und sag >>He du. Erst machst du mein Auge kaputt und dann ruinierst du auch noch das Werk der Heiler<<. Sie entschuldigt sich, versucht es also abermals und dieses Mal scheint es zu klappen. Und dann schau ich am nächsten Morgen beim hmm..hmm… >>Verlassen<< des Dorfes in den Spiegel und hab da plötzlich diesen magischen Unfall im Gesicht!“

Nella prustete los. „Ein Redanier wird von einer Magierin aufgeschlitzt, geheilt und dann schrecklich entstellt. Hast du dir das nicht bloß im Fisstechrausch zusammen fantasiert?“ Vertigo brauste auf: „Pass mal auf Nella. Ich hab zwei beschissene Wochen auf See hinter mir und drei noch beschissenere Tage auf Siofra! Ich hab mir das nicht ausgedacht! Ich bin wahrlich kein Befürworter von Novigrader Praktiken, aber für sie würd‘ ich ein kleines Feuer anzünden. Darauf kannst du Gift nehmen.“

„Vertigo. Beruhig dich.“, bellte Raaga. Augenblicklich herrschte Stille. „Danke Raaga. Gift nehmen. Womit wir wieder beim Thema wären. Haben wir irgendwelche neuen Spuren, seit dem Giftanschlag in Alkalsa gefunden? Abgesehen von dem redanischen Militärausweis und der Erkenntnis, dass es sich um Henkersgift handelte?“ Heskor räusperte sich: „Ich habe meine Kontakte spielen lassen. Die haben aber nichts besonderes heraus gefunden. In der Unterwelt Solonias hat es in den letzten 2 Jahren schon einige Veränderungen gegeben. Hauptsächlich Zwerge aus Ylos, die hier ins bandenmäßige Schmugglergeschäft eingestiegen sind und damit die kleineren Banden aus dem Spiel gedrängt haben. Es gab einige Gerüchte über einen besonders brutalen Trupp. Aber bestätigt sind die nicht. Entweder es war nur dummes Gerede oder die Kerle halten zurzeit die Füße still.“ Wim hustete in die Stille hinein. „Meine Kontakte zum königlichen Geheimdienst haben in dieser Richtung auch wenig ergeben. Von Amerion her soll eine neue Familie ins Spiel gekommen sein und sich irgendwo in den zwölf Auen nieder gelassen haben. Aber die verwischen ihre Spuren zu gut. Tut mir echt leid.“ Er zuckte mit den Schultern. „Hmm. Dann sollten wir weiterhin vorsichtig sein. Zu den verbliebenen vier Flüchtlingen wissen wir auch nichts Neues oder Vertigo?“ Valerian blickte aus seinen Katzenaugen hinüber zum Redanier. Dieser schüttelte den Kopf. „Die Spur verläuft sich im Umland von Weißenborn. Aber offenbar sind sie immer noch hier im westlichen Solonia. Ich frage mich, wieso sie nicht in die nördlichen Königreiche zurück gekehrt sind.“

Während Hieronymus seine Gedanken ausgeführt hatte, war Valerian aufgestanden und hinüber zum Fenster gegangen. Er blickte hinaus, über das weite Land der Schwertau, welches nun von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne in ein samtiges Rot getaucht wurde. Was ging tatsächlich dort draußen vor? Die ganze Situation kam ihm mit einem Mal sehr bedrohlich vor. Giftanschläge aus der Unterwelt, Geheimagenten des Feindes in Solonia und dann auch noch der zusehends außer Kontrolle geratende Elf. Er wandte sich um und schaute in sechs fragende Gesichter. Sie alle erwarteten offenbar eine Entscheidung. „Nun gut. Ich schlage vor wir halten nach wie vor, wie Heskor so schön sagte, die Füße still. Aber wir erhöhen die Vorsichtsmaßnahmen. Nachts eine zusätzliche Wache am Zugang zum Vorratskeller. Ich will keinen zweiten Anschlag riskieren. Stichprobenartige Prüfung der Vorräte bei jeder Lieferung. Und weil wir gerade davon reden. Hinrick aus Weißenborn macht Probleme. Er will neue Vertragsbedingungen für seine Lieferungen aushandeln. Raaga, Nella und Vertigo, ihr macht euch nächste Woche auf den Weg und kümmert euch darum. Vielleicht findet ihr ja doch noch etwas raus, bezüglich der Flüchtlinge. Ich schlage vor wir gehen jetzt alle in die Schänke und genießen den Rest des Abends. Alle außer Vertigo! Tut mir leid, aber du brauchst erst mal ein Bad.“


Eine kleine Reise ins Drachental

Eine kleine Reise ins Drachental

Metagame

Es war in einer dieser scheinbar unauffälligen Sommertage auf Kaer Iwhaell. Die Hexer waren, wie so oft unterwegs, entweder um Aufträge zu erfüllen oder die Lehrlinge in die Spur zu schicken. Auf der Burg war dennoch regsames Treiben. Der Dachstuhl musste nach der Belagerung erneuert werden und auch sonst fielen überall Kleinigkeiten an, die gemacht werden mussten. Dennoch war Nella irgendwie unruhig, als wüsste sie, dass irgendwas bevorsteht. Ob das Ereignis positiv oder negativ sein würde, wusste sie noch nicht. Daher beschloss sie sich vor dem Marstall eine Decke hin zu legen, um darauf zu meditieren und ab zu warten was kommt. Als plötzlich zu ihr in ihrem Geist eine sehr bekannte Stimme sprach: „Es wird Zeit, dass du die Heimat meines Sohnes kennen lernst. Ich habe ihn losgeschickt um dich hier ab zu holen. Bitte heiße ihn herzlich Willkommen.“ „Ich wollte schon immer wissen, wo Lennox herkommt. Ich habe ja schon einige Sachen von ihm erzählt bekommen. Ich bin bereit dafür!“, antwortete Nella der Stimme.

Im Burghof vor dem Marstall flammte eine manneshohe Flamme auf und daraus kam Lennox geschritten. Lennox, gekleidet in seinem leichten schwarz-roten Sommergewand und mit dem Stab seines Vaters in der Hand, tratt mit einer eleganten Verbeugung vor Nella und sagte: „ Hallo Meisterin. Schön, dass ihr mich begleiten werdet.“

„Die Zeit ist gekommen. Dann lass mich kurz noch meine Reisetasche mitnehmen und dann in deine Heimat aufbrechen ,mein Lehrling. Ich freue mich schon darauf, dein Land und Volk kennen zu lernen. Vielleicht kann ich auch mehr über eure Geschichte und Gottheit lernen und meine und deine Verbindung besser verstehen.“, sagte Nella zu ihrem Lehrling Lennox und ging in den Marstall der Burg Kear Iwhaell. Nach kurzer Zeit kam sie mit einem kleinen Beutel umgehängt und ihrem Magier Stab in der Hand zurück. Sie trug ihre Reisekleidung, bestehend aus einer roten Robe, einem Überwurf mit einer weiten Kapuze und ihrer weißen Gugel mit Fellbesatz am Rand. „So dann wollen wir mal. Ich vermute du leitest mir den Weg?“ Mit diesen Worten blickte sie auf Lennox und wartete gespannt auf seine Antwort. „Wobei mir noch einfällt… gibt es Bräuche oder Sitten, welche ich beachten sollte, damit ich niemanden unbeabsichtigt nicht die Ehre gebe, welche demjenigen gebührt?“

„Ja, du kannst mein Volk und Land kennen lernen und auch unsere Gottheit. Nein, es gibt nichts worauf du achten musst bezüglich der Sitten und Bräuche. Sei einfach du selbst, so wie immer. Sei freundlich und respektvoll, dann ist alles gut. Nun gut, dann wollen wir einmal aufbrechen. Du hast dich von den Hexern verabschiedet?“, fragte Lennox. „Die Hexer werden es wohl auch ein paar Tage ohne mich auf der Burg schaffen.“, sagte Nella. Die zwei laufen Richtung Burgtor und gehen ins Dorf hinunter. „Nun, den ganzen Weg zu Fuß zu gehen ist mir zu doof. Wir würden zu lange brauchen. Ich habe da etwas vorbereitet.“, meinte Lennox. Nach ein paar Minuten laufen, erreichten die beiden den Friedhof des Dorfes. Auf dem freien Feld

davor, lag ein großes graues Tier, mit vier säulenartigen Beinen und einer Art Unterstand auf dem Rücken, welcher mit vielen Gürten um den Bauch des Tieres geschnallt war. „Das ist Bo. Er ist ein Elefant. Auf seinem Rücken ist das Reisen deutlich angenehmer.“, sagte Lennox mit einem Lachen im Gesicht. Vor den beiden lag ein großer, prachtvoller Elefantenbulle mit großen Stoßzähnen.

Mit großen Augen schaute sich Nella dieses prachtvolle Tier an. „So ein großes Pferd, oder was auch immer er ist, habe ich noch nie gesehen!“, staunte sie nicht schlecht. „Sind diese Tiere bei euch weit verbreitet? In meiner alten Heimat gab es ähnlich große graue Tiere. Diese lebten aber im Wasser und waren nur selten zu sehen… und diese besaßen auch längst nicht so lange Zähne.“ Mit diesen Worten begutachtete sie das Tier genauer und fragte sich wie man, als nicht magisch begabtes Wesen, auf diesen Unterstand hinauf kommen sollte.

„Wie gut, dass ich nur das leichte Gepäck dabei habe und nicht alle meine Magier Komponenten mit schleppe. Wobei dieses Tier bestimmt einiges tragen kann.“, mutmaßte sie und blickte gespannt auf Lennox. „Und wie lange werden wir reisen? Ich habe eigentlich keine genaue Ahnung wohin unsere Reise führen wird.“

Kurzerhand nahm Nella ihren Fächer in die Hand, blickte zu Boden und erinnerte sich an eine Geschichte, welche sie einst mit ihrem Lehrmeister bestritten hatte und fing an zu erzählen: “Einmal mussten wir in meiner Lehrlingszeit, in einem Gewölbe in einem Berg, eine breite Spalte überwinden. Wobei es auch einen schmalen Steg zum darüber balancieren gab. Sartarius, der nicht der geschickteste im balancieren war, hatte ich einfach mit dem Rückstoß eines Feuerballs über den Spalt katapultiert. Das gab damals ein großes Gelächter von den umstehenden Weggefährten. Dabei hat der arme Swalin fast den Feuerball abbekommen. Die Landung von Sartarius war auch nicht sehr elegant. Er plumpste einfach mit dem Hintern voran auf den Boden.“ sie musste etwas schmunzeln als sie an die Anekdote dachte.

Danach schloss sie kurz die Augen, konzentrierte sich, fokussierte anschließend den Unterstand auf dem Rücken an und sprach ein paar kurze Worte. Damit fegte sie mit einem gezielten Windzauber zum Boden in Richtung des Unterstandes und schwang sich dabei, halbwegs graziös, auf den Sitz. „So dann wollen wir mal!“, grinste sie und freute sich auf die kommende Reise.

Lennox schaute Nella skeptisch an. „Nun, Magie zu verwenden um auf Bo zu kommen ist eine Möglichkeit. Aber es geht auch ohne einen Zauber.“, sagte er. Lennox ging auf Bo zu griff ihn oben an seinem großen Ohr, stieg mit einem Fuß auf sein Bein und schwang sich herauf zu Nella. Er legte seinen Stabe ab (der Unterstand/Sitz ist größer wie er aussieht) und griff nach einem kleineren Stab mit einem Hacken daran. „Keine Sorge, ich tue ihm nicht weh damit. Aber ich brauche diesen Stab, um ihn zu lenken. Das ist bei einem Elefanten etwas schwerer, als bei einem Pferd.“, erklärte Lennox mit einem Lächeln. Mit sanftem tippen auf den Hinterkopf, erhob sich Bo. Dies war etwas wackelig. Aber sobald Bo stand lief er los, was eigentlich recht gemütlich war. „Die Geschichte, die ihr eben angeschnitten habt, hörte sich interessant an. Ich hätte das zu gern gesehen, denn ich kann Sartarius nicht richtig einschätzen. Mal ist er sehr ernst und dann kann er wieder sehr lustig sein. Naja, ich werde ihn hoffentlich noch besser kennen lernen.“, sprach Lennox.

„Um zu deiner Frage zurück zu kommen.“, sagte Lennox und begann zu erzählen: „Ja bei mir Zuhause sind Elefanten weit verbreitet. Sie werden zur Arbeit im Dschungel eingesetzt. Sie haben sehr viel Kraft und können z. B. Bäume aus dem Dschungel ziehen, wofür man normalerweise zwei Pferde braucht. Ich lebe in einem Dschungel. Dort gibt es viele Tiere. Nicht nur Schlangen oder Harpyien, sondern auch Nebelparder, Tiger, viele Frösche, Spinnen und viele mehr.“

Während Lennox erzählte, lenkte er den Elefanten mit dem Stock und manchmal auch mit dem Hacken, damit Bo auch das tat, was Lennox wollte. „Achso, ja Bo hätte auch mehr getragen als nur leichtes Gepäck.“, sagte Lennox lachend. „Wir werden eine Weile unterwegs sein, aber wir haben eine sichere Reise. Solltest du Hunger oder Durst bekommen, haben wir hinter uns, alles in den Decken. Oh warte…“, meinte Lennox „… ich habe vergessen Bo mit dir bekannt zu machen, aber das haben wir gleich.“ Lennox griff hinter sich und kramte einen Apfel hervor und gab ihn Nella. „Für Bo“ Dann klopfte er Bo zweimal auf den Kopf und dieser streckte seinen Rüssel über den Kopf nach hinten.

Nella nahm den Apfel entgegen und streckte Bo diesen entgegen. „Da mein Guter.“, sagte sie und Bo nahm den Apfel entgegen und fraß diesen genüsslich. „In letzter Zeit scheine ich eine Anziehung zu Tieren entwickelt zu haben. Apropos, Nikita hat sich die Tage ganz schön frech verhalten. Die Gute, ist einer Freundin von mir, welche auch eine Zwergin ist, unter die Rüstung geschlichen während sie die Rüstung trug. Da musste ich die Kleine erst einmal heraus holen und in Sicherheit bringen. Zudem ist mir auch Nachwuchs zugelaufen.“ Nella fing an in ihrer Tasche zu kramen und pflückte einen kleinen Igel heraus. „Das ist die kleine Fritzi. Sie ist mir damals in meinen Ärmel gekrochen.“ und überreichte Lennox den kleinen Igel. „Ich muss sagen, mit einem Elefanten zu reisen, da könnte ich mich dran gewöhnen. Ist doch deutlich gemütlicher als auf einem Pferd und bestimmt wird man weniger auf Reisen belästigt.“, stellte Nella fest. Sie drehte sich nach hinten zum Sitz und legte Ihre Sachen ab: „Da könnte man auch mit größerem Gepäck reisen und muss nicht alles immer auf seinen Schultern tragen. Wobei, ich bin es ja seit Jahren gewohnt alles selbst zu tragen.“ Gemütlich kam sie wieder zu Lennox nach „vorne“ zu Bo seinen Kopf. „Ich frage mich nur was Sebastian zum Elefanten sagen würde. Ob er ihm nicht zu viel seines geliebten Waldes zertrampelt?“

Lennox nahm die kleine Igelin entgegen und schaute sie interessiert an. „Ein schöner Igel ist deine Fritzi. Wir sollten nur bei mit zu Hause aufpassen, wegen der Raubtiere. Natürlich will ich verhindern, dass ihr etwas passiert, da nicht alle Tiere zahm bei uns sind.“, sagte Lennox und gab Fritzi zurück an Nella. „Was Nikita angeht. Sie ist noch sehr jung und tut einfach irgendwelche Dinge die gefährlich werden können.“, meinte Lennox ernst.

Mittlerweile ist es schon dunkel und Nacht geworden. Lennox tippte Bo an, so dass er stehen blieb und sich hinlegte. Beide stiegen vom Sitz ab. „Hier werden wir übernachten. Morgen können wir weiter reisen.“, sagte Lennox und begann Bo ab zu laden. Er legte einige Decken und Kissen aus und schützte das Lager mit einer Umrandung aus einigen Ästen. „Nella, könntest du etwas Holz sammeln, während ich hier eine Feuerstelle vorbereite?“, fragte Lennox. Nella antwortete: „Klar, das kann ich machen.“ und ging los. Während dessen baute Lennox aus ein paar Steinen eine Feuerstelle und stellte zwei kleine Hocker dazu. Auf Rinde Stücken legte er Bananen, Mispeln, Papaya´s und andere Früchte aus. Als Nella zurück kam ,entzündete sie ein Feuer und Lennox erklärte ihr was das für Früchte sind „Einen guten Appetit wünsche ich euch, Meisterin.“, plauderte Lennox.

„Solche Früchte habe ich schon einmal gesehen, damals als ich das erste Mal hier auf Kaer Iwhaell war. Ludwig Stab hatte damals ähnliche Früchte organisiert und uns verkosten lassen.“ Mit diesen Worten nahm Nella ein paar Stücken der Früchte und genoss diese zu essen. „Solche Früchte wachsen doch eher in wärmeren Gebieten oder liege ich da falsch? Ich bin sowieso gespannt wo du mich hinführst.“ “Um auf deine Frage zu antworten. Ja solche Früchte wachsen in wärmeren Gebieten.“ ,sagte Lennox.

Und so lief der Abend des ersten Reisetages in Ruhe mit weiteren einfachen Gesprächen zwischen Nella und Lennox aus. Als es Zeit war sich nieder zu legen, brannte das Feuer immer noch mit schwachem züngeln. Dies blieb auch die ganze Nacht so ohne weiteres Feuerholz nach zu legen. Dies war ein kleiner Zauber von Nella, der auf Reisen wilde Tiere abschrecken soll. Diese Vorsichtsmaßnahme war gegenüber Tieren recht praktisch. Doch Menschen, vor allem welche die unlautere Absichten besaßen, könnten auf das Feuer aufmerksam werden. Die Nacht verlief aber ruhig, da Nella auch wusste, dass Sebastian vermutlich seine Augen und Ohren im ganzen Wald hatte und Eindringlinge schnell verscheuchen würde. Am nächsten Morgen wachte Nella mit dem Gefühl auf ,dass der Wald etwas zu ruhig war. „Dies könnte aber auch an der Anwesenheit des besonderen Begleiters, dem „kleinen“ Elefanten liegen.“, dachte sie sich und streichelte Bo über den Kopf. Als Lennox am nächsten Morgen aufwachte, war Nella bereits wach. Sie frühstückten zusammen und unterhielten sich über dies und jenes. Anschließend kümmerte sich Lennox um Bo. Sie packten alles zusammen um weiter zu reisen. Nella und Lennox stiegen wieder auf den Rücken von Bo und Lennox bedeutete ihm aufzustehen. So ging die Reise nun weiter. „Du wirst noch Augen machen, wenn wir angekommen sind. Bei mir Zuhause gibt es viele Pflanzen und Tiere die du bestimmt noch nie gesehen hast und ich werde dir alles erklären was ich darüber weis.“, meinte Lennox.

Die folgenden drei Tage verliefen ähnlich ruhig. Ab und zu begegneten die drei ein paar Wanderern und auch mal ein paar Kriegern. Allerdings drehten alle sofort wieder um als sie den großen Elefanten sahen. Lennox amüsierte sich ein wenig darüber, denn für ihn war es vollkommen normal auf einem Elefanten zu reiten.

Am Morgen des fünften Tages sagte Lennox: „So jetzt wollen wir die Reise mal etwas beschleunigen, sonst sind wir noch vier Monde unterwegs.“ „Wir werden hier ein Tor öffnen.“ Mit diesen Worten holte Lennox eine Kiste hervor. Er öffnete sie und zum Vorschein kamen Faust große Steine in den verschiedensten Farben. „Wir müssen Sie nur in der richtigen Reihenfolge auslegen.“, fügte Lennox hinzu.

Als Nella die Steine erblickte, kramte sie erst mal in ihrer Tasche nach ein paar Handschuhen, welche sie dann anzog. Dies war eine alte Gewohnheit wenn es um Artefakte ging. „Sehr interessant. Mit diesen Steinen bist du also hier her gekommen, wenn deine Heimat so weit weg ist, nehme ich mal an.“, sprach Nella und nahm gleichzeitig einen dieser Steine in die Hand, um ein Gefühl für die Haptik und Gewicht der Steine zu bekommen. Auch setzte sie kurz ihre volle Konzentration auf einen der Steine, um einen ersten Eindruck über die magische Struktur des Steines zu erlangen. „Wenn man ein Portal zu deiner Heimat nur mittels des Auslegens in der richtigen Reihenfolge öffnet, sind das mächtige Artefakte. Ist das auch für nicht Magier möglich? Und warum sind wir dann erst ein paar Tage mit Bo gereist, wenn wir hätten auch gleich ein Portal öffnen können?“, merkte Nella an. Mit diesen Worten schaute sie Lennox aufmerksam an, um seine nächsten Schritte für die Vorbereitung des Portals zu analysieren.

Lennox lachte und sagte: „Weshalb wir mit Bo erst ein paar Tage geritten sind ist leicht zu erklären. Das Tor zu öffnen und zu benutzen ist nicht gerade leise und unauffällig. Zudem nutzen wir dieses Tor kaum. Ich habe sie mir von Großmeister Arag ausgeliehen. Er hat schon meinen Vater mit Rat und Tat zur Seite gestanden.“, erklärte Lennox. Weiter erläuterte er: „Wie dir mit Sicherheit schon aufgefallen ist, ist die magische Struktur die selbe wie ich sie durch den Drachen verwende. Und ja, es ist möglich die Steine als Nichtmagier zu verwenden. Sogar der dümmste Stalljunge kann sie nutzen, wenn er die richtige Reihenfolge kennt und den Schlüsselstein hat. Denn ohne diesen geht nichts.“

„Nun wollen wir anfangen. Zuerst stellen wir Bo hier her und ziehen einen Kreis um ihn. Dann legen wir die Steine aus.“, sprach Lennox und so begannen Nella und Lennox das Tor vor zu bereiten. „Den roten Stein hinter Bo, den grünen vor seinen Kopf, den blauen Stein nicht links sondern rechts.“, delegierte Lennox. Es verging einige Zeit und viele Steine wurden ausgelegt und auch wieder umgelegt, bis alles stimmte. Als alle Steine ihrem rechten Platz zugeordnet waren, gab Lennox die nächsten Anweisungen: „Gut, jetzt kann es gleich los gehen. Wenn du soweit bist Nella, nimm deinen Magier Stab in die Hand und konzentriere dich.“ Nella antwortete Lennox: „Gut ich werde mich einen kurzen Moment sammeln, dann bin ich bereit.“ Lennox ging zur Mitte des Kreises und streichelte Bo dabei. Dann nahm er seinen Stab von dessen Rücken und wartete darauf, dass Nella soweit war. Als Nella ihn ansah, legte er den Schlüsselstein auf den Boden und klopfte mit seinem Stab drei Mal darauf. Alles um die Magier und den Elefanten herum begann zu surren und zischen. Dann verschwamm alles etwas und mit einem Knall standen die drei plötzlich mitten im Dschungel. „Geht es dir gut, Nella?“, fragte Lennox. „Ja mir geht es gut und es ist auch noch alles dran, nachdem wir durch das Tor gegangen sind. Ich muss nur zugeben, dass ich etwas überwältigt von dem Anblick des Dschungels bin.“, sagte Nella. Lennox lachte: „ Ja das glaube ich dir. Willkommen in meiner Heimat dem Drachental!“ „Nella, du bist zu Gast in meinem Dorf. Du kannst dich frei bewegen und umschauen, sowie mit Leuten reden oder was auch immer du möchtest. Nur bitte gehe niemals alleine in den Dschungel!“, meinte Lennox etwas ernster. Nella schaute Lennox nachdenklich an und antwortete dann: „Ok. Ich werde auf dich hören. Du bist hier Zuhause.“ So machten sich die beiden auf den Weg durch den Dschungel in das Dorf von Lennox. Auf dem Weg dorthin konnte Nella die Pflanzen- und Tierwelt bewundern. Es gab Schlangen, Affen und viele Vögel zu sehen. Lennox machte Nella auf einen großen Vogel in einem Baum aufmerksam: „Schau dort oben. Das ist eine Harpyie. Von diesem Vogel haben deine Freunde ein Ei gefunden.“ Nella machte große Augen und meinte: „Oh so eine Harpyie ist ja wirklich groß. Das könnte interessant werden auf Kaer Iwhaell.“ Nach einiger Zeit erreichten die drei das Dorf. Jeder der Anwesenden machte eine leichte Verbeugung in Richtung Lennox und hießen ihn mit „Schön, dass ihr wohlbehalten zurück gekommen seid, mein Heda.“ herzlich Willkommen. Lennox zeigte Nella das Dorf und stellte sie einigen Personen vor. Anschließend zeigte er ihr das Zimmer in dem sie in nächster Zeit schlafen würde. Es wurde ein Bett hergerichtet und alles war aufwendig dekoriert. „So das ist dein Zimmer. Ich hoffe es ist ausreichend für dich. Ich werde dich jetzt ein paar Stunden alleine lassen. Später hole ich dich dann wieder zum Essen ab. Achso, heute Abend ist ein Tanzfest. Man wird dir ein Gewand reichen. Ich hoffe du wirst es tragen.“, freute sich Lennox. „Ja. Das Zimmer ist mehr als ausreichend für mich. Ich werde mir das Gewand ansehen und es dann eventuell anziehen.“, gab Nella lächelnd zur Antwort. Lennox lächelte und ging seinen Aufgaben nach. Nella nutzte die Zeit, packte ihre Sachen aus und richtete sich in ihrem Zimmer ein. Danach ging sie durch das Dorf und unterhielt sich hier und da mit Einwohnern. Alle ihre Fragen wurden beantwortet und so konnte sie mehr über das Tal und die Gottheit der Menschen hier erfahren. Nach einigen Stunden kam eine Frau auf sie zu und bat Nella mit zu kommen. Der Heda hätte sie angewiesen, seinen Gast passend für das Tanzfest zu kleiden. So bekam sie ein wunderschönes sommerliches Gewand aus leichtem Stoff mit vielen Verzierungen. Bevor Nella sich richtig bewundern konnte, stand Lennox in der Tür und sagte: „Das Kleid steht dir wirklich gut.“ „Danke sehr. Ich habe es angezogen, da ich dich oder euch nicht beleidigen wollte.“, sagte Nella. „Nun denn. Lass uns gehen.“ Auf einer großen freien Fläche war eine große Tafel mit reichlich Essen und Trinken aufgebaut. Am Kopf der Tafel standen zwei Stühle für Nella und Lennox. Es wurde Musik gespielt und getanzt. Nach dem Essen gingen auch Lennox und Nella zum Tanzen. Alle hatten Spaß und Freude. So verging der Abend wie im Flug und bis alle in den Betten waren, war es schon mitten in der Nacht.

Als Nella am nächsten Morgen aufwachte gab es ein Problem und zwar, dass sie nicht aufstehen konnte. Eine große Katze war in das Zimmer eingedrungen. Nella rief: „ Hallo kann mich jemand hören? Lennox hier ist eine Großkatze in meinem Zimmer.“ Einen Augenblick später war Lennox da. Er musste schmunzeln und sagte: „Das ist Bongani. Er ist ein Nebelparder. Du kannst ihn streicheln, wenn du magst. Er ist zahm.“ Etwas zögernd stand Nella auf und ging ganz langsam auf das Tier zu. Die Katze schaute sie an und schnupperte an ihr. „Knie dich hin dann kannst du ihn am Kopf streicheln.“, sagte Lennox. Nella kniete sich hin und begann Bongani zu streicheln. Dieser schien das ganz sichtlich zu genießen. „Das ist interessant. Sein Fell ist viel weicher als ich es erwartet hätte.“, sagte Nella.

Nach diesem überraschenden Erlebnis am Morgen frühstückten sie gemeinsam und brachen anschließend auf. Lennox wollte Nella vieles zeigen. Er zeigte ihr die Falknerei wo auch Harpyien aufgezogen wurden. Dann den großen Tempel im Dschungel. Auf dem Weg dorthin zeigte sich eine prächtige Pflanzenwelt. Lennox erklärte Nella alles was er über die verschiedenen Pflanzen wusste. Es gab auch einige Tiere zu sehen. Beispielsweise Affen. Als die beiden über einen kleinen Berg gingen, begegneten sie einer Gruppe Gorillas. Lennox blieb sofort stehen und sagte: „ Wir müssen jetzt erst einmal ab warten was sie tun. Wenn sie fressen, können wir in einem passenden Abstand vorbei gehen. Außerdem müssen wir schauen was das große Männchen macht und dürfen ihn nicht verärgern. Er ist der Chef der Gruppe. Man nennt ihn wegen den grauen Haaren am Rücken auch Silberrücken.“

So setzten sich Lennox und Nella hin und beobachteten die Gruppe. Ein paar junge Gorillas tollten herum und kamen auch etwas näher, um dann sofort wieder weg zu laufen. Die anderen Gorillas saßen nur da und waren am fressen. Dann kam plötzlich ein Gorilla auf Nella zu und legte einen Arm auf ihre Schulter. Nella wurde bleich im Gesicht und keiner der beiden traute sich etwas zu sagen. Nach wenigen Minuten ging der Gorilla wieder. „Jetzt ist der perfekte Moment um weiter zu gehen.“, flüsterte Lennox. Nella nickte nur. Sie war immer noch etwas blass im Gesicht.

Am Tempel angekommen fragte Nella: „Was war das? Wieso hat der Gorilla das gemacht?“ „Das kann ich dir nicht sagen. Ich bin selbst erstaunt. So viel hab ich mit den Gorillas nicht zu tun. Normal sind sie sehr scheu.“, meinte Lennox. So gingen die beiden weiter Richtung Tempel.

Der Tempel ist ein sehr großes Gebäude. Wunderbar mit Malereien und Schnitzereien verziert. Darauf sind viele Drachen, Skulpturen und vieles mehr drapiert. Sie durchschritten den Tempel so, dass sich Nella alles in Ruhe anschauen konnte. Im Hauptteil trafen sie auf Großmeister Arag. Lennox machte die beiden miteinander bekannt und sie unterhielten sich über vieles. Unter anderem über die Kindheit von Lennox und die Geschichte seiner Familie. Großmeister Arag erzählte Nella auch die Legende über den Gründer des Dorfes und dem Drachen. Während sich die drei unterhielten verging die Zeit wie im Flug. Es wurde schon langsam dunkel als Nella und Lennox sich auf den Weg zurück ins Dorf machten. Dort angekommen ließen sie den Tag ausklingen und gingen anschließend ins Bett.

Am nächsten Tag wollte Lennox Nella noch zwei Dinge zeigen. Am Morgen machten sich die beiden bereits früh auf den Weg zum Quell des Lebens durch den Dschungel. Dort angekommen bot sich ein atemberaubender Anblick eines Wasserfalls der in einen kleinen See fiel und drum herum wuchsen hunderte verschiedene Pflanzen- und Blumenarten. Nella schaute sich alles bewundernd an. Es brauchte keine Worte, um zu verstehen, dass es ihr hier gefiel. Lennox ging los und pflückte ein paar Früchte. Dann kam er zurück und beide setzten sich hin und genossen den Anblick. Einige Stunden später sagte Lennox: „Lass uns wieder zurück gehen. Ich möchte mit dir noch an einen anderen Ort um ihn dir zu zeigen.“ „Gut ok. Lass uns los gehen“, meinte Nella. Nach einiger Zeit erreichten die beiden einen Ort, der mit einem kleinen Zaun eingefasst war. Der Friedhof des Dorfes. Lennox öffnete die Tür und ließ Nella den Vortritt. Sie ging hinein und wartete auf Lennox. Er führte sie an ein großes Grab mit einem aufwendig geschlagenen Grabstein. „Ist dass das Grab deines Vaters?“, fragte Nella. Lennox nickte und schwieg. Als Nella zu ihm schaute, sah sie, dass ihm Tränen die Wangen hinab liefen. Sie legte ihre Hand auf seine Schulter. Lennox drehte sich zu ihr um und sagte: „ Das ist das Grab meines Vaters, seines Vaters bis hin zu dem Gründer des Dorfes. Danke dass du mit mir hier her gekommen bist.“ Nella antwortete: „Es ist mir eine Ehre hier an diesem Grab stehen zu dürfen.“ Sie blieben noch einen Moment stehen. Dann machten sie sich wieder auf den Weg zurück ins Dorf. Dort angekommen lud Lennox einige Leute zu einem Festmahl ein.   Die nächsten Tage und Wochen erkundete Nella zusammen mit Lennox und anderen Leuten aus dem Dorf den Dschungel. Das war dann der Fall, wenn Lennox seinen Verpflichtungen als Heda nachgehen musste. Er war natürlich für alle Probleme und Anliegen zuständig.

So verbrachten sie eine schöne Zeit zusammen im Drachental, bis sie sich auf ihre nächste Reise begaben oder nach Kaer Iwhaell zurück kehrten.


KI3 - Epilog: Misere Redaniae

KI3 - Epilog: Misere Redaniae

Metagame

von Earl

Pferdehufe donnerten über die Landstraße. Die Sonne stand hoch am Himmel. Nirgends war auch nur ein Wölkchen zu sehen. Die drei Reiter trieben ihre Pferde an, sie hatten einen unangenehmen Auftrag und diesen wollten sie so schnell wie möglich hinter sich bringen. Sie ritten vorbei an Brombeerhecken, an Seen und Tümpeln, an weiten schlecht bestellten Feldern. Hier und dort drängten sich ein paar reetgedeckte Hütten zusammen. Sie ritten schneller. Weiter, immer weiter…

„Meister Schlinger, ich denke eine kurze Pause würde uns allen gut tun“, ließ sich einer der in rot und schwarz gekleideten Männer vernehmen als sie gerade in leichtem Trab ein kleines Wäldchen passierten. „Wir haben seit heute Morgen nicht gerastet und die Wasserschläuche sind fast leer. Vielleicht gibt es in diesem Wald ein Bächlein, an dem wir Wasser auffüllen könnten.“ „Ähem, ja. Klingt tatsächlich nach einer guten Idee. Aber lediglich ein paar Augenblicke. Ich will diese Burg noch vor dem Abend erreichen und diese Sache so schnell wie möglich hinter mich bringen. Ich traue diesen ekelhaften Mutanten nicht!“, lies sich der kleinste der drei Männer vernehmen. Er war untersetzt, hatte eine Halbglatze und wirkte sehr nervös. Sie zogen also die Zügel an und stiegen von ihren Tieren ab. Die Pferde führten sie zu einem Baum in der Nähe und banden sie dort an. Der Soldat, der nach einer Pause gefragt hatte nahm seinem Kameraden und Herrn Schlinger die ledernen Feldflaschen ab und verschwand, nachdem er sich aufmerksam umgesehen hatte, im Wald. Rudolph Schlinger ließ sich auf einen herumliegenden Baumstumpf plumpsen und seufzte. „Meister Schlinger, ich habe noch etwas Trockenfleisch. Falls ihr hungrig seid…“, lies sich der zurück gebliebene Soldat vernehmen. Er machte sich an den Satteltaschen seines Pferdes zu schaffen. Der Untersetzte antwortete unter Kopfschütteln: „Naja ein kleines Stück nehm ich wohl. Aber ich gebe ehrlich zu, ein gut gebratenes Stück Fleisch, ein kühles redanisches Helles, danach ein Strenger und ein Mädel aus der Passiflora wären mir weitaus lieber. Ich hasse diese Außeneinsätze!“

Auf der Burg Kaer Iwhaell waren die Aufräumarbeiten fast abgeschlossen. Das Tor war repariert und verstärkt worden. Das Dachgebälk, welches durch den Brandanschlag der Redanier verkohlt und halb eingestürzt war, hatte man in den Tagen und Wochen darauf fachgerecht abgerissen und durch ein Neues ersetzt. Doch die vielen Dokumente und Artefakte die dort oben im Speicher gelagert hatten, die waren nun unwiederbringlich verloren.

Valerian unterhielt sich gerade mit dem Baumeister aus der Burgau über die letzten Aufräum- und Renovierungsarbeiten, als ein Ruf vom Burgtor her erschall. Der alte Hexer drehte sich um und erblickte sofort drei Gestalten auf Pferden, die zum Burgtor herauf ritten. Unverkennbar Redanier! Raaga, der gerade mit den anderen Hexergesellen und Lehrlingen trainiert hatte, war bereits mit seiner großen Axt unterwegs zum Burgtor. „Nein! Raaga! Ich glaube nicht, dass diese drei Herren hier sind um eine erneute Auseinandersetzung anzuzetteln“, rief Valerian, er war gerannt und packte Raaga nun bei der Schulter. „Pah, wenn du meinst.“ Raaga spuckte verächtlich aus, blieb aber trotzdem mit erhobener Waffe stehen. Der kleinste der drei Männer stieg von seinem Pferd und trat auf Valerian zu. „Guten Tag, ich bin Advokat Rudolph Schlinger. Ich bin in der Angelegenheit „Greifenschlacht“ hier. Diese beiden Herren“, er deutete zu seinen Begleitern hinüber, „ sind meine Leibwächter. Sollten wir nicht alle 3 wohlbehalten zurück nach Dreiberg kommen…“ Er blickte vielsagend zu dem großen Hexer auf. „Schon gut. Schon gut.“ Valerian hob abwehrend die Hände. „Uns ist nicht an einer neuerlichen Auseinandersetzung mit Novigrad oder Redanien gelegen. Wir wollen endlich in Ruhe und Frieden hier leben können. Aber vielleicht wäre es besser, wenn wir das alles nicht hier draußen besprechen. Gehen wir doch in mein Studierzimmer. Ihre beiden Begleiter dürfen sich gerne in der Taverne „Zum durstigen Igel“ ausruhen.“ Er fügte lauter hinzu: „Atheris, Raaga, Logan kommt ihr bitte mit?“

Während sich die beiden Soldaten hinüber zur Taverne im Marstall begaben, schnallte der Advokat eine der Satteltaschen los und wurde dann von Valerian hinüber zum Aufgang ins Obergeschoss geleitet. In Begleitung der anderen Hexer stiegen sie die steile, ausgetretene Steintreppe hinauf. Oben angekommen wandte sich Valerian an Raaga: „ Geh bitte schnell rüber in Nella´s Studierzimmer und hol sie. Mei müsste gerade bei ihr sein. Sie bringst du auch mit.“ Während Raaga sich in die entgegengesetzte Richtung entfernte, ging der alte Hexer weiter den Korridor entlang, vorbei an den diversen Dormitorien und Studierzimmern, vorbei an den eingestaubten Gobelins und Gemälden, bis er vor einer schweren Eichentür stand. Er drückte die Klinke herunter und öffnete. „Bitte nach ihnen, Herr Advokat.“ Er machte eine zuvorkommende Geste. Der kleine Mann trat beherzt ein.

Vor ihm stand ein großer ovaler Tisch. Zur rechten konnte er auf einem weiteren Tisch ein Sammelsurium von Reagenzgläsern, Kolben, Brennern, Röhrchen und Tiegeln ausmachen. Dahinter stand offenbar ein weiterer Tisch, allerdings konnte er das nur erraten, denn dort lagen Unmengen von Papieren verstreut. Und dahinter auf einem Regal… er machte einen Satz. Monster! Nein! Ausgestopfte Köpfe von Monstern. Ghule, Moderhäute und etwas, das einem Wolf sehr ähnlich sah. Von hinten war Valerian an ihn herangetreten: „Ist alles in Ordnung? Das dort sind lediglich Trophäen. Also kein Grund zur Beunruhigung“, sagte er mit dem Anflug eines Lächelns. „Aber setzt euch doch Herr Advokat.“ Er bot dem Redanier einen Stuhl an. „Etwas zu trinken? Ich habe hier einen hervorragenden Beauclair Jahrgang 1275.“ Der Advokat verneinte. Die anderen Hexer hatten sich bereits gesetzt und nun tauchte auch Raaga mit Nella und Mei auf. Die beiden Magierinnen blickten etwas verdutzt drein. „Kommt. Setzt euch. Das hier ist Advokat Rudolph Schlinger. Er ist hier um über die aktuelle, etwas verfahrene Situation mit Redanien zu reden.“

„Nun, also…“, der Advokat kramte in seiner Satteltasche und holte eine dicke Mappe aus Leder hervor und lies diese geräuschvoll auf den Tisch klatschen, „ich bin heute hier um Ihnen mitzuteilen, dass das Königreich Redanien und seine königliche Majestät, Radovid V., König von Redanien, keinerlei militärischen oder zivilen Nutzen mehr darin sehen würden, die Akte „Mei’idwyn Agnieszka Naecheighn“ weiter zu verfolgen.“ Er blätterte in seiner Mappe. „Es wurden bei der Militäroperation „Greifenschlacht“ mehr Material und Nachschubgüter sowie Soldaten verloren, als diese ganze Angelegenheit wert war. Hier hat die Generalität schlichtweg versagt.“ Er seufzte. „Wir werden diese Akte also schließen. Straffrei werden Sie alle trotzdem nicht davon kommen, wie ich hier lese: Sämtliche Bewohner der Treuburg, genannt „Kaer Iwhaell“, werden mit einer Reichsacht sowie einer Verbannung belegt. Sollten sie also jemals wieder die Außengrenze zum Königreich Redanien überschreiten, so werden die Grenzposten dazu berechtigt sein, sie zu Verhaften und ohne Gerichtsverhandlung zu exekutieren“, las er vor. Er blickte die Anwesenden scharf an. „Es werden Steckbriefe und Zeichnungen von Ihnen allen an die Grenzstationen geschickt werden. Seien sie sich also gewiss, dass die Grenzer sie ihrer gerechten Strafe zuführen werden, sollte es zu einer Überschreitung kommen. Ich denke damit wäre alles gesagt.“

Mei räusperte sich. „Tut es eigentlich sehr weh zu wissen, dass man gegen Mutanten, Zwerge, Elfen und Magier ein gesamtes Regiment eingebüßt hat? Tut es sehr weh zu wissen, dass Redanien doch kein Kögigreich voller Übermenschen ist?“ Advokat Schlinger sprang auf. Ebenso waren die Greifen hoch geschnellt. Der Advokat war puterrot geworden. Doch als er sprach klang er sehr kontrolliert: „Sollte diese…diese militärische Katastrophe jemals, ich wiederhole, jemals in Redanien publik werden, so wäre das nicht nur ein Skandal, sondern auch das Ende ihrer kleinen Enklave von Ausgestoßenen und Flüchtlingen. Ich kann Ihnen versichern, dass Redanien sodann eine Streitmacht entsenden würde, die diese jämmerliche Provinz verheeren würde, dagegen wäre Velen ein Paradies!“ Es herrschte Stille, doch die Spannung lag in der Luft wie unmittelbar vor einem Unwetter. Valerian hustete. „Hmm, nun sie können sicher sein, dass dies nicht geschehen wird. Um es nochmals zu wiederholen, uns ist nicht daran gelegen erneut mit dem Königreich Redanien in Konflikt zu geraten.“ Der Advokat packte wortlos seine Mappe ein und wandte sich zum gehen, während die Greifen wie versteinert da saßen.

Er war schon fast zur Tür hinaus, da rief Valerian: „Noch kurz auf ein Wort. Was ist eigentlich mit Vertigo?“ Herr Schlinger drehte sich um. „Nun ja, ich habe eine Abschrift der Militärakte „Hieronymus Katz vom Aschenberg“ bei mir. Der letzte Eintrag darin ist ein Verhörprotokoll, welches zur Zeit der „Greifenschlacht“ angefertigt wurde. Der Verräter und Deserteur Hieronymus Katz wurde demnach gefangen genommen und peinlich verhört. Er hat laut diesem Protokoll schwerste Verletzungen davon getragen. Ein Exekutionsbescheid wurde angefügt. Eine Durchführungsbescheiniungung ist in Dreiberg allerdings niemals angekommen. Wir sind unter den gegebenen Voraussetzungen und nach Berücksichtigung aller Fakten davon ausgegangen, dass er seinen Verletzungen erlegen sein muss. Er hat seine gerechte Strafe wohl erhalten! Die Akte wurde mit dem Vermerk „Verschollen-Wahrscheinlich Tot“ geschlossen.“ Valerian sackte auf seinem Stuhl zusammen. Auch die anderen wirkten betroffen. „Ich finde den Weg alleine. Einen schönen Tag noch“, feixte der Advokat. Und schon war er verschwunden.

Da ging die Tür erneut auf und ein junger Mann mit einer ziemlich verbeulten roten Bibermütze trat ein: „Was war denn hier gerade los?“ Valerian blickte auf und seufzte: „Mummenschanz Vertigo. Mummenschanz.“


Ein Ausflug nach Novigrad

Ein Ausflug nach Novigrad

Metagame

Auf unserer Veranstaltung Kaer Iwhaell 1.5 ist vieles passiert. Unter anderem gab es zwei Steuereintreiber aus Novigrad, die mittels amtlichem Dokument eine exorbitante Menge an Steuerschulden von Mei‘dwyn eintreiben wollten – oder sie in Dimeritiumketten nach Novigrad abführen wollten. Die Problematik: Aktuell brennen in Novigrad die Scheiterhaufen mit Magierinnen, da der wahnsinnige Cyrus Hemmelfart dort die Regentschaft faktisch inne hat. Das Problem wurde unter steigendem Adrenalin mit dem Dolch gelöst und die Leichen verscharrt – sehr zu Erschrecken einiger Gäste und Akademiemitglieder. Um die Angelegenheit zu bereinigen und nicht die geliebte Magiefakultätsleitung Mei zu verlieren, tüftelten Wim, Heskor, Ludwig und Valerian an einer Mission nach Novigrad – die prompt dadurch gekippt wurde, dass Mei eigenmächtig mit Wim im Schlepptau durch ein Portal gehüpft ist. Da Valerian fürchtete, Mei würde sich selbstlos ausliefern, bat er die Magiern Nella ein Portal zu öffnen, durch welches Raaga, Heskor, Ludwig und Valerian zur Verfolgung aufbrachen.

Wer will, kann dazu einen passenden Soundtrack anhören: https://www.youtube.com/watch?v=HO2tLTfooBE&spfreload=10

Loreinfos für Interessierte: http://witcher.wikia.com/wiki/World_map http://witcher.wikia.com/wiki/Novigradhttp://witcher.wikia.com/wiki/Brokilon http://witcher.wikia.com/wiki/Cyrus_Engelkind_Hemmelfarthttp://witcher.wikia.com/wiki/Witch_hunts

Warnung: In den Texten kommt es zu sehr grafischen Beschreibungen von Gewalt und anderen Inhalten. Minderjährigen Besuchern werden die anderen Metagame-Geschichten stattdessen deutlich angeraten.

Teil 1, von Matthias

Die abendlichen Gesänge der Vögel sind gerade am Abklingen. Der Wald kommt langsam zur Ruhe. Einzig ist das leise Plätschern des Rinnsals zu hören, das am Rande der kleinen Höhle im Wald in ein kleines natürliches Becken in einer Felsnische endet. Die Luft ist mild und sehr feucht. Ein fahler Lichtstrahl von Mondlicht tastet sich von oben durch eine kleine Öffnung in die Höhle, aus dem ein Seil von der Decke runter in die Höhle reicht. Ein Igel tastet sich, fettgefressen von einigen deftigen Schnecken, die Höhlenwand hoch, um aus der Felsnische einen guten-Abend-Trunk einzunehmen. Aufgrund seiner gehörigen Plautze, quiekt und stöhnt er, während er den Stein hochklettert, kurz vor dem Rückwärts-Umfallen. Ermattet hängt er gerade seine Zunge ins Wasser, um den Geschmack von Schneckenschleim durch klares Quellwasser zu ersetzen.

Plötzlich scheinen alle Geräusche der Umgebung für einen Augenblick zu verstummen, der Igel blickt auf. Eine Druckwelle breitet sich in der Mitte der Höhle aus und schleudert den dicken Igel an die Wand neben das Rinnsal, neben dem er belämmert zu liegen kommt. Ein feuriges Oval öffnet sich und spuckt vier Mann aus. Ein grauhaariger mit Schwertern auf dem Rücken und ein nordisch Gekleideter tragen einen Mann, den man als betuchten Händler erkennen könnte. Hinterhergesprungen kommt ein Mann in Skelliger Rüstung mit Schwertern auf dem Rücken. Ist es stolpern oder geschleudert werden? Unklar, aber grazil verlassen Sie das feurige Portal nicht. Sie landen auf einem Haufen. Das Portal schließt sich sogleich und übrig bleiben die vier rauchenden Gestalten, die trocken Husten und Würgen. Einzig der Kaufmann im Purpurmantel bleibt stumm: er ist Bewusstlos. Der Grauhaarige bekommt nur dumpfes …“Portale…. Portale! Verdammt… Das hier… war anders. Heiß wie …Drachenfeuer.“ heraus. Der Skelliger ist pragmatischer: Er richtet sich als erster auf und blickt sich um in der runden Höhle und entdeckt das Rinnsal. Die Augen mit den Katzenpupillen weiten sich: “Wasser..!“ hüstelt er trocken und springt zu dem Rinnsal und fängt unvermittelt an seinen Kopf in die Felsnische zu stecken und zu trinken. Der Igel erwacht, blickt den trinkenden Hexer Raaga erbittert erbost an und taumelt an ihn heran, um ebenfalls aus der Nische zu trinken… er hat nicht die Rechnung mit Raaga gemacht.

Valerian stürzt hinterher zu dem Wasserloch, er hebt gerade den Kopf und sieht noch rechtzeitig etwas kleines, rundes Etwas mit braunen Stacheln auf ihn zufliegen – Valerian weicht mit einer Oberkörperdrehung aus und hört hinter sich den nordisch gekleideten Mann aufschreien und fluchen. Er beachtet nicht den schreienden Ludwig der sich den Igel, der mit seinen Stacheln in Ludwigs Schulter steckt rauszieht und erbost das unschuldige Tier aus der Höhle schmeißt. Jetzt hängen drei dampfende Mann über der Nische, und versuchen Ihren Kopf in eine Spalte zu drücken, auf die gerade mal ein Hintern passen würde als Abort. Valerian hat getrunken, und schaut sich um, während der Nordmann Ludwig und der Skelliger Hexer Raaga sich um die Felsnische drängeln. Die Höhle ist klein, nahezu perfekt rund – Valerian ist etwas verwirrt. Er hat mit Novigrad gerechnet. Vielleicht ein Höhle im Wald vor der Stadt? Valerians noch sehendes Auge weitet sich, und die schlitzförmigen Pupillen entdecken eine kindliche Malerei an der Wand: Einen Fuchs. Valerian lächelt.

Raaga wischt sich mit einem herzhaften Rülpser den Mund ab und tritt an seinen Ziehvater von hinten heran. „Was ist das?“ „Mei’s Höhle. Als sie ein Kind war fand Sie hier Skoija. Sie hatte mir davon vielfach erzählt.“ „Aaaah.“ Sie blickten sich um und fanden viele kindliche Malereien dieser Art an der Höhle. Ludwig, sattgetrunken, trat vorsichtig vortretend an die beiden Hexer heran und fragte vielsagend „häää?“. Er konnte in der Dunkelheit wenig erkennen. Nur das kleine glitzernde Rinnsaal und den Lichtstrahl von der Decke. „Wir sind nicht in, oder vor Novigrad Jungs. Wir sind im Brokilon!“ Ludwig blickte vielsagend ahnungslos. Valerian fuhr fort: „Der Brokilon ist ein Wald der an Temerien und Verden grenzt. Das Reich der Dryaden.“ „Was machen wir im Wald? Ich dachte es geht Novigrad?“ „Ich weiß nicht was Mei plant – aber sie hat eine knappe Stunde Vorsprung. Das ist alles was zählt.“ Raaga nickte. „Und was machen wir mit Heskor?“ Die drei Männer drehten sich um, und betrachteten den purpurnen Haufen, den der Händler auf dem kühlen Höhlenboden bildet. Sie schleiften den Mann zur Quelle und versuchten ihm etwas Wasser einzuflößen – vergebens. Heskor war nicht zu wecken, aber beinahe so bezaubernd blass wie eine Porzellanpuppe. „Seine Magieallergie. Wir haben ihn zwar vorher.. betäubt, aber die Magie macht seinem Körper trotzdem zu schaffen. Auf ihn werden wir die nächsten Stunden nicht zählen können. Ich denke er wird mit einem kräftigen Erbrechen aufwachen… Raaga – kannst du ihn tragen?“ Raaga malte sich gerade aus, wie ihm der purpurne Menschensack auf seiner Schulter deftig, warm in den Rücken kotzt und es langsam die Bruche runterläuft, aber einer Bitte Valerians konnte er noch nie widerstehen. Sie tranken sich satt, füllten noch einmal ihre Trinkflaschen am Wasser und zogen dann Heskor zum Seil und banden ihn daran fest mit einer Schlinge unter den Achseln. Valerian und Raaga kletterten mit dem Seil aus der Höhle, hinaus in das freie und halfen dem etwas unbehänden Ludwig bei selbigem. Zu dritt zogen Sie Heskor mit dem Seil aus dem Loch und wälzten sich erschöpft im Moos. Sie sahen, dass die Höhle direkt unter einem großen, alten Eichenbaum lag, und das Loch vom kräftigen Wurzelwerk eingerahmt wurde.

„.. und jetzt?“ fragte Ludwig. Zurecht. Von Mei oder Wim nichts zu sehen. „Wir nehmen die Fährte auf. Raaga du bist der besten Fährtenleser – gehst du vora..“ Raaga senkte den Blick mit einem Grinsen und nickte hin zum am Boden liegenden Heskor. Valerian lachte erschöpft und sagte nur „einverstanden.“ Raaga schritt voran, kreuzte öfters dem Weg, verschwand kurz im Wald, um danach aus irgendeinem Dickicht wieder zu erscheinen. Er brachte gelegentlich Pilze und essbare Moose mit, aber vor allen Dingen fand und folgte er der Spur von Mei und Wim. Der alte Valerian schleppte schnaufend Heskor auf dem Rücken, jederzeit damit rechnend einen warmen Erguss aus Heskors Schlund in seinem Rücken zu verspüren. Ludwig schritt hinterher, erstaunt von der Größe und Majestät des dichten, alten Waldes. Er berechnete innerlich, wieviel Profit man mit dem Schlagen dieser Bäume machen könnte… „Seid leise. Wir wissen nicht, wie tief wir im Wald sind. Versuchen wir möglichst leise den Wald zu verlassen und keinen Dryaden zu begegnen.“ „Warum nicht..?“ Sagte Ludwig, grinste und malte sich die vollbusigen, wunderschönen Scheuweiber aus. Valerian schossen Bilder in den Kopf von nichtsahnenden Reisenden, Soldaten und Händlern, die am Rande des Brokilon von Pfeilen gespickt im Matsch lagen und den Raben serviert wurden. Er blickte Ludwig vielsagend an, der schluckte und verstand.

Es dauerte eine knappe Wegstunde, bis Raaga abrupt stehen blieb und leise fluchte. „Verdammt! … Mei muss etwas geahnt haben. Die Spuren sind verwischt. Ich finde nicht weiter.“ Sie standen mitten im Wald auf einer Lichtung. „Premiere“ dachte sich Valerian, sein Raaga findet eine Fährte nicht mehr. Ihre andächtige Ohnmacht wurde gestört von einem leisen Knarzen von mehreren Bögen. Raaga wollte sein Schwert vom Rücken ziehen, doch Valerian hielt seinen Arm zurück und hob seine geöffneten Hände zur Friedfertigkeit. „Ceádmil Töchter des Waldes! Wir haben uns verirrt – ich suche meine Tochter Mei’dwynn. Sie kam hier durch… könnt Ihr uns helfen?“ Wie oft haben die Dryaden schon von gerüsteten Soldaten Verdens diesen dämlichen Satz „wir haben uns verirrt“ gehört und unmittelbar geschossen. Doch diesmal… „Mei’dwyn?“ Eine grünhaarige Dryade trat mit Ihrem gespannten Bogen vorsichtig aus dem Schatten eines Baumes hervor „du willst Ihr Vater sein? Wir kennen deinesgleichen! Ihr könnt keine Kinder..“ „Sie ist meine Tochter im Herzen. Ich weiß Ihr kennt sie, denn Sie kam schon als kleines Kind in den Brokilon wo sie den Fuchs Skoija fand. Ich bin Valerian, falls sie je von mir sprach. Helft ihr uns? Bitte.“ „Wir kennen Mei’dwyn tatsächlich seit ihrer Kindheit. Ja. Und ein Freund Mei’dwyns ist auch unser Freund.“ Ein Blick der Dryade befahl Ihren Schwestern im Schatten, die Bögen zu senken. „Sie ging Richtung Kerack. Ihrer alten Heimat. Folgt dieser Richtung, das Waldende ist nicht weit. Ulthienne, geh voraus und gib den Schwestern Bescheid. Sie sollen Sie gehen lassen.“ Die Gesellschaft bedankte und verbeugte sich tief und folgte dem beschriebenen Pfad, wo sie schon bald sehen, wie sich der Wald lichtete und Kerack preisgab.

Teil 2, von Pam

Während die anderen diskutierten, saß Mei in ihrer kleinen Büro-Niesche und dachte nach. „Sie geben sich alle solche Mühe mir zu helfen. Hach, mein geliebter Valerian, so verbissen und zäh in seinen Ideen. Was würde ich bloß ohne ihn machen? Immer bedacht mir und den anderen das Leben zu erleichtern. Was dachte ich mir nur dabei ihn mit einem einzigen Nicken zu einer Tat zu verleiten, die er so sonst nie tun würde. Bin ich ein schrecklicher Mensch, ich hab einfach überreagiert. Selbst Sebastian, plante eifern mit, ja Sebastian, mein geliebter mich mit Stolz erfüllender Ziehsohn. Und dann sind da Ludwig, Raaga, Wim und Heskor, die ebenfalls in einem Kampf kämpfen der eigentlich mein eigener sein sollte. Gerade diese Menschen haben rein gar nichts mit meinem Problem zu tun. Ich muss handeln ohne die Menschen in Gefahr zu bringen die mir so sehr ans Herz gewachsen sind. Es ist mein Kampf den es gilt alleine zu kämpfen, es gibt nur eine Person die ich mitnehmen sollte. Es muss sofort geschehen, bevor es noch schlimmer wird!“ Zugleich Mei ihre Gedanken zu Ende brachte, stand sie auf und bündelte ihre und Skoijas Energie für ihr Vorhaben. Sie blickte sich um und fand das Objekt ihrer Begierde. Den ahnungslosen Wim, der gerade dabei war sich einen Becher mit einem frischen Getränk zu füllen.

Ohne jegliche Worte zu Wim ließ sie ein Portal des Elementes Feuer auflodern, zerrte den verdattert dreinblickenden Mann Richtung Portal und sagte mit Tränen in den Augen zu Valerian: „Es tut mir so leid Valerian, bitte versteh meine Tat!“ Noch bevor einer der Umstehenden reagieren konnte hinterließen Mei und Wim eine kleine Rauchwolke an der Stelle des Teleports.

Da Wim nichts von seinem Glück wusste teleportiert zu werden landete dieser etwas unglücklich auf seinen Beinen, unter ihm ein feuchter Felsenboden. Aber dennoch eisern seinen Becher in der Hand haltend. Mei lief elegant wie immer aus dem Port. Es roch moosig, nass, muffig und nach Tier. Wim blickte Mei böse an. „Was sollte das bitte? Bist du von allen guten Geistern verlassen?“ Mei sah Wim in seine Augen, dies konnte er allerdings nicht sehen, da es in der Höhle stockduster war. „Wo zum Teufel sind wir eigentlich und könntest du mal für etwas Licht sorgen. Im Gegensatz zu dir sehe ich im Dunklen rein gar nichts!“

Beide fanden sich in einer kleinen Höhle wider. Mei erklärte Wim nachdem er sich meckernd und verständnislos aufraffte, dass sie sich in einer Höhle befanden die sie „Liathróid“ (Liachtroid ausgesprochen) nannte. Es war nichts anderes als die Umschreibung für kleine runde Höhle. Mit einer geübten Handbewegung und einigen Worten die Wim nicht verstand entzündete sie einige Kerzen die mit der Wand verschmolzen zu seien schienen. Die Helligkeit tat Wim kurz in seinen Augen weh, gewöhnte sich jedoch relativ schnell an neuen Lichtverhältnisse. Er blickte sich um und war von der fast perfekt runden Höhle begeistert. Sehr schnell fielen ihm kleine kindliche Wandmalereien in Form von Füchsen und anderen Naturszenarien auf. Er lief an der Wand entlang und übersah beinahe eine kleine braune Kugel die sich gleichmäßig auf und ab bewegte. Er berührte sie versehentlich mit seiner Schuhspitze. Plötzlich fing die Kugel an aufzuschnappen und Wim spitz anzufauchen. Es war ein kleiner etwas zu dicklich geratener Igel. Zur gleichen Zeit klaubte Mei zwischen den feuchten Felsspalten etwas zusammen. Sie bemerkte das ihr bekannte Fauchen: „Wim pass bitte auf, Deilgneach schläft an dieser Stelle, nicht das du ihn versehentlich zertrittst. Und wage es bloß nicht ihn zu ärgern, er ist blind und kann oftmals Schnecke von Finger nicht unterscheiden.“ Im selben Moment hörte man ein lautes „Autsch“ und Fluchen aus Wims Richtung.

„Das scheiß Vieh hat mir in den Finger gebissen!“, schimpfte Wim. „Du sollst auch nicht immer alles gleich anfassen wollen, Wim. Das solltest das doch wissen, dass manches auch zurückbeißt. So viel solltest du wohl mitbekommen haben, da du schon eine Zeit mit Hexern zusammenlebst“, belehrte Mei mit einem leichten Augenzwinkern. „Und hör auf Deilgneach zu beleidigen, er bewacht Liathróid wenn ich nicht da bin.“ „Ein Igel namens Deil .. oder wie auch immer bewacht eine Höhle, ist das dein Ernst? Es ist ein verdammter kleiner Igel!“

Mei lachte und erklärte Wim wie gut ein kleiner unscheinbar wirkender Igel eine Höhle bewachen kann, wenn er nicht gerade schläft. Sie fütterte Deilgneach mit den zuvor gesammelten Schnecken. Dieser ließ sie sich mit einem lauten Schmatzen genüsslich schmecken. Man hörte ein leises Plätschern und Knarzen. Die Zauberin fragte ihren Begleiter ob er durstig sei, er verneinte und blickte in seinen leeren Becher. Im wäre es lieber wenn in diesem Met oder Bier enthalten wäre. Enttäuscht ließ er den Becher sinken und blickte an sich herunter. „Warum hast du mich hierher geschleppt ohne mich vorher rüsten zu lassen, häh? Dir ist hoffentlich klar, dass ich dich so vor nichts beschützen kann!“, fragte Wim etwas genervt. „Wenn du scharf nachdenkst, kannst du es dir denken. Erinnerst du dich was geschah, als du längere Zeit von mir getrennt warst? Diesen Stress gebe ich mir nicht noch einmal, fast zu sterben nur weil dein ach so lieber König Gernot diese Schnapsidee hatte irgendwas zu deichseln, das uns quasi unzertrennlich macht.“, während sie diese Worte sprach, merkte Wim wie sich fast ihre Stimme vor lauter Wut überschlug. Mei atmete tief ein und ging zu der Wand mit den Malereien und zeichnete mit einer geschickten Handbewegung eine kleine Krone in der ein blutiges Messer steckte zu den anderen Bildern an die Wand. Dies tat sie bei jedem Besuch, ein neues Bild für jeden Besuch in Liathróid.

„Wir haben nicht sehr viel Zeit. So wie ich Valerian kenne, versucht er uns zu folgen. Egal wie. Wir sollten nicht mehr hier sein wenn er ankommt. Ich will diese Steuergeschichte bereinigen, weil das eine reine Farce ist. Und ich kann mir denken wer genau dahinter steckt!“ Plötzlich hatte es Mei sehr eilig die Höhle zu verlassen. Doch bevor sie aufbrachen, nahm sie Deilgneach auf die Hand und verabschiedete sich von ihm, indem sie sein Kinn kraulte und ihm sagte er solle auf sich aufpassen und nicht zu viele Schnecken fressen. Sie setzte ihn auf einen kleinen Felsvorsprung und stupste seine Nase an. Er quiekte und sah ihr traurig nach.

Um Zeit zu sparen teleportierte Mei zusammen mit Wim aus der Höhle und kamen unter der imposanten alten Eiche wieder zum Vorschein. Beide liefen nun durch den Wald. Hinter ihr murmelte Wim ständig etwas von irgendwelchen seltsamen Wesen die sich sicher in so einem alten Wald befanden, Männer die gefressen werden und warum Mei ihn ohne Schwerter hierher gebracht hatte. Mei ignorierte dies in dem Wissen, dass es hier im Brokilon tatsächlich von seltsamen Wesen wimmelt und zwar von Dryaden. Sie waren ihre Freunde, denn sie kannten sich schon seit Ewigkeiten. Durch Mei’s einzigartige Fähigkeit duldeten die Dryaden sie in ihrem Wald und sahen Mei als eine der ihren an. Nie hatten sie Geheimnisse voreinander, doch dieses Mal wollte Mei ihr Ziel geheim halten und versuchte nur flüsternd Wims Frage zu beantworten wo sie denn jetzt eigentlich hingingen. Der Weg war weit, das wusste sie, deswegen kamen ihr die Wildpferde die ungestüm durch den Brokilon trabten gerade recht. Falls Valerian sie verfolgte, nahm er sicher ihre Spur auf. Und hatte er Raaga dabei, der als ausgezeichneter Spurenleser bekannt war ebenfalls dabei hat, dann fanden sie die beiden sicherlich schnell. Was wäre da die beste Tarnung als sich mit Wildpferden fortzubewegen, denn diese hinterließen überall verteilt in alle Richtungen ihre Spuren. Ein Versuch war es zumindest wert. Ein lauter Pfiff ertönte von Mei’s Lippen und Wim schaute sie entgeistert an. „Bist du verrückt? Willst du eigentlich den ganzen Weg laufen?“ „Nein wir werden nach Kerack reiten, auf den schönen Geschöpfen hier.“, Mei zeigte auf die immer näher kommenden Wildpferde. Deren Fell im Mondlicht schimmerte.

„Du verlangst von mir auf einem Wildpferd zu reiten, das hier sieht aus als hätte es noch nie einen Menschen gesehen, geschweige denn einen Menschenarsch auf seinem Rücken gehabt. Der wirft mich doch sofort ab wenn ich es nur berühre!“, erklärte sich Wim. Beide Hände ausgestreckt blickte Mei Wim an und erklärte ihm, dass er auf dem Rücken eines etwas schmutzigen Schimmels sicher wäre. Er solle ihr bitte vertrauen. Wim ließ sich darauf ein und streckte seine Hand in Richtung des Schimmels, sodass dieser an seiner Hand schnuppern konnte. Mei saß bereits auf einem stolzen Rappen, der schon ungeduldig auf der Stelle trabte. Etwas unbeholfen hievte sich Wim auf das Pferd, rückte sich zurecht und beide ritten Richtung Kerack. Aus den Bäumen wurden sie von sorgvollen Augen beobachtet.

Nach einem zwei Tages Ritt erreichten die beiden das Hafenstädtchen Kerack. Ohne große Umwege lenkte Mei ihr Pferd zu einem außen unscheinbaren Haus. Sie stieg von ihrem Pferd, bat Wim ihr es gleich zu tun. Sie schaute dem Rappen tief in die Augen und bedankte sich mit einem Stoßgebet für die Hilfe der beiden Pferde und entließ sie wieder in die Freiheit. Mei schaute den beiden noch einen Augenblick nach. Zwischenzeitlich schaute sich Wim neugierig um, noch nie war er in Kerack gewesen, wusste aber, dass Sebastian hier aufgewachsen war. Als er sich umdrehte, sah er wie ihnen die Türe zu dem Haus vor dem sie standen geöffnet und sie hereingebeten wurden. Er zögerte. Mei jedoch winkte ihn zu sich und ihre Augen sahen bestimmt aus. Wim folgte ihr in das Haus.

Überrascht von dessen Einrichtung bekam er schier den Mund nicht mehr zu. Neben Mei stand eine etwa gleichgroße junge Frau mit langen lockigen schwarzen Haaren und blauen Augen. „Darf ich vorstellen, dass ist Vika. Sebastians kleine Schwester!“ Mit großen Augen starrte Wim Vika an. Und dachte sich seinen Teil. Mei erklärte Wim, dass sie Vika bat sie beide für einen bestimmten Zeitraum Heimat zu gewähren. Für Vika selbstverständlich, da sie in Mei’s Schuld stand und sie quasi zur Familie gehörte. Vika zeigte beiden das Haus, bot ihnen Essen und Trinken an. Nach der Stärkung untermalt mit einigen Geschichten von allen Seiten, gingen Mei und Wim in ihre Betten um sich nach den Anstrengungen zu erholen. Der nächste Tag blieb recht ereignislos. Mei und Wim saßen zusammen und sie erklärte ihm von ihrem Vorhaben. Sie will getarnt nach Novigrad reisen, ihr Vermögen von der Vivaldi Bank abheben, dieses Vika geben, damit diese sich damit wieder zurück nach Kerack begeben kann, damit es geschützt ist. Mit einem kleinen Teil will sie zum Steueramt und ihre angeblichen Schulden begleichen. Dabei behauptet sie, dass die zwei getöteten Steuereintreiber Thaler und der andere Achim/Armin zu einem vereinbarten Zeitpunkt nicht auftauchten um das Geld entgegen zu nehmen. Um diverse möglichen Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen, entschied sie sich persönlich und unkompliziert das Geld nach Novigrad zu bringen. So sah der Plan im Kopf aus. Was sie allerdings in Novigrad erwarten würde, dass wusste niemand. Um es glaubhaft erscheinen zu lassen, Mei sei mit dem Boot nach Novigrad gereist, mussten sie einige Tage in Kerack verbringen.

Gegen Nachmittag saß Mei auf heißen Kohlen, immer im Hinterkopf Valerian könne jeden Moment auftauchen. Einen Vorteil hatten sie, Valerian ist zu Fuß nicht so schnell wie die beiden zu Pferd. Wo sollte Valerian ein Pferd im Brokilon herbekommen. So hatten sie gute zwei Tage Vorsprung. In dem Gespräch zwischen Mei und Wim, verlangte Mei nicht von ihm, dass er sie nach Novigrad begleitet. Sie seien nicht lange getrennt voneinander, das müsste der Körper der Zauberin aushalten. Allerdings hatte da Mei die Rechnung ohne den mutigen Wim gemacht. Er bestand auf die Begleitung Mei’s. Dies ließ er sich auch nicht aus dem Kopf schlagen. Nach einem kurzen Gespräch mit Vika, kam diese mit zwei Männern zurück. Sie trugen eine schwere Holzkiste, stellten sie vor Wims Füßen ab und verließen das Etablissement. Vika bat Wim die Kiste zu öffnen. In ihr befand sich Rüstzeug und ein Stahlschwert. Alles für Wim um kämpfen und Mei beschützen zu können, sofern dies von Nöten ist. Ein weiterer Tag verging und gestärkt, gerüstet und voller Tatendrang stiegen die Zauberin, inzwischen Abenteuer tauglich gekleidet und Wim auf zwei bereits gesattelte Pferde um sich auf die Reise nach Novigrad zu begeben.

Teil 3, von Matthias

Man sieht die Hand vor Augen kaum. Eigentlich scheint der Vollmond, aber das Dickicht des Brokilons interessiert sich herzlich wenig dafür. Nur gelegentlich schießen einzelne Strahlen wie Pfeilschüsse, eingefroren im Raster der Zeit durch das Laub, die Ranken und Stämme. Valerian schritt voran, immer möglichst gerade weiter in derselben Richtung, die die Dryade beschrieb. Es folgten Raaga und Ludwig. Letzterer hielt sich am Saum von Raagas Tunika fest, weil er Probleme mit der Dunkelheit hatte – besser gesagt seine Augen. Es sah ein bisschen so aus wie ein trotziges Kind, das an Papas Rockzipfel hinterherstapfte. Valerian grinste in sich hinein. Die Nachhut bildete Heskor, und zu Valerians großem Erstauen, sah er für einen Nicht-Hexer erstaunlich gut in der Finsternis. Wo das nur herkam? Ein Rätsel das Valerian zu einem anderen Zeitpunkt ergründen wollte. „Raaga.“ Der Hexer stapfte zu seinem Ziehvater. Sein Blick folgte Valerians ausgestrecktem Finger, der auf die Spuren am Boden am Rande einer Lichtung deutete. „Wildpferde?“ Raaga nickte. Er war müde, aber zu stolz es zuzugeben oder Valerian mit so etwas Kleinlichem zu nerven. Wenn Raaga müde wird, wird Raaga still. Seine Augen weiteten sich aber plötzlich. Wie ein Hund der eine Fährt aufnahm, schritt Raaga gebückt über den Boden und betrat die schwarze Aue im Brokilon. Vor seinem inneren Auge sah er die Schemen der Wildpferdherde, die graste, spielte und ruhte. Plötzlich bemerkte er in dem gemächlichen Wirrwarr der Hufspuren zwei Pferde, die auf der Stelle trippelten, und die Spuren wurden tiefer. „Valerian – hier. Das müssen Sie sein.“ Der alte Hexer brauchte ein, zwei Sekunden, dann sah er es. Mei und Wim müssen hier zwei Wildpferde genommen haben für Ihre Reise nach Kerack. Die andachtsvolle Spurensuche wurde von einem hölzernen ‚Klonk‘ gestört, als Ludwig auf dem Weg zum Pissen gegen einen kleinen Baum am Wegesrand gelaufen ist. „Wenn wir Wildpferde finden, können wir zumindest zwei mit dem Axii Zeichen bändigen Raaga. Halt also die Augen offen. Bis dahin… folgen wir Mei und Wim.“ Die Gefolgschaft hätte lieber Worte wie „Rast“, „Feuerchen“ oder „Wildbraten“ gehört.

Die Gruppe näherte sich dem Rande des Brokilons. Die letzten Zweige schlugen der Gruppe ins Gesicht und die letzten Dryaden beäugten die Wanderer missmutig. „Ludwig… von hier nach Kerack sind es gut 70 bis 80 Wegmeilen… wie viel Zeitvorsprung werden Mei und Wim haben?“ Ludwig jauchzte innerlich, endlich war seine Expertise gefragt. Er rechnete: Die Reisegeschwindigkeit beträgt zu Fuß etwa 3 Meilen pro Stunde. Ein Wanderer braucht etwa 25 Meilen pro Tag, wenn er mehrere Tage unterwegs war und seine Kraft einteilen musste. Ein Läufer, der eine Botschaft übermitteln wollte, schafft eine Tagesleistung von gut 40 Meilen. In nicht zu bergigem Gelände legt ein Kaufmann mit Wagen und Gefolge ungefähr 28 Meilen an einem Tag zurück. Ein Reiter legt etwa 37 Meilen pro Tag zurück. Ein berittener Kurier, der sein Pferd öfters wechseln konnte, schafft 50 Meilen pro Tag, ein Kurier des redanischen Geheimdienstes angeblich sogar 68 Meilen. Eilboten im nilfgaardischen Kaiserreich waren mit gut 124 Meilen pro Tag berühmt im ganzen Land, genauso wie ihre ausdauernden Pferde. „Ich denke Mei und Wim werden in zwei Tagen Stadt Kerack erreichen. Ohne Pferde werden wir einen Tag später ankommen… wenn wir uns nicht verirren oder auf Probleme stoßen.“ Ein Tag. Verdammt. Raaga kochte innerlich. Er fürchtete um Mei, und es war mehr als Kameradschaft.

Die matte Gruppe gönnte sich zwei der drei ersehnten Wörter. Hier Wild zu jagen, das trauten sich die vier Männer nicht, in Sichtreichweite der Dryadenposten, die sich hinter den Bäumen verbargen. Ludwig kehrte mit Raaga zurück und brachte einige Pilze und genießbaren Pflanzen zurück, während Valerian mit Heskor das Feuer entfachte. „Wir werden morgen zu Tageslicht aufbrechen. Wir folgen dem Waldrand Richtung Norden, bis wir den südlichen Ausläufer des Adalette finden. Wenn wir diesem weiter folgen und dann dem Hauptstrom des Adalette Richtung Meer, werden wir Kerack erreichen. Gut ausgebaute Straßen verlaufen nur zwischen Cidaris, Stadt Kerack, Hamm, Nastrog, Rozrog und Bodrog an der Küste entlang, weit entfernt von unserer Route.“ „Nastrog? Rozrog? Lamm? Was für abartige Stadtnamen!“ lachte Ludwig. „-Hamm-. Eine Stadt in Verden. Und Nastrog und Nozrog… naja – ich gebe dir Recht. Damit verbinde ich nichts Gutes.“ Die Gruppe wurde neugierig und still. Der Alte seufzte: „Meine Meisterprüfung, die ich mit dem Zunftstitel ‚r‘ abschloss, absolvierte ich auf den Feldern vor Rozrog und Nastrog. Ich war 55. Damals herrschte Coram II in Cintra, dem Land, das an die alte Greifenschule in den Amell Bergen grenzte. Coram II hatte nach einer Schlacht mit Cidaris bei Nastrog das Problem, dass das eigene Heer nach der verlorenen Schlacht vom Heeresverbund abgeschnitten war, weil ein Draugr die Rückkehr unmöglich machte. Ein Draugr ist ein Schlachtgolem, ein von wütenden Soldatengeistern beseeltes Konglomerat von Stahlrüstungen, Schilden, Äxten und Speeren. Das Schlachtfeld zu sehen und mich dabei auf den Draugr zu konzentrieren… es war – nicht schön. Schlafen wir.“ Raaga fand erneut einen Fetzen Erinnerung an sein Leben, denn diese Geschichte hatte ihm Valerian erzählt. Mehrmals.

Die Krähen sangen ihr tagtägliches, hämisches Lied. Das Feuerchen war längst schon erkaltet, als die Gruppe ihren Weg fortgesetzt hatte. Sie sahen inzwischen ein, dass sie keine Wildpferde mehr finden würden. Aber Valerian erinnerte sich korrekt an die Geographie Verdens und des Lands Keracks. An eine Sache erinnerte sich der alte Mann aber wohl nicht mehr richtig. Die Gruppe kam an den Hauptstrom des Adalette. Sie befanden sich auf der Südseite, und mussten, um die Hafenstadt Kerack später zu erreichen, zur Nordseite gelangen. Wie von Melitelte geschickt, trafen Sie auf einen alten Flößer, der in bestem Vokabular, bestehend aus „Hmpf“, „Mhm“ und einem befremdlichen Brummen gegen ein paar Kopper die Überfahrt zum Nordufer arrangierte. Er trug eine verranzte Bruche mit verdächtigen gelblichen und ein paar bräunlichen Flecken im Schritt, ein geflicktes Leinenhemd, eine Fellweste, ein Messer an einem Lederband um den Hals und eine Biberfellmütze. Kurz vor dem Nordufer bemerkte Heskor etwas. Eine Narbe am Hals, und eine Armeetätowierung am Arm. Sie zeigte eine Frau, die mit gespreizten Beinen, ein Bein auf einen Schild gelegt und eines auf eine aufgestellte Streitaxt, ihre Weiblichkeit zur Schau stellte und den Kopf dabei auf einen Eisenhut gelegt hatte. In der landestypischen Schriftart stand dort „die süße Range, in die ich lange“. Über der Frau wehte ein Banner. Heskor tippte Valerian an und nickte mit dem Kopf zu der Ferkelei auf der Haut des Flößers hin. Der alte Hexer grinste erst, dann verschwand sein Grinsen… er grübelte… wo hat er das schon mal gesehen? Plötzlich ging alles schnell: Der Flößer schlug den Flößerstock aus den Tiefen des Wassers geschickt heraus und fegte Heskor und Ludwig von Bord. Männer stürmten vom Ufer heran Richtung Floß. Valerian und Raaga duckten sich unter dem Schlag hinweg – was aber herzlich wenig nützte. Ein Surren ertönte, und ein langer, grobgefiederter Pfeil schoss aus dem Dickicht am Ufer und fegte Raaga vom Floss. Valerians Augen weiteten sich – er sah ihn im Zeitraffer vom Boot fliegen. Die Adern des Alten führten kein Blut mehr, es war reines Adrenalin, und es schrie nach Mord. Er schrie, der Flößer zuckte zusammen – nicht mal in der Schlacht von Brenna hatte er einen solchen hasserfüllten Schrei vernommen. Der Hexer zog das Stahlschwert vom Rücken, wehrte mit einem Wirbel der Schwertbreitseite einen Pfeil ab der ins Wasser neben den schwimmenden Heskor und Ludwig platschte und schlitzte den Flößer mit zwei Hieben auf. Einem zweiten Pfeil weichte der Alte mit Mühe aus. Er sah mit aller Panik, zu der ein Hexer fähig war ins Wasser. Nur Ludwig. Von Heskor und Raaga keine Spur. „Raaga! RAAGA!“ Er dreht sich wieder um, nachdem ihn ein weiter Pfeil freundlich an die gefährliche Situation erinnerte. Er sprang vom Floß auf das Ufer, und sprintete auf eine Gruppe von Halsabschneidern zu, die Ludwig gerade mit einem Wurfnetz aus dem Wasser fischten. Von Heskor nach wie vor keine Spur. Drei der sieben Halsabschneider spalteten sich von der Gruppe ab und hielten auf Valerian zu. Der erste hub mit einer Nagelbeschlagenen Keule von schräg oben auf Valerian ein, welcher mit einer Pirouette den Schlag auswich und dabei die gegnerischen Gedärme auf dem Schlamm verteilte. Der Hexer brachte sich in die taktische Position hinter neben den Zweiten, um dem Schützen im Dickicht das Schussfeld zu nehmen. Aber lange hielt jener nicht durch: Der junge Räuber fuchtelte wild, die meisten Treffer hätten nicht mal ansatzweise getroffen. Die Hexerklinge durchschnitt die Kehle. Der Junge gurgelte. Der Dritte floh entgeistert davon um zum Schützen dazu zustoßen. Als dieser das Dickicht erreichte fand er aber keinen Kameraden, nur eine Blutlache die in kleinen Rinnsalen Richtung Ufer lief. Plötzlich fühlte er den kalten Stahl eines Dolches an seinem Hals. Valerian nickte Heskor zu, der zurücknickte und wieder mit seinen gezahnten Dolchen zurück ins dunkle Dickicht stieß am Waldesrand. „Lass die Waffe fallen Opa!“ Rief dem Hexer einer von der Viererrotte in den Rücken. Valerian drehte sich um, und sah einen bibbernden Ludwig, dem ein rostiges Messer an die Kehle gehalten wurde, über ihm das Fangnetz, mit dem sie ihn aus dem kalten Adalette fischten. Valerian blieb stumm, und blickte Ludwig in seine Augen. Und sein Stahlschwert fiel in den Sand. Er hörte ein paar aufgeregte Schritte sich von hinten nähern und spürte einen dumpfen Schlag am Hinterkopf.

Ein zäher Tropfen getrockneten Blutes verklebte Valerians Wimpern. Seine Augen waren geschlossen, er war immer noch bewusstlos. Nicht aber die von Ludwig. Dieser saß gefesselt an Valerians Rücken, abseits eines Feuers, an dem die Räuberrotte Fleisch aß und nilfgaardischen Zitronenvodka trank. Sie lachten und feierten den Sieg. Sie erplünderten zwei Hexerschwerter, die sie nicht als solche identifizierten und zwei Geldkatzen, eine prall und eine armselig. Ludwig grämte sich über das fehlende Gewicht der Geldbörse an seinem Leibgurt, und versuchte Valerian wachzurütteln. Vergeblich. Er belauschte die Rotte: „…wir machen doch nicht eine verdammte Reise zum nächsten nilfgaardischen Arbeitslager, um denen einen Opa mit irren Augen und einen rundlichen Skelliger anzudrehen! Ich sage, wir beenden diesen Einsatz mit zwei schlichten Schnitten an zwei Kehlen. Da Udbert tot ist, hab ich jetzt das sagen! Ihr wart nicht bei der freien Kompanie oder den listigen Katzen ihr Hosenscheißer, nur Udbert und ich.“ „Darf ich die Schnitte führen Bálla? Bitte bitte bitte! Ich will auch nur die Stiefel vom dem reichen Nordmann!“ „Gut Olpe. Kriegst du. Und wer will die Stiefel von dem Opa?“ Die sonst gierige Meute verstummte. Keiner hatte Lust auf die Löcher an Valerians rechtem Stiefel und an den milden Geruch, den die alten Lederschinken durch Waten in Blut und Unrat angenommen haben. Bálla lachte: „Gut. Olpe. Mach Feierabend mit den zwei Spinnern.“ Olpa zog knirschend ein Messer aus der Scheide, stand auf, so gut es besoffen ging, und torkelte kichernd zu Valerian und Ludwig hin. Ludwig überlegte angestrengt… er musste Zeit gewinnen, Heskor würde sie bestimmt da rausholen „Warte! Was passiert nun mit meinem Handelskarren am Südufer?“ Olpe war sowohl zu doof, als auch zu dämlich um darauf mit Neugierde zu reagieren. Aber Bálla schrie: “Was sagst du da Dickerchen?“ Ludwig grinste verhohlen. „Jetzt hab‘ ich mich aber verraten! Verdammt… ach vergesst es.“ Händlerregel Nr 1.: Nicht-Wollen erzeugt Wollen! Bálla stieß Olpe beiseite und trat an Ludwig heran, und kniete sich herab. Er zog sein Messer. Es hatte einen Messingknauf und zeigte eine Frau mit üppigen Brüsten die sich reckte, und am Rücken des Weibsbildes hing ein Soldatenschild mit einem Wappen. „Wo ist der Karren? Was hast du geladen?“ Händlerregel Nr 2.: Sympathie vor Problem vor Lösung vor Preis. „Ein Haufen Armbrüste und Klingen. Alles womit man sich so als ehemaliger Schlachtenveteran auskennt… dieser Dolch – sag, in welcher Schlacht hast du gekämpft?“ „Brenna. Bei der Freien Kompanie, nur drei Mann von Julia Abatemarco entfernt, dem Höllenweib. Und du?“ „Ich auch! Aber nicht bei der freien Kompanie, in einer anderen Hanse!“ Ludwig versuchte möglichst ernst, und soldatisch-eisern zu wirken. „Du? Nimmer! Womit schlägst du am liebsten? Lanze? Mordaxt? Flegel? Schwert?“ „Schwert oder Ger, also Lanze. Kostprobe?“ Bálla lachte laut auf: „Du? Du warst niemals Soldat, geschweige denn bei Brenna! …Olpe, gib dem Dickerchen mal dein Schwert, ein Duell ist gerade genau das, was ich will! Du kämpfst gegen meinen besten Mann, den roten Pannkratz. Panni! Schwing deinen mächtigen Arsch her!“ Bisher hinter dem Feuerschein für Ludwigs Augen verborgen, erhob sich aus dem Liegen ein Mann, nein kein Mann, ein Stamm, ein Hüne, eine wandelnde Tür, eine Festung aus Muskeln. Er stapfte heran und nahm im Vorbeigehen vom Waffenstapel der Räuberrotte einen Dreschflegel auf, an dem noch etwas Haut und Haar klebten. Ludwig schluckte, das Schwert in der Hand. „Pannkratz, er muss am Ende noch reden können! Verschone seinen Kopf und Hals bitte.“ Der Hüne grinste und machte einen Satz nach vorne, und blieb abrupt stehen. Er verzog das Gesicht zu einer befremdlichen Grimasse, und kippte nach vorne um. Ein seltsamer violetter Dolch steckte in seinem Rücken. „Zu den Waffen Ihr Rutzel!“ Ludwig verlor keine Zeit, dreht sich zur Seite um und stach das Schwert in voller Länge durch Olpes Bauch. Der Junge wimmerte elendig, während Heskor aus dem Dunkelheit heransprang und sich auf Bálla stürzte. Der betrunkene Anführer war außerstandes die Waffe schnell genug zu ziehen, sodass der mit zwei Dolchen in der Brust am Boden verendete. Der letzte der vier, sprang schwer gerüstet vom Feuer auf und hielt auf die drei Gefährten zu. Heskor und Ludwig waren nicht unbedingt die Freunde unmittelbarer, direkter Konfrontation mit Kampfelementen. Plötzlich blieb der Halsabschneider abrupt stehen. Valerian schritt ruhig an Heskor und Ludwig vorbei und näherte sich mit erhobener Hand, eine scheinbar wahllose Handgeste beschreibend dem Strauchdieb. Jener drehte sich langsam, apathisch um, kniete sich hin, und drückte sein eigenes Gesicht in das prasselnde Lagerfeuer. Die Luft roch verschmort und das Axii Zeichen ließ nach, und Schreie ertönten aus dem Feuer.

Valerian trat dem Dieb, der sich aus dem Feuer erheben wollte mit jenem löchrigen Stinkstiefel dermaßen auf den Schädel, dass der dunkel versengte Kopf mit einem ekelhaften Knacken barst und Flüssigkeit in das Feuer rann. Valerian dreht sich kalt um „Heskor. Hast du Raaga gesehen?“ Heskor nickte, hüpfte zum Waldrand und trug auf seinen Schultern Raaga mitsamt Pfeil zum Lagerfeuer heran. Der blasse Raaga grinste Valerian an und sagte schwach: „Heute musste die Axt stecken bleiben. Tut mir leid. Wenn wir in Novigrad sind, dann ist wieder Axtzeit.“ Valerian umarmte seinen Ziehsohn: „Danke Ludwig, danke Heskor. Das werde ich euch nie vergessen.“ „…eigentlich sah mein Plan etwas anders aus.“ Gestand Ludwig und lachte. Valerian war kleinlaut: „Verzeiht. Ich habe einen Fehler gemacht. Die Gegend des Adalette ist berühmt für solche Überfälle und Lumpenpack. Außerdem hätte mir bei der Tätowierung des Flößers ein Licht aufgehen müssen: Das war die süße Range, Julia Abatemarco.“ Die Augen der drei Freunde blickten ahnungslos drein. „Julia Abatemarco, die Offizierin der freien Kompanie, des Söldnerheeres das von Kovir finanziert wurde und sich mitunter aus ehemaligen Strafgefangenen wie den listigen Katzen zusammensetzte. Halsabschneider und Pack, das nach dem Nilfgaardischen Krieg keinen Platz mehr in der Welt hatte.“

Es dauerte immerhin nur sechs Tage bis der zähe Hund Raaga wieder reisefertig war. Die Menge vergnügte sich maßgeblich an dem reichlichen Proviant und Schnaps der Wegelagerer. Ludwig versorgte Raagas Wunden mit Kräutersalben, die er aus Heilpflanzen frisch herstellte. Die Gruppe setzte den Weg fort und erreichte nach einem weiteren Tag die Stadt Kerack im selbigen Land. „Wohin nun Valerian? Was könnte Mei’s nächster Anlaufpunkt sein?“ Der alte, zerlumpte Hexer, noch voller Blutspritzer, blieb inmitten der verdutzten und erschrockenen Stadtbevölkerung auf dem Marktplatz stehen. „Ich weiß nicht was Mei für Freunde in Kerack hat. Aber ich weiß, dass Sebastians Zuhause hier ist. Ihr…. Werdet es mögen.“ Mehr sagte der Alte nicht. Sie gingen, verdreckt und nach einer langen Reise in einer Männerschar stinkend von der Ebene des Stadtmarktplatzes herab Richtung Hafen. Die Sonne ging gerade unter, und tauchte den Hafen und die ersten betrunken Seeleute zum Feierabend in ein märchenhaftes Rot. Valerian hielt zielgerichtet auf ein unscheinbares Haus zu. Die zerrupfte Schar trat ein und roch den Duft von Kerzen, Wein und aphrodisierendem Nelken-Rauchpulver. Spärlich bekleidete Damen bedienten Kaufleute, Neureiche, junge Vermögende genauso wie einfache Seeleute, die Ihre Heuer auf den Kopf hauen wollten. Eine junge Dame kam auf die verdutzten Herren zu. „Was darf es sein die Herren?“ Sie schien die Nase wegen des Geruches etwas zu verkrampfen „… vielleicht ein Badezuber die werten Herren?“ Valerian und Raaga drehten sich um und sahen Heskor und Ludwig vielsagend an. Beide erwiderten nur grinsend „Geld haben wir mehr als genug dabei!“

Raaga kam als letzter dazu. Er stieß zuvor ungestüm jede Zimmertür des Etablissments auf, in der Hoffnung irgendwo Wim oder Mei zu finden. Vergeblich. Also wollte auch er sich zu seinen Freunden in den Zuber gesellen. Wenn vier befreundete Männer einen heißen Badezuber teilten, dann hatte das keinen Unterschied zu vier, tollen Brüderleins in einer Badewanne. Das Wasser platschte nur so umher, es wurde mit hölzernen Badeenten geschmissen und Valerian versengte mit einem kleinen Igni die verbleibenden Haare auf Heskors Brust. Tatkräftig half auch der Alkohol, der in mannigfaltigen Sorten auf dem schwebenden Tablett aufgereiht war, das an einer langen Kette an der Decke über dem Zuber angebracht war, bei den Kinderfaxen. Ludwig hatte richtig Feierlaune: „So ihr Bengels! Jetzt lassen wir mal die Damen aufwarten!“ Der Händler klatschte geübt zweimal schnell hintereinander in die Hände, und eine ganze Reihe an halbnackten Damen kam in den gemütlichen Baderaum geschritten und stellten sich in einer Linie vor dem großen Zuber auf. Der grade noch so vorlaute Ludwig ließ die Kinnlade fallen, als sein Blick an einem Mädel haften blieb. „DIE ROTE!“ Die anderen kringelten sich vor Lachen, als der wilde, dampfende Ludwig mit flatternden Arschbacken aus dem Zuber hochsprang und die verdutzte rothaarige Schönheit aus Kerack an der Hand packte und mit aufs Zimmer nahm. Heskor ging es etwas galanter an: Er winkte eine kleine Schwarzhaarige aus den südlichen Nilfgaardischen Provinzen mit einer Geste heran, flüsterte Ihr ins Ohr. Die Dame kicherte, während Heskor Ihr ein paar Geldstücke zusteckte. Er stand gemächlich aus dem Zuber auf, verbeugte sich höflich vor den beiden anderen Herren, die deren narbenübersäte Körper mit heißem Wasser von außen und redanischen Kräuterschnaps von innen reinigten, lies sich ein großes Handtuch von der Dame umlegen und schritt genüsslich mit der Dame vom Dienst auf Ihr Zimmer. Valerian grinste Raaga an und fragte, obwohl er die Antwort schon wusste: „… und du Junge? Vielleicht die Dame ganz links?“ Die übrigen Damen zitterten innerlich vor Angst, darob der unheimlichen Hexeraugen und der Narben am Körper. „Nein, nein… die Pfeilwunde an der linken Schulter verlangt nach etwas Mäßigung. Aber du darfst mich gerne würdig vertreten. Wirst du das Valerian?“ „Naja. Bleibt mir da eine andere Wahl?“ Beide wussten, dass es nicht die Pfeilwunde war, und beide ließen diesen Satz so im Raum stehen mit einem Lächeln. Der Meister musterte die Damen, und er entschied sich wohlweißlich für eine kleine mit großem Busen, einer schwungvollen Taille, Hüfte und vollem, dunkelblonde, glatten Haaren, einer Halbelfin. Die Dame besaß eine verblüffende Ähnlichkeit mit Nella, wie Raaga auffiel. Er blickte Valerian schräg an, der Anstalten machte, aus dem Zuber aufzustehen. Er antwortete „Naja Raaga, du weißt doch: Das täglich Brot des Hexers ist zu versuchen sich das zu nehmen, was man nie wirklich bekommen wird… Kommst du allein zurecht?“ Raaga nickte zufrieden und nahm eine Flasche Met und küsste diese. Der gute Valerian lachte, blieb splitterfasernackt vor dem zitternden Mädchen in der Reihe stehen, verbeugte sich auf so altmodische Art derart tief und sittsam, und dass obwohl er mit nacktem Arsch und Gemächt im Zimmer stand – oder vielleicht gerade deswegen – die Halbelfin kicherte, und mit Valerian das Zuberzimmer verließ. Raaga winkte die übrigen Damen aus dem Zimmer hinaus, überlegte kurz, nahm die Metflasche, umschloss den Korken mit den Backenzähnen, zog ihn hinaus und spie‘ ihn durch das geöffnete Fenster und traf in hohem Bogen den Kater Parcival, der durch die Gassen Keracks schlich, welcher sich daraufhin derart erschreckte, dass er ausversehen in das Hafenbecken sprang.

„Also. Ich habe von meiner Dame erfahren, dass Mei und Wim wohl tatsächlich hier waren. Sie müssen wohl vorgestern abgereist sein.“ Die anderen Ereignisse der vergangenen Nacht verschwieg Heskor gedankenversunken, während Ludwig hingegen jede Sommersprosse auf dem Hintern seiner Rothaarigen atemberaubt beschrieb. Valerian entschied sich für das Schiff als Reisemittel. Das war günstiger als der Kauf von vier Pferden und vergleichbar schnell. Die Gruppe fand ein Schild an einem Kai mit der Aufschrift „Esslauers Handelsbrigg Richtung Novigrad, Mitreisende gegen Münze gestattet.“ Heskor und Ludwig wollten voran gehen, und den Preis aushandeln. Mit geschwellter Brust gingen sie hin, und Valerian und Raaga beobachteten die beiden Händler, wie sie mit dem Kapitän Esslauer diskutierten – nur um dann kleinlaut zurückzukommen. „Naja…. Ich fürchte das Haus gestern war etwas teurer als so manches Freudenhaus in Miklagart… ich glaube, das Kupfer reicht nicht ganz für alle.“ Raaga hat die Händler gar nicht erst aussprechen lassen, da sah Valerian ihn aus den Augenwinkeln mit der Hand am Axtschaft Richtung Kapitän stapfen. „Raaga Nein!“ Der Kapitän horchte auf „Raaga? -Der- Raaga? Es ist so lange her mein Bester! Du hier??? Welch eine freudige Überraschung..!“ Alle vier Männer schauten verdutzt drein und sahen, wie sich kalter Schweiß auf der Stirn des Käpt’ns bildete. „Also natürlich habe ich meine Schuld nicht vergessen! Kein anderer hätte meine Überfahrt nach Ard Skellig gegen die Sirenen verteidigen können! Aber wie versprochen, nachdem ich dich damals nicht bezahlen konnte… hier dein Lohn… äääh….“ Der Kapitän blickte leichenblass in seine magere Geldkatze. Raaga grinste: „Ich glaube du wolltest meinen Freunden und mir gerade die Überfahrt nach Novigrad anbieten – dann sind wir quitt?“ Der Seebär spuckte in die rechte Pranke und reichte Raaga die Hand zur Besiegelung. Wenig später stach das Schiff ‚Elisandré‘ zur Mittagssonne in See, und an Bord sechs Matrosen, drei Kaufleute, ein Kapitän, vier wenig ausgeschlafene aber wagemutige, ungleiche Männer, die eine wachsende Freundschaft verband – und ein Kater namens Parcival der sich aus einem Hafenbecken über ein Tau auf die Elisandré gerettet hatte und die Hexer argwöhnisch von hinten beäugte.

Während sich Raaga abends zuvor mit der Metflasche im Zuber vergnügte, brannte in einer Stube in einem Novigrader Stadthaus Licht. Diverse Stapel von Pergamenten, stapelten sich auf dem Tisch. Ein Mann saß, spärlich von einer einzelnen Kerze beleuchtet vor einem Pergament. Er seufzte. Er stand torkelnd auf und stieß eine Weinflasche am Tisch um, die leer war. Er wanderte durch den Raum und holte eine frische aus einer Kiste. Everluce, der gute Stoff. Er öffnete sie routiniert und setzte sich wieder hin. Er nahm Feder und Tinte und kreuzte auf dem Kalender einen weiteren Tag auf dem Pergament aus und füllte seinen Kelch mit dem roten Traubensaft.

Teil 4, von Pam

Der Kelch hinterließ einen roten Ring auf einem Blatt Pergament. Dies wurde erst nicht bemerkt. Man hörte schlürfende Geräusche. Sie kamen von einem Mann, der an einem Tisch saß. Er war kräftig gebaut, schlank und muskulös, seine Statur wurde von feinstem Stoff bedeckt, fast schon umschmeichelt. Seine Hände griffen nach dem beschmutzen Pergament. Einige Finger wurden von glitzernden silbernen Ringen, verziert mit edlen Steinen, geschmückt.

Stahlblaue funkelnde Augen blickten auf das Pergament in seiner Hand. Der rote Ring fokussierte exakt das Bildnis eines grauhaarigen, alt wirkenden Mannes, mit seltsamen Augen, eines weiß, das andere gelb, wie das einer Katze. Das Gesicht war gekennzeichnet von tiefen furchigen Narben, auf dem Rücken zwei Schwerter. Das Gesicht des Betrachters verfinsterte sich und warf Sorgenfalten. Mit Wut knallte er das Pergament auf den Tisch, packte einen Brieföffner der darauf lag und spießte das Bildnis des Hexers auf seinem Schreibtisch auf. Gewollt oder unbewusst, der Brieföffner steckte genau in der Brust des Mannes. Im Kerzenschein funkelte die Innschrift des Öffners „I grá, d‘ Mei’idwyn“ (In Liebe, deine Mei’idwyn). „Wenn ich dich in die Finger bekomme, wirst du dir wünschen, nur einen Brieföffner in der Brust stecken zu haben, Missgeburt!“, er spuckte auf den Boden und betrachtete sein Kunstwerk. Der Blick wanderte zu einem weiteren Pergament, darauf abgebildet eine ca. 30 Jahre alte Mei. Der Mann erinnerte sich sehr genau an diesen Tag, er schwelgte in Erinnerungen. Er wusste es noch als wäre es erst gestern gewesen:

Mei saß an einem kleinen Bach auf einem Stein, umringt von lauter weiß blühenden Blumen. Es sah fast so aus als würde sie darin schwimmen. Ihre langen kupferroten Haare trug sie offen und wehten im Wind. Sie trug ein leichtes grünes Sommerkleid. In ihrer Hand hielt sie ein Buch, das sie gerade las. Bis heute wusste ich nicht welches Buch es war aber immer wieder huschte ihr ein kleines Lächeln über ihr zartes Gesicht. Vielleicht ahnte sie auch, dass sie beobachtet und gezeichnet wurde. Dies war der Tag unserer ersten Begegnung und diesen wollte ich bildhaft festhalten. Ein Fest bei einem guten Freund von mir, einem reichen Freund von mir. Das sah man auch an der Aufmachung des Festes. Ich war früher anwesend um noch einige geschäftliche Dinge mit ihm zu klären. Und hätte ich gewusst, dass so eine wunderschöne und mysteriöse Frau ebenfalls anwesend sein würde, hätte ich Blumen mitgebracht. Dieser Abend wird schön werden, sehr schön… Seine Gedanken wurden von einem lauten Knacken gestört. Er lokalisierte das Geräusch rasch. Es kam von einem Holzscheit das berstend im Feuer umfiel und das nicht ohne es lautstark zu verkünden. Er legte das Pergament auf den Tisch, zu einem weiteren das stark nach einem Steuerbescheid aussah. Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl, nahm den Kelch Rotwein und trank einen kräftigen Schluck daraus. Sein Blick wieder auf den Tisch gerichtet.

„Du gehörst mir mein Silberfuchs, für immer. Niemand wird dich mir mehr wegnehmen und schon gar nicht ein so ein dahergelaufener scheiß Hexer. Ich freue mich schon sehr darauf wenn du wieder bei mir bist!“ Marek Van Tirukes hob seinen Kopf und schaute mit seinen stahlblauen Augen aus dem Fenster in den Nachthimmel, erwartend ein kleines Lächeln seiner geliebten Mei zu sehen.

Das so eine Reise zu Pferd kein Zuckerschlecken werden würde, war beiden klar. Wim jammerte hinter Mei auf seinem Pferd, er spüre seinen Schwanz nicht mehr und umschrieb kleinlich wie seine Hoden wohl momentan aussahen. Dinge die Mei nicht im Geringsten interessierten, aber Wim war eben momentan die einzige verbale Ablenkung. Und so ertrug sie sein Gejammer, viel dagegen tun konnte sie ja sowieso nicht. Nachdem einige Stunden vergingen und die Dämmervögel schon anfingen ihre Lieder anzustimmen, entschieden beide einvernehmlich sich einen geeigneten Platz für die Nacht zu suchen um dort ihre Zelte aufzuschlagen. „Warum teleportieren wir eigentlich nicht nach Novigrad? Das wäre doch viel einfacher und weniger auffälliger!“, meckerte Wim.

„Ganz einfach aus dem Grund, dass es eben ziemlich auffällig wäre direkt nach Novigrad zu teleportieren. Da kann ich mich ja gleich freiwillig im Gefängnis melden. Zu Pferd zu reisen ist zwar langwieriger aber weniger auffällig, da wir als einfache Reisende wahrgenommen werden.“, erklärte Mei während sie ihr Pferd absattelte, anband und es grasen ließ. Wim tat es ihr gleich. Mit einer geübten Handbewegung entfachte Mei ein kleines Lagerfeuer an dem beide Platz nahmen. Wim holte etwas Proviant aus seinem Beutel und reichte ihr ein Stück Käse und Brot. Zu trinken gab es für Mei Wasser und für Wim Redanisches Bier.

„Betrinke dich aber bitte nicht, ich habe keine Nerven dich morgen verkatert zu ertragen, es ist jetzt schon ziemlich anstrengend.“, bat Mei. Wim schaute etwas enttäuscht. Sie sah ihn entschuldigend an und sagte: „Tut mir leid, das war nicht so gemeint. So eine Reise mit dem Hintergrundwissen ist nicht leicht. Ich habe wirklich Angst, Wim. Wenn man Zeit hat, hat man leider auch Zeit zum Nachdenken. Und wir verbringen so viel in den letzten Tagen zu Pferd. „ Mit vollem Mund antwortete Wim darauf: „Achf, daf ift schon okay, ichf kann daf gut nachvollfiehen.“, er schluckte runter. „Wovor hast du am meisten Angst? Hier und jetzt angegriffen zu werden oder was in Novigrad passiert? Keine Sorge Mei, ich bin bei dir und werde dich zur Not mit meinem Leben beschützen!“ „Ich habe keine Angst um mich.“, sie seufzte. „Angst habe ich um die anderen, um dich und Skoija. Ich frage mich ob ich falsch gehandelt habe. Zwei weitere Menschen auf dem Gewissen, ich hätte einfach mitgehen sollen nach Novigrad.“

Wim erkannte Mei’s sorgvollen Blick und hörte abrupt auf zu essen und zu trinken. Noch nie hatte er Mei so verletzlich erlebt. Er kannte sie als taffe, mit Worten schlagfertige Frau die nichts an sich heranließ. Nicht körperlich verletzlich, denn das war sie, das wusste er nach den jüngsten Vorfällen in Kear Iwhaell nur zu gut. Nein Mei war ebenso seelisch verletzlich und fast schon zerbrechlich. Das war ihm so nie bewusst gewesen und das machte sie in seinen Augen irgendwie noch sympathischer. Sehr viel hatte er mit Mei nicht zu tun, warum auch er war ja schließlich kein Magiestudent. Plötzlich verspürte er den Drang sie einfach in den Arm zu nehmen, einfach festhalten. Aber da er nicht weiß wie sie darauf reagierte verwarf er diesen Gedanken zugleich. Aber zukünftig wird er wohl des Öfteren sich zu ihr an den Tisch setzen und sie nach ihrem Tag und Befinden fragen. So eine Reise schweißt zusammen und verbindet, rein freundschaftlich.

„Unsinn, was hätte es gebracht, wenn du dich gestellt hättest. Du hast nix zu verbergen. Die in Novigrad sind doch eh alles Idioten die keine Ahnung von nichts haben. Wenn dir da bloß einer krumm kommt, dem stecke ich mein Schwert so tief in den Arsch, dass er es oben sauber lecken kann! So sieht’s nämlich aus. Und jetzt lass uns anstoßen und wir erzählen uns was Freudigeres. Was ich eh schon mal wissen wollte…“, er fuchtelte mit seinem Finger vor Mei’s Gesicht rum. „Wie ist das eigentlich damals passiert? Ein Fluch? Ein Unfall oder war es pure Absicht? Weil hey, sei froh, dass es kein Igel war…“ er lachte kurz laut auf. „Erzähl doch mal!“ Nachdem Mei Wim’s Wink mit dem Zaunpfahl erkannte und ihm dafür dankbar war, dass er versuchte sie aufzumuntern, willigte sie ein ihre Geschichte hinter Skoija zu erzählen. Nach einigen Geschichten später, begaben sich beide in ihre Zelte. Mei zog sicherheitshalber noch einen Schutzkreis um ihre kleine Lagerstätte um ungebetene Gäste fernzuhalten. Die Glut löschte sie mit einem gekonnten Zauberspruch, damit der Rauch sie nicht verriet. Wim war bereits ins Zelt verschwunden und wühlte unter leichten Flüchen seine Decke zurecht. Der Mond schien hell am Himmel und wärmte Mei’s Herz. Mit einem Stoßgebet an die Heilige Melitele dankte sie dieser und kroch darauf hin in ihr Zelt, rückte ihre Kissen zurecht, wünschte Skoija eine gute Nacht und schlief rasch ein.

Der Schrei eines Raben durchschnitt die Luft. Einige Sonnenstrahlen kämpften sich durch das Dickicht der Bäume und klopften an die Zeltwand von Mei. Erstaunlich erholt rieb sie sich die Augen und kroch aus ihrem Zelt. Sie lauschte. Wider Erwarten hörte sie weder Schnarchen noch Rascheln aus Wim’s Zelt. Mei schlug sanft gegen die Zeltleinen um Wim zu signalisieren, dass sie wach ist. Nichts geschah. Ein Rascheln hinter ihr ließ sie nach hinten fahren. Wim kam, an seiner Hose fummelnd aus dem Dickicht. Anscheinend hatte er die Pflanzen Fauna mit seiner Pisse gegossen. Als Wim Mei erblickte sagte er mit etwas kratziger und müder Stimme: „So’n scheiß Vogel hat mir das Ohr vollgeschrien. Saß auf meinem Zelt als ich ihn verscheuchen wollte, scheiß Rabenvieh. Hast du den nicht gehört, sag mal. Du schläfst auch wie ein Stein oder? Hunger?“, er deutete auf den Vorratssack. Mei schüttelte den Kopf und gab Wim mit einer Handbewegung zu verstehen, er solle etwas essen.

„Es war kein Zufall, dass gerade ein Rabe lauthals um die Uhrzeit schrie. Und doch ich habe ihn gehört. Ich war diejenige die ihn bat uns zu wecken, damit wir zügig weiterreiten können!“ Wim gleichzeitig genervt aber auch erstaunt, dass Mei so etwas konnte, stopfte sich Brot und Wurst in den Mund und spülte alles mit einem kräftigen Schluck Wasser runter. Er packte die Zelte und alles andere zusammen und stopfte es in die Reisebeutel. Unterdessen tränkte Mei die Pferde und sattelte sie danach. Während Wim die Pferde belud nahm Mei beide Pferde am Zügel und zog sie sanft zu sich heran, damit sie nacheinander ihre Stirn berühren konnten. Sie murmelte etwas, das Wim mal wieder nicht verstand und dankte den beiden Rössern für ihre ausdauernde und mutige Hilfe. Beide stiegen auf und ritten weiter in Richtung Novigrad und ließen die Umgebung von Kleinweg und der Reuseninsel hinter sich. Ihr Weg führte sie ab dort durch Mittelhein, vorbei am südlich gelegenen Westel Anwesen, nordöstlich hoch durch Sandort.

Krähenfels ließen die beiden weit neben sich, zu viele bekannte Gesichter, zu viel Getratsche. Dieses Risiko konnte Mei nicht eingehen, die Spitzel waren überall. Nach einer weiteren Rast im nahegelegenen Wald nach Sandort, führten die beiden ihren Weg fort, Richtung Lindental, welches sie aber nicht anritten sondern ebenfalls neben sich ließen. Geplant war es, Vika im Maulbeertal zu treffen um gemeinsam die Reise nach Novigrad fortzusetzten. Doch bevor sie das Maulbeertal erreichten, mussten sie einen kleinen Wald durchqueren, den Mei noch von früher kannte. Sie erinnerte sich gerne daran was für schöne Zeiten sie dort erlebt hat, aber nichts war so schön wie ihr Brokilon. Plötzlich bremste Mei ihr Pferd abrupt ab, Wim dagegen trabte unbekümmert weiter. Es dauerte einige Sekunden bis er merkte, dass Mei nicht mehr neben ihm ritt. Er blickte sich nach hinten um und verstand die Welt nicht mehr. Er lenkte sein Pferd wieder zurück zu Mei und fragte sie warum sie denn stehen blieb. Mei hob ihre Nase in die Luft, es sah aus wie ein Hund der etwas leckeres Essbares in der Luft erschnüffelte. Oder nein, eher wie ein Fuchs, er musste innerlich grinsen. Ihr Schwanz zuckte und tanzte. Das Fell war wie das einer Bürste aufgestellt. Auf einmal warf Mei ihren Kopf schräg zu Seite und lauschte in den kleinen Wald hinein. Sie gab Wim mit einer Geste zu verstehen er solle kein Laut von sich geben. Ohne ein Wort zu sagen führte Mei ihr Pferd an den Wegrand, stieg ab und schnüffelte erneut. Sie befahl ihm stehen zu bleiben.

Wim wollte gerade den Mund aufmachen um zu fragen warum sie abstieg, da ertönte ein lautes Jaulen aus dem Wald und ließ ihn zusammenzucken. Das Jaulen klang schmerzerfüllt und hallte im ganzen Wald wider. Daraufhin folgten einige wüste Beschimpfungen einer fremden Stimme, die beide nicht kannten. Mei knurrte und befahl Wim abzusteigen und sein Pferd anzubinden. Er tat wie ihm befohlen. „Tierfänger! Zücke schon mal dein Schwert, es müssen einige Wunden verteilt werden.“ „Tierfänger? So was gibt’s echt! Aber was haben wir damit zu tun …. Mei …. Mei!“, flüsterte Wim als er bemerkte, dass Mei schon langsam schleichend im Dickicht verschwand. „Hey warte.“ RUMMMMS. Neben Wim krachte ein Ast herunter und verriet dem fluchenden Tierfänger seine Position. Doch bevor dieser reagieren und seinen Dolch in Richtung Wim schleudern konnte, schrie er laut auf und fiel zu Boden. Schmerzerfüllt hielt er sich seinen Fuß und wimmerte. Wim sah nur etwas kleines Pelziges ins Dickicht flitzen. Er spannte all seine Muskeln an, bereit zu kämpfen und griff nach seinem Schwert. Einige Meter vor Wim tauchte Mei auf. Um ihre Beine schlängelte sich ein kleiner brauner Mader der verklebtes und zerzaustes Fell hatte. An seinem kleinen Mäulchen glaubte Wim Blut zu erkennen. „Du kleine Votze. Was fällt dir eigentlich ein mich bei meiner Arbeit zu stören, häh? Verpiss dich! Aber zackig, Schlampe. Und schmeiß mir dieses scheiß Vieh her, damit ich ihm den Kopf abreißen kann. Hurensohn eines Maders, beißt mir in meinen wunderschönen neuen Stiefel, das scheiß Blut geht nie wieder raus.“, der Fänger warf noch einige Beleidigungen um sich.

Mei, die während seiner Fluchrede den Mader beobachtete, hob ihren Kopf und blitze den Mann mit ihren Augen böse an. Sie bleckte die Zähne und knurrte: „Du hast gerade offen vor mir zugegeben ein unschuldiges Tier zu töten. Das war ein schwerer Fehler. Mit solchen impotenten Individuen hatte ich schon des Öfteren zu tun und ihr widert mich allesamt an …“ Während Mei redete, fiel Wim auf, dass der Mann sich nicht regen konnte. Es wäre ein leichtes gewesen auf Mei zuzustürmen und ihr einen Dolch in die Brust zu rammen. Doch er rührte sich einfach nicht. Er sah zu Mei die ganz unauffällig ihre Hand geöffnet hielt. Aus dieser leuchtete ein leichter Schimmer aus grüner Farbe heraus. Sie manipulierte ihn. Wim wusste, dass Mei keine Kampfmagierin war und deshalb wohl diese Art der Magie benutze um in keinen Kampf verwickelt zu werden. Noch während Wim sich ausmalte was Mei sonst noch so alles drauf hatte, sah er wie der Mann aufstand und langsam in eine Richtung ging. Mei winkte Wim zu sich, sie mit dem Finger auf ihren Lippen. Beide folgten dem Mann einige Meter bis sie an einem kleinen Lager ankamen. Wim konnte in dem Augenblick in Mei’s Gesicht erkennen wie geschockt und zugleich wütend sie war.

Auf einer kleinen Lichtung stapelten sich mindestens 20 Käfige gefüllt mit allermöglichen Arten von Waldtieren. Überfüllt. Einige zu geschwächt um zu randalieren, andere wiederum schrien und knurrten aus voller Kehle in der Hoffnung jemand würde ihr leidendes Flehen erhören und sie befreien. Der kleine Mader folgte den beiden, als er seine Waldkollegen sah kringelte er sich angsterfüllt schützend hinter Mei zusammen und wimmerte kläglich. Von weiteren Tierfängern war weit und breit nichts zu sehen. „Los Wim, hilf mir die Käfige aufzubrechen und sie zu befreien, bitte! Mir blutet das Herz. Hab aber Acht auf die anderen Tierfänger, weit können die nicht sein.“, während sie sprach machte sie sich an einem kleinen Käfig mit vier Eichhörnchen zu schaffen. „Wir sind näher als du denkst, Silberfuchs. Seit Jahren machst du uns das Geschäft mies, du kleine Hure. Du bist ja echt mutig dich hier blicken zu lassen, so nah an Novigrad … so nah bei Marek.“, die letzten Worte sprach und betonte der Mann penibel. Mei schreckte hoch und blieb wie erstarrt stehen. „Langsam umdrehen oder dein Freund hier darf meine Klinge kosten.“

Sie drehte sich langsam um und blickte dem Mann, den sie schon an seiner Stimme erkannte böse an. „Cornelius, hmm … lange nicht mehr gesehen. Was machen die illegalen Geschäfte? Und wie geht es deiner geliebten Sybille?“, wissentlich, dass Sybille ihn vor Jahren sehr aufbrausend und stürmisch verlassen und ihm das Herz gebrochen hatte, verschränkte sie ihre Arme hinter dem Rücken und wartete auf die weniger positive Reaktion von Cornelius. Wie erwartet schoss dieser auf Mei zu und drohte ihr mit seinem Dolch. Das ließ sie aber völlig kalt, da sie wusste wie sie in kontrollieren konnte. Und dazu musste sie nicht einmal Magie anwenden. „Halt bloß deine Fresse du Zauberinnenpack. Wage es bloß nicht deine Magie bei mir wie bei Harald da drüben anzuwenden. Sind dir eigentlich schon seine tollen neuen Bärenlederstiefel aufgefallen? Vor ein paar Tagen frisch erlegt, das Drecksvieh hatte keine Chance gegen uns fünf Männer.“, Cornelius prahlte und wusste wie er Mei damit ärgern konnte. Doch er hatte die Rechnung ohne sie gemacht. „Ihr seid ja so mutig und stark. Fünf gegen einen. Er war wohl geschwächt, ansonsten hättet ihr keine Chance gegen ihn gehabt. Aber sag seit wann bist du denn im Tierhandelgeschäft? Sind alle deine Huren an Syphilis oder anderen Krankheiten elendig verreckt? Oder hatten sie einfach keine Lust mehr einem solchen Schlappschwanz wie du es bist weiter zu gehorchen? Ich hatte es dir vorausgesagt, dass es eines Tages so kommen wird und du deine Frauen so nicht bei dir halten kannst. Das hat weder bei deinen Huren noch bei Sybille etwas gebracht. Und nun? Widmest du deine ganze verbliebene Zeit damit, Lebewesen zu fangen, zu quälen und zu töten? Da sie dir nicht die Stirn bieten können, weil du dich sicher fühlst mit all deinen modernen Waffen. Nur weil du denkst, das Tiere minderwertiger in deinen Augen sind und sich nicht wehren können! Da hast du aber mich und die Tierwelt gewaltig unterschätzt …“

Noch bevor Mei ihre letzten Worte sprach, sprang aus dem Dickicht ein dunkelgrauer großer Wolf in die Menge der Männer und verbiss sich in einen. Wim zuckte zusammen, ergriff aber blitzschnell die Ablenkung um sich sein Schwert von einem der Männer zu schnappen und es tanzen zu lassen. Einer der Männer kam mit einem Streitkolben auf ihn zu, mit einer geschickten Bewegung schnitt er ihm den Wanst auf und verteilte dessen Blut im hohen Bogen auf den Blättern der umliegenden Sträucher. Zwei weitere hatten ebenfalls keine Chance gegen Wim, der sie gekonnt und brutal zu Boden zwang. Doch Cornelius hatte einige Handlanger um sich geschart, die nun allesamt Wim angriffen. Auch wenn es so erschien, stand Mei nicht ganz tatenlos daneben und beobachtete das ganze Szenarium. Denn was Cornelius nicht mitbekam, war die Tatsache, dass sie die ganze Zeit über schon ihre Magie spielen ließ. Cornelius ging langsam auf Mei zu und wollte es endlich beenden, als dieser ein Klacken vernahm, dass aus der Richtung einer der Käfige kam. Er blickte zum Käfig, sah wie die Türe langsam aufschwang und dann wieder zurück zu Mei und schüttelte angsterfüllt den Kopf. Mei grinste nur und sagte: „Ich habe es dir damals gesagt und werde es dir auch jetzt nochmal sagen: Eines Tages rächt sich alles, egal ob Mensch oder Tier und unterschätze niemanden, auch wenn es in deinen Augen bloß ein Tier ist!“ Das waren die letzten Worte die Cornelius vernahm. Ehe er sich’s versah, sprangen ihn fünf junge Füchse an, zerbissen und zerkratzten ihm racheerfüllt sein Gesicht und hauchten ihm langsam aber sicher das Leben aus. An ihm vorbei attackierten weitere Tiere die Angreifer von Wim. Er wich aus um nicht als Mahl eines der Tiere zu enden, aber irgendwie war er für sie unsichtbar. Keiner machte auch nur die Anstalten ihn anzugreifen. Man hörte lautes schmatzen und menschliche Schreie.

Als alles vorbei war hielten alle zuvor gefangenen Tiere inne und schauten zu Mei. Diese setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und streckte ihre Hände aus. Ein Tier nach dem anderen krabbelte langsam zu ihr und ließ sich von Mei berühren, einige von ihnen ließen sich sogar kraulen, die fünf Jungfüchse ganz vorne. Sie dankte jedem einzelnen für ihre Hilfe und es schien, als würde Mei jedes Tier segnen. So würde es zumindest Wim beschreiben. Er stand völlig baff auf der kleinen Lichtung die nun geschmückt war von Blut, Hautfetzen und verstümmelten Leichen. Der Geruch von Tod hing schwer in der Luft und wurde von Gerüchen der Waldumgebung ummantelt. Das ließ den Tod, die Tatsache was sich gerade auf der Lichtung abspielte, weniger bedrohlich wirken. Eher verbreitete dieser warme Geruch das Gefühl von Warmherzigkeit und Geborgenheit. Nach manchen Schlachten fühlte man sich schlecht und kämpfte innerlich mit sich selber gegen etliche Schuldgefühle. Doch das war hier nicht der Fall. Wim spürte immer noch das Adrenalin in seinen Adern, das allmählich nachließ. Sein Herz pochte hart in seiner Brust. So etwas Derartiges hatte er noch nie erlebt. Quasi Seite an Seite mit Waldtieren zu kämpfen. Dieses Gefühl von Stärke und Stolz kannte er zwar aber diesmal war es anders. Unbeschreiblich. Das so etwas möglich war, das hätte Wim niemandem geglaubt wenn man es ihm erzählt hätte. Erstaunt über das was geschah, über das wozu der Silberfuchs fähig war, ließ er sein Schwert langsam zu Boden gleiten. Er schaute blutverschmiert zu Mei. Mei saß immer noch auf dem Boden, ihre Augen geschlossen. Sie atmete gleichmäßig und fest. Plötzlich schlug sie die Augen auf. Sie waren durchsetzt mit kleinen Äderchen. Es sah fast so aus als hätte sie nächtelang nicht geschlafen.

„Hast du viel abbekommen, Wim? Ich versorge gleich deine Wunden, dann können wir weiterreiten.“ Wim wusste nicht so recht was er antworten sollte. Er nickte nur und streckte Mei seinen linken Arm hin, der einen tiefen Schnitt abbekam. Mei erhob sich und schritt zu Wim. Mit einer sanften gleichmäßigen Handbewegung und einem Zauberspruch sah Wim zu, wie ein Rinnsal von Wasser das aus dem nichts zu erscheinen schien, seine Wunde reinigte. Als das Wasser den Schmutz und das Blut davon trug, wuchs langsam neues Fleisch und schloss die Schnittwunde. Wim spürte wie es kribbelte, nicht unangenehm, so wie es sich eben anfühlt wenn neues Fleisch nachwuchs. Mei blickte sich noch einmal um sich, um sich zu vergewissern, dass alle tot sind die es verdient hatten. Ihr Blick wanderte langsam zu Cornelius Körper. Er lag in seinem eigenen Blut, in einer großen Lache. Ein Schaben signalisierte, dass noch etwas Leben in ihm steckte. Cornelius bewegte langsam seine Finger und seine Augen wanderten schmerzerfüllt zu Mei. Für ein paar Sekunden lang starrten sie sich an. Ein hasserfüllter Blick von Mei, eine schnelle Handbewegung und ein lautes Knacksen signalisierte ein weiteres Aushauchen eines Lebens. Sie ging ohne eine Miene zu verziehen an Wim vorbei zurück zu den Pferden. Nach einigen Metern fragte sie: „Willst du hier stehen bleiben oder mit mir mitkommen? Los Wim, schwing deinen Hintern auf das Pferd. Wir sind nicht mehr weit von Novigrad entfernt!“

Wim immer noch verdutzt, nickte und folgte Mei zu ihren Pferden, die schon ungeduldig auf der Stelle tippelten. Trotz dem kleinen Zwischenfall, holten die beiden rasch die Zeit wieder ein, das Dorf Maulbeertal lag nicht weit entfernt. Dort wartete Vika schon mit einem Schlafplatz und einer warmen Mahlzeit auf die beiden. Bevor sie ins Bett gingen, saßen die drei noch zusammen. Es wurde diskutiert, gelacht, geplaudert und über den Plan im Stillen geredet. Gegen später saßen nur noch Wim und Vika beisammen und lernten sich bei ein paar Partien Gwint und Alkohol näher kennen. Die Gläser waren nun leer, die letzte Kerze wurde ausgepustet und auch der letzte Gast ging zu Bett, bereit für das morgige Finale in Novigrad. Trotz der langen Nacht und einigen Gläsern Alkohol waren Wim und Vika erstaunlich fit als die drei sich auf den Weg nach Novigrad machten. Sie bestiegen ihre, in der Zwischenzeit getauschten neue Pferde und ritten los in Richtung Norden. Sie erkannten den großen Galgenberg im Osten, die Sonne strahlte ihn wärmend an. Doch am Galgenberg direkt vorbei ritten sie nicht, denn auf seiner Strecke befand sich weiter nördlich ein Grenzposten, den sie vermeiden wollten zu passieren. Stattdessen lenkten sie ihre Pferde durch etwas sumpfigeres Gebiet um Ursten zu erreichen.

Das Ziel war das Hafentor Novigrads, um dort allerdings hinzugelangen mussten sie zwischen der Mühle Lucians und der Burg Drahim vorbei. Ein seltsamer Ort diese Burg, niemand traute sich so recht dorthin. Als sie das Tor erreichten blieben alle drei noch einmal stehen. „Der Plan ist jedem klar bekannt? Jeder weiß welche Aufgabe er hat?“, fragte Mei ihre zwei Begleiter. Beide nickten. Mei stieg ab, verschwand hinter einem großen Busch um zugleich ziemlich verändert wieder hervorzukommen. Vika streckte ihren Daumen hoch und zeigte somit ohne etwas zu sagen, dass sie die Verwandlung gelungen fand. Wim hingegen sah etwas verstört aus. Schließlich kannte er Mei nur so wie sie eben sonst immer aussah. Es wirkte so befremdlich, sie ohne Fuchsschwanz, langen Eckzähnen und die zwei unterschiedlichen Augenfarben vor sich stehen zu sehen. Alles was sie ausmachte war plötzlich verschwunden. Stattdessen waren ihre Augen nun blau und die Haare zu einem strengen festen Dutt frisiert. Es gefiel ihm so gar nicht. Innerlich verschränkte er die Arme wie ein trotziges Kind und schmollte, da er die alte Mei wieder haben wollte. Würde er nicht wissen was auf dem Spiel stünde, dann hätte er sich lauthals beschwert und seinem Unmut freien Lauf gelassen. Doch er beherrschte sich. Zugleich stieg Mei wieder auf ihr Pferd und konzentrierte sich darauf ihre Illusion aufrecht zu erhalten. Sie war zwar eine sehr gute Zauberin aber Illusionen lagen ihr irgendwie nicht. Es durfte ihr jetzt kein Fehler unterlaufen.

Wie besprochen trennten sich die Wege von Vika und den beiden, Mei und Wim. Vika wartete auf die beiden im Goldenen Stör, einer Taverne in der Nähe vom Hafen. Die beiden Frauen stiegen ab und umarmten sich. „Ich bin dir so unglaublich dankbar für deine Hilfe, Vika. Das werde ich dir nie vergessen. Du weißt ja, wenn etwas ist und du Hilfe benötigst, zögere nicht mich zu fragen. Pass bitte gut auf dich auf, ich werde es zeitnah bei dir abholen. Danke!“, Mei umarmte Vika nochmals. „Du hast schon so viel für unsere Familie getan, mehr als du dir vielleicht vorstellen kannst. Zumal ich weiß, dass es meinem Bruder bei dir gut geht. Das Gut werde ich sicher bei mir verwahren, verlass dich auf mich.“, Vika lächelte Mei an und zwinkerte ihr zu. „Du weißt doch, Unkraut vergeht nicht!“ Vika ging auf Wims Pferd zu und verbeugte sich galant mit einem Lächeln vor ihm. „Und dir mein lieber Wim, danke ich für die schöne und unterhaltsame Nacht. Das müssen wir bald mal wiederholen. Passt auf euch auf.“ Nach diesen Worten schwang sie sich wieder auf ihr Pferd, drehte sich zu Mei um und sagte: „Wir sehen uns … Bis dann!“ Dann schritt sie davon, geradewegs zur Taverne im Goldenen Stör. Mei schaute Wim etwas fragend an. „Hast du etwa mit …“, sie zeigte über die Schulter auf die davonreitende Vika. „Ich .. was … Unsinn. Wir haben nur sehr lange Karten gespielt, getrunken und uns unterhalten. Man hat sich gut verstanden. Ist ne ganz Nette, die kleine Schwester von unserem Sebastian. Und hey was denkst du eigentlich von mir?“ Mei zog ihre Schultern unschuldig hoch und grinste verstohlen. Sie winkte die Frage kopfschüttelnd ab. Als sie den Marktplatz erreichten, suchte Wim nach einer geeigneten Stelle in der Nähe der Vivaldi Bank, um ihre Pferde anzubinden. Er wurde rasch fündig. Mei ging den ersten Teil des Planes nochmal schnell durch, atmete tief ein und schritt zur Bank. Es sah fast so aus als würde sie schweben, so voller Erhabenheit und Eleganz. Wim beobachtete seine Umgebung, während er so tat, als würde er sein Pferd säubern. Er musste genau drauf achten wer aus der Bank raus und wer reinkam. Während Wim zu sehr darauf konzentriert war zu beobachten was vor der Bank geschah, bemerkte er nicht, wie ein hochgewachsener eher unscheinbar wirkender Mann ihn und Mei über seinen Ladentisch hinweg ebenfalls beobachtete.

Als Mei vor der Tür der Vivaldi Bank stand, wanderte ihr Blick kurz auf ihre rechte Hand. Der Ringfinger war von einem schlichten Silberring mit drei kleinen eingefassten Steinen geschmückt. Mareks erstes Geschenk an sie. Wie gerne sie sich doch an diesen Tag erinnerte, blieb dafür jetzt keine Zeit. Sie atmete tief ein, setzte ein unschuldiges Lächeln auf und stieß die Tür ins Innere auf. Wie von einer Spinne gebissen sprang ein kleiner rundlicher Mann auf und begrüßte Mei herzlich. Es war ein Angestellter der Bank, Vimme Vivaldi schien heute nicht anwesend zu sein. Was für ein Vorteil für Mei, die im Moment nichts gegen etwas Unbekanntheit hatte. Denn der Angestellte kannte sie nicht, deswegen konnte sie sich ihm als alles verkaufen. Hauptsache nur nicht die Mei’idwyn hervortreten lassen um den Schein zu wahren. Der kleine Mann, kein Zwerg aber dennoch irgendwie etwas zu klein geraten holte ein Buch hervor und fragte an Mei gerichtet: „Wie kann ich euch helfen, werte Dame? Möchtet ihr vielleicht einen Kredit aufnehmen oder Münzen tauschen? Wir haben die besten Konditionen im ganzen Umkreis.“, er schaute Mei wie ein kleiner Hund an. Es sah so erwartend aus, wie als würde er auf eine Belohnung warten. Um die Sache schnell hinter sich zu bringen gab sie ihr Gesuch schnell preis und sprach mit versuchter verstellter Stimme.

„Ach ich bitte euch, schaut mich an. Als hätte ich es nötig einen Kredit aufzunehmen, haha. Ich bin hier um alle meine Münzen abzuheben. Mein frisch gebackener Ehegatte hat vor von hier wegzuziehen. Stellt euch vor, er will tatsächlich mit mir nach Toussaint. Ein wunderschönes großes Anwesen wartet dort auf mich. Da ich Novigrad hinter mir lassen werde, möchte ich gerne mein ganzes Vermögen das ihr all die Jahre für mich habt aufbewahrt mitnehmen und in der Cianfanelli-Bank in Beauclair anlegen. Mir ist bewusst, dass es sehr sehr traurig ist, ihre Dienste nicht mehr länger in Anspruch zu nehmen. Das Konto lautet 0124. Hier ist ein großer Samtbeutel, packt einfach alles da rein.“

Der Mann schaute erst etwas verdutzt, doch dann erwärmte sich professionell seine Miene. Um die Kundenbindung zu prägen, hatte er einen Vorschlag zu unterbreiten. „Aber werte Dame, ihr müsst doch nicht all die schweren Münzen unsicher nach Toussaint schaffen. Wir arbeiten zusammen mit der Cianfanelli-Bank und können einen sehr sicheren Münz Transfer arrangieren. Aber lasst mich erst in den Büchern schauen um welches Konto es sich denn handelt.“, murmelnd suchte er die Nummer 0124. „Nummer 0124, hier haben wir es ja. Mei’idwyn Anjeszka Naecheighn.“ Er hatte einige Probleme Mei’s Name richtig auszusprechen. „Ah hier die Dokumente, es befinden sich momentan 25 795 Novigrader Kronen und eine Schmuckschatulle in Eurem Schließfach. Das ist eine Menge Geld, seid ihr sicher, werte Dame, dass ihr nicht doch den Transfer nutzen wollt?“

„Herr Vivaldi sprach das auch einmal an, diesen Transfer. Aber seien wir mal ehrlich, wer kann mir da 100% Sicherheit garantieren? Das konnte nicht einmal ihr Vorgesetzter. Neein nein ich werde es persönlich an mich nehmen und … hmm vielleicht noch einen Teil hier in Novigrad ausgeben, damit der Beutel nicht ganz so schwer ist, hahaha. Wo muss ich unterzeichnen?“ „Hmm wenn das sogar Herr Vivaldi nicht garantieren konnte und ihr noch Münzen an den Händler bringen wollt, werde ich euch selbstverständlich von eurem Vorhaben nicht abbringen. Ich kenne einen guten Schneider ein paar Häuser weiter. Das wäre doch ein schönes Andenken an die Stadt Novigrad, ein Kleidungsstück von hier, hihi. Bitte unterzeichnet hier und hier. Übliche Dokumente, eines für die Abhebung und die daraus folgende Abgabe des Schließfaches und Kündigung der Vereinbarung.“ Mei unterzeichnete schwungvoll die Papiere nachdem sie alles durchlas. Es kostete zwar Zeit aber sie durfte sich keinen Fehler erlauben, sie wollte mit Novigrad und der Vivaldi Bank nichts mehr zu tun haben. Sie reichte dem Mann die Papiere, der daraufhin in einem kleinen Hinterzimmer verschwand. Mei war immer noch sehr darauf konzentriert ihren Illusionszauber aufrecht zu erhalten und eine andere Person zu spielen. Dieses Damenhafte konnte sie noch nie ausstehen, Gekicher hier, Geläster dort.

Der Mann kam wieder aus dem Zimmer, der grüne Samtbeutel prall gefüllt. Er musste ihn mit beiden Händen tragen. Er hievte den Sack auf den Tresen und verschwand wieder. Etwas leichtfüßiger kam er mit einer länglichen wesentlich leichteren Holzschatulle wieder.

Skoija hüpfte innerlich als sie die Schatulle sah und spürte. Es war ihre Schatulle das wusste sie. „Soll ich euch die Münzen abzählen werte Dame?“, fragte der Mann und man konnte ein kleines Blitzen in seinen Augen erkennen. War es die Hoffnung es nicht tun zu müssen, da es sehr viele Münzen waren oder das Erstaunen? Mei wusste es nicht aber sie befreite den Mann von seinen Gedanken. „Ein so ehrenhafter freundlicher Mensch, wie ihr es seid, würde einer Dame doch nichts unterschlagen, hihi. Wäre das dann alles? Ich brenne drauf den Schneider zu besuchen, hahaa.“ Der Mann nickte. „Hier ist noch eine kleine Aufmerksamkeit von mir, für eure Hilfe und Freundlichkeit. Und egal ob eine Regel besagt, ihr dürft es nicht annehmen. Von mir wird euer Vorgesetzter nichts erfahren, hihi.“, sie zwinkerte dem Mann neckisch zu und legte eine Münze auf den Tresen. „Es ist sehr bedauerlich euch als Kundin zu verlieren, werte Dame. Ich wünsche euch viel Glück und ein erholsames Leben in Toussaint. Ein wirklich schönes Land, alles blüht und ihr solltet den Everluce probieren, haha. Einen schönen Tag noch, wartet ich begleite euch zur Tür.“ Der Mann tippelte vom Tresen hervor und wackelte zur Tür um der schwer beladenen Mei die Tür zu öffnen, diese hatte in der Zwischenzeit den Beutel unter ihrem Mantel verschwinden lassen. Sie bedankte sich bei dem Mann und ging ohne Zögern zu ihrem Pferd, band es ab und stieg gekonnt auf. Ohne ein Wort zu Wim lenkten sie ihre Pferde zum Goldenen Stör um Vika den Beutel zu übergeben. Zur gleichen Zeit erhob sich der unscheinbare Händler von seinem Stand, grinste fies und verließ zügig den Marktplatz in Richtung Passiflora. Die Übergabe lief reibungslos und ging zügig von Statten. Mei hatte zuvor den geforderten Betrag der Steuerlast aus dem Beutel entnommen und die Schatulle hineingelegt, mit der Bitte auf diese besonders gut zu achten. Den kleineren Beutel verstaute Mei in der Satteltasche ihres Pferdes. Wim hatte wohl noch nie so viele Münzen auf einmal in unmittelbarer Reichweite zu seinen Fingern gesehen. Er fragte sich ob es auffallen würde wenn ein paar fehlen würden und wenn er damit in einem Bordell verschwand. Der Gedankengang wurde rasch von Mei unterbrochen, da es jetzt weiterging zum Steueramt. Dieses erreichten sie schnell, es war ein ziemlich heruntergekommenes altes Gebäude. So unscheinbar, dass es schon wieder genial war. Welcher Fremde würde schon auf den Gedanken kommen, dass das Gebäude ein Steueramt sei, indem viele viele Münzen gelagert wurden. Wim nahm seinen Bordell Gedanken wieder auf. Ihre Pferde banden sie ein klein wenig abseits irgendwo an. Mei holte den Beutel aus der Satteltasche und erklärte zu Wim gerichtet: „Falls etwas schief gehen sollte und du merkst es werden zu viele Wachen, dann bitte schwing dich auf dein Pferd und reite aus Novigrad heraus nach Ursten in den Wald. Dein Pferd kennt den Weg. Im Wald ist eine kleine Hütte auf der ein Illusionszauber liegt. Wenn du nah genug herangehst wird sich dir damit eine grüne Tür öffnen. In der Hütte ist genug zu Essen und Trinken für mehrere Tage. Bleib solange dort bis ich dich abholen komme.“, Mei übergab Wim ein Armband mit einem kleinen grünen Anhänger der die Form einer Tür hatte. Sie packte Wim an den Schultern und schaute ihm tief in die Augen. Es sah fast so aus, als wüsste sie, dass etwas schief gehen konnte. Doch dies würde sie nie zugeben.

„Auch dir danke ich für alles und es tut mir unendlich leid dich unfreiwillig in diese ganze Sache hineingezogen zu haben. Ich hoffe du kannst mir je verzeihen. Spiele bitte nicht den Helden, Wim. Mir ist bewusst, dass du gerne jedem einzelnen den Kopf abschlagen würdest aber das Risiko dich zu verlieren wäre zu groß. Ich wäre mein Lebtag nicht mehr Herr, wenn ich das zu verantworten hätte. Danke für alles, Wim!“ Mit diesen Worten umarmte sie Wim und ihr Blick war erfüllt von Dankbarkeit. „Es wird alles gut gehen, Mei. Wir bringen das schnell über die Bühne. Rein, Geld abgeben und wieder raus. Und ehe du es dich versiehst, sind wir schon wieder auf dem Weg in Richtung Kaer Iwhaell und du kannst dich wieder verwandeln. Es ist nämlich echt ziemlich befremdlich diese Aufmachung. Sieht wenn ich ehrlich bin total beschissen aus. Da fehlt einfach was, das bist nicht du. Aber naja ich schweife vom Thema ab. Egal was passiert ich werde dich so gut es geht beschützen und auf dich aufpassen. Und ja … der Fluchtplan ist mir bekannt und ich werde ihn einhalten, aber dazu wird es gar nicht erst kommen.“, Wim lächelte. „Sei aber bitte dennoch darauf gefasst!“ Mei nahm ihren Beutel und ein zusammengerolltes Pergament und ging trotz allem selbstbewusst zur Tür des alten Gebäudes und ließ Wim hinter sich. Dieses Gefühl beobachtet zu werden hockte ständig seit der Vivaldi Bank in ihrem Nacken. Aber das ist bei solch einem Vorhaben wohl immer so. Sie betrat das Gebäude und sah, dass sie nicht alleine war. Es war wohl ein guter Tag seine Steuerschulden abzubezahlen. Das dachten sich auch noch drei andere Personen. Mei reihte sich in die Schlange ein und merkte, wie Skoija innerlich ziemlich unruhig wurde. Immer noch sehr darauf bedacht ihren Zauber aufrecht zu erhalten. Der erste Schuldner schritt mit einer griesgrämigen Miene an Mei vorbei und murmelte vor sich hin. Sie glaubte Wörter wie „Arschloch“, „scheiß Adlige“ und „saufen“ wahrgenommen zu haben. Die kleine Schlange bewegte sich vorwärts. Vor ihr war eine mittelgroße, blonde Frau. Ihre Kleidung hatte schon bessere Zeiten gesehen. Permanent schien sie an etwas herum zu zupfen. In der momentanen Situation nicht wirklich hilfreich, wie Mei fand. Es dauerte einige Minuten bis auch die zweite Person schimpfend das Haus verließ. Zur gleichen Zeit saß Wim auf einem Stein und wartete. Es liefen hier schon komische Leute rum dachte er sich. Er war ja noch nie in Novigrad gewesen fand aber, dass es an sich eine schöne Stadt war. Zu schade, dass er keine Zeit hatte die örtlichen Etablissements auszuprobieren. Vikas sehr spezielles Heim war ja schon eine Klasse für sich und bereitete viel Spaß. Schnell versuchte er sich auf die eigentliche Sache zu konzentrieren. Er musste sich beherrschen. Musste einsatzbereit sein. Zwei Männer gingen an ihm vorbei. Einer der beiden grüßte ihn freundlich. Wim kam nicht umhin, festzustellen, dass es ein sehr edel gekleideter Mann war und deswegen wohl sehr wohlhabend sein musste. Er hätte auch ein Kämpfer sein können, die Statur passte. Während Wim zur Begrüßung nur stumm nickte, sah der Mann ihn mit seinen stahlblauen Augen an und verzog den Mund zu einem hämischen Grinsen. Doch ehe Wim sich daraus etwas einbilden konnte war der Mann bereits mit seiner Begleitung Richtung Steueramt verschwunden. Wim beäugte ihn misstrauisch, griff unbewusst an seinem Dolch der im Gürtel steckte und erhob sich. Blieb aber dort stehen wo er war. Die Tür zum Gebäude öffnete sich, doch ehe sich Mei umdrehen konnte um zu sehen wer es war, schrie die blonde Frau zugewandt zu ihr plötzlich lauthals „elendiges Dreckspack von Hexe“ und zeigte auf Mei. Noch bevor diese wirklich wahrnahm was gerade geschah, griff die Frau in einen Beutel an ihrem Kleid und warf etwas Staubartiges auf Mei. Das Pulver glitzerte im Raum und wie Mei feststellte handelte es sich um feinstes Demiritium. Ihr war es unmöglich die Illusion aufrecht zu erhalten oder irgendeinen anderen Zauber zu wirken. Sie ließ ihren Beutel und das Pergament fallen, röchelte und hustete. Sie hatte das Gefühl an dem Demiritium zu ersticken.

Langsam sank sie auf die Knie und nahm nur noch benebelt wahr, wie man ihre Arme nach hinten riss und ihr etwas schweres Kaltes anlegte. Der Raum der zuvor nur von wenigen Personen gefüllt war, war nun von mehreren Wachen besetzt worden. Von überall kamen sie her, nur nicht von draußen. Sie mussten auf ein Zeichen gewartet haben und in den Hinterzimmern gelauert haben. Mei’s Benebelung ließ langsam nach und offenbarte ihr die Situation. Jemand stand vor ihr und beugte sich vor. Im Nebel erkannte sie schwarze Stiefel und eine rote edle Hose. Um sie herum alles dunkel. Benommen versuchte sie sich zu konzentrieren scharf zu sehen und hob den Kopf um die Person besser sehen zu können. Es klappte nicht, doch als die Person zu sprechen begann, musste Mei auch nichts mehr sehen. Sie kannte die Stimme nur zu gut, schließlich hatte sie mit der Person mehr als 20 Jahre verbracht. „Endlich meine geliebte Mei, endlich sehen wir uns wieder. Es ist schon länger her. Ich habe dich sehr vermisst.“

Marek hob das Pergament und den Beutel vom Boden auf und warf diesen seinem Begleiter zu. „Hier ist die ausgemachte Summe, sag Hemmelfahrt wir sind quitt. Er hat was er wollte und ich auch.“, er schaute auf Mei und rollte das Pergament auseinander. Marek grinste. Nicht fassend, dass sein Plan funktioniert hatte. Das Ganze war eine Inszenierung bei der jeder Theaterleiter vor Neid erblassen würde. Bis ins kleinste Detail geplant und ausgeführt. Zumindest dachte das Marek so. Das Fräulein Thaler und Begleitung ihren Weg nach Hause nicht mehr fanden, wusste er nicht, aber dies war im Moment eher nebensächlich. Er hatte was er wollte. Und zwar seine Mei’idwyn und er würde sie nicht mehr gehen lassen. Die Mattheit von Mei ließ langsam aber sicher nach und sie konnte sich einen Überblick über ihre Situation machen. Diese war alles andere als gut.

Mareks Begleiter, der sich als Handlanger von Engelkind Hemmelfahrt herausstellte, Creall, steckte den Beutel ein und richtete sich zu Marek. Während er redete, nickte er einem der Wachen zu, die daraufhin zu Marek ging und ihn in Gewahrsam nahm. „Herr Van Tirukes, ich habe die Anordnung erhalten, das Geld und die, ich zitiere: Kleine magische Fuchsschlampe, nach Oxenfurt ins Gefängnis zu bringen. Unter Geleitschutz selbstverständlich. Zu eurer Person wurde mir das Gewahrsam angeordnet um euch davon abzuhalten etwas sehr dummes zu tun. Die Rechtslage ist klar. Frau Naecheighn wird die Ausübung von Ketzerei und Zauberei angelastet und ist demzufolge zum Tode durch Brennen auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Folgt mir!“ Creall winkte den Wachen zu die neben Mei standen und machte Anstalten das Gebäude zu verlassen. Marek unterdessen an den Händen gefesselt, schrie und zappelte.

„Du kleiner mieser Verräter. Hemmelfahrt und ich hatten eine vertragliche Abmachung. Du bekommst sie auf keinen Fall, dafür werde ich sorgen. Du hast nicht das Recht ihr so etwas anzutun!“ Creall blieb stehen und drehte sich zu Marek um. Langsam ging er auf die geschwächte Mei zu, diese hatte inzwischen wieder ihre langen Zähne, den Fuchsschwanz und ihre Augenfarbe. Der Schwanz hing schlapp herunter nur die Spitze zuckte ab und zu. Den blick auf Marek gerichtet. „Du glaubst ja gar nicht zu was ich alles das Recht habe und zu was ich fähig bin. Ich bin die rechte Hand Hemmelfahrts!“, mit diesen Worten holte Creall weit aus und schmetterte seine flache Hand direkt in Mei’s Gesicht. Ihr entfuhr ein kurzes Aufjaulen. Man hätte einem so zierlichen Mann solch einen wuchtigen Schlag nicht zugetraut, aber Mei’s Kopf drehte sich durch die Wucht zur Seite. Sie spürte, wie ein kleines Rinnsal ihres eigenen Blutes sich den Weg über ihr Kinn auf die Kleidung bahnte. Creall hatte es mit nur einem einzigen Schlag hinbekommen ihr die Lippe aufplatzen zu lassen. Mei verzog nur kurz das Gesicht, die Genugtuung von Macht durch Schmerz wollte sie ihm nicht gönnen. Sie spukte aus, da sich Blut in ihrem Mund sammelte.

Marek versuchte sich von den Fesseln und den Wachen zu befreien und wurde daraufhin kurzerhand von einem der Wachen bewusstlos geschlagen um dem Unruhestifter Einhalt zu gebieten. Auch wenn Marek viele schlechte Gewohnheiten und Charakterzüge an den Tag legte, musste man ihm eines lassen. All die Jahre war er immer sehr bedacht darauf, dass seiner Frau nichts passierte und es ihr an nichts fehlte. Obwohl er sich selbst nie die Hände schmutzig gemacht hatte, fühlte sich Mei anfangs immer sicher bei ihm. Bis zu dem Abschnitt ihrer Ehe an dem sich Marek veränderte und sich immer mehr zurückzog. Bis heute wusste sie nicht warum er diesen Weg eigeschlagen hatte und nie mit ihr redete. Sie erinnerte sich gerne und oft an die schöne Zeit die sie mit ihm verbringen durfte. Denn damals war sie sehr glücklich mit Marek, das würde sie auch nie verleugnen. Und nun lag er da auf dem Boden, Mei wusste nicht welches Gefühl gerade in ihr aufkam. Dieses ganze Geschehen dauerte nun schon länger als ein gewöhnliches Bezahlen von Schulden. Das fiel Wim auch auf und wurde langsam unruhig. Ihm schossen diverse Gedankengänge durch den Kopf. Was machte Mei so lange da drin. Hatte sie sich verlaufen? Das Gebäude schien von außen überhaupt nicht so groß zu sein. War die Schuld plötzlich höher als angesetzt und sie hatte nicht genug Münzen dabei? Ob das legal ist bezweifelte Wim. Glaubten sie die Geschichte was mit Fräulein Thaler und ihrer Begleitung geschah nicht? Flog alles auf? Fragen über Fragen schwirrten wie Hummeln durch Wim’s Kopf. Sie ist da drin und ich hier draußen und stehe rum wie ein Sack Reis. Er fühlte sich so unnütz. Sein Kopf gab den Beinmuskeln schon den Befehl sich zu bewegen.

Plötzlich wurde die Tür zum Steueramtsgebäude heftig aufgeschlagen. Es kamen zwei schwer gerüstete Tonnen von Wachen heraus. Sie stellten sich jeweils links und rechts neben die Tür. Gleich darauf folgten ein schlaksiger Mann, den Wim irgendwo schon einmal gesehen hatte, zwei weitere Wachen und eine im Gesicht blutverschmierte benebelte Mei, die von den zwei Wachen gestützt wurde. Wim konnte nicht erkennen, womit sie gefesselt war aber dem Zustand zu urteilen musste es sich um Demiritium handeln. Valerian erzählte ihm schon den Öfteren von diesem Metall, das jegliche magische Aktivitäten stört, teilweise sogar unterbindet. Ihnen folgten zwei weitere Wachen die einen bewusstlosen Mann aus dem Gebäude schleiften. Es war der Mann, den Wim vorhin gegrüßt hatte und im Gebäude hat verschwinden sehen, genau wie der schlaksige Mann. Er zückte schnell sein Schwert, als er beobachtete wie der Mann auf ihn zeigte. Dem Befehl folgend stürmten vier Wachen auf Wim zu. Er hatte einen Vorteil gegenüber den vier Angreifern, er war wendiger, da er eine leichte Rüstung trug. Obwohl es ziemlich fies war vier gegen einen. Er scannte in Sekundenschnelle eine angreifbare Stelle in der Rüstung seines Angreifers, diese war schnell gefunden. Die Wache machte den Fehler und präsentierte seine Achsel, da er das Schwert zum Angriff nach oben hielt. Mit einem gezielten Stich, bohrte sich die Spitze von Wim’s Schwert in das Fleisch des Feindes und machte diesen vorerst kampfunfähig. Die zweite Wache war da schon etwas intelligenter. Aber durch ein wenig tänzeln gelang es ihm diesmal auch den Angreifer außer Gefecht zu setzten. Jedoch merkte Wim mit der Zeit, dass seine Ausdauer litt. Sein Schwert war schwer und ein Hexer war er auch nicht. Seine zuvor ausgeknockten Rivalen kamen wieder zu sich und nahmen den Kampf wieder auf.

Mei hörte Klingen singen und erhob ihren Kopf. Sie sah zu wie Wim sich trotz allem in einen Kampf verwickeln ließ. Sie zerrte an den Demiritium Fesseln und gewann so die Aufmerksamkeit einer der Wachen die sie festhielt. Er befahl ihr damit aufzuhören und drohte mit einer Ohrfeige. Als sie jedoch mit dem Zerren nicht aufhörte, holte der Mann aus, bereit zum Schlag. Mei nutze diesen Augenblick, wich aus und biss dem Mann mit ihren scharfen Eckzähnen tief in den Arm. Ein Schrei war zu hören und lenkte die Umstehenden ab. Mei riss sich los und stürmte zu Wim. Sie schrie aus voller Brust: „Tar chugam! Wim bring dich in Sicherheit, bitte. Riskiere nicht dein Leben für mich!“ Sie hatte die letzten Worte kaum ausgesprochen, da wurde sie hart nach hinten gezogen und zu Boden gerissen. Eine Zauberinnen-Beleidigung fiel und sie spürte eine kräftige Hand um ihren Hals, die sie zu Boden drückte. Sie versuchte sich zu befreien und kassierte einen weiteren heftigen Schlag gegen ihr Gesicht. Ihre rechte Gesichtshälfte begann stark und unangenehm zu pochen. Es klangen Hufgeräusche durch die Luft. Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich Wim’s Pferd zwischen den Häusern auf. Wim musste sich eingestehen diesen Kampf nicht zu gewinnen und schwang sich gekonnt im Vorbeigangs auf sein Pferd und trabte an den Wachen vorbei. Bevor er aus Hörweite war schrie er, dass er Mei retten würde und sie nicht im Stich ließe. Er gab seinem Pferd die Hacken und galoppierte auf und davon nach Ursten. So wie es ursprünglich ausgemacht war. Alle Umstehenden waren Herr ihrer Sinne und glaubten nicht was gerade geschah. Nur Mei bekam nur noch alles dumpf mit. Das letzte was sie vernahm, waren die Worte Crealls. „Schleift die Hexenschlampe nach Oxenfurt und werft sie in ein Verließ. Verrotten soll sie, bis sie am Ende elendig auf dem Scheiterhaufen verreckt!“ Dann wurde um Mei herum alles schwarz, sie wurde bewusstlos. Es verging einige Zeit bis Mei erwachte. Ohne es zu sehen spürte sie den typischen feuchten Stein wie er in Gefängnissen zu finden ist, unter ihren Händen. In der Luft hing schwer der Geruch von Blut, Schweiß und Fäkalien. Kurz um es roch nach Tod und Verderben. Ein Ort ohne Hoffnung. Ein Ort ohne Rückkehr. Ihre Augen brauchten nicht lange um sich an die Dämmerung zu gewöhnen. Es wurde nur spärlich mit Kerzen beleuchtet, vielleicht um das Elend nicht noch genauer betrachten zu müssen. Sie orientierte sich kurz. Die Zauberin befand sich in einem kleinen rechteckigen Verlies. In einer Ecke lag eine zerrissene alte Decke und zu ihrem Bedauern eine tote Ratte. Die anderen Ecken waren zu weit entfernt um etwas zu erkennen. Sie konnte Skoijas Verzweiflung und Angst spüren und redete beruhigend auf sie ein. „Na du kleine Zauberinnen-Votze, schon so verzweifelt, dass du jetzt schon Selbstgespräche führst, häh? Die meisten machen das erst nach ein paar Wochen, aber so lange wirst du nicht hier sein. Und während deines Besuches hier bei mir, werden wir unseren Spaß zusammen haben!“ Eine etwas ältere Wache mit ziemlich schlechten Zähnen und Narben im Gesicht lugte zu Mei ins Verlies und schwang dabei spielerisch seine Peitsche. Auf einmal ertönte eine bekannte Stimme gedämpft aus einer der Ecken. „Wenn du sie nur einmal berührst, beauftrage ich jemanden der dich mit deiner Peitsche erhängt!“ Marek saß in der Ecke und hielt sich den Kopf.

„Du bist nicht in der Position mir zu drohen, Drecksack.“, giftete die Wache Marek an. Dieses nette Gespräch wurde von einem lauten Quietschen unterbrochen. Eine der vielen Türen schwang auf und Creall mit Gefolge trat in den Verlies-Raum ein. Die ältere Wache zuckte zusammen und zwang sich zu einer aufrechten soldatischen Körperhaltung. Creall ging auf den Mann zu und zeigte auf Marek. „Den da kannst du rauslassen. Er hatte nur einen Arrest verhängt bekommen und außerdem will Hemmelfahrt ihn sprechen.“, Creall wandte sich Marek zu, der inzwischen aufgestanden war und sich vor Mei stellte. „War das nicht eine nette Geste meinerseits euch beide in ein Verlies zu stecken? So konntet ihr wenigstens etwas Zeit miteinander verbringen, harahrahr!“ Marek rüttelte an den Gitterstäben und hätte Creall am liebsten die Augen ausgekratzt. „Bring mich sofort zu Cyrus. Ich will wissen warum er mir so dermaßen in den Rücken gefallen ist. Wir hatten eine klare Abmachung und die hat er gebrochen.“ „Komm schon Marek…“, Creall unterbrach ihn. „Hast du tatsächlich geglaubt, dass er eine Zauberin einfach so davon kommen lässt? Wie naiv du doch bist. Er hat dich und deine Besessenheit zu dieser Schlampe bloß benutzt. Benutzt um an die da ran zukommen. Der Silberfuchs ist ihm schon lange ein Dorn im Auge. Hemmelfahrt Cyrus hat die Schnauze gestrichen voll von ihr. Deswegen will er sie brennen sehen egal welche Abmachungen er hat! Wachen holt ihn raus und führt ihn zu Hemmelfahrt und wenn er Dummheiten macht steckt ihn wieder hier rein. Und du mein guter …“ „Der Gelbzahn-Ingo mein Name Herr.“ „Ähm ja wie auch immer. Du hast die Erlaubnis von Hemmelfahrt deine Foltertechniken an ihr zu verfeinern. Habt Spaß aber sie soll noch leben. Den Scheiterhaufen soll sie mitbekommen.“ Bevor Creall das zu Gelbzahn-Ingo sagte, hatten die Wachen Marek schon zur Tür hinausgezwängt. Mei allerdings konnte den Ausdruck in seinem Gesicht erkennen. Er hatte Angst, Angst um seinen Silberfuchs. Doch er konnte nicht reagieren um ihr zu helfen. Creall drehte sich zu Mei um und sagte: „Wir sehen uns dann wenn du brennst, Abschaum!“, er machte auf den Hacken kehrt und ließ die beiden zurück. Das Gesicht von Ingo erhellte sich. Er ließ seine Peitsche langsam durch seine Hand gleiten und grinste fies. Mei schluckte schwer und dachte an all jene die sie vielleicht nie wieder sehen würde. An all die, die ihr geholfen hatte und immer an ihrer Seite standen. An Verstorbene, an die eigenen Kinder die sie nie hatte. Während Ingo Mei an die Wand kettete um sein Werk zu vollenden, sprach sie leise mit Skoija, einer Sprache die der Mann nicht verstand. Sie sprach und bei jedem einzelnen Peitschenhieb dankte sie den Menschen die sie liebte. Es huschten Bilder jeder einzelnen Person auf, während sie die Schmerzen ertrug. Der Gedanke alles zu verlieren fraß sich durch ihre Seele und sie konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Das letzte Mal als sie so bitterlich weinte, war damals, als sie fast Sebastian in den Auen verloren hatte. Dieser Ort mag einer sein an dem die Hoffnung stirbt, aber im tiefsten Inneren flammte in Mei ein Funken dieser Hoffnung auf, sie könne es nicht ertragen all die Menschen nicht mehr zu sehen, die ein Teil ihres Lebens waren. Gedemütigt und mit einer zerfetzten Bluse kauerte Mei in ihrem Verlies. Ihre einst so schönen kupferfarbenen Haare hatten ihren Glanz verloren und waren zerzaust. Der Körper übersät von Hämatomen, Abschürfungen, Platzwunden und Schmutz. Der sonst so buschige Schwanz war verklebt von Blut und Dreck und hing schlapp in der Gegend herum. Mei wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Gleichzeitig verhandelte Marek mit ein paar Handlangern, um endgültig seine Mei wieder zu bekommen. Die Gruppe heckte einen Fluchtplan aus und es würde ihnen keiner einen Strich durch die Rechnung machen. Oder vielleicht doch?

Teil 5 – Finale, von Matthias

Das silberne Messer mit seinen Altersflecken an Griff und Klinge schnitt in das blutige Rinderhüftsteak auf dem Tisch. Der schmächtige Kronleuchter darüber schwankte rhytmisch mit dem Seegang vor der temerischen Küste. Zwei große, helle Katzenaugen blicken gierig und erbost auf den rötlichen Fleischsaft, der das Steak verlässt. Zur gleichen Zeit leuchtet woanders in einem Ofen das Stahlmesser mit den dunklen Flecken auf, die von inkrustiniertem Blut stammten. Die alte Wache mit den Narben nimmt es geübt auf. Die vormals rosige Haut, von dunkelblauen Hämatomen geprägt, zischt und öffnet sich unter leichten Druck mit der schartigen Klinge. Ein verzweifelter Schrei einer Frau ertönt, ihre kupferroten, zersausten Haare zurückgeworfen. Ein Rinnsal bildet sich und ein Blutstropfen fällt geradlinig zum dunklen Dielenboden. Zur gleichen Zeit fliegt ein anderer Blutstropfen aus den Mundwinkeln eines Mannes mit stahlblauen Augen. Er kniet, zwei Männer halten ihn an Schultern und Armen, ein Dritter bearbeitet ihn mit der Faust. Von der linken Augenfarbe ist aufgrund der blau-rötlichen Schwellung nicht mehr viel zu erkennen. Vor ihm steht im Halbschatten ein erhabener Mann, Ludwig, Raaga und Valerian stehen am Bug der Elisandré und bewundern die Sterne über der See und die ehemalige Heimat der beiden Hexer an der nahen Küste.

Der schwarze Kater Parcival hüpft mit einem opulenten Stück von einem Steak aus Esslauers Kajüte, woraufhin erst ein Konvolut deftiger Flüche aus der Kapitänsstube folgt und danach eine Gabel und ein Messer aus der Tür Richtung Katze fliegen. Die Gabel blieb knapp neben Parcival auf dem Holzdeck stecken – das Messer flog geradewegs auf Raaga zu. Den deftigen Seemansflüchen interessiert zugewandt sah er das Messer auf sich zufliegen und schlägt es mit dem Unterarm zur Seite weg. Die kleine Klinge trudelt und plumpst in die temerische See. „Au. …Hmpf.“ Ein kleiner Blutfleck bildet sich auf Raagas Ärmel. Die drei Freunde blicken erst fragwürdig zu Raaga, dann zu dem betrunkenen, hungrigen Käpt‘n Esslauer, der der Katze auf dem Deck torkelnd nachjagt und sie wüst beschimpft. Valerian brach das Eis in der komischen Szene: „Morgen kommen wir in Novigrad an. Seid froh, dass wir auf der Reise keine Skelliger Kaperschiffe vor dem Bremervoorder Kap angetroffen haben und das Wetter uns hold war.“ „Seid froh? Ich hätte gerne mal ein paar Skelliger aus der Nähe gesehen. Müssen ja verblüffende Ähnlichkeit mit meinen Landsleuten haben.“ sagte Ludwig. Raaga schnitt sich mit seinem Beimesser ein kleines Stück Stoff aus seinem Mantel und verband sich den Arm, schweigend und routiniert. „Bis auf die Novigrader Zollkontrolle, sollten wir keine Probleme bekommen, in die Stadt zu gelangen.“ „Keine Monster? Ich dachte in eurer Heimat wimmelt es vor Ertrunkenen und anderen Viechern?“ Fragte Heskor süffisant. „Das einzige worüber ich mir etwas Sorgen machen würde, wären größere Amphiboiden. Aber normalerweise finden die sich nur in den seichten Wassern des Pontars selbst, nicht hier am Pontardelta… übrigens: wusstet ihr, dass ‚Pontar‘ in der Älteren Sprache lautet ‚Tevon y Pont ar Gewnnelen‘ – ‚Der Fluss der Alabasterbrücken‘?“ Heskor atmet innerlich zufrieden auf, die unnütze Information am Ende ignorierend. Valerian fuhr fort: „Wir sollten früh schlafen gehen und noch einmal unsere Ausrüstung inspizieren.“ Raaga antwortete „Ich schärfe die Schwerter!“ Was zu einer Art Lieblingsbeschäftigung Raagas geworden ist. Je näher die Gruppe Novigrad kam, desto unruhiger, schweigsamer wurde Raaga. Er träumte außerdem schlecht die letzten Tage, und wachte manchmal schreiend nachts auf. Der Gruppe war das nicht entgangen – was ziemlich schwer in einem kleinen, muffigen Mannschaftsquartier unter Deck ist – wartete aber, bis Raaga sich selbst dazu äußerte.

Der Mond leuchtete klar, Raaga war allein auf dem Deck und versuchte so lange wie möglich das Schlafen zu vermeiden. Das Schiff passierte gerade das Flussdelta des Pontars. Der Steuermann summte ein Seemannslied vor sich hin, das vom gläsernen Klimpern seiner Schnapsbuddel untermalt wurde… Valerian ging einmal in Bruche, Schlafmütze und Leinenhemd an Raaga vorbei zur Holzreling, nur um den Sitten eines alten Herren zu frönen und ein, zwei Mal nachts Pissen zu gehen. Er nickte danach schlaftrunken Raaga zu und stieg langsam die Treppe wieder runter Richtung Quartier. Esslauer lag schnarchend in seinem Bett, Heskor und Ludwig in ihren Hängematten, und Parcival versteckt und sattgefressen in einer Rolle Schiffstau. Es zuckten die Ohren des Katers, und sein Kopf hob sich, seine Pupillen weiteten sich: Plötzlich ein Stoß gegen das Schiff. Die Flasche des Steuermanns fiel klirrend zu Boden, genau wie Raagas Wetzstein. Ein Riff? Seine Bedenken wurden zerstreut: Zwei lange grüne schuppige Pfoten fuhren aus dem Wasser und zogen den schreienden Bootsmann in das schwarze Wasser. Raaga schrie „Alarm!“, packte den Wetzstein der vor ihm lag und warf ihn mit voller Wucht gegen die Schiffsglocke am Mast. Klong! Er stand auf, packte Valerians Silberschwert und warf es dem grauhaarigen Hexer mit der wehenden Schlafmütze zu, der es geübt auffing. Die Tür zur Kapitänskajüte flog auf und Esslauer brüllte: “Was bei Freyas pelziger Liebesmuschel ist in euch Voll… Waaaah!“ Die Beschimpfung wich dem Schrei, als er die grünen schuppigen Tentakel sah, die schwer auf das Deck schlugen. Raaga schaute über die Reeling: Der große längliche Körper, der an einen verfaulten Baumstamm erinnerte, war mit einem harten, höckrigen Panzer bedeckt, dem gewöhnliche Pfeile und einfache Speere nichts anhaben konnten. Trotz seines massigen Leibs bewegte sich das Sägmaul mit Hilfe des flachen fächerförmigen Schwanzes schnell durch das Wasser. Zahlreichen Extremitäten planschten im Wasser, lange grüne Pfoten, an deren Enden zackenbesetzte Scheren saßen. Ähnliche Greiforgane besaß das Sägmaul am Kopf. Sollte der Steuermann vorhin noch am Leben gewesen sein, erwartete ihn ein grausamerer Tod durch die scharfen sichelförmigen Kiefern, mit denen die Kreatur unablässig und gierig umherschnappte. Raaga zückte eines seiner Wurfmesser, und traf das Viech gekonnt an einem seiner beiden kleinen, gierigen Augen. Ein monströses Brüllen ertönte, und ein Echo aus aufgeregten Männerschreien unter Deck ertönte. Valerian sah nur noch die Kapitänskajütentür zufallen und hörte einen Balken, der in einen Riegel gelegt wurde. Wo gerade noch Esslauer stand, schoss nun eine Pfote peitschenförmig auf Valerian zu, der mit dem Silberschwert die Pfote in einem aufwärtigen Schnitt abtrennen wollte.

Das Schwert glitt bis zur knorpeligen Hälfte ein, konnte aber den Rest nicht durchdringen. Die Wucht des Schlages fegte Valerian von den Beinen, zog ihn durch die Luft und ließ ihn hart auf dem Deck am Kopf aufkommen. Die zweite Pranke kam hinzu und stieß das feststeckende Silberschwert Valerians aus der anderen Pfote. Es fiel klirrend zu Boden. Das Vieh brüllte erneut: Raaga kam mit erhobener Hand und einem Flammenstrahl aus dieser auf die Pranken zu. Heskors und Ludwigs Köpfe schauten vom Unterdeck aufragend auf die Szenerie am Oberdeck. Valerian hob den Kopf, mit einer deutlich blutenden Platzwunde und schrie: “ Harpunen! Armbrüste! Was ihr habt! Alle Mann an Deck!!!“ Ein paar Mann folgten dem Ruf und brachten Harpunen mit, und schleuderten diese auf das Sägmaul im Wasser und die wabernden Tentakel. Einer schrie: „Wir haben eine große Armbrust, aber die ist beim Käpt’n in der Kajüte!“ Valerian schaute grimmig, erhob sich und riss sich die blutverschmierte Schlafmütze vom Kopf und sprintete zur Kajütentür. Er streckte die Arme aus und kreuzte die Finger in einer gekonnten Geste, woraufhin die Tür wie nach einem Kanonenkugeltreffer nach innen zerbarst. Hinter der Tür, lag der von Holzschrappnellen verunstaltete Kapitän, die besagte Armbrust gespannt in der Hand. Einige Matrosen betrachteten die Feigheit und den Tod Esslauers fassungslos, die meisten merkten davon aber im Kampfgeschehen nichts. Valerian packte die Armbrust und schrie zu Ludwig „Erfahrung damit…?“ Ludwig fasste sich ein Herz und sprintete an kämpfenden Matrosen und Tentakeln vorbei zu Valerian. Dieser erhitzte die Bolzenspitze mit einem ‚Igni‘ und gab die Armbrust Ludwig. Raaga kämpfte inzwischen mit den weiteren Fangarmen, die ihn packen wollten. Einige konnte er abwehren, den anderen ausweichen, aber es wurden stetig mehr… „Ludwig! Sein rechtes Auge!“ Der alte Hexer kämpfte gekonnt und tänzerisch und wehrte die Tentakel ab, die Ludwigs habhaft werden wollten. Ludwig blickte über die Bordwand, atmete tief ein, legte an, zielte und schoss den glühenden Bolzen gekonnt in das andere Auge des Untiers. Das Vieh brüllte und verschwand in einer dunkelroten Schwade im finsteren Wasser. Alle setzten sich, verarbeiteten den Schock, rangen nach Luft, außer die zwei Hexer. Ihr Körper ging anders mit Stress um. „Alles in Ordnung Valerian?“ Raaga blickte etwas besorgte, der Alte winkte aber nur ab, obgleich der deftigen Platzwunde auf dem Schädel. „Die anderen beiden?“ Ludwig antwortete: „Hier! Unverletzt, leicht geschockt… war das ein… ein… Amphi…boide?“ „Ein Sägmaul. Ja. Der Krieg muss es aus seinem natürlichen Habitat von der Küste vertrieben haben. Extrem asymptomatisch, einen so weit abseits der seichten Gewässer zu finden…“ Die Männer und Matrosen scharten sich um den toten Kapitän Esslauer, der sich aus Feigheit eingeschlossen hatte. Eine komische Stille trat ein. Eine Mischung aus Gerechtigkeitsgefühl, Gleichgültigkeit und Mitgefühl befand sich unter den Matrosen. „Hmpf. Und jetzt? Wer steuert das Schiff? Wer hat Ahnung von der Seefahrt und dem Navigieren? Wer hat schon einmal eine Seemannschaft befehligt?“ Valerian grinste breit, und schielte Ludwig an.

„Hart am Wind ihr schneidigen Windhunde! Anluven und die letzte Bö eingesackt vor Novigrad, ihr Kupferhuren! Auf mein Zeichen Aleppis runter mit dem Drecks-Vorsegel und Olivier gib der Großschot Luft…. Ausführung ho!“ Valerian, Heskor und Raaga standen recht sprachlos hinter Ludwig, der am Steuer stand, Esslauers Hut auf der Birne trug und fleißig Kommandos in bestem Seemannsjargón schrie. Valerian hatte gestern Nacht „Ludwig ist ein erfahrener Seemann!“ eher im Scherz gebrüllt, hat aber nicht mit solch verblüffenden Resultaten gerechnet: Nach einer kurzen Kapitänswahl, in der Ludwig und ein älterer Matrose als Freiwillige zur Debatte standen, wurde Ludwig Lerthvik Stab zum Kapitän der Handelsbrigg Elisandré gekürt. Der andere Kandidat zog die Kandidatschaft zurück, nachdem er näher in Raagas und Valerians Augen blickte und auf deren blutige Schwerter. Als erste Anordnung wurde ein Fass Rum geöffnet, um die Nerven der Matrosen zu beruhigen, und anschließend Klarschiff zu machen. Schäden wurden provisorisch geflickt und der feige Esslauer wurde über Bord geworfen. Die Matrosen gingen zu Bett und die vier Gefährten und ein schwarzer Kater, feierten in der Kapitänskajüte und probierten sich quer durch Esslauers Rumsortiment durch. Jetzt hatte Ludwig einen neuen Kahn in seiner Schiffsflotte und die Morgensonne begrüßte die Elisandré bei ihrer Einfahrt nach Novigrad, der ‚Perle des Nordens‘. „Gib die Schot los und hart abfallen, Drei Mann an die Backbordseite zum Anlegen!“ Das Schiff landete elegant am Kai mitten in den Novigrader Docks. Ludwig stolz voranschreitend, gingen die Gefährten über die Planke vom Schiff. Ein kleiner, dicklicher Mann mit runder Hornbrille und schwarzen Tintenflecken am hellen Hemdsärmel empfing sie, einen tabellarischen Buchhaltungsschinken in der Hand. „Name und Anliegen?“ „Lu… Der lustige Kapitän Esslauer mit der Elisandré, einigen Kaufleuten als Passagieren und einigen Handelswaren.“ Der Zollbeamte blätterte routiniert in dem dicken Buch: “Eselskuf, Astell… Esmerald, Grimoiré… Esslauer, Ebert! Da ist er ja. Eingetragener Schiffsbesitzer. Willkommen in der freien Stadt Novigrad. Bitte entrichtet 10 Kronen Kaisteuer an die Hafenzollaufsicht, das Gebäude befindet sich wie immer am Fuße von Kai Nummer Eins ganz rechts die Promenade entlang. Die Kaisteuer gilt für drei Tage. Entschuldigung die Erhöhung von 9 auf 10 Kupfer aber ihr wisst ja wie das ist mit dem Krieg: Inflation. Münzen werden schneller geprägt als Nutten Bastarde züchten. Tststs… Jeder weitere Tag kostet weitere 12 Kronen. Ab dem siebten Tag 20 Kronen pro Tag am Kai. Einen schönen Aufenthalt wünsche ich.“ Er klappte das Buch zusammen und machte auf dem Absatz kehrt, beinahe wäre er galant von dannen geschritten, wäre er nicht über einen vorbeischleichenden schwarzen Kater gestolpert, der gerade am Kai entlanglief Richtung Stadt. „Wie ist dein Plan Valerian? Du kennst die Stadt am besten.“

„Ludwig, du solltest auf jeden Fall die Hafensteuer bezahlen. Die Elisandré nehmen wir unter deiner Tarnung als Ebert Esslauer vorläufig als Basislager. Es gibt zwei Knotenpunkte für uns: Die Vivaldi Bank, auf der Mei ihr Bankkonto hatte, und das Steueramt. In letzterem können wir aber nicht gefahrlos an Informationen kommen… Folgender Plan: Ludwig geht wie besprochen zum Steueramt und restauriert das Schiff. Wir werde es für die Flucht brauchen. Heskor geht zur Vivaldi Bank und versucht herauszufinden, ob Mei ihr Konto schon leergeräumt hat, danach kann er sich ein bisschen unters Volk mischen und versuchen etwas aufzuschnappen, und Raaga und ich besuchen alte Freunde von mir. Die sind immer vielseitig informiert… Wir treffen uns am frühen Abend zur sechsten Abendstunde im goldenen Stör wieder, der Hafenkneipe an der Promenade hier im Hafenviertel und tauschen unsere Informationen aus. Dann sehen wir weiter.“ „Welche Freunde sollen das sein Valerian? Wie komme ich zur Bank?“ fragte Heskor neugierig. „Ich bringe dich hin.“ Der alte Hexer gab nicht mehr Preis. An der Vivaldi Bank am zentralen ‚Platz des Hierarchen‘ in der Innenstadt wandte sich Valerian mit Raaga von Heskor ab und hielt sich südwärts, ging über einen kleinen Markt, eine kleine Brücke über den Stadtkanal und kam an einer dreckigen Kreuzung zum Stehen. Valerian nickte in Richtung einer unscheinbaren Holzpforte mit einem Sichtfensterchen, das mit einem kleinen Türchen verschlossen war. Der Hexer klopfte routiniert an der Pforte und ein Mann mit einem staatlichen schwarzen Schnauzer und einer Hakennase öffnete das Sichtfenster. „Hmm?“ „Ich muss mit Francis reden. Valerian ist hier.“ „Nie von dir gehört, verpiss dich oder Losung!“ „Das letzte Mal als ich vor ein paar Jahren hier war lautete sie ‚Hurensohn Juniors Junior setzt Grünspan an‘, was ihr Dumpfbacken euch aktuell ausgedacht habt weiß ich nicht – glücklicherweise habe ich eine Universallosung.“ Der Hexer schnippte mit den Fingern und der Schnauzbärtige schielte befremdlich. Er lächelte dämlich und öffnete die Pforte, und salutierte vor Valerian, der forsch an ihm vorbeischritt und an Raaga, der sich nur missmutig in der Gosse umsah: Die Pforte gab einen großen, dreckigen Innenhof frei, in dessen Mitte ein schmales Novigrader Stadthaus stand. Valerian hielt sich links und ging geradewegs auf ein Haus in der Ecke des rechteckigen Platzes zu. Er öffnete die Tür und die beiden Hexer betraten einen großen offenen Raum, schlicht eingerichtet. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes stand ein einfacher, großer Holztisch, auf dem ein paar Briefe, Münzbeutel und Geldkatzen und ein paar Messer lagen. Der Mann mit kurzgeschorenen grauen Haaren und einem massigen Schädel schaute von dem Brief auf, an dem er gerade schrieb. Seine hellbraunen Augen mit den dunklen Augenringen fixierten Valerian ernst, bis sich ein schelmisches Grinsen auf dem Gesicht breitmachte: “Ich dachte, ich muss eure beiden Visagen nie wieder in meiner Stadt sehen?! Was macht die Hüfte alter Mann? Wie steht‘s um dein Temperament Raaga?“ Raaga hob die Augenbrauen. Valerian trat ihm entgegen und ergriff seine Hand zum Gruß: “Es ist lange her Francis. Es war nicht geplant so schnell zurückzukommen, vor allem momentan, nachdem ihr Novigrader alles bratet was nicht menschlich anmutet.“ „Da hast du Recht. Das Ewige Feuer hat den Bürgern ins Hirn geschissen. Der Hierarch Hemmelfahrt waltet immer noch wie es ihm beliebt. Aber warte es nur ab: Bald gehört die Stadt wieder… uns. Leuten wie uns, der Basis, den Menschen die in Novigrad arbeiten, geboren sind, und jeden Tag ihre Luft atmen! Ha! …Was schaust du so grimmig Raaga? Ich meine grimmiger als sonst üblich.“ „Er erinnert sich an nichts Francis.“ Der Mann, Francis Bedlam, schaute erst Valerian mit gehobenen Augenbrauen an, dann Raaga, dann wieder Valerian – und brach in schallendes Gelächter aus. Er musst sich vor Lachen setzen und wischte sich eine Träne aus dem Auge: „Das heißt… schnief Raaga erinnert sich nicht an die Sache mit der skelliger Taverne? Du verarscht mich Valerian!?!“ „Nein. Und vielleicht ist das gar nicht verkehrt so.“ Valerian grinste. Raagas verdutzter Blick wich langsam einem wütenden Gesichtsausdruck, er hatte genug von der Plänkelei: „Gut. Wer bist du? Was ist das für ein Ort? Kann die Nachteule da uns helfen Mei zu finden oder nicht?“ „Ihr sucht Mei’idwyn?“ Fragte Francis. „Setzen wir uns meine beiden Lieblingshexer.“

„Ich stelle mich dir gerne noch einmal so vor, wie ich mich dir das erste Mal vor etlichen Jahren vorstellte, bevor mein faltiges Gesicht so aussah wie heute: Mein Name ist Francis Bedlam. Man nennt mich den ‚Bettlerkönig‘ von Novigrad, und das hier ist die ‚stinkende Hecke‘. Valerian kenne ich seit meiner Geburt, er ist quasi mein Patenonkel wenn du so willst – ja quasi sogar der Gründungsvater meiner Organisation.“ „Francis… du übertreibst.“ „Stimmt – du hast dich ja damals als Knabe verpisst in den Süden, um Hexer zu werden. Aber der Rest stimmt: Valerian war damals als Junge in dieser Stadt mit meinem Großvater unterwegs um betrunkenen Matrosen und schnatternden Hofdamen Ihre Geldkatzen zu erleichtern. Hahaha!“ Raaga war fassungslos. Valerian… ein Dieb? „Francis! Genug jetzt. Wir haben Fragen: Wir suchen nach Mei’idwyn und ihrem Begleiter, Wim Delvoye. Mei kennst du. Wim ist ein schlanker Mann, meist mit Lederharnisch und Schwert gerüstet, dunkelblonde, kurze Haare mit Bart. Kantige Gesichtszüge. Süffisantes hämisches Grinsen und vorlaute Klappe. Außerdem jammert er sehr gerne und bezeichnend. Ideen?“ „Tatsächlich wurde mir ein Vorfall vor dem Novigrader Steuerbüro zugetragen: Dein Mann, Wim, hat sich vor dem Büro erst im Schmiere stehen betätigt und dann auf offener Straße ein paar von Crealls Hexenjägern umgelegt, ist dann aber mit dem Pferd aus der Stadt geflohen. Creall ist ein Offizier des Novigrader Geheimdienstes und direkter Zuträger von Informationen an seine ‚Heiligkeit‘ Hemmelfahrt. Die Fanatiker hatten ein Mädchen bei sich: Mei‘idwyn in Dimeritiumfesseln… das Mädchen wurde in das Hexenjägergefängnis nach Oxenfurt verschleppt.“ Valerian und Raaga waren fassungslos. „Tut mir leid. Sie wird vermutlich übermorgen, zum Wochenende auf dem Marktplatz in Oxenfurt oder Novigrad verbrannt werden… Valerian: Was immer ihr plant, lasst mich euch helfen. Angefangen mit ein paar Münzen Startgeld in dieser Hure von Stadt…“ Francis wandte sich dem Tisch zu und öffnete die Banderole eines riesigen Samtbeutels voller Münzen. Raaga bemerkte etwas: Er ging eilig zum Beutel und schnupperte an ihm – und erkannte eindeutig Mei‘idwyns Geruch. „Das ist Mei‘! Und noch jemand anderes…“ Valerian schnüffelte ebenfalls daran – den Geruch kannte er irgendwoher… „Woher hast du den Beutel Francis…?“ „Keine Sorge. Es ist nicht das wonach es aussieht…ääh aus-riecht! Also: Eine kleine schwarzhaarige mit rotem Mäntelchen zu Pferde ritt vom goldenen Stör, kurz vor dem beschriebenen Vorfall beim Steueramt, mit dem prallen Beutel los. Sie hat gerade mal die Docks südwärts Richtung Ruhmestor verlassen und hat ernsthaft geglaubt, durch meine Stadt, durch mein Viertel mit dem Beutel durchzureiten – ohne Eskorte!“ Der Bettlerkönig lachte aus voller Kehle. „Die Kleine kann froh sein, dass nur meine Jungs sie gefunden haben – und nicht die von Hurensohn Junior.“ „… wo ist sie? Wir müssen mit ihr sprechen!“ Francis winkte einen Mann mit abgetragener Kleidung und dunkler Gugel heran, der bis eben im Schatten gesessen hatte. Er flüsterte ihm etwas zu, woraufhin dieser nickte und das Haus verließ. Er kam wenige Minuten später mit einer schwarzhaarigen, jungen Frau, mit hellen Augen und bezauberndem Charme. Das Dekolté schwungvoll durch ein Korsett in Form gebracht. „Vika! Du hier?“ „Valerian?“ Die beiden umarmten sich zum Gruß. „Dies ist mein Ziehsohn, Raaga ‚der Bär‘ Asgrimson, ebenfalls Hexer.“ Raaga packte allen zur Verfügung stehenden Charme und Etikette aus – und nickte ihr einfach kurz zu mit einem flachen „Hallo.“ „Sehr erfreut!“ „Vika ist die Halbschwester unseres lieben Sebastians!“ Erstaunen breitete sich auf Raagas Gesicht aus. „Vika, haben sie dir etwa…“ „Ach wo! Ich weiß wie man mit den Jungs redet. Ich hatte mit Ihnen schon über eine Geschäftsbeziehung verhandelt: Informationen aus Novigrad gegen Stammkundenrabatt in meinem Etablissment in Kerack!“ Sie grinste frech Bedlam an. Valerian läachelte: „Tja Francis – tut mir Leid dich um deinen Großgewinn zu bringen, aber die Münzen gehören Mei…“ „Und die Schatulle da hinten!“ rief Vika aufgeregt, und deutete auf eine unscheinbare Schatulle am Tisch. Er lachte nur und sagte, halb fröhlich, halb kalt: „Die Schatulle? Der Inhalt ist wertlos. Was die Münzchen betrifft… Du wirst dich revanchieren lieber Valerian. Du wirst bestimmt.“

Die nächsten Stunden wurden damit verbracht, zu einer Flasche 1271er Est Est die Ereignisse der letzten Wochen auszutauschen, mit gelegentlichem weitem Ausholen und Erzählen von Valerian. Es ging um Kaer Iwhaell, um Solonia, um Wim, um Mei’s Fakultät, um den Lehrlingsmangel, die Steuereintreiber, und die Reise, den kleinen Ausflug nach Novigrad – inklusive seiner Um- und Irrwege. „Francis… kannst du uns weiterhelfen? Wir müssen Mei aus dem Gefängnis holen! Hatte Mei‘idwyn noch weitere Freunde in Novigrad?“ „Freunde würde ich es nicht nennen Valerian: Aber nennen wir es einen ehemaligen Lebensabschnittsgefährten. Marek Van Tirukes. Mei’idwyns Ehemann. Er war bei dem Überfall auf Mei am Steueramt dabei, Seite an Seite mit den Hexenjägern.“ Raagas Blut kochte innerlich. Ihr Mann? Ihr eigener Ehemann ist mitverantwortlich für ihr Leid? Er malte sich grausame Bestrafungen für den elenden Hund aus. „Meine Vöglein haben seine Spur ab dem Hexengefängnis in Novigrad verloren. In sein Stadthaus ist er nicht zurückgekehrt seitdem.“ „Gut. Das wird uns vermutlich ohnehin wenig weiterhelfen – abgesehen von der Befriedigung ihn standesgemäß irgendwann zu verprügeln versteht sich. Weitere Ratschläge von dir?“ „Meine Männer haben mir berichtet, dass ein Mann gerade eine waghalsige Aktion plant, die das Oxenfurter Gefängnis betrtifft. Heute Abend im Kellerabteil des goldenen Störs sollen noch weitere Soldklingen dafür rekrutiert werden. Du solltest dort heute Abend mit ihm etwas aushandeln. Dann hast du Zugriff auf mehr Männer. Ein paar Jungs kann auch ich dir zur Verfügung stellen.“ „Gerne. Ich komme darauf zurück. Jetzt kehren wir erstmal zurück zum goldenen Stör und treffen unsere Kameraden. Danke Francis!“ Der stämmige Mann mit dem gegerbten Gesicht winkte spielerisch ab, und erhob seinen Kelch Est Est zum Abschied.

Die Luft roch nach frischem Schweiß, Bier, Schnaps und Fisstech. Wie immer zur Abendstunde war der goldene Stör gut besucht. Der Wirt putzte einige Bierkrüge mit deinem Lappen und neben der Theke kniete ein wohlbekannter schwarzer Kater vor einer kleinen Tonschüssel und vergnügte sich an etwas verwässerter Milch. Raaga öffnete die Tür, und Valerian und Vika folgten in die große offene Stube der Spelunke. Parcival hob den Kopf und fauchte die wohlbekannten Hexer an, und verschwand hinter der Ladentheke, und schaute verstohlen mit leuchtenden Knopfaugen aus der Dunkelheit hervor. Raaga erblickte als erstes Ludwig und Heskor an der Theke. Ludwig orderte eine Runde redanisches Blondes für alle und fing an: „Von meiner Seite aus nichts Neues: Abgesehen von horrenden Kai-Preisen bei längerfristigem Ankern in Novigrad! Das ist ja eine bodenlose Frechheit und beschneidet meiner Meinung nach den Überseehandel immens. Um ordentlich Ein- und Verkäufe auf einer Handelsreise abzuwickeln liege ich sonst meistens immer mehrere…“ Heskor fuhr ungefragt fort „Von meiner Seite gibt es Neuigkeiten: Mei’s Bankkonto ist leer. Es wurde von einer Frau mit blauen Augen und einer strengen Duttfrisur komplett leergeräumt. Die Statur passt zu Mei. Ich vermute, da wird eine Illusion dahintergesteckt haben. Danach konnte ich noch herausfinden, dass sie mit dem Geld Richtung Hafen gelaufen ist…“ „… wo sie mich getroffen hat. Mein Name ist Vika. Ich bin Sebastians Halbschwester und habe Mei und Wim geholfen. Ich sollte Mei’idwyns Ersparnisse und eine persönliche Schatulle nach Kerack in Sicherheit bringen, während Mei und Wim die Steuerschuld tilgen wollten. Mei‘ ging tatsächlich mit einem Illusionszauber inkognito in Novigrad umher. Deine Vermutung ist richtig, Herr…?“ „Heskor Trofen mein Name! Händler für allerlei und defizile Aufgaben mein Spezialgebiet. Und das ist unser werter Kamerad Ludwig Lerthvik Stab, ebenfalls Händler und ehemaliger Kräuterheiler.“ „Sehr erfreut die Dame!“ komplettierte Ludwig. Valerian fuhr fort: „Ausgezeichnet. Das Bild verdichtet sich: Raaga und ich haben von meiner Bekanntschaft, einem kriminellen Oberhaupt in Novigrad, dem Bettlerkönig, erfahren, dass Mei und Wim nach der Geldübergabe zum Steueramt gingen. Wim stand Schmiere, Mei wurde drinnen gefasst und ihr wurde Dimeritium angelegt. Daran beteiligt war wohl Ihr Ehemann Marek Van Tirukes, der Mistkerl. Mei wurde daraufhin nach Oxenfurt in das Magiergefängnis von einigen Hexenjägern eskortiert… sie soll wohl übermorgen auf dem Scheiterhaufen landen…“

Ludwig und Heskor bekamen nicht einmal die Zeit, geschockt auf diese Nachricht zu reagieren, als eine rechte Faust von Valerians linken Schulterrückseite her in Valerians Gesichtshälfte fuhr. Ludwig sprang auf und wollte so richtig mitmischen, da bekam er selbst eine von einem zweiten Angreifer von der Seite verpasst. Valerian fasste sich schnell nach dem Treffer und wandte sich dem Angreifer zu, ein schlaksiger, stattlicher Mann mit einem Gesicht, das bereits im vornherein deftig verdroschen wurde. Er packte Valerian an seiner linken Schulter und wollte mit der linken Faust erneut zuschlagen. Valerian fegte den Schlag nach innen in einem Zweierkontakt ab, erst rechts dann links, um dann mit der rechten Faust in einem saftigen Haken auf seinen Kiefer zu schlagen. Valerians Haken glitt sauber durch, und schlug mit einem horizontalen Hammerfaustschlag zurück auf den rechten Kiefer des unvorbereiteten Angreifers und schubste ihn zeitgleich mit der linken Hand massiv auf das Sternum auf der Brustmitte zurück, in Kombination mit einem kleinen Aard Zauber. Ludwig prügelte sich deftig mit dem anderen. Weitere Angreifer strömten hinzu, in der Bandenklamotte von Hurensohn Junior gekleidet: „Macht sie fertig! Die Lappen des Bettlerkönigs!“ Eine saftige Keilerei entbrannte. Raaga und Heskor hatten sich ebenfalls jeweils einen Schläger vorgeknöpft. Ludwig prügelte sich mit zwei gleichzeitig. Er fegte gerade Einen mit einer Linken benommen zu Boden, da sprang ein Zweiter mit einem Doppelschwinger hinzu. Ludwig pendelte nach hinten aus, stoppte die torkelnden Folgeschläge mit einem Doppelblock und verpasste dem Wagemutigen mit einem Kopfstoß eine mehrfach gebrochene Nase. Die rote Suppe tropft auf den Spelunkenboden, da will Ludwig ihn mit einer vollen rechten Breitseite niederschlagen. Ein dritter Angreifer, ein Bär von einem Mann kommt von rechts hinten und packt Ludwigs ausgeholten Arm im Schwung und schlägt mit seinem Unterarm auf Ludwigs Ellenbogengelenk. Ein ekelhaftes Knacken und Schnalzen ertönt und Ludwig schreit auf, und tritt dem Bär wutentbrannt voll in die Kronjuwelen. Der beugt sich vornüber, und bekommt von Ludwig einen großen Wasserkrug von der Bartheke über den Kopf geschmettert. Der taumelt immernoch vornüber – zumindest bis Ludwigs Knie von unten voll in sein Gesicht schießt. Valerians Angreifer torkelte zurück und zog ein blitzendes, Silberstilett. Es wurde plötzlich still im Raum und alle blickten auf die gezückte, edle Waffe in der Schlägerei. Die Bandenmitglieder Hurensohn Juniors suchten darob der gezogenen Waffe das Weite und rannen aus der Kneipe. Auf einmal stand Heskor hinter ihm und hielt die Arme des Messerstechers hinter dem Rücken.

Der Angreifer wand sich, konnte aber nichts gegen die Bärenkraft von Heskor ausrichten. Der Mann mit den stahlblauen Augen brachte nach den einigen Flüchen, die ersten, sinnige Worte hervor: „Erst den Teufel beim Namen nennen und dann nicht die Eier haben es zu Ende zu bringen, alter Hexer? Hosen voll? Ich bin Marek, und ich fordere dich verdammt nochmal aufs dritte Blut! Du hast mir meine Frau genommen Valerian, du und deine Sippschaft von Missgeburten!“ Raaga, der bis dahin routiniert und ruhig ein Bandenmitglied verprügelt hatte, bekam einen massiven Adrenalinschub, als er den Namen ‚Marek‘ hörte. Er zog seine Beiaxt und wollte gerade auf Marek zuspringen, der plötzlich leichenblass wurde, als sich Valerian vor Raaga stellte und ihn zurückhielt: „Nein! Das bringt uns Mei auch nicht wieder Raaga! Komm zur Vernunft! Keine Axtzeit jetzt…“ Valerian bereitete sich schon innerlich auf den Beruhigungszauber ‚Axii‘ vor, aber Raaga ließ die Axt von selbst sinken, und schlug sie aus Frust in die Ladentheke.

Stumm stapfte Raaga hinaus aus dem goldenen Stör zur Hafenpromenade. Der Wirt wollte gerade anfangen zu zetern wegen der Sauerei, als Vika ihn am Hemdsärmel zu sich hinzog und ihm etwas ins Ohr flüsterte, woraufhin er errötete und kicherte. Ludwig suchte sich im Raum um, um etwas zum Schienen für seinen Arm zu finden. Valerian derweil: „Du bist also Marek. Ich würde ja sagen, erfreut Mei’s Mann kennenzulernen – aber ich lüge nicht. Wie ist es so, seine eigene Frau zum Tode verurteilt zu haben!“ „Was? Ich? Nein! Ich wollte Mei lediglich wiederhaben, sie vor deinesgleichen sicher wissen, Abschaum! Woher sollte ich wissen, dass Hemmelfahrt mich hintergeht?“ „Weil dieser Cyrus Hemmelfahrt offenkundiger, fanatischer Kuhmist ist, der ein Klafter hoch gestapelt wurde? Hast du ernsthaft geglaubt du könntest ihn als Abholservice für deine Mei’idwyn missbrauchen? Denkst du ernsthaft, Valerian wäre schuld, dass Mei dich verlassen hat? Mei’idwynn wurde weder dazu gezwungen, noch hatte sie eine Liaison mit Valerian… oder Valerian?“ flüsterte Ludwig ihm etwas unsicher zu, während er seinen Arm versorgte. Valerian schüttelte nur den Kopf. „Nein. Mei war immer eine Art Tochter für mich. Nicht mehr und nicht weniger. Ich kenne sie seit ihrer Kindheit, und für mich ist sie immernoch ein Kind. Wenn du Interesse daran hast, sie aus dem Gefängnis zu befreien, sag uns was du weißt Marek.“ „Nur unter drei Bedingungen: Ich bin bei der Befreiungsaktion dabei, ich behalte dich im Auge – und nach der Befreiung muss Mei sich zwischen uns entscheiden! Für mich oder dich, Hexer!“ Valerian nickte und reichte ihm die Hand.

Während Ludwigs Arm verarztet wurde und Marek über seinen Plan und die vergangenen Ereignisse berichtete, auch erzählte, wie er mit Hemmelfahrt nachverhandeln wollte und wie er von seinen Hexenjägern verprügelt wurde, sollte Heskor in Erfahrung bringen, wer zu welchem Zweck eine Kommandoaktion nach Oxenfurt plante. Heskor ging unauffällig in das untere Stockwerk des Gasthauses, und obgleich dort mehre Tische standen, saß nur ein Mann da, der Heskor auffällig fixierte. Er hatte fettige lange Haare und schlanke Finger. Heskor ging seelenruhig auf ihn zu, und setzte sich ungefragt ihm gegenüber. Die Männer fixierten sich gegenseitig und warteten ab. Heskor zog eine Silbermünze aus der Geldkatze, und legte sie vor sich auf dem Tisch. „Wo ist das Treffen? Ich habe Interesse an einer Erkundungstour durch das schöne Oxenfurt und suche einen Fremdenführer.“ „Parole?“ Heskor zückte wortlos weitere vier Silbermünzen. Das Gegenüber überlegte. „Nur mal angenommen, ich würde einen Fremdenführer kennen, der genau in diesem Moment eine Versammlung von… abenteuerlustigen Jungens abhielt. Dann würden derartige Informationen sechs Silbermünzen und eine Flasche Everluce kosten.“ Heskor schnippte eine sechste Münze auf dem Tisch, und ging erneut in das Erdgeschoss an die Bartheke, an seinen Kameraden vorbei, kaufte die teure Weinflasche und kam zurück in das Untergeschoss. Dort wo vorher der Mann auf einer Bank saß und an eine Wand lehnte, fehlte jene Wand – stattdessen stand er vor einem geöffneten Durchgang in ein Kellergewölbe. „Stell die Flasche auf den Tisch und folge mir still.“ Der Pförtner ging voraus, mit einer Laterne in der Hand. Der Länge des Ganges nach, vermutete Heskor, dass sie sich nun unter einem Nachbarhaus vom goldenen Stör befinden mussten. Der Pförtner klopfte acht Mal verschwörerisch in einem bestimmten Takt an eine Tür am Ende des Ganges, und diese öffnete sich. Heskors Augen weiteten sich, und sein Gegenüber sprach nur „Du???“.

Marek saß neben Vika an der Theke, danach kamen Ludwig, dann Valerian und Raaga. Letzteren hatte Valerian wieder reingeholt, nachdem er sich beruhigt hatte. Diese „Ruhe“ in Raaga lässt sich aber eigentlich eher als Prätemporärer Mordanschlag auf Marek bezeichnen. Plötzlich tippte Heskor, sichtlich angespannt auf Valerians Schultern: „Kommt mit – das müsst ihr euch ansehen!“ Heskor führte die verdutzte Gruppe durch den geheimen Gang in das Kellergewölbe eines Nachbarhauses. In dem Raum brannten einige Kerzen. In der Mitte stand ein großer staubiger Tisch, auf dem diverse Karten mit händischen Notizen darauf lagen. An der gegenüberliegenden Wand ein großes Pergament mit Tabellen, Zeitangaben und Personennamen. In der Mitte des Raumes ein blonder, schlanker Mann mit leichter Rüstung und schelmischen Grinsen, umgeben von einer Handvoll weiteren Personen. „Hallo Valerian! Ludwig, Raaga,… Vika!“ „Wim!!!“ Die erstaunte Menge bekam den Mund nicht zu, und sah zugleich zu, wie Vika auf Wim zuschoss und ihn fest drückte. Dann tapste Valerian etwas überrascht hinterher und drückte Wim an sich. Noch etwas verdutzt brachte er nur ein „…Erzähl!“ heraus. Wim ließ einige Stühle von einem Nachbarzimmer herantragen und befahl alle sich zu setzen. Marek blieb demonstrativ stehen und lehnte sich an die Wand. Wim erzählte die komplette Geschichte, und beide Abenteuerstränge verbanden sich nunmehr endlich zu einer Erzählung, das Puzzle fügte sich. Wim floh nach Ursten, und hielt es dort gerade einmal drei Stunden in Mei’s Notunterkunft untätig aus. Er packte dort alles an Wert ein und nutzte den goldenen Stör, um eine große Kommandoaktion zu planen: Die Befreiung Mei’idwyns aus dem Oxenfurter Gefängnis. „Darf ich euch meine aktuellen Gleichgesinnten vorstellen? Meine Hanse? Wir haben hier Magistra Fellíne von Aretusa, eine ehemalige Magieschülerin von Mei, dann Bernard von Ban Ard, ein Magier und ehemaliger Gefängnisinsasse, dann Sixt Hamphlet, ehemaliger Alchemist, dann der gute Pförtner der euch einließ, Paul Schoppenbrecher, ein Mann der heimlichen Talente und ehemaliger redanischer Geheimdienstmitarbeiter und zuletzt der gute Andreá, ehemaliger… was auch immer.“ Der Hüne mit der Glatze und den Muskeln eines Ochsen, Andreá, rollte die Augen. Ludwig mit einer Trageschlinge um Arm und Nacken fragte „…seit wann können Männer Andreá heißen?“ Aus dem Fleischberg ertönte die piepsige Stimme eines Eunuchen „…weil meine Mutter es schön fand, kleiner Mann.“

Während sich die übrigen austauschten über allerlei Beweggründe, Motive und Ambitionen zu dem geplanten Selbstmordkommando, stellten sich Wim und Valerian nebeneinander vor die Oxenfurter Karte und tauschten sich akribisch aus und ersannen einen Plan. Bernard fing an zu erzählen: „Die Wachleute des Gefängnisses Deireadh werden aus Hexenjägern rekrutiert. Jeden Tag Folter, außer an Feiertagen oder wenn sie sich zugesoffen haben. Einer soll mal aus dem Knast entkommen sein, indem er seinen Tod vorgetäuscht hatte… seitdem verbrennen sie die Leichen und die Kanalisation ist durch massive Gitter verschlossen. Die Kanalisation Oxenfurts besteht aus uralten Elfenruinen wie jeder weiß. Die Wachwechsel im Gefängnis erfolgen unregelmäßig. Es gibt nur einen Kerkerschlüsselbund, und den hat der Gefängnisaufseher immer bei sich, der oben im Turm residiert. Ich entkam aus dem Gefängnis über einige geschickte Bestechungsmaßnahmen und wollte meine Lissi, ebenfalls eingesperrt rausholen… doch leider wurde sie auf dem Markt verbrannt ehe ich ihr helfen konnte… das soll nicht mit eurer Freundin passieren.“ Alle nickten und schwiegen. Wim präsentierte den Plan: „Wir haben eine große Mannstärke und können deswegen mehrere Alternativpläne gleichzeitig realisieren. Das ist unser Vorteil. Es wird deswegen drei Gruppen geben: Die Gruppe Kanalisation, die Gruppe Sturm, und die Gruppe Gefangene.

Ludwig wird die Gruppe Gefangene anführen, dazu werden Fellíne falsche Dimeritiumfesseln angelegt und Ludwig schleust sie als Gefangene ein, und wird mit dem Gefängnisaufseher über seine Belohnung verhandeln. Mit dem gebrochenen Arm sollte er nicht bedrohlich wirken. Andreá nimmt er als Wache mit. Fellíne trägt ein magisches Artefakt bei sich, mit deren Hilfe sie von der Gruppe Kanalisation im Kerker geortet werden kann. Ludwig kann dabei solange Zeit schinden, bis der perfekte Augenblick da ist. Sobald die Gruppe Sturm zuschlägt, können der Aufseher von Andreá aufgerieben werden und die falschen Dimeritiumfesseln von Fellíne im Kerker abgelegt werden, um zu verhindern, dass die Gefangenen beim Alarm getötet werden. Mitsamt Schlüsselbund kann sich dann über den Innenhof bis in die Kerker vorgekämpft werden. Ich werde die Gruppe Sturm anführen. Dabei sind Raaga, Marek, …“ Raaga grunzte hörbar „… und die Schläger vom Bettlerkönig, die Valerian gestellt bekommt. Vika wird außerdem für unseren Aufmarsch für Ablenkung sorgen und die Tore öffnen. Ziel der Gruppe ist es möglichst viel Unruhe auf dem Innenhof zu stiften und vom Kerker abzulenken. Sollten alle anderen Gruppen scheitern, muss die Gruppe Sturm sich bis in den Kerker durchkämpfen und Mei retten.

Die letzte Gruppe Kanalisation wird von Valerian angeführt werden. Mit ihm gehen alle Leute der heimlichen Talente, Heskor, Sixt und Paul, und Bernard. Mittels Alchemie sollen die Gitterstäbe geschmolzen werden und ein Weg bis zum Gefängnis gefunden werden. Fellínes magisches Artefakt soll von Bernard geortet werden, was die Orientierung durch die unterirdischen Elfenruinen erleichtern soll. Ziel ist es bis zum Kerker vorzustoßen und diesen zu sichern, bis der Schlüsselbund zu ihnen gebracht wird. Die Aktion steigt heute mitten in der Nacht. Die Gruppe Kanalisation geht mit zwei Stunden Vorsprung zuerst rein. Fragen?“ Raaga grunzte erneut und fragte ruhig: „Gibt es hier irgendwo eine größere Axt…?“ Valerian atmete tief ein.

Das kleine Ruderboot glitt totenstill über das Wasser des Pontars. Die schwarze Silhouette von Oxenfurt ragte vor der Gruppe auf. Das Boot erreichte mit einem knatzenden Geräusch den schmalen Landstreifen am Fuße der hohen Stadtmauern, auf denen Oxenfurt liegt. Ein schmaler Kanaleinlass präsentierte sich den Männern. „Hier sind wir: Sixt?“ Der Alchemist nickte und holte eine von zwei Phiolen aus einer Ledertasche und goss diese über das massive Schloss am Gitter. Bläuliche Rauchschwaden stiegen auf und brachten den Alchemisten zum Husten. „hust hust das ist ganz hust normal! räusper, hust hust “, und mit einem leisen Quietschen öffnete sich die Tür. „Du voran Valerian, du warst in mehr dunklen Kanalisationen als wir alle zusammen.“ „Still jetzt, Heskor, du siehst ebenfalls im Dunkeln sehr gut, bitte nimm Bernard und Sixt an die Hand. Paul kommt zurecht denke ich.“ Sixt entzündete ein alchemisches Licht, Bernard eine kleine leuchtende Kugel über seinem Kopf. Die Gruppe tapste in der kompletten Finsternis wie eine Signalfackel. Valerian hörte als Erster gluckernde, platschende und Gurgelnde Geräusche auf sich zukommen. Er zog das Silberschwert, dessen Runen blau aufleuchteten und nickte der Gefolgschaft zu „Hexerzeit.“ Und schoss eine beeindruckende Flammenwoge durch den Gang auf die etlichen Ertrunkenen zu, die auf die Gruppe zuraste.

„Lasst mich rein gute Leute. Ich bringe Frischfleisch für euren Foltermeister!“ Ludwig schritt stolz voran, hinter ihm der Hüne Andreá mit der gefesselten Fellíne. Der Wachposten am Tor des Gefängnisses schielte auf die Magierin und grinste. „Na was sagt man dazu? Rein in die gute Stube.“ Er klopfte in einer bestimmten Abfolge an das massive Eichentor hinter ihm. „Verlangt nach Kalmund. Er wird über die Bezahlung mit euch sprechen.“ Die drei betraten den großen Innenhof, der von Wehrgängen, Steintreppen und einzelnen Gebäuden umgeben wurde. Eine schlanke Treppe zu einem hochgelegenen Haus, beinahe einer Art Turm, war besonders auffallend. „Zu Kalmund bitte. Ich will über die Bezahlung verhandeln.“ Der gefragte Soldat zeigte auf die schlanke Treppe. Oben angekommen saßen zwei Gestalten in den typischen, nietenbesetzten Hexenjägerrüstungen am Tisch. Diverse Orden und Abzeichen schmückten Ihr Lederzeug. „Aaaah. Neuzugang. Sehr schön. Was willst du dafür haben Herr…?“ „Esslauer mein Name. Und ich denke mit 1000 Novigrader Kronen habt ihr einen guten Fang gemacht Herr Kalmund!“ „1000 Kronen? Was rechtfertigt diesen Preis Herr Esslauer? Aber wo sind meine Manieren, setzt euch, ihr und euer Kumpan. Wein?“ „Ja, Trockener bevorzugt.“ Kalmund schaute kurz verdutzt und schielte auf die Flasche, nickte dann kurz nachdem er sich vergewissert hatte, was er sich überhaupt die letzten Stunden hinter die Binde gekippt hatte und schenkte dann Ludwig und Andreá in zwei mäßig saubere Kelche ein. „Das ist Fellíne von Aretusa, ehemalige Magistra der Zauberinnenbrutstätte bei Gors Velen. Das sollte doch 1000 Kronen wert sein! Wisst ihr was für ein Aufwand es war, das Weibsbild zu fassen?“ er deutete auf seinen geschienten Arm in der Trageschlinge. „Glaube ich natürlich sofort Esslauer!“ Kalmund lehnte sich plötzlich zu seinem Kollegen und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf dieser grinste und aufstand, und langsam zu Fellíne ging, die noch am Treppenabsatz stand. „Mein Kollege Creall hier, wird sich selbst davon überzeugen, wieviel sie wirklich wert ist. Nicht wahr Creall?“ Die drei hörten plötzlich ein blechernes Klicken. Creall hatte Fellíne eigene Dimeritiumfesseln angelegt, und die falschen Fesseln mit einem Grinsen abgelegt, und schritt langsam wieder Richtung Tisch. „Darf ich vorstellen: Creall, Offizier des Novigrader Geheimdienstes und rechte Hand unseres geliebten Hierarchen Cyrus Engelkind Hemmelfahrt.“ Creall ließ die falschen Fesseln klimpernd auf den Tisch fallen. Ludwigs Kelch kippte um und die rote Flüssigkeit tropfte neben Ludwig vom Tisch. Creall zog plötzlich ein Messer und rammte es Andreá in den Hals, welcher kurze Zeit röchelte, vom Stuhl fiel und in einer Pfütze liegenblieb. „Creall, mach dich doch einmal des Wertes unserer Gefangenen Zauberin gewiss in meinem Privatgemach. Und ‚Esslauer‘… wir sollten uns unterhalten.“

Einige Minuten nachdem Ludwig die Pforte passiert hatte, entfernte sich Vika von ihrem Beobachtungsposten und hielt auf die Soldaten zu. Raaga beobachtete aus sicherer Entfernung, wie sie mit der Burgwache anbandelte, diese ihr ein paar Münzen in die Hand drückte und laut in die Finger pfiff. Die Pforte öffnete sich und ein Kamerad kam hervor, der sich hinter Vika stellte, und an ihrem Rock zupfte. Zeitgleich betätigten Wim und Marek die Auslöser Ihrer Armbrüste, und die zwei Bolzen trafen zielgerichtet die beiden redanischen Soldaten, welche gurgelnd und wimmernd zu Boden gingen. Ein dritter beobachtete erschrocken von innen, wie die beiden Wachposten starben und läutete die Alarmglocke im Innenhof. „Jetzt!“ rief Raaga und rannte allen voran auf die Pforte zu. Der Soldat wollte die Eichentür wieder zuwerfen, aber Vika warf die Hellebarde des toten Soldaten in den Türspalt, sodass die Tür nicht ins Schloss fiel, und wandte sich dann ab und lief etwas zurück Richtung Stadt. Raaga rann voran, öffnete die Hand und eine Druckwelle schlug die Eichentür nach innen auf und traf mit voller Wucht den Soldaten, der nach hinten in den Innenhof flog. Raaga, mit einer großen Streitaxt bewaffnet, Marek, mit einem filigran verzierten Rapier, Wim mit einem schlanken Anderthalbhänder sowie vier stämmige Schläger mit Knüppeln und Keulen stürmten durch die Eichentür, um hinter dieser einer geordneten Linie von acht redanischen Schilden und Pikenieren gegenüber zu stehen. Raaga wirkte ein Axii Zeichen und befahl dem Schildträger an der einen Außenflanke, sich gegen seine Kameraden zu wenden. Die Angreifer umliefen daraufhin die flankengeschwächte Formation und kreisten sie in einem Halbkreis ein. Die Soldaten ergriff eine leichte Panik, und einzelne Redanier brachen aus der Formation heraus. Einer wollte zur Tür hinausrennen und fliehen und machte als erster Bekanntschaft mir Raagas Axt. Erst Eisenhut, dann Kopf flogen den entsetzten Soldaten entgegen. Marek duellierte sich mit einem Pikenier und versuchte die Distanz der Stangenwaffe zu überwinden. Wim kam von der Seite angesprintet und stieß dem Lanzenträger sein Schwert in die rechte Körperseite. Woraufhin zwei Schildträger die beiden Männer fixierten und geordnet auf sie zuliefen. Plötzlich ertönte ein Surren und der linke Schildträger gurgelte: Vika schoss von der Burgmauer herab mit der Armbrust Wims – sie hatte sich im Kampfgeschehen den Wehrgang hochgeschlichen. Während sich Marek und Wim den Übrigen vorknöpften und Francis‘ Schläger fleißig kämpften, hielt Raaga wutentflammt auf einen Schildträger zu. Im Sprint zauberte er ein derartiges ‚Aard‘, dass der Schildträger wie mit einem Segel nach hinten geworfen wurde und von seinem entsetzten Kameraden von hinten mit seiner gezückten Pike aufgespießt wurde, dieser ließ leichenblass die Pike mitsamt Soldat fallen und wollte sein Beimesser ziehen. Raagas Handaxt wirbelte durch die Luft und blieb in der Brust des Lanzenträgers stecken. Aus den umliegenden Häusern eilten die ersten Hexenjäger zur Hilfe, mit Lederrüstung und Schwert bewaffnet. Wim fiel auf, dass keine Magie oder Kampfeshandlungen aus dem Turm des Aufsehers schallten. „Raaga! Ich und Marek stürmen den Turm mit dem Aufseher und stoßen zu Ludwig!“ Raaga hörte nichts. Nichts außerdem Pochen an seinen Schläfen. Für ihn lief alles in Zeitlupe ab. Der letzte Schildträger stieß mit dem Schwert nach ihm, Raaga parierte mit der massigen Axt in einem trägen Wirbel und rammte die Axt von oben geführt durch die Schildkante des Turmschildes, durch die Hirnhaube des Soldaten in seine Schädeldecke. Er riss die Axt mit Kraft links weg, und der träge Körper flog wie eine schwere Puppe zur Seite. Von der linken Seite ausgeholt warf er die massige Axt in einem horizontalen Schwung auf einen heranstürmenden Hexenjäger, den die schwere Axt an der rechten Schulter traf und ihn schreiend zu Boden riss. Raaga zog sein Stahlschwert vom Rücken und verbrannte einem übrigen Pikenier Lanze und Handschuhe mit einem ‚Igni‘. Der Hexer stieß einen bestialischen Kampfschrei aus, der hoch in den Turm ragte und von Ludwig vernommen wurde, der hektisch nachdenkend am Tisch mit Kalmund saß; der von Creall vernommen wurde, während Fellíne apathisch seine Perversionen an ihr ertrug; der von Wim und Marek vernommen wurde, die nun am Ende der schlanken Treppe angekommen waren; und der auch von einer Frau mit Fuchsschwanz vernommen wurde, die zusammengekauert in einer Ecke saß, und kurz mit dem Weinen aufhörte, bevor ein narbengesichtiger, alter Mann wieder im Begriff war, sie zu ihrer täglichen Folterstunde abzuholen.

Ludwig hörte ein „Verdammt“ aus Crealls Zimmer und anschließend ein Gurgeln. Die Tür flog auf und Creall stand dort mit einem blutigen Dolch und knöpfte sich die Hose zu: „Was in Redaniens Namen ist hier los?“ In diesem Moment stieß Wim die Tür auf und stürmte mit Marek in den Raum. Kalmund wollte aufstehen und sein Schwert ziehen, doch Ludwig, der bis dahin still am Tisch gesessen hatte neben dem verbluteten Andreá, stieß den Tisch mit seiner linken Hand und einer fiesen Wucht um und traf damit auf Kalmunds Zehen, welcher kurz, aber bezeichnend aufheulte. Wim warf ein Wurfmesser zu Creall, der auf sein Schwert zurann, dass an einer Seite im Raum an der Wand lehnte, und traf damit dessen linke Schulter. Zorneswütig zog dieser sein Langschwert aus der Scheide und stellte sich Wim, während Marek über den Tisch und über den geduckten Ludwig hinweg mit Kalmund fechtete, dessen Zehen immernoch eingeklemmt waren. Ludwig hob die heruntergefallene Flasche Wein auf und warf diese gegen Kalmunds Kopf der mit immer noch fixierten Beinen nach hinten flog und der Kopf dumpf auf dem Holzdielenboden aufkam. Marek umging den Tisch und stach Kalmund mit seinem Rapier ab. Und riss den Schlüsselbund von Kalmunds Gürtel ab. „Marek warte!“ schrie Wim und sah Marek hinausrennen mit den Schlüsseln, während er mit Creall kämpfte. Dieser führte einen schweren Schlag von oben – was Wim instinktiv an eine Lektion Valerians erinnerte: Wim machte einen diagonalen Ausfallschritt nach vorne und schnitt mit seinem Schwert aufwärts in Crealls Waffenarm, woraufhin dieser das Schwert fallen ließ: „Du wirst…“ Das Schwert schnitt sauber von hinten zwischen Crealls Halswirbeln durch und seine hässliche Fratze landete auf dem Boden, bevor Creall den Satz beenden konnte. Ludwig nahm Crealls Schwert auf und verließ mit Wim die Aufsehersstube, nicht ohne einen Blick in das Nebenzimmer zu werfen, ob Fellíne noch lebte. Den Anblick ihrer missbrauchten, blutverschmierten Gestalt, wie sie im Bett lag, wird der sonst recht robuste Ludwig so schnell nicht vergessen.

Marek war schon im Innenhof angekommen und wollte gerade in die Kerkergewölbe herabsteigen, als Raaga nach Marek schrie und auf ihn zurannte, mit gezogenem Schwert. Raagas Augen schienen rot zu funkeln, er war nicht er selbst. Der erstarrte Marek konnte gerade einmal zwei Schläge von Raaga parieren, da flog Mareks Rapier aus seiner Hand. Raaga holte zum Todesstoß aus, als Wim und Ludwig von der Treppe herunterschrien: „Raaga nicht! Würde Mei das wollen? Würde Valerian das wollen?“ Raaga erstarrte, hielt inne. Langsam senkte sich sein Schwert. Aber er kam nicht umhin Marek einen genugtuuenden Schwinger mit seiner Rechten zu verpassen, und ihm danach die Schlüssel aus der Hand zu nehmen. Der Hof war still, Vika lief mitsamt Armbrust über den Innenhof zu den Ställen, um ein paar Pferde bereit zu machen für die Flucht. Die vier Schläger Bedlams waren tot. Wim und Ludwig kamen keuchend bei Raaga an, der auf die Schlüssel und die Gittertür zum Keller starrte. Die beiden schlugen ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Komm!“ und betraten die Kerkerräume. Marek hob zögerlich sein Rapier auf und sprintete den verhassten Verbündeten nach.

Die Luft im Keller war stickig, es roch nach verschmorten Fett und Angstschweiß. Schreie hallten durch die Gänge. „Mei!!! MEI!!!“ schrie Raaga. Sie betraten schließlich einen großen offenen Raum mit etlichen Käfigen. In dem mittleren Flur stand ein alter narbengesichtiger Wachmann und hielt Mei’idwyn mit dem Unterarm fest, und ein glühendes Messer an Ihren Hals. „Lasst den Stahl fallen, Abschaum!“ schrie Gelbzahn-Ingo. Wie Mei den Geruch seiner Haut hasste, den sauer-bitteren Geruch den er verströmte wenn er sie folterte, oder wenn er lachend mit der Zunge über Ihre Wangen geglitten war. Sie war benebelt, und gefesselt. Zu lange hatte sie kein Tageslicht gesehen, zu lange keine richtige Luft mehr geatmet. Alle ließen Ihre Waffen sinken, auch Raaga, der zuerst zögerte. Ludwig versuchte es als Erster: „Wir haben mehr Gold, als du je ausgeben könntest. Gib uns das Mädchen guter Mann…“ Gelbzahn-Ingo lachte wie besessen und erhob den glühenden Stahl um ihn in Mei’s Brust zu rammen, vor den entsetzten Augen der anderen. Die Zeit lief gefühlt in Zeitlupe ab, alles wurde still. Raagas Pupillen weiteten sich im Schrecken. Aus dem Schatten hinter Ingo tauchten plötzlich Arme auf, zwei hielten den erhoben Dolch fest, und zwei andere verschwanden hinter dem Foltermeister. Man hörte ein leises Schneiden, und ein sanftes Keuchen des Folterers, dann fiel er nach hinten um, zu Füßen von Heskor, mit zwei blutigen gezackten Dolchen in der Hand und Paul Schoppenbrecher, der den Waffenarm Ingos sicherte. Mei kauerte benebelt am Boden. Aus der Dunkelheit kam Valerian, in der Hand sein Silberschwert. Roter Glanz überdeckte das blaue Leuchten der Runen auf der Klinge, und auf seiner Schulter ein keuchender Männerkörper. „Entschuldigung die Verspätung… aber das mit der magischen Ortung hat nicht so ganz funktioniert…“ Ludwig wusste warum, und dachte an Fellíne. Hintendrein kam der Zauberer Bernard gelaufen. Alle gingen vorsichtig zu Mei. Marek preschte vor, schubste alle im Weg zur Seite und umarmte die knieende Mei, die apathisch, und lediglich physisch anwesend war. Bernard kam nach vorne, legte seine Hand auf Mei’s Schläfe, und die beistehenden sahen violette Funken, die von seiner Hand in ihren Körper flogen. Mei’idwyn gab erste Laute von sich. „Sie wird bald aufwachen. Ich danke euch für alles Freunde, ihr habt meinem Leben einen Sinn gegeben und Lissi ewige Ruhe… Ich werde versuchen noch möglichst viele hier herauszuholen.“ Raaga nickte und warf ihm den Schlüsselbund zu. Valerian setzte Sixt Hamphlet, von diversen Krallenhieben der Ertrunkenen zerfetzt, ab. „Geht nur. Sobald ihr raus seid, werde ich diesen Teil des Kerkers mit einem Abschiedsknall verwüsten, das hat Oxenfurt noch nie gesehen!“ Er grinste schwach. Valerian lächelte müde und klopfte sanft auf seine Schulter. Marek wollte Mei aufheben und tragen, hatte aber etwas Probleme damit. Ihm fehlte langsam die Kraft nach dem Kampf dafür. Raaga schubste ihn zur Seite und trug Mei auf seinen Armen. Marek blickte griesgrämig hinterher, seine Hand glitt zu seinem Stilett im Stiefel. Eine Hand ergriff seine Schulter und Valerians Stimme sagte verneinend „M-M…!“.

Die Pferde standen bereit im Hof, die Pforten geöffnet. Vika half Raaga und Mei auf ein Pferd. Während die Mannschaft auf die Pferde stieg, kam Bernard mit einigen zerschlissenen Häftlingen auf den Hof hinterhergerannt. Kaum verließen sie das Kerkergewölbe, ertönte ein berstender Knall, gefolgt von einer Erderschütterung. „Reitet! Ich decke euren Rückzug! Alles Liebe euch Freunde!“ Einige der Häftlinge, von der frischen Luft belebt schwangen sich auf übrige Pferde oder liefen zur Pforte hinaus. Einige wenige blieben mit Bernard zusammen, für das Ende bereit, die letzte Schlacht. Valerian und Wim ritten voran, zur Pforte hinaus, Bernard und die übrigen Magier folgten ihnen vor das Tor. Sie ritten nach scharf links, zur Brücke von Oxenfurt die aus der Stadt führte. Eine Einheit Soldaten und Hexenjäger marschierte im Stechschritt aus der Innenstadt hoch zur Kreuzung vor der Brücke. Es verdunkelte sich der Himmel, und Blitze und Feuerbälle fuhren von oben auf die aufmarschierenden Redanier herab. „Flieht!!!“ schrie Bernard und entfesselte mit seinen kampfeslustigen Genossen ihr gesamtes zerstörerisches Repertoire. Valerian und Wim voranpreschend lenkten sie ihre Pferde vor der Marschformation links weg, über die Brücke und mit ihren Schwertern die überraschten Brückenwachen niedermähend, sah die Gruppe über die Schulter zurück und nach einer kurzen Dauer die rote Woge der heranstürmenden Redanier den tapferen Bernard und seine Gefährten überschwemmen. Während die gute Luft des Pontars durch Mei’s zersauste Haare glitt, wachte sie langsam auf und fragte schwach: „bin… ich tot, Raaga?“ „Nein. Noch nicht Mei. Wir haben noch alle Zeit, die Hexer und fuchsschwänzige Zauberinnen haben können.“ Er blickte wieder nach vorne, und sie fühlte sich geborgen und schloss ihre Augen.

Teil 6, von Pam

Alles was Mei mitbekam, war das gleichmäßige schaukeln und wippen der Schritte des Pferdes auf dem sie sich fortbewegte. Noch immer benebelt und nicht ganz bei Sinnen, von den Ereignissen traumatisiert und geschockt. So konnte man den momentanen Zustand sehr zutreffend beschreiben. Im Grunde wäre es ein Schönes gewesen, diese menschliche Wärme zu spüren, doch alles was sie spürte waren die tiefen Wunden die ihr zugefügt wurden. Es brannte und rieb bei jedem Schritt unangenehm auf ihrer Haut. Sie konnte sich nur vage und betäubt an das erinnern, was geschah. Dinge die Mei am liebsten vergessen wollte. Dinge die sie zukünftig prägen werden und es unmöglich machte, das Leben so wie es war weiterzuführen. Unmöglich daran anzuknüpfen. Mei vernahm eine Veränderung des Untergrundes auf dem sie und ihr Begleiter ritten. Kleine Wasserspritzer bahnten sich ihren Weg in ihr Gesicht und hinterließen kleine Perlen auf ihrer von Hämatomen und Platzwunden gezeichneten Haut. Sie zwang sich die Augen zu öffnen, was ihr sehr schwer fiel, da ihre Lider durch die Folter geschwollen waren. Einen kleinen Spalt weit konnte Mei etwas sehen: Einen Fluss und ein ihr bekanntes Ufer. Sie wusste nicht ob sie träumte oder ob wirklich alles geschehen ist. Hatte sie es geschafft dem Scheiterhaufen zu entkommen? Wem hatte sie das zu verdanken? Innerlich schreckte sie hoch. Was ist mit Skoija? War sie noch da? Ihre Sorge um den Seelenfuchs wurde rasch zerstreut. Skoija fiepste und jaulte leise zur Bestätigung, dass sie noch da ist und Mei nicht verlassen hatte. Nicht auszudenken in welchem Zustand Mei wäre, wenn sie keine zweite Seele beherbergen würde. So etwas muss schlimm sein für eine Seele. Zum Glück war sie in der ganzen Zeit nie alleine gewesen.

Eine warme leichte Brise wehte Mei um die Nase und streichelte ihr Gesicht. Unterbrochen wurde dieses eigentliche schöne Ereignis von einem krampfartigen Schmerz in der Magengegend. Mei merkte wie sich ihr Körper plötzlich sehr heiß anfühlte und sich alles in ihr drehte. Ihr Körper wurde sehr schnell noch schlaffer als zuvor. Dies schien von ihrem Begleiter bemerkt zu werden der daraufhin gleich den anderen Reitern zu rief: „Hey Leute bleibt mal stehen. Ich glaube mit Mei stimmt was nicht!“ Die übrigen Reiter stoppten ihre Pferde. Sie hörte Schritte näher kommen und versuchte zu erschnüffeln um wen es sich handelte. Den Geruch erkannte sie, zu gut. Doch dies war im Augenblick nebensächlich. Sie rutschte vom Sattel, hielt sich am Steigbügel fest und taumelte in Richtung eines kleinen Waldes hinter einen Busch. Man hörte würgende Geräusche und Flüssigkeit die auf Blättern platschte. Marek stieg ebenfalls vom Pferd und wollte zu Mei laufen, Raaga hielt ihn jedoch auf, schüttelte langsam den Kopf und schaute ihn böse an. Raaga erntete ebenfalls einen hasserfüllten Blick.

„Lass sie bloß in Ruhe oder ich vergesse mich doch noch!“, zischte Raaga in Mareks Richtung. Um die Situation etwas zu entschärfen schritt Valerian auf ihn zu und legte eine Hand auf Raaga’s Schulter. „Vielleicht sollten wir eine kleine Pause machen, bis es ihr etwas besser geht. Hier in dem kleinen Wald sollten wir etwas finden wo wir uns verstecken können.“, nach einer kleinen Pause fiel Valerian etwas auf. „Wir sind doch in der Nähe von Ursten. Wim hast du den Schlüssel noch zu dieser Hütte in der du warten solltest, sie stattdessen aber leergeräumt hast?“ Wim nickte, etwas verlegen und griff in einen kleinen Beutel. Er zog ein schlichtes silbernes Armband heraus an der eine kleine grüne Tür baumelte. „Weißt du noch wo die Hütte ist?“, Wim nickte erneut und streifte das Armband über. Zwischenzeitlich hatte Vika sich zu der immer noch würgenden Mei gesellt und stützte sie. Nach einigen Minuten und einem kleinen Schluck Wasser konnte Mei sich ein klein wenig aufrichten. Aufrecht konnte sie dank der vielen Peitschenhiebe allerdings nicht, zu sehr spannte die Haut. Vika führte sie wieder zu Raaga und half ihr aufs Pferd. Valerian und Vika tauschten einen kurzen Blick aus und sie wank ihn zu sich. Flüsternd sprach sie zu Valerian: „Sie muss wohl auch innere Verletzungen haben, sie hat im Gebüsch überall Blut erbrochen. Ich habe echt Angst um sie.“, sie setzte eine besorgte Miene auf und schielte zu Mei. „Die Pause wäre eine gute Idee. Vielleicht kann Ludwig ihr irgendwas zusammen mischen damit es ihr vorübergehend besser geht, dass sie transportfähig ist. In dem Zustand bezweifle ich, dass sie die Schiffsfahrt nach Kaer Iwhaell überleben wird. Wir sollten einen Abstecher bei mir in Kerack machen. Dort gibt es eine fähige Heilerin, die sich auch um meine Mädels kümmert. Mir ist bewusst, dass ihr das Land so schnell wie möglich verlassen wollt aber doch lieber mit Mei, nehme ich stark an.“ Valerian blickte überlegend in den Himmel und nickte. „Es wird wohl das Beste sein. Mei darf auf keinen Fall jetzt sterben! Nicht nachdem wir es geschafft haben sie da raus zu holen.“, er ging auf Raaga zu und erkundigte sich kurz nach Mei. Diese saß leichenblass auf dem Pferd und krallte sich in den Mantelstoff Raagas. Nach einem kurzen Informationsabtausch über die neue Lage riss Wim die Zügel seines Pferdes herum und steuerte routiniert in den kleinen Wald vor Ursten hinein. Die anderen folgten ihm. Der Trupp blieb vor einer großen imposanten Tanne stehen. Alle stiegen nacheinander ab und betrachteten den Baum. In die Rinde waren kindliche Schnitzereien mit viel Herzblut eingearbeitet worden. Sie hatten die Form von vielen verschiedenen Tieren des Waldes. Doch die Tierbilder waren nicht das einzige, dass die Rinde schmückte. Wie eine Spirale um den Baum gewickelt stand in der Landestypischen Schrift folgender Satz: Was ist das für ein Häuschen, ist kleiner als ein Mäuschen, darinnen wohnt ein Tier, gleich zeigt es die Hörner dir.

Etwas weiter unten stand ein weiterer Satz: Willst du finden mein Quartier musst du finden das richtige Tier. Hast du es gefunden, so tippe darauf, ist es falsch dann rate ich dir: Lauf! Während Ludwig und Heskor sich die Sätze von Marek übersetzen ließen, grübelten Valerian und Vika über das Rätsel und um welches Tier es sich denn handelte. Raaga hingegen saß noch immer auf seinem Pferd, in seinen Armen die blasse Mei. Sichergehend, dass alle beschäftigt waren, strich er ihr die sonst weiße Haarsträhne aus dem Gesicht und streichelte ihr über die Wange. Er zwang sich zu einem Lächeln, so nah war er Mei nie wirklich gekommen. Schade, dass es unter diesen Umständen war. Das Auftauchen des Trupps blieb jedoch nicht lange unbemerkt. Zur gleichen Zeit suchte Wim an dem Baum eine bestimmte Stelle. Er hatte das Rätsel auf der Rinde vor ein paar Tagen zwar gelesen, aber er hatte ja einen Universalschlüssel zu der Hütte die man im Moment nicht sehen konnte. Die Hütte, in der vor Sorge fast wahnsinnig geworden wäre und es deswegen auch nur drei Stunden dort aushielt. Er fummelte an dem Armkettchen herum.

Valerian der neben Vika stand, murmelte nur für sie hörbar das Rätsel vor sich hin. Nach ein paar Sekunden fragte er Vika: „Hast du eine Ahnung was das für ein Tier sein könnte? Ich stehe gerade aufm Schlauch!“. Vika mit ihrer Hand nachdenkend am Kinn aufgestützt, verneinte indem sie mit den Schultern zuckte. Zwischenzeitlich hatte sich Ludwig von der Übersetzungs-Diskussion abgesetzt und erkundete einen kleinen rot blühenden Busch. Als plötzlich neben ihm ein Rascheln und ein leises brummeln ertönte. Er vermutete eine dicke, pelzige Hummel die gerade auf Nahrungssuche war. Doch so dick und fett konnte nicht mal die größte Hummel sein, die Ludwig je gesehen hatte. Also keine Hummel. Ehe er seinen Gedanken zu Ende denken konnte huschte plötzlich flink ein kleiner brauner Marder zwischen seinen Beinen hindurch Richtung Tanne. Ludwig wäre beinahe auf den armen kleinen pelzigen Waldbewohner drauf getreten, als dieser sich erschrak. Der Marder blieb kurz vor der großen Tanne stehen und streckte seine Nase in die Luft um daraufhin sofort wieder weiter zu wuseln. Seine Richtung änderte sich und er begab sich zu dem Rappen auf dem Mei sich wie ein nasser Sack abstütze. Er blieb vor ihr stehen und fiepste so laut, dass er nun die Aufmerksamkeit von allen Umstehenden genoss. Doch bevor jemand „Oh ist der aber süß“ sagen konnte, raschelten plötzlich alle umliegenden Sträucher und Baumkronen. Aus Ludwigs Richtung hörte man nur ein „Oh Oh, ich war’s nicht“. Wie erstarrt schauten alle dem Szenario zu, dass sich gerade abspielte. Außer Raaga und Valerian die sich schützend vor Mei stellten, bereit notfalls ihre Waffen zu zücken.

Aus allen Richtungen hörte man Tiergeräusche und Rascheln. Es dauerte ein paar Sekunden bis sich die Geräusche zu Tieren des Waldes formten. Alles war vertreten. Eichhörnchen, Füchse, Vögel, sogar ein kleiner junger Bär und einige andere Tierarten kamen nach und nach aus ihren Verstecken heraus. Wim bildete sich ein, den kleinen braunen Marder und die fünf kleinen Jungfüchse irgendwann schon einmal gesehen zu haben. Er lag richtig, diese Einsicht erlangte er nach wenigen Sekunden Bedenkzeit. Es waren eben diese Tiere, die Mei und er vor ein paar Tagen vor den Tierfängern gerettet hatten. Wim war etwas erleichtert, dass sie in der Zwischenzeit keinen weiteren zum Opfer gefallen waren. Vom Anblick des Bären waren alle irritiert. Heskor, Marek und Valerian spannten ihre Muskeln an, ihre Hände schon an den Waffen, bereit Mei zu verteidigen. Der einzige der ruhig blieb von der Anwesenheit des Jungbären war Raaga. Mittlerweile hatten sich zu den Waldtieren eine kleine Herde von Wildpferden dazugesellt. Darunter auch ein Fohlen, dass sich staksig den Weg an die Spitze bahnte, direkt auf Mei zu. Beim Anblick des fuchsfarbenen Fohlens entspannten sich Heskor und Valerian ein kleines bisschen, den Bären dennoch im Blick.

Es war ohnehin sehr unüblich diese Situation. Valerian konnte sich an kein Ereignis erinnern, bei dem er eigentlich natürliche Fressfeinde friedlich zusammen auf einer Lichtung sah. Gleichzeitig fasziniert als auch verwirrt über das was da gerade geschah. Lag es an der imposanten Tanne? Ist das hier ein magischer Ort? Ein Ort an dem Mutter Gaia sehr präsent ist? Fragen die ihm Mei hätte beantworten können, wenn diese sich nicht in einem solch miserablen Zustand befinden würde. In Gedanken versunken, bemerkte Valerian erst nicht, dass das Fohlen nun direkt vor ihm stand und ihn energisch an stupste. Als wolle es ihm etwas zeigen. Valerian ließ langsam seine Hand vom Schwert sinken und versuchte es auf die Nüstern des Fohlens zu legen. Noch nie war er einem Wildpferdfohlen so nah gekommen. Plötzlich sank das Pferd seinen Kopf, schnaubte und scharrte mit den Hufen. Es boxte Valerian bestimmt aber dennoch sachte bei Seite und stolzierte an ihm vorbei, ging auf Mei zu und schnupperte an ihrer blutigen Hand. Ein leises, fast schon klägliches Wiehern entfuhr dem Fohlen. Ruckartig schnellte dessen Kopf in die Höhe und blickte zu seiner Herde. Wie auf Kommando bildeten sie so etwas wie eine Gasse.

Marek, Heskor und Valerian wollten sich daraufhin sofort wieder schützend vor Mei stellen. Ganz kratzig und flüsternd vernahmen sie die ersten Worte von Mei seit der Rettung aus dem Gefängnis. „Lasst sie durch!“ Valerian zeigte mit einer Handbewegung an, dass Marek und Heskor beiseite gehen sollten. Sie machten den Weg frei. Es eröffnete sich ein Bild wie es zuvor noch nie jemand vernahm: Die Waldtiere krabbelten, huschten und trabten auf Mei zu und legten sich zu ihr. Einige kleinere Tiere legten sich sogar auf Mei’s Schoß und kuschelten sich an sie. Die fünf kleinen Füchse schleckten Meis blutige Wunden ab. Es sah so aus, als wollten sie diese dadurch schneller zum Heilen bringen. Auf Meis Gesicht huschte ein Ausdruck aus Erleichterung und Dankbarkeit. Der Jungbär stand wie eine Wache vor ihr. Die drei vorherigen Beschützer hatten sich in der Zwischenzeit zu den anderen gesellt und beobachteten dieses schöne Ereignis. Von Mei war inzwischen nicht mehr viel zu sehen. Umringt von Füchsen, Eichhörnchen, Hasen, Pferden und einigen anderen Tieren. Es raschelte und fiepste leise. Wie ein Fuchs rollte Mei sich zusammen und wurde fast ein Teil der Tierherde. Den Mitreisenden wurde es warm ums Herz und aller Schmerz und Leid verflog für einige Minuten.

Raaga der in unmittelbarer Nähe zu dem Bären stand, begutachtete ihn von oben bis unten und war selber etwas erstaunt keinerlei Angst zu zeigen. Er war sich dessen durchaus bewusst, zu was ein Bär alles fähig war. Egal ob Berserker oder Waldbewohner. Einen kurzen Augenblick verspürte er den Drang den Bären einfach zu berühren, sein Fell unter den Fingerbeeren zu spüren. Dieser Gedanke verwarf er sehr schnell, da es ziemlich dumm wäre, jetzt etwas falsch zu machen.

Auf Valerians Gesicht zeigte sich ein Ausdruck den er selber wohl nicht beschreiben könnte. Sein Körper begann vom Herz ausgehend angenehm zu kribbeln. Dieses Kribbeln breitete sich langsam zu seinen Armen und Fingern aus. Valerian spürte, wie die Geste der Tiere Mei gut tat, dies war wieder so ein Augenblick in dem er merkte wie verletzlich seine kleine Mei war. Er versank in Erinnerungen, an ein Ereignis, dass sich vor langen Jahren in Aretusa abspielte. Valerians erste Begegnung mit der noch jungen Mei, denn für ihn war sie immer noch ein Kind. Im tiefsten inneren sogar seine Tochter. Zuerst wollte er sich nicht an diese Erinnerung zurückversetzen, aber angesichts dessen, was gerade geschah ließ er es zu: Der Tag war sonnig und der Himmel fast wolkenlos, als Valerian und Raaga ihre Reise nach Aretusa antraten. Eine seltene Zutat, wie man sie nur in einer Zauberinnen-Akademie bekam, war der Anlass für ihren Besuch in Aretusa. Den Weg kannte Valerian nur zu gut. Nicht das erste Mal das er dort war. Die beiden ritten einen schlangenförmigen Weg entlang um die Brücke in Gors Velen zu erreichen. Diese Brücke verband die Thanedd Insel mit dem Festland und war der einzige Weg der auf die Insel führte, wenn man nicht vor hatte sehr hoch zu klettern. Die Brücke war recht lang aber dennoch stabil um sie zu Pferd zurück zu legen. Baldig erreichten sie das Akademie Gebäude. Viel hatte Valerian nicht von Aretusa gesehen, denn es war für Besucher nur das unterste Stockwerk, die Loxia, gestattet zu betreten.

Die beiden Hexer warteten in der großen Eingangshalle auf die Rektorin Rita Laux-Antille. Und wie es sich für eine standesgemäße und hochgestellte Zauberin gehört, ließ diese Valerian und Raaga warten, sehr lange warten. Derweilen schlenderte Valerian in der Halle umher und blieb vor einem hohen Fenster stehen. Von dort aus konnte man in einen kleinen Garten blicken, in dem es zu dieser Jahreszeit herrlich blühte. Sein Blick wanderte von einem, großen weißen Busch zu einigen Rosen und blieb an einem kleinen Mädchen hängen. Das Mädchen hatte ihre langen kupferblonden Haare zu einem Zopf geflochten und trug ein einfaches tannengrünes Unterkleid. Sie saß mit dem Rücken zu ihm und für Valerian sah es so aus, als hätte sie ein Tier auf dem Schoß. Von dem vermeintlichen Tier war bloß der silberfarbene buschige Schwanz zu sehen, der gleichmäßig und entspannt von links nach rechts wippte. Im selben Augenblick flatterte ein gelber Schmetterling um das Mädchen herum und landete auf ihrem Kopf. Sie schien es entweder nicht mitbekommen zu haben oder es störte sie nicht. Der Schmetterling flog wieder kreise ziehend um sie herum und landete nun auf dem Schwanz des Tieres. Valerian hatte nun erwartet, dass das Tier aufsprang um das Insekt schnappend zu jagen und aufzufuttern. Stattdessen wippte der Schwanz unaufhörlich weiter. Dem Falter wurde es auf die Dauer zu langweilig und er flog wieder von dannen. Das Mädchen schien ihre Meditation beendet zu haben, denn sie stand langsam auf und streckte sich wie ein Hund. Plötzlich bemerkte Valerian, dass der Schwanz kein Teil eines Tieres war, das auf ihrem Schoß saß, sondern ein Teil des Mädchens. Seine Begutachtung wurde schlagartig von einer weiblichen Stimme unterbrochen, die den beiden Hexern noch etwas Geduld zusprach. Die Rektorin schien etwas Wichtiges regeln zu müssen. Als Valerian seinen Blick wieder zum Fenster hinaus fixierte war das Mädchen nicht mehr da.

Nach einigen Minuten kam Rektorin Margarita Laux-Antille in Begleitung mit einer offensichtlich jungen Schülerin. Die Haare immer noch zu einem Zopf geflochten, die Hände edelmutig vor dem Bauch gefaltet und den Blick gesenkt. In ihrem Schopf eine dünne weiße Strähne. Es war das Mädchen, dass Valerian gerade noch im Garten beobachtete. Nun sah er sie in voller Größe und ihr Schwanz wirkte buschiger und imposanter als vorher. Laux-Antille stellte sie als eine ihrer begabtesten Schülerinnen vor, Mei‘idwyn Anjeszka Naecheighn. Sie schaute auf und gab ihre außergewöhnliche Augenfarbe preis. Das eine Auge grün, das andere gelb-orange. Eine Mutation wie Valerian vermutete. Ihrem Aussehen nach zu urteilen war sie wohl zehn Jahre alt, allerdings ließ sich das schwer einschätzen. Normalerweise hatten zehnjährige Mädchen keinen buschigen Schwanz an ihrem Körper und solche Augen. Als Valerian Mei das erste Mal sprechen hörte, war er fasziniert von deren Klang und Akzent. Ein außergewöhnliches Mädchen. Beim Sprechen kamen auch ihre langen Eckzähne zum Vorschein. Rita Laux-Antille gab Mei die Aufgabe die beiden Hexer die ausgemachte Zutat zu besorgen und sich so lange um sie zu kümmern, bis die beiden wieder abreisten. Während der ganzen Zeit gab Mei nicht viel von sich preis. Sie erzählte bloß, dass Valerian und Raaga die ersten Hexer seien die sie zu Gesicht bekam und sehr neugierig war, wie es ist Hexer zu sein. Man merkte, wie sie immer offener wurde und sich gut mit den beiden verstand und unterhielt. Kleinere Fetzten aus ihrer Vergangenheit sollte er jedoch erst später in Erfahrung bringen.

Er war so fasziniert von Mei, dass es ihm schwer fiel wieder zu gehen. Aber versprach ihr, sie bald wieder einmal zu besuchen. Valerian wusste nicht was es war. War es die Tatsache, dass sie anders war als die Zauberinnen die er sonst kannte oder einfach nur ihre Persönlichkeit, ihr warmherziger Charakter. Oder von jedem etwas? Jedenfalls sollte dies nicht die einzige und letzte Begegnung zwischen den beiden sein. Und jedes Mal, wenn Valerian nach Aretusa reiste, freute er sich seine kleine Mei zu sehen und ihren Fortschritt als Zauberin zu begutachten. Valerian schreckte von seiner Erinnerung hoch. Gestört wurde er von einem aufgeregten Jaulen. Der kleine braune Marder wuselte unruhig und fiepend um alle Umstehenden. Auch wenn Valerian ihn nicht verstand, verstand er dennoch seine Körpersprache. Er wollte sie vor etwas warnen. Sie schienen wohl Verfolger zu haben um Mei doch noch auf dem Scheiterhaufen brennen zu sehen. Doch dies ließ er nicht zu. Die Tiere, ebenfalls gewarnt, erhoben sich aufgeregt und gaben Mei wieder frei. Immer noch schützend um sie versammelt. Einer der Jungfüchse stupste sie energisch an und Mei erhob sich langsam. „Wir müssen hier weg. Wir haben sonst gleich ein paar ungebetene Gäste anwesend. Komm Mei, ich helfe dir wieder aufs Pferd.“, Valerian stütze Mei, die sich langsam aber kräftiger am Sattel hochzog. Raaga nahm hinter ihr ebenfalls auf dem Sattel Platz.

„Ach so eine Scheiße! Valerian meinst du Mei schafft es bis zum Hafen?“, fragte Vika. „Schau sie dir an. Wenn sie könnte, würde sie alle Tiere hier mitnehmen. Sie scheinen Mei irgendwie Kraft zu geben. Du weißt ja: Mei und Tiere, eine ganz besondere Verbindung.“, antwortete Valerian, der sich schwungvoll auf sein Pferd schwang. Wim der immer noch bei der Tanne stand, unterbrochen die Hütte aufflackern zu lassen, beobachtete, wie der Bär sich schwerfällig in Angriffsposition begab. Bereit möglichen Angreifern seine massive Pranke an den Kopf zu schlagen. Wim ließ von seinem Vorhaben ab und stieg auf sein Pferd und nahm die Zügel auf. Alle anderen taten es ihm gleich. Nun hatten sich auch die restlichen Waldtiere, die es von Natur aus gewohnt sind an zu greifen, in Kampfstellung begeben. Man glaubte sogar eine gewisse Aggressivität bei sonst harmlosen und friedfertigen Tieren wahrzunehmen, wie zum Beispiel den Eichhörnchen. Diese hatten sich vorsichtshalber auf den Baumkronen in Sicherheit gebracht.

Mei schloss ihre Augen und plötzlich neigte der Bär brummend seinen Kopf in ihre Richtung. Ohne Vorwarnung preschte dieser vor und verschwand trabend in den Gebüschen. Andere Tiere folgten seinem Tun. Lediglich einer der Jungfüchse blieb stehen und schlich zu Mei. Er schaute nach oben und Mei schaute ihn an und nickte. Keiner der Umstehenden wusste was gerade passierte. Aber viel Zeit zum darüber philosophieren blieb ihnen nicht, sie mussten weiter reiten um schnellstmöglich das Land zu verlassen. Denn die Elisandre‘ wartete schon auf sie. Valerian gab seinem Pferd die Hacken und zerrte etwas ruppig am Zügel um die Richtung anzugeben. Er trabte los und der Trupp folgte ihm. In der Hoffnung keine weiteren Zwischenfälle mehr zu erleiden, ritten sie ohne Umwege nach Novigrad. Einen Verfolger konnten sie allerdings nicht abschütteln. Der kleine Fuchs folgte ihnen bis zum Hafen an dem die Elisandre‘ ankerte. Die Sonne ging bereits unter und hüllte nur noch spärlich den Horizont mit den letzten Strahlen in ein tiefes rot.

Vor dem Schiff, ging alles recht schnell. Wim stand mit Paul etwas abseits und übergab ihm einen unscheinbaren Lederbeutel und schüttelte ihm die Hand. Paul verabschiedete sich von allen und wünschte ihnen alles Gute für die Zukunft. Dann zog er wieder los. Ludwig und Heskor machten das Schiff startklar. Durch deren Geschrei wurde ein kleiner schwarzer Kater plötzlich aufmerksam. Dieser schlich leise und getarnt am Dock entlang. Quetschte sich zwischen Kisten und Säcken hindurch um unbemerkt auf die Elisandre‘ zu gelangen. Sein Ziel schon vor sich hüpfte er in einem hohen Bogen aus seinem Versteck und trabte schnurstracks auf die Planke zu, die ihm den Weg aufs Schiff eröffnete. Miauend hüpfte eine getigerte Katzendame auf Parcival zu um ihn von seinem Vorhaben abzuhalten. Ihr einziges Hindernis war Marek, der im Weg stand. Parcivals Augen weiteten sich vor Schreck und dem Anblick der Katze. Schnell machte er kehrt und rannte schützend aufs Schiff. Marek verhinderte schlimmeres und eine Katzenfamilie auf der Elisandre‘. Er scheuchte die kleine getigerte Katze von der Planke weg, die ihm fauchend ihren Unmut zeigte.

„Husch, verschwinde du Katzentier. Das Schiff braucht keine Katze.“, giftete Marek die Katzendame an. Marek schob sie mit seinem Bein zur Seite, worauf diese laut miauend das Weite suchte. Mei ließ sich vom Sattel gleiten und landete wackelig mit den Beinen auf dem Boden. Ihr Blick wanderte zu dem kleinen Fuchs, der sie begleitete. Nachdem sie sich einige Sekunden schweigend anstarrten, nickt Mei erneut und der Fuchs drehte sich dreimal im Kreis und trabte davon. Sie schaute ihm noch nach, als sie eine Hand auf ihren Schultern spürte und zusammenzuckte. Sie gab dabei einen kleinen ängstlichen unterdrückten Schrei von sich. Es war Valerians Hand, die ihre Schulter berührte. Obgleich sie erschrak zuckte seine Hand sofort wieder zurück. Er entschuldigte sich, er hatte nicht nachgedacht. In Valerian kam etwas das normale Menschen wohl als Trauer bezeichnen würden auf, dass so etwas Alltägliches wie eine nette Geste für Mei plötzlich nicht mehr selbstverständlich war. Kein Wunder nachdem was sie wohl alles erlebt haben musste. Was genau es war wusste keiner, sie redete seit dem Vorfall im Wald mit niemanden.

Er konnte die Angst in ihren Augen sehen. Auch Raaga, der sonst nicht sehr einfühlsam war was Frauen anging, fiel es auf, dass selbst der Glanz in Mei’s Augen seit Oxenfurt verschwunden war.

Mei zitterte plötzlich leicht panisch und starrte auf die Planke. Irgendetwas schien sie zu hindern darüber zu laufen um auf das Schiff zu gelangen. Sie knetete ihre Hände, eine Eigenart ihrerseits wenn sie nervös und unruhig war. Sie atmete tief ein. Während sie ihre Augen schloss, vernahm sie ein schnurren und ein leichtes jaulendes Maunzen. Parcival der eben noch vor seiner Novigrader Liebschaft aufs Schiff geflohen war, stand mit dem Schwanz erhoben an Deck und schaute Mei von oben herab an. Mei öffnete ihre Augen und blickte den schwarzen Kater an. Langsam nahm sie einen Fuß vor den anderen und betrat die Planke. Als sie oben ankam, schwang sich Raaga schnell ebenfalls aufs Deck um Mei in die Kapitänskajüte zu geleiten und war sehr darauf bedacht sie nicht zu berühren. Er öffnete ihr die Tür und sie ging zögerlich hinein. Zwischen Tür und dem Raum blieb sie plötzlich stehen. Es war für sie alles so dunkel und stickig, genau wie in dem kleinen Käfig in dem sie Tage ausharren musste. Von einer Sekunde zur nächsten wurde ihr schwindelig und sie zitterte am ganzen Körper. Valerian der mittlerweile zu den beiden gestoßen war, bemerkte Mei’s Unruhe. Ziemlich mitgenommen ließ sich Mei auf eine Kiste fallen die neben der Tür stand. Sie schaute Valerian an, dann Raaga, dann zur Kajüte und schüttelte irrsinnig den Kopf.

„Wir können sie nicht zwingen da rein zu gehen. Es scheint sie an was zu erinnern.“, flüsterte Valerian Raaga zu und nickte in Himmelsrichtung Oxenfurt. Raaga hob die Augenbrauen, dass er verstand. „Aber unten bei der Mannschaft können wir sie keines falls lassen, hier oben schon gar nicht. Sobald wir in der Nähe der Skellige Inseln sind müssen wir mit Sirenen rechnen, die unser Schiff angreifen könnten. Wenn das passiert, will ich meine Mei nicht hier oben an Deck haben.“, während Raaga diese Worte sprach fiel ihm auf, dass er „Meine Mei“ sagte und versuchte es zu gestikulierend zu überspielen. Valerian konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen und wurde neugierig, fragte aber Raaga nicht was zwischen den beiden lief. Er würde es ihm schon früh genug erzählen, von Mei würde er es in nächster Zeit nicht erfahren.

Ein lautes Fauchen unterbrach Valerians Gedanken. Marek war dem Kater versehentlich auf den Schwanz getreten und fluchte leise über das Tier. Es erinnerte an toten Kapitän Esslauer. Marek ging auf Valerian zu, fragte was los sei und kniete sich vor Mei. Als er versuchte ihre Hand zu nehmen, unter den tödlichen Blicken Raagas, zog sie ihre schlagartig weg und begann aufgelöst zu weinen. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und schluchzte. Nicht zu wissen was er tun sollte, gab ihm Valerian zu verstehen er solle sie in Ruhe lassen. „Mit dir Hexer hab ich noch ein Wort zu wechseln. Lass uns da hingehen!“, sagte Marek zu Valerian und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle unterhalb des Schiffsmastes. Raaga blickte derweil immer noch böse zu Marek und wünschte ihm sonst was Schlimmes an den Hals. Eiskalt sah Marek Valerian mit seinen stahlblauen Augen an. „Mei muss sich noch entscheiden. Du oder ich!“

„Wie selbstverliebt bist du eigentlich, hä? Hast du sie dir angeschaut? Sitzt da drüben für dich etwa nicht dieselbe Mei wie ich sie wahrnehme? Sie ist verstört und zutiefst geistig gebrochen. Hier und jetzt eine Entscheidung zu treffen, dazu ist sie nicht in der Lage. Du wirst entweder auf deine Entscheidung warten müssen und nach Kerack mitfahren oder du bleibst hier und gehst dich am besten besaufen oder lieber gleich erhängen. Dann hat Mei nicht die Last mit sich zu tragen sich entscheiden zu müssen. Gib ihr Zeit sich einigermaßen zu erholen, dann bekommst du deine Entscheidung. Doch bevor sie meiner Meinung nach nicht in der Lage ist, werde ich alles tun, sie von dir fernzuhalten. Wärst du nämlich nicht gewesen, hätten wir den ganzen Scheiß hier nicht!“, Valerian steigerte sich während seiner Predigt immer mehr in Gefühle hinein. Für einen Hexer sehr außergewöhnlich aber es ging um seine kleine Mei, seine kleine Tochter. Und um Skoija. Er wollte gar nicht dran denken, wie sie sich fühlte. Plötzlich ging Valerian ein Licht auf und er sprang auf. Skoija ist die Antwort, er muss versuchen mit ihr zu reden. Er ließ Marek einfach dort stehen, ging zu Mei und kniete sich vor ihr hin.

„Hey kleine Skoija. Kannst du mich hören? Ich bin es Valerian. Hör zu, du bist die einzige, die so nah bei Mei ist. Kannst du sie bitte davon überzeugen, dass in der Kajüte nichts drin ist, dass sie verletzten kann. Dass sie nur dort sicher ist während der Fahrt nach Hause. Bitte tu mir diesen Gefallen.“, er wartete auf irgendeine Reaktion. Nichts geschah. Ein Klappern durchschnitt die Stille. Parcival hatte während seines Sprungs zu der kleinen Gruppe einen Becher von einer der Kisten runtergefegt. Er stolzierte zu Mei und rieb seinen Kopf an ihren Beinen und schnurrte laut. Dann hob er eine Pfote und tippte sie am Knie an. Mei schluchzte hörbar leiser und ihre Aufmerksamkeit wanderte langsam zu dem schwarzen Kater. Parcival schritt schnurrend zu der Kajüten Tür und schlich hinein. Er verschmolz mit der Dunkelheit und fing energisch an zu miauen. Mei stand gebückt auf und folgte dem Kater. Es schien, als würde Parcival ihr die Angst vor der dunklen Kajüte nehmen. Raaga folgte ebenfalls mit Abstand. Zu Valerian geneigt sagte er: „Ich mach das schon. Kümmere du dich um die anderen, damit wir schnell hier wegkommen.“ Valerian nickte und schrie über das Deck hinweg. Er forderte alle auf sich schnellstmöglich aufs Schiff zu begeben. Ludwig stand schon am Steuer bereit, wieder den Hut Esslauers auf dem Kopf. Ludwig schrie der Mannschaft Befehle zu um die Elisandre‘ startklar zu machen.

„So was ist jetzt mit dir? Letzte Chance sich von Bord zu verpissen, Marek.“, fragte Valerian. „Ich fahre mit und bleibe bei meiner Frau. Sie soll wissen, dass ich sie nicht im Stich gelassen habe. Auch wenn ich Schiff fahren hasse.“, antwortete Marek und setzte sich demonstrativ auf eine der Kisten. „Gut von mir aus, aber wenn du das Deck vollreiherst, darfst du deinen Dreck selber aufwischen.“ Valerian nickte zu einem alten brüchigen Wischmopp und einem Zinneimer. Marek brummte.

Der Himmel war Wolkenlos am Novigrader Horizont. Nur ein einziges Schiff setzte seine Reise fort. Der ersten Tage vergingen recht ereignislos. Die Gemüter waren geteilt. Raaga dachte sich immer noch diverse Möglichkeiten aus um Marek loszuwerden während er seine Schwerter und die Axt schärfte. Ludwig war damit beschäftigt seine Mannschaft bei Laune zu halten. Wim unterhielt sich interessiert und voller Eifer mit Vika. Sie philosophierten über alles Mögliche und verstanden sich immer besser. Heskor spielte ein paar Partien Gwent mit einem Seemann und gewann am laufenden Band. Der Seemann schien wohl keinerlei Ahnung von diesem Spiel zu haben. Valerian stand an der Reling und schaute nachdenklich aufs Meer. Nicht mehr weit und sie würden Kerack erreichen. Dort konnten sie ihre Vorräte wieder etwas aufstocken, etwas Kraft tanken um dann endlich wieder bekannten und vertrauten Boden unter den Füßen in Kaer Iwhaell spüren zu können. Er hoffte, dass es auch hilfreich für Mei sein würde. Valerian machte sich sehr große Sorgen um seine kleine Mei. Seit ihrer Abfahrt in Novigrad verließ sie die Kajüte nicht. Aß nichts und sprach kein Wort. Nachts schrak sie oft aus dem Schlaf auf, schrie und schluchzte oft minutenlang. Sie ließ niemanden an sich ran, nur Parcival. Dieser leistete ihr Gesellschaft und schlief bei ihr. Die Sonne ging langsam unter und der Mond kündigte die Nacht an.

Als alle, bis auf Mei in Folge, zu Abend gegessen hatten, begaben sich die ersten Seeleute unter Deck und gingen schlafen. Es hatte sich in der Zwischenzeit Nebel um das Schiff gehüllt. Ludwig stand gähnend am Steuer und hörte von weitem einen dumpfen Schrei. Raaga war wie immer damit beschäftigt irgendwas zu schärfen. Als er plötzlich rechts neben ihm ein Gurgeln aus dem Wasser vernahm. Er signalisierte dem vorbeilaufenden Valerian zu ihm zu kommen und nickte ins Wasser. Valerian hob eines seiner frisch geschärften Schwerter auf und vernahm einen weiteren etwas lauteren Schrei, der von einer Frau zu kommen schien. Es dauerte nur einen Bruchteil einer Sekunde, bis der arme Ludwig von einer laut schreienden Sirene hart zu Boden gefegt wurde.

„Alaaaaarm, Angriiiiiff von obeeeeeen. Sireeeeeeneeeeeeen!“, schrie Valerian aus voller Brust und war in Angriffsstellung. Er ärgerte sich innerlich. Warum konnte man nicht einmal übers Meer schippern ohne angegriffen zu werden. Und vor allem warum so kurz vor dem Ziel. Seine Wut half ihm im Kampf gegen den Schwarm an Sirenen, die im Inbegriff waren die Elisandre‘ anzugreifen. Jeder Mann der kämpfen konnte versuchte das Schiff vor den Klauen der Sirenen zu beschützen. Einige Sirenen flogen im Sturzflug ins Wasser um sogleich wieder an der Reling aufzutauchen. Es müssten so um die 20 Sirenen gewesen sein, die das Schiff attackierten. Manche griffen vom Wasser aus an, einige aus der Luft. Zwei, drei Mann konnten dem Angriff nicht habhaft werden. Sie fielen den Klauen der Sirenen zum Opfer und wurden in die schwarze See gerissen und ertranken jämmerlich. Die Elisandre‘ schaukelte und wippte. Von unten hörte man bloß ein lautes Fluchen und Plätschern.

„Schnell Raaga besorge eine Armbrust oder zwei. Wir schießen diese Mistviecher ab. Einer bringt sie durch einen Bolzen hier auf Deck zu Fall und einer sticht sie ab. Willst du schießen oder abstechen?“, fragte Valerian Raaga. Dieser gerade einen Flugangriff abwehrend antwortete: „Lass mich schießen, ich bin nicht so zittrig wie du, alter Mann!“, er lachte und zwinkerte Valerian zu. Raaga preschte durch die kämpfende Mannesmenge und rannte zur Kajüte des Käptens und blieb abrupt davor stehen. Verdammt, dachte er sich. Er kann da nicht einfach reinplatzen und womöglich Mei erschrecken. Aber die Armbrüste lagen da drin, eine andere hatten sie nicht am Oberdeck. Er klopfte energisch an die Tür und schrie: „Mei ich bin es Raaga, ich komme jetzt rein. Wir werden angegriffen und ich brauche die Armbrüste und Bolzen. Bitte, bitte hab keine Angst.“ Die Türe war nicht abgeschlossen. Er drückte hinein und fand Mei zusammen gekauert und ängstlich in einer Ecke vor. So gern er sie jetzt in den Arm nehmen und küssen würde, musste er sein Wollen ignorieren und die Armbrüste finden. Valerian wartete draußen auf ihn. In einer anderen Ecke standen die Armbrüste und die Bolzen. Beides schnappte er sich und sagte zu Mei gewandt: „Sirenen. Blöde Viecher. Dir wird nichts passieren, das lasse ich nicht zu. Dir wird nichts passieren, hörst du!“, den letzten Satz betonte er und er gab Mei hastig einen Kuss auf die Stirn und rannte nach draußen.

Marek und Valerian kämpften mit dem Schwarm Sirenen die teilweise auf dem Deck landeten. Raaga spannte seine Armbrust und zielte auf den Kopf einer der heranfliegenden Sirenen und schoss ihr den Bolzen direkt in die Schädeldecke. Der Bolzen blieb gerade darin stecken und die Sirene trudelte aufs Deck und zuckte. Sobald der Tod eintrat, verwandelte sich die hässliche Fratze zu einer schönen blonden Frau mit Flügeln und Schwanzflosse. Erinnerungslücken schossen kurz durch Raagas Kopf. Er erinnerte sich an einen Bucheintrag, den er einmal über Sirenen las. Doch um in Gedanken zu schwelgen blieb keine Zeit, denn weitere Sirenen sollte der Tod erwarten.

Zur gleichen Zeit versuchten Vika und Heskor sich zwei Monster vom Leib zu halten. Vika bewaffnet mit einem Paddel und Heskor mit seinen zwei geschwungenen Dolchen. Sie töteten zwar keine aber schafften es sie zu verscheuchen und teilweise zu verletzten. Raaga spannte die Armbrust wieder und schoss eine weitere Sirene vom Himmel. Sie fiel ebenfalls aufs Deck um zugleich von Valerians Silberschwert aufgespießt zu werden. Dies wiederholter sich ein paarmal, bis keine einzige Sirene mehr am Himmel oder im Wasser zu sehen war. Ein Jaulen fuhr durch die Luft und kam aus der Kapitänskajüte. Valerian und Raaga sahen sich gegenseitig an und stürmten los. Raaga ließ seine Armbrust fallen und nahm seine Axt im Vorbeirennen auf. Das Jaulen wurde von einem hohen Kreischen begleitet. Der alte Hexer verengte seine zwei Katzenaugen und stieß die Tür auf. Eine Armbrust lag mitten im Raum. Die Sehne entspannt. Er schaute zur anderen Seite des kleinen Raumes. Mei stand völlig Geistes abwesend an einem der kleinen Fenster und stach mit einem Dolch einer Sirene, die leblos im Fensterrahmen hing, rhythmisch und mit Lauten von sich gebend in den Körper. Ein Bolzen steckte in der Brust des Monsters. Sie wurde immer hysterischer und stach immer noch auf die bereits tote Sirene ein. Valerian und Raaga versuchten Mei zu beruhigen und ihr den Dolch aus der Hand zu nehmen. Sie sackte verstört in sich zusammen und sah auf ihre blutigen Hände. Im selben Augenblick stand Vika im Türrahmen und keuchte. „Valerian … schnell Ludwig will was von dir. Die Sirenen haben das Schiff an einer Stelle massiv beschädigt. Er ist unten und schöpft Wasser.“ Vika stützte sich auf ihren Oberschenkeln ab und die tote Sirene fiel in ihr Blickfeld. Dann sah sie runter zu Mei und erblickte die blutigen Hände und die Waffen die im Raum lagen. Sie erhob sich fragend. Doch bevor sie etwas fragen konnte „So eine scheiße. Vika kannst du so lange bei Mei bleiben?!“ Sie nickt und blickte etwas fragend. Valerian schnappte sich Raaga und beide rannten nach unten. Vika kniete sich vor Mei und schob den Dolch der auf dem Boden lag mit dem Fuß beiseite. Sie kramte in ihrer Tasche, zog ein Taschentuch hervor und griff nach Mei’s Händen um diese von Blut zu befreien. Während Vika alles säuberte, kam plötzlich Marek herbeigerannt und blieb keuchend im Türrahmen stehen. Er erkundigte sich nach Mei’s Zustand und wurde abweisend von Vika wieder hinausbefördert. Sie drückte ihn raus und blieb mit dem Rücken zur Tür stehen und murmelte: „Boa … was für ein Typ.“, sie wandte sich Mei zu, die sich in der Zwischenzeit auf dem Bett zusammengerollt hatte. „Wenn das hier vorbei ist, musst du mir erzählen, was du so toll an ihm fandst. Schöne Zeiten müsst ihr ja verbracht haben. Ich hätte ihn schon längst zum Teufel geschickt.“, sie seufzte. „Ach Süße, wir sind bald in Kerack, dann stockt ihr eure Vorräte hier auf und fahrt nach Hause. Dort warten die anderen schon auf euch, auch unser Sebastian. Weißt du ich vermisse ihn ja schon, aber du weißt auch, dass ich ihn nicht ohne weiteres einfach besuchen kann. Dafür ist es zu gefährlich. Doch eines Tages komme ich euch alle in Kaer Iwhaell besuchen. Und wenn du erst mal zu Hause bist, dann geht es dir bald wieder besser. Zumindest körperlich, ich werde dich nicht anlügen und dir sagen, dass die Ereignisse dich nicht prägen werden. Doch alle deine Freunde werden bei dir sein und dich unterstützen, damit du mit alldem klar kommst. Lass dich bloß nicht von dem Zeug beeinflussen. Versuche es zumindest. Du kannst dir auch alles von der Seele schreiben und mir Briefe zukommen lassen. Ich werde dir immer antworten.“ Vika merkte nicht, dass Mei eingeschlafen war. Sie lächelte und strich ihr die Haare aus dem Gesicht. Dann flüsterte sie ihr zu: „Leid ist auch nur eine Illusion und das Leben ist zu schön sich dieser Illusion hinzugeben!“ Sie deckte Mei zu und ging so leise wie möglich aus der Kajüte um in Erfahrung zu bringen wie es um den Zustand des Schiffes stand.

Einige Seemänner, die den Angriff überlebten, schaufelten die toten und leblosen Körper der Sirenen von Bord. Heskor knotete einige Seile zusammen um das Segel einigermaßen stabil zu halten. Marek schmollte auf einer Kiste und säuberte seine Waffe. Wim versuchte unterdessen, wasserdichte Behältnisse zu organisieren. Von Valerian, Raaga und Ludwig fehlte an Oberdeck jegliche Spur. „Wo sind die anderen Wim?“, fragte Vika den mit einigen Schüsseln und Krügen beladenen Wim. „Die sind alle unten. Diese scheiß Sirenen, haben das Schiff seitlich so zerstört, dass wir nun ein kleines Leck haben. Deswegen sammle ich grad Zeug zum Wasser rausschöpfen. Bis Kerack sollten wir es aber noch schaffen. Nur wissen wir nicht, wie wir nach Kaer Iwhaell kommen sollen. Ich bezweifle stark, dass die Elisandre´ eine weitere große Fahrt mitmacht!“

Er stiefelte klappernd an Vika vorbei in Richtung Unterdeck um seine Ladung abzuliefern. Sie folgte ihm. Als sie unten ankam standen Ludwig, Valerian und Raaga nebeneinander und murmelten aufgeregt durcheinander. Vika hüstelte laut und theatralisch um die Aufmerksamkeit zu erlangen. Alle drei blickten auf, Wim lud seine Schüsseln und Krüge ab. Sie erkundigte sich nach dem Stand der Dinge, wusste aber schon einiges von Wim. Valerian erzählte es ihr nochmals und schaute sie fragend an: „Nach Kerack kein Problem, da sind wir in ein bis zwei Stunden. Aber von dort aus können wir mit diesem Schiff nicht mehr weiter. Ich würde ja teleportieren vorschlagen aber dazu bräuchten wir Mei und die kann in ihrem jetzigen Zustand kein Portal öffnen. Entweder wir bräuchten ein neues Schiff oder eine Zauberin die uns ein Portal öffnet. Doch das ist nicht so einfach, da man Portale zu einem anderen Ort nur öffnen kann wenn man schon einmal dort war oder man ist eine sehr sehr gute Zauberin. Ich kenn hier aber keine oder keinen. Mmpf!“ Vika grinste frech und Valerian wusste, dass sie schon einen Plan in Petto hatte. Nun grinste Valerian Vika ebenfalls an. Raaga und Ludwig schauten sich dümmlich an, da sie nicht wussten warum die beiden sich angrinsten.

„Okay gut, Vika weiß da schon was. Dann schippern wir so schnell wie möglich nach Kerack. Mit dem Wasser schöpfen wechseln wir uns ab. Ludwig du gehst den Rest des Schiffes absuchen ob noch irgendwo Löcher sind oder andere Schäden die man reparieren kann und dann wieder ab ans Steuer mit dir, Raaga und ich schöpfen. Wim und Heskor lösen uns in einer Stunde ab. Wim brummte hörbar und stiefelte wieder nach oben um Heskor die tolle Nachricht zu überbringen. Raaga schnappte sich eine Suppenschüssel und schöpfte Wasser in ein Fass, welches sie später über Bord kippen wollten. Valerian tat es ihm gleich. „Mei schläft tief und fest. Die tote Sirene habe ich aus dem Fenster gekickt und eine Kiste davor gestellt. Ich gehe euch etwas zur Hand.“, sagte Vika und bückte sich nach einem großen Krug und begann ebenfalls zu schöpfen. Einige Sirenenhautfetzen hatten ihren Weg ins Wasser gefunden, welches sich den Weg ins Schiff bahnte.

Nach einer Stunde kam die Ablöse und nun schaufelten Wim und Heskor weiter Unterdeck. Am Horizont erschien ganz klein der Hafen von Kerack. Dies wurde von Mei bemerkt, die vor einigen Minuten schweißgebadet aufwachte. Sie blickte aus dem kleinen beschmutzten Fenster und streckte ihre Nase in die Luft. Die verschiedenen Gerüche die sie aufsog kribbelten in ihrer Nase und erinnerten sie an schöne Zeiten. Parcival sprang zu ihr hoch und schnurrte laut. Sie kraulte den Kater am Kinn und stupste seine Nase an. Daraufhin miaute er und stieß seinen Kopf an ihrer Hand an. Der Hafen kam immer näher und nach einigen Minuten erreichte die demolierte Elisandre´ den Kai und legte an. Am Dock standen drei ziemlich aufreizende Damen und empfingen die Mannschaft des Schiffes. Gewisse Damen, mit gewissen Vorzügen. Eine davon war Valerian sehr bekannt.

Vika bat Wim Mei aus der Kajüte zu holen, damit sie diese schnell nach „Satyrs Traum“ bringen konnten. Ein heißes Bad und Körperpflege würden ihr sicher sehr gut tun. Wim nickte und ging zur Kajüte. Er klopfte an der Tür und wartete einige Sekunden. Als keine Antwort kam stieß er vorsichtig die Tür auf. Er fand Mei aufrecht sitzend auf dem Bett vor. Der schwarze Kater Parcival saß auf ihrem Schoß und wurde von ihr gestreichelt. Als sie Wim bemerkte blickte sie nicht auf. „Hallo Mei. Wir sind in Kerack angekommen. Wir bringen dich ins Freudenhaus von Vika, da bekommst du erst einmal eine schönes heißes Bad und was Ordentliches zu essen. Du musst nämlich mal was futtern, die ganze Fahrt über habe ich dich nicht essen sehen.“ Mei nickte ganz unscheinbar und begann sich zu erheben. Parcival bemerkte dies und hüpfte von Mei’s Schoß. Dieser stolzierte voran und rieb seinen Kopf an Wims Bein. Die grelle Sonne blendete ihre Augen und sie kniff sie zu. Es herrschte schon reges Treiben am Hafen von Kerack. Die typischen Hafengeräusche, wie Geklapper, Geschreie und Gezurre der Taue waren zu hören. Mei zog die Kapuze ihrer Gugel tief ins Gesicht um sich abzuschirmen. Wim stützte Mei und sie gingen in Richtung „Satyrs Traum“.

Heskor ging schon als einer der ersten von Bord, da er vom Schiff aus schon einen Händler erspähte, den er interessant fand. Nach einigen Minuten, Verhandlungen und einem Händedruck, übergab Heskor dem Händler ein kleines Säckchen und der Händler daraufhin Heskor einen kleineren blauen Beutel. Er schaute hinein, nickte zustimmend und verabschiedete sich von dem Händler. Das Schiff wurde fachgemäß angetaut und alle Seeleute widmeten sich anderen Dingen zu, wie Tabak kaufen, Frauen anheuern und Fisstech kaufen. Aber dies taten sie erst nachdem Ludwig seine Rede hielt, in der er allen dankte und so weiter. Danach begab er sich ebenfalls zu Vikas Haus.

Für die Uhrzeit herrschte schon guter Betrieb im Satyrs Traum. Wim begab sich mit Mei durch einen Hintereingang ins Gebäude, es würde sonst ein nicht so gutes Bild abgeben, eine geschändete und von Folter gezeichnete Frau durch ein Freudenhaus zu eskortieren. Eine blonde junge Frau übernahm an dieser Stelle, da es nun in einen Raum ging, in dem ein Badezuber stand. „Vika meinte ihr sollt ins letzte Zimmer im Gang gehen. Auf der Tür ist ein Greif gemalt. Dort wurde ebenfalls ein großer Badezuber gefüllt, damit ihr euch reinigen könnt. Wenn ihr wollt begleitet von einigen Damen des Hauses.“, die blonde Frau lächelte Wim an und klimperte mit den Wimpern. Sie schloss die Tür und bemerkte nicht, wie ein schwarzer Kater sich durch die Türe ins Zimmer schlich. Dieser nahm auf einem Fenstersims Platz und beobachtete die zwei Frauen. „Hallo mein Name ist Lana. Ich werde Euch beim Reinigen etwas zur Hand gehen.“ Lana ging zu Mei und half ihr aus der Kleidung. Sie versuchte sich beim Anblick der vielen Wunden nichts anmerken zu lassen, wie schlimm sie waren. Ihr wurde zudem verboten darüber zu reden. Mei stieg wackelig in den Badezuber und verspannte sich sobald das Wasser die erste Wunde berührte. Es brannte unangenehm, ließ aber nach einigen Sekunden wieder nach. Sie wusch sich das verkrustete Blut ab und fragte Skoija innerlich wie es ihr ging. Dann versuchte sie sich zu entspannen und erwischte sich dabei wie sie kurz daran dachte sich einfach mit samt Kopf ins Wasser gleiten zu lassen und nicht wieder aufzutauchen. „Braucht ihr Hilfe?“, fragte Lana als diese bemerkte, wie Mei immer tiefer im Wasser versank. Diese schüttelte den Kopf und richtete sich wieder auf. Gedankenverloren spielte sie mit den Seifenblasen und nach einigen Minuten stieg sie aus dem Zuber. Lana brachte ihr zugleich ein großes weiches Handtuch. Mei wickelte sich ein und nahm auf einem Stuhl Platz. Mit einer Bürste in der Hand stand Lana neben ihr und deutete an, ob sie ihre Haare bürsten solle. Sie nickte und Lana versuchte vorsichtig die kupferne Mähne zu bändigen. Sie flocht die Haare zu einem kurzen Zopf und drehte sie zu einem kleinen Dutt auf. Ebenfalls half sie Mei beim Anziehen. Was sie nicht gemusst hätte, wenn es nach Mei ging.

Es klopfte an der Tür und Vika kam herein. Sie winkte Lana zu sich und flüsterte ihr etwas ins Ohr, worauf die langsam nickte. Sie verabschiedete sich von Mei und lächelte ihr zu. Mei wollte es erwidern, konnte es aber nicht. Vika stand noch immer im Raum und sagte zu ihr: „Ich hoffe das Bad tat dir gut. Zumindest siehst du um einiges besser aus als vor ein paar Tagen. Da ich nicht wusste, ob du mit uns essen willst, lasse ich dir die Wahl. Du kannst entweder an der großen Tafel mit uns essen oder in deinem Zimmer. Ja ich habe für euch alle ein Zimmer herrichten lassen, für dich natürlich ein Einzelzimmer. Die Männer dürften auch demnächst mit ihrem Bad fertig sein. Also wie du willst, sofern du überhaupt etwas essen willst. Was du allerdings solltest!“

Vika rechnete nach der Fahrt bloß mit einer Mimik oder Gestik, da Mei seit Ursten nichts mehr sagte. „Ich danke dir aber ich werde mich zurückziehen und in meinem Zimmer etwas Kleines zu mir nehmen.“ Sie starrte Vika an und begann plötzlich am ganzen Körper zu zittern und ließ sich auf den Stuhl fallen. Vika schnellte auf sie zu und versuchte sie zu trösten. Mein begann zu weinen. Schon mehrere Male hatte Vika diese Reaktion von einigen ihrer Frauen gesehen und miterlebt. Von Frauen die geschändet, gefoltert und vergewaltigt wurden. Kaum waren die Tränen getrocknet, füllte sich der Kopf mit den Gedanken an das was geschah und es kam alles wieder hoch. Mei wird wohl einige Zeit brauchen um das zu verarbeiten. „Ich werde dir etwas aufs Zimmer bringen lassen. Einen Eintopf und Brot. Komm ich bringe dich in dein Zimmer. Ich habe extra geordert keine Blumen aufzustellen.“, Vika lächelte sanft und ging zur Tür. Mei folgte ihr und als sie aus der Tür trat, nahm sie verschiedenste Gerüche auf. Hauptsächlich von Räucherkerzen und Parfüm. So wie es eben in einem Freudenhaus roch. Vika führte sie in ein Zimmer auf dem passenderweise ein kleiner Fuchs auf der Tür abgebildet war. Sie blickte sich um und war von der Größe des Raumes überrascht. Das Bett war mit dunkelgrünen und silbernen Seidentüchern bezogen. Im Raum verteilt verschieden große Kerzen und einige Räucherstäbchen. Es duftete herrlich nach Vanille und Zimt. „Ich hatte mir gedacht, dich muntert es etwas auf, da ich weiß, dass du grün und Silber magst.“

Vika behielt Recht. Mei fühlte sich etwas behaglicher. Alles war besser als dieser Geruchsmix, der im Kerker herrschte. Nachdem Vika alles im Zimmer noch mal kontrollierte, ließ sie Mei alleine zurück und meinte, dass das Essen in wenigen Minuten gebracht wurde. Sie war Vika so dankbar. Nicht nur ihr sondern auch den anderen. Obwohl sie sich ihretwegen in Lebensgefahr begaben. Sie ging ans Fenster und entdeckte Parcival, der immer noch auf dem Fenstersims saß. In der Zwischenzeit allerdings damit beschäftigt sein Fell zu säubern. Mei streichelte ihn und blickte aus dem Fenster. Sie beobachtete das rege Treiben in der Hafenstadt Kerack. Händler priesen ihre Waren an und Mägde eilten umher um die besten Angebote zu ergattern.

Nach ein paar Minuten klopfte es an die Tür und Lana brachte ihr einen Teller Eintopf und einen kleinen Korb voll Brot. Es duftete herrlich und Mei merkte, wie langsam ihr Appetit wieder zurückkam. Sie bedankte sich bei Lana und begann langsam zu essen. Das Essen erfüllte ihr Innerstes mit Wärme. Doch nach fünf bis sechs Löffeln begann ihr Magen zu rebellieren und sie ließ den Rest des Essens stehen. Parcival allerdings war vom Essen sehr angetan. Mei nickte ihm zu und er begann aus der Schüssel zu schlecken und zu kauen. Wenigstens kann ich dich damit noch glücklich machen, dachte sich Mei. Nachdem Parcival schmatzend sein Mahl beendete, legte sich Mei auf das Bett und fing an, nachzudenken. Nicht lange, denn nach wenigen Minuten fielen ihre Augenlider zu und sie schlief ein.

Zur gleichen Zeit, saßen der Rest der Truppe am großen Tisch, aßen und tranken. Alle waren an sich in guter Laune. Sie hatten trotz Schaden am Schiff den Hafen erreicht und hatten einen Plan B um nach Kaer Iwhaell zu kommen. Nur Raaga konnte sich nicht so ganz der Stimmung einfügen. Er fragte sich was Mei wohl gerade tat und wie es ihr ging. Er wusste zwar, dass sie hier in einem der Zimmer war, doch Vika verriet keinem in welchem. Zumal das Gebäude von Satyrs Traum sehr seltsam gestrickt war. Von außen sah es klein aus, doch im Inneren taten sich Größen auf, die man nie gedacht hätte. Raaga glaubte auch, dass einige Zimmer verschwanden und nach Belieben wieder hergezaubert werden konnten. Doch auch da blieb Vika stumm, dies würde sie nicht einmal Wim erzählen. Auf der einen Seite war Raaga sauer auf Vika, dass sie nicht verriet wo Mei untergebracht war, auf der anderen Seite konnte er es aber auch verstehen. Sie brauchte Ruhe und die Reise war anstrengend genug für sie und sie alle sind noch nicht einmal am eigentlichen Ziel angelangt. Marek saß wie immer etwas abseits und wollte sich nicht in die Gruppe integrieren. Warum auch dachte er, geduldet war er sowieso nicht. Als nun eine weitere Flasche Met die Runde machte, ging Valerian zu Vika und drückte sie erst einmal dankend. Dann fragte er sie: „Danke Vika, dass du dich so um alle kümmerst. Vor allem aber um Mei. Ich hoffe es geht ihr soweit gut. Aber nun wollte ich mal deinen Plan B für die Reise nach Hause erfahren.“ „Ihr geht es gut, ja. Ich habe ein sehr schönes Zimmer für sie herrichten lassen. Etwas zu Essen wurde ihr auch aufs Zimmer gebracht und ich hoffe sie schläft bald. Und zu meinem Ass im Ärmel, kann ich nur folgendes sagen.“, Vika deutete mit einer Hand auf eine Dame die daraufhin verschwand um nach einigen Sekunden mit einer schwarzhaarigen Schönheit wieder zukommen. Sie lief auf die Gruppe zu und alle verstummten für einen Augenblick. Die Frau war hochgewachsen, schlank und hatte einen prallen straffen Busen. Ihr Körper wurde von einer Robe aus gelber Seide umschmeichelt und zeichnete sich auf ihrer Hüfte ab. Hautpartien die nicht bedeckt waren, wurden von orientalisch aussehenden Ornamenten geschmückt. Sie lächelte und gab ihre perfekten Zähne preis. Ihre Augen waren fast genauso schwarz wie ihre langen Haare. Ludwig konnte sich kaum mehr im Stuhl halten, für einen Augenblick vergaß er sogar seine Rote. „Darf ich vorstellen, dass ist Maleah Hassarim aus Serrekanien, ehemalige Schülerin der Akademie Aretusa und ehemalige Novizin unserer fuchsigen Professorin. Ich habe sie hergeordert um euch ein Portal nach Kaer Iwhaell zu öffnen, damit ihr nicht mit dem Schiff, dass sowieso zu nichts mehr zu gebrauchen ist, dahin schippern müsst.“

„Es freut mich sehr Eure Bekanntschaft zu machen. Als Vika mir von dem Zwischenfall erzählte war ich zutiefst erschüttert und war sofort bereit meiner früheren Dozentin und meinem Vorbild zu helfen. Ich bin zwar noch nie in eurer Schule gewesen, doch ich hatte mit Professor Naecheighn eine ausgezeichnete Lehrerin. Sie brachte uns früh bei, an Orte zu teleportieren an denen wir zuvor noch nie gewesen sind und dazu benötige ich nur von einem von euch dessen Erinnerung an diesen Ort. Wer stellt sich dafür zur Verfügung?“. Maleah hätte niemanden um Hilfe bitten müssen, denn schon bei den Worten „dazu benötige ich nur von einem von euch“ war es um Ludwig, Heskor, Wim und Valerian geschehen. Natürlich wollten sich ihr alle am liebsten zur Verfügung stellen. Nach einigem hin und her entschied das Los des Alters und Valerian war der Glückliche, der seine Gedanken teilen durfte. Enttäuscht über die Niederlage, setzten sich die anderen wieder an den Tisch und tranken grummelnd weiter. Maleah erklärte Valerian kurz und knapp was sie morgen vorhatte. Nach ein paar Verfeinerungen gab Valerian sein okay und sie ließen den Abend ausklingen. Heskor der erst jetzt wirklich realisierte, dass sie morgen schon wieder teleportieren wollten, schluckte schwer und dachte an seine Magie-Allergie. Dann schaute er in seinen leeren Krug und auf die volle Metflasche. Er zögerte kurz, zuckte mit den Schultern und sagte leise zu sich: „Ach auch egal, kotzen werde ich ja sowieso. Warum nicht mit einem vollen Magen Met.“, daraufhin goss er sich beherzt nochmals Met in seinen Krug nach und trank genüsslich. Der Abend ging für einige noch lange. Doch nach und nach wurde es in dem Raum leerer und auch der letzte Angetrunkene Mann torkelte nach Hause.

Die Sonne stand halb am Horizont, als Mei ihre Augen aufschlug. Sie blickte sich noch liegend um und realisierte erst nach ein paar Augenblicken wo sie sich befand. Unter ihren Händen fühlte sie die weiche Seide ihres Bettüberzuges und atmete tief ein. Bevor sie ausatmen konnte, sprang schon Parcival auf ihre Brust und stupste sie an. Er signalisierte ihr, sie solle aufstehen. Skoija jaulte noch verschlafen auf und gähnte. Mei tat es ihr gleich. Erste kräftige Sonnenstrahlen quälten sich durch den dicken Stoffvorhang vor dem Fenster. Sie blieb trotz Aufforderung noch im Bett liegen und konnte sich nicht bewegen. Wieder eingeholt von den Ereignissen, wieder hatte sie geträumt und das Gefühl nicht erholt geschlafen zu haben. Obwohl es ihr in Kerack an nichts fehlte, wollte sie zurück nach Kaer Iwhaell. Die vertraute Umgebung und der Wald würden ihr helfen, das Erlebte schneller zu verarbeiten. Das hoffte sie zumindest.

Parcival war unterdessen zur Tür gelaufen und kratzte an der Tür. Mei blickte zu dem Kater und versuchte sich zu bewegen. Sie rollte sich ein wie ein schlafender Fuchs und konnte nicht aufstehen. Es klopfte an der Tür und Vika kam herein, gefolgt von Valerian. Als sie Mei so zusammengerollt im Bett vorfanden schauten sie sich besorgt an. Vika bemerkte den Kater an ihren Beinen und hob ich hoch, nahm ihn in den Arm und streichelte ihn. Valerian ging zum Bett und setzte sich an die Kante. Er traute sich nicht Mei anzufassen, da er nicht wusste wie sie reagierte. Stattdessen sprach er sie vorsichtig an: „Hallo Mei. Hoffentlich konntest du einigermaßen schlafen und bist ausgeruht.“, innerlich wusste er, dass es nicht so war und er kam sich im selben Moment als er es fragte blöd vor. Doch er wusste nicht wie er sonst hätte anfangen sollen. „Ich habe eine gute Nachricht. Wir können schneller als gedacht in die Akademie zurück. Das Schiff ist so zerstört, dass wir mit diesem nicht mehr fahren können. Vika hat stattdessen eine ehemalige Schülerin von dir ausfindig gemacht, die uns teleportiert. Maleah Hassarim.“ In Mei rührte sich etwas. Sie kannte den Namen und sie erinnerte sich flüchtig an ihre ehemalige Schülerin. Valerian hingegen musste an Felline denken, die die Rettungsaktion nicht überlebt hatte, aber Mei nie etwas davon erzählen würde.

„Sie hat schon alles vorbereitet und sobald du dich kräftig genug fühlst teleportiert zu werden, fangen wir an.“ Vika und Valerian warteten gespannt auf irgendeine Reaktion von Mei. Nach kurzem Zögern richtete sie sich langsam auf, schaute Valerian traurig an und nickte. „Sehr schön, dann sind wir schnell wieder zu Hause und du hast deinen Sebastian wieder bei dir.“, Valerian versuchte zu lächeln. Die ganze Situation war ihm zutiefst unangenehm. Befremdlich durch und durch. Valerian und Vika tauschten kurze Blicke aus und er verließ das Zimmer. Sie kümmerte sich um alles, damit Mei für die Reise bereit war. Sie kleidete sie ein und wickelte ihr den Wimpel, was sich als sehr schwer herausstellte. Sie hatte dies zuvor noch nie gemacht.

Als Vika und Mei den Flur entlang gingen, kam eine von Vikas Damen eilig auf sie gerannt und hielt eine Box in den Händen. Diese wackelte gleichmäßig und es ertönten Kratzgeräusche daraus. „Tut mir Leid dich stören zu müssen Vika, aber der kleine Kerl hier tauchte gestern Abend vor der Türe auf und machte einen erschöpften Eindruck. Wir konnten es nicht übers Herz bringen ihn da draußen sterben zu lassen, deshalb haben wir ihn mit hineingenommen und etwas zu Essen und Trinken gegeben. Jetzt wissen wir nicht was mit ihm weiter geschehen soll. Wir wussten, dass eure Freundin sich doch mit Tieren auskennt, vielleicht kann sie uns helfen, sofern es möglich ist.“, die Frau öffnete vorsichtig den Deckel der Box und es kam ein leise fauchender dicker Igel zum Vorschein, der neugierig seine Nase aus der Box streckte. Als dieser Mei sah fiepste er freudig auf und wollte aus der Box springen. Das konnte die Dame noch verhindern indem sie schnell den Deckel zudrückte.

„Gib mir die Box, danke. Wir kümmern uns darum!“, sagte Vika. „Das ist Deilgneach. Ich kümmere mich um ihn.“, sagte Mei überraschenderweise. Einige Zeit später versammelten sich die Männer in einem großen Raum im Satyrs Traum um das Portal zu betreten, dass sie nach Kaer Iwhaell brachte. Ludwig und Heskor redeten aufgeregt miteinander. Heskor scheute sich sehr über diese Art der Reise aber hatte sich eigentlich gestern Abend schon damit abgefunden, dass er anders nicht wieder zurückkommen würde. Wim beobachtete interessiert Maleahs Tun. Valerian stand bei Raaga, beide schwiegen und beobachteten Maleah, welche das Portal vorbereitete. Raaga riskierte immer wieder einen Blick zu Marek der an der Tür stand. Seine Laune und der Hass in ihm stiegen stetig an, je öfter er diesen Kerl ansah. Plötzlich ging die Tür auf. Vika und Mei mit der Box in der Hand betraten den Raum und ihnen wurde jegliche Aufmerksamkeit geschenkt. Außer Maleah, diese konzentrierte sich auf ihre Sache, so wie sie es eben damals von Professor Naecheighn, dem Silberfuchs gelernt hatte. Marek sprang auf und wollte Mei am liebsten in die Arme nehmen, wurde aber mahnend von Vika angeschaut. Als Vika merkte, dass Raaga dasselbe vorhatte ließ sie ihn gewähren. Er umarmte sie zwar nicht, aber war ihr dennoch nahe. Die anderen waren sehr erleichtert Mei so wieder zusehen wie man sie kannte. Zumindest äußerlich. Nur der Blick war leer und die Haut bleich, immer noch gezeichnet von Hämatomen und Abschürfungen.

Raaga erschrak, als die Box plötzlich anfing zu wackeln. Ohne Worte öffnete Mei die Box und ließ den kleinen Deilgneach auf ihre Hand krabbeln. Sie ließ die Box fallen und alle konnten den Igel sehen, den alle aus der Höhle im Brokilon kannten. Ludwig schaute kurz etwas verlegen, als der Igel ihn ansah und fauchte. Er hatte s also nicht vergessen, dass er ihn aus der Höhle geschleudert hatte. Als daraufhin der schwarze Kater Parcival ebenfalls den Raum betrat und sich neben Mei positionierte, war Valerian klar, dass Kaer Iwhaell nun um zwei Tiere reicher war. Er grinste kurz in sich hinein, als er daran dachte wie ein kleiner fetter Igel und ein schwarzer Kater in den Burgmauern Fangen spielten. Maleah hüstelte hörbar.

„Ich bin so weit, wenn ihr wollt können wir. Seid gegrüßt Professor Naecheighn, es ist mir eine Ehre euch zu helfen.“, sie machte einen respektvollen Knicks vor Mei und senkte ihren Blick. Mei nickte ihr zu und Maleah begann etwas auf einer Sprache zu sprechen die keiner außer Mei verstand. Valerian stand wie zuvor besprochen neben ihr. Maleah berührte seine Brust und empfing so seine Erinnerungen und Gedanken an Kaer Iwhaell. Nur mit diesen Informationen, war es ihr möglich dieses Portal zu öffnen.

Wim nahm allen Mut zusammen und lief auf Vika zu und umarmte sie fest zum Abschied und drückte ihr einen kurzen Schmatzer auf den Mund. „Ich komme dich mal besuchen, wenn sich die Lage etwas beruhigt hat, versprochen.“, flüsterte er Vika zu. Sie grinste verschmitzt und lief ein klein wenig rot an. Man konnte es Heskor ansehen wie sehr er sich überwinden musste, wurde aber von Ludwig freundschaftlich gestärkt, indem er ihm aufmunternd auf die Schulter klopfte.

Nachdem Maleah ihren Satz ausgesprochen hatte, spürten alle einen warmen Lufthauch und der Raum füllte sich langsam mit Sand. Dieser kroch durch alle Ritzen und sammelte sich vor der Zauberin und formte einen Wirbel. Ein dumpfer Knall kündigte das Öffnen des Portals an durch das alle hindurchgingen konnte. Valerian der am nächsten zum Portal stand drehte sich um und befahl den anderen sich schleunigst durch das Portal zu begeben. Als erstes liefen Ludwig und Heskor zum Portal und verschwanden durch den Sandwirbel, gefolgt von Wim. Raaga führte Mei zum Portal, die den Igel auf der Hand hatte und von Parcival verfolgt wurde und beide verschwanden ebenfalls im Wirbel. Nun waren noch Vika, Marek und Valerian übrig. Dieser wandte sich Vika zu und sagte: „Danke nochmals für alles Vika, das werde ich dir nie vergessen. Du wirst immer einen Platz in der Akademie haben, falls du einen Unterschlupf brauchen solltest. Aber auch so darfst du uns sehr gerne einmal besuchen. Sebastian würde sich freuen. Und dir danke ich auch Maleah“, er grinste. „Und nun zu dir Marek. Du wolltest ja eine Entscheidung. Nun bist du an der Reihe dich zu entscheiden. Entweder du bleibst hier und schmollst weiter oder du kommst mit. Allerdings wirst du nicht in der Akademie wohnen sondern im Dorf unterhalb. Und du wirst so lange nicht die Akademie betreten, bis Mei von sich aus sagt, dass sie eine Entscheidung getroffen hat! Jetzt oder nie. Denke aber daran, dass Raaga gar nicht gut auf dich zu sprechen sein wird, wenn du unangemeldet in der Akademie auftauchst. Er hat meinen Segen, egal was er mit dir vorhat.“ Marek rollte mit den Augen und antwortete: „Eines Tages wird Mei erkennen, dass es ein Fehler war mich zu verlassen. Ich habe sie noch lange nicht aufgegeben!“.

Mit diesen Worten ging der geradewegs auf das Portal zu, blickte Valerian mit seinen stahlblauen Augen böse an und verschwand im Portal. Valerian genervt nickte den beiden Frauen und zu und begab sich ebenfalls in das Portal, welches nach ihm zu einem Haufen Sand zusammenfiel. Zur gleichen Zeit vernahm Sebastian ein dumpfes Brummen außerhalb des großen Saales in dem Valerian immer seinen Alchemie Unterricht abhielt. Er schrie nach Raziel, der zugleich zu ihm eilte und sie rannten gemeinsam nach draußen. Sie blieben kurz vor dem Tor stehen, da Sebastian sich orientieren musste. Sein Kopf schnellte in Richtung Burginnenhof. Er bemerkte, dass sich der Sand und die Erde ihren Weg dorthin bahnten. Er zeigte auf die kleinen trockenen Sandrinnsale und vermittelte Raziel, dass sie ihnen den Weg zu dem Brummen zeigten. Die beiden folgten ihnen und hofften, dass es nicht etwas Monströses sei, denn sie waren nur zu zweit und es fehlten zwei Hexer und eine Zauberin. Einem Angriff konnten sie wohl kaum standhalten. Raziel und Sebastian erreichten den großen Steinbogen durch den man in den großen Innenhof gelangte. Ehe sie den Hof erreichten, türmte sich ein hoher Sandwirbel vor ihnen auf. Sie blieben davor stehen und schauten sich fragend an. Doch bevor einer der beiden etwas sagen konnte spukte der Wirbel Ludwig und Heskor hervor. Raziel reagierte sehr schnell und fing den blassen Heskor auf, damit dieser nicht auf den Boden knallte. Ludwig hingegen fing sich recht schnell. Kurze Zeit später wurde Wim ebenfalls von dem Sandwirbel ausgespuckt. Sebastian realisierte erst jetzt wirklich, dass Mei’s Suchtrupp wieder zurückkam. Was nun schon einige Tage in Anspruch nahm. Er wartete gespannt vor dem Portal und hoffte, dass er Mei gleich elegant hindurchschreiten sah. Auf der einen Seite war er sauer auf seine Zieh-Mutter, auf der anderen Seite machte er sich große Sorgen um sie. Sein Warten wurde zugleich belohnt, als Raaga und Mei durch das Portal in den Innenhof traten. Gefolgt von einem schwarzen Kater. Gekonnter als die anderen. Doch als er Mei zu Gesicht bekam, erschrak er und konnte nicht fassen, wie sie aussah. Zudem fiel ihm auf, dass sie etwas kugeliges Braunes in den Händen hielt. Sebastian rannte zu den beiden und umarmte Mei.

Nun fehlte nur noch Valerian. Raziel fiel ebenfalls auf, das dieser noch fehlte. Besorgt schaute er in Richtung Portal und hätte fast den armen Heskor fallen gelassen. Nach zwei drei Minuten kam ein fremder Mann durch das Portal. Er war in edler Gewandung gekleidet und machte einen etwas benommenen Eindruck. Raziel wollte schon zu seinem Schwert greifen, als das Portal anfing zu flackern und zu Guter Letzt Valerian ausspuckte. Erleichtert nahm Raziel seine Hand vom Schwert und war froh ihn zu sehen. Mit einem dumpfen Blopp verschwand das Portal.

Sie hatten es tatsächlich geschafft. Als Sebastian Mei ansprach um sie zu fragen wie es ihr ging und was alles geschah, erkannte er den leeren Ausdruck in ihren Augen und fragte sich wer vor ihm stand. Sie sagte kein Wort, schritt an ihm vorbei und setzte den kleinen Igel auf den Boden ab. Sebastian rief ihr hinterher und wurde von Raaga zurückgehalten als dieser ihr hinterherlaufen wollte. Parcival folgte Mei trabend zu der Treppe die zu ihrem Turm führte. Wortlos ließ die ihre Freunde im Innenhof stehen. Gebrochen und geschändet zog sie sich in ihren Turm zurück. Seit diesem Vorfall gab es nur wenige Momente an denen man Mei zu Gesicht bekam. Sprach man sie auf den Vorfall in Novigrad an, schwieg sie und ihre sonst so strahlenden Augen wurden glanzlos, leer und glasig.

Teil 7- Epilog, von Christian

Eine gewaltige Explosion zerschnitt die ruhige Atmosphäre des Hafens. Der Boden erbebte. Holzsplitter flogen wie Schrapnelle durch die Gegend. Steinsplitter rissen Löcher in Kleidung und Fleisch. Blut spritzte. Schreie gellten. Es roch nach Blut, Gedärmen, verbranntem Fleisch und Fäkalien. Männer schrien in Todesqualen während sie in ihrem eigenen Blut verendeten.

Die Szenerie veränderte sich, der Innenhof einer großen Festung war zu sehen. Überall lagen zerhackte, verbrannte und fürchterlich verstümmelte Leichen. Auch hier roch es nach Tod.

Ein neuer Handlungsort… ein Strand an einem Fluss, ein Lagerfeuer, fürchterliche Schreie, ein Übelkeit erregendes Knacken… und die Schreie verstummten. Auch über diesem Ort, der Geruch nach verbranntem Fleisch, Schweiß und Gedärmen.

Dann stand er wieder in diesem Turmzimmer, hörte die erstickten Schluchzer aus dem Nebenzimmer… sah die fürchterlich zugerichtete, vergewaltigte und verstümmelte Gestalt in der Lache aus Körperflüssigkeiten und aufgewühlten Laken liegen. Und plötzlich schlug Felliné die Augen auf. Tote, leere Augen. Sie erhob sich und ging langsam auf ihn zu. Ein einzelner kalter Finger zeigte auf ihn und ihre rissigen Lippen formten ein stummes Wort: „Du“.

Ludwig erwachte schweißgebadet in seinem großen Zimmer im Westflügel der Greifenfestung. Vom Hof her fiel schwaches Mondlicht durch die Butzenscheiben des Fensters. Vom Rathausturm des Dorfes hörte er die Uhr zwei schlagen. Sein Nachttisch war umgestürzt, die Kristallkaraffe, die sich darauf befunden hatte, zerbrochen und der Inhalt hatte die Holzdielen durchnässt.

Er fluchte, wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn und atmete schwer. Dann schlug er die Bettdecke zur Seite, stand auf und ging zu dem kleinen Hängeschrank im Eck, nahm sich eine große grüne Flasche und goß sich etwas von der bernsteinfarbenen Flüssigkeit in ein Glas. Noch während er den Whisky in einem Zug leerte nahm er den alten Truhenschlüssel vom Haken an der Wand. Er stellte das Glas auf einen Tisch und nachdem er die Truhe geöffnet hatte, entnahm er ihr eine Wolldecke sowie seine Pfeife und den prall gefüllten Tabaksbeutel. Er schlang sich die Decke um den Körper und öffnete im vorbei gehen das Fenster um frische Luft herein zu lassen, dabei fiel sein Blick auf den alten Hexermeister der unten ganz ungeniert auf den gepflasterten Weg pisste. Während er die Nase rümpfte meinte er kurz den Blick des Hexers heraufblitzen zu sehen.

Er stieg die schmale Wendeltreppe zum äußeren Burghof hinunter, wartete bis die Schritte des Hexers draußen auf dem Kopfsteinpflaster verhallt waren und schlich sich dann heimlich hinüber zum Burgturm. Lange hatte es gedauert, bis er die Stufen bis nach ganz oben erklommen hatte, denn im inneren des Turmes war es stockfinster und er konnte sich nur vorsichtig weiter tasten. Einmal hatte er das Gefühl, als ob ihn ein paar Augen von oben herab anschauten, nur um festzustellen, dass es sich dabei um 2 hellere Steine in der Wand handelte. Als er endlich oben angekommen war und die kühle Nachtluft ihn frösteln lies, setzte er sich auf die Zinnen und entzündete seine Pfeife. Ludwig liebte es hier oben zu sitzen, ungestört zu sein und weit übers Land zu schauen. Besonders nachts, wenn alles ruhig war und nur das Knarzen der Bäume aus dem Bergwald diese Stille unterbrach. Dann konnte er am besten nachdenken und genau das tat er jetzt auch. Als Ludwig endlich vom Turm herunter stieg, hatte er den prall gefüllten Tabaksbeutel in eine leere Hülle verwandelt. Die Sonne war bereits aufgegangen und die ersten Strahlen wärmten seinen Rücken. Gemächlich spazierte er die Treppe hinunter, überquerte den Hof, schritt am Kontor vorbei und betrat die Hexerkaserne. Er trat zum Tisch hin und räusperte sich, als alle verstummt waren und die Blicke auf ihn gerichtet waren begann er: „Ich habe seit unserer Flucht aus Novigrad nachgedacht. Ich habe die Zeit genutzt, die ich zuhause verbracht habe, als ich die Geburtstagsfeier vorbereitete. Und ich habe eine Entscheidung getroffen, auch wenn es mir schwer gefallen ist. Dies ist das Ende. DasEnde der gemeinsamen Reisen mit euch Hexern. Wo ihr geht pflastern Leichen den Weg. Ich allein habe in Novigrad 2 unserer Mitstreiter in den Tod geführt. Seit Novigrad schlafe ich sehr schlecht und bin in einer schlechten Verfassung. Ich bin eben kein Kämpfer sondern Kaufmann.“ Es herrschte betretenes Schweigen am Tisch.ludwig fuhr fort: „Ich werde mich in Zukunft nur noch um meinen Handelsposten hier auf der Burg kümmern. Aber seid versichert, kehrt ihr heim von euren Abenteuern werde ich immer für euch da sein. Und noch etwas.

Nach unserer Flucht war die Elisandré in einem äußerst mangelhaften Zustand. Ich habe sie an Land ziehen lassen, den Rumpf und Bugspriet austauschen lassen, sowie die Bordwände mit je 3 Ruderriemen erweitern lassen. Dadurch liegt das Schiff nicht mehr so tief im Wasser, ist schneller, wendiger und lässt sich auch vergleichsweise schmale Flüsse hinauf manövrieren. Es sieht dem ursprünglichen Schiff nur noch entfernt ähnlich und das ist auch gut so, schließlich wird das Schiff auf allen Kopfgeldlisten als „Gesucht“ ausgeschrieben. Es ist eine Art Verbund aus Schlacht- und Handelsschiff geworden. Auch neu kalfatert wurde es. Und es hat einen neuen Namen. Elisandré war zu auffällig. Ich habe es auf den Namen „Funkenflug“ taufen lassen. Die „Funkenflug“ wird euch auf euren Abenteuern als Quartier dienen und als Zentrale für gefährliche Operationen. Reparaturen übernehme selbstverständlich ich. Eine kleine Mannschaft von 5 Mann ist zusammengestellt. Unterstellt sind diese 5 Kerls unserem guten Wim. Der Erfahrung in der Führung von Einheiten hat. Er ist erster Maat. Einen Kapitän habe ich auch schon gefunden. Er ist ein recht junger Kerl, der wohl die meiste Zeit als Kopf einer militärischen Spezialeinheit fungierte. Er wird innerhalb der nächsten Monate hier auftauchen. Valerian hier bitte ich dich um deine Expertise zu dem Haudegen…. sein Name ist Vertigo.“

Noch immer herrschte Schweigen. Eigentlich war es nichts neues, dass Ludwig sich von den Abenteuern der Gruppe distanzieren wollte. Sie hatten es alle gespürt. Seit ihrem Ausflug nach Novigrad hatte er sich verändert. Doch nun so endgültig davon zu hören war wie ein lähmendes Gift und so sagte noch immer niemand etwas als Ludwig sich umdrehte und den Raum verlies.


Eine kleine Handelsreise

Eine kleine Handelsreise

Metagame

Von Christian, Tobias und Pam

Feine Kleider…. er zwang mich wirklich meine Rüstung gegen feines Tuch zu tauschen. Dabei hatte ich seit Jahren keine Roben mehr an. Eigentlich seit dem ich von der Akademie zu der Kaserne von Schneen gewechselt war. Ich war zwar oft bei den hohen Herren zu Gast, doch selbst dort durfte ich meine Ausrüstung frei tragen. Ich konnte verstehen, dass er keinen zerlumpten Soldaten bei seinen Verhandlungen wollte, aber ich sollte ihn schützen ohne gerüstet zu sein! Auf einer Reise die seiner Aussage nach mehrere Monate dauern konnte, durch gefährliches Gebiet und wir stellten immmerhin eine lukrative Beute dar. Wenigstens konnte ich ihn überreden, zwei meiner ehemaligen Gefährten aus Schneen mit mir zu nehmen. Die beiden wurden als Geleitschutz unter Vertrag genommen und durften voll gerüstet der Expedition beitreten. Unser erstes Ziel war die Akademie in Schneen, die Straßen waren zwar nicht sicher, aber die Reise von Kaer Iwhaell nach Schneen verlief ohne größere Komplikationen. Lediglich einmal wurden wir von Bauern angehalten, diese brauchten Hilfe mit einigen Ertrunkenen aus dem nahen Moor. Valdar, Tannet und ich kümmerten uns um das Problem während Ludwig, Mei und der Handelstross weiterzogen. Die Bauern baten wir einen Boten nach Kaer Iwhaell zu schicken wenn neue Monster auftauchen sollten. Auf unseren Pferden konnten wir schnell aufholen. Endlich in Schneen angekommen schloß sich ein Bote der Krone und einige Soldaten der Expedition an, denn Gernots Berater hatten von Ludwigs Handelsreise gehört und wollten ihrerseits Handelsrouten in das für uns unbekannte Land etablieren. Der Silberfuchs kümmerte sich mit den Magiern der Akademie um die Vorkehrungen zur Teleportation. Indes waren Ludwig und ich damit beschäftigt die Träger zu instruieren. Alle Vorräte und Waren mussten in die Halle der Magier geschafft werden. Gegen Abend waren wir endlich bereit die Teleportation einzuleiten. Alle Teilnehmer versammelten sich in der großen Halle während die Magier mit dem Ritual begannen. Langsam verschwamm das Bild um mich herum, meine Begleiter, die vielen Kisten, sogar meine eigenen Gliedmaßen wurden langsam durchsichtig. Mit einem lauten Zischen und Donnern wechselte die Szenerie und wir standen auf einer freien Fläche. Ein hagerer, alter, in einen braunen Mantel gewickelter Mann trat auf uns zu. Er war der Älteste von Haithabu und empfing uns mit ungewohnter Gastfreundschaft. Ludwig hatte scheinbar die gesamte Reise geplant, denn die Helfer fingen bereits eifrig an die Kisten auf Schiffe zu laden. Schnell packte ich eine der Kisten die unter einigen Anderen versteckt war und brachte diese unauffällig in meine Kajüte. Mei und Ludwig folgten dem Ältesten auf den Markt, wo Ludwig einige Waren tauschen, kaufen und verkaufen wollte. Dort trafen wir auf Hasan ibn Fadlan, einen Händler aus Miklagard.

Die Reise wurde von nun an mit dem Schiff fortgesetzt und war für mich als Soldat eher langweilig. Wir hatten mehr als genug Matrosen an Bord und ich mußte nicht mal mit anpacken. Meine Zeit konnte ich nutzen um mit Mei, Ludwig, Hasan, Valder, Tannet oder einem der Matrosen zu sprechen. Von Ludwig und Hasan erfuhr ich viele interessante Geschichten von den Landen in denen wir uns befanden. Eurasien, scheinbar der übergreifende Name über alle Ländereien um uns herum. Im Norden Skandinavien, im Süden das Franko-teutonische Reich. Unsere Schiffe fuhren über das Ostmeer.

Viele neue und unbekannte Eindrücke brannten sich in mein Gedächtnis. Am meisten faszinierten mich die Geschichten über die Volkssagen, einee Vampir namens Vladimir, auch Graf Dracul genannt, Wechselbälger oder Nachtmahre. Einem heroischen Krieger mit dem Namen Siegfried. Ein Lied über die Nibelungen und vieles mehr. Hasan zeigte mir viele Karten. Dieses Eurasien war gegenüber Solonia gigantisch und hatte viel mehr einzelne Fürstentümer und Königreiche. Eines der größten war unser Ziel. Die Hauptstadt Miklagard lag weit entfernt und wir hatten noch eine beschwerliche, teilweise durch gefährliche Stromschnellen und Klippen führende Reise vor uns. Bis Kievr Rus verblieb die Reise ruhig. Dort wurden einige Handelsverträge abgeschlossen. Mit Mei erkundete ich die Stadt. Sie war an den dortigen Kräutern und Magierutensilien interessiert. Meine Aufmerksamkeit fiel schnell auf das Anschlagbrett beim Marktplatz. Dort hingen viele Steckbriefe. „Vadim der Schlächter, das Grauen von Kievr Rus. Herr der Pfähler“ „Kovatt der Braune“ „Herak Holzauge“ „Jorgen Stahlhand, der Verstümmler, erster Kommandant der Pfähler“. Einer der Matrosen schaute mich wie entsetzt an als er sah wie ich über die Steckbriefe schmunzelte. Er erklärte mir das unsere Route genau durch das Jagdgebiet dieser „Pfähler“ führte und das jede fünfte Karawane diesen marodierenden Söldnerheer in die Hände fiel. Kievr Rus war ein wichtiger halt auf der Route nach Miklagart doch konnte aufgrund eines vergangenen Krieges nicht die Mannstärke aufbringen selbst gegen diese Söldnerbande vorzugehen. Sodas diese ungehindert ihr Unwesen trieben. Nur selten überlebte eine Karawane den Angriff. In Kievr Rus gab es viele Tagelöhner die ihre Dienste als Karawanen Wachen anboten. Verarmte Bauern und Bettler mit rostigen Beilen. Keine würdigen Gegner für die gerüsteten Pfähler.

Zurück bei den Schiffen konfrontierte ich Ludwig mit den Informationen über diese Söldner. Ihm war trotz sorgfältiger Planung der Reise nichts über diese Gefahr bekannt. Unser Geleitschutz bestand aus Valder, Tannet, einigen Söldnern und Soldaten des Königs und mir. Alles im allen etwa 15 Mann sowie die Matrosen mit ihren Entermessern und Säbeln. Mir wurde unbehaglich bei dem Gedanken ungerüstet den Fluß in das Land der Pfähler zu befahren. In meiner Kajüte öffnete ich die versteckte Kiste, in dieser war meine Rüstung, meine Waffen und Tränke aus der Akademie. Mit gewohnter Gewandtheit zog ich diese an und versteckte sie unter einem langen dicken Mantel. Ludwig merkte nicht das ich mich seiner Anweisung widersetzt habe, oder vielleicht doch und es war ihm sogar recht.

Wir erreichten bald die „hnupnan tundu“ (sprich „chnupnen tunde“, Reißzähne) 7 donnernden Stromschnellen und Wasserfälle. Hier wurden die Schiffe an Land gezogen und alle Waren mussten an den Wasserfällen vorbei transportiert werden. Oft mit Eseln die man in Kievr extra zugeladen hatte. Auch die Bote mußten von Hand über Rollen an den Stromschnellen vorbei geschafft werden. Bereits an der zweiten Stromschnelle hatte ich das Gefühl das wir beobachtet werden. Ich entdeckte in der Umgebung platt gedrücktes Gras und frische Spuren. Hinter einem dichten Buschwerk fanden Valdar und ich eine frische Feuerstelle die Kohle war mit Wasser gelöscht worden aber noch warm. Einzelne Felle und sogar ganze Zelte waren zurückgelassen worden. Bezogen auf die gefundenen Spuren waren um die 30 Mann in diesen Lager. Schnell berichteten wir Tannet und Ludwig von unserem Fund. Den Soldaten und Söldnern wurde befohlen das Buschwerk und die Hügel genau im Blick zu halten. Die Matrosen merkten schnell das etwas nicht stimmte und wurden unruhig. An der Dritten Stromschnelle wurde das Gelände sehr unwegsam und unübersichtlich. Klippen, dichtes Buschwerk und ein sehr schmaler Pfad machte es fast unmöglich das Gebiet abzusichern. Valder und 4 Soldaten bildeten die Spitze des Konvois.

Mit lautem zischen und donnern schlugen die schlecht geschnitzte Pfeile in Kisten und Bote, trafen einen der Soldaten am Bein und verfehlten Mei nur knapp. Instinktiv stieß ich Ludwig hinter eines der Bote, Mei wandte sich dem angeschossenen Soldaten zu, ein weiterer schützte die beiden mit seinem Schild. Die Matrosen bewaffneten sich während sie sich vor dem zweiten Pfeilhagel versteckten. Jetzt war meine Zeit gekommen, ich warf den Mantel ab, drehte mich gekonnt vor einem auf mich zu fliegenden Pfeil weg und zog elegant mein Schwert. In dem Moment sprinteten mit Äxten und Rundschilden Bewaffnete Barbaren aus den Büschen und Hinter den Felsen hervor. Laut brüllend kamen sie immer näher. Tannet spießte den ersten Angreifer mit seiner Pike auf, der zweite stürmte auf ihn zu, wurde jedoch von einem Wurfspeer den einer unserer Söldner warf zu Boden gerissen. An der Spitze des Konvois kämpften Valder und seine Soldaten bereits gegen die Angreifer. Am Ende des Zugs waren die Matrosen den Hinterhalt am zurück schlagen.

Hinter einem großen Felsen trat nun ein Hüne hervor. Er trug eine mächtige Zweihandaxt und war mit einem Stählernen Schuppenpanzer gerüstet. An der rechten Hand trug er ein schweren, mit Stacheln übersäten Panzerhandschuh. Einer der Matrosen rief entsetzt das dieser Mann Jorgen Stahlhand sei, einer der gefürchteten Kommandanten der Pfähler. Ich mußte zugeben das seine +–Erscheinung weitaus imposanter ist als das bild auf den Steckbriefen. Muskelbepackt und mit vernarbten Gesicht stampfte er schnaubend mit der Axt im Anschlag auf uns zu. Mit einem fast lässigen Schwung zertrümmerte er das Schild eines Königsgardisten, dieser flog durch die Wucht des Hiebes einige Meter zurück und wurde im selben Augenblick von dem Speer eines nachfolgenden Pfähler am Boden aufgespießt. Tannet erstarrte, der Hüne wandte sich nun ihm zu, ich kämpfte gerade mich gerade durch die Angreifer zu ihm als Jorgen sich vor Tannet aufbaute und die Axt hob. Die Axt senkte sich rasant über Tannet, einen Augenblick bevor sie ihn gespalten hätte erreichte ich ihn und stieß ihn im aller letzten Moment zur Seite. Mit einem stählernen Krachen schlug die Axt auf den Felsboden und warf einen Funkenregen auf das trockene Gras rund herum. Augenblicklich bildeten sich kleine Rauchfahnen an den Stellen wo die Funken dem Boden berührten. In Sekunden Bruchteilen mußte ich die Situation bewerten. Nur wenige Minuten würde es dauern bis die gesamte Fläche in Flammen stand, vor mir der Hüne und aus den Büschen kamen noch immer Barbaren geströmt. Tannet fand erst langsam die Fassung wieder. Während ich mit wirbelnden Schwert streichen und Wurfdolchen versuchte die Angreifer auf Abstand zu halten. Jorgen war wie ein Riese aber dennoch unglaublich wendig, entweder sprang er mit Leichtigkeit zur Seite wenn ich nach ihm hieb oder er schlug das Schwert mit seinem stählernen Fäustling weg. Immer wieder schwang er seine mächtige Axt in meine Richtung, durch die dicker werden Rauchwolken und mittlerweile lodernden Flammen waren meine Fluchtwege begrenzt, die Luft war kratzend und heiß, mit jedem mal ausweichen wurde mir meine Kraft mehr und mehr genommen, während Jorgen scheinbar in einen Rausch viel, der Geruch von Blut, Rauch und Schweiß schienen ihn anzutreiben, immer härter und schneller schwang er seine Axt. Wieder und wieder wisch ich in der letzten Sekunde aus. Meine Lungen brannten. Ich konnte kaum Atmen. Nach etlichen Hieben denen ich allesamt entgangen bin blieb seine Axt endlich ein einem Baumstumpf hängen. Mit einem mächtigen hieb schlug ich auf den Schaft der Axt und zerbrach diesen. Waffenlos stand der Riese nun vor mir und lachte. Ohne das ich reagieren konnte sprang er auf mich zu und Schlug mit seinem Fäustling direkt in mein Gesicht. Es fühlte sich an als hätte mich ein Pferd getreten. Sofort merkte ich das mir Blut durchs Gesicht lief. Ich schmeckte die Salzige Flüssigkeit und sah nur noch verschwommen. Schwer keuchend stand ich nun vor Jorgen der erneut auf mich zu sprang, diesmal konnte ich aber ausweichen und schlug mit meinem Schwert nach ihm. Mit kaum noch kraft in den Händen war es ein leichtes für ihn das Schwert mit dem Fäustling abzuwehren und mir aus der Hand zu reißen. Meine Knie waren weich und meine Bewegungen langsam. Ich zog hastig meinen Dolch um nicht waffenlos vor diesem Monster zu stehen. Er fixierte mich mit einem Blick aus Hass und unheimlicher Freude. „Nie traf ich einen Gegner wie dich, flink wie ein Hase und stur wie ein Esel! Keiner hat bisher einen Schlag von mir überstanden.“ Seine Worte waren Dumpf, ich vernahm sie nur unterbewußt. Ich war hoch konzentriert um nicht ohnmächtig zu werden. Mein Blick war leer und Starr, ich hatte nur eine Chance dies zu überleben. Ein Angriff der ihn überraschte. „Weist du wer ich bin, Jorgen?“ Er lachte „Ein Wurm!“ Meine Augen weiteten sich. „Nein! … Ich bin dein Untergang!“ Mit diesen Worten legte ich all meine kraft in einen Sprung. Ein Sprung der mir wie eine Ewigkeit vorkam. Ich sah wie sein brachialer Handschuh auf mein Gesicht zu flog und hörte sein hönisches lachen. Dann wurde es Schwarz…

Vor mir erschien ein lächeln, ein lächeln das 2 Fangzähne entblößte, meine Sinne waren trüb, ich roch weder Blut noch Rauch noch Schweiß, im Hintergrund vernahm ich lautes getöße, und dann eine Stimme. Eine wohlklingende und beruhigende Stimme. „Wim? Was machst du auch für Sachen!“ Langsam kam ich zu mir. Es war Mei… Mei kniete vor mir. „I….Ich…le…be?“ „Wim was hast du gemacht. Wenn es nicht um das Leben anderer gegangen wäre dann wäre ich jetzt ziemlich sauer auf dich!“ Es war als ob sie meine frage ignoriert hätte. „Pass das nächste mal besser auf dich auf“. Langsam formte sich ein gesicht um das lächeln. Mei schaute mich mahnend an, eigentlich wie immer. Dann lächelte sie wieder und streichelte mir über die Wange. „Nicht nur die anderen brauchen dich.“ Mit den Worten stand sie auf und ging von meinem Bett weg. Ich erkannte woher das getöße kam. Die matrosen Feierten und Tranken. Ludwig stand neben mir. „Mensch wim, weißt du was du gemacht hast? Du hast Jorgen Stahlhand getötet!“ Einer der Matrosen erhob das wort. „RUHE! Du kleiner wicht!“ Er lachte. „Du hast uns alle gerettet. Als die Pfähler sahen wie du ihren Kommandanten den Dolch in den Hals gerammt hast flohen sie schneller als sie gekommen waren! Wir verdanken dir viel Stahlbrecher!“ Nach einem kurzen Moment der Stille erschallte es immer wieder „STAHLBRECHER! STAHLBRECHER!“ Die Feier ging weiter. Und Ludwig erzählte mir was passiert war. Jorgen schlug mir so feste ins Gesicht das er meinen Schädel zertrümmerte und mich damit fast tötete, doch im gleichen Moment habe ich ihm meinen Dolch tief in den Hals gerammt und damit das Leben genommen. Mei sah aus der ferne was passiert war und rannte durch die flammen zu mir. Sie rettete mir das Leben mit ihrer Magie. „Wim du Schuldest mir noch ein Kleid!“ hörte ich Mei von weiter hinten rufen. „Die flammen haben meins völlig ruiniert!“ Ich unterhielt mich noch lange mit den Anwesenden über das geschehene. Nachdem ich gerettet wurde zogen wir weiter bis wie eine Taverne fanden. Dort rastete der Tross bis es mir besser ging. Wir haben in dem Kampf 17 Leute verloren. Überwiegend Söldner und Matrosen. Viele wurden verletzt. Trotz des Sieges war es für mich also ein trauriger tag. Ein schwarzer….. Tannet… Was mir im Kampf nicht aufgefallen ist war das Jorgen nicht nur nach mir geschlagen hat. Im Eifer spaltete er meinen alten Gefährten in zwei Hälften. An diesem Abend waren es nicht meine Wunden die mir schmerzen bereiteten.

Am nächsten Morgen zogen wir weiter und eine Woche später erblickten wir in der ferne die gigantische Stadt. Mächtige Festungsanlagen umgaben diese. An den Toren verhandelte Ludwig mit den Wachen die uns kurze Zeit später Einlass gewährten. An dieser Stadt war alles neu für mich, die Art der Häuser, der Geruch in den Straßen, überall roch es nach Weihrauch, Gewürzen, Myrrhe und Blumen. Nie habe ich eine Stadt wie diese gesehen, geschweige denn eine solche Masse an Menschen. Selbst Amerion reicht nicht an die Pracht dieser Stadt heran. Während ich über die Schönheit und Größe staunte merkte ich nicht wie mir 4 bewaffnete Wachen entgegen traten. In ihrer Mitte war ein edel gekleideter Mann. „Seid ihr der Mann der die Stahlhand bezwang?“ sagte er in einem orientalischen Akzent. „Ja ich denke schon.“ Sagte ich unsicher und musterte die Soldaten. Ihre Gesichter waren durch Tücher verdeckte die an ihren Helmen befestigt waren. Nur die augen konnte man sehen. Dunkle, durch schreckliche Ereignisse gezeichnete Augen. „Folgt mir!“ Sagte der Fremde und wandte sich ab. Die Wachen drängten mich mehr als überzeugend dazu zu folgen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen wir vor einem aus Marmor geschlagenen Herrenhaus an. „Trete ein Nachtfalke, du wirst erwartet.“ sagte der fremde mit ruhiger aber bestimmter Stimme. Ein seidener Vorhang hing vor der Pforte die ich nun zögernd durchschritt. Rauch lag in der Luft. Süßlicher Rauch. Es war dunkel und kühl. „Ihr seid also der Stahlbrecher?“ Eine sehr tiefe und brummende stimme erklang aus der hintersten ecke des Raumes. Kurz glühte eine Wasserpfeife auf. „Wer seid ihr“ fragte ich in die Dunkelheit. „Ein Freund, mehr braucht ihr nicht wissen.“ sagte die Stimme, wieder glühte das Stück Kohle auf. „Ihr wißt das auf Jorgen Stahlhand ein Kopfgeld ausgesetzt war? Neben euch liegt ein Beutel mit eben diesem. Nehmt es, den Leichnam haben wir bereits untersucht und von euren Gefährten abgeholt.“ Mein blick fiel auf den Tisch neben mir, nur schwerlich konnte ich den Lederbeutel darauf erkennen. „Dafür habt ihr mich her geholt?“ fragte ich ein wenig erbost „Ihr hättet auch einen Boten das Geld überbringen lassen können!“ Die Kohle glühte wieder auf. „Das hätte ich, aber ich wollte persönlich sehen wer die Stahlhand erschlagen konnte… und ihm danken, ihr habt meinen Sohn gerächt! Vor etwa zwei Monaten fiel seine Karawane diesen Mistkerlen zum Opfer!“ Noch lange unterhielt ich mich mit dem Mann. Am abend verabschiedete ich mich von meinem neuen bekannten und traf mich mit Valdar, Mei und Ludwig in einer Taverne am Markt. Ich lud alle drei ein. Ludwig erzählte von seinen Terminen in den nächsten Tagen, Valder bot an mit Mei die Stadt zu erkunden und ich schloss mich Ludwig an. Zusammen verbrachten wir viele Stunden am Tag die Waren zu tauschen, verkaufen und neue zu kaufen. An den Abenden lief ich einfach nur durch die Straßen und fand mich immer wieder an faszinierenden Plätzen wieder. Nichtmal einen Bruchteil der gesamten Stadt konnte ich so erkunden bevor Ludwig unsere Rückreise arrangierte. Diesmal über das Meer der Mitte. Am riesigen Hafen von Miklagart bestiegen wir das wohl Größte Schiff das ich je gesehen habe. Hier verabschiedete sich Mei und Valder von Ludwig und mir, denn wir brachen auf nach Selophia während die anderen beiden sich zurück in die zwölf Auen begaben. Die wohl spannendste Reise in meinem Leben endete mit indem wir gen Sonnenuntergang segelten…. oder vielleicht beginnt sie erst?


Der Elfenbaron hoch zu Ast

Der Elfenbaron hoch zu Ast

Metagame

In diesem Metagame geht es primär um ein Füllen der Ereignisse zwischen Kaer Iwhaell 1 vom Januar 2016 bis Solonia 16, bei dem wir wohl mit Nuriel aus seiner Baronie zusammen von einem Auftrag wieder zurückkehren werden in die Königsau (unsere IT Anreise auf Solonia 16). Leider ist das Metagame nicht fertig geworden, es ist aber trotzdem sehr amüsant zu lesen und wurde abwechselnd von Nuriel (Marc S.) und mir (Matthias) geschrieben. Viel Spaß!

Von Marc S.

Herbstzeit nach Solonia 15

Nuriel der Elf, neuer Baron der Elfenau, saß, einen Federkiel in der Hand, an seinem Holztisch in der Residenz des Barons. Bei all den Dingen, die die Verwaltung einer Baronie mit sich brachte, entschied er, eine Prioritätenliste anzufertigen. Das wichtigste war die Sicherheit der im anvertrauten Bewohner der Au. Die konkrete Bedrohung war nicht Nahrungsmangel, noch Krieg. Noch nicht jedenfalls. Doch der Krieg würde kommen. Er kam immer. Jedenfalls in seiner Heimat, den Schattenlanden. Aber für heute gab es Wichtigeres: Bestien oder Schlimmeres in der Au. Geschichten von Wölfen und Leichenfressern des Nachts. Von geängstigen Bewohnern der Au. Alles nur Gerüchte? Oder steckte mehr dahinter? Im Zweifelsfall war er ein Jäger, er würde sie gnadenlos jagen und töten wie er zurvor so viele zur Strecke gebracht hatte. Damals. Bestien. Tiere. Auch auf zwei Beinen. Eine Welle des Schmerzes ob seiner eigenen vergangenen Grausamkeiten und Abgründe seines Handels brandete in ihm auf. Der Gedanke an den ewigen Kampf gegen die gefallen Brüder. Den ständigen Krieg, der die Seelen sovieler seines Volkes vernarbt hatte. Als auch seine eigene.

Er spülte die Erinnerungen hinfort, wenn auch mit einiger Mühe. Er mußte mehr meditieren. Wie dünn war doch dass Eis, welches über seinen dunklen Schatten der Vergangenheit lag, auch wenn er erst etwas mehr als 100 Jahre alt war. Wie zerbrechlich die Maske der Fröhlichkeit, die er trug. Trauer füllte seine Gedanken und er brauchte etwas, um sich zu fassen. Er konnte nicht abstreifen, ein Aesanar zu sein. Er blickte auf seinen Traumfänger an der Wand und schöpfte Mut. Er setzte sich auf den Boden und schloss die Augen, um seinen Geist ins Gleichgewicht zu bringen. Ruhe und Klarheit erfüllten ihn nach einigen Minuten. Doch konnte er nicht hier mehrere Vorteile erlangen? Er lächelte. Die Monsterjäger im Südosten wären über Abwechslung sicher erfreut. Wie hießen sie doch gleich? Er hatte es vergessen.

Es war immer gut, Verbündete zu suchen. Und mit Nachbarn Frieden zu halten. Nicht dass er ihnen vertraute – er hatte zuviele Enttäuschungen erlebt. Menschen waren vielschichtig, leider war eine Schicht oftmals Dummheit und nicht kontrollierte Aggression. Als erstes würde er sie beobachten und einige Tage das Leben auf der Festung vom Wald aus beobachten. Dann würde er sich zeigen und mit Ihnen sprechen. Es war klug, im Rudel zu jagen und nicht allein. Er würde alle Beute fair mit Ihnen teilen und wenn sie vertauenswürdig wären, Ihnen die Jagd in der Au unter gewissen Auflagen erlauben (wenn sie nicht schon vom König eine Erlaubnis hatten). Wenn es überhaupt etwas zu jagen gab. Was wußte er schon über ihre Motive? Vielleicht waren sie nicht ehrenhaft sondern an Geld oder Schlimmerem interessiert. Das Böse hatte oft ein harmloses Gesicht. Auch wenn diese Burschen ganz und garnicht harmlos wirkten.

Andererseits hatten sie relativ ehrenvoll gehandelt und er hatte mit einigen von Ihnen gut harmoniert. Der mit dem grauen Bart hatte außerdem mehr zu bieten, als man ihm ansah – nur wenige Menschen konnten so schnell und präzise einen Freundschaftszauber weben. Und er hatte durchaus Potzenzial im Umgang mit dem Schwert. Jedenfalls für einen Menschen. Und er hatte mit seinem magischen Potenzial nicht geprahlt sondern es verborgen gehalten. Nuriel berührte gedankenverloren die Rune Arhain, die an seinem Hals hing. Er beschloß, dieses Verhalten des Menschen als sympatisch einzustufen. Er hatte ihn beobachtet als sie im Wald die gedungenen Meuchelmörder und Räuber stellten. Und der Junge große Schlanke hatte mächtige Feinde – nach dem Anschlag auf diesen Mann hatte er versucht, dem astralen Faden zum Attentäter zu folgen und war von einem mächtigen magische Schutzzauber recht unsanft zurückgeworden worden. Und gehörte nicht der neue Wächer der Erde auch zu Ihnen? Es war nicht einfach sie abschließed einschätzen zu können.

Falls er sie überreden konnte, Nachts in der Au zu jagen, wenn an den Gerüchten etwas dran war, so konnte er sie dabei kennenlernen, sie studieren. Die Jagd würde sie erregen und sie würden sich geben wir sie wären und er würde in ihnen lesen können wie in einem offenen Buch. Am entferntesten Rande seines Verstandes blitzte eine Erinnerung an die eigene Schwäche der Arroganz und Überheblichkeit auf – doch zu kurz, um ihn von seinem Plan abzubringen.

Er konnte Ihnen darüber hinaus einiges anbieten, wenn sie integer waren. Der Winter würde hart werden, Kälte und Hunger waren auf einer Burg sicher zugegen. Vielleicht ließ sich ein Bündnis schmieden, welches für beide Seiten Vorteile barg. Er sprang auf um zu packen.

Der folgende Januar

Nuriel ging gerüstet und mit Rucksack und Bogen durch die Wildnis in der Nähe der Burg. Er suchte sich einen guten Baum und richtete in der Krone sein Nachtlager ein. Dann beobachtete er 2 volle Tage, verborgen durch seinen kunstvollen Tarnmantel, die Burg und das Treiben der Bewohner.

Er zögerte. Er könnte. Aber es war nicht höflich, andere anzusehen, ohne zu fragen. Andereseits war er für die Sicherheit seiner Au verantwortlich.Und Neugier war eine seiner größten Schwächen. Neben seinem Mißtrauen. Er haderte mit sich, entschied sich dann aber, einen genaueren Blick auf die Burg zu werfen. Er zog einen kleinen Kristall aus seiner Tasche und murmelte Worte aus seiner Heimat. Öffnete seinen Geist und durchdrang die Räume hinter der realen Welt. Seine Finger zeichneten komplexe Muster in die Luft. „Lileath, schenk mir dein allsehendes Auge“.

Von Matthias

Nuriel blickte nur kurz hinter die Schleier der greifbaren Welt. Er verweilte dort nicht lange: Sein Blick wurde kurzerhand von mehreren Strahlern gefesselt – tief unter der Burgruine, die man kaum als Festung bezeichnen konnte, sah er ein starkes Leuchten, ebenso unter einem Grab neben der Burgruine. Was für Präsenzen! Noch ehe er sich diese näher betrachten konnte, rasten plötzlich drei geisterhafte Schemen, eine Frau und zwei Männer auf ihn zu. Kurz bevor sie mit ihren rasenden stummen Schreien vor Nuriel waren, trennte er in seiner Weisheit die Verbindung zur Astralwelt. Er hatte gespürt, wie die Geister von ihm Besitz ergreifen wollten. Mit einem leichten Schrecken lehnte er sich gegen den Baumstamm, auf dessen Ast er saß. Die Schneeflocken fielen seicht neben ihm zu Boden, und beruhigten sein ungewohnt aufgewühltes Gemüt. Noch ehe er sich weitere Gedanken machen konnte, traute er seinen Augen kaum: Reisende kamen zu der Burgruine. Er sah Kämpfer, Magier, Scholaren… und König Gernot von den zwölf Auen, der mit dem grauhaarigen Monsterjäger einen Rundgang um und auf die Burg machte. Er beobachtete dessen Gesichtszüge präzise: Der Grauhaarige tat sich schwer, einen inneren Frust dem Souverän gegenüber zu verbergen. Aber er bemühte sich. Der König hingegen schien zufrieden, und verabschiedete sich nach dem Rundgang. Nuriel erkannte viele bekannte Gesichter wieder: Den Erdhüter mit den kupferroten Haaren, mit dem er viel zur Königswahl gesprochen hatte, der Schlacksige mit den langen Haaren, ebenso die rothaarige Magierin mit dem Fuchsschwanz.

Der Grauhaarige führte einige gerüstete Kämpfer, vermutlich Lehrlinge und Mit-Monsterjäger zum Aufwärmen im Rennen um die Burg. Nach der ersten Runde schon konnte einige dem alten Mann, in dem offenbar mehr Lebenskraft steckt als in den anderen, nicht mehr folgen. Die Lücken zwischen den Rennenden wurden größer. Plötzlich erschien bei dem Grab, von dem in der Geisterwelt ein starkes Leuchten ausging, eine geisterhafte Erscheinung. Bewaffnet. Der Grauhaarige kämpfte mit ihm, doch wurde dann vom Geist besessen und wandte sich gegen seine Leute. Diese rangen ihn nieder und vertrieben den Geist… kurzzeitig zumindest.

Glücklicherweise gab es genug Heiler und Feldscher, die die Leute zusammenflickten. Einige Zeit später lief unter Nuriel ein seltsames Waldwesen vorbei. Der Kopf bestand aus einem Tierschädel mit Hörnern, der Körper aus Borke und Gewächsen. Er jagte alle Burgbewohner, die draußen herumliefen. Einige fielen schwerverletzt, unter den Hieben der langen Krallen und des fesselnden Wurzelwerks des Waldwesens.

Aus der Burg stürmten schließlich die Monsterjäger. Sie taten sich schwer mit dem Monster, konnten es schließlich aber solange beschlagen, bis es sich in Raben und Staub auflöste und davonflog. Wieder pflegten sie ihre Wunden. Den einen Heiler, der mit dem Bein hinkte, hatte es besonders schwer getroffen. Zur Dämmerung traten die Burgbewohner an das Grab außerhalb der Burg heran. Sie beschworen einen Geist. Einen Weiblichen. Er sah, wie sie alle miteinander sprachen, wie die Geisterfrau dem hinkenden Heiler, dessen Wunden versorgt wurden, in die Arme fiel. Er sah, wie sie aus einem kleinen Hügel neben dem Grab ein Kästschen ausgruben, mit einer funkelnden Halskette. Die Geisterfrau verschwand plötzlich. Und während die Männer und Frauen dieses merkwürdigen Tages in dem Vorhaus der Burg feierten und zechten, wickelte sich Nuriel, etwas verunstimmt wegen der zunehmenden Eiseskälte und der zahllosen Rätsel, in seinen Tarnmantel, und gab sich der Müdigkeit hin. Sollte er die Monsterjäger am nächsten Tage ansprechen? Und wenn ja, würde er offenbaren, dass er einen Tag lang den Geschehenissen zusah? Oder sollte er lieber noch einmal durch den Kristall in die Anderswelt blicken? Er zückte erneut den Kristall, zeichnete komplexe Muster in die eiseskalte Luft und sprach „Lileath, schenk mir dein allsehendes Auge“.

Er konnte nun klarer sehen. Am Waldesrand in Grabesnähe, befand sich der eine der drei Geister. Diesmal, zurückhaltend. Verwirrt. Einsam. Unter der Burgruine befand sich immernoch ein helles Strahlen, das ihn blendete. Es war ein großes Strahlen, umgeben von mehreren Einzellichtern. Um nicht zu erblinden, blickte Nuriel nach rechts und sah in dem Vorhaus der Burg, indem die Gesellschaft zechte ebenfalls ein Strahlen ähnlichen Glanzes. Der Drang wegzublicken war groß, doch die elfische Neugier überwiegte – Nuriel kniff die Augen zusammen und erblickte den Erdhüter, und das Strahlen ging von seinen Manteltaschen aus.

„Was für ein Scheißtag.“ Valerian seufzte. Beschissener hätte die Einweihung seiner Hexerschule nicht verlaufen können. Tagesfazit des gestrigen Tages: Ein König dem er buckeln musste, der ihm einen wortwörtlich verfluchten Steinhaufen als Hexerschule inklusive lebenslanger Knechtschaft verkauft hatte, dessen Spion, der sich mit breiten Grinsen an seinem Bier und seiner Lehre genüglich tat, eine Botin, die ihn förmlich mit ihrem geheimen fluenten Gönner erpresste, drei Erscheinungen, von denen bisher gerade einmal zwei befriedet werden konnten, ein junger, aufdringlicher Waldschrat, vermutlich gerade mal um die 50 Lenze, der seinen lieben Kameraden Ludwig beinahe getötet hätte – und kein Geld. Und die Schweinekälte nicht zu vergessen. Die Feier mit den Kameraden gestern war nötig. Valerian gähnte, steckte die alten Beine in die alte, kalte, klamme Lederbruche, steckte die alten Füße in die alten, kalten, klammen Stiefel, stapfte über die fleischgewordenen Zeugen des gestrigen Besäufnises, die im Tavernenboden kreuz und quer lagen, und atmete draußen die kalte, neblige Luft ein. Was würde wohl sein Meister Arcturus, oder der Älteste Heswinn von ihm denken? Valerian fiel es leicht, den Gedanken zu verdrängen, da er zuvor etwas Flüssigkeit aus der Blase verdrängen musste. Er schlurfte in das Nebengebäude auf den Abort und erleichterte sich mit einem Seufzen.

Valerian legte sich nicht wieder hin zu Schlafen. Während die anderen noch schliefen, fröhnte der alte Valerian der senilen Bettflucht, entfachte mit einem lautlosen Igni-Zeichen das Feuer unter dem Teekessel und machte sich in alter Routine ein morgendliches Heißgetränk. Er zog sich an. Leichtes Rüstzeug. Schwerter. Hier nie unbewaffnet. Generell möglichst nie unbewaffnet. ‚Sonst fangen die alten Knochen an zu rosten‘, sagte der alte Heswinn immer. Der alte Heswinn hätte ihn auch mal warnen können, wie in der Kälte alte Beinesverletzungen schmerzen. Valerian ging in den eiskalten Turm mitsamt des Teebechers, und fing an sich mit dem Federkiel über seine Lehrpläne zu setzen.

Er war frustriert. Nicht dass die Angriffe gestern einfach nur Opfer forderten – sie forderten auch seine kostbare Zeit, in der er seinen wenigen Lehrlingen die wichtigsten Lehren der Hexerzunft zukommen lassen wollte. Er seufzte erneut. Wie soll er unter diesen erbärmlichen Bedingen nur den Lehrbetrieb aufrecht erhalten. Seine Katzenaugen, rechts gelb und links ergraut wie sein Haar, blickten aus dem Fenster im Turm. Während sein Blick über den Waldrand glitt, hob er den dampfenden Becher zu einem Zug an. Doch noch ehe der Tee des Bechers seine Lippen berührte, erstarrte Valerian: In einem der Bäume saß etwas. Es hatte sich bewegt. Der Waldschrat? Nein. Passt nicht zum Alter des Schrates. Ein Alp? Unwahrscheinlich. Ein Alp ist nicht auf Verstecken in den Bäumen angewiesen. Valerian nahm einen tiefen Zug aus seinem Becher, und stellte diesen ab. Er prüfte kurz, ob das Silber- und Meteoritenstahlschwert ziehbereit auf dem Rücken saß. Und lief mit einem beschleunigten Schritt aus dem Lehrsaal des Burgturmes. Um den Waldrand zu inspizieren…

Von Marc S.

Nuriels Instinkt hatte ihn nicht getrogen – unter und in dem alten Kasten (das Ding hätte zu Hause nicht mal als Hundehütte getaugt) war eine Menge ungewöhnliche Präsenz. Beunruhigend. Nur seine Erfahrung und extreme Vorsicht hatten ihn davor bewahrt, von den Geistern angegriffen zu werden. Seine Lehrmeister hatten ihm geheime Runenmuster beigebracht, die er im Notfall mit den Fingern zeichnen konnte, um die Verbindung zum Astralraum zu kappen. Viele Menschen kannten diese Möglichkeit nicht… Er hatte viele gesehen, die der Versuchung und Gefahr der Magie erlegen waren. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das war knapp und äußerst furchteinflößend gewesen.

Aber er hatte weit Schlimmeres gesehen. Viel Schlimmeres. Sein Atem ging nun hektisch und stoßweise, Schweiß brach ihm aus und für einen Moment hatte er das Gefühl vom Baum zu kippen, als die Erinnerung an die Vergangenheit ihn einholte. Dunkelheit. Kälte. Er brauchte eine halbe Stunde, um sich zu beruhigen und eine weitere, um seinen Geist mit Meditation ins Gleichgewicht zu bringen. Er war immer noch so unglaublich verletzlich. Und obwohl er noch so jung war, gerade etwas über 100, hatte er vor kurzem die ersten grauen Haare in seinem Haar entdeckt. Er zahlte einen hohen Preis. Jeden Tag. Aber die meisten um ihn herum bemerkten dies nicht. Ließen sich täuschen. Loecs Weg.

Alte Ruinen hatten eben oft einen Haken, dachte er. Er ließ die Geschehnisse an seinem geistigen Auge Revue passieren. Die Geschehnisse um den alten Meister und seine kurzzeitige Besessenheit hatten ihn erschüttert – tief in seinem Inneren hatte sich sofort der Reflex geregt, den Menschen in der Not zu helfen entgegen aller Vorsicht und seinem Plan, sie erst zu beobachten und einzuschätzen, doch bevor er den Baum auch nur halb herabgeklettert war, war alles vorbei. Da er selbst als Heiler nicht taugte, stieg er besorgt wieder auf den Beobachtungsposten zurück.

Der Grauhaarige schien vom Besuch des Königs nicht sonderlich begeistert zu sein. Nuriel lächelte grimmig. Der Mann gefiel ihm auf einmal viel besser. Er war erstaunlich fit für sein Alter, und es war klar zu erkennen, dass dieser kein normaler Mann war. Das wußte er ja bereits, seit er ihn einen Freundschaftszauber hatte wirken sehen. Es war offensichtlich, dass er Anführer und Mentor war. Seine Neugier meldete sich. Triebkraft und Schwäche zugleich.

Urplötzlich hatte ihn dann das, ja, Baumwesen oder was es war, überrascht. Er hielt es anfangs für einen Schrat, er wußte nur zu gut, dass Vorsicht bei jungen Schraten geboten war. Diese ware nicht weise und friedlich wie die Baummenschen aus Avelorn, dem Waldreich an der Grenze zu seiner Heimat. Sie waren ihm eher als mindere primitivere Geister bekannt. Er lief unter ihm entlang ohne ihn zu bemerken. Er wartete. Irgendwann hörte er Schreie. Hatte sich etwas jemand aus der Burg gewagt und war dem Schrat zum Opfer gefallen? Doch so sehr er auch spähte und horchte, er konnte nicht ausmachen, was wo passiert war und ob jemand Hilfe benötigte. So blieb er im Baum sitzen. Er grübelte. Seine erste Einschätzung, es könne ein Schrat sein, erschien im wegen des Schädels doch falsch. Er überlegte und kam zum Schluß, dass es ein von Chaosmagie zerfressenes Waldwesen sein müßte, ein Zerrbild der natürlichen Ordnung. Soetwas kam in seiner Heimat leider viel zu oft vor. Und mußte bekämpft werden.

Während er noch sinnierte, kam es zum Konflikt mit dem Wesen als die Menschen auf das Wesen und den Wald zu stürmten. Nuriel war aufgebracht und kurz davor, vom Baum zu springen. Er war nur etwa 50 m entfernt, er konnte es schaffen mit einem kurzen Sprint. Die Menschen kämpften nun mit dem Wesen doch Ihre Klingen prallten fast wirkungslos ab von der dicken Borke. Fast wollte er sich seiner jugendlichen Spontanität hingeben – doch er hatte auf schmerzhafte Weise gelernt, diesen Impuls zu unterdrücken. Dann aber gedachte er seines Geschenks. Nuriel lehnte sich an den Stamm und schloß die Augen und atmete ruhig ein und aus. Sein Geist wanderte in die Sphären des Waldes. Er wußte, dass er dies nicht allein schaffen konnte, eine solche Entfernung hatte er nie zuvor überwunden. Und nur ein paar Mal in seinem Leben als Leiter gedient. Sein Geist tastete das Bewußtsein des Waldes ab und rief. Wisperte. Bat seine Kraft an, um das Widernatürliche zu bekämpfen und einen Weg zu schaffen. Er betete zu Isha, Muttergöttin der Natur und Kurnos, dem Herrn der Wilden Jagd, dass sie seine Wege segnen mögen. Als er den Höhepunkt seiner Konzentration erreicht hatte, und er tausend Stimmen aus dem Wald antworten hörte, flüsterte er: „Herz des Waldes, einst gabst du mir deine Gabe als Dank für meine Hilfe. Sie ist ein Teil von mir, wie du ein Teil von mir bist. Verflochten, verbunden wie deine Ranken um einen Baumstamm. Ich kann das nicht alleine tun. Ich bin der Kanal, durch den alles fließen kann. Hilf Ihnen!“

Aus Nuriels Hand entsprang eine dünne Ranke ähnlich Efeu, die sich mit rasender Geschwindigkeit unter den Blättern am Waldboden entlangschlängelte und unbemerkt von den Kämpfenden, von unten in den Fuß des Wesens einschlug. Nuriel bemerkt sofort den Sog, durch ihn, als der Wald begann, Stücke der negativen Magie durch ihn in den Wald abzuleiten. Er zuckte, lächelte grimmig und flüsterte: „Macht das Ding… langsam…“ Dann verlor er die Besinnung und sackte auf dem Ast bewußtlos zusammen.

Als er zu Bewußtsein kam, erinnerte er sich an die Geschehnisse wie durch einen Schleier. Er war zwischenzeitlich besinnungslos gewesen hatte nur noch mitbekommen, wie sich das Wesen auflöste. Dann war er wieder erschöpft zusammengesackt.

Nun war es früher morgen, und er war trotz seiner Kleidung elendig durchfroren, weil er nicht in sein warmes Lager zurückgekehrt war wie die Abende zuvor. Schließlich hatte er die Nacht besinnungslos auf dem Ast verbracht. Loec hatte scheinbar über ihn gewacht, auf dass er nicht vom Baum fiele. Er schickte einen stillen Dank an den Tänzer im Schatten. Nuriel fühlte sich verdammt mies und streckte seine Glieder. Fast wäre er vor Schreck vom Baum gefallen als er sah, dass der Grauhaarige schnellen Schrittes mit einem beunruhigend großen Schwert auf sein Versteck zulief. Ein äußerst beunruhigendes Schwert! Nuriel zog ein Gesicht als hätte er in eine faule Zitrone gebissen. Seine kleine Morgengymnastik war nicht verborgen geblieben, er hatte ihn entdeckt. Er scholt sich selbst für seine Nachlässigkeit. Der Grauhaarige war nur noch 50 m entfernt. Was sollte er tun? Weglaufen? 40 m. Sich zu erkenen geben? 30 m. Ach egal, er hatte die Entscheidung durch sein Eingreifen sowieso schon getroffen. 20 m. Dann würde er eben auf seinen Instinkt vertrauen. Er zog zwei Äpfel aus der Tasche. 10 m. Er warf dem verdutzten Valerian einen Apfel zu und biß in seinen eigenen grinsend hinein, während er die Beine entspannt vom Ast baumeln ließ als wäre es das Natürlichste der Welt, auf dem Baum zu sitzen.

„Morgen Nachbar! Wie ich sehe habt ihr einen Haufen Probleme indem was ihr Burg nennt, inbesondere in eurem Keller. Verdammt kalt heute, was?“ Er ließ sich vom Ast fallen und kam elegent mit beiden Beinen auf dem Boden auf. Er lächelte entwaffnend, als er den Grauhharigen mit einer leichten Verbeugung sanft anblickte. „Ich bin gekommen, um zu helfen.“

Von Matthias

Erstaunlich wie verdutzt ein Ausdruck eines Gesichtes sein kann, dass dem Draugr-Schlächter von der Schlacht bei Cidaris bei Nastrog von 1166, beauftragt und belohnt von König Coram II von Cintra, gehört. Die Pupillen seiner Schlitzaugen verengten sich, und der alte Kopf erkannte plötzlich die feinen elfischen Gesichtszüge wieder. Ein schelmisches Lächeln trat auf Valerians Lippen, während er den Apfel aufhob. „Helfen? Dafür kommst du leider einen Tag zu spät, mein lieber… Nuriel? Habe ich recht? ceádmil pavienn!“ Valerian warf den Apfel hoch und fing ihn wieder, das ganze erneut, und biss sodann in den eiskalten Apfel. Er knackte so heftig, man könnte meinen, er sei nicht nur gefroren, sondern aus Marmor. Das Echo des krachenden Fruchtfleisches hallte von der anderen Waldseite wieder.

„Komm. Ich denke ein belebendes Heißgetränk kann die Akademie Kaer Iwhaell seiner hochwohlgeboren, den Herrn der Elfenau spendieren. Auch wenn unser finanzieller Haushalt… ach egal.“ Der alte Mann wandte Nuriel bedenkenlos seinen Rücken zu. Meteoritenstahl- und Silberschwert in der jeweiligen Scheide. Er stapfte durch den Schnee zum Burgvorhaus, um den Elfen, den er von der Königswahl und der Räuberjagd in den dortigen Wäldern kannte, von seinem typisch elfisch-stoischem Kältezittern mit einem heißen Kaffee zu erlösen.

Die Tür zum kleinen Tavernenschankraum öffnete sich mit einem müden Knazen. Der dominate Geruch von Bier und Met des Vorabends stößte unausweichlich zur empfindlichen Nase des Hexers vor. Er legte den Kopf zur Seite, und sprach über die Schulter „Einen Moment bitte.“ und schloss die Tür, um die Wärme und den aromatischen Odem in der Stube zu behalten. Er wollte den halberfrorenen Elfen damit verschonen, und noch den Anschein von Würde eines Akademierektors wahren. Mit einem eleganten Schritt stapft er über den am Boden liegenden narkotisierten Wim Delvoye hinweg, der direkt zwischen Ofen und Schanktheke schlief. Valerian konnte sich ein launisches Grunzen zu seinem neuen „Lehrling“ nicht verkneifen. Verdammter Parasit. Aber Schritte und Grunzen waren hinreichend leise, dass die Schnapsleichen des Vorabends weiterschlafen konnten. Er nahm wahllos einen großen Humpen, und machte den Test seines alten Lieblingstrinkspiels ‚leere den Krug in einem Zug‘: Er stellte den fremden Humpen auf den Kopf, und hob ihn an um festzustellen, ob ein feuchter Ring auf dem alten Holztisch zu sehen ist: Nur ein kleines Pfützchen, ein Achtel eines Ringes, zeichnete sich glänzend auf dem Tisch ab. Valerian blickte sich um – kein Waschwasser mehr, verdammt. „Gut genug für meinen Überraschungsbesuch“ dachte sich Valerian, und goß den vorhin frisch gebrühten Kaffee in den Humpen. Der liebe Erdhüter Sebastian, unser Herr Diplomat würde mir den Kaffee in die Bruche gieße, wüsste er von diesem Fauxpas. Er musst unwillkürlich über seinen geliebten Gesellen Sebastian grinsen, und warf seinem Hexer einen liebevollen Blick zu, der eingewickelt in seiner Decke am anderen Ende des Raumes lag. Auch seine liebe Meidwynn, Valerians treue magische Stütze und gefühlte Tochter lag eingerollt in ihrem Feldbett. Ihr Fuchsschwanz und ihre Beine zuckten leicht – Skoja war vermutlich gerade am Jagen. Ein süßer Anblick. An der anderen Wand des Schankraumes lag Raziel, lang ausgestreckt auf seiner Pritsche. Valerian war stolz auf ihn, Raziel hat hervorragend gekämpft gestern. Er setzt große Hoffnungen in den Jungen. Hoffentlich wird ihm der moralische Sebastian Raziels Herkunft irgendwann verzeihen, sobald er es herausfindet versteht sich… Der elfischen Gastlichkeit zuliebe, retuschierte er die Metnote des Kaffees mit etwas Milch und einem Stück Zucker.

Nuriel, sichtlich verfroren, nahm sofort wieder die elfisch-stolze Haltung an, als sich die Tür mit einem erneuten Seufzen öffnete. Valerian lächelte ihm herzlich zu, und überreichte ihm einen dampfenden Humpen. „Bittesehr. Folge mir, der Geruch da drin ist etwas zuviel verlangt für einen Gast von Stand. Folge mir in den Lehrsaal“. Valerian schritt gemütlich voran, über Brücke, durch Burghof, die Wendeltreppe des Turmes hinauf, bis in den kalten Lehrsaal, der langsam etwas Wärme durch die erleuchteten Kerzen annahm, die Valerian zum Arbeiten entzündet hatte. Der alte Mann zog einen Stuhl an die andere Seite des Tisches heran, nahm auf dem gegenüberstehenden knatzenden Stuhl am Lehrerpult platz, und erlaubte sich einen gemütlichen Seufzer. Mit weiser Absicht blickte er Nuriel an und gestattete sich eine bewusste Stille, in der er einfach nur lächelte. Sodann stellte er die Frage:„Warum bist du hier Nuriel, Baron der Elfenau?“

Von Marc S.

Nuriel lächelte fein und mit einem leichten Kopfnicken zurück, wobei er darauf achtete, eine gerade und erhabene Haltung einzunehmen. Er versuchte etwas Würde auszustrahlen gemäß seiner neuen Stellung. Außerdem erwartete man von einem Elfen immer, irgendwie erhaben, bedacht und sauber zu sein – das war ein seltsame menschliche Angewohnheit im Denken.

Wie er es haßte, dieses höfische Narrenspiel von Arroganz und Erhabenheit. In seiner Heimat waren diese Spiele, anders als in den Städten der anderen Elfenkönigreiche Ulthuans, wenig wert. Die Sippen der Schattenkrieger aus Nagayrythe lebten in einem ständigen Guerillakampf in der Wildnis und achteten die praktischen Regeln des Überlebens weit mehr als höfisches Brauchtum.

Er drehte den Becher leicht in seinen Händen, dann nahm er einen Schluck. Irgendwie lecker mit – hm – einer süßen Metnote? Er schob den Gedanken beiseite.

„Ich bin immer auf gute Nachbarschaft bedacht und lerne meine nahen Mitbewohner gerne kennen.“ sagte er. Und man weiß nie ob man eine fertige Burg, in die man sich wenns kracht zurückziehen kann, brauchen kann, dachte er, bedacht darauf unauffällig zu schauen. „Außerdem dachte ich, ihr könntet etwas Hilfe beim Aufbau der Rui… ähm der Burg gebrauchen. Bauholz, warme Wolle, Nahrungsmittel. Ich könnte sicherlich etwas davon entbehren in meiner Baronie.“ Es könnte auch Wein sein, sinnerte er in Gedanken weiter, mit etwas Zucker. Milch war offensichtlich auch darin. Er schnupperte unauffällig am Becher. War das da ein Barthaar am Rand? Er lächelte den Mann entwaffnend an stand auf und ging ein paar Schritte auf und ab. „Ich brauche im Gegenzug dafür allerdings etwas Hilfe in meiner Baronie“ Um genau zu sein habe ich möglicherweise ein Scheiß Monster Problem und nur eine Handvoll Bauern und keine Lust allein in dunklen Höhlen mein Leben zu riskieren, dachte er. „Es gibt da ein paar unbestimmte Gerüchte von Bauern, ein paar Geschichten, denen ich gerne auf den Grund gehen würde. Nur zur Sicherheit. Ihr kennt euch doch mit der Jagd aus, nicht wahr? Vielleicht könntet ihr mich begleiten, falls doch etwas daran sein sollte? Dann lernt ihr auch gleich meine Baronie kennen.“ Er blickte in den Becher unauffällig mit einem Auge in den Becher und nahm einen Schluck. Für Johannisbeersaft war es nicht fruchtig genug.

„Im Gegenzug würde ich euch wenn es nötig ist zudem helfen, euren Keller genauer anzuschauen.“ Verdammt dachte er, warum habe ich das jetzt gesagt? Er scholt sich innerlich selbst für seinen Überschwang. Er schnupperte. Da war etwas, ein Geruch über dem Kaffeeduft. Er war sich ganz sicher.

„Und wir lernen unś etwas kennen. In der derzeitigen politischen Lage ist es sicherlich gut, zu wissen, wem man vertrauen kann. Wenn ihr versteht.“ Er warf ihm einen vielsagenden Blick zu. Dann schnippte er das Haar vom Becher und trank ihn in einem Zug aus. „Und vielleicht können wir von einander das ein oder andere Lernen. Ich würde sagen, wir sind beide Männer mit nützlichen Talenten.“ Er grinste in breit an und stellte den Becher auf den Tisch, um auf die Antwort seines Gastgebers zu warten. Das nächstes mal würde er sich einen eigenen Becher mitnehmen.

Von Matthias

Valerian hörte geduldig zu und lächelte. Der Baron hat längst ausgeredet, als Valerian auf das hochwohlgeborene Geschäftsangebot antwortete mit: „Met.“ Der Elf schaute erst leicht verwirrt, begriff aber nach einer Zehntelsekunde. Der Hexer wusste die elfischen Gesichtszüge nicht als mäßig überrascht oder angewidert zu deuten.

„Nachbarn… stimmt. Die Elfenau grenzt an die Nordwestspitze der Schwertau. Euer Sitz ist in Dismarden nehme ich an? Im Norden der Au?…“ der Greifenhexer stellte hohle Fragen deren Antwort er kannte, um Zeit zu gewinnen, um zu überlegen: Wäre er vor einigen Tagen gefragt worden, ein auswärtiger Großauftrag käme auf keinen Fall in Frage. Die Situation hat sich aber rapide geändert. Die Burg ist noch lange nicht fertiggestellt. Nach Aussage des Baumeisters kann die Burg in seiner Gänze erst in einem knappen Jahr eingeweiht werden. Außerdem blieb die von Valerian erhoffte Flut an Lehrlingen aus – abgesehen von politischem Spionagepack wie Wim. Er könnte tatsächlich Ressourcen zum schnelleren Aufbau brauchen. Er könnte tatsächlich noch Dozenten für die Akademie brauchen, und ein Aen Saevherne, ein Wissender, wäre eine kostbare Bereicherung. Vielleicht bekommt er sogar die Möglichkeit Lehrlinge und Novizen aus der Elfenau für Meidwynn’s magische Fakultät der Akademie zu rekrutieren, wenn sich die Hexer dort einen Namen machen? Außerdem – sollte sich Nuriel als vertrauenswürdig herausstellen, wäre er ein kostbarer politischer Verbündeter, und kein gernotischer Speichellecker…. aber – ein Keller? Welchen Keller meint er verdammt? Dem alten Hexer ist kein Keller der Burg bekannt… meint der Elf etwa den Weinkeller der Taverne? Ist er etwa eine Weinnase wie der ehemalige Burgbesitzer Isengrim von Treuhall? Als Säufer hätte Valerian ihn gar nicht eingeschätzt… aber vielleicht ist der Elf auch nur ein extensiver Weingenießer? Valerian lächelte innerlich über die vermeintliche Schwäche Nuriels.

„Wie Ihr seht, sind wir gerade aktuell recht – beschäftigt. Wie lange sitzt Ihr schon auf dem kalten Ast? Einerlei. Aber gut. Angebot und Nachfrage: Erzählt mir, um was für Gerüchte handelt es sich in eurer Baronie konkret? Was ist eure Erwartungshaltung mir gegenüber?…“ Valerian überlegte kurz mit welche diplomatischen Raffinesse jetzt sein lieber Sebastian fragen würde – Valerian gab diesen Versuch aber auf:„… und inwiefern ‚wem man vertrauen kann‘? Gibt es politische Elemente denen Ihr nicht vertraut?“ Valerian bereute innerlich die Frage sofort. Der Elf war bestimmt sehr auf höfische Formen und Standesgehabe erpicht, auf leere Floskeln und Drumherumgerede. Er wappnete sich innerlich für einen fassungslosen Gesichtsausdruck und eine harsche Antwort. Das war er aber als Hexer und mit seiner direkten Persönlichkeit gewohnt.

Von Marc S.

Nuriel hatte viele Schwächen. Er war weder Heiler noch Alchemist, kein Panzertragender Ritter und auch kein akademischer Magus (auch wenn er große Fähigkeiten hatte die er aber stets verborgen hielt), aber eines war er: Ein Sprecher, Redner, Vernetzer mit diplomatischen Fähigkleiten. Und deshalb war er sich sicher: Dieser Mann dort war kein Diplomat. Statt einer geschwollenen Antwort auf seine höfliche Einleitung hatte er wie ein Hund gerade heraus gebellt. Nuriel lächelte innerlich. Dieser Mann gefiel ihm, denn er kam ohne Umschweife zu Sache. So wie er es selbst mochte. Fast erlag er der Verlockung seine Maske fallen zu lassen und ungezügelt zu antworten. Aber er besann sich eines Besseren. Noch nicht.

„Ich denke, das mit dem Met läßt sich arrangieren“ antwortete er kühl, stellte sich aufrecht und steckte seine Hände in die gegenüberliegenden weiten Ärmel seins Gewandes, um eine elfische Haltung einzunehmen. Met, dachte er. So billig. Met hätte ihm nichts bedeutet. Eine Schriftrolle viellcht. Ein gutes Buch. Ein neuer Zauber. Ein Artefakt. Dinge, die ihn auf seiner eigentliche Queste, der Suche nach der Träne der Isha voranbrachten. Met. Wie profan. Wollte ihn der Mensch in eine Falle locken und hoffte, er, Nuriel, würde ihn unterschätzen? Er überlegte. Um Vertrauen zu gewinnen mußte man erst in Vorleistung gehen. Er wollte ehrlich sein.

„Es gibt in meiner Au Gerüchte von Leichenfressern. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber die Gerüchte häufen sich. Ich will der Sache auf den Grund gehen, aber ich brauche jemanden, der mich begleitet. Ich kann das weder alleine, noch mit ein paar Bauern tun, denn wenn etwas an den Gerüchten ist, könnte es gefährlich werden.“ Er beschloss sich zu setzen, begab sich auf den Stuhl und beugte sich nach vorne und blickte Valerian direkt und offen in die Augen, indem er sich leicht vorbeugte. „Ich kann das nicht alleine tun, ich brauche euch, denn ihr seid mit solchen Dingen vetraut und stellt eine beachtliche Kampfkraft dar. Ich frage möglicherweise nach viel, aber ich bin bereit, euch auch im Gegenzug eine Menge zu geben. Met, Nahrung, Holz, Schafsfelle, Handwerker die eure Arbeiten beschleunigen. Und wenn nötig, werde ich euch persönlich mit meinen, nun sagen wir „elfischen“ Fähigkeiten unterstützen.“ Er schnippte und ließ in seiner Hand kurz eine kleine Flamme brennen, die in einem bunten Funkenregen zerstob. Dies war der Honig, den er für den Bären auslegte.

Das war ehrlich und gerade heraus gewesen. Sein gegenüber schien dies nicht zu stören. Nuriel stand wieder auf und beschloss den soeben eingeschlagenen Pfad weiter zu verfolgen. Er verließ sich auf seinen Instinkt was den Menschen anging. „Als Zeichen meines guten Willens will ich euch eine Information geben, vielleicht kennt ihr diese schon, vielleicht nicht. Unter eurem Schloß ist im Astralraum ein ungewöhnliches Leuchten zu sehen, ich nahm an dies wäre im Keller. Ihr wißt was der Astralraum ist, nicht war?“ Natürlich wußte sein gegenüber was der Astralraum war, aber es gehörte zur Maske der Arroganz, so zu tun, als ob er ihn für unterlegen hielt. Sein Gegenüber würde dies als Schwäche Nuriels auslegen und ihn wiederum für überheblich halten und unterschätzen. Er öffnete sich selten einem Menschen vollständig. Loecs Wege waren voll Täuschung und Spiel. Nuriel lächelte Valerian an. Er stand auf und ging, bedacht auf elegante Schritte, leichtfüßig auf und ab. Er blickt ihm aus dem Halbdunkel tief in die Augen, fixierte ihn durchdringend. Er wurde ernst. „Zudem: Sein wir ehrlich, wir beide schätzen die Politik nicht sonderlich. Aber wir müssen uns damit auseinander setzen.“ Er beschloss alles auf eine Karte zu setzen. „Dem König fehlt es an Weisheit und diplomatischem Geschick als auch an taktischer Kunst, und wenn wir meine Au und eure Burg behalten und in Frieden leben wollen, dann müssen wir dafür sorgen, dass er keine größeren Fehler macht und uns überlegen, wie wir die Sicherheit der Ländereien aufbauen. Ihn nach besten Kräften unterstützen auf unsere Art. Auch für uns selbst. Eure Burg wird eine sicherte Grenzfeste vor meiner Au, meine Au wird euch und den anderen Ländereien Nahrung liefern, denn daran ist die Au reich. Ich schätze die Speichellecker des Königs, diese Fähnchen im Wind, nicht als Verbündete. Ich will Männer und Frauen mit Verstand und Entschlossenheit. Deshalb bin ich hier.“ Das mußte wirken. Hoffte er. Er beschloss, Valerian einen Moment der Reflexion zu geben und drehte sich im Halbdunkel um, sodass er mit dem Rücken zu Valerian stand. Er verschränkte die Arme wieder, indem er die Hände in die gegenüberliegenden Ärmel steckte.

Nach einigen Momenten sprach er leise weiter, flüsterte, sich der Wirkung dieses Momentes bewußt. „Es wird Krieg geben Valerian. Es ist nicht die Frage ob, nur die Frage wann. Der Krieg kommt immer zu uns. Immer. Nichts anderes kennt meine Volk, vernarbt sind ihre Seelen. Und auch die meine. Ich will vorbereitet sein. Meine Bauern ausbilden. Und euch gern jene schicken als Schüler, die „Talent“ haben. Die Auen durchkämmen, kennenlernen und sichern. Geheime Vorratslager anlegen. Die anderen Auen auf diesen Pfad führen. Veründete gewinnen. Den großen Ork herausforden, um den Respekt seiner Leute zu gewinnen. Es spielt keine Rolle ob ich Orks mag. Nur, dass sie für uns und nicht gegen uns sind. Das Bündnis mit Amerion vorantreiben. Die Alten aufsuchen. Dafür brauche ich Leute, die mit mir arbeiten und auf die ich bauen kann. Verläßliche Verbündete. Leute, deren Vertrauen ich gewinnen möchte und denen ich vertrauen kann.“

Er drehte sich im Halbdunkel halb um und blickte Valerian traurig an. „Der Krieg wird kommen, Valerian. Helft mir, weiter in die Zukunft zu denken, als es der König vermag.“

Von Matthias

Pah! Typisch Elf. Kein Gefühl für Saraksmus und ironische Pointen. Was solls – dann soll er uns eben mit Met beliefern als Teil der Belohnung – es gibt schlimmeres. Valerian lächelte innerlich. Er sah schon vor dem geistigen Auge einen Ochsenkarren aus der Elfenau voll mit Metfässern anrollen und die Hexergesellen jubeln. Die Lehrlinge müssten sich den Met erst verdienen. Der Hexer erwachte aus dem Tagtraum, der den Bruchteil einer Sekunde andauerte. „Nekrophagen also. Nungut. Das ist zwar erstmal etwas unspezifisch, aber ich habe nicht erwartet, dass Ihr präzise kryptozoologische Typisierungen von euren Bauern erhaltet. Zu eurer damit verbundenen Frage: Ja, damit kommen wir zurecht. Wissenswert wäre für mich aus beruflichen Gründen: Gab es eine Pest oder Seuche in eurer Au oder ein anderes Massensterben kürzlich?“ Irgendwas musste ja diese Drecksviecher angelockt haben. Normalerweise sind Leichenfresser in Haufen der dunkle Schatten, den Kriege und Plagen hinter sich herziehen… gab es derartiges in der Elfenau?

„Nun – das Problem ist genannt. Ihr habt recht: Alleine, oder gar einzelne Hexer, können eine Leichenfresserplage nicht bekämpfen. Ich erinnere mich beispielsweise gut an das Jahr 1262 in meiner Heimat, als Nilfgaard das Massaker von Cintra angerichtet hat und noch im selben Jahr die berühmte Schlacht von Sodden stattfand! Meine Schule war in dieser Zeit komplett in dieser Region im Einsatz… ich erinnere mich auch an den Beginn des ersten Nilfgaard-Krieges 1239 – danach war es…“ Valerian hielt kurz inne. Weder interessierte es Nuriel, noch war es für das Vertragsgespräch von Interesse, noch sollte Nuriel Rückschlüsse auf Valerians Alter ziehen können – er ruderte also zurück und spielte seine geliebte Opa-Valerian Karte aus „… ach verzeiht – Gedankenabschweifungen eines alten Mannes.“ Der grauhaarige Hexer hüstelte gespielt und verlegen.

„Zurück zum Thema: Ja. Ich stimme euch zu. Ihr braucht keine Helden – ihr braucht Profis in eurer Elfenau. In Krisenzeiten legen Nekrophagen ein exponentielles Populationswachstum vor. Dies kann zu Erntevernichtungen, Krankheiten, Bürgerunruhen und Einschränkungen im Handel führen… ihr tut gut daran, euch Gedanken um eine professionelle Lösung zu machen.“ Valerian hat in seiner langen Zeit als Hexer etliche Vertragsgespräche geführt. Nach dem Problem folgt der Nutzen. Die Lösung, zuletzt erst der Preis. Er wollte auch den Ball des Lobes an Nuriel zurückspielen. Das überschwengliche Lob des kühlen Elfen ließ Valerian innerlich nachdenken: Überschwengliche Schleimerei als Verhandlungsstrategie? Oder typisch kühl-elfisches, objektives Auflisten von Fakten? Es spielt keine Rolle. Der Greifenhexer möchte sich von so etwas nicht verunsichern lassen.

„Wir können euch anbieten, als vorläufiger Ausschließlichkeitsauftraggeber, unsere volle berufliche Aufmerksamkeit zu erhalten. Wir könnten in Kürze aufbrechen zur Elfenau mit unserer ganzen Stärke, um euch bei der Typisierung und Bekämpfung der Plage zu helfen… Was die Information betrifft zum Schloßkeller…“ Valerian verkniff sich gekonnt ein brausendes Lachen – der Elf nannte die Ruine ‚Schloß‘! Brilliant beiläufig Nuriel! „….Mir war durchaus bewusst, dass dieser – Ort, den uns der großzügige König Gernot verliehen hat“ Valerian räusperte sich „noch nicht gänzlich, trotz gestriger Ereignisse, von seinen extrasphärischen Altlasten befreit ist. Aber ich gestehe: Von einem Keller unter der Burgruine weiß ich nichts. Der Zugang dazu könnte sich gewiss in einem der Trümmerhaufen befinden… ich denke, im Rahmen eines Jahres, werden Gernots Baumeister die Trümmer soweit freigelegt haben, um diese Angelegenheit weiter zu erforschen. Bis dahin: Danke euch für die Information.“ Der Hexer nickte wohlwollend Nuriel zu. „… und zudem danke ich euch für eure Offenheit, was die politische Situation betrifft. Ich sehe es ähnlich. Ich habe den Auszug aus der Heimat befohlen, weil ich kein Interesse an Krieg habe. Hexer sind keine Soldaten. Keiner meiner Schüler soll jemals ein Bauer auf dem Schachbrett der fettwanstigen Souveräne sein.“ Valerian bereute erneut innerlich seine Wortwahl – aber dieses Thema versetzt ihn immer in Wallungen „Deswegen habt ihr völlig Recht. Kein Fähnchen im politischen Wind. Keine Schleimer, Speichellecker und Opportunisten. Aber geeignete Maßnahmen zur Sicherung einer sicheren Zukunft für meine Schule. Ja. Und eine Symbiose aus ausgebildeten Hexern aus der Elfenau für die Elfenau und Güter und Wissen für uns sollte uns beiden zum Vorteil gereichen. Aber:“ Der Grauhaarige machte eine bewusste Pause, während er väterlich den Zeigefinger hob „Hexer sind keine Soldaten. Ich freue mich über Schüler aus der Elfenau – aber sie sollen Hexer werden. Keine Leibgarden, Panzerreiter oder Kriegsknechte. Sie sollen eure Aue sicher halten vor allen Monstern außer dem Übelsten: Dem Menschen. Meine Hexer jagen keine Menschen. Eure konkreten Vorschläge zum Ork, zu Amerion… Ich stimme euch zu. Das macht Sinn. Ihr könnt dabei mit mir rechnen.“ Der Hexer pausierte erneut. Langsam machte sich die Wärme der Kerzen in dem Vorlesungssaal breit, und der weiße Nebel vor den beiden Atmenden verschwand.

„Nun fragt ihr euch gewiss, was will der alte Greis vor euch denn als Bezahlung? Ohne Umschweife: Für die Erforschung und Reinigung eurer Au von der Nekrophagenplage, für meine Garantie, eure Au auf ewig von Monstern freizuhalten solange diese Schule währt, für das Aufnehmen von freiwilligen Hexerschülern und Magiernovizen für unsere Magiefakultät von der Magiern Meidwynn Silberfuchs aus eurer Au, für beschriebene Symbiose und das politische Bündnis mit einhergehenden Taten erwarte ich uneingeschränktes Monsterjagdrecht für meine Akademieangehörigen in eurer Au mit der Erlaubnis zum Eingehen von entsprechenden Jagdverträgen, eine Pauschale von sechs Kupfern pro Nekrophage plus Gefahrenzuschlag für höhere Nekrophagen sowie die Option auf den Abschluss von Verträgen dazu mit der lokalen Bevölkerung solange Ihr die jetztige Nekrophagenplage als nicht abgeschlossen betrachtet, die Erlaubnis Werbung für unsere Schule in der Elfenau zu betreiben, den Zugang zu Wissen und Kopien interessanter Werke für unsere Akademiebibliothek, einen elfischen Baumeister für den Burgenaufbau als Unterstützung für Gernots Baumeister, elfisches Meisterschmiedewerkzeug und Schulungen durch einen elfischen Schmiedemeister für Raziel, unseren Schmied, monatliche Lieferungen mit Fellen, Leder, Schwertern für unsere Lehrlinge, ausgewählten Erzen für Raziel, Nahrungsmitteln, und gerne auch“ Valerian überlegte kurz „Getränken und saisonalen Kräutern für unsere alchemischen Arbeiten und zu guter Letzt: Euch als Gastdozenten an unserer Schule.“ Es war viel verlangt. Aber der Hexermeister wusste auch, er riskierte einen Totalverlust: Er hatte wenig Schüler, die teilweise noch wenig Ausbildung erfuhren, und kann maximal zwei bis drei Hexergruppen bilden, die die Aue säubern. Werden diese aufgerieben – ist die Schule der Greifenhexer endgültig tot.