Die Rache des Waldes

Die Rache des Waldes

Metagame von Yannic und Peter

Prolog

Der Weg war schlammig, machte das voranschreiten des Pferdes hinderlich. Der Mann auf dem Rücken des Pferdes zog seinen Umhang fester und hoffte, dass der Loden den hier anbrausenden Sturm möglichst von ihm und seiner wertvollen Ware abhalten mochte. Der Reiter rutschte ein wenig auf dem Pferd hin und her um eine angenehmere Position zu finden. Ein Unterfangen, dass nach den Stunden im Sattel ebenso bemüht wie zwecklos war.

Es war ungewöhnlich dunkel für diese Tageszeit befand der Reiter nach einem Blick in den von dunklen Wolken gänzlich verschluckten Himmel, aus dem es mehr Wasser goss als in Wyzima an einem guten Waschtag aus den Fenstern geschüttet wurde. Der Mann auf dem Rücken des Pferdes hieß Godwin Birnbaum. Sein Name stand in weißen Lettern aufgestickt auf seiner Brust, direkt über einem darunter stehenden Stickwerk, dessen Buchstaben das Wort ‚Vattweir Botendienste‘ bildete. Godwin hasste diese Aufschrift auf seiner Brust, denn wenngleich auch Menschen dazu neigten sich nichts merken zu können – den Namen eines Dienstleisters, der sie nicht zufrieden stellte, den merkte sich jeder. Und Menschen die auf Post warteten waren selten zufrieden. Sie ignorierten den Fakt, dass die Straßen mit all ihren Passierwegen, Schlagbäumen und Zöllen nicht mehr so einfach zu bereisen waren wie dereinst unter König Foltest Zeiten. Ja, damals unter Foltest war das Leben noch einfacher gewesen. Damals hatte er als königlicher Bote gedient, hatte Befehle des Königs ausgeliefert, an jeder Herberge ein frisches Pferd verlangen können und war stolz auf seinen Beruf gewesen. Heute gab es keinen Foltest mehr. Keine königlichen Boten, keine Befehle die er ausliefern konnte. Statt einem frischen Pferd an jeder Herberge durfte er nur an genau bestimmten Wegposten sein Pferd wechseln. Wegposten, die als Außenstellen zu den ‚Vattweir Botendiensten‘ gehörten. Es gab genau zwei davon in ganz Temerien.

Aber die Zeiten änderten sich. Einst war er ein königlicher Bote gewesen. Aber einst war sein Weib auch schön, die Kinder brav und seine Manneskraft unvorstellbar gewesen. Die Welt änderte sich. Er wurde alt, sein Weib runzelig und seine Kinder Tyrannen, die ihm auf der Tasche lagen. Also musste er weiterarbeiten und da er nie etwas Anderes gelernt hatte, war er zu den ‚Vattweir Botendiensten‘ gegangen. Aber die Zeiten änderten sich nunmal. Und das Gehalt. Meistens zum schlechteren.

Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken, die sich in behäbiger Regelmäßigkeit um den Körper seines Weibes vor mehr als dreißig Jahren oder die Körper anderer Weiber, die heute keine dreißig waren, drehte. Er blickte sich in dem kleinen Waldstück um, welches sie nun erreicht hatten. Sein Pferd und er. An den Rändern des Weges lagen hohe Baumstämme, gefällt und aufeinandergeschichtet, weitere Bäume am Rande waren mit weißer Farbe markiert. Der Regen hatte zugenommen, zog lange Flüsse aus braunem Schlamm durch die Rillen am Wegesrand. Ein Rascheln war zu hören. Godwin sah in die Richtung des Raschelns, doch nichts zeigte sich. Godwin hätte schon geglaubt, dass er sich getäuscht hatte, dass er von der Reise müde und erschöpft war. Erneut wollte er das Pferd antreiben, doch der alte Gaul bewegte sich nicht. „Komm schon du verdammtes…“ er trieb die Fersen in die Flanken, doch das Tier scheute nur auf, warf Godwin von sich, der mit einem krachen auf dem Boden aufschlug und schrie, als er sah was der Sturz mit seinem Bein angerichtet hatte. Er schrie, als er sah was sich ihm nährte. Schrie, als die Wurzeln ihn packten, schrie als sich die Raben auf ihn stürzten. Er schrie nicht mehr als die Wölfe kamen. Konnte nicht mehr schreien.

Vorbei an Brugge

Sie hatten das Dorf der Antherion bereits seit mehr als einer Woche hinter sich gelassen, doch Gabhan war noch immer nicht bester Laune. Womöglich war er niemals wirklich bester Laune, doch seine Stimmung zeigte sich ganz eindeutig wesentlich gedrückter als zu Anfang der Reise. Der Hexer, der sich beständig weigerte auf Atheris Gaul aufzusteigen verzögerte die Reise, wenngleich er auch abends und am Lagerfeuer ein wenig aufzutauen schien. Dann, wenn die Flammen fast gänzlich heruntergebrannt und die Sterne hell waren, erzählte er Atheris von den besten Möglichkeiten ein Silberschwert zu führen, von den Vergiftungen, die Monster herbeiführen konnten oder aber von dem direkten Zweikampf gegen übermächtige Gegner. Er zeigte ihm jene, wuchtige Hiebe, die den Bärenhexern zu eigen waren und die wenig mit der tänzerischen Eleganz von Atheris Greifenstil gemein haben wollten, dessen weite Schwünge weniger dem Schaden als der Verwundung vieler Gegner zur gleichen Zeit golt.

Doch an den darauf folgenden Morgen war Gabhan wieder ganz der Alte. Hing seinen eigenen Gedanken nach und sprach nur das notwendigste. Andererseits beteiligte er sich an der Jagd, gab Atheris von seinem Essen ab und erwies sich auch sonst als durchaus nützlicher Reisegefährte. Es war der Morgen des zehnten Tages, als Gabhan Atheris schließlich festhielt. „Wir überqueren bald die Grenze zu Temerien,“ erklärte er leise und bedacht. „Tu mir einen gefallen und gehe nicht zu sehr auf die Eroberung Nilfgaards bezüglich Temerien ein. Nach allem was ich weiß ist das ein Thema auf das niemand gut zu sprechen ist – und das womöglich bei weitem noch nicht so klar ist wie du glaubst. Partisanen sind eine scheußliche Angelegenheit und ich würde mich gerne dieses eine Mal nicht mit einem ganzen Dorf anlegen.“

„Werde ich nicht, Gabhan!“ antwortete Atheris. Es war der letzte Feldzug gewesen, an dem der nilfgaarder Hexer als Soldat des Kaiserreichs teilgenommen hatte. Beim dritten Versuch hatte Nilfgaard das einst so stolze Temerien bezwungen und zu seiner nördlichsten Provinz gemacht. Dennoch wehrten sich auch nach all den Jahren noch vereinzelte ehemalige Anhänger des verschiedenen König Foltests gegen die Besatzung. Atheris hatte sich inzwischen damit abgefunden, dass es diese Meinung gab und da er als Hexer nun versuchte, sich aus der Politik rauszuhalten, sah er kein Problem darin. „Lass uns weiterziehen, Gabhan!“

Der angesprochene Hexer zog eine Augenbraue nach oben, nickte dann aber. Es war nie eine gute Idee mit Leuten über gewissen Dinge zu sprechen. Wenn man Freunde bleiben wollte, so waren Themen wie Religion und Politik immer auszusparen. Immer. Die Straße unter ihnen wurde mit jedem Schritt breiter, während sich die Straße von Brugge zu jener Temeriens formte. Mit jeder Meile die sie zurücklegten wurde es kälter, die Wolkenformationen dichter und die Luft drückender. Es würde bald ein Gewitter geben. Das Zweifellos – woran Gabhan jedoch Zweifel hatte war an der genauen Wegrichtung. Natürlich, wenn sie zur Hauptstadt wollten mussten sie nur der Straße und den Schildern folgen. Aber dort wollten sie nicht hin. Sie mussten Richtung Vattweir – dort irgendwo auf dem Weg war jenes Dorf, von dem der Aushang sprach, den er gelesen hatte. „Wenn ich das richtig sehe,“ murrte er leise und blinzelte gegen den anbrausenden Sturm. „Dürften wir in weniger als zwei Tagen das Dorf erreichen, wo die Menschen verschwinden. Laut Aushang soll es 250 Orens für die Beseitigung des Problems geben. Zu wenig, wenn du mich fragst. Wir sind zwei Leute. Nicht weniger als 400 Orens. Hier geht es um das Leben von Menschen, die Leute sind dann in der Regel bereit zu zahlen. Vor allem, da auch unseres auf dem Spiel steht.“

Der folgende Tag war verregnet und der kalte Herbstwind sorgte für keine gute Laune unter den Zunftbrüdern. Tief in ihre Mäntel gehüllt folgten sie dem schlammigen Pfad. Der Norden … unzivilisiert und rau, dachte sich Atheris. Im Kaiserreich waren die meisten Wege gepflastert und sorgten für ein besseres Vorankommen. Als das Unwetter immer schlimmer wurde, passierten sie ein altes Gasthaus…klein und nicht im besten Zustand … aber aus den Fenstern schien ein warmes Licht. Hier im Niemandsland der temerischen Wälder, war es aber schon ziemlich viel. Atheris blickte von Ker’zaer hinab zu Gabhan und ihre Blicke begegneten sich. Sie wechselten kein Wort, sondern bogen gemeinsam durch das kleine Tor auf den Hof des Gasthauses.

Das kleine Gasthaus im Niemandsland kam Gabhan gerade recht, während sich der Regen des nahen Sturms tief in dem Fell seines großen Mantels verfangen hatte. Der Bärenhexer hatte den, aus dutzenden Fellresten zusammengestückelten Mantel noch nicht abgelegt, kaum die Verschnürung am Hals gelöst, als eine tiefe Stimme aus dem Inneren der Taverne ihn innehalten ließ. „Solchen Abschaum bedienen wir hier nicht!“ die Stimme war rau und unfreundlich. „Hey, Mutant! Hörst du schlecht?“ Gabhan verharrte weiter in der Bewegung, die Hand noch immer am Knoten in Hals höhe. „Hat man Töne? Nicht nur ein dreckiger Hexling, nein – jetzt sind sie auch noch zu den schwarzen Übergelaufen!“ eine andere Stimme, deren Besitzer offensichtlich Atheris entdeckt hatte, der nun nach Gabhan die Taverne betrat, nachdem er Ker’zaer irgendwo angebunden haben musste. „Was hat der Kaiser euch Geschmeiß versprochen? Ein eigenes Königreich wie den Spitzohren?“ Gabhan verharrte noch immer, während er seinen Blick über die Anwesenden schweifen ließ. Der Wirt und mehrere Männer, die anhand von Kleidung und Geruch professionelle Holzfäller waren. Männer, deren Statur den Begriff „Holzfällersteak“ geprägt hatten und die dem Geruch und der Anzahl an Bierkrügen nach zu urteilen wohl allein dafür verantwortlich waren, dass die Taverne hier wirtschaftlich rentabel war.

„Das geht ja gut los, Gabhan!“ flüsterte Atheris seinem Zunftbruder zu und zog weiter seinen nassen Umhang aus. Er hatte keine Lust auf Streitigkeiten, er wollte einen warmen Eintopf und ein Wein…oder Bier…vermutlich Bier – es war das falsche Publikum für Wein. Er betrachtete die Männer, die sich inzwischen erhoben hatten und die beiden hasserfüllt anstarrten. „Vorurteile, Unwissenheit, Alkohol und Gruppendynamik!“ meinte er zu seinem Zunftbruder.

Atheris sah, wie ein rothaariger, sehr breit gebauter Jüngling sich erhob und auf Atheris mit dem Bierkrug in der Hand zu schwankte. „Überlege dir genau, was du vorhast. Wenn du auch nur einen kleinen Teil der Geschichten über Hexer und ihre Fähigkeiten kennst, dann weißt du, dass es keine gute Idee ist!“ warnte Atheris den Herannahenden. Leider blieb die Warnung ungehört – der Jüngling holte zu einem mächtigen Schwinger mit der Faust aus und schlug zu. Atheris sah den Schlag kommen, was auch kein Kunststück gewesen war und machte einen Schritt zurück. Der Hieb, der sein Ziel verfehlte und nur die Luft durcheinanderwirbelte, brachte den jungen Holzfäller aus dem Gleichgewicht, so dass er taumelnd gegen einen Tisch krachte, sich den Kopf ordentlich anschlug und bewusstlos liegen blieb. Sofort war der ganze Schankraum auf den Beinen und stürmten auf Atheris los. „Zumindest wird es uns aufwärmen, Gabhan!“ seufzte Atheris, formte mit seinen Händen das Zeichen Aard und entfesselte die Druckwelle gegen die Beine, der heranstürmenden Männer. Als ob man ihnen einen großen Teppich unter den Füßen weggezogen hatte, stürzten die Holzfäller übereinander. Atheris blickte noch einmal über die Schulter von Gabhan und begann dann mit seinen zwei schlagenden Argumenten die Männer eines Besseren zu belehren.

Es gab viele Geschichten über die verschiedenen Hexerschulen. Die Schule des Wolfes galt als eine der klassischen Hexerschulen – sie hatten für so ziemlich jedes Monster ein Hausmittel, jagten ihre Beute unerbittlich und sollten, so sie denn mal zusammenkamen, auch im Rudel gegen ein starkes Ungetüm ankommen. Über die Schule des Mantikors war wenig bekannt, die Schule der Schlange waren für außerordentliche Mutationen und den gezielten und perfektionierten Einsatz von Giften und Tränken bekannt. Die Greifen kannten sich wie kein zweiter in der Nutzung der Zeichen aus, fochten auch mit Leichtigkeit gegen viele Gegner und wählten, so der Ruf, meistens Worte statt Taten. Die Schule des Bären indes war grobschlächtig, steckte viel ein, teilte viel aus und war rauflustig. Soweit die allgemeine Meinung.

Und dennoch – dennoch hätte Gabhan auf diese Schlägerei verzichten können. Er hatte vorgehabt Atheris zu sagen, dass es das nicht wert war. Dass sie sich ihren gesamten Ruf bereits im vornherein ruinierten und mit einem ruinierten Ruf würde das Folgende nur noch schwieriger werden. Doch Atheris, der Hexer der Greifenschule, schien sich ein wenig zu sehr von dem vermeintlichen Temperament der Schule des Bären abgeschaut zu haben und noch ehe Gabhan sich Fragen konnte wie es so weit gekommen war, flogen die Fäuste.

Der Bärenhexer ließ seinen schweren Mantel los, welcher mit einem satten und hörbar platschenden Geräusch auf den Boden fiel. Dann war schon einer der Holzfäller bei ihm, schlug ihm zwei Mal satt in den Magen, doch der Bärenhexer bewegte sich nicht. Ging nicht, wie vom Holzfäller erwartet in die Knie. Gabhan ballte nur die Hand zur Faust und ließ diese krachend mitsamt den Nieten gegen den Schädel des Angreifers donnern, dass dieser das Bewusstsein verlor. Der nächste war schon heran, Fäuste und Flaschen flogen, krachten gegen Gabhans Scheitel und zerbarsten. Splitter setzten sich, glitzernd wie kleine Sterne, im Haar des Hexers fest. Gabhan machte einen Schritt nach vorne, hob die Fäuste, täuschte an. Seine flachen Hände knallten seitwärts an die Ohren des Angreifers, der die Orientierung verlor und von einem Tritt auf den Tavernen Boden zurückgeschleudert wurde.

Gabhan wandte sich um, sah wie Atheris zwei weitere mit einem Fuß Feger auf die Bretter schickte, dann zitterte sein Amulett und er blickte nach links. Der größte der Angreifer hatte ein Messer gezogen und Gabhan hob die Hand. „Das war bisher ja ganz lustig,“ knurrte er tief und kehlig. „Aber jetzt steck das Messer weg Hundsfott. Ich zähle bis drei. Wenn du den Zahnstocher dann nicht weggesteckt hast bring ich dich um. Eins…“

Atheris ärgerte sich über die unnötige Schlägerei und hätte sie am liebsten vermieden, wäre der Jüngling nicht aufgestanden, hätte er Gabhan vorgeschlagen, es Gut sein zu lassen. Mit einem Fuß Feger schickte er zwei der Raufbolde unsanft zu Boden – es waren keine kampferprobten Männer … soviel war klar. Dann hörte er das Zählen und wendete sich in Richtung Gabhans. „Sheyys!“ fluchte er, als er das Messer sah und den ernsten Blick in den Augen des Zunftbruders. Schnell griff er einen Stuhl, der neben ihm am Boden lag und schleuderte diesen gegen den Angreifer mit dem Messer. Atheris sah, wie der Stuhl den Mann hart in der Magengegend erwischte und dieser zu Boden sackte und dabei das Messer sowie seinen Mageninhalt verlor.

Ruhe kehrte ein – Atheris blickte zu Gabhan, dessen Haare merkwürdig im Kerzenschein glitzerten. Ansonsten schien der Bärenhexer unverletzt zu sein. Mit einem Kopfnicken deutete Atheris zum Tresen. Gabhan zuckte kurz mit den Schultern und folgte ihm. Der Wirt, mit Abstand der kleinste und schmächtigste Mann hatte sich vor dem Kampf gedrückt. Als Atheris ihn hinter einem Bierfass kauern sah, fragte er trocken: „Willst du uns jetzt bedienen, oder bleibst du bei deiner Meinung?“
Der Mann hinter dem Tresen zitterte noch immer vor Angst, während sich der große nilfgaarder Hexer in den Schankraum beugte und ihn mit seinen schlangenhaften Augen musterte. Gabhan trat nach vorne und legte Atheris eine Hand auf die Schulter. „Lass gut sein,“ murmelte er leise und griff in seine eigene Tasche, spürte die wenigen Orens die er noch darin hatte und legte diese auf die Theke. „Guter Mann, verzeiht bitte. Das alles ist ein wenig außer Kontrolle geraten…“ erklärte Gabhan leise. Er hasste es. Hasste sich für das dumme Verhalten dieser Halsabschneider entschuldigen zu müssen, aber er wusste was geschehen würde, wenn sie blieben. Was es nach sich ziehen würde. „Nehmt das hier als Entschädigung für die Möbel und die Gläser,“ bat Gabhan. „Es ist nicht viel, aber mehr als wir uns momentan leisten können. Wir wollten nur ein Bett für die Nacht und etwas zu trinken am Kamin, denn es ist scheußlich draußen. Ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagt. Aber Hexer natürlich schon. Ich verstehe. Ich verstehe gut. Daher nehmt das Gold und ersetzt was wir zerbrochen haben. Nur eine Frage beantwortet mir noch – in welche Richtung liegt Carunwan?“ der Mann auf dem Boden deutete zitternd in jene Richtung, die Gabhan und Atheris eingeschlagen hatten und bestätigte damit wenigstens den Verdacht des Hexers, dass sie auf der richtigen Spur waren. „Dank dir, guter Mann“ Gabhan wandte sich um, stieg über einen der sich noch immer am Boden windenden Holzfäller und hob seinen Mantel auf. „Atheris, wir gehen. Wir sind hier nicht willkommen.“

Verlassen

Atheris war immer noch sauer, dass sie die Möglichkeit einer warmen Mahlzeit ausgeschlagen hatten. Gabhan mochte Recht haben, sie waren nicht willkommen … Hexer waren bei den Menschen in den Nördlichen Reichen schon lange nicht mehr gern gesehen gewesen … im Kaiserreich sah die Sache anders aus, die Menschen waren aufgeschlossener und gingen mit Anderlingen anders um – sicher auch nicht immer zum Guten, aber nicht wie hier. Das es seit Jahren im Norden brodelte und es zu mehr als einem Pogrom gekommen war – vor allem in Redanien – ist die Folge dieser Intoleranz und Unwissenheit.

Es war jetzt anderthalb Tage her, dass sie ein Zeichen von Zivilisation angetroffen hatten und seit ebenso langer Zeit hielt das miese Wetter an…kalt…nass…windig. Er blickte hinab zu Gabhan, der Bärenhexer schien weniger schlecht gelaunt zu sein, er war für die Wildnis gemacht worden … kein Wunder, dass sich die Bärenhexer auf den rauen Skelliger Inseln niedergelassen hatten, sie passten dahin. Ein Grund mehr für Atheris, seinen Meister Valerian davon zu überzeugen, die neue Greifenschule in Toussaint zu gründen und nicht in so einer Wildnis wie hier.

Atheris hing noch eine Weile seinen Gedanken nach, als sie eine größere Lichtung erreichten … ihr Ziel lag vor ihnen. Das Schild am Eingang des Dorfes lag in der aufgeweichten Wiese. Die Häuser sahen heruntergekommen aus, kein Rauch war über den Schornsteinen zu sehen und kein Licht schien aus den zahlreichen Fenstern. Ihr erster Eindruck bestätigte sich, als sie durch das Dorf streiften … es schien komplett verlassen.

Atheris hatte den halben Weg über die sonst so schlechte Laune des Bärenhexers übernommen, hatte in der aufkommenden Kälte und der überbordenden Nässe gezittert, während diese Gabhan selbst kaum etwas ausgemacht hatte. Und dennoch – dennoch hatte er sich über das nahende Dorf gefreut. Er hatte sich gefreut, sehr sogar. Nun, beim Anblick des Dorfes, freute er sich nicht mehr. Es war viel mehr die Sorge, die in sein Gesicht geschnitten war, tiefer als die hässlichen Narben, die seine rechte Gesichtshälfte entstellten. Da war kein Rauch mehr in den Kaminen, kein Kerzenschein in den Fenstern, kein Kinderlachen hinter verschlossenen Türen. Gabhan betrat gemeinsam mit Atheris den Dorfplatz und blieb stehen, drehte sich einmal im Kreis, während sein Mantel den dunklen Schlamm in sich aufsog. „Das hatte ich nicht erwartet,“ meldete sich schließlich der Hexer zu Wort und betrachtete die untergehende Sonne im Westen. Betrachtete ihre letzten blutroten Strahlen, die sich von der Welt verabschiedeten. „Tut mir Leid Atheris. Mir scheint, ich habe uns in die Irre geführt. Zu einem aussichtslosen Unterfangen. Wir kommen zu spät. Was auch immer die Dorfbewohner geholt hat, es ist über sie einhergefahren wie der Deibel. Sie sind geflohen oder tot. Sei es das Eine oder das Andere – sie sind nicht mehr da. Und jemand der nicht da ist, der kann uns nicht bezahlen. Verzeih den langen Weg und verzeih die Umstände,“ Gabhan kniete sich nieder, als er etwas im Schlamm entdeckte und hob es auf. Das, was er da aus dem Schlamm zog trug ein rotes Kleidchen über kleinen Ärmelchen und Haare aus Kordelfäden. Hornknöpfe bildeten Augen, ein knapper Strich einen Mund. Das einst hübsche rote Kleidchen war nass und braun geworden. Gabhan betrachtete das Püpplein, während der Regen heftiger wurde. „Wir sollten uns in eines der Häuser für die Nacht zurückziehen und morgen brechen wir wieder auf. Suchen uns eine andere Beschäftigung.“
„Musst dich dafür nicht entschuldigen, Gabhan. Sowas kann niemand ahnen. Schau das große Haus dort hinten, das sieht doch noch brauchbar aus!“ antwortete Atheris.
Wenig später hatten sie es sich im Haus gemütlich gemacht. Es war groß genug um sogar Ker’zaer einen warmen Unterschlupf zu bieten. Trockenes Holz fanden sie auch noch und so hatten sie es zum ersten Mal seit Tagen etwas gemütlich. Nachdem sie aus ihrem Proviant eine leckere Suppe zubereitet hatten, setzten die beiden Hexer ans Feuer. „Was wohl den Bewohnern zugestoßen ist, Gabhan?“ begann Atheris und blickte auf die Puppe, die Gabhan achtlos – oder vielleicht auch nicht – in die Nähe des Feuers gelegt hatte.

„Es ist egal Atheris,“ erwiderte der angesprochene und schüttelte den Kopf. „Sie sind tot – zumindest die meisten von ihnen. Ich glaube nicht, dass alle von ihnen gestorben sind. Oder zumindest habe ich noch Hoffnung und Hoffnung ist alles was sie gebrauchen können… Was sie gebrauchen konnten. Aber es ist gleich. Völlig gleich…“ er ließ die Schultern sinken. „Was ändert es noch?“ hakte er leise nach und stand auf, trat zu dem großen Fenster und stieß es auf, ließ sich den Sturm für einen kurzen Moment um die Nase wehen. Es tat gut. Die kalte Luft half beim Nachdenken. Er atmete tief ein und aus, warf einen Blick nach hinten zu dem Hexer, der am Feuer saß. „Oh bitte nicht,“ er fuhr sich durch den Bart. „Atheris bitte sag mir nicht, dass du all dem hier nachgehen willst.“

Atheris blickte von der Puppe in seiner Hand auf zu Gabhan, der zum Fenster gegangen war. Er wusste selber nicht, warum er die Puppe überhaupt vom Boden aufgehoben hatte. Jetzt wo ihn sein Gefährte aber darauf ansprach, musste er zugeben, dass er daran gedacht hatte. „Wir sind den ganzen weiten Weg hierhergekommen, was schadet es uns ein bis zwei Tage hier zu bleiben um den Ereignissen auf den Grund zu gehen?“ Atheris machte eine Pause und starrte die Puppe an, dann fuhr er fort, „Wenn auch nur einer der Bewohner noch am Leben ist … wenn nur einer von ihnen verzweifelt auf Hilfe hofft … Hoffnung Gabhan, es geht mir um die Hoffnung! Ich kann den Gedanken nicht ertragen, hier im Nirgendwo jemanden im Stich zu lassen … vielleicht ist es ein Kind, vielleicht auch ein Greis – egal! Es ist es Wert ein wenig Zeit zu investieren! Und Gabhan, ich bin bereit dafür zu zahlen!“ bei den letzten Worten hob er den Blick erneut zum Bärenhexer.

Hoffnung. Solch ein großes Wort. Hoffnung. Es kam ihm so einfach über die Lippen. Hoffnung. So hatte sie es immer genannt. „Ein Feuer in der Finsternis…“ flüsterte er leise, so leise, dass Atheris es über den Sturm kaum verstehen konnte. Sie hätte ebenfalls gewollt, dass sie die Kinder hier retteten oder es zumindest versuchten. Hoffnung spenden. Sie hätte gewollt, dass er es tut. Mein treuer Ritter. Ihr Ritter. Hexer. Er war ein Hexer.

„250 Oren,“ hob er schließlich die Stimme. „Du willst, dass ich helfe? Dann zahlst du den Preis!“ er war ein Hexer. Er brauchte seinen Preis. Er war nicht mehr ihr Ritter. Sie war fort. Weit, weit fort. „Wir bleiben den Abend hier. Draußen ist es verdamm mich dunkel und nass. Wir finden heute Abend nicht mehr als wir morgen früh finden werden. Wir sollten etwas essen und uns aufwärmen. Morgen früh finden wir dann raus was hier geschehen ist.“

„Abgemacht, Gabhan!“ antwortete Atheris und legte die Puppe bei Seite. 250 Oren war eine stattliche Summe, aber es ging Atheris nicht ums Geld – dass hatte es nie. Es ging darum den Unterschied auszumachen, etwas zu bewirken was zählte! Er hätte sich schon vor Jahren in sein kleines Häuschen in Toussaint zurückziehen können, um dort von seiner Pension, die er als ehemaliger Offizier der kaiserlichen Armee erhielt leben können, aber das war es nicht was er wollte … das war nicht das Ziel seines Lebens! Wenn eines Tages der Sensenmann an seiner Türklopfen sollte, wollte Atheris die ihm gegebene Zeit genutzt haben, er würde mit erhobenen Haupt diese Welt verlassen. Atheris zog sich seine Decke enger um die Schultern und lächelte den Zunftbruder an. „Setzt dich wieder ans Feuer, Gabhan! Du siehst aus, als ob du einen Geist gesehen hast!“
„Nein, kein Geist,“ erwiderte Gabhan und schüttelte den Kopf. „Nur ein Echo. Mehr nicht Atheris, nichts worüber du dir Gedanken machen musst. Nichts was diese Mission gefährden wird…“ er schluckte die Bitterkeit seiner eigenen Worte hinunter und wandte sich um, nachdem er die Läden wieder geschlossen hatte. Die Kälte draußen konnte er wenigstens aussperren. Wenigstens diese. Er ging langsam auf Atheris zu, ließ sich neben ihm auf den Boden sinken und warf einen Blick hinüber in das Feuer. In die Flammen. „Wir werden dein verdammtes Dorf retten. Ganz den ritterlichen Tugenden gleich denen du so anhängst. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich dir wenn all das vorbei ist sagen werde ‚Ich hab’s dir ja gesagt‘, nur damit wir uns verstehen.“

„Und dennoch hoffe ich, dass du Unrecht hast, Gabhan!“ erwiderte Atheris und starrte wieder in das Feuer.

Gegenwart – Nacht

Der Mond hatte seinen Zenit überschritten und der Regen hatte endlich aufgehört gegen das Dach zu prasseln. Atheris wachte auf, die Natur rief ihn – nein, nicht, dass er etwas gehört hatte, dass ihn aufschrecken lies – nein, es war viel trivialer, er musste Austreten. Er schälte sich aus seinen warmen Decken, schnappte sich seine Silberklinge und schlich sich zur Tür – Es war Meister Valerians oberstes Gebot, dass ein Greifenhexer nie unbewaffnet umherziehen durfte, und diese Regel hatte ihn mehr als einmal das Leben gerettet. Gabhan schnaubte einmal kurz auf, als Atheris eine Holzdiele erwischte, die unter seinem Gewicht furchtbar knarzte. Nachdem sich sein Zunftbruder jedoch ohne Aufzuwachen zur Seite gedreht hatte, öffnete er die Tür und schlüpfte nach draußen. Die frische Luft war eine wohltuende Abwechslung zur rauchigen Luft im Inneren des Hauses und jetzt wo auch der Wind aufgehört hatte zu wehen, waren auch die herbstlichen Temperaturen ganz angenehm. Er ging über die kleine Holzveranda zur Hausecke, wo ein noch kleiner Haselnussbaum wuchs, öffnete seinen Schamlatz und lies der Natur seinen freien Lauf.

Als er fertig war und sich gerade daran machen wollte wieder ins Bett zu gehen, fing sein Medaillon an leicht zu vibrieren – Magie!? Atheris schaute sich mit seinen scharfen Augen um, die Dunkelheit machte ihm wenig aus, er sah gut – aber auch nichts. Seine empfindlichen Ohren – hörten nichts! Atheris schreckte auf … nichts? Wo waren die ganzen Geräusche der nachtaktiven Waldtiere geblieben, die er noch beim Verlassen des Gebäudes gehört hatte. Bodennebel breitete sich vom Waldrand her in die Gassen des kleinen Dörfchens aus – unheimlich, wenn auch nicht zwingend ungewöhnlich. Dennoch glitt die Hand des Hexers zu seiner Silberklinge und zog sie leise aus der Schwertscheide. Das ziehen des Medaillons wurde stärker – er konnte den Ursprung nicht ausmachen. Er ging langsam drei Schritte rückwärts bis zum Fensterladen, öffnete ihn leise … bückte sich nach einer Haselnuss, die zu seinen Füßen auf der Veranda lag und warf sie auf Gabhan – sie traf ihn leicht am Kopf.

Nass

Der Boden war durchnässt. Durchnässt waren die teuren Vorhänge, deren einst so samtenes rot sich vollgesogen hatte und die nun wie blutige Stränge schwer von den sich biegenden Gardinenstangen hingen.

Gabhan irrte durch die langen Korridore. Diese unendlich langen Korridore. Er kannte sie. Kannte sie schon immer. Aber nie waren sie so lang gewesen. Nie so weit. Nie. Seine kleinen Füße rutschten immer wieder beinahe auf dem nassen Marmor aus, dessen Oberfläche glatter als jeder Spiegel geworden war. Er hörte Rufe. „Flieh“ riefen die Stimmen. „Flieh kleiner Page, flieh. Dreh dich nicht um, niemals. Niemals!“

Gabhan rannte. Er floh, floh weiter und weiter, doch der Gang wollte nicht enden. Niemals. Niemals. Nie. Da waren Ritter blau und weiß, der Drache auf der Brust. Doch sie standen nicht. Hatten immer dort gestanden. Doch sie standen nicht. Sie lagen. Hier. Und dort lagen sie auch. Und dort ebenfalls. Einer von ihnen lag an zwei Orten zu gleich. Wie konnte jemand an zwei Orten zu gleich liegen? Da war Blut. Gabhan stürzte. Blut. Überall Blut. Es läuft ihm über die Hände, übers Gesicht. Es fließt in die Rillen im Marmor. Wie Blut das durch Venen fließt. Es fließt, fließt hinab, den Gang hinab, dort wo er herkam. Dort wo das Blut seinen Ursprung hatte. Das Blutbad. Der Tod. Tod. Tod überall, Gabhan versucht aufzustehen, aber es gelingt ihm nicht. Er hört Schritte. Schritte hinter ihm. Hinter ihm? Über ihm. Eine starke Hand die ihn hochzieht ihn aufrichtet. Augen. Diese Augen. Diese furchtbaren, alten Augen. Kalt. Kalt wie der Tod. Ohne Mitgefühl. Ohne Reue. Abschätzig. Taktierend. Starke Hände halten ihn. Halten ihn fest. Und er kann sich vor Angst nicht bewegen. Hängt da, wie ein Lumpenmännchen, während der Mann mit der langen Robe ihn hochhält. Ihn ansieht. Flieh rufen die Stimmen. Flieh kleiner Page, flieh.

Er lässt los. Gabhan wird losgelassen. Gabhan fällt. Der Boden tut sich auf und er fällt. Tief fällt er und schnell. Ungeheuer schnell. Flieh kleiner Page, flieh. Dreh dich nicht um niemals. Du darfst dich niemals umdrehen. Denn wenn du dich umdrehst, dann wird er da sein. Er mit den bösen Augen. Den kalten Augen. Flieh kleiner Page, flieh. Soweit du kannst.

Tiefe Nacht

Die Haselnuss flog einen weiten Bogen. Flog über das Stück Stoff, dass die einstigen Besitzer des Hauses zurückgelassen und in ihrer Rückständigkeit als ‚Teppich‘ bezeichnet hatten. Flog über die Risse im Boden, in denen Holzwürmer lebten und ihrem Tagwerk nachgingen und dann, in einem eleganten Bogen, traf es den Kopf des Bärenhexers. Dieser schlug, wie auf ein geheimes Signal die Augen auf, schoss nach oben und hatte bereits eine Klinge aus dem Stiefel gezogen, die halbe Drehung vollführt und beinahe – beinahe – die Klinge losgelassen. Doch er ließ sie nicht los. Er hing an Atheris Leben und am eigenen, wenn die Greifen von solch einem Missgeschick erführen. Er nahm einen tiefen Atemzug, während er die Situation in sich aufnahm. Dann, sehr leise und sehr ruhig, sagte er: „Atheris. Beweg deinen Arsch hier rein du Hundsfott. Langsam und ruhig. Keine hektischen Bewegungen. Und mach kein Geräusch. Nicht das geringste. Wage nicht einmal zu atmen. Komm durch die Tür. Langsam. Bei allen Göttern, langsam sage ich. Dann schließen wir alle Fenster. Jetzt!“

Atheris vernahm was ihm der Zunftbruder gesagt hatte und begann sich rückwärts der Tür zu nähern. Der Nebel wurde schnell dichter … das Medaillon riss förmlich an der Kette um seinen Hals. Gabhan schien zu ahnen, was hier los war – er selber wusste es nicht! Leise schloss er die Tür von innen. Der Bärenhexer war bereits auf der anderen Seite des Raumes und stand am gegenüberliegenden Fenster, die scharfe Klinge gezogen. Atheris nahm die Position an dem Fenster neben der Tür ein und schaute durch die kleinen Ritzen nach draußen. Inzwischen war der Nebel so dicht, dass man die anderen Häuser nicht mehr sehen konnte. Unheimlich … so fühlte es sich an! Der geisterhafte Nebel suchte sich seinen Weg durch die Spalten und trat in kleinen Wölkchen zu den Hexern ins Innere. Atheris blickte zu Ker’zaer der unruhig wurde aber still hielt – zum Glück war das treue Tier in der Hohen Schule der Reitkunst in Toussaint ausgebildet worden, denn er blieb auch in diesen Stresssituationen außergewöhnlich ruhig. Dann … auf einmal war da was … Atheris hatte es für einen Moment im dicken Nebel gesehen! Da draußen war jemand! Das Adrenalin schoss in seine Adern. Ruhe. Nichts. Auf einmal bewegte sich der Riegel der Tür, langsam schob er sich zur Seite. Atheris machte drei kleine vorsichtige Schritte zur Tür und hob die silberne Klinge über den Kopf. Gabhan hatte es auch gesehen und beobachtete aufmerksam die Tür. Der Riegel öffnete sich und langsam schob sich etwas durch die Tür. Atheris spürte, wie sich seine Muskeln anspannten und zum Angriff bereitmachten, noch einen Schritt und dann … blickte ein kleines ängstliches Gesicht in seine Augen!

Ein Kind. Gabhan hätte Fluchen können. Kinder machten immer alles komplizierter. Aber ihm blieb keine Zeit darüber nachzudenken. Keine Zeit um zu Fluchen. Keine Zeit. Der Bärenhexer machte einen schnellen geräuschlosen Schritt nach vorne, übersprang dabei jenes knarzende Brett, welches Atheris bei seinem Gang nach draußen aus seinem hölzernen Schlaf erweckt hatte und zog den kleinen Menschen am Kragen hinein, presste ihn an eine Wand und hielt ihm mit der Hand den Mund zu. Er spürte den Widerwillen des Kindes, doch er konnte jetzt keine Rücksicht darauf nehmen. Auch das was da draußen wartete würde keine Rücksicht auf sie nehmen.

Gabhan sah wie Atheris den Mund öffnete, wie er protestieren wollte. Doch in Gabhans Augen lag ein Ausdruck, der dem anderen unmissverständlich klarmachen sollte, dass er es nun nicht wagen sollte einen Zank vom Zaun zu brechen. Noch immer hielt Gabhan das Kind fest, schloss die Tür so leise er es vermochte. Seine Augen wanderten fieberhaft in dem Raum umher, der einst so viel Leben beinhaltet haben musste, so viele Geschichten und schöne Momente, nun aber kalt und leer war. Gabhan formte mit dem Mund das Wort Nägel und hoffte, dass Atheris verstand. Einer alten Sage nach sollte man den Teufel des Waldes, Ihn der aus dem Wald kam, mit eisernen Nägeln vom eigenen Hause abhalten können, wenn man diese über die Pforte in den Türrahmen schlug. Er wusste nicht ob es stimmte, war diesen Wesenheiten bisher nur mit dem Silberschwert entgegengetreten, aber er hatte keine Rüstung. Keine Tränke und vor allem Dingen hatten sie keinen Plan. Es war ihre einzige Chance den heutigen Abend zu überleben um zu planen. Zu erforschen. Wenn dies nicht gelang? Dann lag ihr Leben in den Händen der Götter. Und an die glaubte Gabhan ebenso wenig wie an eine Chance hier raus zu kommen.

Atheris wollte fluchen, aber der Blick Gabhans erinnerte ihn daran, dass es nicht der Zeitpunkt war. Verdammt, was machte das Kind alleine da draußen? … Egal, sie waren in Schwierigkeiten. Vielleicht auch in großen Schwierigkeiten. Dann sah er wie Gabhan etwas sagte … meinte er Nägel – ja Nägel, ganz sicher. Aber warum? Atheris ließ seinen Blick durch den Raum schweifen bis er das knarzende Brett erblickte. Leise schlich er zu der Stelle – lose. Es knarzte weil die Nägel nicht mehr fest im Brett waren. Schnell zog er sein Messer aus dem Beinholster und hebelte drei dicke eiserne Nägel aus dem Brett. Es ging schnell und fast lautlos. Zufrieden blickte er zurück zu Gabhan und dem Mädchen. Letztere schien sich etwas beruhigt zu haben, zumindest hielt sie still. Der Bärenhexer zeigte mit dem Schwert auf den dicken Balken oberhalb der Tür. Vorsichtig durchquerte Atheris erneut den Raum und blieb an der Tür stehen. Er nahm den ersten Nagel und rammte ihn so hart er konnte gegen den Balken … dann nochmal … und ein drittes Mal. Die Nägel steckten mit der Spitze fest … aber das Reichte vermutlich nicht. Langsam verstand er auch, was er da machte. Er kannte ein Märchen, in dem ein böser Waldgeist durch eiserne Nägel vor dem Betreten des Hauses gehindert werden konnte – aus der Sicht und mit den Erfahrungen eines Hexers hätte Atheris gesagt, dass es Humbug ist – aber Gabhan schien es ernst zu meinen und nun ja, er schien mehr zu ahnen als er. Der Greifenhexer holte das nun lose Brett, hielt es quer über die Nägel und mit drei Schlägen rammte der Hexer die Nägel bis zu Hälfte ins alte Holz der Hütte. Ruhe.

Es begann mit einem komisch kratzenden Geräusch – leise war es, aber für ein Hexerohr gut zu hören. Dann nochmal, auf der anderen Seite des Hauses – diesmal lauter. Von allen Seiten kam das Geräusch und es wurde noch lauter. Ein Poltern – da war etwas Schweres auf die Veranda gestiegen. Schritte. Schwere langsame Schritte. Die Tür! Atheris hob sein Schwert und blickte angespannt zur Tür. Das Mondlicht warf einen Schatten von dem Etwas, das da auf der anderen Seite stand durch die Tür Ritze.
Gabhan hatte Atheris beobachtet, während er selbst seine Atmung so flach wie möglich angesetzt hatte. Das Kind hatte noch ein wenig gezappelt und beinahe hätte Gabhan es geschüttelt, als ihm auffiel, dass er es ein wenig zu gut gemeint hatte, als er dem Kind die Hand auf Mund und Nase gepresst hatte. Er lockerte die Hand ein wenig, was das mittlerweile hochrote Kind mit einem leisen japsen kommentierte. Doch es schien wenigstens zu verstehen – oder wenigstens zu ahnen – dass es nun galt still wie eine Maus zu sein.

Der Schatten kroch langsam durch die Ritze der Tür, schien zu flackern, sich zu verändern, die Formen von Menschen und Tieren anzunehmen. Ein Brüllen. Ein ohrenbetäubendes Brüllen. Der Waldteufel, der Lesovoi war wütend. Dann krachte es erneut und Gabhans Blick huschte zu den Fenstern, deren Läden nun heftig gegen die Mauern schlugen. Die Fenster. Der verdammte Nilfgaarder hatte die Fenster vergessen. Gabhan fluchte, stieß das Mädchen von sich, in Atheris Richtung und zwang diesen damit das Kind aufzufangen. „Vernagle die Fenster!“ brüllte er, dann rannte er zu einem der eben erwähnten Öffnungen und schwang sich selbst hinaus.
Er landete im Schlamm. Der Boden war weich und er sank tief. Seine große graue Hose, die er bequemerweise angezogen hatte. Seine lange, blaue Tunika. Keine Rüstung. Kein Leder. Keine Kette. Keine Tränke. Nur er, das Monster und das Silber. Zeit. Atheris brauchte nur Zeit. Gabhan erhob sich, ließ sein Schwert kreisen. Er hörte den Wolf heulen. Atheris sollte sich lieber beeilen.

Atheris fing das Mädchen auf und musste tatenlos zuschauen, wie Gabhan nur mit der Silberklinge bewaffnet durch das Fenster sprang. Die Fenster! Die Kindergeschichte ging nie so weit, dass man auch einen Nagel über den Fenstern einschlagen musste, aber klar … wenn es denn funktioniert, musste man alle Eingänge mit Eisen absichern. Atheris setzte das verängstigte Kind auf seine Schlafstätte und warf ihm die Decke über dem Kopf … natürlich war das kein Schutz, aber es konnte dem Kind etwas die Angst nehmen! Schnell trat er zu der Stelle, an der er bereits das erste Brett aus dem Boden gezogen hatte, überlegte kurz und formte dann das Zeichen Aard. Mit einem Zeichen der linken Hand entfachte er aus kurzer Distanz die Druckwelle, die stark genug war um das Brett zu zerstören. aus den Resten konnte er die zwei benötigten Eisennägel ohne größere Probleme mit dem Dolch lösen. Er sprang auf und beeilte sich zum ersten Fenster zu kommen und schlug mir aller Kraft den Nagel in den Fensterrahmen – er hielt. Dann rannte er zum zweiten Fenster, durch das Gabhan hinaus gesprungen war … und sah ihn nicht. Wo war er nur? Der Nagel! Schoss es ihm wieder in den Kopf und erneut rammte er das kleine spitze Ding in das Holz. Nach dem er fertig war, schaute er noch einmal zum Fenster hinaus … wo war er nur?

Nebel. Eisige Finger die an seinen Waden emporkrochen. Humusgeruch. Nasses Fell. Gabhan sah nichts mehr außer dem alles umfassenden Nebel. Eine weiße Wand, geformt aus Boshaftigkeit. Er sah nichts mehr. Konnte nichts mehr sehen. Also tat er das Einzige was vernünftig war. Er schloss die Augen. Er musste nichts sehen.
Kälte umschloss ihn. Der Nebel umschmeichelte seine Haut wie die feuchte Hand eines Toten. Der Hexer kontrollierte seine Atmung. Spannte die Muskeln an. Lauschte. Ein schneller Hieb, eine Halbpirouette. Er spürte wie das Schwert auf Fleisch traf, wusste was er aufgeschlitzt hatte, noch ehe er das erbärmliche Wolfsgeheul hörte. Er atmete tief ein und aus. Ein Rudel. Es war immer ein Rudel. Eine erneute Ahnung, ein Zittern des Medaillons. Schon wieder eine Halbdrehung, Schritt zur Seite, Schwert nach oben. Muskeln rissen, Fleisch platzte auf, Blut spritzte. Zwei Angreifer ohne den geringsten Kratzer. Mehr Glück denn können. Es konnte kein drittes Mal gelingen. Es gelang ein drittes Mal und Unruhe griff nach Gabhans Herz.

Er wusste, dass es kommen würde, noch bevor er es spürte. Er brauchte kein Hexermedallion, keine Zauberei und keine Mutationen um es zu wissen. Es war die Erfahrung des Kriegers, der viele Kämpfe geschlagen und viele Wunden erlitten hatte. Und es traf. Die Wucht riss ihn von den Füßen. Schleuderte ihn beinahe drei Meter in die Luft. So schnell und so heftig, dass er sein Silberschwert verlor. Der schlammige Morast bremste einen Aufprall. Aber nicht sehr. Gabhan schmeckte Blut und bittere Galle. Da war ein weiterer Wolf. Zähne. Fell. Klauen. Antherion? Nein Gabhan, nein. Wölfe. Stinknormale Wölfe. Wie erbärmlich. Sie waren da. Überall. Bissen zu. In Waden, Arme. Den Hals beschützen. Immer den Hals beschützen. Schlamm. Überall Schlamm. Etwas Festes, er brauchte etwas Festes. Da. Er spürte es. Holz. Ein schwerer Griff. Gabhan packte danach, schwang es durch die Luft. Die Axt begrüßte gierig den Schädel des Wolfes. Ein zweiter Hieb. Und ein dritter. Immer mehr Hiebe. Stinkendes Fell. Blut, dass ihm in die Augen lief. Gabhan rollte den Wolf von sich hinunter, stand auf so schnell er es konnte. Alles schmerzte. Es war noch da draußen. Kein Silber. Keine Rüstung. Keine Tränke. Keine Kraft. Gabhan drehte sich um sich selbst. Wo war Atheris? Verflucht. Wo war überhaupt irgendwas? Weißer Nebel. Brauner Schlamm. Alles schien sich gegen ihn verschworen zu haben und ihm die Sicht zu nehmen. Und dann sah er es. Ein kleiner Schein Feuer, der durch einen halb offenen Fensterladen fiel. Atheris! Gabhan rannte los, konnte nur hoffen, dass er dem anderen genug Zeit verschafft hatte. Wenn er das Monster zum Haus lockte und sie es nicht vorbereitet hatten. Nein. Er durfte nicht daran denken.
Atheris blickte in den dichten Nebel, es war ruhig, zu ruhig … keine Spur von Gabhan! Aber die Gefahr war da, er konnte sie förmlich spüren und das Medaillon um seinen Hals verriet ihm, dass er sich nicht irrte. Dann hörte er was – platschende Geräusche im aufgeweichten Boden – das gurgeln eines sterbenden Tieres – dann war wieder Ruhe. Wo steckte nur Gabhan? Atheris wollte hinausstürmen und ihm zu Hilfe eilen, aber das ging nicht, er konnte das Kind nicht alleine … ungeschützt lassen. Ein dumpfes Geräusch gefolgt – etwas Schweres fiel in den Schlamm – fletschende Zähne – Wölfe! Dumpfe hiebe und das scherzhafte Jaulen von mindestens einem Tier – dann wieder Ruhe. „Atheris!“ drang es an sein Ohr und dann sah er ihn! Sein Zunftbruder rannte mit einer kleinen blutigen Axt auf ihn zu, aber da war noch etwas, ein großer Schatten war ihm auf den Fersen … es holte auf … es würde nicht reichen! Er formte mit seiner Hand das Igni-Zeichen, sammelte Energie – „Gabhan, runter!“ und Atheris entfachte aus seiner Handfläche einen Feuersturm unter dem der Bärenhexer im letzten Moment durchtauchte. Es war dem Greifenhexer klar, dass sein Zeichen den Gegner, was immer es auch war nicht aufhalten würde, dafür war er in der Magie zu schwach und die Entfernung zu groß – aber er konnte Zeit gewinnen, Zeit für seinen Zunftbruder das Fenster zu erreichen.

Gabhan sah den Feuerball auf sich zukommen, warf sich zu Boden und schlitterte über den morastigen Boden, dieses eine Mal froh darum, dass der Boden derart schlammig war. Ebenso froh war er darum, dass seine Kleidung feucht und seine Haare durchnässt waren. Nachdem sein Körper am heutigen Tag bereits unangenehme Bekanntschaft mit Ästen, Reißzähnen und anderen spitzen Gegenständen zweifelhafterer Natur gemacht hatte, konnte er darauf verzichten nun auch noch wie ein Stréimännchen in Brand gesteckt zu werden.

Kräftig erhob sich Gabhan wieder, ignorierte den Schlamm der in alles eingesogen war. In Kleidung, Ritzen, Haare, Schuhe. Das waren andere Probleme für einen anderen morgen, wenn er denn noch einen erleben würde. Dann war er da – er sprang und flog wie eine Schwalbe durchs Fenster. Eine sehr ungelenke, besudelte und viel zu schwere Schwalbe. Wie er aufkam, würde Atheris in Zukunft nur mit einem anderen Vogel beschreiben: Einer Blei-Ente.

„Schließ die Fenster!“ brüllte Gabhan, Blut spuckend, nachdem er sich auf die Zunge gebissen hatte. Atheris tat wie geheißen und dann… herrschte stille. Gabhans Muskeln waren angespannt. Er spuckte eine Mischung aus Blut und Schlamm aus, angespannt wie eine Feder und doch geschah nichts. „Ich will verdammt sein…“ flüsterte der Bärenhexer. „Der Scheiß funktioniert…“

Ruhe … nach Gabhans unsanfter Landung im Inneren des Hauses und dem Schließen der Fensterläden herrschte wieder eine unheimliche Ruhe. Atheris fühlte wie sein Medaillon noch vibrierte – der Waldgeist oder was auch immer da draußen sein Unwesen trieb, war noch da … aber es passierte nichts. Lange saßen die beiden Hexer jeweils unter einem der Fenster und wachten, während das kleine Mädchen Seelig zwischen den Decken schlief. Atheris wollte sich nicht mal vorstellen, was sie die letzten Tage durchgemacht haben musste – aber jetzt schlief sie fest und er hoffte, dass sie nichts von dem Horror mit in ihre Träume genommen hatte.

Als die Herbstsonne über dem Horizont aufging und die warmen Strahlen der Sonne den dichten Nebel vertrieben, hörte auch endlich das Medaillon auf zu vibrieren. Atheris blickte zu Gabhan und sah in den müden Augen des Hexers, dass er ebenfalls gemerkt hatte, dass die Gefahr für den Moment gebannt zu sein schien. Gerade als sich die beiden entschlossen auch die Augen für eine kurze Weile zu schließen, erwachte die Kleine und lächelte die Hexer an.

Guinevere

Gabhan wandte den Kopf, als er das Geräusch vernahm. Ein leises Geräusch. Das Geräusch eines erwachenden Kindes. Ein Geräusch, dass Gabhan mehr als alles andere auf der Welt schmerzte. Er zuckte beinahe zusammen, konnte sich nur mit Mühe zusammenreißen.

„Sie ist wach…“ sprach Gabhan das Offensichtliche aus und warf Atheris einen Blick aus von dunklen Ringen gezeichneten Augen zu. Alles schmerzte ihm. Der Waldschrat war vertrieben aber Gabhan hätte sich lieber einem weiteren Kampf mit dem Ungetüm gestellt, als sich nun um ein Kind zu kümmern. Er konnte den Anblick von Kindern nicht ertragen. Nicht mehr seit…

Er riss seine Gedanken los, als die helle Stimme des Mädchens sich beinahe überschlug, als es zu ihm sah. „Guinevere!“ Gabhan hob die Augenbrauen. Nein. Das war nicht sein Name. Erneut vernahm er den Namen ‚Guinevere‘ da stand das Mädchen auf und tapste auf ihn zu, deutete in Gabhans Richtig und wiederholte erneut. Da verstand er, schob das Bein bei Seite und gab die kleine Puppe frei, die dort unter seinem Knie gelegen hatte. Zumindest dieses Rätsel war gelöst. „Hör mal zu Rotznase,“ brummte Gabhan und hielt ihr die Puppe vor die Augen. „Du kriegst deine Guinevere. Dafür musst du aber auf uns hören. Hast du verstanden? Wenn wir was sagen, hörst du auf uns!“ und bei den Göttern, sie mussten die kleine schnellstmöglich in das nächste Dorf bekommen. „Hast du Verwandte, Rotznase? Irgendwo in der Nähe?“

Atheris sah, wie das kleine Mädchen zu Gabhan ging und ihre ‚Guinevere‘ in die kleinen, vor Schmutz starrenden, Arme schloss. Sie sprach nicht – sie weinte nicht! Atheris ging zu seiner Satteltasche und holte etwas Proviant heraus – naja trockenes Brot und Trockenfleisch – nicht unbedingt die Lieblingsspeise von Kindern. Der Greifenhexer ging zu der Kleinen rüber und gab ihr das Essen und sie nahm es gierig an sich. Dann setzte er sich neben Gabhan.

„Ein Waldschrat also, Gabhan!“ er schaute zu dem verschmutzten Bärenhexer neben sich.
Gabhan blieb eine Zeit lang ruhig und erst langsam, ganz langsam blickte er zu Atheris hinüber. Der Blick war teuflisch, ein düsteres Feuer brannte in diesen Augen, eines von jener Art, das warnte. So sehr warnte wie es ein Waldbrand vermochte, der einen so gut wie eingekreist hatte. „Dein Ernst?“ Gabhans Stimme grollte, nahm den ganzen Weg tief aus dem Brustkorb des Hexers, dann warf er dem Kind einen kurzen Blick zu, machte eine eindeutige Kopfbewegung in seine Richtung. „Nicht hier!“ er stand auf und ging, drehte sich nicht einmal in Richtung Atheris um. Er würde folgen, da war Gabhan sich sicher. Aber er würde nicht vor einem Kind über die Grausamkeiten des Leshen oder den Verbleib der übrigen Bewohner diskutieren.

Atheris blickte zu dem Kind – es schaute ihm direkt in die Augen – schien keine Furcht vor ihm zu haben – biss gierig noch ein Stück vom Brot ab. Der Greifenhexer folgte Gabhan raus auf den Dorfplatz. Er hatte sich bereits zum Brunnen begeben und fing gerade an, sich mit dem kühlen Wasser das Gesicht von Blut und Schlamm zu säubern, als Atheris eine Lichtreflektion am Boden sah. Er ging hinüber und fand die Klinge von Gabhan. Er beugte sich runter und hob die Waffe auf – es gab kaum Spuren im Schlamm … zu feucht. Dennoch konnte er tiefe Abdrücke erkennen groß und schwer musste das Wesen gewesen sein, dass hier mit Gabhan gekämpft hatte. Atheris wandte sich ab und ging hinüber zum Bärenhexer und reichte ihm sein Schwert. „Also Gabhan, was ist mit den Leshen? Ich kenne nur die Märchen über die Waldgeister!“
Gabhan griff nach dem Schwert, welches Atheris ihm reichte, während das Wasser aus seinem Bart lief und in langen Tropfen auf den Boden fiel. „Danke Atheris. Ich hatte schon fast befürchtet, dass es nicht mehr aufzufinden wäre…“ er nahm noch einen Schluck aus dem Brunnen, dessen Wasser rein und klar war und sehr gut schmeckte. Er reichte den Eimer an Atheris weiter.

„Ich nehme an, dass es ein Leshen ist. Auch Borovoi genannt. Gayevoil, Lesno Duk – er hat viele Namen je nachdem wen man Fragt. Der Herr des Waldes…“ er blickte sich in der kleinen Siedlung um. „Die meisten Geschichten sind wahr – auch, dass er nicht zu töten ist, solange sein Herz noch im Wald existiert. In alter Zeit haben die Leshen durchaus auch wohlwollend auf Menschen reagiert, die ihnen Respekt entgegengebracht haben. Was mich aber wirklich verwundert ist, wie dieser Leshen reagiert. Ja, es verschwinden Menschen im Wald. Reisende die den Weg verlieren – die Geschichten sind ebenso alt wie bekannt. Aber er kam ins Dorf. Hat die Grenze überschritten. Irgendwas muss ihn so sehr gereizt haben, dass er offensichtlich vergessen hat an welche Regeln er sich zu halten hat. Regeln die uns auch gerettet haben – zu meiner Überraschung. Schau nicht so. Nein, ich wusste nicht ob es funktioniert. Hatte nur Märchen gehört, aber es gibt ja immer ein Funken Wahrheit und einen besseren Plan hatte ich nicht.“

Atheris hörte sich an, was Gabhan erzählte und blickte zurück zu den tiefen Spuren im Schlamm und dann wieder zu seinem Zunftbruder. „Dann sollten wir hier im Dorf mit unserer Suche beginnen!“ dachte Atheris laut – „und wir sollten unsere Vorbereitungen treffen! Geben die Märchen noch weitere Hinweise, was wir machen können, außer rostige Nägel in die Wände zu schlagen?“

Gabhan hielt in der Bewegung inne und starrte sein Spiegelbild in dem Wassereimer an, welches ihm grimmig und nass entgegenblickte. „Schauermärchen vor allen Dingen. Es heißt er führt Bauern in die Irre, versteckt die Äxte von Holzfällern oder kitzelt Kinder zu Tode. Was schaust du so? Gibt wohl kaum eine bessere Möglichkeit Rotznasen davor zu bewahren zu tief in einen Wald zu rennen, der auch ohne Monster genug Gefahren bereithält. In einigen Geschichten heißt es, dass man ein Gebet sprechen sollte. Nutzlose Zudichtungen der Kirchen, ohne jeden Zweifel. Andere Legenden sagen man kann seine Pläne durchkreuzen, wenn man alle Kleider auf Links und seine Schuhe an den verkehrten Fuß anzieht. Wirkt auf mich auch nicht vielversprechend. Du hast noch nicht genug? Nun, dann kannst du gerne versuchen ihn zu vertreiben indem du das Lied ‚Schafskrug, Schafswolle‘ singst. Kennst du nicht? Ich auch nicht, also werden wir das wohl leider nicht ausprobieren können…“ er spuckte aus. „Eine Methode kenne ich. Die ist bestimmt narrensicher – man fackelt seinen ganzen Wald ab. Aber wenn das nicht richtig funktioniert. Wenn er den Wald löschen kann ehe wir hundert Meilen fort und über alle Berge sind, haben wir ein gewaltiges Problem…“ er zuckte mit den Schultern. „So wie ich das sehe, bleibt uns nur eine Methode. Eine gute. Eine ehrliche. Die Methode des Hexers. Wir werden die Gegend auskundschaften müssen. Seine Totems finden und sie zerstören. Wir brauchen Relikt Öl, wenn wir ihn bekämpfen wollen und am besten noch Lampen Öl. Für den Fall der Fälle. Du verstehst?“
„Ja!“ war die knappe Antwort die Atheris über die Lippen brachte.

Die Suche

Nach einem spärlichen Frühstück, versuchten die beiden Hexer mehr über das Schicksal des Dorfes von dem Mädchen zu erfahren – erfolglos. Atheris vermutete, dass es noch unter Schock stand und zudem den unbekannten Männern nicht vertraute – zumindest noch nicht. Somit blieb ihnen nichts weiter übrig, als sich selber ein Bild über die Ereignisse zu machen und gleichzeitig mit den Vorbereitungen für die Jagd nach dem Leshen zu beginnen.

Gabhan holte aus seiner Reisetasche ein altes, vergilbtes Buch hervor und drückte es Atheris in die Hand. „Während du dich um das Klingenöl kümmerst, schaue ich mich im Dorf um – vielleicht finde ich einen Hinweis, was den Waldschrat so erzürnt hat!“ knurrte er und schloss die Tür von außen. Atheris schaute zu dem Kind, dass ihn mit großen Augen anstarrte, während es sich noch ein Stück von dem trockenen Brot in den Mund stopfte, dann wendete er seine Aufmerksamkeit dem alten Buch in seinen Händen zu. Im Vergleich zu vielen Lehrbüchern die Valerian in der Bibliothek in Kaer Iwhaell für den Unterricht seiner Schüler angesammelt hatte, war dies hier kein gedrucktes Buch, sondern eine Ansammlung von wild zusammengewürfelten handschriftlichen Notizen zu Klingenölen und Tränken. Immer wieder gab es Passagen, die mit zusätzlichen Informationen nachträglich verfeinert worden waren oder komplett gestrichen worden waren. Die unterschiedlichen Handschriften deuteten darauf hin, dass dieses Buch durch viele verschiedene Hände gegangen war – was Atheris aber positiv sah, persönliche Erfahrungen im Umgang mit der Jagd nach Monstern war viel Wert – vor allem, wenn man den Unterschied zwischen Theorie und Praxis betrachtete – wann hatte man denn wirklich einmal alle Ingredienzien für den perfekten Trank zur Hand. Valerian war bei seinen Aufträgen auch immer wieder auf alternative Zutaten ausgewichen, in der Hoffnung sie würden einen ähnlichen Effekt erzielen.

Bald fand er die Stelle mit der Überschrift ‚Reliktöle‘ und begann zu lesen.
Gabhan hatte sich dazu entschlossen Schwertgurt, Kettenhemd, Gambeson und Rüstteile in dem soweit gesicherten Haus zu lassen. Sie würden ihn bei der kommenden Aufgabe vermutlich nur behindern. Zudem hatten sie den Leshen gestern Abend fürs erste zurückgeschlagen. Gabhan zweifelte nicht daran, dass er wiederkommen würde. Zweifelte nicht im Geringsten. Aber hier und jetzt hatten sie wertvolle Zeit gewonnen.

Die Vorsicht des Hexers ging jedoch nicht soweit, als dass er sich vollkommen ohne Schutz aufgemacht hätte. Über der Schulter lief ein deutlich dünnerer Schwertgurt, aus dessen Ende jenes große zweihändige Schwert aus Stahl hing, dass ihm bereits im Kampf gegen Maeven gute Dienste geleistet hatte. Es war ihr letztes Geschenk gewesen.
Die Schritte führten den Hexer über den schlammigen Boden, der noch immer die Spuren des Kampfes der vergangenen Nacht verzeichnete, der jedoch sonst erstaunlich wenig zu erzählen vermochte. Nachdem sie am Abend nicht mehr dazu gekommen waren den Boden einer genaueren Untersuchung zu unterziehen hatte Gabhan insgeheim gehofft, dass ihnen hier womöglich Spuren auffallen würden. Spuren der Flucht, von Wagenrädern, Eselskarren, festen Stiefeln und nackten Füßen. Doch nichts dergleichen war zu sehen und das beunruhigte ihn. Es beunruhigte ihn sogar sehr.

Das Dorf war nicht übermäßig groß, es zählte mit seinen guten Dutzenden Häusern, einer Schmiede und einer großen Scheune zu den eher kleineren seiner Art und dennoch fielen dem Hexer einige Kleinigkeiten ins Auge. Der Großteil der Häuser war aus Holz, was nicht ungewöhnlich für diese Gegend war, jedoch wirkten sie alle erstaunlich neuwertig. Das Holz war frisch gekalkt. Zum kalken, das wusste Gabhan, benötigte man am besten Eichenholz. Ulme und Esche waren auch möglich, doch das Holz, aus dem diese Häuser waren schien eher Ulme denn Eiche zu sein. Er wunderte sich. Er wunderte sich sogar sehr.

Auf dem Weg hierher waren sie immer wieder Mischwäldern aus Esche, Fichte, Kiefer, Lärche und Eiche begegnet, doch Ulmen waren selten gewesen. Ulmen waren seit Jahren selten. Und gerade hier bauten sich die Menschen Häuser aus diesem Holz? Gabhan entschied sich das Dorf zu verlassen und schritt etwas näher in Richtung des Waldes, wenngleich er auch in weiser Voraussicht großen Abstand zum dräuenden rot und gelb hielt, welches sich düster vor dem Horizont abzeichnete. Und wahrlich, überall hier wuchsen Ulmen. Das war nicht gut. Gabhan machte noch einen Schritt nach vorne, spürte unter seinem Stiefelabsatz etwas unangenehm knirschen. Er sah hinab. Dort, unter seinen Stiefeln hatten sich viele kleine Pilze im diesigen Herbstwetter ihren Platz erkämpft und umringten einen Setzling. Gabhan war kein Botaniker, konnte einige ausgewachsene Bäume unterscheiden, hatte jedoch keine Ahnung zu was dieser Setzling werden könnte. Doch er hatte eine dumpfe Ahnung. Eine Ahnung, die sich erhärtete, als er seinen Blick genauer auf den Boden richtete und sich langsam hinab kniete, den Torf bei Seite wischte. Ihm entgegen blickte etwas, das einst ein Gesicht gewesen sein musste, ehe Wurzelwerk sich in die noch vorhandenen organischen Schichten geschlagen hatte. Langsam, ganz langsam erhob sich Gabhan und sah sich um. Hier und da waren Baumstümpfe zu sehen, dazwischen immer wieder Pilzkulturen und Setzlinge. Und dort – war das nicht eine Hand die aus dem Boden hervorragte? Dort ein Zeh? Der Hexer nickte grimmig und zog sich langsam zurück.

Die Tür zu dem kleinen Haus wurde langsam aufgeschoben und Gabhan steckte seinen Kopf hinein, musterte den Innenraum, das kleine Mädchen und den Greifenhexer. „Atheris,“ der Bärenhexer räusperte sich. „Wir müssen reden. Draußen…“ er wartete bis der andere hinaustrat, zog ihn an die Seitenwand der Hütte. „Ich weiß was hier geschehen ist,“ knurrte Gabhan leise. „Das Dorf hier ist noch nicht sehr alt. Die Menschen haben den Wald hier abgeholzt um ihr Dorf zu errichten. Haben dafür die Ulmen im nahen Wald verwendet. Ulmen sind Schutzbäume Atheris und die alten Bauern hatten recht, wenn sie einen Ulmenbaum vor ihren Bauernhof pflanzten. Waldgeister leben oft in Ulmen. Sie müssen ihn geweckt haben. Keine Ahnung ob sie seinen Baum gefällt oder nur seinen Zorn geweckt haben, indem sie all die anderen Bäume für Holz genutzt haben. Aber ich weiß was mit den Dorfbewohnern geschehen ist. Der Leshen ist der Herr des Waldes. Er forstet auf. Und die Dorfbewohner sind hervorragender Dünger…“ blieb nur eine Frage – woher kam das Mädchen und wieso hatte es überlebt?

„Hast du sonst noch eine Spur gefunden … irgendetwas, dass Hoffnung auf weitere Überlebende macht?“ Atheris blickte zum Haus in dem das Mädchen saß und fuhr dann fort „Ich möchte hier keinen zurücklassen! Wir sind im Zweifel ihre letzte Hoffnung!“ Er schwieg einen Moment und schaute Gabhan an. „Sagen die Legenden etwas, ob die Leshen Gefangene nehmen oder einen besonderen Rückzugsort haben?“ Atheris blickte erneut zum Haus – es musste einen Grund geben, warum das Mädchen überlebt hatte.
Gabhan schnaubte. Überlebende. Die Chance war unfassbar gering und selbst wer jetzt noch lebte, der war womöglich tot, wenn sie ihn endlich gefunden hätten. Das hier war ein Glücksspiel und Gabhan wusste, dass die Bank am Ende immer gewann. Sie würden hier ihr Leben riskieren für eine unfassbar geringe Wahrscheinlichkeit. Dazu kam noch, dass die Menschen hier in Gabhans Augen schon fast selbst schuld gewesen waren. Er konnte sich vorstellen was geschah, wenn sie die Bauern retteten. Sie würden das Weite suchen, oder den Wald abfackeln. Wahrscheinlich beides. In dem einen wie dem anderen Fall würden sie keinen müden Heller für ihre Retter übrighaben. Auf der anderen Seite – hier war Atheris sein Auftraggeber. Er war derjenige der bezahlte. Das war der Handel gewesen. Und außerdem…

Gabhan spürte Atheris Blick auf sich, realisierte, dass er viel zu lange geschwiegen hatte und verzog das Gesicht, als habe er große Schmerzen. „Womöglich…“ das Wort zwang sich geradezu über seine Lippen. „Ich habe nur einige wenige Leichen gezählt. Im Dorf werden mehr als fünf Leute gelebt haben. Womöglich ist der Rest noch in den Wäldern und wird dort gefangen gehalten um dem Leshen als Nahrung zu dienen. Als Wintervorrat. Womöglich ist der Rest aber auch geflohen und wir kämpfen für nichts. Womöglich könnten wir dies herausfinden indem wir die nächsten Dörfer abklappern und nach Flüchtlingen fragen, womöglich raubt uns das aber auch die Zeit die gefangenen Dörfler zu befreien, die es nunmal womöglich gibt. Vielleicht hat der Leshen aber auch schon alle umgebracht und wir jagen Geistern nach. Atheris ich weiß es nicht. Schau nicht so. Ich kann es nicht leiden, wenn du so schaust. Ich weiß du wünschst dir von mir, dass ich ein alter und erfahrener Hexer bin der auf alles eine Antwort hat. Aber das habe ich nicht. Manchmal weil ich es nicht weiß, manchmal, weil ich es nicht sagen will und manchmal, weil es keine Antwort gibt. Was hätte Valerian denn gesagt? Ziehen wir doch die Worte des weisen alten Greifen zu Rate. Womöglich hat er ja mal selbst was zu so einer Begebenheit gesagt. Überrasch mich, ich bin für alles offen.“

Atheris verstand, dass es nur noch wenig Hoffnung gab, aber was immer hier sein Unwesen trieb, war in ein mehr oder weniger schutzloses Dorf gekommen und hatte deren Einwohner massakriert – zumindest einen Teil von ihnen. Selbst wenn sie den hiesigen Dorfbewohnern nicht mehr helfen konnten, so gab es auch in diesem abgelegenen Teil von Temerien noch einige andere Dörfer in der Nähe und deren Holzfäller, Jäger und Marktleute und viele andere, die durch diesen Wald mit diesem Unwesen kamen – weitere unschuldige Seelen, die nur ihre Familie ernähren wollten. „Gabhan, ich weiß du bist nicht sonderlich begeistert von all dem hier, aber wir können hier nicht den Leshen gewähren lassen, das Risiko ist zu groß!“ Atheris machte eine kurze Pause und schaute Gabhan in die Augen, er sah die Entschlossenheit des Bärenhexers – ob es die Orens waren, die Atheris ihm zahlen würde oder aber ob er in seinem tiefsten Inneren wusste, dass es richtig war, hier aufzuräumen, konnte Atheris nicht sagen. „Wir hatten einen Plan und an dem hat sich aus meiner Sicht nichts geändert! Das Klingenöl werde ich bald fertig haben und ich könnte mir vorstellen, dass die Totems nicht weit von der Stelle entfernt sein werden, wo der Leshen die Ulmen aufgeforstet hat – zumindest würde ich dort mit der Suche fortfahren – oder siehst du das anders?“
„Nein,“ Gabhan schüttelte den Kopf. „Ich sehe es genauso – so lange es auch nur den Funken einer Hoffnung gibt werden wir helfen,“ er warf einen Blick hinüber zu dem Haus, in dem das kleine Mädchen saß und wohl mit seiner Puppe spielte, dem einzigen Ding das der Kleinen in dieser Welt noch geblieben war. „Wenn es schlecht aussieht,“ hob Gabhan die Stimme. „Wenn es so aussieht, als würde es einer von uns nicht schaffen, dann lassen wir ihn zurück und kümmern uns um das Kind. Was soll denn jetzt schon wieder dieser Blick. Weich mir nicht aus. Wir wissen beide, dass es das Vernünftigste ist. Wenn einer von uns im Kampf gegen den Leshen sehr schwer verwundet wird, dann flieht der andere. Schnappt sich das Kind und läuft als wäre der Leibhaftige hinter ihm her. Wenn wir da draußen bei einem Kampf sterben, dann ist sie des Todes. Wenn es der Leshen und die Wölfe nicht tun, dann wird es der Hunger sein…“ und das konnte und wollte Gabhan nicht geschehen lassen. Er konnte und wollte nicht den Tod eines weiteren Kindes auf den Schultern tragen. Seine alten Augen sahen zu Atheris, dann nickte er. „Antworte mir nicht Atheris. Nicht jetzt. Ich will, dass du handelst, wenn es soweit ist. Was den Leshen angeht, geh du und mach das Klingenöl fertig, du bist darin besser als ich. Ich werde mich umsehen. Habe das ein oder andere entdeckt, das mich hat aufmerken lassen. Bolzen zum Beispiel. In den getünchten Wänden der Häuser am äußeren Rand des Dorfes…“ und das war seltsam. Denn ein Waldgeist nutzte keine Armbrüste und auch die einfachen Bauern besaßen sowas normalerweise nicht. Wer auf die Jagd ging, der tat das gewöhnlich mit Pfeil und Bogen. Nicht mit einer schweren Armbrust. Und eine solche hatte er bei keiner der Leichen gefunden. „Und Atheris – ich weiß, dass du auf dich aufpassen kannst. Aber verdammich, pass auf dich auf!“ er wandte sich zum Gehen.

„So machen wir es!“ stimmte Atheris zu und machte sich zurück zur Arbeit an dem Klingenöl. An der Tür drehte er sich nochmal zu Gabhan um „Gabhan! Keiner geht alleine in den Wald“ hole mich, bevor du das Dorf verlässt!“ rief er dem Bärenhexer hinterher, der sich bereits zielstrebig zu einem der Häuser aufgemacht hatte.
Atheris betrat das Haus, indem sie ihr Lager aufgeschlagen hatten und sah, wie das Mädchen, dessen Namen sie immer noch nicht kannten, mit ihrer Puppe spielte – sie schien langsam aufzutauen, dachte sich der Hexer. Auf einem kleinen Tisch hatte Atheris sein kleines Alchemie-Labor aufgebaut. Es war nicht viel, aber für die meisten einfachen Tränke und Öle reichte die Ausrüstung aus. Für die einfachste Variante des Reliktöls waren die Hauptzutaten Hundetalk und Mistelzweige. Beides waren weit verbreitete Ingredienzien und die meisten Hexer hatten diese bei ihren Reisen immer dabei – so auch Atheris. Das Mädchen gesellte sich zu ihm, als er anfing die Zutaten zu verarbeiten. Gabhan hatte sowas von Unrecht gehabt! Er war mit Nichten besser in der Herstellung von Ölen – er war nicht untalentiert, wie Meister Valerian immer wieder betonte, aber es fehlte ihm die jahrelange Erfahrung, die der Bärenhexer hatte. Während die Mixtur auf einem kleinen Feuer köchelte, erzählte er dem Mädchen eine Geschichte über zwei Hexer, die ein Dorf von einem uralten Problem befreit hatten.

Der Schütze

Es war später Nachmittag als Gabhan wieder zurück ins Haus kehrte. Er wirkte müde und schien das diesige Wetter von draußen mit nach drinnen zu nehmen. Sowohl mit seiner Kleidung, die das feuchte Wetter bereits aufgesogen hatte, als auch mit seiner Laune die eher verregnet wirkte. Der Hexer schloss die Tür hinter sich, drehte sie ins Schloss und überprüfte noch einmal Fenster, Tür und Ausgänge auf Nägel, ehe er seinen Schultergurt ablegte und sich selbst in die Nähe des Feuers verzog, Knochen und Laune wieder aufwärmend.

Er warf einen Blick hinüber zu Atheris, der die letzten Tropfen Öl in zwei Flaschen abfüllte, während das Mädchen neben ihm mit der Puppe spielte und dabei auch Atheris Knie und Schultern als Spielfläche missbrauchte. Ein sanftes Lächeln weichte die Züge des Bärenhexers auf, während er sein Silberschwert aus dem große Schultergurt, den er zurückgelassen und an einen Nagel neben dem Kamin gehangen hatte und zog in beständige Regelmäßigkeit einen Schleifstein über die Klinge. Diese stetige Bewegung, der Klang auf dem Metall und das Prasseln des Feuers brachten ihn in eine beinahe meditative Stimmung und seine Schultern entspannten sich. „Acht Dörfler,“ hob er die Stimme. „Acht Dörfler wurden zum Aufforsten verwendet,“ er vertraute darauf, dass das stumme Mädchen diese Begriffe nicht verstand, wenn sie überhaupt ihre Sprache sprach. „Hier müssen mindestens zwanzig gelebt haben. Habe die Betten in den Häusern gezählt. Und hier hat ein Kampf gegen den Schrat stattgefunden. Derjenige, der gegen ihn gekämpft hat, verwendete Fernkampfwaffen. Kann noch nicht lange her gewesen sein, ich nehme an das.…“ er verstummte, als mit einem Mal das Kind vor ihm stand und ihm die Puppe entgegenstreckte. Stumm, wie immer. Gabhan betrachtete die Kleine. Die Puppe. Die Kleine. Dann, ganz langsam nahm er die Puppe, bewegte diese ein wenig hin und her und tat so, als würde er die Nase der Kleinen stehlen. Diese lachte kreischend auf, entriss ihm die Puppe wieder und rannte in eine Ecke, wo sie sich selbst wieder beschäftigte. Gabhan wurde leichter ums Herz und er atmete erleichtert aus. „Wie lief es bei dir?“

„Bei mir war es ziemlich ruhig, Gabhan. Das Relikt Öl ist fertig!“ Atheris überreichte eine der gerade frisch abgefüllten Fläschchen. „Und die Kleine ist auch etwas aufgetaut. Leider hat sie immer noch kein Wort gesprochen.“ Atheris schaute zu dem spielenden Kind. „Das mit dem Schützen ist interessant – vermutlich hat er den Auftrag angenommen und zu spät gemerkt, was hier vorgeht. … Was ist unser nächster Schritt?“
Gabhan betrachtete das Öl, welches ohne jeden Zweifel seinen Dienst tun würde. Es war solide hergestellt und er hatte kein Recht sich zu beschweren. Natürlich mit Bärenfett, Wasserweibzähnen und noch einigen anderen Ingredienzen wäre es besser geworden, aber was man nicht hatte, hatte man eben nicht. Es würde seinen Dienst tun, ohne jeden Zweifel. Er schwang die Flasche einmal in geübter Bewegung zwischen Daumen und Zeigefinger, ehe er sie neben sich stellte und etwas näher ans Feuer rutschte.
„Was den Schützen angeht gehe ich mit deiner Theorie. Wobei sich die Frage stellt, ob der Schütze denn nur den Leshen verfehlt hat oder der Leshen auch ihn…“ er knirschte mit den Zähnen, sein langer Oberlippenbart strich über seine Lippen, kitzelte am Mund und er wischte sich diesen fort, schob die Haare bei Seite, während er weiter nachdachte und eine wegwerfende Handbewegung machte. Unwichtig. Es änderte jetzt nichts. „Und was wir tun werden? Wir werden uns heute Abend noch einmal hier verbarrikadieren. Werden unsere Schwerter und unsere Sinne schärfen -und dann morgen früh auf die Jagd gehen. Hast du schon einmal einen Leshen gejagt Atheris? Dem Herrn des Waldes in die Augen geblickt?“ er zog die Nase hoch.

„Alles was ich von den Leshen weiß sind alte Märchen – gesehen habe ich bisher aber keinen!“ antwortete Atheris während er sich zu Gabhan setzte. Gerade als er weiterreden wollte, setzte sich das kleine Mädchen zwischen die beiden Hexer und zog sich eine Decke enger um die Schulter, lehnte sich mit dem Köpfchen an das Bein von Atheris und schloss die Augen. Leise fuhr der Nilfgaarder fort. „Wenn sich der Schütze auf den Fernkampf beschränkt hat, könnte er sich noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht haben. Vielleicht war es auch ein Waldläufer oder Jäger, in beiden Fällen würde er sich in den Wäldern und mit den Legenden vermutlich auskennen und somit gute Chancen haben, dem Waldgeist zu entkommen … ich meine uns haben nur drei rostige Nägel gerettet!“ Atheris blickte zur Tür, die Sonne ging unter und er war gespannt, was die Nacht bringen würde.

„Vorläufig,“ stimmte Gabhan zu. „In dieser Gegend gab es unter König Foltest einst königliche Jäger, die sich um wilde Wölfe, Bären und ab und an auch mal um einen Nekker gekümmert haben. Womöglich hat er wirklich überlebt, ich würde jedoch keinen müden Oren darauf verwetten,“ erwiderte Gabhan und zuckte mit den Schultern. „Ich selbst habe bislang zwei Mal gegen einen gekämpft und eigentlich gehofft, dass ich es kein drittes Mal machen müsste. Vor allem nicht für müde 240 Orens. Da habe ich echt ein Schei…“ er besah sich das Kind, schien widerwillig sein Wort zu verschlucken, „ein mieses Geschäft mit dir gemacht. Aber seis drum. Wir werden morgen früh nach ihm und jeder anderen armen Seele suchen können. Vielleicht finden wir ihn ja. Deinen Jäger. Vermutlich zwar als abgerissenes Stück Fl…. ziemlich angeschlagen. Nehm ich an. Wenn wir ihn überhaupt an einem Stück finden.“

Eine ganze Weile saßen die Drei noch so am Feuer und harrten der Dinge. Atheris wusste nicht genau wann er eingeschlafen war, aber das vibrieren seines Medaillons weckte ihn aus seinem traumlosen Schlaf. Er sah wie sich Gabhan ebenfalls leise erhob und nach seinem Schwert griff. Atheris zog seine Silberklinge und stellte sich an das Fenster. Durch ein kleines Astloch im Fensterladen lugte er nach draußen. Erneut war dichter Nebel aufgezogen – unnatürlich dicht. Er war da draußen, der Leshen … Atheris fühlte die unheimliche Präsenz, aber er sah und hörte nichts. Das Zittern des Medaillons wurde stärker – Atheris kniff die Augen zusammen und dann sah er ihn … den Geist des Waldes. Das Wesen stand keine zehn Schritt von ihm entfernt auf dem Dorfplatz in der Nähe des Brunnens. Groß war es, mindestens drei Schritt … Rinde – seine Haut erschien rindenartig. Anstatt Fingern besaß er lange Klauen, die wie Äste gebogen waren und anstelle eines Gesichtes war da nur der Schädel eines Hirsches mit samt seines einst mächtigen Geweihs. Zu seinen Füßen schlichen zwei große Wölfe umher. Die großen Augenhöhlen des Schädels blickten in seine Richtung – es war ein kalter grausiger Blick, als wenn er in Atheris Seele blicken konnte. „Ich kann ihn sehen, Gabhan! Er ist hier und beobachtet uns!“ flüsterte er leise.

„Seh‘ ich“, Gabhan beugte sich nach vorne und fuhr mit den Fingern über die Maserung des Holzes, während er durch eine Ritze zwischen den Fensterläden nach draußen starrte und den Leshen dort beobachtete. Eine Sache hatte er Atheris nicht gesagt. Es war kein Geheimnis, aber Gabhan hatte sich auch nicht die Mühe gemacht gesondert darauf hinzuweisen. Leshen waren nicht nachtaktiv. Nach allem was Gabhan wusste mussten sie genauso wenig schlafen wie Bäume oder Büsche schlafen mussten. Der Leshen mochte hier nicht hineinkommen können. Aber das musste er nicht. Er könnte sie auch einfach aushungern. Sie konnten jedoch Glück haben. Vielleicht hatte der Leshen kein so großes Interesse an ihnen. Oder aber er hatte woanders zu tun. Gabhan schnaubte. Was auch immer ein mordendes Monster das aus dem Überlebenswillen des Waldes und der Natur selbst bestand auch woanders zu tun haben konnte.

„Wir sollten leise sein,“ hauchte er mit einem seltenen Kratzen in der Stimme, das ihm selbst im Hals stach und dass er der Kälte und Nässe in diesem verfluchten Bauernhaus zu verdanken hatte. Krank konnten Hexer nicht werden, aber Unannehmlichkeiten, nein die hatte man natürlich nicht von ihnen abgehalten. „Und wenn du an irgendwas glaubst wäre jetzt der Zeitpunkt zu beten!“

Die ganze Nacht hielten die beiden abwechselnd Wache – ob es nötig war, hätte Atheris nicht sagen können, aber er fühlte sich zumindest sicherer. Es war ein seltsames Gefühl! So musste es wohl einer Maus ergehen, die von einer Katze in ein Loch getrieben wurde und nun belauert wurde. Zumindest das Kind schien nichts davon mitzubekommen, die Kleine schlief seelenruhig zwischen den Decken. Erst als die Sonne über dem herbstlichen Wald aufging und ihre warmen Strahlen den Nebel in nichts auflösten, verschwand der Leshen wieder in den Wald. Gabhan hatte es nicht ausgesprochen, aber sogenannte Relikte mussten in den seltensten Fällen ausruhen, also warum zog sich dieses Wesen erneut bei Anbruch des Tages in den Wald zurück? Er ging zum schlafenden Gabhan hinüber und weckte den Zunftbruder auf.
Gabhan schlug die Augen auf, schob den Mantel aus Fellresten, der ihm als Decke gedient hatte, bei Seite und stand ächzend auf. „Weg?“ Atheris nickte, was Gabhan ein erleichterndes Schnauben entlockte. „Kommst du?“ fragte er leise und trat zur Tür, durchmaß diese und stiefelte erneut zum großen Brunnen hin. Knattern. Ring um Ring schob sich nach oben. Ein lautes Knacken, als die Winde einrastete, ein Platschen. Gabhan gönnte sich einige Sekunden, ehe er den pitschnassen Kopf aus dem Bottich zog. „Besser! Viel besser. Die Klarheit des Wassers bedingt die Klarheit des Kopfes. „Atheris!“ er wischte sich den tropfnassen Bart mit dem Ärmel ab. „Sprechen wir Klartext. Im Dorf können wir nicht bleiben. Denn sonst verlassen wir es niemals. Wir müssen in den Wald. Müssen die Totems finden. Und die Dörfler. Und den Jägersmann. Einiges zu finden, wenn du mich fragst. Aber während wir all das suchen und hoffentlich auch finden, dürfen wir eines nicht verlieren. Das Mädchen. Wir können sie nicht hierlassen und wir können sie nicht mitnehmen. Was schaust du so? Ja. Nein, natürlich ist das Haus sicher, aber glaubst du die Rotznase würde sich daranhalten, wenn wir ihr sagen, sie soll die Türen und Fenster geschlossen halten? Da draußen wartet der Leshen und Wölfe und weiß der Deibel was noch alles!“ er formte aus seinen Händen einen Trichter, nahm Wasser auf und trank einige tiefen Schlucke Wasser und warf Atheris einen Blick zu, der ihn über die Vorteile aufklärte, die es haben würde, wenn sie das Kind hier in Sicherheit ließen. Gabhan war nicht überzeugt. War nicht überzeugt, dass er das Kind nicht dem Tod anheimfallen ließ, aber bei ihnen war es auch nicht sicher. Verflucht, kein Kind schien bei ihm sicher zu sein, zuletzt die Antherion… und andere. Er wollte diese Liste nicht noch weiter fortsetzen. „Wie bitte?“ er hob den Blick, als ihm bewusst wurde, dass Atheris weiterhin gesprochen, er aber nicht zugehört hatte. Verflucht, das geschah ihm öfter. Es war unhöflich und konnte tödlich enden. Er hatte auch Grazyna nicht zugehört. Hatte sie ihn damals vor dem Grab warnen wollen? Vor Maeven? Wohl eher nicht. Glaubte er. Musste er glauben. Oder wollte es zumindest. „Na gut. Lassen wir das Rotzgör hier. Passt schon“

Der Fuchs

Als sie kurz darauf den Waldrand erreicht hatten, schaute Atheris noch einmal zurück zur Hütte. Sie hatten das Kind und Ker’zaer zurückgelassen, in der Hoffnung, dass sie hinter den verschlossenen Türen sicherer sein würden. Dann wandte er sich wieder dem Wald zu und folgte Gabhan. Ihre Suche wollten sie bei der Stelle fortsetzten, an der Gabhan die sterblichen Überreste der Dorfbewohner entdeckt hatte.

Atheris gefiel der herbstliche Wald mit dem bunten Farbenspiel. Wenn hier nicht eine solch tödliche Gefahr lauern würde, hätte es eine schöne Wanderung werden können – so aber stapfte er angespannt hinter Gabhan her, der mit sicheren Schritten einem Wildpfad folgte.

Atheris wollte Gabhan gerade fragen, ob er eine Vorstellung hatte, wie die Totems eines Leshen aussehen, als der Bärenhexer plötzlich stehen blieb. „Was ist los, Gabhan?“ fragte er nach einigen Momenten. „Dahinten!“ Gabhan zeigte auf einen großen Baum, „Ich bin mir sicher da war jemand!“ fuhr er fort. Was auch immer sein Zunftbruder gesehen haben mochte, Atheris sah es nicht. Dennoch warteten sie, hockten sich zwischen den hochgewachsenen Waldfarn und beobachteten.
Da war etwas. Verflucht, er hatte etwas in dem Herbstlaub gesehen. Er hasste Wälder. Überall vor ihnen wuchs Farn, Heidekraut und Weißdorn. Der Herbstwind raschelte im Laub und Gabhan nutzte die Geräuschkulisse, um sein Silberschwert zu ziehen und hob einen Finger an die Lippen, blickte zu Atheris. Dann zuckte er zusammen. Alles verfiel in Zeitlupe. Das Rascheln aus dem Wald, das Aufblitzen von Stahl zwischen Heidekraut. Gabhan dachte nicht mehr darüber nach. Es war keine Zeit mehr für einen Gedanken. Er musste schneller sein als ein Gedanke. Und das war er. Sein Schwert umkreiste eine halbe Finte, drehte sich in seiner Hand entgegengesetzt zu seiner Fußbewegung. Ein stechender Schmerz zog sich über seinen Oberschenkel, dann erst vernahm er den Knall. Das Aufschlagen des Bolzens in einen Baumstumpf hinter ihm. Sein Oberschenkel blutete, seine Hose war zerrissen. Aber der Bolzen steckte nicht. Hatte nur eine Fleischwunde gerissen. Der Bolzen. Armbrust. Das Arschloch brauchte eine Ewigkeit diese erneut zu laden. Gabhan sprintete los, hörte hinter sich Atheris durch das Unterholz krachen, während er zuvor eine Schneise schlug und sich schließlich auf den Mann stürzte, der geschossen hatte. Geschossen haben musste. Sie beide stürzten, purzelten einen Hang hinab. Die Welt drehte sich, wand sich und Gabhan spürte, wie Hagebutte sein Gesicht zerkratzte, ehe der weiche Waldboden den Sturz des Schützen dämpfte. Der Schütze indes dämpfte Gabhans Sturz. Der Hexer hob die Faust mit den nietenbesetzten Handschuhen, ehe Atheris Ruf ihn innehalten ließ.

„Warte! … Warte. Gabhan!“ Atheris erkannte den Schützen, den der Bärenhexer unter sich begraben hatte. Zum Glück hörte sein Zunftbruder seinen Ruf und hielt mitten in der Schlagbewegung inne. „Reynek! Was machst du in dieser verlassenen Gegend und warum hast du uns angegriffen?“ Atheris lief zu dem am Boden liegenden Mann und half ihm auf die Beine. „Atheris! Bin ich froh dich zu sehen!“ begrüßte ihn der Jäger sichtlich erleichtert, als er den Nilfgaarder erkannte. Sie hatten sich beide vor einigen Jahren bei einer Expedition getroffen, bei der sie sich angefreundet hatten. Es war schon faszinierend, dass er den Mann gut leiden konnte, obwohl sie sich einst bei der Schlacht von Brenna als Feinde gegenüberstanden, aber Zeiten ändern sich und so auch die Menschen. Atheris schaute zu Gabhan, der angefangen hatte sein Bein zu verbinden. „Gabhan, du kennst doch Reynek! Er ist mit uns letzten Winter in das Lager der Kultisten geschlichen, um unsere Blutproben zurückzuholen!“

Gabhan klopfte sich Dreck und Blätter von seinem langen Gambeson und musterte Reynek. Der hochgewachsene Jäger trug ein langes blaues Hemd, darüber eine hübsch gesteppte braune Jacke mit den Lilien Temeriens und auf dem wettergegerbten Gesicht ein Hütchen, das Gabhan lächerlich fand. Er hatte es nicht lächerlich gefunden als sie sich das erste Mal begegnet waren und beim nächsten Mal würde er es auch nicht mehr lächerlich finden. Doch er war gereizt. Sein Bein schmerzte. Doch ja, er erkannte den Jägersmann. Er war ein teuflisch guter Schütze. Auf diese Präsentation seiner Künste hätte Gabhan jedoch verzichten können.

„Ich erinnere mich,“ erwiderte er, trat auf den anderen zu, musterte ihn von oben bis unten. Sein Bein Schmerzte. „Hast wohl gedacht wir wären dieses Drecksvieh in den Wäldern, hm? Tja falsch gedacht. Verflucht falsch…“ dann geschah alles blitzschnell. Der Jägersmann taumelte, hielt sich an einem Baum jedoch aufrecht und das Hütchen segelte zu Boden. Als Gabhan das Hütchen nun aufnahm und ihm reichte wirkte es weniger lächerlich. Deutlich weniger. „Jetzt, da wir wieder Freunde sind, magst du uns erklären was du allein im Wald machst? Und wieso du die Frechheit besitzt noch zu leben? Verflucht ich habe zwei Orens gegen den Langen gewettet, dass der Jäger aus dem Dorf tot ist.“

Atheris hörte sich die Schilderungen von Reynek gespannt an. Der ehemalige königliche Jäger am Hofe Temeriens war auf der Durchreise gewesen, als er von einem fliehenden Dorfbewohner von den seltsamen Ereignissen erfuhr. Er hatte eigentlich nur vorgehabt sich ein Bild von der Situation zu machen, um gegebenenfalls Hilfe zu organisieren, aber er traf schon in der ersten Nacht auf den Waldgeist, als dieser durch das Dorf wandelte. Seine Bolzenangriffe zeigten kaum eine Wirkung, aber zumindest verschaffte er einigen Bewohnern genug Zeit zu fliehen, bevor er selber von den Wölfen des Leshen gejagt wurde. In dieser mächtigen alten Ulme, unter der sie jetzt saßen, hatte er Schutz gefunden und er war nicht alleine. Die letzten Tage hatte er damit verbracht die im Wald verstreuten und vom Leshen gejagten Dörfler hierher in die vermeintliche Sicherheit zu bringen.

Auch Gabhan hatte zugehört und sich die Ausführungen des Jägers durch den Kopf gehen lassen. Die Ausführungen des anderen waren ungewöhnlich und weckten Zweifel in dem Bärenhexer. „Du hast also die letzten Tage in diesem Wald überlebt, hier auf dieser Lichtung?“ hakte Gabhan nach und Reynek nickte geflissentlich. Der wachsame Blick des Hexers wanderte über die Lichtung, vorbei an Farn und Heidekraut, welches sich in einem symmetrischen Kreis um die Lichtung erstreckte. Perfekte Formen waren in der Natur nichts Ungewöhnliches, auch wenn Menschen dies gerne glaubten. Die Menschen hatten ihren Drang nach Perfektion nur von der Natur übernommen und das auch noch deutlich weniger als die Elfen oder andere der Alten Völker; und dennoch. Dennoch war etwas seltsam. „Ich habe versucht den Wald zu verlassen,“ Reyneks Stimme riss Gabhan aus den Gedanken. „Aber es gelang mir nicht. Zumindest nicht wann immer ich die versprengten Dorfbewohner aus dem Wald herausführen wollte. Wenn ich allein auf der Jagd war, dann schien es kein Problem zu sein. Doch die Wege und Gebüsche, die ich zuvor so gut kannte scheinen undurchdringlich zu werden, wenn ich auch nur einen von ihnen mitnehme!“ er deutete hinter sich, wo einige verdreckte und verängstigte Menschen die Hexer betrachteten und um ein kleines und trauriges Feuer versammelt waren, das sie nur mit feuchten Blättern und Zweigen füttern konnten und das zum Gotterbarmen stank und rauchte. „Und ich konnte sie ja schlecht zurücklassen, daher bin ich noch immer hier,“ schloss Reynek seinen Bericht. „Nobel,“ kommentierte Gabhan ohne deutlich machen zu können, ob Sarkasmus oder Lob in seinen Worten mitschwang. „Der Leshen will Rache an den Bewohnern. Deswegen lässt er sie nicht gehen. Aber wieso greift er sie nicht hier an?“ dieses Geheimnis gab ihm Rätsel auf.
Er betrachtete mit Sorge die Bewohner des Dorfes, die sich unter seinem Blick nur noch tiefer in Richtung der Ulme drückten. Verflucht. Sogar in diesem Wald des Todes hatten sie noch Angst vor ihm. Er konnte es ihnen kaum verübeln, so wie er hier aufgeschlagen war. Wahrscheinlich hätten sie sich am liebsten in den hohlen Stamm der Ulme verdrückt. „Natürlich!“ Gabhan sprang auf und eilte in Richtung der Dorfbewohner, die erschrocken auseinanderwichen. „Reynek du weißt es wohl nicht, aber verteufelt noch eins du bist ein Genie!“ er winkte den Jäger und Atheris heran. „Der Leshen greift nicht an. Mitten im Wald. Die Frage ist warum. Die Antwort ist einfach. Weil er es nicht kann. Oder zumindest nicht riskieren kann!“ er deutete in den hohlen Stamm der Eiche, wo Stroh und Knochen lagen. „Hier. Das hier ist eines seiner Totems. Wenn er hier wütet, würde er riskieren es zu zerstören! Wir wissen nun wie seine Totems aussehen!“ grimmige Freude war es, die in Gabhans Gesicht aufflammte. Er wollte verdammt sein, hatte es nicht für möglich gehalten, aber Atheris hatte Recht behalten. Sowohl der Jägersmann, als auch die Dorfbewohner waren noch am Leben – und nicht nur das, sie hatten sie auch noch – wenn auch unwissentlich – direkt zum Herz dieses Ungeheuers geführt und damit die Waage wieder zu ihrer Seite ausschlagen lassen. Gabhan glaubte nicht an eine übergeordnete Gerechtigkeit oder daran, dass die Vorsehung ihnen irgendetwas schenkte. Noch immer erwartete er Unheil, denn Unheil kam immer. Und dennoch, entgegen seines eigenen Willens keimte etwas in ihm auf, dass er seit über einem halben Jahr nicht mehr gespürt hatte. Hoffnung. Eine falsche Hoffnung, da war er sich sicher. Das redete er sich ein. Musste es sich einreden, denn Hoffnungen mussten enttäuscht werden. Aber dennoch glomm sie. Wie ein Feuer in der Dunkelheit. „Vielleicht kommen wir hier tatsächlich alle Lebend raus…“ brummte er und besah sich Reynek und Atheris. „Aber dafür brauche ich eure Hilfe. Wir müssen hier zusammenarbeiten – ich habe keine Ahnung wie viele Totem dieser Leshen hat. Aber so alt wie er ist, würde ich vermuten, dass es drei oder vier sind. Wir müssen den Wald absuchen und diese Totem zerstören. Das Totem hier, selbstredend, als letztes. Wenn dieses Totem fällt werden die Bauern angegriffen werden können. Wir müssen diese Stätten seiner Macht vernichten und mit den Bauern aus dem Wald fliehen, ehe wir auch diese Ulme zerstören. Werden in Richtung des Dorfes fliehen müssen. Die Zeit ist dabei entscheidend. Kriegen wir das hin?“

Atheris schaute sich das Totem in der alten Ulme genau an, es war nicht sonderlich groß und trotzdem so entscheidend für ihr bevorstehendes Vorhaben. „Wenn wir dieses Totem als letztes zerstört haben, werden wir den Leshen stellen können und so den Bewohnern die Flucht ermöglichen … ja, ich denke wir bekommen das hin, Gabhan!“ antwortete Atheris zuversichtlich. „Die Frage ist nur, wo finden wir die anderen Totems, habt ihr eine Idee?“ fragte er in die Runde.

Nach einer kurzen Diskussion war klar, dass ihnen nichts Anderes übrigblieb, als die nähere Umgebung abzusuchen. Gabhan schätzte den Leshen als relativ alt ein und dem entsprechend hatte er vermutlich ein ziemlich großes Revier, in dem er sein Unwesen trieb. Die Hoffnung des Bärenhexers war aber, dass der Waldgeist seine Totems nicht zu weit voneinander entfernt aufbewahrte – sozusagen im Herzen seines Waldes. Allerdings bedeutete das auch, dass er sich vermutlich in ihrer Nähe rumtrieb und sie auf der Hut sein mussten.

Im Herzen des Waldes

Die Sonne stand hoch am Firmament, Atheris gönnte sich einen Schluck Wasser und beobachtete wie Reynek seinen Kopf passender Weise in einen Fuchsbau steckte. „Aen iarean nyald aep kroofeir!“ fluchte er, wie sollten sie die verdammten Totems nur finden. „Gabhan, es muss doch etwas geben, was uns bei der Suche weiterhelfen müsste!“ fragte er seinen Zunftbruder.

„Wir könnten den Wald anzünden,“ erwiderte Gabhan trockener als das Laub, dass den gesamten Waldboden bedeckte. „Dann schauen wir in welche Richtung der Leshen rennt um seine Totem zu beschützen. Der einzige Nachteil ist, dass wir dabei vermutlich selbst elendig verbrennen werden – und wenn nicht das, dann würde uns der Leshen an seinen Totems in Brennholz verwandeln…“ der Bärenhexer atmete tief ein und aus, nahm den frischen Herbstduft auf. „Die Totems müssen eine magische Eigenstrahlung haben. Aber nur eine sehr, sehr geringe…“ ob sie ihre Medaillons darauf einstimmen konnte? Schwierig. „Du hast nicht zufällig De’Vries Extrakt bei dir? Nein, dachte ich mir schon…“ Gabhan legte den Kopf in den Nacken und hielt inne. „Er wird sie schützen…“ dämmerte es ihm langsam. „Er konnte sein Totem bei dem wir die Dorfbewohner zurückgelassen haben nicht schützen, weil er uns sonst damit darauf aufmerksam gemacht hatte. Aber die anderen? Die sollte er unter Beobachtung stellen…“ er deutete nach oben. „Vögel. Wir müssen den Vögeln folgen. Den Raben vor allen anderen!“

„Die Vögel!“ Atheris schaute in die Baumwipfel – was Gabhan gesagt hatte, konnte tatsächlich der Wahrheit entsprechen. Die wenigen alten Kindermärchen, die Atheris kannte, erzählten immer von Raben, die den Waldgeist begleiteten und oftmals als seine Augen dienten. Es war Reynek, der alles mit angehört hatte und nun das Wort ergriff. „Es gibt hier in der Nähe einen kleinen Teich, dort habe ich gestern drei Raben gesehen!“ sagte er und zeigte mit seiner Rechten in Richtung Norden. „Ich würde das eine erste Spur nennen!“ lächelte Atheris und Gabhan nickte zustimmend als sie sich daran machten dem Jäger zu folgen.

Der Teich befand sich auf einer kleinen, fast wie aus einem Märchen wirkenden Lichtung. Lediglich eine alte Trauerweide ließ ihre langen Äste in den See ragen. Der längliche Teich war umsäumt mit dickem Schilf. Lediglich an der Stirnseite des Teiches fiel Atheris ein großer viereckiger Stein auf, der fast zur Gänze im Boden eingelassen war. Dort saß ein großer pechschwarzer Raabe, der sie aus seinen dunklen Augen zu beobachten schien. „Intelligente Tiere!“ flüsterte Reynek und schaute sich weiter um. Atheris starrte immer noch das Tier an – er war sich sicher, dass der Leshen in der Nähe war. Als er sich dem Stein näherte, auf dem der Vogel saß, quittierte es dieser mit einem lauten Krächzen und flog dann auf einen dicken Ast der Trauerweide. Er stellte sich auf den Stein und dann war da, ein ganz leichtes vibrieren an seinem Hals. Der Teich selber … er starrte auf das Wasser, es war kristallklar und da war was. Vorsichtig stieg er in das Wasser und watete hinein. „Ich habe es!“ rief er seinen Gefährten zu.

Auch Gabhans Medaillon ruckte. Silberne Kettenglieder klirrten auf dem gehärteten Lederkragen seiner Rüstung, vibrierten bis in die Knochen. Atheris hielt etwas in der Hand, das aussah als hätte es eine gigantische Katze hervorgewürgt, nachdem diese Gräser und Vögel gegessen hatten. Er glaubte beinahe es pulsieren zu sehen. Das war nicht gut. Gabhan sah sich um, sah den Raben aber keinen Leshen. Auch Reynek hob die Armbrust, beide drehten sich um sich selbst. Das Rascheln wurde lauter, das Ruckeln des Amuletts stärker. „Atheris, raus aus dem Wasser, sofort!“ brüllte Gabhan, doch in dieser Sekunde sah er nur noch wie Atheris verschwand, eine Fontäne dort wo er gestanden hatte, während das Wasser über ihm zusammenschlug.

Atheris hörte noch die Warnung von Gabhan, als sich etwas Schlangenartiges blitzartig durch das Wasser bewegte und sich um seine Beine schlang. Mit unerwarteter Kraft wurden ihm die Beine unter dem Körper weggerissen und er stürzte ins Wasser. Die Wasseroberfläche schloss sich vor seinem Gesicht. Atheris wusste das der Teich nicht sonderlich tief war und sein erster Impuls war es sich sofort wieder aus dem Wasser zu erheben, aber gerade als er sich auf den Bauch gewendet hatte und sich mit den Armen abstoßen wollte, wickelte sich etwas um seinen Brustkorb und zog ihn mit gnadenloser Kraft auf den Teichgrund. Panik stieg in ihm auf. Luft! Er brauchte Luft zum Atmen! Seine rechte Hand tastete nach dem Messer in seiner linken Armschiene … und fanden die scharfe Klinge. Er tastete nach dem Ding, was sich um seinen Rumpf geschlungen hatte und fing an zu schneiden.

Reynek hatte bereits seine Armbrust abgelegt, und war drauf und dran ebenfalls in den Tümpel zu waten um Atheris zu retten, doch Gabhan griff nach dem Arm des Schützen und schüttelte den Kopf. „Nicht. Noch nicht,“ brummte er und ließ seinen Blick dann wieder auf den Teich wandern. Der Teufel wusste welche Grausamkeit dort in diesem Gewässer lauerte, welches nun spritzte und brodelte wie ein dreimal verfluchter Hexenkessel. Schlick wurde aufgewirbelt und man sah einen Scheiß. Wenn Reynek nun auch noch hineinsprang, dann waren sie im schlimmsten Fall beide fort. „Warte… er hat noch Luft…“ presste Gabhan hervor, wenngleich er auch nicht wusste, ob er nun Reynek oder sich von dem Wahrheitsgehalt überzeugen wollte. Dreißig Sekunden gab er ihm noch. 29 Sekunden. 28 Sekunden.

Erneut schoss ein Schwall seltsam stinkender Brühe auf und ging auf Gabhan und Reynek nieder, da tauchte Atheris wieder auf – Schlickverschmiert, prustend und nass wie ein Otter, aber am Leben.
So schnell er konnte, sprang Atheris mit drei Sätzen aus dem verfluchten Teich. Reynek und Gabhan waren sofort bei ihm und nahmen ihn schützend in die Mitte, während er noch nach Atem rang und das letzte Wasser ausspuckte. Eine ganze Weile warteten die Drei auf das Ding aus dem Teich … aber es kam nichts. Atheris näherte sich vorsichtig dem Stein am Ufer und schaute auf die inzwischen wieder spiegelglatte Fläche. Er suchte nach dem Totem, er hatte es bei dem Angriff fallen lassen, was ihn mächtig ärgerte. Ein weißer Schimmer im Schilf ließ ihn auf einmal lächeln. „Was ist, Atheris?“ fragte Reynek mit inzwischen angelegter Armbrust. Atheris angelte sich den Schädel mit dem merkwürdigen Gras und zeigte es seinen Gefährten. Dann legte er es auf den Stein … formte das Igni-Zeichen und nachdem er genügen Energie gesammelt hatte, ließ er den Flammenstrahl auf das Totem nieder, dass sofort in grünlichen Flammen aufging … der Rabe schrie wütend, bis ihn Reyneks Bolzen zum Schweigen brachte.
Gabhan stierte dem Totenschädel tief in die leeren Augenhöhlen, bis die grünen Flammen fauchend verglühten. Der Geruch biss in der Nase, das helle Feuer brannte in den Augen, doch er wollte sicher sein. Sicherheit war das, was sie brauchten. Erst als er sich sicher war, dass das Totem endgültig all seiner Macht beraubt worden war, sah Gabhan den Größeren an. Betrachtete ihn knapp. Nickte. „Gut gemacht“ brummte er, blinzelte dann gegen das Licht der im Zenit stehenden Sonne. „Einer hin, zwei im Sinn – ich glaube im Norden sind noch einige andere Rabenschwärme…“ überlegte er laut und auch Reynek nickte. „Nordosten von unserer Position aus – sie drehen dort bereits seit Tagen ihre Runden. Wir sollten jedoch achtsam sein, der Waldweg in diese Gegend ist steil und voller gemeiner Wurzeln!“ Gabhan nickte. „Kannst du vorangehen? Du klingst, als kennst du den Weg gut. Besser als ich zumindest auf jeden Fall und ich kann mir schöneres vorstellen als mir die verfluchten Haxen zu brechen!“ Reynek nickte und ging voraus. Gabhan wartete kurz bis der andere aus direkter Hörweite war, ehe er das verbesserte Gehör der Hexer ausnutzte. „Bist du verletzt“ eine einfach, knappe Frage. Er musste es wissen. Blut würde Feinde anlocken und er konnte nicht gebrauchen, dass Atheris nicht in Topform war. Purer Überlebensinstinkt. Es war ganz sicher purer Überlebensinstinkt.

Atheris blickte auf und schaute zu seinem Zunftbruder, „mir geht es gut, Gabhan! … lass uns Reynek folgen!“ Als der Bärenhexer sich abgewendet hatte glitt seine Aufmerksamkeit noch einmal zum verfluchten Teich – das war verdammt knapp.
Das dunkle paar Augen, dass die Drei aus dem Schilf beobachtete, bemerkte er nicht.

Gegenwart – Das Rabennest

Die beiden Hexer folgten bereits eine ganze Weile dem temerischen Jägersmann, der sie sicher durch das Unterholz des Waldes lotste. Es war inzwischen später Mittag und die Sonne, die durch das bunte Blätterdach brach, lies Atheris Kleidung zwar nur langsam trocknen, aber sie spendete zumindest genügend Wärme, um nicht zu frieren. Der Nilfgaarder konnte nicht mehr sagen, wann es ihm aufgefallen war, aber der Wald wurde auf einmal still … unheimlich still. Reynek schien es auch zu bemerken und hielt inne, ging auf die Knie und spannte die Armbrust. Atheris Griff schloss sich fester um seine Klinge und er schloss zu dem Jäger auf. „Siehst du was, Reynek?“ flüsterte der Greifenhexer, während sich Gabhan zu ihnen gesellte.

„Ich hätte es zumindest schwören können…“ antwortete Reynek und ließ damit Gabhan schnauben. „Wenn du es hättest schwören können wird da was gewesen sein. Denn auch ich spüre es. Diese Augen im Nacken. Reynek, sag, ist dir noch was aufgefallen?“ – „Ist es. Und so wie du schaust, dir auch, nicht wahr?“ – „Wahr“ – „Das habe ich befürchtet. Zum vierten Mal?“ – „Ich hätte gesagt zum dritten, aber vielleicht habe ich auch nicht so gut aufgepasst wie du. Ganz gleich wie oft, es ist zu Oft“ – „Stimmt.“
Gabhan beugte sich hinab und wischte mit einem Handschuh die Blätter vom Waldboden. „Hundsfott,“ fluchte Reynek und Gabhan konnte sich eines anerkennenden Grinsens nicht erwehren, welches ihm erneut im Gesicht schmerzte. Dort, unter den Blättern waren die Fußspuren von drei Männern zu erkennen, die sich mehrfach kreuzten. „Es hat uns irgendwie im Kreis geführt,“ schlussfolgerte der temerische Jägersmann und Gabhan nickte. „Hat es. Und nicht irgendwie. Es hat den Wald um uns verändert. Aber das ist gut. Sehr gut sogar. Solch eine Macht kann es nur haben, wenn es einen Fokus in der Nähe hat. Das bedeutet…“ Reynek nickte, „Das das Totem in der Nähe sein muss!“ der Bärenhexer richtete sich langsam auf. „Das Totem und noch etwas Anderes…“
„… etwas Unnatürliches, ich spüre es auch!“ stimmte Atheris zu, seine linke Hand war zu seinem Medaillon gewandert, es vibrierte … wenn auch nur leicht. Er ging einige Schritte vorsichtig nach vorne – es wurde schwächer. Vier Schritte nach links – das Medaillon in Form eines Greifenkopfes hörte auf an der Kette zu ziehen. Atheris wendete sich nach rechts und ging los – da war es wieder, das vibrieren. Vorsichtig schritten die drei Gefährten durch das Unterholz, wohl wissend, dass jeden Moment die grüne Hölle über sie hereinbrechen konnte.

Jeder Schritt konnte Tod oder Gewinn bedeuten. Die Luft prickelte vor Anspannung und Gabhan genoss diesen Geruch. Ein Teil von ihm wünschte sich geradezu, dass sich der Klimax nährte. Dass jemand sie Angriff. Das Blut floss. Aber der weitaus größere, vernünftigere Anteil von ihm, wollte dies lieber nicht riskieren. „Ruhig. Ruhig…“ knurrte Gabhan. „Dann sei auch ruhig!“ zischte flüsternd Reynek und Gabhan musste anerkennen, dass er Recht hatte. Er folgte den andren beiden, während sie über braune Blätter und knisternde Äste stiefelten. „Dort!“ Gabhan hätte bei Reyneks Ruf beinahe sein Schwert gezogen, doch er folgte zuvorderst dem Fingerdeut des Jägers. Und wahrlich – dort, in der Baumkrone, hing ihr gemeinsames Anliegen. Es hing unschuldig, beinahe unauffällig dort. In den Ästen einer großen Ulme, deren knorriger Stamm sie aus tausend bösartigen Augen anzustarren schien.

„Ziemlich hoch!“ stellte Atheris leise fest, als sie den Fuß der Ulme erreicht hatten. Er schaute fragend zu seinen beiden Gefährten. „Ich bin raus!“ schüttelte Gabhan nur leicht den Kopf, während er an sich runter schaute – er hatte recht, mit seiner schweren Rüstung würde er nicht hochklettern können und die Rüstung abzulegen war eine deutliche Schwächung in ihrer jetzigen Situation. Atheris schaute an sich runter, er war immer noch nass von seinem ungewollten Tauchgang im Teich und selbst wenn er trocken gewesen wäre, war er mit seiner muskulösen Statur zwar durchaus in der Lage auch mit seiner Rüstung zu klettern, jedoch würde er bei der Höhe seinen Kragen nur ungerne riskieren. So blieb nur noch einer im Bunde übrig.

Reynek merkte sofort, dass die beiden Hexer ihn anblickten und er sah ein, dass er wohl diese heldenhafte Aufgabe in Angriff nehmen würde. Er legte seine Armbrust, den Bolzenköcher und sein Schwert ab und behielt lediglich seinen langen Dolch am Gürtel. Atheris stellte sich noch als Leiter zur Verfügung, so dass der Jäger den dicksten unteren Ast des Baumes ergreifen und sich hochziehen konnte. Reynek war schon oft in seinem Leben auf einen Baum geklettert und so kam er gut voran. Nach einigen Augenblicken hatte er so an Höhe gewonnen, dass er einen guten Blick auf das Totem werfen konnte, es befand sich in einer Art großem Nest – ein Rabenschädel … einen verdammt großen Rabenschädel zusammen mit diesem komischen Gras-Zeug, dass auch bei den anderen beiden Totems anzufinden gewesen war. Gerade als er sich der Astgabel näherte um nach dem Nest zu greifen, nahm er eine schnelle Bewegung in der Peripherie seines Blickfeldes wahr.
Auch Gabhan sah es. Sah dieses Ding, welches sich aus dem Baum selbst zu schälen schien. Sich aus der Rinde Wand, aus den Blätter tropfte und sich zu einem Konstrukt formte, dass jeder Beschreibung spottete. Reynek war tot. Gabhan war sich sicher, dass der Jäger des Todes war. Sie würden nicht rechtzeitig nach oben kommen und der Jäger war niemals schnell genug. Konnte es nicht sein.

Das Wesen sprang auf Reynek zu. Die kleinen Klauen, dornenreich nach vorne gestreckt. Die Augen wie große Beeren, die Haare aus Moos und Blattwerk. Es gab einen Knall, ein Zischen und Reynek überraschte Gabhan. Er hatte das Totem noch immer in der Hand und mit einem Tritt auf den ein Maulesel stolz gewesen wäre pflückte er das Wesen aus der Luft, welches mit einem hohen Schrei aus dem Baum stürzte und direkt vor Gabhan und Atheris krachte. Zuckend blieb es liegen, röchelte. Gabhan warf Atheris einen kurzen Blick zu und zuckte mit den Schultern.

Atheris zog seine Klinge aus dem kleinen aber furchterregenden Relikt, welches vor ihre Füße gestürzt war. Sicher war sicher. Gabhan zeigte mit einem kurzen Nicken seine Zustimmung und richtete seinen Blick wieder auf Reynek, der hoch oben im Baum gerade dabei war das Totem an sich zu nehmen. Atheris Augen weiteten sich, als er eine weitere Bewegung im Baum wahrnahm…und noch eine. „Dein Umhang Gabhan … schnell!“ rief Atheris und der Bärenhexer schien sofort zu verstehen. In einer flüssigen Bewegung warf er den Umhang von seinen Schultern und die beiden Hexer spannten ihn zwischen sich auf. Es war vielleicht nicht die beste Idee … aber sie schrien nach oben „spring!“

Gabhan machte einen halben Schritt nach hinten und spannte die Muskeln im selben Maße an wie seinen Mantel. Dann kam Reynek. Nicht sehr elegant, aber auf geradem Weg und schnell nach unten. Gabhan spürte den Ruck und sah auch wie Atheris die Backen aufplusterte, als Reynek in den streng riechenden, aus hunderten Fellen zusammengestückelten Mantel von Gabhan fiel. Kaum das der Jäger auf dem improvisierten Spannlaken gelandet war ließ Gabhan diesen auch schon los. Der letzte halbe Schritt würde Reynek schon nicht umbringen und sie brauchten beide Hände gegen die Wesenheiten, die sich nun auf sie stürzten. „Scheiße…“ es waren dutzende und unangenehme Erinnerungen an Nekkernester keimten in ihm auf. Doch das hier waren keine Nekker, das hier war etwas Anderes. Etwas Kleineres. Etwas von deutlich größerer Zahl. Mit spitzen Zähnen. Spitzen Klauen. Verfluchte scheiße alles an diesen Wesen war spitz oder scharf oder brannte wie Nesseln.

Immer wieder zuckte die Silberklinge durch die Luft, aber für jedes Relikt, das Atheris niederstreckte folgten zwei neue … der ganze Baum schien aus diesen Viechern zu bestehen. „Wir müssen hier weg!“ schrie Atheris über die grellen Geräusche der Wesen hinweg. Gabhan hatte vermutlich den selben Gedanken gehabt und löste mit dem Zeichen Aard eine Druckwelle um sie herum aus, welche die kleinen Wesen zu Boden schickte. „Los jetzt!“

Sie rannten. Gabhan hatte seinen Umhang in letzter Sekunde noch mitgezogen, da er nichts was ihm gehörte in diesem verfluchten Wald zurücklassen wollte. Die Gefahr war zu groß. Er sah vor sich Reynek, der das Totem noch immer an sich presste. Sah Atheris, dessen lange Beine ihn weit trugen. Gabhan war kleiner als die Beiden. Sein schweres Kettenhemd klapperte und raschelte bei jedem Schritt. Seine schweren Knieplatten schnitten ihm in die Kniebeugen. Er konnte rennen, wenn es sein musste. Vor allem auf kurze Distanz. Aber sie hetzten wie die Wahnsinnigen durch den Wald, hinter ihnen das irre Sirren der Wesen, wie von tausenden hungrigen Wespen. Der Oberschenkel, der durch Reyneks Bolzen veletzt worden war schmerzte höllisch und Gabhan glaubte beinahe zu spüren, wie das Fleisch bei jeder Bewegung weiter aufklaffte. Er fiel zurück. Die Schmerzen wurden heftiger, seine Rüstung schwerer. Atheris und Reynek bogen ab, auch Gabhan versuchte zu folgen, doch da war eine Wurzel und er fiel. Stürzte. Die Wesen waren über ihm, zerkratzten ihm das Gesicht, versuchten sich unter seine Rüstung zu schieben, doch diese widerstand ihnen. Gabhan knurrte, griff eines der Wesen und zerdrückte es zwischen den Fingern, spürte die Dornen die hier und da sogar durch das weiche Leder der Handschuhe stachen. Er tastete an seine Seite, zog dort das Seil von seiner Hüfte und schlug mit diesem nach links und rechts, fegte wie mit einer Peitsche die Wesen zur Seite und er stemmte sich auf. Verflucht. Wo waren der Greifenhexer und der Jäger? Er hatte keine Zeit darüber nachzudenken, da waren wieder die Dornenwesen. Er ließ sein Schwert kreisen. Weglaufen war keine Lösung. Nicht so früh. Er musste sich Zeit verschaffen. Diese Wesen loswerden. Wo waren Atheris und Reynek? Nicht nachdenken. Kämpfen. Überleben.

„A d’yaebl aép arse!“ fluchte Atheris, als er sah, wie Gabhan stürzte und sich diese kleinen Monster sofort über ihn hermachten. Als er gerade kehrt machten wollte um seinem Zunftbruder zur Hilfe zu eilen, hielt ihn Reynek am Arm fest. „Warte Atheris … wenn wir ihm helfen wollen müssen wir das Totem zerstören!“ erklärte er hektisch als er sah, wie sich die Meute der kleinen Biester aufteilte und auf sie zustürmte. „Du könntest Recht haben!“ antwortete Atheris, als er dem Jäger das Totem aus der Hand nahm, auf den Waldboden legte, sich konzentrierte, die Energie aus seiner Umgebung sammelte um sie dann in einem Feuerstrahl auf das Totem durch das Igni-Zeichen zu entfesseln. Auch diesmal brannte es in einem grünlichen Feuer … aber nicht schnell genug. Im letzten Augenblick schaffte es Atheris mit dem Schutzzeichen Quen einen magischen Schild um sie herum aufzubauen, der die erste Woge der angreifenden Dornenwesen abwehrte, bevor er unter der Belastung zusammenbrach. Dornen überall waren Dornen und die Gegner wuselten überall zwischen ihm und Reynek umher. Mit kurzen letalen Hieben, verschaffte sich der Greifenhexer etwas Platz um sich … wo war das Totem … verdammt! Er schaute sich um und sah einen besonders hässlichen Artgenossen, der mit seiner Beute triumphierend über dem Kopf in Richtung alter Ulme losrannte. Atheris ging in die Knie, baute die Spannung in seinen Muskeln auf, stieß sich ab und vollführte einen Hechtsprung nach vorne. Mit seiner Linken bekam er das Totem zu fassen und wurde sogleich von den kleinen Monstern begraben. Die Rüstung schützte ihn vor den Dornen, aber er verfluchte die Tradition, dass Hexer keine Helme trugen. Endlich schaffte er es sich aus dem Gewühle zu erheben und begann mit dem Totem auf die Schädel seiner Feinde einzuschlagen. Immer wieder und wieder senkte sich der verkohlte Schädel auf die Wesen herab, die ihn beschützen wollten. Wie lange es so ging hätte Atheris nicht mehr sagen können, aber als er wieder einen wuchtigen Schlag ausführte, gab das Totem in seiner Hand nach und zerbrach. Augenblicklich herrschte Ruhe unter den kleinen Wesen und sie blickten ihn mit ihren kleinen Augen an … dann auf einmal, wie auf einen unsichtbaren Befehl hin, wendeten sie sich ab und gingen zurück zu ihrer Ulme. Ihre zahlreichen Toten nahmen sie – fast wie bei einer Prozession – mit.
Überall waren Dornen und Klauen und Zähne gewesen. Überall Schmerz und Reize und Wald. Verdammt viel Wald. Dann war es fort gewesen. Die Zähne, die Klauen und Dornen. Alles tat ihm weh. Und noch zerkratzter als sein Gesicht war nur noch sein Ego als er sich wieder aufrappelte und schwer atmend gegen einen Baumstamm lehnte. Die Rinde war hart und bot damit einen angenehmen Kontrast zum viel zu weichen Waldboden, der ihn vor wenigen Augenblicken beinahe verschlungen hatte. Der Hexer stieß sich vom Baum ab und begab sich auf die Suche nach Atheris und Reynek, welche er beide recht schnell fand. „Da seid ihr ja…“ befand Gabhan und spuckte Blut und Galle aus, wischte sich durch das zerschlissene Gesicht. Er betrachtete die verkohlten Überreste in der Nähe und nickte langsam. „Danke…“

Aller guten Dinge sind drei

Mühsam schleppten sich die drei Gefährten zurück zu den Dorfbewohnern und somit zu ihrem Ziel – dem Totem. Wie mächtig diese Dinger waren, hatten sie leidlich erfahren. Schmerz … Müdigkeit … Erschöpfung, all das las Atheris in den Gesichtern seiner Gefährten, und ihm selber ging es nicht besser. Das vermeintlich letzte Totem wartete auf sie und wider die äußeren Umstände empfand Atheris eine aufkeimende Euphorie, dem Waldschrat endlich direkt entgegenzutreten. Sollte Gabhan Recht behalten und mit der Zerstörung des letzten Totems, ein Großteil der Macht dieses Unwesens gebrochen sein, würden sie es gemeinsam zur Strecke bringen. Zuversichtlich betrat Atheris als erster die kleine Lichtung mit den Dorfbewohnern.

Gabhan war müde. So unendlich müde. Sie hatten seine Beinwunde provisorisch mit einigen Stofffetzen verbunden in der frommen Hoffnung, dass es halten würde. Keine raffinierte Methode, doch eine die wirkte. Zumindest für den Moment.

Doch nicht nur sie waren am Ende ihrer Kräfte. Auch die Dorfbewohner waren ausgelaugt – und sie hatten Angst. Angst, die aus purem Überlebenswillen geboren war und die – jenem Überlebenswillen folgend – nicht weniger wurde, als sie ihre vermeintlichen Retter zerschunden aus dem Wald kommen sahen. Nicht weniger werden konnte. „Reynek, sprich du mit ihnen. Beruhig sie. Auf dich hören sie am ehesten,“ bat Gabhan den Jäger, welcher nickend zustimmte. Reynek musste für sie alle ein wahrer Held sein. Ein königlicher Jäger, angetan mit den Wappen alter Zeit beschützte sie seit Tagen vor dem Bösen das dort draußen lauerte. So musste es sein. Die Angst der Menschen galt nicht nur dem Wesen des Waldes, sondern auch den beiden Hexern, die ebenso widernatürlich anmuteten wie Waldschrate und Sumpfweiber. Reynek sprach mit den Dorfbewohnern und versprach ihnen, dass sie alle wohlbehalten hier herauskommen würden. Gabhan hoffte, dass Reynek hierbei nicht zu viel versprach.

„Atheris, wir müssen reden…“ flüsterte Gabhan und hielt Atheris am Arm fest, verhinderte, dass er Reynek folgte. „Du wirst dir die Dorfbewohner und Reynek schnappen und ins Dorf abziehen. Sobald wir dieses Totem zerstören wird der Leshen mit Sicherheit angreifen – und dann sollten sich die Dorfbewohner nicht mehr im Wald aufhalten. Alles hier im Wald ist auf seiner Seite. Er ist der Herr dieser Wälder, vergiss das nicht. Er mag geschwächt sein, aber wenn wir ihn besiegen wollen, dann müssen wir ihn aus dem Wald herauslocken. Die Dorfbewohner müssen weit fort sein – am besten in dem Haus das wir geschützt haben, es dürften alle hineinpassen. Ich werde abwarten und wenn ihr weit genug entfernt sein solltet das Totem zerstören.“

„Du hast Recht, Gabhan!“ antwortete Atheris und schaute sich seinen übel zugerichteten Zunftbruder an. „Aber ich habe einen Gegenvorschlag … ich hole Ker’zaer aus dem Haus und dann ziehst du mit den Bewohnern los zum Dorf … schau mich nicht so an, du mit deinem Bein wirst den Gefahren zu Fuß nicht entkommen können … bist du vorhin auch nicht … und falls der Leshen direkt die Bewohner angreift, brauchen sie dich an ihrer Seite!“ fuhr der Greifenhexer fort.

Gabhans Raubtieraugen begegneten Atheris Schlangenaugen und er stockte für einen winzigen, kaum wahrnehmbaren Moment. Der Leshen würde – sobald sie das Totem entzündeten – nicht die Dorfbewohner angreifen, sondern denjenigen der das nunmehr bereits dritte Totem zerstört hatte. Gabhan plante gar nicht fortzulaufen. Er wusste wie diese Sache hier enden würde. Wusste es seit dem Moment, als er diesen Auftrag für 240 Oren von Atheris angenommen hatte.

„Wir haben keine Zeit,“ versuchte er zu intervenieren. „Der Leshen wird bereits jetzt so ungehalten sein wie ein Bär mit Dünnschiss…“ er verzog den Mund, warf einen kurzen Blick zu Reynek dem es tatsächlich zu gelingen schien den Dorfbewohnern etwas von jenem Mut zurück zu geben, den sie zwischen dichtem Gestrüpp und feuchten Nächten verloren hatten. Gabhan bewunderte ihn hierfür. „Du wirst niemals rechtzeitig mit Ker’zaer wieder da sein. Wir müssen jetzt aufbrechen. Jetzt die Dorfbewohner fortbringen – und sie werden nur aus dem Wald entkommen, wenn die größte Macht der Totems gebrochen ist…“ er wollte nicht, dass Atheris alleine gegen den Herrn des Waldes kämpfte. Wollte nicht, dass der andere sein Leben wegwarf. Denn er war sich beinahe sicher, dass es so enden würde. Wie sollte es auch nicht? Gabhan wusste, dass er auch selbst wenn überhaupt nur eine verteufelt geringe Chance hatte alleine gegen diesen Waldschrat zu bestehen. „Was schaust du so?“

Was plant Gabhan? Diese Frage schoss Atheris durch den Kopf. Der Bärenhexer musste doch auch die Fakten richtig zuordnen können. Wenn er das Totem vernichten würde und nicht schnell genug das Dorf erreichen konnte … müsste er sich allein dem Waldschrat stellen. „GABHAN, sei vernünftig, ich werde nicht lange brauchen und schnell wieder zurück sein und wenn du darauf beharrst, dass es jetzt sein muss, werde ich derjenige sein, der hierbleibt!“ versuchte Atheris seinen Zunftbruder zu überzeugen.
Der Bärenhexer starrte Atheris für einen kurzen Moment an. Das Gesicht zu einer wächsernen Maske verzerrt. „Du bist ein Narr, wenn du glaubst, dass das gut ausgeht!“ knurrte Gabhan nur und schüttelte den Kopf. „Ein Kopfloser Irrer der sich selbst überschätzt!“ er stieß ihn vor die Brust. „Du hast es echt dringend nötig hier drauf zu gehen was? Brauchst noch meine verdammte Hilfe beim Schuhe zubinden, glaubst aber, dass du allein gegen den Leshen ankommst?“ erneut stieß Gabhan Atheris vor die Brust. Wollte ihn provozieren. Ihn dazu bringen das zu tun was klug war – wollte ihn dazu bringen Gabhan zum Teufel zu wünschen, die Bewohner zu schnappen und zu gehen. Aber Atheris sah ihn nur an. Mit dieser Entschlossenheit in den Augen, die Gabhan an guten Tagen im Spiegel sehen konnte. „Vollidiot…“ diesmal klangen die Worte versöhnlicher. „Gut. Ich halte dich nicht auf – aber passt verflucht noch mal auf dich auf! Mach mir kein schlechtes Gewissen indem du es wagst den Löffel abzugeben!“

Erleichtert, dass Gabhan endlich eingelenkt hatte, machte sich Atheris auf den Weg zurück ins Dorf um Ker’zaer zu holen. Als er das Dorf endlich erreichte, war es bereits später Nachmittag … er hatte nicht mehr viel Zeit. Die Bewohner im Dunkeln durch den Wald zu führen würde noch schwerer werden, als es jetzt schon war. Die Tür zu dem Haus war geschlossen … gut! Im inneren fand er das Mädchen vor, dass in Seelen Ruhe mit ihrer Puppe spielte. Sein treues Streitross stand in der anderen Ecke des Raumes und begrüßte ihn mit einem freundlichen wiehern. Zügig sattelte er das Tier und versuchte dem Mädchen zu erklären, dass er gleich wieder mit den anderen Dorfbewohnern zurückkehren würde – sie schien zu verstehen. Dann gab er dem Streitross die Sporen und jagte zurück zu seinem Zunftbruder.
Reynek hatte die Dorfbewohner organisiert. Hatte ihnen gut zugesprochen und alles dafür getan, dass sich die Überlebenden weniger ängstlich fühlen mussten. Gabhan bewunderte eine solche Fähigkeit, die er sich selbst nur zu gerne attestiert hätte, doch er wusste es besser. Also hatte er das getan was am klügsten gewesen war. Er hatte es sich auf einem Baumstumpf gemütlich gemacht und auf Atheris Wiederkehr gewartet. Als Pferd und Reiter wie der Stolz der nilfgaardischen Kavallerie angesprengt kamen richtete sich Gabhan wieder auf und nickte dem anderen zu. „Hast dir ganz schön Zeit gelassen…“ befand er und stieß einen kurzen Pfiff in Reyneks Richtung aus. „Zusammenpacken die Damen! Es geht los!“

Der Zug setzte sich lärmend in Bewegung, angeführt von Reynek, der den Weg zum Dorf noch immer kannte. Gabhan plante die Nachhut zu werden und betrachtete daher die vorbeiziehenden. Viele waren es nicht mehr. Aber jeder einzelne Überlebende war ein gutes Zeichen. Vorausgesetzt sie führten sie nicht alle in den Tod. „Gib uns zehn Minuten!“ Gabhan wandte sich an Atheris. „Dann sollten wir nahe genug am Rand des Waldes sein. Wenn du das Totem zerstörst hört hoffentlich der Zauber des Leshen auf und die Bewohner können den Wald verlassen. Wenn du das Totem zerstört hast, dann reite zu uns – so schnell als würde der Kaiser persönlich die Peitsche hinter dir schwingen! Reynek und ich werden die Dorfbewohner ins Haus bringen. Dort dürften sie sicher sein. Und wenn du den Leshen auf den Dorfplatz gelockt hast. Ja… dann beten wir wohl, nehme ich an.“

Atheris schaute den abziehenden Tross nach. Gabhan blickte sich als Letzter noch einmal kurz um, bevor er ebenfalls hinter den Bäumen verschwand … die Zeit lief. Atheris platzierte das Totem vor sich auf den Waldboden … bildete mit einigen Faustgroßen Steinen einen Kreis um das Totem und kniete sich hin, holte seine Silberklinge aus der Rückenscheide hervor und aus seiner Gürteltasche das Fläschchen mit dem Relikt Öl. Mit einem sauberen Leinentuch fing er an, dass Öl auf der Klinge zu verteilen. Nachdem er das Gefühl hatte, den Dorfbewohnern genügend Vorsprung gelassen zu haben, sammelte er erneut aus der Umgebung die Energie, ließ diese durch seinen Körper in seine linke Hand wandern, konzentrierte diese dort … und ließ das kleine Inferno mit dem Igni-Zeichen auf das Totem nieder. Mit einem lauten Zischen fing es Feuer und ging in den gleichen grünen Flammen auf, wie die Male zuvor. Zufrieden schwang sich Atheris zurück in den Sattel und wartete. Außer dem zischen des Feuers war nichts mehr zu hören … der Wald, so erschien es ihm, hatte seinen Blick auf ihn geworfen. Das Feuer brannte noch, als Atheris das Laub in den Bäumen rascheln hörte … sein Blick fiel auf das Totem, die Flamme tanzte nicht … es war … windstill. Die Äste in den angrenzenden Bäumen bewegten sich und das Rascheln wurde lauter. Ker’zaer wurde zunehmend unruhig und begann auf der Stelle zu treten, er wollte genauso wie Atheris das Weite suchen … aber noch nicht, noch brannte das Feuer. Dann sah er Bewegungen … graue Schatten, die sich zwischen den Bäumen hin und her bewegten und langsam näher kamen … ein Heulen … noch eins … Wölfe! Mindestens zwei. Es wurde langsam Zeit, aber er konnte noch nicht weg, das Totem war noch nicht vollständig verbrannt. Dann war da ein großer Schatten … dort zwischen den beiden alten Bäumen. „A d’yaebl aép arse!“ entfuhr es Atheris, als der Leshen aus dem Schatten trat. Der Kopf hinter dem Schädel eines Hirsches versteckt, so wie ihn die Legenden beschrieben und so wie Atheris ihn nachts durch das Fenster erblickt hatte. Ihn jetzt in voller Größe zu sehen … als ein Wesen, dass Irgendetwas zwischen Baum und … er kam nicht mehr dazu den Gedanken zu Ende zu bringen, der Waldschrat hatte seine Hand gehoben und irgendeine Art Laut von sich gegeben. Der Boden unter Atheris fing an sich zu bewegen, die alten Wurzeln der Ulme schossen hervor und suchten nach den Fesseln seines Pferdes … es war höchste Zeit! Der Greifenhexer lies Ker’zaer steigen und dabei leicht drehen, so dass die Hufe des Pferdes auf das brennende Totem niedergingen und den Schädel laut knackend in tausend Stücke zermalmten. Er brauchte dem Streitross nicht die Sporen zu geben, ein leichtes Zucken seiner Schenkel reichten dem Tier, um mit wenigen kräftigen Sätzen in einen gestreckten Galopp zu verfallen. Ein lauter, wütender Schrei erklang in seinem Rücken und er hörte, wie sich gefühlt der ganze Wald hinter ihm in Bewegung setzte um ihn zu verfolgen. Mit dem Kopf dicht an den Hals des schwarzen Hengstes gelegt rasten die beiden mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durch den Wald. Immer wieder schien es dem Hexer, dass die Bäume vor ihm mit ihren alten knorrigen Ästen und Wurzeln versuchten ihn zu ergreifen … zu Fall zu bringen! Atheris vertraute den Instinkten des Tieres … es blieb ihm aber auch wenig Anderes übrig. Ein Schatten brach aus dem Unterholz neben ihm hervor … einer der Wölfe … oder ein Dritter? Atheris wusste es nicht … musste es auch nicht wissen. Er zog seine Klinge nach oben. Er spürte, wie sich die scharfe Schneide ihren Weg durch das dicke Fell, die Haut und die Sehnen suchte. Mit einem jaulen brach der Wolf seinen Angriff ab und nur wenige Augenblicke später durchbrach er den Waldrand. Hier im Freien konnte Ker’zaer noch mehr Tempo zulegen und Atheris hielt, wie mit Gabhan vereinbart, auf den zentralen Dorfplatz zu. Ein Rudel von vier großen Wölfen schoss ebenfalls wenige Sekunden nach Atheris aus dem Wald und folgten ihm ins Dorf. Als er das Ende des Platzes erreichte, wendete er sein Streitross und stellte sich dem Rudel entgegen … „A d’yaebl aép arse!“ fluchte der Greifenhexer erneut … wo verdammt nochmal war Gabhan?

„Gabhan wir müssen reagieren!“ flüsterte Reynek, während er und Gabhan sich auf dem Vorsprung eines der Dächer versteckt hielten. Unter ihnen, in dem Haus hielten sich die Dorfbewohner versteckt, beschützt durch eiserne Nägel und viel guter Hoffnung. „Nein,“ Gabhans Stimme war ruhig, während er sich tiefer auf das Dach presste. „Er wird Atheris zerfleischen!“ fluchte Reynek und war kurz davor aufzustehen. „Nein. Ich sagte noch nicht!“ knurrte er und schüttelte den Kopf. „Erst wenn er die besprochene Linie überquert hat!“ – „Der Waldschrat wird ihn vorher in Stücke reißen!“ – „Er kannte das Risiko Reynek! Wenn wir zu früh handeln ist der ganze Plan verloren! Er wird es schaffen. Er muss es schaffen!“ die Sekunden vergingen. Reynek neben ihm wurde ganz offensichtlich unruhig, spannte sich an, dann sprang Gabhan vom Dach und gab damit das Signal.

Gabhan landete schwer auf dem Boden und fluchte – egal wie gut sowas immer aussah, es ging furchtbar auf die Knie. Keine Zeit darüber nachzudenken – er musste los. Über ihm hörte er das surren eines Bolzen. Atheris rauschte an ihm vorbei und der brennende Bolzen über sie beide Hinweg. Der Waldschrat sprang ihnen hinterher, landete mitten unter ihnen. Dann landete der Brandbolzen am geplanten Ort – und entfachte das Öl und Fett, welches Gabhan und Reynek zuvor im Kreis um die Dorfmitte ausgestreut hatten und welches nun ein flammendes Rondell bildete. Eine Arena, in der sie mit dem Waldschrat eingeschlossen waren.

In der Arena aus Feuer

Der Leshen hatte zum Rudel aufgeschlossen und näherte sich Atheris. „Se’ege na tuvean!“ schrie er, als er sich aus dem Sattel gleiten lies und Ker’zaer mit einem Klaps fortjagte. Keinen Moment zu früh, denn von einem der Dächer schoss ein brennender Bolzen in Richtung Dorfplatz und steckte den Boden in Brand. Ein Feuerkreis bildete sich und schloss Atheris mit dem Leshen und dem Rudel ein – wie passend, dachte sich Atheris und sein Griff schloss sich fester um die Silberklinge in seiner Hand. Bevor sich der Feuerkreis schloss, traten Gabhan und Reynek an seine Seite. Die Zeit war reif, dem Spuk ein Ende zu bereiten.

Gabhan rollte sich noch einmal kurz ab, als er mit einem Hechtsprung in den flammenden Kreis kam. Der Bärenhexer erhob sich langsam, das kurze Silberschwert in einer flotten Drehung in Stellung bringend, auf dem sich der rötliche Schein spiegelte. „Du hast doch nicht ernsthaft geglaubt wir ließen dich im Stich?“
Gabhan brachte sich in Stellung, kontrollierte den Atem und verengte seine Augen um nicht durch die Flammen geblendet zu werden. Die Wölfe heulte, schossen in ihre Richtung, doch Gabhan und Atheris drehten sich Rücken an Rücken gegeneinander, ließen die Schwerter blitzen – das lange von Atheris, das kurze von Gabhan, während hinter Ihnen das Sirren eines weiteren Bolzen simultan zu ihren Klingen erklang. Die ersten beiden Fellbündel fielen – dann kam der Waldschrat auf sie zu und der wahre Kampf begann.

Der erschlagene Wolf hatte noch nicht einmal den Boden berührt, als der Waldschrat zum Angriff ansetzte. Er kam mit großen Schritten auf ihn zu … holte mit seinen langen Klauenbewerten Händen aus und schlug zu. Im letzten Moment wicht Atheris dem Hieb aus und dort wo er soeben noch gewesen war, hatte sich ein beachtlicher Krater gebildet … den Treffer hätte er mit Sicherheit nicht überlebt. Nun war er aber an der Reihe, bevor sich das Monster zu ihm orientieren konnte, führte er drei schnelle Streiche auf dessen entblößte Seite aus. Seine mit dem Relikt Öl behandelte Klinge zerschnitt einiges an organischen Materials, von dem Atheris aber nicht wusste, was es war. Zumindest machte ihm der Leshen die Freude und quittierte die Treffer mit einem böse klingenden Schrei. Tänzelnd brachte sich der Greifenhexer aus der Schlagdistanz und schaute sich nach seinen Gefährten um.

Gabhan griff sein Schwert fester, wartete stets bis zur letzten Sekunde um mit kräftigen und wenig eleganten Hieben die Wölfe zur Strecke zu bringen. Da waren sie wieder. Geifernde Bestien. Zähne wie Dolche. Fell und Klauen. Erneut stieß Gabhan nach vorne, erwehrte sich des nächsten Angriffes. Stich; Schlag; Ausweichschritt. Zur Seite. Zur Seite! Puh, gerade noch geschafft. Von Links, ein Schrei. Nein, kein Schrei – ein Brüllen. Blut pulsierte in seinen Adern, schmerzte im selben Impuls in seinem verletzten Bein. Neben ihm schnarrte es, doch es war ein freundliches schnarren. Das einer Armbrust. Der Leshen brüllte, als der Bolzen ihn traf. Wandte sich zu ihm um. Gabhan spannte seine Muskeln an. Spannte alles an. Er musste Reynek davor bewahren zerfleischt zu werden. Dann sprang er – schoss mit dem Schwert in der Hand nach vorne und drang tief in den Brustkorb des Feindes ein. Spürte wie der Widerstand brach und sein Schwert bis zum Heft in die Brust eindrang. Das Relikt Öl auf der Klinge zischte als es die Brust durchschlug. Doch da war er nun. Auge in Auge mit dem Leshen. Seine Klinge im Körper des Feindes. „Atheris! Einen Hieb hier! Ich brauche mein Schwert!“ brüllte er, duckte sich unter einer Klaue hinweg.

Atheris sah, wie sich Gabhan auf den Leshen stürzte und sein Schwert in dessen Brust eindrang … und stecken blieb. Mit vier schnellen Schritten überwand er die Distanz zwischen ihm und dem Monster, wobei er einem wilden Klauenhieb ausweichen musste, in dem er Richtung Boden abtauchte. Er legte alle Kraft in einen Hieb, der so hoffte er, die Klinge seines Zunftbruders befreien würde. Wie drang die behandelte Silberklinge in den Körper des Waldschrates ein. Laut schrie das Wesen auf … dann wurde es Atheris kurz schwarz vor Augen … nicht, weil er getroffen worden war, sondern weil sich das verdammte Viech in Rauch aufgelöst hatte … ein Schwarm schwarzer Krähen schoss aus der Wolke hervor und griffen Atheris an.

Gabhan hatte auf solch einen Augenblick gewartet. Der Nebel entließ sein Schwert aus der Umklammerung, welches er in einem schnellen Wirbel wieder in die richtige Position brachte. Er sah die Krähen, die Atheris angriffen und die drohten ihm die Augen auszuhacken. Dann tat Gabhan das einzige, was er in diesem Moment tun konnte. Das Zeichen Yrden flammte auf und zwang den Leshen wieder in seine natürliche Form. Noch immer zuckend – und für wenige Sekunden an Ort und Stelle gefesselt. Wichtige Sekunden, die sie zum Angriff nutzen konnten.

Die spitzen Schnäbel der Raben hämmerten auf seine Rüstung und auf seinen schutzlosen Kopf und versuchten zu seinen Augen zu kommen. Er wollte ein Igni-Zeichen wirken, um diese verdammten Krähen zu verbrennen, aber er hatte keine Gelegenheit die Hand von seinem Gesicht zu nehmen. Er bemerkte das lilane Schimmern aus dem Augenwinkel und so schnell wie die Raben gekommen waren, so schnell waren sie wieder verschwunden. Er erkannte, was Gabhan getan hatte – er hatte das Zeichen Yrden gewirkt! Es ging verdammt schnell, die Raben verschwanden, der schwarze Nebel verdichtete sich … Atheris erhob seine Klinge und spannte sich an, wie ein Raubtier vor dem Sprung wartete er darauf, dass sich der Leshen erneut materialisierte … und dann war es soweit … Atheris zögerte keine Sekunde, schnellte nach vorne und ließ seine Klinge in einem weiten Schwung auf den Schädel des Monsters niederfahren. Er traf das Wesen genau im richtigen Moment und er spürte wie die scharfe Schneide sich ihren Weg durch den Knochen suchte und diesen sauber spaltete.

Gabhan sah, wie das Schwert seines Freundes tief in das Wesen eindrang. Spürte die Welle, die über sie hinwegfegte. Die dafür sorgte, dass die Wölfe davonstoben, als sei der Leibhaftige hinter ihnen her. Erschöpft ließ Gabhan das Schwert sinken, warf Reynek einen knappen Blick und ein anerkennendes Nicken zu. Es war vorbei. Atheris richtete sich auf, zog sein Schwert aus dem Kopf des Leshen und schulterte dieses wieder. „Verflucht…“ der Bärenhexer schüttelte den Kopf. „Wir hatten verdammt viel Glück!“ und das hatten sie wahrhaft gehabt, denn das Öl war mittlerweile vollends heruntergebrannt, der Kreis erloschen. Hinter ihnen öffnete sich die Tür des Hauses wieder und die Dorfbewohner strömten hervor. Wollten sich den Leichnam ihres Peinigers ansehen. Vorne mit dabei war das kleine Mädchen, dass seine Puppe noch immer ganz fest umklammert hielt, welche einen knappen Riss über dem Bauch aufwies, aus dem die Füllung ragte. Gras und Stroh. Gabhans Lächeln erstarrte. „Oh…. ich bin so ein Idiot…“ seine Augen wurden größer, während er sich umdrehte. Da stand Atheris, beugte sich hinab um seine Trophäe zu erbeuten. „Atheris! NEIN!“ er streckte die Hand nach vorne aus und Aard erfasste den Freund, schleuderte ihn fort, nahm dabei Schlamm und Steinchen mit. Atheris richtete sich schwankend auf und starrte Gabhan wie von allen guten Geistern verlassen an. „Das Kind! Wieso kam der Leshen in das Dorf Atheris?“ fragte Gabhan und hob beide Hände. „Verstehst du es denn nicht! Oh ich war so ein Dummkopf! Es war so klar – die ganze Zeit vor meinen Augen! Unter meiner Nase!“ er griff sein Schwert fester. „Dem Leshen ging es nicht einfach darum, dass man seinen Wald abgeholzt hat. Dann hätte er viel früher eingegriffen. Nein. Sie haben ihm eines seiner Totems abgenommen…“ er hatte es nicht gesehen. Nicht sehen wollen. Er musste nicht hinsehen um zu wissen was geschah. Er hörte es. Hörte, wie der Schädel sich wieder zusammensetzte. „Atheris. Verschaff mir Zeit…“ bat er den Anderen und rannte zu den Dorfbewohnern, die erschrocken zurückwichen.

„A d’yaebl aép arse!“ fluchte Atheris als sich der Leshen erneut vor ihm anfing aufzubauen. Kein Zögern, dachte er sich nur, noch ist er womöglich geschwächt! Atheris sprang nach vorne und zielte mit einem Stich zischen die Augen des Unwesens … zu spät! Die Knochenplatte schloss sich just in dem Moment, als die Spitze sein Ziel fand. Trotz der Wucht glitt sie nach oben ab, rutschte über den Schädel und hinterließ lediglich eine ziemlich tiefe Kerbe. Atheris hatte sein ganzes Gewicht in den Angriff gelegt und verlor für einen kurzen Augenblick das Gleichgewicht … und dennoch zu lange. Der schlag des Leshen raubte Atheris den Atem und ließ ihn mehrere Meter hoch in die Luft wirbeln und dann einige Meter weiter unsanft auf dem Boden wiederaufkommen. Er musste für einen Moment das Bewusstsein verloren haben … als er die Augen öffnete, sah er nur den riesigen Fuß des Leshen, der ihn zermalmen würde. Atheris rollte sich zur Seite und entkam nur knapp dem Aufprall. In einer fließenden Bewegung brachte er sich hinter den Leshen und sprang. Atheris bekam eine Art hervorstehenden Ast an der linken Schulter des Wesens zu greifen, zog sich hoch und fing an seine Klinge immer wieder auf das Genick seines Widersachers einprasseln zu lassen. Wie wild schüttelte sich das Wesen … warf sich zu Boden und fing an sich hin und her zu rollen … der Hexer hielt sich fest … „Verschaff mir Zeit…!“ hatte Gabhan gefordert … hoffentlich ließ er sich nicht Zuviel Zeit!

Er hörte hinter sich den Kampf zwischen Monster und Hexer toben, hörte Reynek fluchen, der die wenigen zurückgekehrten Wölfe mit Bolzen weiterhin auf Abstand hielt. Schlitternd kam Gabhan vor dem Mädchen zum Stehen. „Hör mal Kleine! Ich weiß, das dir Guinevere wirklich viel bedeutet, aber ich muss hier ein Dorf retten. Und den Idioten da drüben!“ er deutete hinter sich. „Bitte. Gib sie mir!“ er betete darum, dass sie ihm die Puppe gab, denn er wollte kein kleines Mädchen prügeln müssen. Das Kind zögerte. Hinter sich hörte er Atheris schreien. Dafür hatten sie wirklich keine Zeit. Er hatte sich bereits damit abgefunden dem Rotzgör die Lichter auszublasen, da streckte sie ihm die Puppe entgegen. „Danke!“ er küsste sie auf die Stirn, griff nach der Puppe und wandte sich um.

„Hey Kumpel!“ er verstärkte den Griff um die Puppe und der Leshen hielt mitten in der Bewegung inne. „Weißt du, was das hier ist?“ er wackelte mit Armen und Beinen des Püppleins und bereitete sich im Inneren auf starke Schmerzen vor. „Komm und hols dir Arschloch…“ Gabhan griff noch fester zu und entzündete Igni. Grüne Flammen loderten aus der Puppe hervor. Der Schrei des Waldschrates überschlug sich, während er den Kopf senkte und wie ein wütender Hirsch auf ihn zustürmte. Gabhan sah, wie Atheris abgeschüttelte wurde und im Schlamm landete. Er selbst sprang zur Seite, wurde jedoch noch vom Fuß an der Seite erwischt. Alles um ihn herum drehte sich. Er spürte, wie er auf Widerstand prallte, der unter ihm brach. Hustend erhob er sich aus einem Haufen zerstörter Fester, während der Leshen sich vor ihm aufbaute, brüllte – und dann in der Bewegung stehen blieb. Erstarrt. Schwankend. Aus der leeren Augenhöhle ragte ein blauweiß gefiederter Bolzen. Der Leshen sackte in die Knie, während ihn Wurzeln langsam umschlossen, ihm das Leben auspresste.

Epilog

Die Wunden, die sich die Hexer im Kampf gegen den Leshen zugezogen hatten, verhinderten eine schnelle Weiterreise und so verbrachten sie noch eine Woche als Gäste im Dorf. Ein wenig Normalität zog relativ schnell wieder ein, das lag aber, wie Atheris beobachtete weniger daran, dass die Leute das vergangene vergaßen, sondern vielmehr daran, dass das Leben in dieser Wildnis hart und entbehrlich war und nur wenig Zeit blieb um zu trauern. Traurig stimmte Atheris auch, als sich ihre Befürchtung bestätigte und die Eltern des kleinen Mädchens tatsächlich dem Waldschrat zum Opfer gefallen waren. Von einer Frau erfuhr er, dass die Tante des Mädchens in der Provinzhauptstadt Wyzima lebte. Atheris war überrascht, dass er Gabhan nicht erst sonderlich überreden musste, als er den Vorschlag machte, dass Mädchen zu ihrer Tante zu bringen.
Es war ein sonniger Herbsttag, als die Gefährten endlich aufbrachen. Ihr Weg führte sie durch den friedlich wirkenden Wald, nichts war mehr von dem Schrecken zu spüren, der hier noch vor einigen Tagen geherrscht hatte. Obwohl Gabhan mit seiner brummeligen Grundstimmung nicht gerade für die größte Unterhaltung auf dem Marsch sorgte, taute das kleine Mädchen immer mehr auf und am dritten Tag war es ein Ding der Unmöglichkeit den Redeschwall zu stoppen … aber Atheris wollte das auch nicht, es tat gut zu sehen, dass trotz des harten Schicksaals, das Kind Freude fand, vor allem, wenn es auf den Rücken von Ker’zaer reiten durfte.

Am Abend des dritten Tages erreichten sie ein stattliches Gasthaus, in dem es sich die Gefährten für die Nacht gemütlich machen wollten. Reynek, der sich aus Gewohnheit die Anschlagtafel durchlas, entdeckte ein Schreiben, dass er sogleich Atheris unter die Nase hielt.

„Schütze gesucht!“ stand in dicken Lettern über dem Bild eines Bogenschützen. „Die Hexer der Greifenschule sind auf der Suche nach einem erfahrenen Schützen, welcher bereit ist, sich in der gefährlichen Ungeheuer Jagd zu verdienen. Wer sich dazu berufen fühlt und unseren Spuren folgen kann, wird uns finden!“ gezeichnet war das Schreiben von Meister Valerian von Novigrad. Atheris kannte es, hatte er doch auf seinem Weg nach Cintra die Flugblätter verteilt gehabt, dass sie ihren Weg bis nach Temerien gefunden hatten, wunderte Atheris zwar, aber warum auch nicht, er hatte genug Kleingeld für Botenjungen ausgegeben, die sich um die Verteilung kümmern sollten. Nachdem Reynek Interesse äußerte, erklärte Atheris ihm in einem Gespräch die Hintergründe und was er bei den Hexern zu erwarten hatte … und der ehemalige königliche Jäger war begeistert und besiegelte per Handschlag sein Interesse.

Einige Stunden fanden sich die drei Gefährten im Baderaum des Gasthauses wieder. In drei mit warmen Wasser gefüllten Zubern genossen sie ausgelassen das Ergebnis der örtlichen Ernte in ihrer reinsten Form. Die weiße Möwe, die Gabhan in den Schnaps gegeben hatte, zeigte auch langsam Wirkung, so dass auch der sonst so mies gelaunte Gabhan in die wundervollen Balladen von Reynek und Atheris einfiel. So kam es, dass keiner von ihnen bemerkte, wie sich das kleine Fenster in der Dachschräge öffnete. Ein zischen gefolgt von einem dumpfen Aufschlag ließ Gabhan aus dem Zuber fahren.

Atheris blickte an sich runter und sah den blauweiß gefiederten Schaft aus seiner nackten Brust ragen … das rote Blut lief in Strömen seine feuchte Brust hinunter und färbte das Wasser rot … er konnte sich nicht bewegen … der Pfeil musste ihn an den Zuber genagelt haben. „Gabhan!“ war das letzte, was er von sich geben konnte, bevor sein Blick brach und er in eine bodenlose Dunkelheit stürzte.


Verfluchte Zeiten

Verfluchte Zeiten

Metagame von Yannic und Peter

Spätsommer

Kapitel 1 – Spätsommer

Im Jahre 1280 – in der nördlichen Provinz Cintra des Kaiserreichs Nilfgaard

„Die Sonne – in der Älteren Rede auch feainn genannt, war schon immer ein Sinnbild für Wachstum und Leben. Die Sonne ermöglicht mit Ihrer Wärme das Leben auf dieser Welt. Dies ist nur sinnig, braucht doch alles die Sonne, um zu gedeihen. Kein Wunder also, dass viele Religionen die Sonne zu einem wichtigen Teil ihrer mythischen Auseinandersetzung gewählt haben. Angefangen bei den zuvor erwähnten Elfen – denn auch der sechste Saveaed im elfischen Kalender wird feainn genannt und beginnt mit der Midaëte – der Sommersonnenwende. Und von den Elfen haben auch die Menschen diesen Brauch mit dem Johannisfeuer übernommen. Die Sonne ist ein Geschenk – und so ist es auch Nilfgaard“

– Aus dem Tagebuch des Atheris von Toussaint

Die Sonne schien über Cintra. Wie ein Brennglas schien sie vom Himmel und versengte die versprengten Grasbüschel am Wegesrand. Und sie schien von dem geteilten Wappen, dass immer wieder am Wegesrand der großen Straße aufgestellt worden war: Eine goldene Sonne auf schwarzem Grund auf der einen, drei goldene Löwen auf Blau auf der anderen Seite. Die Flaggen, Fähnlein und Wimpel waren ausgebleicht, die Hellebarden und Stöcke brüchig – doch sie hielten weiterhin die Fahne hoch. Niemand hatte in einem Anflug von Trotz oder fehlgelenktem Patriotismus gewagt die neuen Fahnen abzureißen.

Der Hexer wusste nicht, seit wann die Fahnen dort hingen – er konnte nur Vermutungen anstellen. Seit dem offiziellen Friedensvertrag? Seit der Heirat Emhyr var Emreis mit Cirilla von Cintra? Oder womöglich später bei irgendeinem anderen großen Fest, dass es notwendig machte eine der größten Straßen in einen Anschein von Einigkeit zu tauchen? Der Hexer wusste es nicht und es war ihm ehrlich gesagt auch egal. Seine Füße schmerzten, sein Magen knurrte und seine Geldkatze fühlte sich zu leicht an, um effektiv gegen das eine oder das andere vorgehen zu können.

Der Schultergurt drückte auf die verspannten Schultern, das dunkle Fuchsfell hatte er bereits in einem Beutel verstaut, die Riemen der Lederrüstung geöffnet. Doch diese minimalen Maßnahmen halfen nur wenig gegen die pralle Sonne, die unbarmherzig auf ihn niederbrannte und die Ringe seines Kettenhemdes aufheizte. Gabhan ließ sich auf einem Stein am Wegesrand nieder und genoss für einen kurzen Moment den Schatten, den eine der Fahnen-Sonnen warf. Er verfluchte in diesem Moment seine eigenen Mutationen und fuhr geistesabwesend über die feinen Rillen und Linien des Medaillons mit dem aufgerissenen Bärenmaul. Er war für derart heiße Temperaturen nicht geschaffen.

Wie lange er im Schatten gesessen hatte wusste der Hexer nicht, er musste eingedöst sein und erwachte nun von dem Ruck seines Medaillons. Schlagartig öffnete Gabhan die Augen – die Sonne war ein gutes Stück tiefer gesunken, verschwand nun hinter dem Horizont und hüllte die Straße, die er hinaufgekommen war, in blutrotes Licht. Blutrot war auch der Wagen, der ihm mit halsbrecherischem Tempo entgegenkam. Blutrot war der Mann, der den Wagen lenkte und bei dem er das Weiß in den Augen erkennen konnte. Blutrot war die Flanke des Pferdes, dessen Schweiß Gabhan bis hierher riechen konnte. Blutrot war das Blut.

Ein erneuter Ruck seines Hexer-Medaillons und Gabhan war auf den Füßen, das Silberschwert schnell wie ein Gedanken gezogen. Er lief dem Wagen nicht entgegen, sondern grub seine Füße fester in die Erde, kontrollierte seinen Atem – verengte die Augen zu Schlitzen, um gegen das Sonnenlicht blicken zu können.

Dann war das Ding schon bei ihm – die Sonne spiegelte sich golden auf dem schwarzen Chitin-Panzer, aus dem an allen möglichen und unmöglichen Stellen Gelenke und spitze, bewegliche Dornen ragten. Gabhan zog in einem schnellen Ruck die Silberklinge nach oben, spürte den erwarteten Widerstand und stemmte sich mit ganzer Kraft dagegen. Doch die Wucht, welche das Monster in seinen Sprung gesetzt hatte riss Gabhan mit. Er schlug hart auf dem Boden auf, spürte wie die Luft drohte aus seinen Lungen gepresst zu werden, doch er hielt dem Drang des plötzlichen Ausatmens stand. Ehe er wieder auf den Beinen war sah er das hintere Ende seines Feindes an ihm vorbeiziehen und griff nach einen der aus dem Ende ragenden gegabelten Dornen, vergrub seine Füße gegen den Schotter der Straße und zog. Ein Kreischen – ein Fipsen entrang dem Ungetüm, ehe es von dem Wagen abließ und sich nun Gabhan zuwandte, mit klackerndem Kieferwerkzeug auf ihn niederstieß. Der Hexer formte mit einer Hand das Zeichen Quen, um sich unter dem tosenden Knallen des Wesens gegen seine Barriere wieder aufrichten zu können. Er wartete einen weiteren Angriff ab, löste das Zeichen auf und sprang zur Seite. Mit einem berstenden Geräusch kollidierte der Kopf des Ungetüms mit dem Boden. Gabhan griff nach seinem Silberschwert, dass noch immer zwischen einigen Segmenten der insektoiden Bestie steckte und riss dieses mit einem Ruck nach rechts, tauchte unter den wild zuckenden Beinchen hinweg und zerteilte die Bestie knapp Oberhalb dessen, was er als Rumpfmitte auszumachen glaubte. Die Bestie erschlaffte und auch Gabhan stolperte von dem Schwung nach hinten, hielt sich jedoch auf den Beinen und betrachtete den Riesentausendfüßler vor sich, dessen Kopfhälfte sich zusammengekringelt hatte wie die Zimtschnecken in den Auslagen der Zuckerbäcker.

„He, Meister!“ Gabhan erschrak über seine eigene Stimme, die noch rauer und ausgetrockneter Klang als normalerweise. „Geht es euch und den Pferden gut?“ er machte einen Schritt auf den Wagen zu, der Abseits des Weges zum Stehen gekommen war. Sein rechter Arm schmerzte, sandte ein dumpfes Pochen aus, dass der Bärenhexer noch nicht ganz einordnen konnte. Als er schließlich den Wagen erreicht hatte, saß dort der Kutscher zusammengesunken auf dem Bock. Gabhan roch das Blut, noch ehe er es sah: Eine dunkle Pfütze, die aus dem Fußtritt der Kutsche lief und im staubigen Sand des Wegrandes versickerte. Der Mann selbst war bleich wie Schnee. Seine Haut grenzte sich so nur umso stärker von dem schwarzen Rock und dem schwarzen Hemd ab, an dessen Ärmel goldene Sonnen genäht worden waren. Seine Kleidung und die Bauweise seines Wagens wiesen ihn als nilfgaardischen Boten aus – nur die groben und blutigen Striemen an Hals und an der Seite seines Brustkorbes nahmen ihm jeglichen Ausdruck edler Bestimmung. Gabhan tastete wider besseren Wissens nach einem Puls. Die Rasiermesserscharfen Füße des Monsters hatten ihn aufgeschlitzt wie eine Mandarine. „Scheiße…“ murmelte der Hexer als ihm bewusstwurde, dass kaum ein Laie diese Wunden von normalen Schwertstreichen würde unterscheiden können. Das Pferd selbst war deutlich besser weggekommen als sein Halter, das war zumindest ein kleiner Trost. Doch was nun? Weit und breit war auf der Straße niemand zu sehen, doch wenn man ihn so aufgriff würde er wohl einiges zu erklären haben. Es ergaben sich nun drei Möglichkeiten – er konnte weiterziehen und mit etwas Glück erreichte er bevor die finsterste Nacht einbrach irgendein Gasthaus, wo er sich frisch machen und seinen Arm anschauen konnte – dann war jedoch die Gefahr groß, dass jemand am Morgen des Weges kam und den aufgeschlitzten Schwarzen fand. Die zweite Möglichkeit wäre gewesen nach einer passenden Stelle im Wald zu suchen und den Nilfgaarder zu verscharren – doch was mit Pferd und Karren anstellen?

Gabhan seufzte schwer, als er den Nilfgaarder vom Bock hievte und hinten auf den Karren verfrachtete. Dann lief er zu dem zerteilten Tausendfüßler, warf sich dessen vielgliedrigen Leib über die Schulter und hievte auch diesen auf den hinteren Teil des Karrens. Er musste sein Glück versuchen. Womöglich glaubte man ihm zur Abwechslung mal die Wahrheit. Der Hexer schnaubte – er glaube selbst noch nicht ganz dran, aber das Pferd musste genauso versorgt werden wie er. Er hatte also keine Wahl. Zumindest redete er sich dies ein, während er den Wagen wieder zurück auf die Straße lenkte und den Weg in Richtung des nächsten Dorfes einschlug.

Kapitel 2 – Bären

Ein kalter Windhauch blies Atheris ins Gesicht und sein ruhiger, stetiger Atem bildete kleine Wölkchen in der Luft. Der Greifenhexer stand am Rande der gut vier Schritt hohen Mauer und starrte auf die große weiße Fläche, die sich auf der Ebene unterhalb der Mauer ausbreitete. Die kleinen Schneeflocken, die tanzend aus dem Himmel fielen, ließen die Szenerie friedlich erscheinen. Dieser schöne Moment des Friedens wurde abrupt durch ein lautes Knacken unterbrochen. Die weiße Fläche barst auseinander, und zwischen den sich bildenden Eisschollen begann sich etwas Riesiges zu erheben. Zunächst waren da nur zwei weiße, pelzige Ohren zu sehen – dann folgte der Rest des gigantischen Bärenkopfes. Der Blick des Bären war nach unten gerichtet, so dass er den Hexer auf der Mauer nicht sehen konnte. Während sich der Oberkörper des Tieres aus dem Eis schälte, wurde Atheris das gewohnte Gewicht seines silbernen Schwertes in der rechten Hand bewusst. Seine Faust umschloss die Klinge noch fester, als der weiße Bär sich fast vollständig erhoben hatte und sein markerschütterndes Brüllen ihm das Adrenalin im Blut kochen ließ. Das Wesen ragte gut zwanzig Schritt hoch in den Himmel und der Hexer bemerkte, wie er sich rückwärts von der Mauer wegbewegt hatte, auf der er noch einige Momente vorher gestanden hatte. Atheris blickte sich zum ersten Mal um und sah einen Bergfried hinter sich aufragen. Ein großer steinerner Adler mit gespreizten Flügeln stand über dem Eingang und blickte in seine Richtung … „A d’yaebl aép arse! – Redanien!“ fluchte der Nilfgaarder-Hexer laut. Verzweifelt schaute er zurück zu dem Bären, dessen schwarze, emotionslose Augen ihn nun fixiert hatten. Wie angewurzelt blieb Atheris in der Mitte stehen und wartete. Der Moment zog sich eine gefühlte Ewigkeit hin, bis schließlich der Bär sein Maul weit aufriss und eine Reihe von mannshohen scharfen Zähnen entblößte. In seinem Rücken erschall gleichzeitig ein lautstarkes „Gaude Mater Redania!“ und in dem vermeintlich rettenden Eingang waren rote Schilde mit einem weißen Adler darauf erschienen und blockierten diesen. Es gab keinen Ausweg aus dieser Zwickmühle, das wurde dem Hexer klar. Langsam hob Atheris seine Klinge und umfasste mit der linken Hand den Knauf. Egal was passieren würde, kampflos würde er nicht untergehen. Es war wieder der Bär, der die Ruhe durchbrach und mit nur einem Satz über die Mauer hinwegsetzte. Das riesige, weit aufgerissene Maul senkte sich über dem Hexer nieder, der wiederum sein Schwert zum Hieb bereit fest umklammert hatte. „Se’ege na tuvean – Sieg oder Tod!“ schrie Atheris noch, bevor ihn absolute Dunkelheit umhüllte.

Sein Puls raste … sein Körper war in Schweiß gebadet … die Laken seines Bettes waren zerwühlt. Ein helles kreischen von einer Frau riss den Hexer aus seinem Alptraum, und er öffnete seine schlangenartigen Augen. Es dauerte einen Moment, bis er realisierte, wo er sich befand und er schaute neben sich aufs Bett…es war leer. Erst als die Hand von Kathrin, der hübschen Schankmaid des Gasthofes, sich auf dem Laken zeigte, wurde ihm bewusst, dass die Gute sich ziemlich erschreckt haben musste, denn sie war aus dem Bett geflogen. Galant erhob sich Atheris und half ihr wieder auf die Beine. „Verzeih mir…meine Gute! Die Erlebnisse eines Hexers sorgen des Nachts manchmal für unangenehme Träume!“ sagte er, was ihm ein versöhnliches Lächeln von Kathrin einbrachte und dazu führte, dass die beiden wieder im Bett landeten.

Einige Zeit später, die Schankmaid hatte das Zimmer längst verlassen, war Atheris dabei, seine Ausrüstung anzulegen, als ein Tumult von draußen seine Aufmerksamkeit erregte. Er schritt zum Fenster und öffnete die Läden seines Zimmers und blickte hinunter auf den Weg, der durch das Dorf führte. Dort saß ein schwer bewaffneter Mann auf einem Pferdekarren und hatte einen toten nilfgaarder Boten neben sich auf dem Bock sitzen, während hinter ihm auf der Pritsche die Überreste eines großen, zerstückelten Tausendfüßlers lagen. eine Patrouille Soldaten des Kaiserreiches hatten ihn beim Betreten des Dorfes sofort angehalten. „Gabhan?“ entfuhr es Atheris, er hatte den Bärenhexer im Laufe des heutigen Tages wie geplant erwartet gehabt, aber nicht unter diesen Umständen. Er beeilte sich die Treppe hinunter in den Schankraum zu kommen und unter den überraschten Blick von Kathrin aus der Taverne zu stürmen. „E’er y glòir – Que aen suecc’s?“, grüßte der nilfgaarder Hexer seine Landsleute, die sich überrascht umblickten und für einen Moment verdutzt dastanden, als sich ihnen ein zweiter Vatt’ghern näherte, der auch noch die goldenen Insignien des Kaiserreiches auf seiner Kleidung trug. Der Gruppenführer fasste sich zuerst wieder und grüßte Atheris höflich zurück. Bevor der Mann mit einer Erklärung ansetzten konnte, drückte der Hexer ihm ein kleines Stück Pergament in die Hand und sagte: „Visse gead’tocht gaedeen – va vort!“ Es dauerte einen Moment, bis sich der Soldat durch das Schreiben gearbeitet hatte – obwohl da nicht viel Stand – und befahl dann seinen Männern, den Toten vom Wagen zu holen, um dann anschließend zu gehen.

Gabhan beobachtete das Geschehen schlecht gelaunt von seinem Sitzplatz aus und erst als die Patrouille abgezogen war, konnte er sich zu einem kurzen Lächeln hinreißen – „Atheris, schön dich zu sehen!“

Kapitel 3 – Tavernen Geschichten

Die Schwarzen, wie die Nilfgaarder landauf, landab genannt wurden hatten sich entfernt. Waren die lange Straße entlanggelaufen, um irgendwo – wussten die Götter was – zu tun. Fortgetragen von guten Stiefeln, die das kaiserliche Heer jedem Soldaten stellte und fort getrieben von einem kaiserlichen Erlass. Einem Erlass, der sich in der Hand des befreundeten Hexers befunden hatte. Gabhan wunderte sich. Er wunderte sich sogar sehr. Und er hatte allen Grund sich zu wundern, wo doch die meisten anderen seiner Zunft um jegliche Art an Neutralität bemüht waren. Doch die meisten anderen seiner Zunft trugen auch nicht die Sonne des Kaiserreiches auf der alten, benutzten Plattenrüstung. Ja die meisten seiner Zunft trugen noch nicht einmal eine solche Plattenrüstung. Zu schwer war sie für die meisten Hexergeschäfte, auch wenn sie von seiner Schuler, der Schule des Bären gerne getragen wurde. Doch nicht in der Machart, wie sie Atheris trug. Eine Machart, wie sie in den kaiserlichen Schmieden anzutreffen sein mochte. Bei ihrem letzten und bisher ersten Treffen war dieser Umstand Gabhan nicht bewusst aufgefallen, doch nun fiel es ihm auf – und es missfiel ihm, wenn auch nicht sehr. Großes Missfallen konnte er sich nicht leisten. Nicht hier und nicht in solchen Zeiten.

Also brachte er ein Lächeln auf seine Züge, das seine Augen sogar fast erreichte – wenngleich auch die alte Narbe auf seiner rechten Wange teuflisch weh tat, wenn er so lächelte. Weshalb er es selten tat. Dass es ihm schmerzen bereitete, wenn er glücklich war, schien ein grausamer Scherz des Schicksals zu sein, an den er sich jedoch gewöhnt und den er auf seine eigene Art und Weise selbst als amüsant befunden hatte. Wenn auch nicht so sehr, dass man hätte darüber lächeln müssen – aus bekannten Gründen. „Atheris, schön dich zu sehen!“ begrüßte er den nilfgaarder Hexer.

Der Hexer schwang sich vom Kutschbock hinab, kam schwer auf dem staubigen Boden auf und blinzelte gegen das Licht der Sonne an, das um den größeren Zunftbruder einen hellen Kranz bildete. Atheris musste sich vorwerfen lassen, sich mit voller Absicht ins Licht gestellt zu haben. Doch Gabhan ignorierte es geflissentlich und warf noch einmal einen letzten Blick in Richtung der Nilfgaarder, die nur noch als schwarze Schemen in der Ferne zu erkennen waren, und überlegte einen Augenblick, ob er Atheris auf die Depesche ansprechen sollte, mit der er auf so wundersame Art und Weise die Soldaten vertrieben hatte … doch er entschied sich dagegen. Seine Kehle war zu ausgedörrt für lange Gespräche und er hatte in letzter Zeit schon zu viele hohe Meinungen aufgrund zu langer Gespräche revidieren müssen. Er konnte auf eine erneute Darbietung seines knirschenden moralischen Kompasses für den heutigen Tag durchaus verzichten. „Du stinkst nach Sex,“ knurrte er daher nur, umrundete den Wagen und warf selbst noch einmal einen Blick auf das, was er von dem Tausendfüßler übriggelassen hatte und legte dann eine Decke darüber. Der Anblick konnte einem armen Tavernen Besucher den Morgen verderben und Gabhan war zu Rücksichtsvoll, um so etwas zu riskieren.

„Na komm“, wandte sich der Bärenhexer an Atheris und stemmte sich gegen die schwere Tür der Taverne um diese aufzustemmen. Im Inneren roch es angenehm nach Kraut, Bier und Würsten. Eine Kombination die Gabhan schätzen konnte und die eine willkommene Abwechslung zu den Gerüchen war, die ihn sonst umgaben und von denen viel zu viele von jener Art waren, deren Aroma sich in Kleidungen festsetzte und dortblieben, bis man sie verbrannte. „Du bezahlst,“ befand er in Atheris Richtung, nachdem er den Blick der Schankmaid gesehen hatte, der definitiv nicht ihm galt. „Mir scheint, du bist bereits in Vorkasse gegangen…“ er humpelte in eine Ecke der Schenke und achtete dabei penibel darauf, dass es nicht die hinterste war. Denn die hinterste Ecke einer Schenke war, wie jeder wusste, immer Verbrechern, Halsabschneidern oder Pfeife rauchenden Waldläufern vorbehalten und Gabhan sortierte sich in keine dieser Überkategorien ein.

Seufzend ließ sich Gabhan auf den Stuhl sinken, der mehr knarrte als er sollte und massierte sich den noch immer schmerzenden Arm. „Tut mir leid für die Verspätung. Ich… war eine Weile lang unpässlich. Habe länger gebraucht als angenommen … Umwege … Du kennst das…“ er blickte auf und der Blick seiner raubtierhaften Augen wanderte an Atheris entlang, neben dem er sich wie das fühlte, was die Tavernen Katze am Kamin gerade hervorgewürgt hatte. „Wie ist es dir ergangen? Wir haben uns seit Solonia nicht mehr gesehen…“, fragte er den Greifenhexer. Solonia – keine guten Erinnerungen. Eine Welt am Abgrund, dunkle Magie, Konspirationen und ein Warg, dem Gabhan die entstellende Narbe an der Schläfe verdankte. Und das waren noch die schönsten Erinnerungen, die er an das verfluchte Land hatte.

Atheris musterte Gabhan, ihm war das Humpeln beim Absteigen vom Wagen bereits aufgefallen und auch ansonsten schien der Bärenhexer nicht gut drauf zu sein, aber er kannte die Arbeit eines Hexers selber und auch er hatte die letzten Monate einiges erleiden müssen, nur trug er dies nicht zur schau, wie die meisten seiner Zunftbrüder. Als Gabhan das Thema auf Solonia lenkte, musste Atheris kurz schlucken … viel war seit dem letzten Winter geschehen … und der Bärenhexer sollte es wissen, wie es um Kaer Iwhaell, der Greifenhexerschule stand. „Kathrin, ein Kelch vom Hauswein für mich und für meinen Freund … ein Krug Wasser!“ rief Atheris durch den Raum, wobei er während seiner kurzen Pause ein wenig lächeln musste. Er hatte beim letzten Treffen bereits mitbekommen, dass der Bärenhexer fast nur Wasser zu sich nahm, damit ein zu hoher Alkoholkonsum die Wirkung der Hexer-Tränke nicht beeinträchtigte. Nach dem sie ihre Getränke bekommen hatten und Atheris einen großen Schluck aus seinem Gefäß genommen hatte, räusperte er sich, blickte Gabhan aus seinen schlangenhaften Augen an und begann zu erzählen, was in Solonia in den letzten Monaten passiert war.

„Gabhan…bei unserem letzten Treffen hatte Großmeister Valerian bereits angedeutet, dass wir Kaer Iwhaell aufgeben werden müssen. In einer Welt, die dem Untergang geweiht ist, in dem sich gottgleiche Kreaturen bekriegen und der Mond in drei Teile zerbrochen ist und diese hinabstürzen zur Erde … in dieser Welt können wir nichts mehr ausrichten.“ Atheris machte eine kurze Pause, nahm einen weiteren Schluck aus seinem Kelch, während Gabhan zustimmend nickte. „Die Evakuierung lief wie geplant, bis uns die Nachricht ereilte, dass eine größere Gruppe an Fanatikern auf den Weg nach Kaer Iwhaell war, um uns zu vernichten. Seit wir Hexer in ihr Land kamen, hat dieses schreckliche Schicksal begonnen und wir seien an allem Schuld … dass wir alles versucht haben, dieses Schicksal von Solonia abzuwenden, schienen sie nicht begreifen zu wollen … aber so sind Fanatiker nun mal, in Redanien ist es auch nicht anders! Denk nur mal daran, dass sie ihre Magier verbrennen, obwohl diese damals in Sodden den Arsch gerettet haben!“ fuhr Atheris fort. Der Bärenhexer nahm derweil knurrend ein kleines silbernes Kästchen hervor, streute sich etwas von dem Inhalt auf seinen Handrücken und zog den Schnupftabak mit einem lauten Geräusch ein. „Es sind immer die Vorurteile und Pogrome, die uns Vatt’ghern das Leben schwergemacht haben!“ knurrte Gabhan schlecht gelaunt, während Atheris erneut das Wort ergriff: „Während der Schlacht wurden wir Schüler von unserem Großmeister Valerian getrennt und konnten uns gegen die Übermacht der Angreifer nicht lange halten. Nachdem die Fanatiker die Mauern überwunden hatten, konnten wir uns nur noch durch ein Portal retten … und wenn ich dir erzähle, wer das Portal mit den magischen Steinen errichten musste, weil Nella ihr Bewusstsein verloren hatte…richtig…ich, der nachweislich keine Ahnung von derlei Dingen hat!“ Gabhan machte erst große Augen und konnte dann ein kurzes Lächeln nicht unterdrücken „Du lässt auch nichts aus oder? Ich möchte mir nicht mal ansatzweise ausmalen, was alles bei einer unkontrollierten Nutzung eines Portals schiefgehen kann – auch wenn ihr nicht gerade eine Wahl hattet!“ sagte er kopfschüttelnd. „Und Recht hast du Gabhan! Die Flucht klappte zwar, aber der Sprung ins Irgendwo brachte und ziemlich weit weg von unserem eigentlichen Evakuierungsziel der Leuenmark … mitten in eine verlassene Stadt in der ofirischen Wüste! Ob Valerian die Flucht überlebt hatte, konnten wir zu diesem Zeitpunkt nicht sagen, da er sich vor den Mauern Kaer Iwhaells befand. Nach einer Wochenlangen Odyssee durch die verfluchte Wüste, kamen wir in Miklagard an und weißt du, wen wir da getroffen haben?“ Gabhan überlegte kurz und erinnerte sich an die beiden Wissenschaftlerinnen, die er in Solonia getroffen hatte…aber wie hießen die beiden nochmal? „Die beiden Schwestern, diese… Sala und Eva?“ war seine Antwort. „Richtig!“ antwortete Atheris „Die Cousinen SALEHA und EIWA! Nicht nur, dass sie uns in ihrem Stadtpalais aufgenommen und versorgt haben, wir konnten sogar an der Verbesserung der Kräuterprobe arbeiten und ich habe einiges über den Forschungsstand erfahren … aber dazu später mehr! Nachdem die Forschungseinrichtung auch noch überfallen worden war und dabei einige Experimente entlaufen sind … und nein diesmal waren wir Hexer sicher nicht schuld! Haben wir nach einigen Wochen eine Überfahrt nach Nilfgaard und von dort in die Leuenmark klarmachen können. Bei unserem Reiseziel, einer Fischräucheranlage, haben wir dann zu unserer Freude auch Großmeister Valerian antreffen können, der bereits ungeduldig auf uns gewartet hat. Vor zwei Wochen habe ich mich schließlich auf den Weg zu unserem Treffpunkt begeben … wie ist es dir ergangen? Ich habe bemerkt, dass du humpelst? War das der Tausendfüßler?“ beendete Atheris seinen Bericht.

Es war wahrlich viel geschehen seitdem sich die beiden Zunftbrüder getrennt hatten. Sehr viel sogar. Deutlich mehr als Gabhan überblicken und noch mehr als er bereit war preiszugeben. Doch der andere hatte seine Geschichte erzählt. Eine Geschichte, zu der es viele Fragen gab, die jedoch zu einem anderen Zeitpunkt gestellt werden sollten. An einem Ort mit weniger Betrunken und weniger Ohren. Doch Atheris hatte seine Geschichte geteilt und uralte Gepflogenheiten verlangten, dass er nun auch seine eigene Geschichte teilte. Zumindest in Ansätzen. Denn Erklärungen waren nötig, hatte sich doch viel verändert. Und weitere Veränderungen dräuten am Horizont. Es waren wahrlich verfluchte Zeiten.

Gabhan rückte seinen Gurt auf der schmerzenden Schulter zurecht und nickte dann langsam. „Genau. Den Arm habe ich der Myriopoda Maxima zu verdanken,“ erwiderte er leise und blickte auf, als die Schankmaid mit einem Wasser für Gabhan und einem Lächeln inklusive einem Glas Wein für Atheris wiederkam. Der Bärenhexer nahm es hin und der Maid den Krug ab, trank gierig einige große Schlucke, bei denen ihm ein Teil des Wassers in den Bart sickerte und zu Boden tropfte, doch es scherte ihn wenig. „Eigentlich war ich nur auf dem Weg hierher, ehe das Drecksvieh mir den Tag verdorben hat. Andererseits, wenn man sich ansieht was es mit dem armen Boten angerichtet hat, dann bin ich ja noch vergleichsweise gut weggekommen…“ er schnaubte und stellte den Krug auf dem Tisch ab. „Ansonsten habe ich einen kleinen Umweg über Bogenwald gemacht. Hatte da ein paar Probleme mit Sklavenhändlern,“ er blieb einen Moment stumm, spürte Atheris blick auf sich und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. „Nicht der Rede wert. Und reden werde ich auch nicht darüber…“

Kapitel 4 – Weitere Tavernen Geschichten

Gabhan nahm noch einen Schluck aus dem Krug. „Und wie waren deine letzten Tage? Angenehme will ich meinen“ er warf einen Blick zu der Schankmaid.

Atheris folgte dem Blick des Bärenhexers zu Kathrin und nickte zustimmend. Seine letzten Tage waren durch aus angenehm gewesen. Die Überfahrt von der Leuenmark nach Cintra war mit günstigen Winden viel kürzer ausgefallen wie ursprünglich veranschlagt. Es blieb ihm sogar genügend Zeit, um die Stadt Cintra zu besuchen und einige seiner ehemaligen Kameraden aus der Armee aufzusuchen und gemeinsam, wie in alten Zeiten, die Tavernen der Stadt unsicher zu machen. Das letzte Mal, wo er in Cintra war, kam er als einer der Eroberer und nun, viele Jahre nach der Eroberung, musste er sagen, dass unter der Herrschaft Nilfgaards die Provinz förmlich aufblühte, aber das interessierte die Nordländer nicht, sie verschlossen in der Regel ihre Augen vor dem Fortschritt, der Wirtschaftsmöglichkeiten und der Kultur des Kaiserreichs. Sie trauerten lieber ihren alten Königen nach, die bei weitem keine moralisch guten Männer gewesen waren … Atheris merkte, wie er mit den Gedanken woanders war und konzentrierte sich wieder auf sein Gegenüber. „Gloir aen Ard Feainn! Ich hatte so gute Winde, dass ich drei Tage früher hier am Treffpunkt ankam und ja, ich habe die Zeit für Studien und … zur Erholung gut genutzt!“ schmunzelte Atheris, bevor er fortfuhr. „Jetzt wo wir beide hier sind, Gabhan – was sind unsere weiteren Pläne für den Herbst?“

„Studien und Erholung. Soso. Deine Erholungen bringen uns hoffentlich nicht in baldige Schwierigkeiten, auf solche könnte ich nämlich verzichten. Nicht verzichten kann ich hingegen auf deine Hilfe!“ er beugte sich über den Tisch, zog eine Kerze heran, deren Duft ihre Herkunft verriet und die etwa eine Meile entfernt lag – auf einem kleinen Bienenhof, der bereits in fünfzehnter Generation geführt von der Familie Rainfarner geführt wurde. All das konnte Gabhan jedoch nicht am Geruch erkennen, sondern an dem Stempel, der in das Bienenwachs gedrückt worden war. Details. Sie machten ihn wahnsinnig. Alles nahm man wahr, wenn man darauf getrimmt worden war.

Er leerte seine Gürteltasche aus, förderte einige Würfel, eine silberne Eichel und zwei Blätter Pergament zu Tage, von denen eines deutlich abgegriffen wirkte. Schnell schob er Eichel und das abgegriffene Pergament zurück, räumte die Würfel wieder ein und strich das übrig gebliebene Papier glatt, welches eine Art Karte zu zeigen schien, wenngleich auch vergilbt, mit Flecken bedeckt und mit Runen beschmiert. Irgendwer schien das Papier sogar mal als Einkaufszettel benutzt zu haben, man hatte Teile der Tinte abgekratzt um neues Papier zu gewinnen und insgesamt war das Papier in keinem guten Zustand. Doch die geübten Augen, denen eben Details mehr als alles andere auffielen, erkannten die Karte darunter. Die elfischen Runen. „Das hier,“ erklärte er schließlich leise und deutete mit den dreckigen Fingern auf das Papier. „Ich suche Runen. Und ich habe Grund zur Annahme, dass der Ort, der auf dieser Karte verzeichnet ist, irgendwo hier in der Nähe ist. Alte elfische Ruinen will ich meinen. Schließlich hat man ganz Cintra auf elfischen Ruinen aufgebaut. Genauso, wie Nilfgaard große Teile dieses Landes auf den Ruinen des alten Cintras aufgebaut hat. So ist der Lauf der Dinge. Und wie es beim Laufen nun mal ist, fallen Dinge zu Boden. Werden festgetreten. Ich hoffe, dass auch diese Runen festgetreten wurden. Ich habe ein paar neue Schwerter und ich brauche Runen um sie zu verbessern“ er sah auf. „Und du? Was versprichst du dir hiervon?“

Atheris hatte die Ausführungen des Bärenhexers interessiert verfolgt. „Meister Valerian hat mich zu dir gesendet, um etwas zu lernen. An eine Schatzsuche habe ich zwar dabei nicht gedacht … aber es hört sich spannend an! Gib mir mal bitte die Karte, Gabhan!“ antwortete der Nilfgaarder auf die ihm gestellte Frage. Gabhan reichte ihm die Karte und er begann sie genauer zu studieren. Er fand es faszinierend, dass der Bärenhexer auf diesem alten Pergament etwas entdeckt hatte, dass von so großem Wert war. Er selber hätte vermutlich diesem Stück Pergament keinen zweiten Blick gewidmet, aber er hatte in seinem Leben auch wenig mit Schatzsuchen oder dergleichen verbracht. Das Schlachtfeld war die meiste Zeit seines Lebens der Mittelpunkt gewesen, um das sich sein Handeln gedreht hatte. Er überlegte kurz, ob er Gabhan von der alten Elfenruine in den grünen Wäldern Temeriens erzählen sollte, in der er vor etwa fünf Jahren unglücklich durch ein Portal gestürzt war und wie die anschließenden Ereignisse sein Leben grundlegend verändert hatten … aber ein Blick auf den übelgelaunten Zunftbruder ließ ihn diesen Gedanken verwerfen, es war nicht die Zeit für Geschichten. „Wie um alles in der Welt, bist du an das gute Stück gelangt und wie wollen wir weiter vorgehen?“ durchbrach Atheris das Schweigen.

„Ich habe gute Verbindungen,“ erwiderte Gabhan schlicht und knapp. Er hatte die Karte von Grazyna von Strept erhalten, doch das wollte er nicht sagen. Er wollte nur so wenig wie möglich mit der Zauberin in Verbindung gebracht werden, hatte er doch mitbekommen was eine Verbindung mit der Frau Zauberin bedeutete. Sie diente den Grolls und der Name Groll war genauso klang, wie unheilvoll. Zumindest wenn er den Reaktionen in Bogenwald glauben durfte. Die Familie war Umtriebig und Umtriebigkeit konnte Gabhan nicht gebrauchen. „Und was wir nun machen? Erst einmal etwas trinken. Dann brauche ich vor allem Dingen eins: Eine verdammte Mütze Schlaf. Ich habe seit fast eineinhalb Tagen nicht geschlafen und ich werde unleidlich, wenn ich nicht gut geschlafen habe. Wir beide wollen nicht, dass ich unleidlich werde“ er grinste schief. Seine Narbe schmerzte nicht nur, sondern verzog sein Grinsen auch stets zu einer Grimasse. Keiner freundlichen.

„Morgen früh brechen wir dann auf, Richtung Süden. Die Richtung gefällt dir sicherlich. Und gefallen wir dir auch das, was du in der Höhle wirst lernen können. Denn was uns erwartet wird verteufelt schwer. Diese Ruine soll einst der Palast der Elfenstreiterin Maeven gewesen sein. Eine große Kriegerin. Große Kriegerinnen wollen große Paläste. Große Paläste bedeuten große Räume. Große Räume werden mit den Jahrhunderten unter der Erde große Stollen. Ich rechne mit Nekkern, mit viel Pech hat auch ein Ekkima dort sein Nest. Verteufelt, wie gesagt. Du solltest den Abend nutzen um einige Tränke herzustellen. Und vielleicht nochmal Spaß zu haben. wer weiß wann du wieder dazu kommst!“ sagte Gabhan.

Die beiden Hexer genossen noch ein reichhaltiges Frühstück, bevor sich Gabhan auf sein Zimmer zurückzog. Atheris stand auf und wanderte zum Tresen, an dem Kathrin ihn bereits mit einem freudigen Strahlen im Gesicht erwartete. Der Nilfgaarder lächelte charmant und beglich ihre Schulden. Mit einem Augenzwinkern verabschiedete sich Atheris von der Schankmaid, verließ das Gasthaus und schlenderte über den Innenhof zu den Stallungen. Ker’zaer, sein treues Streitross begrüßte ihn mit einem Wieren. Er hatte das edle Tier vor zehn Jahren von einem adligen Nilfgaarder Kommandeur als Geschenk erhalten, mit dem er nach dem katastrophalen Ausgang der Schlacht von Brenna, durch die Sümpfe zur Jaruga geflohen war. Nun holte er den Sattle und das Zaumzeug und machte den schwarzen Hengst bereit für den Ausritt. Das Wetter war schön und der Hexer liebte es alleine durch die Wälder zu reiten. Beim Verlassen des Stalles warf er dem Stallknecht noch einige Münzen zu und preschte dann durch das geöffnete Hoftor hinaus auf die Straße.

Kapitel 5 – Allein im Wald

Eine ganze Weile folgte Atheris dem Weg in Richtung Süden. Zunächst tat er das unbewusst und erst nach einiger Zeit wurde im klar, dass er dem möglichen Weg auf der Karte folgte, die er vor seinem inneren Auge sah. Er zuckte mit den Achseln und ließ sein Pferd angaloppieren. Letztlich war es egal, wohin er ritt, der Weg war sein Ziel! Gegen Mittag erreichte er eine kleine steinerne Brücke, die sich über einen gut drei Schritt weiten Fluss spannte. Er lenkte Ker’zaer neben die Brücke zum Wasser und stieg ab. Während das Pferd trank und anschließend anfing das dicke Gras am Fuße der Brücke zu fressen, setzte sich Atheris auf einen Stein, zog aus seiner Tasche das kleine Tagebuch, dass er immer bei sich trug und eine Feder heraus und fing an sich Notizen zu machen. Als er etwas Müdigkeit verspürte, ließ er sich hinab ins Gras gleiten und schloss die Augen für einen Moment.

Aus dem Moment wurden Stunden und als der Hexer wiedererwachte, hatte die Dämmerung bereits eingesetzt. „Nun ja, die letzten Nächte waren nicht gerade die ruhigsten gewesen!“ sprach er mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht zu Ker’zaer, der das mit einem Schnauben kommentierte. In einer fließenden Bewegung schwang er sich auf dessen Rücken und machte sich auf den Weg zurück zum Gasthaus. Er war nicht weit gekommen, als sein Hexer-Medaillon anschlug. „Was zum…!“ wunderte er sich, war er doch erst vor kurzem die gleiche Strecke gekommen. Er stieg vom Pferd ab, nahm das Tier beim Zügel und nutzte das Medaillon wie eine Wünschelrute. Die magische Fährte oder wie man das auch immer nennen mochte, führte ihn vom Weg ins Unterholz. Immer drang er in die Wildnis ein und Atheris wurde unruhig, es musste etwas ziemlich Mächtiges sein, wenn das Medaillon die Magie auf so eine große Distanz aufspüren konnte. Dunkel kamen in ihm die Erinnerungen hoch, als er das Letzte mal auf so eine mächtige Magie gestoßen war, und die Begegnung mit dem Kobold hatte er nur mit viel Glück überlebt. Leise zog er seine silberne Klinge aus der Scheide, die er am Sattel befestigt hatte, und machte sich bereit für das, was ihn erwarten konnte. Inzwischen war es im Wald vollkommen finster, was ihn aber aufgrund seiner mutierten Augen nur bedingt störte. Vielleicht sollte er lieber umkehren, es war auch für einen Hexer nicht ungefährlich, sich unvorbereitet einem Risiko auszusetzen, aber dank seiner großen Neugier verwarf er den Gedanken schnell wieder. Nach einer guten Weile erreichte er eine kleine Lichtung im Wald. Zunächst erschien sie für Atheris unauffällig und erst als er sie überquert hatte, merkte er, wie das Signal vom Medaillon schwächer wurde. Also trat der Hexer zurück auf die Lichtung und schaute sich genauer um. „Gabhan hätte sicherlich schon erkannt, was hier vor sich geht … hmmm!“ dachte sich Atheris, während er die Bäume am Rand und den Boden genauer musterte. „Ein Hexenring … interessant!“ entfuhr es dem Nilfgaarder, als er die Reihe von kleinen, dunklen Pilzen bemerkte, welche die Lichtung komplett umschlossen. So ein Hexenring war eigentlich nichts außergewöhnliches, lediglich der Volksmund sah in diesen natürlichen Kreisen etwas Mystisches, das mit Feen und Hexen im direkten Zusammenhang stand. In Wirklichkeit hatte es meisten nur etwas mit den Nährstoffen im Boden zu tun … aber dieser Kreis war anders, warum war hier in der Mitte die Magie am stärksten und warum hatte er die Magie nicht schon beim Hinweg bemerkt? Suchend schritt Atheris über die Lichtung … er konnte die Quelle der Magie einfach nicht ausfindig machen. Gerade als Atheris sich zu seinem Pferd umdrehte und die Suche aufgeben wollte, gab die Erde unter seinen Füßen nach und er begann zu stürzen. Geistesgegenwärtig umschloss er die Zügel in seiner Hand fester. Den kräftigen Ruck, der über den Zügel an Ker’zaer weitergegeben wurde, quittierte dieser mit einem kräftigen Wieren, aber der kräftige Hengst hatte einen guten Stand und konnte somit den Sturz seines Reiters verhindern. Nun hing der Hexer mit einer Hand am Zügel und der anderen Hand am Rande des Loches, in das er soeben gefallen war. Unter seinen in der Luft hängenden Füßen, öffnete sich ein großes schwarzes Loch. Vorsichtig zog sich der Hexer wieder nach oben und kroch bäuchlings weg von der Stelle an der er eingebrochen war. Nachdem Ker’zaer keine Probleme mit dem Untergrund gehabt zu haben schien, war das Loch vermutlich nur begrenzt groß, aber um kein Risiko einzugehen, führte er das Tier weg von der Lichtung. Zwischen den Bäumen angekommen, löste er das Seil am Sattel, befestigte das eine Ende an seinem Sattelknauf und das andere knüpfte er sich mit einem Knoten um seine Taille. Anschließend zog er eine kleine Sturmlaterne aus der Satteltasche und ein Stück Schnur, dass er zum Fallen stellen dabeihatte. Sein Freund Raaga hatte es ihm vor einem guten Jahr gegeben, nachdem er ihn in dieser Form der Jagd unterwiesen hatte – „Was für eine Verschwendung von Zeit“, dachte sich Atheris, der keinerlei Geduld für sowas hatte und deswegen das Garn immer noch unbenutzt war – bis jetzt zumindest. Auf allen Vieren näherte sich der Hexer erneut dem Loch, befestigte die Schnur an der Laterne und entzündete diese mit dem Hexerzeichen „Igni“ … Atheris lächelte. Es war noch nicht so lange her, dass er die Zeichen von Valerian gelernt hatte und inzwischen klappten sie doch immer besser und erwiesen sich der weilen als äußerst nützlich. Langsam ließ er die brennende Lampe in den Abgrund hinab. Von der Öffnung aus sah Atheris, wie das Licht der Lampe ein kuppelförmiges Gewölbe ausleuchtete. „Definitiv elfisch!“ stellte der Hexer fest, als er die Zeichen an den Säulen des Raumes betrachtete. Dann ging auf einmal alles ganz schnell, etwas bewegte sich am Boden entlang … schnellte nach oben … und riss die Laterne aus der Luft und verschwand darauf hin wieder in der Dunkelheit. „A d’yaebl aép arse!“ fluchte Atheris und rollte sich zur Seite – und das keinen Moment zu früh, denn nur einen Wimpernschlag später zerfetzten scharfe, behaarte Krallen den Rasen an der Stelle, wo er eben noch gelegen hatte. Der Hexer umschloss den Griff seines Silberschwertes fest und Hieb mit aller Kraft auf die Klaue. Die scharfe Klinge zerschnitt Fleisch, Sehnen und Knochen … das Wesen verlor den Halt und stürzte mit einem widerlichen Heulen in die Tiefe. Für einen Moment herrschte Stille, und Atheris konnte nur seinen eigenen Atem wahrnehmen. Er merkte, wie das Adrenalin in seinen Adern kochte und seine Muskeln zum Zerreißen gespannt waren. Dann vernahm er das Wehklagen des Monsters, dass er soeben auf den Boden des Gewölbes zurückgeschickt hatte, und nur wenige Augenblicke später vielen weitere Stimmen in das Wehklagen ein. „Sheyss!“ entfuhr es dem Hexer, der die Laute mit weit aufgerissenen Augen vernahm. Alle Vorsicht vergessend, sprang er vom Boden auf, rannte zu dem schwarzen Hengst, der die immer lauter werdenden Rufe ebenfalls vernahm und nervös anfing auf der Stelle zu treten. Mit einem Streich durchtrennte Atheris das Seil, schwang sich auf das Tier und gab ihm die Sporen. Er brauchte sich im Sattel nicht umzudrehen – was immer auch aus der Ruine an die Oberfläche gelangt war, verfolgte ihn durch das Unterholz. Seine feinen Ohren hörten, wie die Verfolger aufschlossen. Kurz bevor er den Weg erreichte, holte ihn eine der Bestien ein und setzte sich Links neben ihn. Ein unerfahrener Reiter wäre vielleicht in Panik geraten, aber Atheris hatte den Großteil seiner militärischen Laufbahn auf den Rücken eines Pferdes verbracht, und nun tat er das, was er immer in so einer Situation unternahm. Mit dem rechten Schenkel gab er Ker’zaer das Zeichen, nach Links auszubrechen, direkt in den Angreifer hinein. Das Wesen war von dem Manöver überrascht und wich zu spät aus. Der mächtige Körper des Hengstes drückte die Bestie gegen einen Baum, gefolgt von einem Streich der Hexerklinge, der das Wesen für immer zum Verstummen brachte. Kurz darauf erreichte Atheris endlich den Weg und das keinen Moment zu früh. Drei weitere dieser Wesen folgten ihm auf den Weg und setzten weiter nach. Doch ohne das Unterholz konnte Ker’zaer endlich in den gestreckten Galopp wechseln. Die Wesen konnten die Geschwindigkeit für einige Zeit noch mitgehen, aber nach und nach fielen sie weiter ab, bis sie endlich die Verfolgung einstellten. Der Hexer ging kein Risiko ein und ließ den Hengst noch eine Weil im gestreckten Galopp Distanz zwischen sich und die Angreifer bringen. Erst nachdem er sich ziemlich sicher war, dass er nicht mehr eingeholt werden würde, ließ er das Pferd zunächst im versammelten Galopp wechseln, bevor er dann die Zügel lang lies und sich das Tier erholen konnte. Um eine mögliche Verfolgung seiner Fährte zu verhindern, ritt er einen Umweg, der ihn eine Weile durch ein Flussbett führte.

Gegen Mitternacht erreichte der Nilfgaarder schließlich wieder den Gasthof. Als er durch das Hoftor ritt, fiel ihm das im Wind wackelnde, alte Schild in die Augen – ‚Zum treuen Freund‘ stand dort unter dem Kopf eines Hundes in großen Lettern geschrieben. Die dicken Mauern und das schwere Holztor versprachen Sicherheit für die Nacht, die Atheris nach dem erlebten gerne in Anspruch nahm. Nachdem Atheris seinen treuen Begleiter versorgt und mit einer extra Portion Hafer belohnt hatte, machte er sich auf zum Haupthaus. Der Schankraum war leer und so ging er weiter die Treppe hinauf zu den Zimmern. An seiner Tür angelangt, öffnete er diese, zog seine Ausrüstung aus, wusch sich in der kleinen Wasserschüssel, die auf einer Kommode neben dem Bett stand, den Dreck aus dem Gesicht und von den Händen, setzte sich aufs Bett und zog die Silberklinge aus der Scheide. Er reinigte sie gründlich von dem Blut, dass sie vergossen hatte. Jenes Blut sammelte er in einer kleinen Schüssel, vielleicht konnte Gabhan damit etwas anfangen. Gerade als er dabei war, die nun sauberer Klinge wieder weg zu stecken, hörte er, wie sich die Tür hinter ihm öffnete. Er brauchte sich nicht umzudrehen, seine feine Nase verriet ihm, wer ihn da besuchen kam und als sich das hübsche Gesicht in der blanken Klinge spiegelte und die sanften Arme sich um den muskulösen Oberkörper des Hexers schlossen, ließ er sich zurück ins Bett sinken und … nur der Geruch nach Hund verfolgte ihn bis in seine Träume.

Kapitel 6 – Nachtigall

Die Nachtigall trällerte. Gabhan erwachte.

Die wenigen Stunden Schlaf die er bekommen hatte waren mehr als nötig gewesen. Die Tage auf der Straße, die Geschehnisse in Bogenwald und der Kampf gegen den Riesentausendfüßler waren nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Er stöhnte leise, während er sich in dem viel zu weichen Bett umwandte. Sein Hals schmerzte leicht, war noch immer ausgedörrt und seine Mundwinkel waren leicht eingerissen, da er seit Tagen zu wenig getrunken hatte. Mit einem Ächzen erhob sich Gabhan in eine sitzende Position und rieb sich den Schlaf aus den Augen, der sich dort festgesetzt und es für Gabhans Geschmack zu gemütlich gemacht hatte. Er rieb sich noch einmal über die Augen, spürte das schwere Gewicht des Bärenkopfamuletts auf seiner bloßen Brust und beschloss, dass es Zeit war aufzustehen. Mit wankenden Schritten, die jeden Skelliger Seekapitän stolz gemacht hätten nährte er sich dem kleinen Schrank mit eingelassenem Spiegel und Waschschüssel. Er beugte sich über die Messingschüssel und betrachtete sein Gesicht in der polierten Messingscheibe. Er benötigte langsam wieder eine Rasur, sein Schnurr- und Kinnbart waren unordentlich, seine Seiten zu deutlich sichtbar. Aber das war ein Problem, dem er sich nach diesem Abenteuer stellen konnte.

Gabhan spritzte sich Wasser ins Gesicht. Es war kalt, belebend und weckte Erinnerungen an Skellige. Die dumpfen Schritte des Bärenhexers führten ihn zu seinem Seesack, den er in eine Ecke des Raumes gepfeffert hatte. Auf Momente des Suchens folgten Sekunden des Findens und Gabhan zog eine alte, mehrfach geflickte blaue Tunika, sowie gemütliche und weit geschnittene Hosen hervor und zog sich wieder an, rückte danach das Bärenamulett zurecht, welches seine Umgebung mindestens so grimmig betrachtete wie sein Herr und verließ das Zimmer.

Es war später Abend. Der Tag hatte sich selbst überlebt. Die Luft war drückend, die letzten Ausläufer des Sommers beschwerten eine seltsam stehende Hitze, die sich in dem Gastraum festgesetzt hatte wie eine unangenehme Schwiegermutter zu Kaffee und Kuchen. Es waren nur wenige Leute hier im Gasthaus und Gabhan trat zum Tresen, wo der Wirt damit beschäftigt war Krüge aus Messing und Zink zu säubern. „Habt ihr meinen Begleiter gesehen?“ fragte Gabhan dunkel, denn in seinem Zimmer war er nicht gewesen und aus dem Teil des Hauses, in dem der Bärenhexer das Zimmer der Schankmaid vermutete waren keine verdächtigen Laute auszumachen gewesen. Der Wirt blickte auf, warf erst Gabhan, danach seinem Amulett einen düsteren Blick zu. „Er hat das Gasthaus heute recht früh verlassen,“ erwiderte der Wirt dann schließlich doch und Gabhan nickte. Er hatte sich vermutlich ein wenig in der Gegend umgesehen. „Sei‘s drum,“ knurrte Gabhan. Sie würden morgen aufbrechen.

Der Mutant löste sich vom Tresen und verließ das Gasthaus, um sich selbst noch ein wenig die Beine zu vertreten. Die Nachtigall sang.

Auch die umliegenden Gehöfte rund um das Gasthaus zeigten keinerlei Besonderheiten. Allgemein wirkte das ganze Dorf so, als habe jemand in einem alten Lexikon das Wort Dorf nachgeschlagen und den dort zu sehenden Kupferstich mit viel Liebe zum Detail nachgebaut. Der Hexer ließ sich auf einer nahen Bank nieder und betrachtete einige Bauern dabei wie sie Heu mit bronzenen Sensen ernteten. Die Nachtigall sang.

Gabhan hatte sich von der Bank verabschiedet, hatte sich auch von dem Gefühl der Sicherheit verabschiedet, welches er zuvor noch an diesem Ort empfunden hatte. Er durchstreifte das Dorf weiter, spürte die Blicke der Bewohner auf ihm, so wie man allerorten auf ihn blickte. Gabhan schritt vorbei an kleinen, weiß getünchten Häuslein mit Türgriffen aus Messing, Bronzenen Nägeln und Beschlägen aus Zink. Die Nachtigall sang.

Gabhans Blick fiel durch die große Scheune und die dort aufgereihten Werkzeuge zur Feldarbeit. Sensen, Flegel, Harken, Beile, Äxte, Wagenräder. Auch große Bierfässer. Wohin sein Blick auch fiel, alle Werkzeuge waren aus Holz oder, verbunden mit metallenen Teilen aus Messing oder Zink. Eisen, wie es üblich und billig war, fand er nicht. Die Nachtigall sang. Gabhan schloss für einen kurzen Augenblick die Augen. Verflucht. In was war er da reingeraten? Die Nachtigall sang. Das Licht des Mondes fiel durch die engen Bretter des Daches. Gabhan hörte die sich nährenden Schritte, wandte sich jedoch nicht um. „Wir wollen nichts Böses,“ sprach er leise in die Dunkelheit. Sein Gegenüber antwortete nicht. Er atmete nur. Die Nachtigall sang. „Wieso sollten wir dir das Glauben, Vatt’ghern?“ – „Würden wir etwas Böses im Schilde führen hätten wir euch doch längst angegriffen,“ lautete Gabhans bedachte Antwort, während er seine Arme langsam aus der Verschränkung sinken ließ. „Die Taten deines Freundes lassen anderes vermuten. Wir haben euch durchschaut. Ihr hättet niemals hierherkommen sollen!“ Gabhan antwortete nicht. Eine Antwort war auch nicht nötig. Die Stimme des anderen war lauter geworden, sein Gegenüber nähergekommen und was auch immer Atheris getan hatte, es hatte Geister geweckt, die besser in Ruhe gelassen worden wären. Gabhan spürte im Boden unter seinen Füßen die Vibration, den Absprung des anderen. Schnell wie ein Gedanke zog Gabhan den Hodendolch aus der Scheide an seinem rechten Bein und wirbelte herum. Ein Sprung zurück. Pirouette und zurück in die Ausgangsposition. Der Dolch aus Stahl wirkte wie eine Verlängerung seines Arms und die benötigte er dringend, denn der Arm des Anderen war deutlich länger. Klauen zischten auf ihn zu, Gabhan duckte sich. Beinarbeit, Beinarbeit. Atmung. Immer atmen. Niemals vergessen. Ausweichmanöver. Den anderen näher herankommen lassen. Näher. Näher. Der Feind hatte einen Längenvorteil. Gabhan keine Möglichkeit ihn auszugleichen. Jeder Schritt brachte ihn nur näher an die Wand. Nicht in die Ecke drängen lassen. Ausfallschritt. Pirouette. Nur eine Möglichkeit. Distanz überwinden. Atmen. Einatmen. Die Luft anhalten. Sich wappnen.

Der Schmerz war schlimmer als Gabhan es erwartet hatte, er stach nicht. Er riss. Riss an ihm. An seinem Brustkorb. Gabhan spürte, wie Klauen über Knochen schabten. Keine Panik. Keine Angst. Gewissheit. Nur ein Kratzer. Kaum der Rede wert. Er würde leben. Er. Nicht sein Gegenüber. Der Dolch steckte tief in der Kehle. Ein billiger Dolch. Ein hoher Eisenanteil im Stahl. Er ließ den Dolch stecken. Er musste zu Atheris. Gabhan blutete. Das Monster starb. Die Nachtigall verstummte.

Kapitel 7 – Antherion

Sanfte Finger krochen über Atheris Rücken, krallten sich verlangend in seinen Rücken. Wollten eine zweite Runde. Verlangen. Animalisches Verlangen. Lange Finger krallten. Lange Krallen. Animalisches Verlangen. Welches verlangen sich hier stillen sollte erfuhr Atheris niemals. Zumindest nicht mehr aus dem Mund der Schankmaid. Die Tür zu seinem Raum krachte derart gewaltig, als schwere Stiefel mit einem Tritt gegen das Schloss diese aus den Angeln brachen.

Der Mond beschien die Gestalt Gabhans, gekleidet in etwas was nur entfernt seinem langen Gambeson ähnelte. In den Händen hielt er einen langen Zweihänder. Eine andere Waffe als jene, die er normalerweise trug. Gabhan hatte in Solonia mit Einhändern gekämpft. Und mit Einhändern kämpfte er noch immer gerne. Doch die jetzige Waffe in seiner Hand war länger. Eine einfache Klinge. Nicht sehr elegant. Aber tödlich. Ein schneller Hieb, geführt durch die Hand am unteren Knauf, gelenkt durch eine Leichte Drehung nahe der Parier Stange. Stahl zischte durch die Luft, ehe die Flache Seite der Klinge mit solch einer Gewalt gegen die Schankmaid traf, dass diese von Atheris gerissen wurde und schreiend auf dem Boden aufschlug. Oder das, was einst die Schankmaid gewesen war. Denn hier, im Schein des Halbmondes kauerte eine haarige Gestalt mit ausgeprägten animalischen Zügen. Auch sonst schien alles, was das Mädchen einst ausgezeichnet hatte ausgeprägter und animalischer zu sein. Gabhan warf Atheris keinen Blick zu, ließ das Mädchen nicht aus den Augen, während er das Schwert hob, die Spitze auf das Mädchen gerichtet. Es hieß Hexer hätten zwei Schwerter. Silber für Monster. Stahl für Menschen. Es war ein Ammenmärchen. Beide waren für Monster, gab es doch auch jene, die Stahl und Eisen mehr fürchteten als Silber. Solche, die Messing und Zink benutzten, wenn sie unter Menschen leben wollten.

„A d’yaebl aép arse!“ schrie Atheris, rollte sich vom Bett und hatte innerhalb eines Wimpernschlages ebenfalls seine Silberklinge gezogen. „Kathrin? … Gabhan … was ist los?“ fragte er sichtlich irritiert. Der Bärenhexer, der das Wesen, dass sich Kathrin nannte nicht aus den Augen lies antwortete in einem dunklen, leisen Tonfall: „Antherion, Atheris. Das ganze Dorf…“ Atheris bekam große Augen und sein Blick fiel wieder auf Kathrin, die sich in der Ecke zusammengekauerte hatte und sie aus großen gelben Augen anblickte … diese treuen Augen, wie sie nur ein Hund hatte. „Antherion … Formwandler! Das Gegenstück zum Werwolf, wenn ich mich an Valerian’s Unterricht richtig erinnere! Woher wusstest du …“ Atheris hielt im Satz inne, als er die Blutpfütze bemerkte, in der Gabhan stand und erst jetzt sag er, dass die alte, blaue Tunika, die der Bärenhexer trug an der Brust zerfetzt war und sich drei böse klaffende Wunden zeigten. Er war also auf unliebsame Weise auf das Geheimnis des Dorfes gekommen. Atheris setzte über sein Bett, blickte raus auf den Flur und sah einen erschlagenen Formwandler am Boden liegenden. Er schloss das was von der Tür übrig geblieben war hinter sich, rannte zu seiner Ausrüstung und öffnete eine kleine Holzkiste. Er suchte den Trank mit der Aufschrift ‚Schwalbe‘ und warf sie Gabhan zu. Ohne zu zögern, zog dieser mit den Zähnen den Korken aus der Flasche und leerte den Inhalt in einem Zug. Sogleich fingen seine Adern an zu pulsieren und die Farbe wich aus seinem Gesicht, was denn sonst schon so hellhäutigen Skelliger fast gespensterhaft aussehen ließ. Nachdem Gabhan für den Moment versorgt schien, näherte er sich langsam dem Antherion, den er als Kathrin kannte. „Geht es dir soweit gut?“ fragte er mit ruhiger Stimme und kniete sich vor sie auf den Boden. Atheris konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihm etwas Böses wollte, sie hatte in den letzten Tagen und Nächten genug Möglichkeiten gehabt, ihn zu töten. Das Wesen musterte Gabhan ängstlich und sie brachte nur ein Winseln hervor, dass durch einen kläglichen Laut unterbrochen wurde, als Atheris ihren Arm berührte … er war gebrochen. „Was nun?“ fragte Atheris und schaute zum Bärenhexer auf. „Wir müssen hier verschwinden, solange wir noch die Möglichkeit dazu haben…“ knurrte dieser als Antwort. Recht hatte er, es war keine gute Idee es mit einem ganzen Dorf dieser Wesen aufzunehmen. Was den Greifenhexer allerdings stutzig machte war die Tatsache, dass bisher kein weiteres dieser Wesen bei ihren Zimmern aufgetaucht war! In aller Eile zog sich Atheris das notdürftigste an und holte anschließend aus seinem Holzkästchen eine Flasche mit einer grünlich-kristallinen Flüssigkeit. „Eisensulfat!“ stellte Gabhan fest, nachdem er daran gerochen hatte. „Richtig! Das Klingen-Öl hat Valerian vor einiger Zeit in der Leuenmark hergestellt um eine Bande von Blutkappen zu jagen.“ bestätigte Atheris die Annahme. Beide behandelten ihre Schwerter mit dem Öl, und packten dann ihr Hab und Gut zusammen – zum Glück reisten Hexer in der Regel mit leichten Gepäck.

Als sie an der Leiche des zweiten erstochenen Antherions vorbeikamen, gab Kathrin, die sie mitgenommen hatten, eine Art leises Winseln von sich. Wortlos schritten sie die Treppe hinunter und durchquerten den immer noch leeren Schankraum. So leise wie möglich überquerten sie den Innenhof zum Stall. Der schwarze Hengst begrüßte sie mit einem nervösen Schnauben, auch das Tier merkte offensichtlich, dass etwas nicht stimmte. „Er kann uns für eine Weile beide tragen, Gabhan!“ flüsterte Atheris, als er das gesattelte Pferd beim Zügel nahm und hinausführte. An der Tür wendete sich der Nilfgaarder zu Kathrin um und flüsterte:“ Was auch immer du von uns glauben magst, es war nie unsere Absicht jemanden zu schaden! Unsere Wege trennen sich nun hier, lebe wohl!“

Elegant schwang sich Atheris in den Sattel und reichte Gabhan die Hand um ihn ebenfalls aufs Pferd zu ziehen. Mit einem tiefen brummen nahm dieser die ihm ausgestreckte Hand entgegen und lies sich helfen. Die raubtierhaften Augen des Zunftbruders konnte er deutlich erkennen, dass dieser nur widerwillig Hilfe annahm. Leis schritt der Hengst mit den beiden Hexern auf dem Rücken durch das Hoftor, wobei das Schild mit dem Hund darauf leise im Wind quietschte. Kaum hatten sie das Tor passiert, schlugen ihre Amulette an und wie aus dem Nichts heraus waren sie von den Dörflern umzingelt. „A d’yaebl aép arse!“ fluchte Atheris und Gabhan hinter ihm knurrte“ Die Bastarde haben sich hinter einer Illusion versteckt … diese … Hunde!“ Es war nicht das erste Mal, dass Atheris zu Ross auf eine Schar blickte, die sich mit Sensen, Heugabeln und einfachen Spießen auflehnten. Bei Brenna war es vor allem der Mut dieser einfachen Menschen gewesen, die bereit waren für ihr Land ohne jeden Schutz zu kämpfen … auch wenn sie dies aus falschen Motiven taten. Hier und jetzt war es ähnlich, die Dorfbewohner in ihrer natürlichen Wolfsgestalt hatten sich bewaffnet und stellten sich den Hexern entgegen. „Seltsam … sie bräuchten doch eigentlich keine Waffen!“ stellte Atheris trocken fest. „Sie sind keine Krieger! Es sind Bauern und Handwerker. Man kann ihre Angst riechen“ antwortete Gabhan, der inzwischen in der einen Hand sein Schwert hielt und in der anderen einen Trank mit der Aufschrift ‚Donner‘. Die Zeit schien still zu stehen … Atheris war sich ziemlich sicher, dass sie einen Durchbruch und damit die Flucht schaffen konnten, lediglich die magischen Fähigkeiten konnte er nicht einschätzen. Es war die Stimme von Kathrin, welche die Stille durchbrach. In einer den beiden unbekannten Sprache redete sie auf die versammelte Dorfgemeinschaft ein, was ein paar besonders aggressiven Artgenossen mit einem lauten Knurren quittierten. Immer wieder flogen die Worte hin und her. Ein besonders alter Antherion trat schließlich hervor, was die anderen verstummen lies.

Gabhan hielt sich nur mit Mühe auf dem Rücken des Pferdes. Er war kein geübter Reiter, die Anwesenheit der Ungeheuer machte ihn unruhig und das beständige Zucken seines Amuletts sorgte nicht dafür, dass sich seine Anspannung beruhigte. Viel mehr verstärkte es sie noch, da er befürchten musste, dass er sich in allzu naher Zeit ein für alle Mal beruhigen würde.

Noch dazu war die Schwalbe, die Atheris ihm gegeben hatte nicht sonderlich gut bekommen. Der Schmerz, statt beinahe augenblicklich aufzuhören ebbte nur langsam ab, das Gebräu brannte im Rachen und er spürte, wie sein Organismus Probleme damit hatte den Trank nützlich zu verarbeiten. Er erinnerte sich an Grazynas Kommentar zu diesem Thema. Dass die Tränke der verschiedenen Schulen auf die vorherrschende Mutation angepasst worden und alles, aber nicht identisch waren und er verfluchte sich selbst. Wenn er hier ins Gras beißen würde – und ins Gras beißen musst er, das war so gut wie sicher, dann sollten seine letzten Gedanken nicht der Zauberin gelten.

Ihm gefiel nicht in welche Richtung das hier ging. Gefiel nicht die Mordlust in den Bestienaugen. Gefiel nicht wie sich ihre Lefzen verzogen – und ganz und gar nicht gefiel ihm, dass sie ihnen ausgeliefert waren und das verdammte Tier unter ihm verwehrte ihm jedwedes Körpergefühl, während er kalte Schweiß auf seiner Stirn stand. Seine Tunika konnte das Blut schon lange nicht mehr aufsaugen und er tropfte das Pferd voll, dessen Ausbildung als Schlachtross alleine wohl verhinderte, dass es durchging. Gabhan fluchte.

„Hört mir gut zu…“ begann er leise und seine raubtierhaften Augen glitten über die anwesenden Monster, während er vom Rücken des Pferdes rutschte. Er stieß seinen Anderhalbhänder vor sich in den Boden. „Wir wollten euch nichts. Euer kleines Leben interessiert mich einen Scheiß. Wir wollten hier nur durchziehen. Mehr nicht. Und ich habe keine Ahnung was der große Idiot da entdeckt hat. Und es interessiert mich auch nicht. Ihr habt mich angegriffen. Fein. Euer gutes Recht. Ich habe einen von euch getötet. Und noch einen auf dem Weg zu ihm!“ er deutete mit dem Daumen zu Atheris, verkrampfte die Hand. „Denn ihr lasst eure Finger besser von dem Kerl da. Hey! Schau mich an. Ich bin es, den ihr wollt. Ich bin der Mann mit dem Schwert. Der Mann, der bereits das Blut von zwei von euren Leuten vergossen hat, die geglaubt haben die Helden spielen zu müssen. Ihr wisst ganz genau was ich bin. Und ihr wisst ganz genau was er ist. Ihr kennt uns. Kennt das Medaillon. Wisst, wer euch in die Wildnis getrieben hat, vor all den Jahrhunderten. Ich sehe es in euren Augen. Ihr wisst wozu wir fähig sind. Wir wollen es nicht. Wollen euch nichts antun. Nicht mehr. Nicht heute. Heute ist genug Blut vergossen worden. Aber wenn ihr glaubt – wenn ihr wirklich glaubt, dass Rache nun angemessen ist und wenn eure Eltern euch auch nur eine einzige Geschichte über uns Hexer erzählt haben. Dann tut das einzig vernünftige – und lasst es einen anderen zuerst versuchen.“

Atheris sah mit an, wie Gabhan vom Pferd stieg und mit knurriger Stimme die Wesen einzuschüchtern versuchte … und bei vielen von ihnen sah er tatsächlich die Angst vor den Hexern in den Augen. Einzig die kleinere Gruppe, die immer wieder aggressiv dazwischen Fauchte, bildete eine Ausnahme. Er zählte etwa sieben von ihnen vielleicht auch acht, das war immer noch gefährlich … aber besser wie das ganze Dorf. Drei dumpfe Schläge ließen die Antherion verstummen und Atheris lenkte seine Aufmerksamkeit ebenfalls zu der Quelle des Geräusches. Der Alte hatte mit seinem stützenden Stab gegen ein Fass getrommelt, um endlich für Ruhe zu sorgen. Das Wesen wartete einen Moment und musterte die beiden Hexer. „Vatt’ghern … wir kennen die Geschichten über euch und was ihr seit Jahrhunderten unseres gleichen antut!“ er machte eine kurze Pause und musterte seine Artgenossen, bevor er fortfuhr. „Wir haben uns hier in eine abgelegene Region zurückgezogen und leben friedlich zusammen, Reisenden bieten wir in unserer Taverne eine sichere Unterkunft für die Nacht an und mit den Nachbargemeinden treiben wir Handel! … “ wieder machte der Alte eine Pause und Atheris registrierte, wie die meisten Dorfbewohner zustimmend nickten. „Selbst dich … Atheris … haben wir tagelang in unseren Reihen als Gast aufgenommen und behandelt, obwohl viele große Bedenken bezüglich eurer Anwesenheit in unserem Dorf hatten. Warst du auf der Jagd nach uns? Hast du uns studiert? Wir wissen es nicht, aber es war friedlich und die Frucht legte sich ein wenig …!“ wieder machte der Dorfälteste eine Pause. Atheris lies seinen Blick schweifen, der Alte hatte mit seinem Gerede und seiner ruhigen Stimme dafür gesorgt, dass der Großteil der Bewohner ihre Mistgabeln und Sensen gesenkt hatten … jetzt wäre der optimal Moment für eine Flucht gewesen, aber Gabhan hatte das Pferd verlassen und war bereit sein Leben für den Nilfgaarder zu lassen und zudem glaubte er, dass sie hier durchaus eine Möglichkeit hatten, friedlich aus der Sacher heraus zu kommen … also hieß es abwarten und bereit bleiben. „Warum hast du unsere Leute angegriffen Atheris … was wollt ihr von uns?“ stellte der Alte die wohl entscheidende Frage, wie es weitergehen würde.

Kapitel 8 – Zeit der Wahrheiten

Atheris spürte wie die Blicke des gesamten Dorfes auf ihm ruhten, lediglich Gabhan lies sich nicht beirren und stand breitbeinig vor seinem Schwert und beobachtete die Wesen mit seinen raubtierhaften Augen. Der Nilfgaarder bemerkte, wie sich langsam eine kleine Pfütze unter dem Zunftbruder bildete … Valerian hatte ihm erzählt, dass die Mutationen der Schulen unterschiedlich ausfielen und somit die spezifischen Tränke trotz der Ähnlichkeit zum Teil einen anderen Wirkungsgrad erzielten. Er hatte es am eigenen Leib im Unterricht erfahren, da er seine Mutation bei der damals im Kaiserreich ansässigen Vipernschule die Kräuterprobe durchgemacht hatte. Atheris wendete seinen Blick ab von Gabhan und ließ ihn über die Reihen der Wesen schweifen. In solchen Fällen half erfahrungsgemäß nur die Wahrheit … und er hatte ja auch in der Tat nichts zu verbergen. „Gabhan und ich haben uns vor fast einem Jahr, als wir uns das letzte Mal getroffen hatten, verabredet. Den Treffpunkt haben wir damals mehr oder weniger per Zufall gewählt. Aufträge für unsere Zunft gibt es eher in weniger dicht besiedelten Regionen … wie eurer.“ Jetzt war es an Atheris eine kurze Pause zu machen und die Reaktion der Wesen zu beobachten, bevor er fortfuhr: „Gestern Vormittag haben wir uns dann schließlich getroffen und mein Zunftbruder hier zeigte mir eine alte, verwitterte Karte, die den Weg zu einer alten elfischen Ruine hier in der Gegend beschreibt … wir sind auf einer Schatzsuche … wir suchen nach alten Runen für unsere Silberklingen!“ Atheris zeigte langsam mit seinem Finger auf sein Schwert und die goldenen Runden, die dort eingearbeitet waren, bevor er mit ruhiger Stimme weitererzählte: „Was heute passiert ist, war zu keinem Zeitpunkt eine Absicht von uns. Ich bin heute Morgen zu einem Ausritt aufgebrochen und habe dabei an einer alten Brücke südlich von hier eine Pause eingelegt … beim Rückweg schlug mein Medaillon an … es erkennt gewirkte Magie … ihr kennt vermutlich die Geschichten … ich folgte der Fährte zu einer kleinen Lichtung und dort brach ich in ein Gewölbe ein … ein elfisches Gewölbe.“ Atheris machte eine Pause, weil etwas wie ein Raunen durch die Reihen der Wesen ging. „Ich wollte wissen, was ich gefunden habe und lies eine Laterne in die Dunkelheit herab … und dann folgte der Angriff durch einen von Euch!“ Ein wildes Knurren war nun zu vernehmen, die Gruppe der aggressiven Antherion schien langsam die Kontrolle zu verlieren, lediglich einer von den vorher gezählten blieb ruhig und starrte Atheris geradewegs in die Augen. Erst jetzt bemerkte der Hexer, wie dieser eine seine Klaue unter einem Tuch versteckte. „Ich trennte einem von den Angreifern die Klaue ab, mit der ich angegriffen wurde … und die dadurch gewonnene Zeit nutzte ich zur Flucht, bei der ich wiederum verfolgt und angegriffen wurde!“ Die Unruhe unter den Antherion wurde größer und er fuhr fort. „Nach meiner gelungenen Flucht und der Rückkehr des Gasthauses wurde mein Zunftbruder Gabhan hinterrücks von einem weiteren Antherion angegriffen … und nun sind wir hier!“ Die letzten Worte von Atheris verursachten ein noch größeres Wirrwarr und der Alte schaffte es trotz mehrfacher Schläge gegen das Fass keine Ruhe mehr zu schaffen. Das aggressive Rudel schien sich verbal gegen die übrigen Dorfbewohner zu rechtfertigen müssen … die Aggressionen lagen nun spürbar in der Luft und Atheris schloss seine Hand fester um den Griff seiner Klinge. Der Alte schritt zwischen die sich bildenden Fronten und konfrontierte die auffällige Gruppe in seiner Sprache. Es war der ruhige, zurückhaltende, der auf einmal nach vorne schoss, die eine Klaue die er noch hatte gekrümmt zum Angriff auf den Dorfältesten. Eine im Halbmondlicht aufblitzende Klinge schnitt nicht nur die Luft in Zwei, sondern ließ den einhändigen Angreifer zerteilt zu Boden sinken. Nun brachen alle Dämme, die übrigen der aggressiven Gruppe gingen ebenfalls auf die umstehenden Artgenossen los und das Blutbad, das Atheris und Gabhan vermeiden wollten nahm seinen Lauf.

Es war immer dasselbe. Seit Anbeginn der Zeit schlugen sich vernunftbegabte Wesen aus nichtigen Gründen die Köpfe ein. Jene Wesen ohne Vernunft aber zeigten wenigstens noch den Respekt voreinander sich nur aus guten Gründen zu töten, wenn es solche denn gab: Überleben und Hunger. Und auch die Antherion, so wenig sie auch Menschen sein mochten, ähnelten in dieser Hinsicht den Menschen und allen anderen Vernunftbegabten Wesen: Sie waren klug genug um Waffen herzustellen und dumm genug sie zu benutzen.

Was immer hier gerade geschah, das geschah nicht ihretwegen. Zumindest nicht vorrangig. Sie mochten Auslöser, aber niemals Grund gewesen sein. Das Blutbad, dass sich hier anrichtete war von solcher Art, wie es nur aus lang sitzendem und tiefliegenden Hass erstehen konnte. Ein Hass, der sich tiefer Fraß als die geschlagenen Wunden reichten. So tief, dass selbst das vergossene Blut ihn nicht aus den so vernunftbegabten Wesen herausspülen konnte.

Gabhan sah aus dem Augenwinkel, wie Atheris schon im Begriff war das Schwert zu nutzen um an Seite jener Antherion zu kämpfen, die sich hier nicht gegen sie ausgesprochen hatten. Doch das wiederum war eine ausgesprochen dumme Idee. Gabhan scheute keine Sekunde und schlug dem Hengst seines Zunftbruders auf die Flanke, so dass dieser mit einigen Sprüngen aus der unmittelbaren Front preschte. Gabhan selbst machte eine halbe Pirouette, riss sein Schwert aus dem Boden und war klug genug es in einer flüssigen Bewegung selbst wieder in die Scheide zu stecken um nicht als unmittelbares Ziel zu gelten, während sich hinter ihnen die Antherion gegeneinander bekämpften und mit Fleiß zur der Ausrottung der eigenen Rasse beitrugen.

„Es ist nicht unser Problem Atheris!“ knurrte Gabhan, der sich konzentrierte und mit einer Hand das Zeichen Quen formte, während er Atheris und seinen Gaul an die Seite einer Hauswand zurückdrängte. Ein goldenes Licht ergoss sich aus seiner Hand, formte undeutlich einen Schild um sie beide herum. „Und ich werde nicht zulassen, dass du es zu unserem machst. Töte wer immer sich uns nährt, wenn du musst – aber wir mischen uns hier nicht ein. Viel zu gefährlich. Schau nicht so, steig lieber von dem Scheißgaul, bevor dich irgendwas am Kopf trifft!“ er beobachtete nervös die kämpfenden Wesenheiten, deren Kraft selbst ihm Furcht einflößte. Er erkannte keine Lücke in den sich balgenden Reihen aus Zähnen und Klauen, keine Möglichkeit wie sie entkommen konnten, ohne selbst Gefahr zu laufen in einen Nebel aus Blut verwandelt zu werden. Immer wieder knallten zwei Kämpfende Antherion gegen sein Schild, dass Funken stieben. Er spürte den Druck, als würde ein Rammbock gegen seinen Arm krachen, doch er hielt stand, Schweißperlen auf der Stirn und mit genug Hoffnung im Herzen, dass – sobald sich der Nebel des Krieges lichtete – sich eine Möglichkeit zur Flucht ergab. Doch er spürte, wie er im selben Maß schwächer wurde, wie sich der Boden unter ihm durch sein eigenes Blut aufweichte.

Atheris hasste es neutral zu bleiben, aber Gabhan hatte Recht, dieser Kampf ging sie tatsächlich nichts an. An die Hauswand zurückgezogen beobachtete er an der Seite des Bärenhexers das Gemetzel … und er war froh nicht mitten drin zu stecken. Die animalische Wildheit, mit der die beiden Parteien aufeinander losgingen, hatte er in dieser Form noch nicht gesehen. Gabhans Schild schützte sie vor ungewollten Angriffen. Auf einmal fing der magische Schild an zu flackern, nur um kurz darauf im Nichts zu verschwinden. Atheris wirkte seinerseits das Hexerzeichen ‚Quen‘ – und stellte sich über den inzwischen zusammengeklappten Bärenhexer. „A d’yaebl aép arse!“ schimpfte der Nilfgaarder, als sich das Zentrum des Kampfes immer mehr zu ihnen verlagerte und sie kurz darauf mitten drin waren. Immer wieder prallten die Kombattanten gegen den Energieschild und Atheris, der weit davon entfernt war, das Zeichen wie Gabhan zu wirken, erkannte die Aussichtslosigkeit ihrer Taktik. „Tut mir leid Gabhan!“ stöhnte er und lies das Zeichen zusammenbrechen. Er packte den in seiner eigenen Blutlache liegenden Hexer unter den Armen und stemmte ihn hoch und legte ihn dann über den Sattel seines Pferdes, das verdammt unruhig hinter ihnen auf der Stelle trampelte. Ein Knäul aus zwei ineinander verbissenen Antherion begrub Atheris unter sich. Tritte … Schläge … und Klauen trafen ihn und es dauerte einen Moment, bis er sich von den Beiden wieder trennen konnte. Schnell rappelte er sich wieder auf, griff sich die Zügel und zog seine Silberklinge … Neutralität konnte er sich nicht mehr leisten, er musste Gabhan hier so schnell wie möglich rausbringen. Es fühlte sich unreal an, als er das Pferd mitten durch die kämpfenden Antherion führte und mehr als einmal hatte er Glück, dass ein Angriff ihn verfehlte oder der Hieb von einem anderen Antherion abgefangen wurde. Selbst wenn er gewollt hätte, er konnte die unterschiedlichen Parteien nicht mehr auseinanderhalten. Endlich schafften sie es wie durch ein Wunder zum Tor des Gasthauses mit dem im Wind quietschenden Schild. Er führte das Pferd mit dem Bären auf dem Rücken zum Stall und öffnete die Tore zum Stall. Als er sich wieder zum Pferd umdrehte scheute dieses und wich zurück. Atheris Hand umschloss die Klinge in seiner Hand fester und drehte sich langsam um. Sein Blick wanderte nach oben und dort erkannte er die Ursache für das Verhalten seines Schlachtrosses. Es war ein ziemlich großer, weißer Antherion, der auf dem Vordach sprungbereit kauerte und ihn mit seinen blutroten Augen fixierte. „Se’ege na tuvean“ schrie der Nilfgaarder und machte sich bereit, für das was da kommen mochte.

Das Adrenalin im Blut erreichte seinen Höhepunkt … seine Sinne waren komplett fokussiert auf seinen Gegner … die massiven Muskeln waren wie Drahtseile angespannt und die scharfe Klinge mit den goldenen Runen leuchtete im Mondlicht. Er sah das Zucken der Muskeln unter dem weißen Fell … die roten Augen musterten ihn … seine oberen Lefzen waren gebleckt, um das kräftig Gebiss voll und ganz zur Schau zu stellen, die Ohren als Zeichen der Aggression nach hinten gelegt und der Schwanz steif nach oben gereckt, um Dominanz zu markieren. „Aâ’anval…bleidd!“ flüsterte Atheris laut genug, dass ihn der Antherion gerade so hören musste. Dann ohne Vorwarnung richtete sich der Weiße auf, gab ein ohrenbetäubendes Brüllen von sich und machte sich dann über das Dach des Stalles davon. „Was bei der großen Sonne war das jetzt!“ wunderte sich der überraschte Atheris und bemerkte erst jetzt die Ansammlung der Wesen um ihn herum. Die Schlacht schien entschieden zu sein … und Kathrin trat an ihn heran. „Atheris, wenn du es wünschst, darfst du deinen Freund in die Gaststätte bringen, ich denke er braucht Hilfe!“

Kapitel 9 – Der Fluss der Zeit (Eine Woche später)

Es war hell als Gabhan die Augen aufschlug.

Aber alles mochte ihn in diesem Moment hell vorgekommen sein in diesem, jenem Moment. Seine Augen, die während seines unruhigen Schlafes noch unruhiger als der Rest seines Körpers gewesen waren, hatten sich in ihren Pupillen geweitet – und als nun das klamme Licht durch die schmalen Ritzen der geschlossenen Fensterläden fiel, stach es in die Augen wie tausend glühende Kohlen.

Sein Körper krampfte noch immer leicht nach, doch seine Muskeln waren zu schlaff und zu erschöpft um ihn wirklich noch zu beuteln. Er roch nach kaltem Schweiß. Er kannte den Geruch. Er hasste diesen Geruch. Ein Geruch nach Krankheit. Nach Siechtum. Nach Kräutern und Pilzen. Er kannte den Geruch. Es war der Geruch des Schicksals. Seines Schicksals. Tief in den Katakomben einer alten Höhle.

Der Blick seiner raubtierhaften Augen wanderte nach links, wo neben seinem Bett Atheris saß. Er streckte eine Hand aus. „Wasser…“ keuchte er, nahm die Karaffe, die der Größere ihm reichte, riss sie ihm mit derartiger Wucht aus den Händen, dass seine geschwächten Arme den Krug beinahe nicht halten konnten und Atheris doch helfen musste. Er schämte sich. Schämte sich ob seiner eigenen Schwäche. Der Unbeholfenheit. Der Fehler. Er hasste dieses Gefühl. Hasste sich selbst. Hass.

Mühsam nur richtete Gabhan sich im Bett auf, dankbar um das kühle Holz der geschnitzten Rückenlehne mit den Messingbeschlägen. Messing. Antherion. Noch immer roch der Bärenhexer die Monster. Sie waren nicht fort. Und wenn sie es waren, dann noch nicht lange. Gabhan betrachtete seine Seite, den dicken Verband der dort herumgeschlungen war und der noch mehr nach Kräutern roch wie er. Hagebutte. Knoblauch. Weinraute. Eine seltsame Mischung. Mit Sicherheit keine, die Atheris verwendet hätte. Andererseits…

„Was hast du mir da gegeben?“ Gabhans Stimme war rau, fühlte sich an wie über ein Schmirgeleisen gezogen. Mehrfach. Von einem gewalttätigen Kleinkind. „Ich meine die Flasche auf der Schwalbe stand. Verfluchtes Teufelszeug. Hat die Blutung kein bisschen gestillt!“ er blinzelte, während sein Körper sich erst langsam wieder seinem Willen unterwarf. Es benötigte wahrer Anstrengung seine Pupillen wieder auf ein gesundes Maß zu verkleinern, damit er Atheris auch wirklich erkennen, statt nur erahnen konnte.

„Eine Schwalbe, Gabhan, es war eine Schwalbe die bisher noch immer geholfen hat …und ja mir ist durchaus bekannt, dass die Mutationen der verschiedenen Schulen, unterschiedlich auf die Tränke reagieren, aber dass er keine Wirkung zeigt, habe ich noch nie gehört oder erlebt“

„Eine Schwalbe. Eine Schwalbe. Eine Plörre war das, kaum mehr wert als das Pfützenwasser, dass du ohne jeden Zweifel als Grundlage dafür genommen hast. Verteufeltes Zeug. Schau es dir an!“ Gabhan zog den Verband herunter, in Erwartung der Schmerzen, die ihn diese Geste kosten würde. Eine beinahe freudige Erwartung. Körperlicher Schmerz machte es leichter den seelischen zu vergessen. Doch da kam kein Schmerz. Keine kurze Erlösung. Das Fleisch unter dem Verband war noch gerötet, aber verheilt. „Leck mich doch…“ knurrte er und besah sich seine Bauchdecke. „Gut. Es wirkt. Verzögert.“

Atheris wirkte zufrieden „Siehst du Gabhan, sieht doch schon wieder ganz gut aus … aber ich gebe dir Recht, du hast ungewöhnlich lange gebraucht, um wieder zu Bewusstsein zu gelangen!“

Ungewöhnlich lange. Gabhan knirschte mit den Zähnen, schien eine Erwiderung auf der Zunge zu tragen, schluckte sie jedoch unter. Ein bitterer Geschmack auf der Zunge, ob Gedanke oder Galle konnte er nicht sagen. „Wie lange?“

Atheris sah, wie Gabhan mit seiner schlechten Laune rang … so war er ihm aber deutlich lieber, als im fiebrigen Koma. „sieben Tage Gabhan, es war eine Woche!“

Eine Woche. Eine verdammte Woche. Sie hatten Zeit verloren verdammt viel Zeit. Dass er nicht sein Leben verloren hatte war nur seiner Mutation zu verdanken. Bärenhexer heilten nicht schnell, dafür aber fast alles. „Scheiße.“ Nicht gerade sprachlich geschliffen. Aber passend. Gabhan schloss die Augen, atmete tief ein und aus. Konzentrierte sich nur darauf. Atmen. „Was ist geschehen?“

Da war er wieder, Gabhan wie er ihn kannte und schätzte. Es war ein gutes Zeichen, dass er sich bereits wieder ärgern konnte und das war zunächst die Hauptsache. „Die ersten zwei Tage haben ich und der alte Heiler der Antherion um dein Leben gekämpft! Du hattest verdammt viel Blut verloren und eine deiner Rippen war gebrochen und ein Splitter hatte sich in deine Lunge verirrt! … Nachdem du zumindest wieder stabil warst, habe ich viel Zeit mit dem Dorfältesten geredet … und dabei viel erfahren können!“

„Du verbringst zu viel Zeit mit Valerian…“ knurrte Gabhan, noch immer mit geschlossenen Augen, wenngleich sich auch ein alter Bekannter auf sein Gesicht schlich: Das schmerzhafte Lächeln. „Viel zu viel. Immer nur reden, reden, reden ohne viel zu sagen. Wenn du etwas sagst, dann sag auch etwas aus. Komm zum Punkt mein Großer – was hast du herausgefunden. Nutze die Gelegenheit, ich habe kaum die Kraft aus dem Bett aufzuspringen und dir verstand einzuprügeln. Wir hätten nicht hierbleiben dürfen. Haben uns da in eine Sache reinziehen lassen. Jetzt stecken wir drin. Tief drin. Bis zum Hals in der Scheiße. Also erklär sie mir. Erklär mir die Scheiße. Ich will wissen wie sie riecht. Wie sie schmeckt und wer den verdammten Haufen gelegt hat.“

Valerian … richtig … von seinem Meister hatte sich Atheris viel abgeschaut in den letzten Jahren, vor allem nicht vorschnell zu Urteilen. Nur weil etwas aussieht wie ein Monster, musste es keines sein. „Das Gerede mit dem alten Antherion hat mir zwei Erkenntnisse gebracht. Die Elfenruine, die ich in der Nacht entdeckt hatte, ist ein Teilabschnitt, von dem auf deiner Karte, wir wissen also zumindest einen möglichen Eingang … die zweite Erkenntnis ist, dass einige der Antherion aus dem Dorf einen alten Kult wiedererweckt haben, der eben jene Maeven verehrt. Der Kult wurde von den Altvorderen schon vor Dekaden verboten, denn er verhindert das friedliche Leben unter den Antherion. Durch meine zufällige Entdeckung und ihre fehlgeschlagenen Verschleierungsversuche, ist der Kult aufgeflogen und hat zu den Kämpfen geführt …“ Atheris machte eine Pause um Gabhan’s Reaktion abzuwarten.

„So groß also,“ erwiderte der Hexer der Bärenschule und öffnete langsam die Augen. „Ich nehme nicht an, dass der Kult komplett vernichtet wurde und nun wieder Frieden herrscht? Ja. Das dachte ich mir. Wir haben also deinen Bruderkrieg verursacht. Warum auch nicht. Das hat auf meiner Liste noch gefehlt…“ er atmete tief ein und aus. „Das heißt in den Ruinen wird ein Teil des Kultes auf uns warten. Gut…“ ein bitterer Zug umspielte seinen Mund. „Wollen die hier lebenden Antherion womöglich ein paar Monster loswerden? Könnte ein paar Münzen gebrauchen.“

„Ja … die Elfen waren wahre Baumeister in jener Zeit. Ich bin jedes Mal von neuem Beeindruckt, wenn ich in meine Heimatstadt Beauclair komme … aber ich weiche ab. Der Weiße und vier weitere sind geflohen und die Dorfbewohner gehen davon aus, dass sie sich in die Ruinen zurückgezogen haben. Der Dorfälteste hat mir versichert, dass die hier lebenden Antherion kein Interesse an den Ruinen haben und wir machen können, was wir wollen. Der Alte hat mich aber ausdrücklich gewarnt. Der Kult wurde verboten, weil noch nie etwas Gutes aus diesen Ruinen hervorgekommen ist. Tod und Missgunst sind die Begleiter des Namen Maeven. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass ein Kopfgeld verhandelt werden kann, die Antherion reagieren überraschend emotional, wenn es zu den Kultisten kommt … viele erschlagene waren jüngere Bewohner, keine zwanzig Jahre alt … der Weiße … er war der Lehrer des Dorfes!“

Gabhans Miene wurde weicher, verlor jene Härte die er sich in den letzten 80 Jahren angeeignet hatte und die seit Ihrem verschwinden wie in Stein geschlagen dort stand. Kinder. Es waren Kinder gewesen. Jugendliche. Verführt von den Verlockungen alter Größe. Noch naiv genug um zu glauben, dass etwas was einst war jemals wieder sein konnte. So war es schon bei den Elfen gewesen. Die Scoia’tael waren dem gleichen Irrtum erlegen. Auch hier waren es die Jungen gewesen. Die Fruchtbaren, die in den Krieg gezogen waren und damit ihr eigenes Todesurteil unterschrieben hatten. Und das ihres ganzen Volkes gleich mit. „Nein,“ erwiderte er schließlich kopfschüttelnd. „Kein Kopfgeld. Nicht diesmal. Das was wir in der Ruine finden wird uns als Bezahlung ausreichen müssen.“ Kinder. Es waren schon wieder Kinder gewesen. „Wie alt war der, den ich in der Scheune erschlagen habe?“ fragte er, beinahe zu leise um ihn noch zu verstehen.

Atheris war verwundert, er hatte Gabhan noch nie so … so menschlich gesehen. Ja, der Volksmund sagte, dass die Hexer ihre Emotionen durch die Mutationen eingebüßt hatten, das stimmte aber nicht … es war das Leben, dass sie führten, die oftmals die Vatt’ghern zu emotionalen Wracks werden ließ. Das der Bärenhexer kein Kopfgeld mehr verlangen wollte, kam Atheris entgegen, die Antherion in dem Dorf waren schon gebeutelt genug durch die letzten Tage. „Zwanzig!“ war die kurze Antwort.

Zwanzig. Zu jung um zu sterben. Aber das war man eigentlich immer. Noch nie hatte es jemanden gegeben, der zu alt zum Sterben gewesen wäre. Was hätte der Antherion noch alles erleben können? Was hätte er noch tun, wen lieben können? Doch diese Gedanken änderten nichts. Sie änderten nie etwas, denn der Fluss der Zeit kannte nur eine Richtung. Etwas was verloren war kehrte nicht mehr wieder. Gabhan betrachtete Atheris eine Zeit lang. „Wie alt bist du Atheris?“ fragte er schließlich. Er hatte sich diese Frage nie gestellt. Hexer lebten lange, alterten langsam. Aber hier und jetzt erschien es ihm wichtig.

„Sechzig! … Warum fragst du?“

„Nur so“ antwortete Gabhan. „Es kam mir immer seltsam vor, dass du ein Lehrling bei den Greifen bist. Mit sechzig war ich…“ er war auf Skellige gewesen. Glaubte er. Hatte dort Monster gejagt, ein Geschenk das Eist Tuirseach Königin Calante schenken wollte. Die folgenden Jahre…

„Aber auch das ist schon wieder eine halbe Ewigkeit her. Gut Atheris. Du willst etwas lernen. Ich will wieder Bewegung in die steifen Knochen bringen. Ich sehe keinen Sinn darin auch nur eine Stunde mit dem Aufbruch zu warten…“ er richtete sich schwankend auf.

Atheris beobachtete, wie sich Gabhan in den Stand quälte … er half nicht … Gabhan würde es hassen. Während sein Zunftbruder sich anzog und seine Ausrüstung anlegte, musste Atheris über sich selbst nachdenken. Sechzig … er hatte viel erlebt … der Großteil seines Lebens hatte er in der kaiserlichen Armee gedient … es war nie seine Vorsehung gewesen, den Pfad eines Hexers einzuschlagen … aber dennoch war er hier … Zwei Jahre war es nun her, dass er nach der ersten Schlacht um Kaer Iwhaell vom Großmeister der Greifenhexer als Lehrling angenommen worden war … und seitdem hatte sein Schicksal eine Wendung genommen.

Einige Zeit später sah man zwei Hexer, die ungleicher nicht hätten sein können, durch das Tor mit dem quietschenden Schild schreiten. Ihr Ziel war klar, die Ruine.

Gegenwart – Spuren

Die Sonne, die vor einer Woche noch so erbarmungslos auf Cintra gebrannt hatte, lag nunmehr hinter dichten Wolken verdeckt. Sie war noch da, ganz ohne Zweifel, aber ihre Allmacht war bei weitem nicht mehr so deutlich, wie es noch zuvor der Fall gewesen war. Man spürte ihre Wärme, doch der Herbst stritt sich bereits mit ihr um die Vorherrschaft. Der Wind war kälter geworden. Die Sonne war noch da. Doch hinter Wolken verdeckt. Die Sonne. Nilfgaard.

Gabhan betrachtete seinen Zunftbruder, der neben ihm dem Waldweg folgte und sich zu erinnern suchte, wo die Ruine gewesen war. Seine eignen Spuren und die des Feindes waren längst kalt geworden. So kalt wie die Kettenrüstung, die leise raschelnd die meisten Bewegungen Gabhans kommentierte. „Atheris,“ durchbrach Gabhan die Stille, die aus ihrer monotonen Schrittfolge bestand und die, da war sich der Hexer sicher, zu nicht geringen Teilen seine Schuld gewesen war. Und um Schuld sollte es nun ebenfalls gehen. Eine alte Schuld. Die sie beide trugen.

„Solonia ist untergegangen,“ begann Gabhan das leidliche Thema, das so oder so angeschnitten werden musste. Dann konnte er es genauso gut jetzt tun. Es machte nichts schlimmer und nichts besser es nicht zu tun. „Es ist untergegangen obwohl wir die Möglichkeit gehabt hätten es zu retten. Eine Möglichkeit von der wir beide wissen und die – auch so wussten wir, auch eine Möglichkeit für vieles andere gewesen wäre. Schreckliche Dinge vor alledem. Grausige Dinge. Und es grauste uns allen davor die Möglichkeit zu ergreifen, die doch so viele andere Möglichkeiten ermöglichte. Wir entschlossen uns dazu die Möglichkeit verstreichen zu lassen. Sie nicht zu ergreifen. Und doch haben die Greifen nach dieser Möglichkeit gegriffen. Ich habe euch davor gewarnt das zu tun. Habe Valerian ausdrücklich gewarnt. Man entschied sich nicht auf mich zu hören. Die Möglichkeit weiterhin im Bereich des Möglichen zu lassen. Ihr sagtet, dass ihr sie sicher verwahren würdet. Und doch sagtest du mir, dass Kaer Iwahell gefallen ist. Daher stellt sich mir eine Frage Atheris. Eine entscheidende Frage. Was ist aus ihr geworden? Aus unserer Möglichkeit.“

Atheris blieb abrupt stehen … „A d’yaebl aép arse!“ fluchte er leise. Gabhan spielte mit seiner Frage auf ein Thema ab, das der Nilfgaarder am liebsten vergessen würde. Nur Unheil hatte das Ding gebracht, seitdem sie es letzten Winter in Solonia an sich genommen hatten. Es war hinter einem mächtigen magischen Siegel verborgen gewesen … und da hätte es nach seiner Meinung auch am besten bleiben sollen. Das letzte halbe Jahr hatte er dieses mächtige Artefakt mit sich um die halbe Welt geführt, nur um es zu verbergen, bis alle Vorbereitungen abgeschlossen waren … und gerade, als er seinen Großmeister Valerian das Ding nach all den Vorkommnissen wieder gegeben hatte und es abgeschirmt vor jedweder Art der Magie-Detektion, sicher verwahrt wurde … da kam Er, den er einstmals als Freund bezeichnet hatte und nahm das Artefakt in einer hinterlistigen Nacht- und Nebelaktion an sich und verschwand. Die Spuren verloren sich in Solonia, eben jene Welt, die sie verlassen hatten, da ihr der Untergang drohte. „Sie ist nicht mehr in unserer Obhut, Gabhan. Wim hat nach all den Vorfällen in den letzten drei Jahren endgültig den Verstand verloren und sich des Artefaktes bemächtigt. Es bleibt zu hoffen, dass mit dem Untergang von Solonia auch das Problem mit dem Ding ein für alle Male ein Ende nimmt … “ Atheris schaute Gabhan mit seinen katzenhaften Augen an, die letzten Worte hatte er nur noch in Gedanken verloren Vorbringen können, zu sehr schmerzten ihn die Erinnerungen an diese verhängnisvolle Nacht.

Gabhan schnaubte. Er hätte es sich denken können. Mit einem Mal bereute er es. Bereute nicht das getan zu haben, was ihm im ersten Moment in den Sinn gekommen war. Bereute es, das verdammte Ding nicht wieder in jenen Raum aus Dunkelheit zurück gebracht zu haben aus dem es stammte und in dem Valerian diesen Magier, diesen Veritas zum Sterben zurückgelassen hatte. Bereute es, nicht Habbats Vorschlag gefolgt und das Artefakt am tiefen Punkt vor den Skellige-Inseln im Meer versenkt zu haben. Sie hatte es auch gewollt. Hatte gewollt, dass dieses Artefakt nie wieder in die Hände eines lebendigen Wesens fallen sollte. Macht korrumpierte und ultimative Macht korrumpierte ultimativ. Sie hatten es nicht getan. Hatten vertraut. Ein Fehler. Ein weiterer auf seiner eigenen, langen Liste.

Er wollte nicht mehr über das Thema reden. Es war vergangen und nicht sein Problem. Hexer waren neutral. Sie retteten keine Welten. Wie sollten sie auch? Sie konnten nicht einmal sich selbst retten. „Und das andere Projekt?“ hob Gabhan die Stimme wieder. „Du sagtest die Nekromantinnen kommen gut voran? Schau nicht so. Es ist mir egal wie sie sich bezeichnen. Ich habe es gehört. Habe gehört was sie sagte. Sie könne nur helfen, wenn es bereits zu spät sei. Eine Schule, die sich nur der Wissenschaft widmet. Welcher Wissenschaft frage ich mich da. Welches Wissen schaffen Sie? Welche Erkenntnisse? Schau nicht so. Blick nicht so drein – du kannst es dir ersparen. Ich habe ein schlechtes Gefühl bei ihnen. Habe ich damals schon gesagt. Sage ich immer noch. Und was sagst du? Kommen sie voran? Schaffen sie Wissen?“

Atheris blieb erneut stehen … er hatte die beiden Cousinen erst vor wenigen Monaten, nach der zweiten … verlorenen Schlacht um Kaer Iwhaell und der anschließenden Flucht durch ein Portal angetroffen. Miklagard, dieser exotische und wunderschöne Ort in Ofir hatte ihn verzückt. „Eiwa und Saleha kommen gut mit ihren Untersuchungen voran … sie verstehen viel von der Materie und ihre Labore in Miklagard zählen zu den besten, die ich je gesehen habe!“ von dem Überfall auf die Labore und die anschließende Jagd auf die dabei entflohenen Mutanten ging er lieber nicht ein, Gabhan’s Laune war sowie so schon nicht mehr die Beste.

Atheris beantwortete seine Frage nicht. Weder die, die er gestellt noch die, die er nicht gestellt hatte. Gabhan schwieg erneut eine Weile. Eine lange Weile. Und Langeweile kam auch auf. Langeweile und Durst und das Eine, wie das Andere trieb sie zu einem kleinen Bach in der Nähe, von dem sich Atheris sicher war ihn gesehen zu haben und von hier aus den Weg zur Ruine bestimmen zu können. Doch zuerst wollten sie eine kurze Pause machen. Die Wasservorräte auffüllen.

Gabhan nahm einen tiefen Schluck des eiskalten Wassers, spürte wie sich dieses in seinem Buschigen Oberlippenbart verfing und noch nach einigen Sekunden hinab tropfte. Er fixierte Atheris erneut, besah seinen Zunftbruder, wie dieser Wasser aus der hohlen Hand schöpfte. „Die Kräuterprobe“ hob Gabhan die Stimme. „Ich weiß, weshalb ich mein Blut an Valerian gegeben habe. Weiß, weshalb ich Teil des Projektes sein will…“ ja. Er wusste es. Aber Valerian wusste es nicht. Wusste nichts von den hintersinnigen Gedanken Gabhans. Wusste nichts davon, dass er bei weitem nicht so überzeugt von der Sache war, wie er getan hatte. Damals, im Keller des Gasthauses. Doch es gab nur eine Möglichkeit im Fall der Fälle da zu sein. Zu handeln. Und handeln würde er. Auf die eine oder andere Weise. Wie? Das wusste er nicht. Noch nicht. Es gab viele Dinge, die er noch nicht wusste und es war an der Zeit einige wenig davon zu beseitigen. „Aber weshalb tust du all das? Wieso neue Hexer?“

Atheris genoss das kalte Wasser, auch wenn er in diesem Moment einen guten Schluck Wein vorgezogen hätte – und dann stellte Gabhan erneut eine sehr interessante Frage … warum eigentlich? Er konnte es sich jetzt einfach machen und antworten, dass sein Meister Valerian es wollte und er als Lehrling sich den Wünschen fügte … Er konnte erzählen, wie die Gelehrten des Kastell Graupian ihn in seiner Jugend bereits auf Herz und Nieren untersucht hatten, mit dem selben Ziel … es gab viele, die an den zum Teil verlorenen Geheimnissen der Kräuterprobe der Hexer interessiert waren … aber das war es nicht, was Atheris antrieb. „Einer von zehn – du weißt es, ich weiß es. Die unvorstellbaren Qualen – du kennst sie, ich auch. Jugendlicher Leichtsinn – du kennst ihn, ich auch. Ich muss mir nur all die Möchtegern Monsterschlächter und Glücksritter vorstellen, die losziehen um Abenteuer zu bestehen oder eine Frau zu beeindrucken – und dann nicht mehr heimkehren. Gabhan, es wird immer Menschen geben, die den Weg der Vatt’ghern – unseren Weg, faszinierend finden werden und die sich dem Risiko der Kräuterprobe willentlich aussetzten würden. Ich muss nur an meine Freunde Logan und Egon denken, beide haben großes Leid in ihrer Kindheit erfahren und sie wollen mit dem Weg des Hexers verhindern, dass anderen Kindern etwas Ähnliches widerfährt. Ich habe gesehen, wie sie ihr Leben gegen Wesen riskiert haben, denen sie ohne die Mutationen hoffnungslos unterlegen waren … aber das ist nicht alles, Gabhan. Wie leben in verfluchten Zeiten, ja … die zunehmende Zivilisation hat dazu geführt, dass es weniger gefährliche Wesen gibt als noch vor dreihundert Jahren. Die Ausbreitung der Menschen führt aber auch dazu, dass sie häufiger auf Wesen treffen, die ihnen Leid zufügen … und nein ich rede nicht von Bestien, die in ihrem natürlichen Lebensraum vorkommen wie Draconiden … ich meine die unnatürlichen Wesen wie zum Beispiel Erscheinungen, Leichenfresser und Konstrukte. Mir ist klar, dass das Wissen um die Mutationen Begehrlichkeiten bei den Herrschern und deren Geheimdiensten weckt. Aber wenn wir realistisch sind, wird jemand Mutationen erfolgreich durchführen können … ich habe es in Miklagard gesehen, was alles möglich ist. Aber das ist auch nicht alles, Gabhan. Mir ist es lieber, wir Greifenhexer kümmern uns um die Wiederentdeckung der Kräuterprobe, als jemand anderes – nur so bin ich in der Nähe und kann Eingreifen, wenn sich meine Beweggründe ändern!“ Atheris schwieg für eine Weile nach seinen Ausführungen. Die Forschung an der Kräuterprobe und deren Ergebnis konnten für ihn eines Tages zu einer Zwickmühle führen, aber das behielt er lieber für sich.

Gabhan hörte Atheris zu und war überrascht. Diese Überraschung war dabei in zweierlei Bewandtnis besonders – zum einen hatte Gabhan sich vorgenommen nicht mehr überrascht zu sein. Zum anderen – und das war das überraschendste an seiner Überraschung: Sie war positiv. Gabhan war seit vielen, vielen Jahren nicht mehr positiv überrascht worden.

„Du hast Recht,“ stimmte Gabhan Atheris langsam zu. Zum einen, weil es zu Teilen der Wahrheit entsprach. Zum anderen, weil er seine Rolle in dieser Geschichte zu spielen hatte. „Es ist besser, wenn niemand anderes die Kräuterprobe entdeckt. Ebenso wie du Recht hast, dass Geheimdienste und Herrscher ein Interesse an Mutationen haben. An verbesserten Kriegern. Doch in einem, in einem hast du nicht Recht – es braucht uns nicht mehr. Deine Glücksritter und Helden sind so zahlreich und so voller Idealismus, dass es den Marktpreis zerstört. Aber nicht nur ihn. Es zerstört auch die Monster – die natürlichen und die unnatürlichen. Vielleicht sterben einige der Idioten dabei. Aber Idioten sterben jeden Tag – ob sie ein Monster töten oder ihr Dach mit Hilfe einer wackeligen Leiter neu decken wollen macht da keinen Unterschied“ er nahm noch einen weiteren Schluck Wasser, sog das kühle Nass gierig auf und hob dann wieder den Blick um jenen von Atheris zu begegnen. „Aber die Monster aus alter Zeit sind es nicht, die wahrlich gefährlich für die Menschen werden. Denn sie sind an den Rand des Aussterbens gedrängt worden. Was dem Menschen wahrlich gefährlich wird sind die neuen Monster einer neuen Zeit. Rassenkrieg. Umweltverschmutzung. Korruption. Die Maschinerie des Krieges. Es gibt keine kleinen Scharmützel mehr. Der Krieg selbst ist zur Ware geworden. Der Mensch ist des Menschen Monster. Dagegen können wir nicht ankommen. Wir sind Relikte Atheris. Alte Männer aus vergangenen Zeiten“ langsam stand Gabhan auf, ein grimmiges Lächeln auf dem Gesicht. „Aber wir werden weiter tun was wir am besten können. Monster erschlagen. So wie es der Brauch will. Wir werden tun wofür wir erschaffen wurden. Denn das ist das einzige was wir tun können, in einer Welt die am Abgrund tanzt. Etwas tun, dass Bestand hat. Tradition. Ein fester Grundpfeiler in einer Welt, in der noch nicht einmal das Morgen sicher ist…“ er starrte in sein Spiegelbild im Wasser, die Narbe in seinem Gesicht, die Raubtieraugen, die nichts Menschliches mehr an sich hatten. Die Narben an der Schläfe. Er war dreckig und unrasiert. Mehr Tier als Mann. Und mit einem Mal schämte er sich. Schämte sich ob seines Zynismus. Ob seiner Worte gegenüber Atheris. Schämte sich, dass er aufgegeben hatte. Was hätte Sie dazu gesagt? Ihr Ritter… und was für ein Ritter er war.

„Gibt es etwas, an das du glaubst, Atheris?“ fragte er und seine Stimme hatte das Knurren verloren. War weicher, sanfter.

Atheris empfand Mitleid mit Gabhan, der Hexer hatte sicherlich vieles miterlebt und zum Teil hatte er mit seinen Ausführungen recht, aber die Situation der Menschheit war immer im steten Wandel und genau dafür stand seine Heimat Nilfgaard. Auch wenn es die nördlichen Reiche nicht einsahen, aber das Kaiserreich führte zu Frieden, kulturellen Errungenschaften, zur Förderung von Kunst und Wissenschaft, all jenes, was Gabhan so auf der Seele lag. Atheris hatte eingesehen, dass die Mittel die Nilfgaard einsetzte nicht immer angemessen waren. Die Eroberungskriege im Norden waren blutig gewesen und hatten nicht zum gewünschten Ziel geführt. Aber wie sehr die Welt von dem modernen Staat profitierte hatte man vor dem zweiten nördlichen Krieg gesehen. Die Städte nördlich der Jaruga profitierten von der Wirtschaftskraft Nilfgaards und erlebten eine richtige Hochkonjunktur. Es führte soweit, dass die Kaufleute im Norden lieber mit der Währung des Kaiserreiches bezahlt werden wollten, als mit der Einheimischen. Es waren die Nordländer, die den zweiten Feldzug in den Norden provoziert hatten und Atheris hatte bei seinen Einsätzen nördlich der Jaruga die Landungsschiffe der Temerier gesehen, die bereit gewesen waren einen Überfallkrieg gegen Nilfgaard durchzuführen. Atheris schweifte ab, Gabhan hatte ihm eine Frage gestellt und er war die Antwort noch schuldig. Er blickte hoch zur Sonne und fühlte ihre warmen Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht. Letztes Jahr wurde ihm eine ähnliche Frage bereits schon einmal gestellt. „Nach meinem Empfinden … Gabhan … entfaltet sich das Elysium eines Vatt’ghern in seinem Gewissen, und wenn er sich seiner Verantwortung bewusst ist, wenn er gesucht und gefunden hat, wenn er sich dem gemeinsamen Ideal seiner Schule angenähert, seine Pflichten als Jäger erfüllt hat, dann ist er gut darauf vorbereitet, eine Welt zu verlassen, die er ein wenig besser zu machen sich bemüht hat. Er wird seinen Nachfolgern ein Königreich hinterlassen, das von seiner Arbeit geprägt und für alle Menschen lebenswerter sein wird.“

Atheris wartete einen Moment bevor er noch einen Satz hinzufügte „Ich glaube daran, dass Veränderungen durch jeden Einzelnen von uns angestoßen werden. Wer, wenn nicht wir, können die Welt erschaffen, in der wir leben möchten! Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch ein Platz in dieser Welt hat und wenn er die ihm gegebenen Möglichkeiten nutzt und hehren Zielen folgt, wird die Menschheit als Ganzes aufblühen!“ Atheris schwieg und beobachtete den Bärenhexer. Hoffnung … Gabhan brauchte wieder Hoffnung.

Gabhan betrachtete seinen Zunftbruder und beobachtete ihn genau. Jede Bewegung der Muskeln in seinem Gesicht. Jede Betonung nahm er auf. Atheris Worte waren schön – und etwas in ihm wollte ihm glauben. Wollte glauben, dass es wirklich so war. Dass die Welt so einfach war. Das sie einfach nur versuchen mussten das zu tun was richtig war und sich dann alles zum Guten wenden würde. Er wollte es glauben. Wollte wirklich. Aber er wusste es besser. Wusste, dass es nicht ausreichte das Beste zu wollen. Wusste, dass es nicht ausreichte das Richtige zu wollen. Man musste auch das Richtige tun. Und manchmal war auch das falsch. Man verletzte Menschen. Menschen die einem etwas bedeuteten. Und vielleicht lag man falsch. Vielleicht tat man nicht das Richtige. Wer konnte schon sagen was das Richtige war?

Aber dann sah er Atheris, sah den Glanz in den Augen des Mannes. Atheris glaubte wirklich daran. Glaubte mit ganzem Herzen daran. Gabhan wusste es besser, aber vielleicht – ganz vielleicht war die Welt das eine oder andere Mal doch wie in den Märchen? Gabhan hoffte es. Hoffte es für Atheris. Und er würde nicht zulassen, dass Atheris das Gleiche durchmachen und die gleiche Erkenntnis durchleben musste wie er. Er würde ihn vor dieser Erkenntnis beschützen. Atheris sollte weiter daran glauben dürfen. Das Tun was er für gut und richtig hielt, ganz gleich wie aussichtslos es auch war. Es genügte, wenn Gabhan das tat was notwendig war. Wenigstens Atheris sollte die Möglichkeit haben besser zu sein. Besser als er. Er verstand Atheris. Der Andere war ein guter Mann. Er glaubte an etwas, das größer war. Deswegen brauchten gute Männer keine Regeln. Und die Götter wussten, Gabhan hatte viele Regeln.

„Man hat bei dir einen Fehler gemacht mein Größer,“ befand Gabhan und klopfte ihm auf die Schulter. „Du hättest Ritter oder Priester werden sollen, kein Hexer. Bei allen Göttern – du bist ein Greif durch und durch. Ein Narr mit hehren Zielen. Aber davon könnten wir ein paar mehr in dieser Welt gebrauchen.“

Atheris lächelte seinen Zunftbruder liebevoll an. „Lass uns aufbrechen, Gabhan! Der Eingang zur Ruine ist nicht mehr weit und wir wollen doch die Welt nicht auf uns warten lassen!“ Er stand auf und reichte Gabhan seine ausgestreckte Hand.

Kapitel 10 – Staub der Zeit

Es dauerte nicht lange und die beiden Zunftbrüder hatten die Lichtung erreicht, auf der sich der Angriff auf Atheris zugetragen hatte und in deren Mitte sich ein Eingang in die Elfenruine befand. Sie befestigten das lange Seil, dass sie mitgenommen hatten an einem Baum und näherten sich vorsichtig dem Loch im grünen Rasen. „Es ist schon seltsam, Gabhan. Das letzte Mal als ich hier war, hatte das Medaillon schon längst angeschlagen – hier und jetzt … nichts! Ob das mit der Tageszeit zusammenhängt?“ „Möglich“ knurrte Gabhan, der gerade seinen Kopf durch die Öffnung gesteckt hatte und sich ein Bild von der Situation im Inneren machte. „Lass uns keine Zeit verschwenden“ war nach einigen Augenblicken sein kurzes Fazit der Untersuchung.

Gabhan griff nach dem Seil, welches Atheris ihm entgegenhielt, wickelte sich dieses einmal um seine Hüfte und einmal um die eigene Hand. Die schwere Rüstung die er trug machte Bewegungen schwerfällig – an genügend feinmotorig um gut klettern zu können war nicht zu denken. „Ich gehe als erster runter, du lässt mich hinab und wenn ich mir sicher bin, dass es unten sicher ist kannst du nachkommen. Wenn du auch nur glaubst zu hören wie mich die Viecher anfallen, dann will ich, dass du Fersengeld gibst und abhaust. Dort unten sind so viele von denen, dass sie mich nicht nur getötet hätten ehe du unten ankommst, sondern auch mit dir kurzen Prozess machen würden. Ich kann im Tod nicht auch noch ein schlechtes Gewissen gebrauchen!“ Und mit diesen, durch und durch erbaulichen Worten stieg Gabhan in das Loch und ließ sich Meter für Meter von Atheris hinablassen. Der Abstieg dauerte einige qualvolle Sekunden und Gabhan schätzte den Weg bis zur Decke auf rund zehn Meter. Keine erbauliche Vorstellung im schlimmsten Fall von Antherion gejagt diese zehn Meter an einem kleinen Seil wieder zurück nach oben gelangen zu müssen, aber das war ein Problem, mit dem er sich später beschäftigen konnte.

Dumpf kam er auf dem Boden der Halle auf löste sich vom Seil und fingerte in seiner Tasche nach einer winzigen, abgegriffenen Flasche. Er nahm diese zwischen Daumen und Zeigefinger, entkorkte sie mit den Zähnen und spuckte den Korken aus, ehe er sich die übelschmeckende Flüssigkeit – Pimentwurzel, Mutterkornsamen und fünfte Essenz. Äther. Karmin. Hydragenum. Gabhan spürte wie die Flüssigkeit wie beißender Essig in seinen Magen floss und sich beinahe augenblicklich ein stechender Schmerz in seinen Schläfen einstellte. Er verklang so schnell wie er gekommen war, dafür begannen die Augen zu tränen, als sich die Pupillen weiteten und Gabhan das Innere des Tempels – denn ein solcher war es – erkennen konnte.

Langsam, beinahe ehrfürchtig durchschritt er die Anlage, fuhr mit seinen Fingern die aus den aufgeschnittenen Handschuhen hervorlugten über die staubigen Reliefs. Elfisch – es war ein elfischer Tempel. Dafür sprachen die Ornamente und Säulengänge, wenngleich dieser spezielle Stil Gabhan auch fremd war. Er erkannte Verzierungen, die an der Außenseite der dort abgebildeten Figuren zu sehen waren. Sie waren nicht aus Silber oder poliertem Eisen, sondern aus Messing. Gabhan stutzte. Er glitt weiter. Messing, animalische Andeutungen. Er ließ die Schultern sinken. Jetzt ergab auch alles einen Sinn. „Atheris!“ rief er nach oben. „Komm runter!“

Atheris beobachtete wie Gabhan sich im Gewölbe umschaute und als er ihn rief, ließ er sich ebenfalls an dem Seil hinunter. „Ein Tempel – kein Palast!“ stellte er überrascht fest. „Sieh dir die Materialien an, Atheris!“ brummte Gabhan. Der Nilfgaarder erkannte die inzwischen komplett schwarzen Augen seines Zunftbruders. Er hat bereits den Hexertrank ‚Katze‘ zu sich genommen, was seine Sicht in vollkommener Dunkelheit ermöglichte. Atheris lies seinen Blick über die Säulen und Skulpturen wandern. „Bronze! Das ändert einiges!“ stellte Atheris fest und Gabhan nickte anerkennend. Es war nun an ihm, seinen Trank zu nehmen. Er zog das kleine Fläschchen aus seinem Beinholster, öffnete den Korken mit seinen Zähnen und trank den Inhalt in einem Zug hinunter. Die Flüssigkeit schmeckte leicht süßlich, im Gegensatz zu manch anderem der Tränke, die er sonst zu sich nahm. Es dauerte einen Augenblick bis die Wirkung einsetzte, aber auf einmal war da ein kleines kribbeln hinter seinen Augen und nur einen Wimpernschlag später hatte er das Gefühl, dass sich zwei brennende Kohlen in seinen Augenhöhlen befanden. Es war nur ein kurzer Schmerzimpuls und auf einmal wich die Dunkelheit und Atheris sah das innere des Tempels fast genauso gut wie im Sonnenlicht. Atheris prüfte den korrekten Sitz seiner Ausrüstung und zog seine Silberklinge. Erneut behandelte er das kostbare Schwert mit dem Eisensulfid und reichte es dann an Gabhan weiter, der es ihm gleichtat. „Wenn ich die Karte richtig im Kopf habe, müssen wir uns weiter nach Süden bewegen, bereit mein Bruder?“

Gabhan ließ nur ein knappes Schnauben als Antwort hören, rückte noch einmal seinen Schultergurt zurecht, denn dieser störte ihn ein wenig in der Bewegung, die in seiner schweren Rüstung ohnehin nicht allzu ausgefeilt war. Aber ausgefeilt musste sie auch nicht sein. Sie musste schnell sein und vor allen Dingen kräftig. Gabhan griff nach dem Stahlschwert, welches er – im Gegensatz zu den meisten seiner Zunftbrüder – an der Seite trug und zog das Kurzschwert aus der Scheide.

Als Atheris ihm das Eisensulfat zuwarf fing Gabhan es geschickt auf, schmierte seine eigene Klinge damit ein und reichte Atheris dieses dann zurück. Weshalb der Andere das Silberschwert nahm, statt das genauso effektive und weniger anfällige Stahlschwert blieb ihm zwar ein Rätsel, doch er rechnete diese Entscheidung Atheris Hang zur Idealisierung des Hexertums zu. Eine Idealisierung, die er nie gelernt und niemals begangen hatte. Ebenso wenig wie jeder andere Hexer den Gabhan kannte. Mit Ausnahme vielleicht von Valerian, dem Großmeister der Greifen und Atheris Lehrmeister. Aber Valerian war… eine andere Geschichte. Und der alte Mann schuldete Gabhan noch einen Gefallen – und eine Rose.

Sie durchstreiften gemeinsam den großen Tempel und während Atheris aufmerksam die Gegend nach Feinden absuchte ließ Gabhan seine Deckung unten. Er würde den Feind schon hören – genauso wie der Feind sie hören würde. Die Akustik in diesem Gewölbe war von solcher Präsenz, dass manche Konzerthalle in den nördlichen Königreichen neidisch gewesen wäre. Nein. Gabhans Gedanken waren nicht bei möglichen Feinden. Waren nicht beim nächsten Kampf und dessen unvermeidbares Blutvergießen. Sie waren noch immer bei der Erklärung des alten Antherion und was dieser Tempel hier dann bedeutete. Was ihre Anwesenheit bedeutete. Was sie womöglich angerichtet – oder verhindert hatten. Gabhan verfluchte sich. Er hatte nur einige alte Runen gewollt. Runen die längst vergessen waren. Die niemand mehr benötigte. Die niemand brauchte. Nur er. Und nun war er in einen Schlamassel hineingeraten. Steckte über beide Ohren drin – und er hatte Atheris da auch noch mit reingezogen und der andere schien noch nicht einmal etwas zu ahnen. Gabhan plante nicht Atheris hier und jetzt in seine Befürchtungen einzuweihen. Vielleicht irrte er sich ja. Schätzte die Informationen und somit die Lage falsch ein. So etwas kam vor. Nicht oft. Seltener als ihm selbst lieb sein konnte. Aber es kam vor.

Gabhans fühlte die Unebenheiten auf dem Stein, die jedoch so winzig waren, wie sie nur in den Bauten der Elfen, Zwerge oder Gnome vorkamen. Und wenngleich auch die Architektur jener der Elfen ähnelte, so unterschied sie sich doch so sehr, wie ein Haus in Cintra sich von einem Haus in Kaedwen unterschied. Es waren beides Häuser, ohne jeden Zweifel. Aber es war… anders. Die Antherion waren anders. Sie, die Hexer, waren anders. Das hier würde Blut vergießen bedeuten. Oh ja, das würde es. Und Gabhan fürchtete sich. Er fürchtete sich sehr. Doch Furcht durfte einen Hexer niemals aufhalten oder auch nur Zögern lassen. Seine dunklen Augen huschten über die Wandreliefs. Eine Gestalt in Form eines aufrecht stehenden Wolfes, mit einer Krone angetan führte eine Schar ähnlicher Wölfe an, doch die Schatten dieser Schlachtenreihe, die kunstvoll aufgestellt worden waren, zeigten Gestalten mit spitzen Ohren. Auf der anderen Seite – eine Schar die an Monster erinnerte, doch eindeutig Rüstungen menschlicher Machart trug. Gabhan riss sich mit Mühe von den Zeichnungen los, denn er wusste was auf dem nächsten Bild sein würde. Wusste es.

„Halt,“ Gabhan hob eine Hand und deutete zu einem in den Felsen geschlagenen Gang. „Riechst du das?“ Gabhans Nasenflügel weiteten sich. „Es riecht nach… Nitron und Natron. Harz und Bienenwachs“ seine Nüstern weiteten sich noch weiter. Myrrhe. Palmwein. Er ließ die Schultern sinken und starrte Atheris an. „Das alles riecht wie… ein Einbalsamierungsraum. Wir sind nicht in einem Tempel Atheris, wir sind in einem Grab.“

Atheris bemerkte, wie der Blick des Bärenhexers für einen Moment an dem Wandbild haften blieb. Es zeigte vermutlich die Antherion wie sie von ihrem Anführer gegen ein Heer von Menschen zogen. Falls es diese Schlacht jemals gegeben haben mochte, Atheris hatte noch nie von ihr gehört. Seine Gedanken wurden durch das „Halt!“ von Gabhan unterbrochen. Der Bärenhexer hatte recht, es war ein Grab – vielleicht Maevens? „Meinst du, dieser Ort ist die letzte Ruhestädte von Maeven, Gabhan? „

„Wir beide sind hier unten Atheris,“ erwiderte Gabhan. „Es wäre wirklich zu viel verlangt, wenn uns das Leben nicht so hart ficken würden. Du kannst Gift drauf nehmen, dass wir so richtig, richtig tief in die Scheiße gegriffen haben“ aber es brachte nichts. Hier und jetzt umzukehren würde nur bedeuten, dass alle Arbeit bisher umsonst gewesen wäre. „Wir sollten weiter. Tiefer hinein in dieses Grab, es kann ja nicht ewig nach unten gehen irgendwann werden wir in einen richtigen Raum kommen. Wenn dort Abzweigungen sind suchen wir uns einfach den raus, der aussieht als würde dahinter unser sicherer Tod lauern – die Methode funktioniert immer,“ ätzte der Bärenhexer und ließ angespannt das Schwert zweimal in seiner Hand kreisen.

„Hört sich nach einem Plan an – einfach zwar, aber das sind die Besten!“ antwortete Atheris und folgte an der Seite Gabhans tiefer ins Grab. Das Gewölbe zog sich in die Länge – Länger als es Atheris bei einem Grab erwartet hätte. Auf ihrem Weg kamen sie an weiteren Gemälden vorbei und diese erzählten ihnen die Geschichte, die sich hier vor vielen Jahrhunderten abgespielt haben musste. Die blutige Schlacht endete zwar mit einem glorreichen Sieg der Antherion über die Menschen, doch dieser Sieg war teuer erkauft worden. Maeven wurde beim Kampf schwer verletzt und nur wenige Krieger überlebten die Schlacht. Atheris ging weiter und ebenso die Erzählung. Schritt für Schritt wurde der Mythos des Wesens, dessen Grab sie betreten hatten dargestellt. „Gabhan! Schau dir das an!“ Atheris blieb bei einem Bild stehen, dass zeigte, wie ein Wesen vor Maeven kniete – ob es sich um einen Antherion handelte, konnte man nicht sagen. Interessant war eine geöffnete Schatulle mit Runen. „Ist es das, was wir suchen?“

Gabhan betrachtete das Bildnis und die Schatulle mitsamt ihrem Inhalt genau und schwieg für eine ganze Weile. Das hier war kein Tempel und seine Runen keine längst vergessenen Relikte die niemand mehr vermissen würde. Sie waren in ein Grab eingestiegen und drauf und dran Runen zu entwenden, die in der Geschichte dieser Kriegerkönigin eine hohe Bedeutung gehabt haben mussten, wenn man sie schon auf einem Wandbild verewigt hatte. Gabhan schluckte, während er noch einige Schritte am Wandbild weiterging – die Gestalt mit den Runen befand sich nun auf mehreren Bildern. Zu sehen war ein Fest, welches wohl zu Ehren des Sieges ausgerichtet worden war. Gabhans Herz schlug schneller in seiner Brust, während sich in seinem Verstand die letzten Puzzleteile zusammensetzten. „Scheiße“ war sein einziger Kommentar, als er das letzte Bild erreichte, welches eine gesamte Wand eines großen, viereckigen Raumes einnahm. Die Figur mit den Runen stieß Maeven von hinten einen Dolch in den Hals. „Das hätte sie mir sagen müssen…“ knurrte Gabhan, dem erst jetzt das vollkommene Ausmaß dieser ganzen Misere vor Augen geführt wurde. Er warf Atheris einen kurzen Blick zu, der sich bereits daran machte einen Geheimgang zu finden, denn von hier aus ging es nicht mehr weiter. Zumindest nicht offensichtlich. Offensichtlich war für Gabhan jedoch nun die Wahrheit, direkt vor ihm ausgebreitet und sie war wie immer kompliziert.

„Atheris, warte…“ bat Gabhan den Zunftbruder und ließ sich auf eine kleine Stele sinken. Seine Wunde schmerzte noch immer, seine Schultern waren verspannt und anfänglicher Zweifel nagte in ihm. „Ich weiß nun was geschehen ist. Ich weiß es…“ er ließ ein tiefes Seufzen hören, eines das durch die alten Mauern drang und den Staub der Zeit aufwirbelte, der die Geschehnisse bis zur Unkenntlichkeit bedeckt hatte. „Antherion heißt nur die Oberkategorie der Wesenheiten denen wir uns hier nähren. Es gibt sie in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Aguara zum Beispiel sind Fuchswesenheiten die sich durch das Entführen elfischer Kinder fortpflanzen. Das scheint – in Anbetracht des jungen Alters der vielen Antherion in dem Dorf bei unseren nicht der Fall zu sein,“ begann Gabhan seine Erklärung. „Ich glaube mittlerweile zu wissen welcher Unterkategorie wir uns hier gerade nähren – Yaguaru. Wolfswesen, die sich normal fortpflanzen und ebenso wie Aguara über starke magische und noch deutlich stärkere körperliche Macht verfügen. Vor vielen Jahrhunderten, als die Menschen neu in diesem Landstrich waren, müssen sie auf diese Yaguaru gestoßen sein – und auf Maeven. Keine Ahnung ob sie Königin, Kriegerin oder Alpha-Wölfin war, aber das ist auch vollkommen egal. Die Yaguaru besiegten die Menschen unter schweren Verlusten – und die Menschen boten den Yaguaru als Zeichen des Friedens einige Runen. Die Yaguaru erkannten das Zeichen an. Ein Zeichen der Unterwürfigkeit ist bei Wölfen nun einmal normal. Aber weißt du was nicht normal ist Atheris? Hinterlist. Verrat. Die Menschen kennen diesen Wesenszug, die Yaguaru kannten ihn bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Also töteten die Menschen Maeven hinterlistig – und das Volk der Yaguaru wurde in die Wälder getrieben. Dort blieben sie viele Jahre, ehe sie sich – dank ihrer Fähigkeiten als Menschen getarnt – hier in der Gegend niederließen. Aber die Menschen breiteten sich immer weiter aus. Die Yaguaru können immer weniger in ihre eigentliche Form wechseln. Ich habe es gesehen. Habe gesehen welche Mühe die Alten hatten ihre Form anzunehmen und zu halten. Je länger sie es unterdrücken, umso mehr verlieren sie ihre Fähigkeiten. Ihr Sein. Ihre Kultur. Die Jungen Atheris, die, die ich erschlagen und die gegen die Alten gekämpft haben. Jene jungen Yaguaru, die sich tief in dieses Grab zurückgezogen haben. Sie verehren nicht einfach nur Maeven, sondern das wofür sie stand. Für Freiheit und die Unabhängigkeit ihres Volkes. Diese Yaguaru sind bereit in den Krieg gegen die Menschen zu ziehen. Einen Krieg, den sie nur verlieren können und der die Yaguaru auslöschen wird. Sie werden stolz sterben. Aufrecht. Als Yaguaru. Aber sie sterben. Und die Dorfbewohner? Sie verlieren langsam ihre Kräfte. Hören auf Yaguaru zu sein. Werden zu etwas Anderem. Die Menschheit assimiliert sie. Eine Assimilation, die die Yaguaru ebenfalls auslöschen wird…“ er ließ die Schultern sinken und schüttelte den Kopf. „Und wir sind mittendrin mein Großer. Und da ich weiß wie diese Geschichte ausgehen wird stelle ich dir nun eine Frage – ein einziges Mal. Ich benötige diese Runen. Ich benötige sie sehr. Und ich sehe mich weder in der Pflicht noch in der Lage dieses Volk zu beschützen. Weder vor sich, noch vor den Menschen. Aber ich weiß, dass du es anders siehst. Ich weiß nicht, ob es etwas ändert. Ob wir beide überhaupt etwas ändern, jemals geändert haben. Aber ich will dich nicht noch tiefer in eine Sache hineinziehen, die dein Gewissen noch mehr belastet. Du hast hier und jetzt die Möglichkeit zu gehen. Geh. Oder komm mit mir. Tiefer in die Finsternis.“

„Ich werde dich auf keinen Fall da alleine reinlassen, Gabhan! Die Runen gehören nicht zur Kultur der Yaguaru und dürften ihnen deswegen wohl kaum heilig sein. Der Dorfälteste hat mehrmals klargestellt, dass sie mit dieser Ruine und allem was hier drin ist, nichts mehr zu tun haben wollen – und selbst die überlebenden des Kultes müssten nach den Wandmalereien anerkennen, dass diese Runen vermutlich von Menschenhand stammen und nicht von den Yaguaru!“ antwortete Atheris auf die ihm gestellte Frage. Gabhan schien mit der Antwort zufrieden und gerade als sich Atheris wieder der Wand widmen wollte, hörte er ein leises ‚Klacken‘ unter seinen Stiefelsohlen, dass ihn zusammenzucken lies ein leiseres zweites ‚Klacken‘ war leicht zeitversetzt zu hören – aber es geschah nichts. „Seltsam!“ knurrte Gabhan und näherte sich einer Wand und berührte diese vorsichtig. Seine Hand wanderte langsam zu seinem Hexer-Medaillon, dass den Kopf eines Bären darstellte. Seine Augen weiteten sich augenblicklich – es vibrierte kaum merklich mit einer hohen Frequenz, so marginal, dass er es nicht sofort bemerkt hatte. Er drehte sich langsam um und blickte zu Atheris. Als dieser die Augen seines Zunftbruders erblickte, wusste er sofort, was los war … „A d’yaebl aép arse!“ entfuhr es seinen Lippen und seine rechte Hand schloss sich fest um den Griff seiner Klinge.

Gabhan folgte nur einem Gefühl. Eine Vorahnung, die dunkel und tief verborgen in ihm schlummerte. Der Instinkt des Raubtieres, das in seine Gene eingebrannt worden war. Er hob das Schwert und spürte den Aufprall noch ehe er ihn hören konnte. Ein schwerer, verteufelt schwerer und verteufelt haariger Gegenstand kollidierte mit der Gewalt eines rasenden Ochsen mit ihm. Er spürte, wie das Schwert auf etwas traf. Konnte spüren, wie unter seiner Klinge Muskeln und Sehnen zerschnitten wurden, dann geschah das, was nach den Regeln der Physik immer geschehen musste, wenn ein bewegliches Objekt auf eines traf, das nicht in Bewegung war. Die Regeln der Physik waren noch unbarmherziger als die Antherion die sie angriffen. Gabhan wurde von den Füßen gerissen, flog im hohen Bogen durch die Halle und prallte gegen eine nahe Wand. Er fluchte beim Aufprall, fluchte ein zweites Mal, als er auf dem Boden aufschlug. Sterne explodierten vor seinen Augen. Sein Schwert. Wo war sein Schwert? Keine Zeit. Klauen und Zähne nährten sich ihm, blutig und geifernd vor Mordlust. Gelbe Wolfsaugen. Augen. Gabhan kämpfte sich wieder auf die Füße, da setzte das Wesen zum Sprung an, doch Gabhan drehte sich zur Seite. Beinarbeit, Schritt zurück, den Schwung nutzen. Gabhans Nietenbesetzter Handschuh donnerte mit solcher Gewalt auf das Auge des Angreifers, das er spürte, wie das weiche Gewebe unter seiner Hand nachgab. Der Hexer gab sich keinem Siegestaumel hin, sondern wirbelte herum. Wo war sein Schwert? Und wo war Atheris? Den Hexer sah er nicht, wohl aber sein Schwert, das keine zwei Schritt von ihm entfernt lag. Gabhan hechtete zu seiner Waffe, griff mit der linken danach – schloss den Griff. In diesem Moment explodierte der Schmerz in seinem anderen Arm. Schon wieder wurde er zu Boden gerissen, spürte wie spitze Zähne sich durch den Punkt seiner Armschienen bohrten, wo Ober- und Unterseite aufeinandertrafen. Das Monster schliff ihn mit sich. Gabhan spürte es. Die Unebenheit des Bodens, die Zähne des Antherion. Die Position war ungünstig. Der Winkel Schmerzhaft. Schmerz. Schmerz. Wut. Unbändige Wut. Gabhan griff das Schwert fester. Er hatte keinen Winkel um richtig Schwung zu holen – daher tat er das einzig mögliche. Mit aller Gewalt drosch er auf den Kehlkopf des Antherion ein. Einmal. Zweimal. Dreimal. Beim vierten Mal hörte er das befriedigende Knacken, das Drecksvieh ließ seinen Arm los und Gabhan wuchtete sich mit all seiner Gewalt gegen den Antherion, der winselnd zur Seite sprang. Gabhan ignorierte den schmerzhaft pochenden Arm, zog ein grünes Fläschlein aus seinem Gurt und leerte es in einem Zug. Der Schmerz verklang vollends und die Mordlust nahm überhand. „Kommt her…“ knurrte er, und hob die Klinge. Wo Atheris gerade war wusste er nicht. Aber das war ihm auch egal. Er sah die beiden Antherion die ihn bislang angegriffen hatten langsam auf ihn zu pirschen. Der eine auf allen Vieren, der andere hoch aufgerichtet auf zwei Beinen, wie ein Mensch.

Der Antherion kam mitten durch die Wand gesprungen – wobei Wand falsch war, es war eine Illusion. Gabhan fing den Prankenhieb mit seiner Klinge im letzten Moment ab, wurde aber bei dem Aufprall durch die Luft geschleudert. Atheris brachte sich mit einer Flugrolle nach rechts aus der Flugbahn, um nicht auch noch mit seinem Zunftbruder zu kollidieren. Mitten im Sprung sah der Nilfgaarder die Wand auf sich zu kommen, er hatte sich kräftig abgedrückt und nun bereitete er sich auf den Einschlag mit der Wand vor, aber es gab keinen Widerstand und er schlitterte über den fast ebenen Boden. Elegant kam er wieder auf die Füße und fand sich Auge in Auge mit einem Antherion wieder. Die stechenden gelben Augen hatten ihn fixiert und er baute sich zu seiner vollen Größe auf – Das war sein Fehler! Im Tierreich gab es oft das Phänomen, dass sich die Kombattanten aufrichteten oder aufplusterten, um ihren Gegner einzuschüchtern und Überlegenheit zu symbolisieren. Furcht war eine Waffe – kein Zweifel – aber Atheris war ein Jäger und Soldat und lies sich nicht durch Gesten beeindrucken. Auch wenn er als Greifenhexer einen eleganten Kampfstil pflegte, waren kurze letale Hiebe und Stiche ein effektives Mittel einen Kampf kurz und schmerzlos – für ihn selber – zu beenden. Das Wesen, dass vor ihm stand war groß und gewaltig, aber kein Krieger. Atheris nutzte die sich ihm bietende Blöße, stieß sich vom Boden nach vorne ab und führte einen sauberen Stich in die untere Magengegend aus. Die scharfe Klinge fuhr durch die Eingeweide des Antherion und trat auf dessen Rückseite mit einem Blutschwall wieder hervor. Um nicht von den wilden, unkontrollierten Hieben getroffen zu werden, machte er einen Ausfallschritt zurück und brachte wieder Distanz zwischen sich und seinen Gegner, dessen Augen ihm in der Gewissheit seines Todes leer anstarrten. Das schmerzhafte Schreien Gabhan’s ließ ihn aufhören, er hatte keine Zeit zu warten, bis der Antherion zusammenbrach. „N’ess tedd a thu!“ – mit zwei kurzen Schritten überwand er die Distanz zu seinem Opfer, führte eine einfache Finte aus, um den letzten Verteidigungsversuch ins Leere laufen zu lassen und führte einen kräftigen Hieb gegen die Kehle des Wesens durch, dass daraufhin gurgelnd zu Boden ging. Die Schreie von Gabhan hatten aufgehört. Atheris drehte sich um und sah, wie sein Freund sich unter seinem Gegner hervorwühlte und nach seinem großen Schwert griff. Zwei weitere Antherion waren im Begriff ihn anzugreifen. Er setzte zu einem kurzen Sprint … sprang hoch in die Luft mit der Klinge über dem Kopf erhoben und lies diese auf den linken, stehenden Antherion niederfahren.

Gabhan hatte sich bereits gemacht. War auf den Angriff vorbereitet gewesen. In diesem Augenblick tauchte Atheris wieder auf – wie der verdammte Teufel aus der Kiste schoss er aus der Wand hervor und ließ sein Schwert auf den linken Antherion niedersausen, traf diesen knapp oberhalb des Ohres und trennte einen Teil von diesem ab. Der Antherion jaulte, was seinen Bruder dazu bewegte zu ihm zu sehen.

Gabhan zögerte keine weitere Sekunde, konnte nicht zögern. Durfte nicht zögern. Jeder Fehler des Gegners musste ausgenutzt werden. Gabhan richtete das Schwert nach vorne, machte drei große Schritte, ließ das Schwert kreisen, in einem Winkel, dass der Feind es sehen musste. Der Antherion hob eine Klaue um abzuwehren. Gabhan drehte das Handgelenk, leitete die Kraft und die Geschwindigkeit am Knaufende um, wechselte mitten im Angriff die Seite. Das Schwert traf. Fraß sich gierig durch Fell und Fleisch. Gabhan riss seine Waffe zurück, wirbelte sie über dem Kopf und setzte nach. Deckte den Feind mit Hieben ein. Zielte auf Arme und Beine. Der Antherion und er befanden sich in einem wilden Tanz. Hexer und Monster. Blut und Stahl. Zähne und Klauen. Ausfallschritt, Ausfallschritt. Sie begegneten einander, lösten sich. Abraisen. Ausfallschritt. Abnehmen. Der Coup misslang. Der Antherion schlug Gabhan mit solcher Wucht, dass er beinahe wieder den Boden unter den Füßen verlor. Doch er hielt sich, machte eine knappe Drehung zur Seite. Wenige Bewegung. Nichts Kunstvolles. Kurze Bewegungen. Knapp. Tödlich. Erneut setzte der Antherion an und Gabhan machte einen Schritt zur Seite, stieß den Knauf des Schwertes mit aller Gewalt nach vorne, traf seitlich am Hals. Der Antherion winselte, machte einen halben Schritt zur Seite und fiel zuckend zu Boden. Gabhan wirbelte herum, sah wie Atheris von seinem Antherion bedrängt wurde und streckte die Hand aus – ein Blitz. Ein Zischen. Ein Ball aus Feuer schoss förmlich aus seiner Hand und traf den Antherion in das trockene Fell, dass wie Zunder Feuer fing.

„Sheyss!“ schrie Atheris noch in der Luft, als sich sein Ziel abrupt zur Seite Wand und er anstatt den Kopf zu spalten nur das Ohr vom Kopf trennte. Er hätte es besser wissen müssen, zu stürmisch und ungeduldig war der Angriff gewesen. Zumindest konnte er aus dem Augenwinkel sehen wie Gabhan den Moment der Ablenkung nutzte und den zweiten Angreifer unter Druck setzte. Er rollte sich über die Schulter ab und wendete sich sofort seinem Gegner zu – und das keinen Moment zu früh. Rasend vor Wut setzte das Wesen zum Sprung auf ihn an und er schaffte es gerade noch das Zeichen ‚Quen‘ zu wirken. Der Schild baute sich augenblicklich auf und schützte Atheris vor dem Aufprall. Eine wilde Kaskade aus Schlägen und Hieben trommelten auf das magische Energiefeld ein und es war nur eine Frage der Zeit, bis er in sich zusammenbrechen würde – zu schwach waren seine magischen Fähigkeiten um länger Stand halten zu können. Um einer unkontrollierten Implosion des Schildes zuvorzukommen, entzog Atheris dem Quen-Zeichen in einem günstigen Augenblick die Energie, was zur Folge hatte, dass der mächtige Hieb des Antherion ins Leere ging und dieser sein Gleichgewicht verlor. Blitzschnell ließ der Nilfgaarder seine silberne Klinge nach vorne zucken. Mit einem gellenden Aufschrei quittierte dieser den tiefen Schnitt, den die Klinge in seiner Schulter hinterlassen hatte. Mit blutigem Schaum vor dem Mund setzte das Monster wieder mit einer Kaskade an Schlägen und Hieben ein. Atheris Klinge war schnell, aber die Kraft die hinter den Angriffen steckte war gewaltig. Ein Rhythmus konnte er in den wilden, unkontrollierten Bewegungen nicht ausmachen. Tänzelnd bewegte sich Atheris rückwärts von seinem Gegner weg und versuchte alles, um diesen auf Distanz zu halten. Es gelang ihm immer wieder kleine präzise Wunden zu schlagen, mal am Handrücken, mal am Oberarm oder an der Hüfte, aber eine ernsthafte Ausfallmöglichkeit bot sich ihm nicht, zumindest keine, bei der er nicht selber schwerste Verletzungen befürchten musste. Der Kampf dauerte länger als ihm lieb war, die meisten Gefechte die er bestritten hatte, waren nach wenigen Hieben beendet … aber nicht dieser. Aus dem Augenwinkel sah Atheris, wie Gabhan ein Igni-Zeichen wirkte und der Feuerball seinem Gegenüber den Pelzverbrannte. Der brennende Schmerz sorgte dafür, dass der Antherion jedwede Deckung aufgab und Atheris sich die Blöße in Ruhe aussuchen konnte. Mit drei schnell geführten Hieben war das Wesen von seiner Qual erlöst und sackte leblos zu Boden.

Der Gestank nach verbrannten Haaren und verkohltem Fleisch stieg Atheris in die empfindliche Nase und der Qualm brannte unangenehm in den Augen. Erinnerungen an die Schlacht von Sodden kamen in ihm auf – Erinnerungen, wie er schwer verletzt unter den verkohlten Leibern seiner Freunde und Kameraden geborgen wurde…es war ein Massaker gewesen, was die Magier auf der Anhöhe unter den angreifenden Truppen Nilfgaards angerichtet hatten. Atheris schüttelte die Erinnerung ab, das war Vergangenheit, er hatte im hier und jetzt etwas zu erledigen, das seine ganze Konzentration erforderte. Er schritt hinüber zu Gabhan, der ziemlich übel zugerichtet aussah. „Danke dir, Gabhan!“

„Dank mir später,“ knurrte der Bärenhexer, während er sich seinen blutigen Arm besah und das Gesicht verzog. Ein paar Wunden und Narben mehr, darauf kam es nun wirklich nicht mehr an. Der Arm pochte unangenehm, aber die Zähne schienen nicht so tief eingedrungen zu sein, wie er zuvorderst befürchtet hatte. „Scheint so, als ob die felligen Arschlöcher nicht sehr scharf drauf wären mit uns zu verhandeln, was?“ er schüttelte den Kopf. Das sie bisher so gut durchgekommen waren war reines Glück gewesen. Antherion waren furchtbare Gegner – aber diese hier waren jung, unerfahren und nicht kampferprobt. Wenn doch… Gabhan wollte nicht darüber nachdenken was geschehen wäre, wenn die Dinge anders lagen.

„Wir werden tiefer hineinmüssen. Da wo die herkommen gibt es noch mehr – schau nicht so, ist nur eine Fleischwunde. Gehört haben sie uns sowieso, der Blutgeruch wird es nicht noch schlimmer machen. Wir können es sogar zu unserem Vorteil nutzen…“ Gabhan wartete gar nicht mehr auf Atheris, sondern marschierte stoisch voran, zog seinen Arm über die nahe Wand, trat durch die Illusion und verteilte weiteres Blut im Gang. Blutgeruch überall. Blut. Geruch. Selbst Gabhans empfindliche Nase konnte sich bereits verwirren lassen. Es wäre kein großer Vorteil, die Antherion rochen bestimmt noch besser als er, konnten mehr Nuancen unterscheiden. Aber ein Anfang war getan. Manchmal benötigte es nicht mehr als einen Anfang um ein Ende setzen zu können. „Kommst du? Oder muss ich dich tragen?“

Kapitel 11 – Zeit der Opfer

Atheris folgte seinem Zunftbruder durch die Illusion und dem dahinterliegenden Gang. Der Gang endete in einer breiten Wendeltreppe, die sie nach unten führte. Es roch nach Blut, Gabhan’s Blut und Atheris machte sich erneut Sorgen um seinen Freund. Bärenhexer waren bekannt dafür, robuste Kerle zu sein, die einiges aushielten. Aber Gabhan hatte erst vor einer Woche eine schwere Verletzung kurieren müssen und es schien nicht so, dass er sich davon bereits komplett erholt hatte. er ließ sich aber nichts anmerken und schritt Runde um Runde die Treppe hinab, bis sie endlich nach vielen Höhenmetern und noch mehr Stufen einen Gang erreichten, der sie vor ein steinernes Tor führte, auf welchem das Antlitz eines Yaguaru abgebildet war. Die Tür war geöffnet, weit genug, dass sich ein Antherion hindurchzwängen konnte. „Klauenspuren!“ meinte Atheris, als er sich den Rahmen der Tür genauer anschaute. „Sie haben die Tür gewaltsam geöffnet!“ knurrte Gabhan zustimmend. Vorsichtig schoben sich die beiden durch den Spalt und folgten einem weiteren kurzen Gang, der sie zu einem Vorsprung führte. Vor ihnen öffnete sich eine große unterirdische Höhle, die durch lumineszierende Pilze erleuchtet wurde. Quer durch die Höhle verlief ein Fluss, der durch einen Wasserfall auf der anderen Höhlenseite gespeist wurde. In der Mitte erblickten die beiden eine kleines mit Säulen gesäumtes Gebäude, aus dem geöffneten Eingang leuchtete ein Licht.

„Drei Mal darfst du raten, wo sich das Ende dieses kleinen Abenteuers befindet,“ flüsterte Gabhan, während er langsam den abschüssigen Hang hinabging. Der Fluss rechter Hand plätscherte für Gabhans Meinung viel zu fröhlich und der Hexer blieb schließlich stehen. Schien für einen Moment zu überlegen. Dies war ein Moment der Entscheidungen. Eine Entscheidung weshalb sie hier waren und ob es das wert war. Was war schon irgendetwas wert? Es war nicht ihre verdammte Schuld, dass die Yaguaru und die Menschen sich vor Jahrhunderten bekriegt hatten – es war nicht ihre Schuld, dass die jungen Idealisten des Dorfes diesen Kampf wiederaufnehmen wollten. Es war nicht ihre Angelegenheit – sie waren wegen etwas Anderem hier. „Atheris,“ Gabhan wandte sich zu dem anderen um, währen der in seiner Tasche kramte. „Hast du noch etwas von dem Eisensulfid übrig?“ der Bärenhexer zog eine Kartätsche aus der Gürteltasche und zog den Stopfen, in welchem auch die Zündschnur steckte. „Und wenn du jetzt noch Sturmhut oder direkt Lyoconitin hast, dann bist du mein persönlicher Held.“

Atheris blickte zu dem kleinen Gebäude und musste Gabhan Recht geben, ihre Suche würde vermutlich hinter der geöffneten Tür auf die eine oder andere Weise Enden. Atheris zog das kleine Gefäß mit dem Eisensulfid hervor und blickte auf den kläglichen Rest. „Viel ist es nicht mehr, aber einen kleinen Vorteil könnte es uns verschaffen!“ sagte er und reichte Gabhan das kleine Fläschchen. Gelber Sturmhut oder Wolfswürger wie er auch genannt wurde, war die giftigste Pflanze die Atheris kannte, leider auch inzwischen nicht mehr so häufig zu finden. „Tut mir leid, Gabhan – Sturmhut habe ich leider keinen bei mir. Ich habe mich vor einiger Zeit an Argentia probiert und noch eine Probe dabei. Als Klingenöl gegen Werwölfe soll es wahre Wunder vollbringen – ob es gegen Antherion ebenfalls wirkt, kann ich nicht sagen. Valerian warnte mich nur davor, es auf Stahlklingen aufzutragen!“

„Du hast Mondöl?“ hakte Gabhan ungläubig nach und betrachtete den größeren Hexer ungläubig. Diese verdammten Greifen hatten offenbar Zugang zu mehr seltenen Ingredienzien als er angenommen hatte. Doch hier und jetzt mochte ihnen dieses unverschämte Monopol zum Vorteil gereichen. „Ein Versuch ist es zumindest Wert. Doch denk daran, wir haben nur diesen einen Versuch – nur einen einzigen. Alles was danach kommt,“ er musste nicht weiter ausführen was danach kam. Es war ihnen beiden bewusst – zumindest hoffte Gabhan dies inständig, aber Atheris war kein Frischling mehr. Er wusste welche Gefahren hier lauerten. „Wenn du Tränke nehmen willst, dann wäre jetzt der richtige Zeitpunkt dafür…“ er selbst griff in seine Tasche und zog zwei weitere Tränke hervor. Donner hatte er bereits intus – was immer dort lauerte… mit einem selbstmörderischen Grinsen setzte er die beiden anderen kleinen Flaschen gleichzeitig an und trank. Er keuchte, krümmte sich, als das Gift durch seine Venen floss. Er packte die beiden Flaschen mit der Aufschrift „Würger“ und „Vollmond“ fort, unterdrückte das Zittern das sich einstellte, legte den Kopf in den Nacken, während sich seine Venen dunkel färbten. Dann blickt er zu Atheris. Er spürte wie sein Körper aufbegehrte, wie sein Herz raste und klopfte, seine Lungen Luft pumpten, glaubte seine Pankreas selbst zischen zu hören. „Los geht’s…“ knurrte er und entzündete die Kartätsche, nahm Schwung – und warf.

Atheris betrachtete den Trank in seiner Hand ‚Donner‘ – was würde ihm Meister Valerian für den bevorstehenden Kampf raten, schoss es ihm durch den Kopf. Er zögerte einen Moment und schaute Gabhan zu, wie dieser die Kartätsche nahm und in einem hohen Bogen durch die geöffnete Tür warf. Schnell ließ er den Trank in seinem Beinholster zurück gleiten – er hatte sich entschlossen mit klarem Kopf dem Ende entgegenzutreten.

Mit einem ohrenbetäubenden Knall explodierte das Wurfgeschoss im Inneren des Gebäudes und kaum einen Wimpernschlag später stürmten die beiden Zunftbrüder durch die Tür. Atheris erblickte sofort mehrere Antherion, die sich vor Schmerzen am Boden wälzten und versuchten, die behandelten Splitter aus ihrem Fell zu bekommen. „Ich nehme die rechte Flanke!“ schrie Atheris und stürmte auf den ersten Gegner zu. Mit etwas Glück konnte er einen von ihnen schnell erlegen, bevor sie wieder bei Sinnen waren.

Staub. Der Geruch nach Eisen, Blut und zersplittertem Stein. Gabhan glaubte alles in Zeitlupe zu sehen, während er durch den Eingang marschierte. Seine Schritte hallten auf dem einst polierten Marmor wider, der nun zersprungen und gerissen war. Die Antherion lagen auf dem Boden. Blut verklebte ihr Fell, welches ob des Eisensulfats dampfte und zischte, tiefe Wunden brannte. Tod. Tod überall. Für einen kurzen Augenblick wurde ihm schlecht, ehe seine Instinkte wieder übernahmen. Er trat an einem auf dem Boden liegenden Antherion vorbei und trat ihn mit aller Gewalt mit dem Stiefelabsatz. Einmal. Zweimal. Dreimal. Knochen knackten. Blut verteilte sich auf dem Boden. Der zweite noch auf dem Boden kriechende Antherion wurde mit einem einzigen schnellen Hieb durch den Hals von schräg oben von seinem Leiden erlöst. Blut. Der Geruch von Blut und von Tod. Tod. Tod überall. Er sah in die Augen eines weiteren Antherion, der rückwärts kroch, ein nur noch an einzelnen Sehnen hängendes Bein hinter sich herziehend. Er sah die Angst in den Augen des Monsters. Angst in den Augen eines Jungen. Angst in den Augen eines Jungen. Ihre Angst in den Augen. Diese Augen. Für einen kurzen Moment, den Bruchteil einer Sekunde hielt Gabhan inne. Zögerte. Er, der niemals zögern durfte.

Der Antherion riss sich eine lange Kette vom Hals – knurrte etwas in seiner kehligen Sprache. Es war sein Medaillon, dass Gabhan aus der Starre riss, indem es an seinem Hals zog und zitterte. Er sprang nach vorne, trennte den Kopf von den haarigen Schultern. Dass es zu spät war wusste er, noch ehe er das Geräusch des gewaltigen Sargdeckels im hinteren Teil des Raumes vernahm, der krachend zu Boden fiel.

Atheris wandelte durch die Reihen der am bodenliegenden Yaguaru wie der personifizierte Tod. Er hätte nie gedacht, dass die Kartätsche eine so verheerende Wirkung haben würde, aber so hatte er ein einfaches Spiel. Zwei präzise Streiche mit der scharfen Klinge beendete das Leiden der ersten Beiden. Ein Dritter versuchte sich Atheris in den Weg zu stellen – schnell formte er das Zeichen Aard und lies mit einer kurzen Bewegung seiner linken Hand die Druckwelle gegen die bereits zittrigen Beine des Wesen fliegen. Unsanft landete es wieder auf den zerstörten Marmorplatten und Atheris trieb ihm die Klinge von hinten ins Genick. Ein knurren erweckte seine Aufmerksamkeit und er wendete sich in Richtung des Sarges, der in der Mitte des Raumes stand. Zuerst sah der Nilfgaarder die beiden weißen Klauen, die sich auf dem Sarg platzierten, dann den großen Kopf mit den roten Augen und schließlich das riesige Maul. Mit einem Satz sprang der riesige Antherion auf den Sarg und lies wie vor einer Woche einen lauten Schrei von sich. Atheris Hand schloss sich eng um den Griff seines Schwertes und erhob es, bereit es mit dem Großen aufzunehmen.

Er konnte nicht sagen, woher auf einmal der große Dolch in der Hand des Antherion auftauchte, aber er erinnerte ihn stark an den Dolch, mit dem der Mensch im Gemälde hinterhältig Maeven gemeuchelt hatte. In dem Moment als Atheris seinen Angriff starten wollte, hob das Wesen die Hand und in einer flüssigen Bewegung stieß es sich die Waffe bis zum Anschlag in eigene Herz. Mit einem zweiten, wilderen Brüllen, riss er die Klinge aus seiner Brust und das Blut ergoss sich über den Sarg. Nur einen Moment später, spürte Atheris, wie sein Medaillon wie verrückt an der Kette um seinen Hals anfing zu ziehen. Und für einen Moment dachte Atheris, dass sein Herz aufhören würde zu schlagen. Langsam hob sich der Sargdeckel und er sah eine riesige Pranke – viel größer und älter als die des Weißen. Das Maul war wie aus einem Albtraum entsprungen und die stechenden Augen, die ihn nun fixierten, waren die Augen der Hölle. Langsam erhob sich das Wesen, das einst Maeven gewesen sein mochte aus seinem Grab und baute sich zur vollen Größe auf. „A d’yaebl aép arse!“ entfuhr es Atheris mit einem stöhnen.

Gabhan wäre beinahe ein irres Lachen entfleucht, als er sah wie das riesige Wesen sich vor ihm aufbaute. Die Muskeln verwest und doch ganz offensichtlich funktionsfähig. Ihre Augen wild und voller Mordlust – und doch war dort etwas Anderes. Das Echo einer Königin. Eine Königin, die ihr Volk selbst noch im Tod beschützen wollte. Das da vor ihnen war keine Antherion mehr. Wenn Gabhan es hätte klassifizieren wollen – und das hatte er in diesem Moment nicht vor – dann war sie wohl eine Draug. Oder etwas Ähnliches. „Du bist wunderschön,“ flüsterte Gabhan fasziniert von dem Wesen, welches nun ganz aus dem Sarg stieg. „Eine Schande…“ das war es. Eine Schande. So viele Dinge waren verloren gegangen im Staub der Zeit und sie würden nun dafür sorgen, dass auch der letzte Rest verloren ging. Entweder das, oder man konnte sie selbst im Sand der Jahrhunderte begraben finden.

Gabhan ließ das Stahlschwert noch einmal durch die Luft sausen, genoss den Klang der Klinge, das Schlagen seines Herzens in der Brust. Er atmete tief ein und aus. Ein. Und aus. Dann hob er erneut den Blick, ließ ihn über Atheris schweifen, der seinen Anderthalbhänder fester griff und festigte seinen eigenen Stand. Atheris hatte einen guten Winkel. Eine gute Position. Langsam beugte sich Gabhan hinab, griff in seinen Stiefelschaft, umgriff das kühle Metall dort fester während er sich aufrichtete. Die Zeit verging so langsam. So unendlich langsam. Sein Blut pulsierte schmerzhaft in seinen Adern, während seine Nieren den Marsch der Verdammnis pfiffen, noch immer darum bemüht das Gift zu verarbeiten. Er drehte das Stück Metall, dann sirrte es los – traf Maeven mitten in die Schulter und die gewaltige Kriegerin wandte sich schnell wie ein Gedanke zu Gabhan um. „Ganz genau Hundsfott. Komm und hol mich!“ dann stürzte sich der Antherion auf den Bärenhexer.

Atheris spürte, wie das Adrenalin endgültig in seinen Adern zu kochen begann, er spürte wie Energie durch seinen Körper schoss. Systematisch suchten seine Augen nach Schwachstellen in dem Wesen, dass an Hässlichkeit kaum zu überbieten war. Es mochte einst eine Königin oder Kriegerin ihres Volkes gewesen sein, aber dies hier war nichts mehr von alle dem. Ein untotes Wesen, das durch eine makabreres Ritual aus dem Staub der Zeit zurückgeholt worden war, um den alten Glanz vergangener Zeiten wiederzubringen.

Aus seinen Augenwinkeln sah Atheris wie etwas in Gabhans Hand den Schein der Kerzen spiegelte und nur einen Augenblick später steckte das Messer in der Schulter des Monsters. Blitzschnell wendete sie ihre Aufmerksamkeit auf Gabhan – und Atheris rannte los. „Se’ege na tuvean!“ brüllte Atheris, sprang auf den Rand des steinernen Sarges, drückte sich mit aller Kraft empor, gewann an Höhe, zielte mit seinem Schwert auf das Genick des Wesens und lies die Klinge mit aller Kraft die ihm zur Verfügung stand niederfahren. Er spürte, wie der gewaltige Hieb durch verrottetes Fleisch und altes Gewebe schnitt und tief in den Nacken von Maeven eindrang – jedem anderen Antherion hätte dieser Treffer das Leben genommen, aber was tot ist, kann nicht sterben und so konnte Atheris nicht verhindern, dass sein Freund mit der vollen Wucht des riesigen Körpers angegriffen wurde.

Gabhan hätte Atheris gerne noch einen Idioten genannt. Hätte ihm gesagt, dass er ihm persönlich die Zunge rausschnitt, wenn er noch ein einziges Mal mit irgendeinem Kampfschrei angriff, der den Gegner auch noch warnte. Doch dazu kam es nicht mehr. Maeven riss ihn mit sich, pflügte durch dutzende von hölzernen Bänken und Gabhan spürte jede einzelne von ihnen unter sich bersten. Sein Kettenhemd und der hohe, gesteifte Kragen seines Lederharnischs verhinderten schlimmere Verletzungen an Wirbelsäule und Nacken, aber auf mehr konnte er auch nicht hoffen. Die Wand war es, die sie gemeinsam stoppte. Gabhan war froh um den harten Gegenstand im Rücken, der es ihm ermöglichte weiterhin aufrecht stehen zu bleiben.

Er sah auf. Auge in Auge mit Maeven, ihren gewaltigen Augen. Ihrem fauligen Atem. Gabhan schmeckte Blut in seinem Mund und grinste. Dann spuckte er Maeven das Blut mitten ins Gesicht. Maeven brüllte auf – als der Trank Würger sein Werk tat. Das Gesicht der Wolfskönigin warf Blasen und wie von Sinnen schlug sie um sich, gab Gabhan genug Zeit sich zur Seite zu Werfen und dem nächsten, tödlichen Angriff zu entgehen. Er kämpfte sich wieder auf die Beine. Schwäche. Irgendwo musste das Wesen eine Schwäche haben. Dann erkannte er die lange Wunde am Hals Maevens, die durch all die Jahrhunderte ledern geworden war. Erkannte den Leichnam des großen Weißen Antherion und den Dolch dort. Natürlich. „Atheris! Der Dolch!“ brüllte er, in der Hoffnung, dass der Andere verstand.

Atheris war den beiden Kombattanten durch die Reihen der Bänke gefolgt und als Maeven den Bärenhexer an die Wand nagelte, packte er das Biest von hinten in die Mähne, und schaffte es im letzten Moment ihren Kopf nach hinten zu reißen, so dass ihre scharfen Fänge Gabhan nicht zerfleischen konnten. Atheris sah nicht, was sein Zunftbruder tat, aber er hatte offensichtlich Erfolg gehabt, denn mit einem Aufschrei löste Maeven ihren Griff und schlug wild um sich. Dem ersten Prankenhieb, der wild durch die Luft wirbelte, konnte er noch mit einem Sprung nach hinten ausweichen. Den zweiten Schlag konnte er nur noch mit einem Quen-Zeichen blocken, in das Atheris aber nicht mehr genug Energie fließen lassen konnte und es damit zwar die Kraft des Schlages milderte, der Schild aber implodierte und ihn weit durch die Luft fliegen lies. Unsanft landete er zwischen den zerstörten Bänken. Für einen kurzen Moment musste er nach Luft schnappen und konnte die aufsteigende Gallenflüssigkeit gerade noch so unterdrücken. Er hörte über das Gebrüll von Maeven hinweg die Stimme Gabhan’s, er hatte ihm etwas zugerufen, aber was? Er folgte dem Blick des Bärenhexers zu den sterblichen Überresten des weißen Antherion – und dann wurde ihm klar, was sein Zunftbruder meinte, „natürlich … der Dolch!“ erkannte Atheris. Fluch ist Fluch und wie er von seinem Meister Valerian gelernt hatte, konnten die meisten Flüche durch Artefakte, die den Fluch ausgelöst hatten auch wieder beendet werden. Atheris kämpfte sich zurück auf die Beine, er war deutlich näher am Sarg und so begann er seinen Sprint.

„Sheyss!“ entfuhr es Atheris, als er sah, wie Maeven von Gabhan ab lies und auf allen vieren sich ihm rasch näherte und aus dem kurzen Sprint ein Rennen auf Leben und Tod wurde. Er würde es nicht rechtzeitig schaffen, wurde ihm wenige Momente später klar, das Biest war verdammt schnell und würde ihn in wenigen Sprüngen eingeholt haben. Er sprang und streckte dabei seinen linken Arm nach vorne und … dann geschah alles ganz schnell. Bevor er den Dolch berühren konnte, schlossen sich Maeven’s Klauen um Atheris Hüfte und rissen ihn brutal aus seiner Flugbahn. Seinem so nahen Ziel beraubt verzweifelte der Greifenhexer für einen Moment und sah dann nicht weit entfernt Gabhan auf sie zu rennen. In einem letzten Geistesblitz formte er mit den Fingern das Zeichen Aard und entfachte eine unkontrollierte Druckwelle in Richtung des Dolches, der da frei vor ihm auf dem Boden lag. Das letzte was Atheris sah, war wie der Dolch zu Gabhan rutschte, dann wich seine freie Sicht und es umfing ihn eine stinkende Mischung aus Fellresten, Hautfetzten, scharfen Klauen und Reißzähnen … und unmenschlicher Schmerz!

Gabhan unterdrückte ein Fluchen. Wenn der verdammte Nilfgaarder nicht immer wieder durch lautes Brüllen auf sich aufmerksam gemacht hätte… aber es brachte ihn kein Stück weiter sich nun aufzuregen. Nicht einmal ein bisschen – und normalerweise regte Gabhan sich gerne auf. Als das Aard in seine Richtung geschossen wurde schloss er die Augen, hob die Hände und wehrte die kleinen Steinchen ab, die ihm wie Geschosse entgegenflogen und an Kettenhemd, Leder und Platte abprallten. Dann flog der Dolch nach und Gabhan versuchte ihn irgendwie aus der Luft zu schnappen, streckte die Hand aus – und knirschte mit den Zähnen, als es ihm gelang den Dolch tatsächlich im vollen Flug abzufangen. Er schnappte nach Luft und besah sich den Dolch in seiner Hand, der sich blutig durch seinen Handschuh geschnitten hatte. Blut troff von seinem Handschuh. Die verdammte Klinge war scharf wie ein Rasiermesser gewesen. Ein Bluttropfen fiel tief, tief hinab und platschte Geräuschvoll auf den Steinboden. In dem Moment drehte sich Maeven um, die Lefzen rot. „Ach komm schon…“ knurrte Gabhan.

Maeven hatte Atheris fest in ihren Pranken umschloss und die Krallen Kratzten über Stahl, zerfetzten Leder und Rüstwams und bohrten sich tief in das Fleisch des Hexers. Das Biest wollte seine scharfen Fänge in seinen Hals schlagen, aber er schaffte es zumindest soweit auszuweichen, dass das hässliche Viech nur seinen Schulterpanzer erwischte. Mit einem übelklingenden Kratzen rutschte das Maul ab. Atheris nutzte den Bruchteil eines Wimpernschlags und brachte seine Silberklinge zwischen sich und die Fänge, so dass er die scharfen Zähne hindern konnte, ihn erneut zu beißen. Mit aller Kraft drückte er gegen die Klinge und Blut begann aus den Lefzen zu fließen – konnte das Wesen überhaupt bluten? Immer wieder, wenn der Druck auf das Schwert für einen Moment nachließ, nutzte Atheris die Gelegenheit mit der linken Faust dem Vieh aufs Auge zu hauen – immer wieder und immer wieder, der Moment schien sich endlos hinzuziehen – und dann ließ Maeven abrupt von ihm ab.

Gabhan sah das riesige Wesen auf ihn zu brechen. In diesen wenigen Sekunden, jene Momente zwischen Mann und Monster entschied sich nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal das Schicksal des Hexers. Gabhan nahm einen letzten, tiefen Atemzug – vollkommen im Klaren, dass dies womöglich sein letzter sein mochte. Maeven – die große Kriegerin eines Volkes großer Krieger, deren Erben und Nachkommen um sie herum als stumme Zeugen lagen war keine zwei Meter mehr von ihm entfernt. Gabhan sah die offengelegten Muskeln unter dem vergilbten Fell arbeiten, sah wie sie sich anspannten, zum Sprung ansetzten. Und er duckte sich, wirkte das Zeichen Yrden auf den Boden und ein bläuliches Leuchten umgab ihn, Maeven segelte bereits auf ihn zu, wirkte dabei jedoch verlangsamt, als gleite sie durch zähflüssigen Pudding. Gabhan stieß mit der freien Hand den Dolch nach oben und traf Maeven am Hals. Die Wucht des Schlages riss ihm den Dolch aus den Fingern, ein Hinterlauf der einstigen Königin traf Gabhan, schleuderte ihn zur Seite und löste Yrden auf. Der Antherion krachte hinter ihnen in eine Reihe Bänke und Gabhan erhob sich, zuerst auf allen Vieren und schließlich wieder auf beide Beine, klaubte sein Schwert vom Boden und hob es erneut an, einen kurzen Blick zu Antherion werfend und jederzeit erwartend, dass Maeven doch wieder aufstand.

Atheris rappelte sich wieder auf, wobei der Schmerz seinen ganzen Körper durchfuhr. Er sah gerade noch, wie Gabhan das Yrden Zeichen wirkte und dann mit dem Dolch die Bestie erstach und weggeschleudert wurde. Er suchte nach seiner eigenen Silberklinge und fand sie einige Meter von sich entfernt am Boden liegend. Er schleppte sich zum Schwert, beugte sich hinunter, wobei ihn erneut schmerzen durchfuhren. Als er sich wieder zu Maeven wandte, sah er wie sein Zunftbruder mit gezogenen Schwert über dem Körper der Bestie stand. Schwer atmend trat ging er hinüber und baute sich neben Gabhan auf und betrachtete den leblosen Körper. Wobei, was hieß leblos … hatte er überhaupt gelebt? „Ist es vorbei, Gabhan?“ gab er erschöpft von sich.

Gabhan wartete noch einige Augenblicke ab, musterte den Körper der Königin, die sich jedoch nicht mehr rührte. „Es ist seit Jahren vorbei,“ erwiderte Gabhan nur kopfschüttelnd und trat zu dem Leichnam der Antherion, wuchtete sie um und betrachtete den Leichnam. Ein weiteres Leben. Eine weitere Existenz. So stand er da, eine ganze Weile. Sein Blick wanderte über die toten Antherion, die im gesamten Tempel verstreut lagen, die Extremitäten in einer Art und Weise verdreht, wie sie niemand verdrehen sollte. Das Leben aus ihren Augen gewichen. Er sah an sich selbst herunter. Er war schmutzig, staub hatte sich in sämtlichen Poren von Kleidung und Haut festgesetzt, schweres, beinahe dunkles Blut triefte aus tiefen Wunden und tropfte mit lautem Zischen auf den Boden, wo es sich brutzelnd in den Stein fraß. Gabhan ignorierte die Nebenwirkungen von Würger, ignorierte den Schmerz und die Müdigkeit. Er hatte kein Recht darauf.

„Hilf mir,“ er packte Maeven an den Füßen und zog die Königin langsam aber sicher in Richtung ihres Sarges. Er trat zum Sarg, sah hinein in das Grab, das ihr ewiges hatte sein sollen und schnaubte. Beugte sich hinab. Zog fünf Runensteine mit glänzend-leuchtenden Zauberzeichen und betrachtete sie einen Augenblick. „Jetzt ist sie schon ein zweites Mal aufgrund dieser kleinen Dinger gestorben,“ murmelte er leise und hielt einen kurzen Augenblick inne. Dann, erst dann, ließ er die Steine in seine Tasche gleiten. Es änderte nichts mehr, redete er sich selbst ein. Es machte keinen Unterschied mehr, ob er sie nun mitnahm oder hierließ. Ihm würden sie mehr nutzen als der toten Königin. Hier gab es nichts mehr zu holen. Weder für ihn, noch für die Anhänger einer Königin, die genauso tot war wie ihr Volk. „Wir sollten die Leichen aufreihen,“ die Worte kamen nur langsam, zögerlich und vor allen Dingen schwerfällig aus ihm hervor. „Maeven in den Sarg und ihre Anhänger vor dem Sarg in einer Reihe aufgereiht. Als ihre Totenwache. Das ist das Einzige, was wir noch für sie tun können…“ woher dieser Gedanke kam wusste Gabhan nicht, aber er hatte etwas Tröstliches an sich und es erinnerte ihn an die eigenen Begräbnisriten seiner Heimat. „Sie sollte nicht alleine hier liegen, im Dunkeln und vergessen von der Welt…“

Gabhan spürte Atheris Blick auf sich ruhen, der von Zweifeln sprach. Der Bärenhexer ignorierte die Blicke und begann selbst mit der Arbeit und da Atheris am Ende des Tages sehen musste, wie viel Mühe sein Zunftbruder hatte, so half er ihm doch mit seinem anachronistischen Vorhaben. Gabhan wusste, dass Atheris nicht verstehen konnte. Wie auch? Der andere blickte immer nur nach vorne – sein Optimismus und der Glaube an eine gerechte Welt war nur so zu erklären. Niemand, der auch nur einen Blick zurück warf in die Geschichte aller Völker konnte der Meinung sein, dass einfach alles gut wurde. Und da Atheris nicht zurückblickte hatte er keine Möglichkeit das zu sehen, was Gabhan sah: Die Schönheit eines Ortes, der längst vergangen war. Den Mut einer Königin, die für ihr Volk den Tod selbst überlistete, dessen dunkle Majestät über jedem schwebte und der nun, dank ihrer Taten erneut Einzug gehalten hatte in diese Hallen. Gabhan machte sich nichts vor, während er den schweren Leib der Kriegerin in ihren Sarg wuchtete. Der Tod dieser Antherion war unvermeidlich gewesen. Ihr Todesurteil in jenem Moment unterzeichnet, da sie sich entschlossen hatten aus den Schatten zu treten, die sie beschützt hatten. Sie wären wie ein Sommergewitter unter die Menschen gefahren. Heftig, und kurz. Sie wären vorbeigezogen, hätten Verwüstung angerichtet, aber letztendlich hätten sie die Menschen damit nicht aufgehalten. Es wäre nur noch mehr Blut vergossen worden. Das Blut unschuldiger Menschen, die genauso wenig mit diesem Konflikt zu tun hatten wie die Antherion, die sich für uraltes Unrecht rächen wollten. Und es wären Hexer gerufen worden. Am Ende hätte seine Klinge sie getötet. Es war ihre Entscheidung zu den Monstern zu werden, für die die Menschen sie hielten. Es war seine Entscheidung sie aufzuhalten ehe sie es tun konnten. Es war ihre Bestimmung gewesen zu sterben. Es war seine Bestimmung sie zu töten. Und dennoch – Gabhan wusste, oder ahnte zumindest, welches Erbe sie hier vernichtet hatten. Atheris schien dies bedeutend weniger zu kümmern, wenn er überhaupt darüber nachdachte. Gabhan konnte es ihm nicht verübeln, auch wenn er es nicht nachvollziehen konnte. Gerade, weil der andere so deutlich gefühlsduseliger war als er selbst…

Gabhan wischte sich die letzten Reste jener Flüssigkeit, die der Kampf gefordert und produziert hatte an seinem Gambeson ab und ließ noch einmal seinen Blick über die Toten und Gefallenen gleiten, ehe er langsam nickte. „Es ist Zeit zu gehen.“

Gegenwart – Zeit der Versöhnung

Der Rückweg gestaltete sich alles andere als einfach. Mit den zum Teil schweren Verletzungen, die sich die beiden Hexer im Kampf zugezogen hatten, war es eine Tortur das Seil zur Öffnung im Gewölbe hochzuklettern, aber letztendlich schafften sie es und traten mit den erbeuteten Runen den Weg zurück zum Dorf an. Die Bewohner verdienten es, die Wahrheit über die Ereignisse zu erfahren, da waren sich Gabhan und Atheris einig. Atheris merkte, wie Gabhans Stimmung seit dem sie Maeven besiegt hatten ziemlich bedrückt war. Ja, er war sich darüber bewusst, dass sein Zunftbruder viele Dinge anders sah als er selbst. Für Atheris war die Königin schon vor Jahrhunderten gestorben und dass was sie in der Gruft erlegt hatten eine Abnormalität, eine Perversität, die der Schöpfung ins Gesicht lachte.

Als sie endlich den befestigten Weg erreichten, saß Atheris auf den schwarzen Hengst auf und ließen sich von dem treuen Tier zurück zum Dorf tragen. „Was machen wir jetzt mit den Runen? Kennst du einen Schmied in der Nähe, der sie verarbeiten kann?“ fragte Atheris seinen Zunftbruder.

Gabhan, der bislang schweigend neben Atheris hergetrottet und in seinen eigenen Gedanken versunken war blickte schließlich auf und wandte sich zu Atheris. „Runen sind eine verteufelt schwierige Angelegenheit. Viele Schmiede können sie auf ein Schwert draufdängeln als gäbe es kein Morgen – aber die, die wir hier gefunden haben? Sie sind alt, lassen sich nur schwer verarbeiten und sind sehr machtvoll. Ich habe da jemanden zur Hand, aber sie ist weit fort und kostet mich eine gute Stange Geld. Geld, das ich nicht habe. Noch nicht…“ er schluckte, dachte nach.

„Ich habe in letzter Zeit mehrere Aushänge gesehen,“ überlegte er schließlich laut. „Und da du hier bist um noch etwas Erfahrung in Hexerarbeit zu bekommen – und ich das Geld gut gebrauchen kann, könnten wir uns an gutes, altes Hexerwerk halten“ befand er. Denn wenngleich sie dort unten auch ein Monster erschlagen hatten – das war alles weit entfernt von einem guten Job gewesen. Sie hatten keine Vorbereitung gehabt, keine Nachforschungen, keine speziellen Tränke. „Das eine ist relativ in der Nähe – irgendein nilfgaardischer Adliger hat wohl ein Fluchproblem. Das andere weiter im Norden. In Temerien, oder das was davon übrig ist – dort verschwinden Menschen im Wald.“

Atheris überlegte einen Moment – Temerien war seit fünf Jahren ein Teil des Kaiserreichs Nilfgaard … auch wenn es viele nicht wahrhaben wollten und dem alten König Foltest nachtrauerten. Gabhan interessierte Politik nicht und Atheris wollte auch nicht mit ihm darüber diskutieren … Zeiten ändern sich nun mal und es war an ihnen, die im hier und jetzt lebten, das Beste daraus zu machen. „Ich finde es hört sich beides gut an! Ich bin dabei“ antwortete er und lächelte dabei – er freute sich auf einen Besuch in der Heimat. „Der Auftrag mit dem Adligen, ist das zufällig in Toussaint?“ fragte er den Bärenhexer.

Gabhan blinzelte. „Nein,“ erwiderte er leise. Es gab da durchaus einen nilfgaardischen Adligen in Toussaint mit einem Fluchproblem soweit Gabhan wusste, aber dieser Auftrag wäre weit schwieriger an Land zu ziehen. Er konnte bereits Atheris Enttäuschung in den Augen aufblitzen sehen. „Er ist hier in Cintra. Wie gesagt, in der Nähe…“ diese Enttäuschung in den Augen. Gabhan knirschte mit den Zähnen. „Aber wir können vielleicht… wenn wir, dass alles erledigt haben möglicherweise… nach Probleme in Toussaint sehen.“

Es war nur ein kurzer Moment der Enttäuschung, aber er war nun mal nicht zum Vergnügen hier. „Also abgemacht, die zwei Aufträge und dann nach Süden…nach Toussaint. Du wirst es im goldenen Herbst lieben, Gabhan!“

Sie erreichten das Dorf kurz bevor die Sonne den Horizont berührte. Als die Dorfbewohner die Rückkehr der beiden Hexer bemerkten, bildete sich ein Tross, der den beiden zum Zentrum folgten, dort wo der Gasthof lag. Sie schritten durch das Tor, über dem das Schild mit dem Hund sich im Wind wiegte. Der Dorfälteste, Katharina und viele mehr erwarteten sie. Als sich alle um die beiden Zunftbrüder versammelt hatten, trat der Alte vor. „Wie ich sehe, seid ihr noch am Leben … wenn gleich sehr mitgenommen. Erzählt, wie ist es euch ergangen?“

„Kann’s kaum erwarten,“ knurrte Gabhan auf Atheris Lobpreisungen des goldenen Herbstes. Die Sommer seien ihm wohl zu warm, doch der Herbst könnte womöglich sogar sein Herz berühren – das hatte Grazyna von Strept gesagt. Gabhan wusste, dass die Zauberin in Toussaint ihn erwarten würde, selbst wenn er keine Kunde seiner Ankunft verlauten ließ. Doch das Wiedersehen zögerte er nur allzu gerne heraus. Besonders in Anbetracht der Tatsache, dass sie ihn hier in Cintra beinahe in sein Verderben hatte laufen lassen.

Als sie schließlich das Gasthaus betreten und zwei Krüge – einer mit Wein, den anderen mit Quellwasser, vor sich hatten begann Gabhan zu erzählen. Die Bewohner des Dorfes verdienten die Wahrheit. Verdienten es zu erfahren was geschehen war und was nunmehr geschehen würde – oder auch nicht, denn mit dem Tod der jungen Antherion, der Vernichtung Maevens und der Zerstörung von aufkeimender Rebellion war dieses Kapitel in ihrer Geschichte nunmehr beendet. „Wir waren im alten Grab eurer Urahnin,“ seine Stimme war rau; heiser vom Schreien und dem Staub in der Ruine und selbst das Wasser konnte nur wenig dazu beitragen dieses Gefühl zu vertreiben. „Wir haben sie gesehen, die Wandfresken und Bilder. Haben gesehen wie die Menschheit Verrat an eurer einstigen Königin geübt haben. Haben gesehen, welches Sinnbild eure Jugend verehrte und haben gesehen welches Zerrbild dessen aus ihrem Sarg entstieg. Ich sehe keine Verwunderung in euren Augen. Keine Zweifel. Das dachte ich mir. Und es sagt viel aus. Sehr viel. Über euch und über euer Wissen bezüglich all dessen was geschehen ist. Ihr wusstet was dort lauert. Wusstet was es auszurichten vermag. Und ihr wusstet, welche Bedeutung sie haben konnte. Was geschehen würde, wenn sie wegen etwas Anderem erweckt werden würde als wegen uns. Das Alter hat euch Weise gemacht Dorfvorsteher. Und milde. Auch ich bin alt. Aber weniger milde. Ihr habt uns benutzt. Das weiß ich nun und es war euer Recht, denn wir hatten eine Schuld bei euch. Eine Schuld, die nun abgetragen ist. Maeven ist tot. Endgültig. Niedergestreckt von dem Dolch aus den Legenden. Sie, ihre Anhänger und ihr Sinnbild ruhen nun für immer verborgen unter der Erde, zugedeckt vom Staub der Zeit. Das war es doch, was ihr wolltet nicht wahr? Nun. Ihr habt es bekommen. Es tut mir leid. Tut mir leid um jeden Sohn. Jede Tochter. Ich hoffe, dass alles war es wert. Hoffe es für euch. Und für mich.“

Atheris genoss den Geschmack des Weines. Er war müde und seine Wunden bereiteten ihm Schmerzen. Er lauschte Gabhans Ausführungen und beobachtete die Gesichter der Antherion, die passender Weise ihre menschliche Gestalt angenommen hatten. Gabhan erzähle die Geschichte etwas theatralisch, aber so war er nun mal. Ins Bett … er wollte nur Schlafen und der Schwalbe, die er eingenommen hatte die Zeit geben sie Wunden zu heilen.

Die Sonne war untergegangen und ein sommerlicher Herbstregen prasselte aufs Dach des Gasthauses. Die beiden Hexer waren gerade dabei, die letzten Fragen der Dorfbewohner zu beantworten, als die Tür aus den Angeln gerissen wurde und mit einem lauten Poltern auf den Boden flog. Atheris reagierte sofort und zog die Silberklinge, die neben ihm am Tisch lehnte, aus der Scheide. Gabhan trat ebenfalls mit gezogener klinge neben ihm. Das furchtbare Schreien verriet ihnen, wer da die Versammlung störte. Es roch nach nassen, alten Fell … und als sich der gewaltige Körper Maevens durch die Tür schob, wahr Atheris bereit für den nächsten Tanz auf Leben und Tod.

Gabhan wirbelte herum, zog das Schwert und stieß im selben Atemzug mit seinem Fuß den großen Tisch um, so dass dieser krachend auf dem Boden aufschlug. Als er erkannte, was sie da heimsuchte setzte sein Herz für einen kurzen Schlag aus. Jedweder Gedanke, dass das was er sah nicht sein konnte, weil sie den Fluch gebrochen hatten verbannte er sofort aus seinem Geist – dies waren Fragen, denen er sich zu einem späteren Zeitpunkt stellen konnte. Hier und jetzt ging es um handfesteres. Sein Bein schmerzte, während er es so setzte, dass er eine gute Position einnahm. Seine Augen weiteten sich und nahmen blitzschnell die Umgebung auf. Die Bänke, die Tische, die anderen Antherion. Niemand schrie. Der Regen peitschte, vom Wind getrieben, durch die offene Tür in den Gastraum. Niemand bewegte sich. Niemand schrie. Gabhan formte bereits das Zeichen Quen, Maeven spannte bereits die Muskeln an. Jemand bewegte sich. Niemand schrie. Jemand sprach.

Der Dorfälteste hatte sich nach vorne geschoben. Hatte sich aus der Masse gelöst und vor Maeven gestellt. „Go leor, seanmháthair“, Gabhan blinzelte – erwartete geradezu, dass der Alte vor ihm in Stücke gerissen wurde. Doch Maeven hielt inne, sprang nicht, sondern machte einen Schritt nach vorne, die Nüster aufgerissen, den Geruch des anderen einziehend. „Ní naimhde iad na strainséirí seo. Tá a cogadh thart. Tá suaimhneas ann. Ba streachailt fhada é agus fuair a lán daoine bás. Ach tá cónaí orainn. Ná cuir é seo i gcontúirt“ Gabhan verstand nur Bruchteile von dem, was der Alte dort sprach. Er war nicht sehr bewandert in der Alten Sprache und in diesem Dialekt noch viel weniger. Er war rau und kehlig, mehr ein Bellen als ein Sprechen. Gabhans Blick wanderte nur für eine Sekunde zu Atheris, sie beide standen dort, Rücken an Rücken, die Klingen erhoben. Der Alte wandte sich zu ihnen um. „Ísligh lanna Vatt’ghern. Doirteadh go leor fola inniu!“ das verstand Gabhan und auch Atheris schien zu verstehen, denn sie beide senkten unisono die Schwerter. Langsam trat der Alte zu Maeven. Langsam glitten die Schwerter in die Scheiden. Langsam legte er seine Stirn an die der einstigen Königin. Langsam schloss er die Augen. „Maeven, iníon le Morainn. Níos láidre i measc na mban. Comhlíontar do ghealltanas. Do mhuintir slán. Ná caith fuil ar do shon chaillfidh tú ár gcuid féin freisin. Ná tabhair bás, óir is tusa a bheidh a locht go páirteach as ár gcuid féin. Tá am Na Sean caite. Tá tús curtha le ham den nua. Codladh Maeven, iníon le Morainn. Codail agus faigh do shíocháin“ die Worte, die er intonierte waren Alt. Gabhan konnte es schmecken. Was immer er da sagte, es klang in seinem Singsang nach einer alten Beschwörungsformel, auch wenn es keine Magie war die hier wirkte. Momente kamen ihm wie Stunden vor und dann, ganz langsam, zog sich Maeven zurück.

Atheris hörte sich die Worte an, die der Alte sprach. Es war ein Dialekt, den er nicht sonderlich gut verstand, aber seine Heimatsprach war eng angelehnt an die Alte Sprache und so verstand er das, was er verstehen musste. Im Grunde sowas wie, „Es reicht Großmutter, es wurde genug Blut vergossen“…“Nehmt die Waffen runter, Hexer“ und am Ende: „Maeven, Tochter von Morainn. Stärkste unter den Frauen. Dein Gelübde ist erfüllt. Dein Volk in Sicherheit. Vergieße kein Blut, denn du wirst unseres ebenfalls vergießen. Bringe keinen Tod, denn du wirst unseren mit verschulden. Die Zeit des Alten ist vorbei. Eine Zeit des Neuen hat begonnen. Schlaf Maeven, Tochter von Morainn. Schlaf und finde deine Ruhe.“

Atheris atmete hörbar aus, als sich die untote Königin der Antherion abwand und wortlos verschwand. Aus dem Fenster des Gasthauses verfolgte er, wie das mächtige Wesen durch das Tor schritt und dabei das quietschende Gasthausschild mit dem Hund drauf berührte. Es wackelte noch einmal, dann riss die alte Kette und es stürzte zu Boden in den Dreck. „Wahrlich … die Zeit des Alten ist vorbei … eine neue Zeit bricht heran!“ flüsterte er während das Wesen in der Dunkelheit verschwand um sich für die Ewigkeit in ihrem Grab zu betten. „War es das jetzt, Gabhan … ist der Fluch gelöst, weil diejenigen die er schützen sollte, den Schutz nicht bedürfen, sie eher sogar gefährdet?“. Er blickte neben sich, auf den kleineren Hexer. Dieser stand da, er wirkte wehmütig … vermutlich, weil er sich selber wie ein Relikt aus alten Zeiten ansah.

Gabhan blinzelte zu Atheris hinauf und schnaubte. Er hatte wenig Lust darauf für den Jüngeren den Erklärbär zu spielen, ihm tat alles weh, sein Herz schlug noch immer schmerzhaft in seiner Brust und er war verdammt müde. Doch er hatte es versprochen und Atheris hatte eine Erklärung verdient.

„Ich weiß es nicht Atheris,“ flüsterte er leise, während sich die Antherion draußen versammelten und ihrer Königin und Vergangenheit nachsahen, wie sie das Dorf für immer verließ. „Es gibt keine Anleitung für Flüche oder dergleichen. Aber ja… ja ich glaube, dass dieser Fluch ein selbstauferlegter war. Verteufelt selten. Verteufelt schwierig zu lösen. Das was hier geschehen ist, war nicht unser Werk. Es war Glück“ Glück war es durchaus – wenn auch nur für sie, denn die Antherion – da war sich Gabhan sicher, hatten kein Glück. Aber es war nicht mehr zu ändern. Dieser Tod auf Raten war längst in Gang gesetzt. Unaufhaltsam. „Maeven war eine Königin, die nur das Beste für ihr Volk wollte. Die sie beschützt hat, sogar über den Tod hinaus. Dieser Schutz wird niemals aufhören Atheris. Sie wird sich wieder schlafen legen, ja. Vielleicht ist der Fluch wirklich gelöst und sie steht deshalb nie wieder auf. Oder ihr Volk verlangt von ihr, dass sie nicht mehr eingreift, stirbt aus und sie bleibt deswegen auf ewig liegen. Vielleicht erhebt sie sich in eintausend Jahren wieder, wenn der letzte dieses Volkes am Siechtum stirbt. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass der Fortschritt unaufhaltsam ist. Dass das was war nicht mehr zurückkehrt, ganz gleich wie sehr wir es uns wünschen. Die Vergangenheit ist vergangen. Womöglich ist es besser so. Wer sind wir das zu entscheiden Atheris? Wer sind wir schon?“

Epilog – Die Rache des Waldes

Der Weg war schlammig, machte das voranschreiten des Pferdes hinderlich. Der Mann auf dem Rücken des Pferdes zog seinen Umhang fester und hoffte, dass der Loden den hier anbrausenden Sturm möglichst von ihm und seiner wertvollen Ware abhalten mochte. Der Reiter rutschte ein wenig auf dem Pferd hin und her um eine angenehmere Position zu finden. Ein Unterfangen, dass nach den Stunden im Sattel ebenso bemüht wie zwecklos war.

Es war ungewöhnlich dunkel für diese Tageszeit befand der Reiter nach einem Blick in den von dunklen Wolken gänzlich verschluckten Himmel, aus dem es mehr Wasser goss als in Wyzima an einem guten Waschtag aus den Fenstern geschüttet wurde. Der Mann auf dem Rücken des Pferdes hieß Godwin Birnbaum. Sein Name stand in weißen Lettern aufgestickt auf seiner Brust, direkt über einem darunter stehenden Stickwerk, dessen Buchstaben das Wort ‚Vattweir Botendienste‘ bildete. Godwin hasste diese Aufschrift auf seiner Brust, denn wenngleich auch Menschen dazu neigten sich nichts merken zu können – den Namen eines Dienstleisters, der sie nicht zufrieden stellte, den merkte sich jeder. Und Menschen die auf Post warteten waren selten zufrieden. Sie ignorierten den Fakt, dass die Straßen mit all ihren Passierwegen, Schlagbäumen und Zöllen nicht mehr so einfach zu bereisen waren wie dereinst unter König Foltest Zeiten. Ja, damals unter Foltest war das Leben noch einfacher gewesen. Damals hatte er als königlicher Bote gedient, hatte Befehle des Königs ausgeliefert, an jeder Herberge ein frisches Pferd verlangen können und war stolz auf seinen Beruf gewesen. Heute gab es keinen Foltest mehr. Keine königlichen Boten, keine Befehle die er ausliefern konnte. Statt einem frischen Pferd an jeder Herberge durfte er nur an genau bestimmten Wegposten sein Pferd wechseln. Wegposten, die als Außenstellen zu den ‚Vattweir Botendiensten‘ gehörten. Es gab genau zwei davon in ganz Temerien.

Aber die Zeiten änderten sich. Einst war er ein königlicher Bote gewesen. Aber einst war sein Weib auch schön, die Kinder brav und seine Manneskraft unvorstellbar gewesen. Die Welt änderte sich. Er wurde alt, sein Weib runzelig und seine Kinder Tyrannen, die ihm auf der Tasche lagen. Also musste er weiterarbeiten und da er nie etwas Anderes gelernt hatte, war er zu den ‚Vattweir Botendiensten‘ gegangen. Aber die Zeiten änderten sich nunmal. Und das Gehalt. Meistens zum schlechteren.

Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken, die sich in behäbiger Regelmäßigkeit um den Körper seines Weibers vor mehr als dreißig Jahren oder die Körper anderer Weiber, die heute keine dreißig waren, drehte. Er blickte sich in dem kleinen Waldstück um, welches sie nun erreicht hatten. Sein Pferd und er. An den Rändern des Weges lagen hohe Baumstämme, gefällt und aufeinandergeschichtet, weitere Bäume am Rande waren mit weißer Farbe markiert. Der Regen hatte zugenommen, zog lange Flüsse aus braunem Schlamm durch die Rillen am Wegesrand. Ein Rascheln war zu hören. Godwin sah in die Richtung des Raschelns, doch nichts zeigte sich. Godwin hätte schon geglaubt, dass er sich getäuscht hatte, dass er von der Reise müde und erschöpft war. Erneut wollte er das Pferd antreiben, doch der alte Gaul bewegte sich nicht. „Komm schon du verdammtes…“ er trieb die Fersen in die Flanken, doch das Tier scheute nur auf, warf Godwin von sich, der mit einem krachen auf dem Boden aufschlug und schrie, als er sah was der Sturz mit seinem Bein angerichtet hatte. Er schrie, als er sah was sich ihm nährte. Schrie, als die Wurzeln ihn packten, schrie als sich die Raben auf ihn stürzten. Er schrie nicht mehr als die Wölfe kamen. Konnte nicht mehr schreien.


Auf unbekannten Pfaden

Vorwort

Die Handlung der folgenden Geschichte setzt direkt nach den Ereignissen von ‚Das letzte Gefecht‘ ein und erzählt die abenteuerliche Reise der Greifen, nachdem sie durch das Portal geflohen sind.

Auf unbekannten Pfaden

Metagame von Peter

Winter 1280

Kapitel 1 – Flucht

Blaue Blitze bildeten sich um den Portalkreis und durchzuckten den Innenhof im alten Teil von Kaer Iwhaell. Die Szenerie vor seinen Augen schien zu verschwimmen, und einen Augenblick später umhüllte ihn absolute Dunkelheit. Ein inneres Gefühl der Zerrissenheit überkam ihn. Sein Körper fing an zu kribbeln und zu stechen, als wenn er in einem Ameisenhaufen liegen würde. Der Zustand hielt eine gefühlte Ewigkeit an. Atheris traute sich weder zu atmen noch sich in irgendeiner Form zu bewegen, sofern er dies überhaupt hätte tun können. Wie lange der Portalsprung dauerte, konnte er nicht sagen, denn er hatte jegliches Gefühl für Raum und Zeit verloren. Erst als der Portalkreis erneut anfing blaue Blitze zu erzeugen, und sich das Ganze zu einem wahren Lichtinferno entwickelte, endete der Spuk in einer grellen Lichtexplosion, die dem Nilfgaarder alle Sinne raubte.

Nachdem sich das bunte Nachbild vor dem inneren Auge des Hexers verflüchtigt hatte, umhüllte ihn erneut die absolute Finsternis. Sein Puls raste, der Atem war flach und schnell, seine sonst so ruhigen Hände zitterten wie Espenlaub. Atheris versuchte sich zu sammeln, als ihn ein würgendes Geräusch, sowie der darauffolgende Gestank von Gallenflüssigkeit und Erbrochenen aus seiner Starre riss. „Damit wäre der Beweis erbracht, dass wir offensichtlich nicht tot sind!“ merkte Atheris trocken und erntete zustimmendes Gemurmel. „Heskor! Alles gut?“ fragte er weiter. Es war nur eine Vermutung von Atheris gewesen, aber der alte Assassine war derjenige unter ihnen, der mit gewirkter Magie nicht zurechtkam. „Hier hinten ist alles gut! Ich hoffe ich habe niemanden getroffen!“ erwiderte Heskor. „Wie wäre es mit ein wenig Licht?“ fragte Atheris in die Runde seiner Begleiter. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis der Nilfgaarder hörte wie ein Stück Stoff zerrissen wurde, dann wie geschickte Hände etwas bastelten und letztendlich das Tropfen einer Flüssigkeit. Mit einem leisen „Igni!“ entzündete Viktor seine improvisierte Fackel und die Dunkelheit verflog.

Mit seinen katzenhaften Augen reichte Atheris das wenige Licht, um sich einen guten Überblick zu verschaffen.  Zunächst war er erleichtert zu sehen, dass alle Greifen den Sprung durch das Portal geschafft hatten. Auch konnte er zumindest auf den ersten Blick keine schweren Verletzungen bei seinen Freunden erkennen. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass bei der Gruppe alles in Ordnung war, konzentrierte er sich auf den Raum in dem sie sich befanden. Er war fensterlos, das Gewölbe etwa zehn Schritt hoch und die Wände bestanden aus hellen Sandsteinquadern. Zwei dicke Säulen hielten das große Gewölbe in der Mitte, sie waren mit Früchten verziert und auf ihnen standen Worte, die Atheris nicht lesen konnte. Nur ein Tor schien aus diesem dunklen Raum zu führen und es war durch eine schwere Tür verschlossen. Direkt neben ihm befanden sich drei bronzene Feuerschalen, die in einem Dreieck um das Portal herum angeordnet standen. Apropos Portal, Atheris fiel auf, dass die vorher lose auf dem Boden ausgelegten Portalsteine nun auf in den Boden eingelassenen Sockeln ruhten … „seltsam!“ entfuhr es dem Hexer, als er die Konstellation betrachtete, und er zog die rechte Augenbraue leicht nach oben. Dies tat er meistens, wenn er sich etwas nicht erklären konnte. Er bemerkte Logan, wie er seinen Dolch durch die Luft schneiden sah. Dieser bemerkte den Blick des Nilfgaarders. „Ich denke wir können aus dem Portalkreis gefahrlos heraustreten!“ stellte der Blondschopf mit ernster Miene fest. Kein Wunder, so lag doch zu Logans Füßen der abgetrennte Kopf eines Fanatikers, der noch vor wenigen Augenblicken genau in dem Moment zum Angriff auf sie angesetzt hatte, als sich das Portal aktivierte. Wie durch eine unsichtbare, scharfe Klinge hatte sich der Körper von dem Kopf getrennt. Mit der Gewissheit, den Kreis sicher verlassen zu können, machten sich Atheris und seine Begleiter daran, den Raum weiter zu erkunden. Zunächst kümmerte sich sein Freund Raaga um die Feuerschalen, indem er zunächst daran roch und anschließend die zähe Flüssigkeit zwischen Daumen und Zeigefinger etwas verrieb. Zufrieden gab er Viktor und Atheris mit einem kurzen Nicken zu verstehen, dass er keine Bedenken hatte, die Flüssigkeit zu entzünden. Die drei Hexer entzündeten das Feuer in einer fast perfekten Synchronisation  mit dem Hexerzeichen ‚Igni‘. Das warme Licht des Feuers auf dem hellen Stein wirkte friedlich. Bei genauerer Betrachtung, konnte Atheris erkennen, dass die Steine der Wände in einem schlechten Zustand waren, überall taten sich feine Risse auf und die dicke Staubschicht auf dem Boden gab ihm deutlich zu verstehen, dass sie hier die ersten Besucher seit einer sehr langen Zeit waren.

Erst jetzt bemerkte Atheris, wie etwas Warmes von seiner linken Hand auf den Boden tropfte, es war Blut, sein Blut! Wie die anderen Hexer war auch der Nilfgaarder nicht ohne Blessuren aus dem Gefecht um Kaer Iwhaell davongekommen. Die Wunde befand sich am Übergang zwischen seiner Schulterplatte und der Ellenbogenkachel. Das war die Quittung dafür, dass er für eine höhere Beweglichkeit auf die schwerere Panzerung verzichtet hatte. Zumindest war es ein sauberer Schnitt von einer scharfen Waffe gewesen und würde nur eine kleine Narbe hinterlassen. Ansonsten hatte er Glück gehabt, die alten Teile seiner schwarzen Rüstung hatten ihn vor den schlimmsten Verletzungen geschützt. Raaga hatte es deutlich übler erwischt, eine Speerspitze musste ihren Weg durch seine Deckung gefunden haben und hatte sich in seine rechte Seite gebohrt. Im Fackelschein war ihm diese Wunde bei seinem Zunftbruder nicht aufgefallen, aber inzwischen hatte das Blut die Tunika dunkelgefärbt und somit die Verwundung offenbart.

Atheris ging von Logan gefolgt zum Tor und betrachtete die alte, massive Tür genauer. „Verschlossen!“ stellte er fest, als er an der Tür rüttelte. Er schaute zurück zu Heskor. Der Mann für solche Fälle hatte die Folgen des Portalsprunges noch nicht überwunden, er saß neben Nella auf dem Boden und ließ sich seine letzte Mahlzeit erneut durch den Kopf gehen. „Also schön Logan, dann eben auf die nicht feine Art!“ schmunzelte er, ging einen halben Schritt zurück … suchte sich einen festen Stand und trat mit aller Kraft gegen das alte Holz. Ein lautes Knacken war zu hören und einige Risse wurden sichtbar. Logan stellte sich neben den großen Nilfgaarder und sie wiederholten es gemeinsam. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, die beiden hatten einige Bretter lose getreten und nach einem dritten Kraftakt war es ihnen möglich, drei Bretter aus der unteren Hälfte der Tür zu entfernen, so dass Logan hindurch schlüpfen konnte. Mit einem rostigen Klacken öffnete sich der Schließmechanismus und der Weg war frei. Zufrieden ging Atheris zurück zum Portalkreis und kniete sich neben Nella, die auf ihrem roten Mantel gebettet neben Heskor lag. Ihr Atem ging ruhig und das Herz schlug zwar langsam aber dafür kräftig. Er hatte gesehen, wie sie bei der Schlacht um Kaer Iwhaell mehrere Feuerbälle auf die Angreifer losgelassen hatte … blind vor Wut, weil die Fanatiker ihren geliebten Valerian auf einem Scheiterhaufen verbrennen wollten. Er hatte nicht viel Ahnung von Magie, aber vermutlich litt sie an einer Art magischer Erschöpfung … falls es sowas überhaupt gab. Atheris erhob sich langsam, zumindest war sie für den Moment nicht Gefahr und transportfähig. Als letztes ging er zu seinem treuen Streitross Ker’zaer, der schwarze Hengst stand ruhig am Rande des Portals und kaute an einem Stück Schwarzbrot, das er aus einer der kaputten Proviantkisten gezogen hatte. „Sheyss!“ fluchte er, als er realisierte, dass einige der Ausrüstungskisten und Taschen kaputt waren. Ob sie durch den Portalsprung oder während der Schlacht in Mitleidenschaft gezogen worden waren, konnte er nicht sagen … vermutlich beides. Schlecht gelaunt strich Atheris seinem Pferd beruhigend durch die dichte schwarze Mähne und klopfte ihm dann zum Schluss auf den muskulösen Hals. Nachdem die anderen sich auch wieder zusammengefunden hatten und es in diesem Raum nichts weiteres Aufregendes zu entdecken gab, setzte sich Atheris auf eine größere Tasche. Seine Gedanken wanderten für einen Moment zu Meister Valerian, sie hatten ihn vor der Burgmauer mitten im Schlachtgetümmel auf dem Rücken eines Trolles zurücklassen müssen. Ob er entkommen war?

Die knurrige Stimme von Raaga riss ihn zurück ins hier und jetzt. „Atheris, ich denke es ist Zeit zu gehen! … Lass uns rausfinden, was uns außerhalb dieser Wände erwartet!“ Der Nilfgaarder blickte zu dem bärtigen Skelliger auf, der mit seiner geschulterten Axt bereit für den Aufbruch schien. „Raaga … ich weiß du bist hart im Nehmen, aber du solltest dich zuerst um deine Wunde kümmern. Du bist inzwischen verdammt bleich, selbst für einen Skelliger, der die Sonne nur aus Erzählungen kennt!“ antwortete Atheris. Raaga schien zum ersten Mal Kenntnis von seiner Verletzung zu nehmen und brummte zustimmend. Er kniete sich ohne weitere Worte auf den Boden, zog aus einer unscheinbaren Tasche an seinem Gürtel eine Nadel, einen stabilen Faden aus Tierdarm und ein sauberes Stück Stoff. Während sich Raaga daranmachte, die Wunde mehr oder weniger schön zu nähen, tastete Atheris nach einem kleinen Fläschchen, das er für gewöhnlich an seinem linken Beinholster befestigt hatte. Seine Hand fand geübt das gesuchte Objekt, und er warf dem Skelliger den roten Trank mit der Aufschrift ‚Schwalbe‘ zu. „Geh kein Risiko ein Raaga, die Wunde scheint tief zu sein und womöglich hast du auch innere Verletzungen!“ erläuterte Atheris. Mit den Zähnen zog der Skelliger den Korken aus der Flasche und entleerte die Flüssigkeit in einem Zug. Sofort begann der Hexertrank seine Wirkung zu entfalten, mit der Folge, dass sein Gesicht noch bleicher wurde und seine Adern pulsierend hervortraten. Jeden ‚normalen‘ Menschen würde die Einnahme dieses Trankes das Leben kosten. Einzig der veränderte Metabolismus der Hexer ermöglichte ihnen, sich auf diese Art zu heilen. „Logan!“ rief Atheris und der blonde Jüngling, der gerade dabei war mit Egon die Portalsteine aus den Sockeln zu entfernen und in eine Kiste zu verstauen, blickte zu ihm auf. „Logan, lass uns schauen, was hinter der Tür auf uns wartet!“ fuhr der Nilfgaarder fort.

Eine etwa drei Schritt breite, verstaubte Rampe führte die beiden nach oben. Tiefe Spuren im Boden zeugten davon, dass hier schwere Wägen auf und abgefahren sein mussten. Ob die Bewohner den Portalraum für den Gütertransfer genutzt hatten, fragte sich Atheris. Zumindest würden sie keine Probleme damit haben, ihre Ausrüstung und Ker’zaer hier hoch zu bekommen. Der Weg nach oben endete vor einer weiteren massiven Flügeltür. „Wieder verschlossen!“ fluchte Atheris, als er die schweren Riegel bewegen wollte. Auch mehrmalige Tritte der beiden Hexer blieben wirkungslos. „Tritt mal beiseite, Logan!“ sagte Atheris und ging ebenfalls drei Schritt zurück und fing sich an zu konzentrieren. Nachdem er genügend Energie gesammelt hatte, wirkte er das Zeichen ‚Aard!“ und ließ die Druckwelle gegen die Tür peitschen … die gewünschte Wirkung blieb allerdings aus. „Warte kurz auf mich, Atheris!“ rief Logan, der sich bereits auf den Rückweg zum Lager befand. Kurze Zeit später kam er mit einer Flasche wieder. „Hey, hast du etwa den guten Wein darin weggekippt?“ beschwerte sich der Nilfgaarder, als er eine seiner Weinflaschen erkannte. Logan zog nur entschuldigend die Schultern hoch und hielt ihm die Flasche hin, aus der oben ein Stück Stoff rausragte. „Könntest du bitte?“ fragte der junge Hexer und Atheris entzündete mit einem kleinen ‚Igni‘ die provisorische Lunte. Aus sicherer Entfernung warf er dann die Flasche gegen die Tür. Mit einer Explosion zerbrach die Flasche in tausend Scherben und die nun brennende Flüssigkeit verteilte sich über die Tür. Die Hitze war so hoch, dass es nicht lange dauerte, bis das Holz der Tür zu glühen anfing. Der Rauch brannte Atheris unangenehm in den Augen und das Atmen wurde schwerer. Die Nase in der Ellenbeuge versteckt beobachteten die beiden Hexer, wie das verkohlte Holz endlich nachgab. „Stronthe!“ entfuhr es Atheris, als er sah, wie eine Sandlawine sich ihren Weg durch die Öffnung bahnte. Schnell wichen die beiden zurück und nach etwa zwanzig Schritt kam die Lawine zum Stehen. Vorsichtig traten die beiden durch die verkohlten Überreste der Tür, die nur noch lose in den Angeln hing.

Augenblicklich brannte den beiden die heiße Sonne mitten ins Gesicht. Atheris musste sich erneut die empfindlichen Augen reiben und es dauerte einen Moment, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Sie befanden sich am Rande eines Innenhofes, der von einer alten dicken Mauer umgeben war. Die einstmals kunstvollen Verzierungen des Säulenganges, der den Hof umschloss, waren verwittert und die Männerstatue, die im Hof stand, hatte ihren Kopf und die Gliedmaßen verloren. Vermutlich würde man diese im Sand wiederfinden, der die Figur bereits bis zu den Knien verschlungen hatte. „Verdammt lange war hier niemand mehr!“ stellte Atheris nüchtern fest. „Das Leben großer Menschen erinnert uns daran, dass wir unser Leben erhaben leben und beim Abschied unseren Fußabdruck im Sand der Zeit hinterlassen können!“ zitierte Atheris einen alten Spruch, den er im Kastell Graupian in seiner Heimat gelernt hatte. Ein Fußabdruck im Sand der Zeit … der Sand der Zeit hatte dies alles hier in Vergessenheit geraten lassen. Atheris löste sich von seinen Gedanken und prüfte mit wachem Auge weiter die Umgebung. Der Keller, aus dem sie soeben geschritten waren, gehörte zu einem großen fünfstöckigen Palais, dessen Dach eine zerborstene Kuppel bildete. „Von da oben sollten wir eine gute Aussicht haben, Logan!“ Atheris zeigte auf einen Balkon im vierten Stock, der zumindest von unten noch stabil aussah. Mit aller gebotenen Vorsicht arbeiteten sich die beiden Hexer durch die Räumlichkeiten nach oben. Vorbei an vom groben Sand geschliffenen Säulen und Mosaiken … vorbei an zersplitterten Vasen und Skulpturen … über mit Sand bedeckte Treppenstufen und Hallen … der Sand … wie ein riesiges Leichentuch hatte er das einstige Leben hier bedeckt. Es dauerte länger als gedacht bis zum Ziel vorzustoßen, immer wieder mussten sie Umwege in Kauf nehmen, da Wände eingestürzt oder Treppen ihre Last nicht mehr tragen konnten. Endlich setzte Atheris seinen Fuß auf den Balkon … er hielt.  „A d’yaebl aép arse!“ fluchte Atheris und Logans Gesichtsausdruck verdeutlichte, dass der Blondschopf es nicht anders beurteilte. Zu ihren Füßen lag eine ganze Stadt, die zu ihrer Blütezeit gut und gerne fünftausend Seelen beheimatet haben durfte. Die großen und kleinen Gebäude mussten in einem noch schlechteren Zustand sein als der Palais, durch den sie sich soeben gekämpft hatten … und über allem lag Sand. Die Stadt wurde umschlossen von einer breiten Stadtmauer, die im Verhältnis zu den anderen Objekten, relativ gut erhalten war. Was hinter der Stadtmauer zu sehen war, ließ den beiden Hexern das Herz in die Hose rutschen. Nichts … absolut nichts … Sand! „In was für eine verdammte Scheiße sind wir hier geraten?“ fragte Logan und starrte zum Horizont.

Kapitel 2 – Erkenntnisse

Zurück in der Portalkammer berichteten die beiden Hexer den anderen Greifen von den gemachten Entdeckungen. Nachdem diese den ersten Schock verdaut hatten und sie über ihre Lage kurz debattiert hatten, packten sie alles, was ihnen als Ausrüstung nach der Flucht von Kaer Iwhaell geblieben war zusammen und schlugen ihr neues Lager in der großen Eingangshalle des Palais auf. Tageslicht und frische Luft waren trotz der hohen Temperaturen, die hier draußen herrschten, der Dunkelheit und der stickigen Luft im Portalraum vorzuziehen. Im Innenbereich des großen Gebäudes war die inzwischen hoch am Firmament stehende Mittagssonne noch erträglich. Anders sah es aus, wenn man aus dem Schatten trat. Der direkte Kontakt mit dem Licht der Sonne ließ die Haut förmlich verbrennen. Es war so unerbittlich heiß, dass sich nicht mal ein Schweißfilm auf der Haut bildete und somit die kühlende Wirkung ausblieb. Atheris hatte von solchen Temperaturen gehört und nun wünschte er sich, dass es dabeigeblieben wäre. „Weit werden wir mit unseren Wasservorräten bei dieser Hitze nicht kommen!“ stöhnte Raaga, der unter der Sonne am meisten zu leiden schien. Seine weiße Haut hatte sich schon nach wenigen Momenten in der Wüstensonne rot verfärbt. „Atheris … Logan … Viktor … Egon! Ihr zieht los und durchkämmt die Stadt! Wir müssen etwas finden, was uns weiterhilft … Karten … Essen … Ausrüstung … alles was uns helfen könnte. Bei Einbruch der Nacht treffen wir uns wieder hier und fällen eine Entscheidung, wie wir weitermachen!“ fasste Raaga die Ergebnisse einer vorangegangenen Diskussion zusammen.

Um ein größeres Gebiet in der verbliebenen Zeit bis zum Sonnenuntergang abdecken zu können, zogen die Hexer jeweils alleine los. Wenig später fand sich Atheris einsam in der Häuserschlucht nach Norden wieder. Es war befremdlich auf dem weichen Sand durch die Ruinen der Stadt zu streifen. Immer wieder betrat Atheris Gebäude, bei denen sein Bauchgefühl ihm sagte, dass es hier vielleicht etwas zu holen geben könnte, aber dem war nicht so. Vieles lag unter einer meterdicken Schicht aus Sand und der machte es nahezu unmöglich, die unteren Räumlichkeiten zu untersuchen. Ab und an fand er Dinge aus dem alltäglichen Leben der einstigen Bewohner, nichts besonders oder etwas, was sie gebrauchen konnten … ein Löffel, eine kleine Holzkatze und einen Puppenkopf aus Ton. Wo waren sie geblieben, was ist hier vor langer Zeit vorgefallen? Vielleicht hatte sich die Stadt in Mitten einer blühenden Oase befunden und nachdem die Quelle versiegt war, musste die Stadt geräumt worden sein. Zumindest fand er keine sterblichen Überreste bei seiner Suche. Atheris konnte nicht mehr sagen, wie viele Straßenzüge und Gebäude er ohne einen nennenswerten Erfolg durchsucht hatte. „Hoffentlich haben die anderen mehr Glück als ich!“ stöhnte er, als er erneut ein Gebäude erfolglos verlassen hatte und zurück auf die Straße trat. Es war unmöglich, bis zum Sonnenuntergang alles abzuklappern und mit jedem Schritt wich die Hoffnung weiter. „Aen iarean nyald aep kroofeir!“ brummte er fast schon resignierend, als ihm ein Gebäude am Ende einer schmalen Seitengasse ins Auge fiel. Im Vergleich zu den anderen Häusern hatte es nicht das hier typische Flachdach, sondern war als ein großer, breiter und runder Turm angelegt. Das Dach war ähnlich wie beim Palais eine Kuppel und bestand aus einem Metall … vielleicht Kupfer? Atheris beschleunigte seinen Schritt und eilte auf das überraschend gut erhaltene Tor zu. „Verzinkt!“ stellte der Hexer fest, als er die Tür etwas genauer untersuchte. Sie stand einen Spalt offen und war durch den Sand blockiert. Die Öffnung war breit genug, dass Atheris ohne Probleme hindurchschlüpfen konnte – die langsamen Bewegungen im Sand hinter ihm bemerkte er dabei nicht.

Es überraschte ihn nicht, dass es im Erdgeschoss wie in den bisherigen Häusern wenig zu entdecken gab. Es herrschte ein wildes Durcheinander und falls es hier jemals etwas Wertvolles gegeben haben sollte, so waren Plünderer oder die Naturgewalten inzwischen am Werk gewesen. Enttäuscht nahm er die alte hölzerne Wendeltreppe in das obere Stockwerk. Hier sah es deutlich besser aus. Alte Tische und Gerätschaften, deren Sinn und Zweck dem Hexer verborgen blieben, standen in einem kleinen Raum … vielleicht war es mal das Labor eines Wissenschaftlers gewesen … oder eines Magiers? Die Behälter, die er in einem Wandschrank fand, waren nicht mehr brauchbar … die Flüssigkeiten über die Jahrzehnte verdunstet und der Rest hatte die Haltbarkeit weit überschritten. Interessant waren einige vergilbte Pergamente, die in einem Fach im Schrank fein säuberlich sortiert abgelegt waren. Als Atheris sie musterte, erkannte er, dass es sich um verschiedene Sternenkonstellationen handelte … Sternzeichen! Atheris machte große Augen. „Aen Ard Feainn!“ rief er auf einmal freudig aus. Er war sich ziemlich sicher, dass er einige von ihnen kannte, was bedeutete, dass das Portal sie zumindest auf ihre eigene Welt gebracht hatte. Hoffnung keimte in dem Hexer auf und aufgeregt suchte er weiter in den Schriftstücken … die langsame Bewegung an der Treppe nahm er dabei nicht wahr. Enttäuscht legte Atheris das letzte Dokument beiseite, er hatte keine weiteren Hinweise finden können. Nun gut, es gab ja noch ein Stockwerk. Eine recht enge, diesmal eiserne Wendeltreppe führte ihn direkt unter die Kuppel. Durch eine große rundliche Öffnung drang das Sonnenlicht in den ansonsten fensterlosen Raum. In der Mitte musste etwas Großes gestanden haben, zumindest ließ der Sockel, der sich dort am Boden befand, dies vermuten – eines von diesen Ferngläsern? Atheris kannte die Apparaturen, dieses hier musste aber Jahrzehnte alt gewesen sein. Eine verlorene Hochkultur?  Dieser Ort hier war wirklich merkwürdig. Vor dem leeren Sockel befand sich eine alte ebenfalls verzinkte Kiste. Eine vergilbte Papierecke lugte aus der Seite hervor – es sah aus wie der Rand einer Karte. Atheris kniete sich vor die Entdeckung und betrachtete das Vorhängeschloss … es war nicht verzinkt. Mit dem Knauf seines Dolches schlug er dreimal kräftig gegen das verrostete Ding und es gab nach. Es war in der Tat eine Karte, und die Schrift auf ihr kam ihm verdächtig bekannt vor … fast wie elfisch. Das alleine war aber keine große Erkenntnis, denn die Sprache vieler menschlicher Länder basierte auf der Sprache des alten Volkes. Seine Heimat Nilfgaard ging sogar einen Schritt weiter und sah sich in direkter erblicher Nachfolge zu der einstigen Hochkultur dieser Wesen. Die heute lebenden Elfenvölker waren hingegen nur noch ein Schatten ihrer Vorfahren. In den nördlichen Kriegen hatte er mal eines ihrer Dörfer besucht und er war alles andere als angetan gewesen. Er schweifte schon wieder ab. Endlich kam es ihm wieder, Saleha, eine Alchimistin aus Ophir und Freundin der Greifenschule, hatte ihm vor einigen Monaten ein Forschungsdokument über die Mutationen der Hexer gezeigt. Die Schrift … die Sternbilder … die Wüste und nicht zuletzt der Baustil … wie Schatten fiel es Atheris von den Augen … natürlich, sie mussten in Ophir sein! Der anfänglichen Freude folgte sogleich eine bittere Erkenntnis. Viel wusste er über die Länder, die weit südlich des Kaiserreiches lagen nicht, außer dass der Großteil des Landes aus Felsen und Sandwüsten bestand, also keine gute Aussicht, aus dieser Gluthölle schnell zu entkommen.

Ein leises kaum hörbares kratzendes Geräusch ließ ihn aufblicken … war da was? Seine scharfen Augen suchten den Raum ab, aber er sah nichts Auffälliges. Er packte die Karte vorsichtig zusammen und steckte sie in die Tasche, die er an seinem Brustgurt befestigt hatte. Ein Gelehrter hätte vielleicht noch so manchen Schatz in dieser Truhe finden können, aber die Sonne hatte den Horizont erreicht, und die Zeit drängte. Atheris machte sich auf den Weg zurück zum Treffpunkt und stieg die die enge Wendeltreppe wieder hinab. Ein zweites Geräusch ließ ihn auf der untersten Treppenstufe verharren und seine Hand wanderte an seine Brust, wo sein großer Jagddolch befestigt war. Wieder blickte er sich um, doch auch diesmal konnten seine Sinne die Quelle nicht ausfindig machen … seltsam! Atheris schüttelte den Kopf, vielleicht spielten ihm seine Sinne wegen der Hitze und des Wassermangels einen Streich. Vorsichtig nahm er die letzte Stufe und genau in dem Moment, wo er seinen Fuß auf dem Boden absetzte, griff etwas nach seinem Knöchel und ihm wurde der Fuß weggezogen. Den Sturz fing der Hexer mit einer Schulterrolle ab, krachte aber gegen ein altes Wandregal, das über ihm zusammenbrach. „A d’yaebl aép arse!“ schimpfte Atheris, als er sich wieder aufsetzte und seinen Kopf abtastete. Es war nur seinen schnellen Reflexen zu verdanken, dass er diesen nicht verlor. Ein wurmartiges Wesen war unter der Treppe hervorgeschnellt, und hatte mit seinem kreisrunden Maul, das gespickt war mit kleinen spitzen Zähnen, versucht seinen Kopf abzubeißen. Erst im letzten Moment hatte er sich über die rechte Schulter kippen lassen, so dass der Wurm nur den Boden erwischte. Mit einem kräftigen Tritt gegen den vermeintlichen Kopf schickte der Hexer das Wesen zu Boden und mit zwei kräftigen Stichen seines Dolches versicherte er sich, dass es dort auch blieb. Gerade als er sich zum Gehen anschickte, kamen hinter einem der Regale zwei weitere dieser Viecher hervorgekrochen. Atheris wich ihnen aus und versuchte zur Holztreppe, die nach unten führte zu gelangen, aber als er sie erreichte, war die Treppe bereits übersät von diesen Monstern, die ihren Weg nach oben suchten … gerade Wegs zu ihm. Der Hexer machte drei schnelle Schritte zum Fenster, aber die beiden Würmer, die bereits auf dem Stockwerk waren, schnitten ihm den Weg ab. „Oh Mann, ihr seid echt ekelig!“ schimpfte er, während er sich rückwärts zur eisernen Treppe bewegte und langsam die Stufen hinaufstieg – und die Würmer folgten ihm. Er erhöhte seine Geschwindigkeit – und seine Verfolger passten sich ihm an. Atheris erreichte wieder das dunkle Dachgeschoss und seine Aufmerksamkeit richtete sich sofort auf die Öffnung im Dach.

Schnell kletterte er auf den massiven Sockel, ging tief in die Knie, schätze die Entfernung ab und Sprang. Schon in der Luft wurde ihm bewusst, dass er es nicht schaffen würde, seine Fingerkuppen streiften zwar den Rand, aber es reichte nicht aus, um einen Halt zu gewinnen und so stürzte er wieder zurück in den Raum zu den Würmern. Die Landung war hart, aber mit einer geschickten Rolle konnte er schlimmere Verletzungen verhindern. Die zahlreichen Viecher stürzten sich augenblicklich auf die Stelle, bei der er aufgekommen war … nicht aber auf ihn. Bewegungslos verharrte er an Ort und Stelle, beobachtete seine Jäger und suchte einen Ausweg.

Die Wesen besaßen weder Augen noch Ohren … kleine Stacheln, vielleicht Fühler waren überall an ihren zylindrischen Körpern zu finden … riechen konnten sie vermutlich nicht, oder zumindest nicht gut, sonst hätten sie ihn schon längst wittern müssen. Ein besonders großes Exemplar ahnte sich seinen Weg die Treppe hinauf. Die kleineren Artgenossen wichen dem schweren Körper aus, um nicht zerquetscht zu werden. Es war gut und gerne sieben Schritt lang und ein Schritt breit. Als dieser ‚Große‘ über den Sockel glitt, fasste sich Atheris ein Herz und nutzte den Moment. Er drückte sich fest vom Boden ab und mit drei weiten Sätzen überwand er die Entfernung zum Sockel, sprang auf die dicke Wulst des Wurmes und von dort in Richtung Dachöffnung. Diesmal bekam er die Kante zu fassen, und mit einem Klimmzug hievte er sich gerade noch rechtzeitig durch die Öffnung, um nicht von dem Riesenvieh verschlungen zu werden. Mit einer Hand hielt er sich am Kuppeldach fest, während sich der große Wurm durch die Öffnung schlängelte … er suchte den Hexer, konnte ihn aber trotz der Nähe nicht spüren. Reglos hing Atheris an der Kuppel und überlegte seinen nächsten Schritt. Er musste sich entweder seinem Häscher entledigen oder aber einen Fluchtweg finden. Seine Augen suchten die Kuppel ab, fanden aber keinen Weg hinunter auf die Straße. Einzig ein halsbrecherischer Sprung auf das Nachbargebäude versprach eine erfolgreiche Flucht. Es wurde Zeit, seiner Hand verlor langsam den Halt. Mit der freien Hand zog er langsam und vorsichtig die Silberklinge vom Rücken. Als er das vertraute Gewicht in seiner Hand spürte, setzte er seine Füße auf und begann die Kuppel hinunterzurennen. Als er eine Lücke zwischen den Panzersegmenten des Wurmes erspähte, stieß er die Klinge bis zum Heft in den Körper, drehte sie um und zog sie wieder hinaus. Der ‚Große‘ quittierte das mit einem lauen Schrei und der Kopf fuhr blitz schnell in seine Richtung. Jetzt wurde es Zeit, und er rannte erneut los und als er die Kante des Daches erreichte, passte er den richtigen Moment ab und flog durch die Luft. Eine gefühlte Ewigkeit dauerte die Flugphase, bevor er unsanft auf dem Dach landete und sich mehrfach abrollte. „Gloir aen Ard Feainn! Was für ein Satz!“ freute er sich, als er feststellte, dass er noch lebte. Er blickte zurück zur Kuppel und vergewisserte sich, dass er nicht verfolgt worden war. Um dennoch kein weiteres Risiko einzugehen, legte er den Weg bis zur Hauptstraße über die flachen Dächer zurück, was sich als ziemlich einfach erwies. Bei den in seiner Heimat üblichen Giebeldächern wäre ein solches Unterfangen deutlich schwerer gewesen.

Als die Sonne den Horizont berührte, erreichte Atheris das provisorische Lager. Die anderen warteten bereits auf ihn, und als er an den Kreis seiner Freunde herantrat, strahlte die Abendsonne ein letztes Mal hell auf. Raaga schmunzelte, „Man könnte meinen, du machst das mit Absicht, dass du als Nilfgaarder mit dem Sonnenschein im Rücken den Raum betrittst!“.

Kapitel 3 – Durch die Hölle

Die Karte, die Atheris gefunden hatte, erwies sich nur als bedingt nützlich, da sie nicht sicher sagen konnten, wo sie sich befanden. Ein möglicher Hinweis waren die eingezeichneten Städte auf der Karte, in deren Mitte ein stilisiertes und für die Stadt markantes Gebäude eingezeichnet war. Eine der Zeichnungen sah dem Palais ähnlich, indem sie sich befanden. Einen weiteren Hinweis lieferte Viktors Entdeckung am Westtor. Eine gut erhaltene, mit großen Steinen gepflasterte Handelsstraße führte von dem Tor in die Wüste. Eine der Wegmarkierungen wies zudem ein Zeichen auf, das dem über einer dicken eingezeichneten Handelsroute auf der Karte glich. Da sie nichts Besseres hatten, entschlossen sie sich diesem Weg zu folgen, da zumindest einige Oasen eingezeichnet waren und sie früher oder später an einer Stadt vorbeikommen mussten.

Im Gegensatz zu der Hitze, die ihnen tagsüber zugesetzt hatte, war die Nacht in der Wüste verdammt kühl. Dick eingepackt in seinen Mantel, bahnte sich Atheris zusammen mit den anderen Greifen seinen Weg durch die unwirtliche Leere der Wüste. Am Zügel führte er Ker’zaer, der eine von Heskor gebaute provisorische Pritsche zog, die neben der bewusstlosen Nella auch einen Teil des Proviants beförderte. Der Mond hatte fast seine volle Größe erreicht, und er spendete mehr als genug Licht, dass er sich in dieser fremden Umgebung zurechtfinden konnte. Hinzu kam, dass die alten Erbauer vor Jahrhunderten in festen Abständen mehrere Fuß hohe Wegemarkierungen gesetzt hatten, die zum Teil noch sichtbar waren, obwohl der Wüstensand die Pflastersteine unter sich begraben hatte.

Trotz der Kälte und dem tiefen, weichen Sand kamen sie in dieser ersten Nacht gut voran, und erst als die Morgensonne schon hochstand am Himmel stand und es anfing deutlich wärmer zu werden, machten sie halt und spannten ein improvisiertes Sonnensegel aus ihren Umhängen auf, unter dem sich alle zusammendrängten. Nach einem kargen, streng rationierten Mahl und etwas Wasser legten sich Atheris wie seine Begleiter zum Schlafen nieder. Gegen Mittag hatte die Sonne ihren höchsten Stand erreicht und brannte unerbittlich auf sie nieder. Die Hitze war inzwischen so unerträglich geworden, dass Atheris keinen Schlaf mehr fand. Ker’zaer, der schwarze Hengst, litt am schlimmsten, und der Nilfgaarder begann sich große Sorgen um sein treues Tier zu machen. „Die Wasserreserven werden schneller zu Ende gehen als gedacht!“ stöhnte Viktor, als er den letzten Tropfen aus einem der Wasserschläuche trank. Atheris war inzwischen schon so erschöpft, dass er schon nicht mal mehr nickend zustimmen wollte. Wie in einem Delirium wartete er darauf, dass die glühende Sonne endlich am Horizont verschwinden würde, und er erwischte sich sogar dabei, wie er sich eingestand, dass die verregneten und vereisten Fjorde von Skellige schöner waren als das hier. Nach einer gewühlten Ewigkeit zog endlich die Kühle der Nacht heran und die Temperaturen wurden angenehm. Schnell packten sie das improvisierte Lager zusammen und zogen in die Dunkelheit weiter nach Westen. Trotz der körperlichen Strapazen und der bitteren Kälte empfand Atheris die Nacht als wohltuend, und den anderen Greifen schien es ähnlich zu ergehen. Auch in dieser zweiten Nacht kamen sie für sein Gefühl gut voran und die Hoffnung lebte, dass sie diesen Glutofen verlassen konnten, bevor sich die Vorräte dem Ende zuneigten. Leider hatte Nella nicht ihr Bewusstsein wiedererlangt, und so lag sie auch in dieser Nacht in eine dicke Decke eingepackt auf der Pritsche und nur ihre spitzen Ohren bewegten sich im Rhythmus des Pferdes. Atheris begann sich langsam ernsthafte Sorgen um ihre Gesundheit zu machen. Er kannte sich mit der Anatomie der Elfen nicht wirklich gut aus und konnte nicht abschätzen, wieviel Wasserverlust sie ertragen konnten, aber ihr inzwischen fahles, eingefallenes Gesicht sprach Bände. Immer wieder versuchten sie ihr Wasser einzuflößen, aber das gelang ihnen nur bedingt. Sie waren so verzweifelt, dass sie sogar die Möglichkeit diskutierten, ihr einen Hexertrank zu verabreichen, doch die Idee verwarfen sie schnell wieder, zu ausführlich und eindeutig waren Valerians Ausführungen im Alchemie Unterricht gewesen, dass für jemanden ohne die notwendigen Mutationen die Elixiere das reinste Gift darstellten. Die Stimmung erreichte ihren absoluten Tiefpunkt, als die Morgendämmerung einsetzte. Atheris ärgerte sich, sein gutes Gefühl hatte ihn getäuscht. Sie hatten fleißig die Steinmarkierungen gezählt, die sie passiert hatten, und es sah so aus, als ob sie eine deutlich geringere Strecke zurückgelegt hatten, als in der vorangegangenen Nacht. „For helvede! So kommen wir hier nicht raus!“ schimpfte Raaga beim erneuten Aufbau des Sonnensegels. „Wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren, mein Freund!“ antwortete Viktor in seinem, für ihn typischen, ruhigen Tonfall. Als die Sonne höher stieg und die Temperaturen erneut brutal wurden, versuchte sich Atheris mit den Meditationstechniken, die er von Meister Valerian erlernt hatte, so gut wie möglich zu entspannen und seine innere Ruhe zu finden, aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. Völlig ausgelaugt machten sie sich am Abend erneut auf den Weg, in der Hoffnung, dass in dieser Nacht ein Wunder geschehen möge. „Verdammt, das war erst der zweite Tag in dieser Hölle!“ schimpfte Logan. „Wir halten durch, bis unsere Vorräte verbraucht sind, und wenn dann alle Stricke reißen, legen wir die Portalsteine wieder aus und probieren unser Glück eben erneut!“ antwortete Atheris, „ich habe wirklich keine Lust hier auf dem sandigen Boden als Gerippe unter dem Sand zu liegen oder von irgendeinem Wüstenwurm gefressen zu werden!“ fuhr er fort und Logan stimmte ihm zu. Immer wieder blickte Atheris in die Gesichter seiner Kameraden und sah, wie ausgelaugt und müde sie waren. Das harte Training von Valerian zahlte sich zumindest aus, denn in den Augen der Hexer konnte der Nilfgaarder die tiefe Entschlossenheit sehen, sich mit jeder Faser des Körpers gegen diese aussichtslose Situation zu stemmen, die Qualen zu überwinden und lebend aus diesem Glutofen zu entkommen.

Es war kurz vor Morgengrauen, als Atheris ein Geräusch vernahm, dass ihm die Nackenhaare aufrichten ließ … Würmer? Er schaute sich um, aber seine Augen fanden in dem fahlen Licht keine Hinweise. Zum dritten Mal errichteten sie ihr Lager und machten es sich so bequem wie möglich. „Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals eine flammende Sonne für ein schlechtes Zeichen halten könnte!“ stellte Atheris fest, dessen Heimatland genau dieses Symbol im Wappen führte. „Aen Ard Feainn! Dann soll es wohl so sein!“ seufzte er und ging zur Pritsche, suchte das Buch heraus, das er bereits vor einigen Tagen, während der Belagerung von Kaer Iwhaell erfolglos versucht hatte zu studieren und setzte sich unter das Sonnensegel. Falls sie keinen Weg aus dieser Wüste finden sollten, musste er wenigstens mehr über die Portalsteine herausfinden, sie könnten erneut die einzige Fluchtmöglichkeit bieten. Zu seinem Glück fanden die anderen ebenfalls keine Ruhe, und sie sinnierten gemeinsam über die Zeichnungen in dem Buch.

Gegen Mittag hatte es Atheris endlich geschafft etwas Schlaf zu finden, als er erneut das verdächtige Geräusch vernahm und aufschreckte. Er blickte sich um … keiner der anderen schien die Gefahr zu spüren. Es war Ker’zaers Schnauben, das Atheris dazu veranlasste, sich zu erheben, und langsam nach seiner Klinge zu greifen, die neben ihm in der Scheide auf dem Boden lag. „Atheris! Was ist los?“ flüsterte Raaga, der ihn mit einem offenen Auge musterte. „Die Würmer! Von denen ich euch erzählt habe!“ antwortete der Nilfgaarder…“ich glaube es sind welche hier!“. In einer flüssigen Bewegung erhob sich der Skelliger und gesellte sich mit seiner Axt an die Seite von Atheris.  Eine ganze Weile standen die beiden kampfbereit da und beobachteten den Sand um sie herum. Sie nahmen keine Bewegungen war und obwohl sie auf einen eventuellen Angriff vorbereitet waren, überraschte sie eines dieser wurmartigen Wesen:  Obwohl sie den Angriff erwarteten, waren sie dennoch überrascht, als eines dieser wurmartigen Biester aus dem Boden geschossen kam und versuchte, sich in Raagas Bein zu verbeißen. Reflexartig zog der Skelliger sein Bein nach oben und machte einen Hechtsprung zur Seite, wobei er einen Schrei von sich gab, der die Gefährten aus ihren unruhigen Träumen riss. Währenddessen führte Atheris einen schnellen Hieb mit seinem Schwert aus, traf auf die gezielte Stelle zwischen den Segmenten und schnitt den Wurm sauber in zwei Hälften … doch wider Erwarten fiel der Körper nicht sofort leblos zu Boden, sondern der vordere Teil setzte Raaga nach, während der hintere Teil wild zuckelte. Raaga beendete den Spuck, als er mit seiner Axt den Kopf des Wesens zertrümmerte. Auf einmal herrschte wieder Ruhe, keiner sprach ein Wort … der erlegte Wurm war Erklärung genug. Die Sonne brannte Atheris ins Gesicht und verursachte Kopfschmerzen. Der schwarze Hengst wurde unruhig und fing an mit den Hufen zu scharren. „A d’yaebl aép arse!“ fluchte Atheris und stürmte los zu seinem Pferd. Es dauerte keinen Wimpernschlag und der erste Wurm, der sich unter Atheris befunden haben musste, schoss nach oben. Raaga reagierte schnell und nagelte den Wurm mit seiner Axt fest, so dass er dem Nilfgaarder nicht nachsetzten konnte. Vier weitere der Biester schossen nun an die Oberfläche und hefteten sich an Atheris Fersen. Für einen kurzen Moment herrschte Chaos unter den Gefährten, aber die Routine im Kampf gegen die ungewöhnlichsten und seltsamsten Kreaturen war ihr Handwerk und Valerian wäre sicher Stolz auf sie gewesen. Mit kurzen gezielten Hieben und Stichen machten sie ihren Gegnern schnell den Garaus. Sie formierten sich unter dem Sonnensegel und warteten … aber nichts geschah. „Haben wir alle erwischt?“ fragte Logan nach einer Weile. „Ich glaube nicht … sie liegen auf der Lauer!“ antwortete Atheris im Flüsterton. Viktor nahm vorsichtig ein großes Stück von einem der erschlagenen Würmer und warf es einige Schritt weit entfernt auf den Sand. Augenblicklich wurde der Kadaver unter die Erde gezogen. „Verdammt!“ kommentierte Viktor die bittere Erkenntnis, die sie soeben gewonnen hatten. Es gab viele Jäger im Tierreich, die ihre Beute in die Enge trieben oder verletzten und dann warteten, dass sie starben oder so geschwächt waren, dass sie leichtes Spiel hatten. Inzwischen hatten die Viecher sicherlich gelernt, dass ihre Beute nicht leicht zu erlegen war und sie hatten ihre Taktik geändert. Vermutlich würden die Wesen, in deren natürlichen Habitat sie sich befanden, darauf warten, dass sie einen entscheidenden Fehler machten … die Zeit war auf jeden Fall auf ihrer Seite.

Als die Nachmittagssonne sich langsam wieder dem Horizont näherte und die abendliche Kühle die Gruppe durchschnaufen ließ, kam auch der Moment der Entscheidung. Lange genug hatten sie sich darüber ausgetauscht, was sie für Möglichkeiten hatten, während sie auf einen weiteren Angriff gewartet hatten … der aber nicht gekommen war. Sie hatten sich vorerst gegen eine erneute Nutzung des Portals entschieden und würden den Versuch wagen, sich durch die unbekannte Anzahl dieser Würmer zu schlagen in der Hoffnung, dass sie von ihnen abließen, wenn sie sich nur teuer genug verkauften. Atheris war das recht, er wollte lieber seinen eigenen Fähigkeiten vertrauen, als erneut sich auf einen glücklichen Zufall zu verlassen.

Gerade als sie sich wieder marschbereit machen wollten, durchbrach ein seltsamer Tierschrei die morgendliche Ruhe. „Was bei Valerians grauem Bart war das?“ zischte Logan. Atheris blickte gespannt in die Richtung, aus der sie das Geräusch gehört hatten. Es dauerte nicht lange bis fünfzehn berittene Gestalten am Horizont erschienen, und sich mit rascher Geschwindigkeit näherten. „Dromedare!“ stellte Atheris erstaunt fest, Saleha hatte ihm bei einem guten Wein von den exotischen Tieren ihrer Heimat erzählt. Neben Dromedaren und riesigen Geiern gab es auch schwarzweiß gestreifte Pferde in Ophir, nur diese ekelhaften Würmer hatte sie ihm vorenthalten. Die Reiter waren in lange bunte Roben gekleidet und trugen große Turbane auf dem Kopf. In ihren Händen hielten die meisten von ihnen kleine Rundschilde und in der anderen langen Lanzen.

Was genau ihre Intension war, konnte Atheris nicht erkennen und nachdem sie auch noch anfingen mit wildem Geschrei auf ihre Schilde zu trommeln, schloss sich seine Hand fester um den Griff seiner Klinge. „Egal was passiert! Haltet die Formation!“ brüllte Atheris über den Lärm hinweg. Zwanzig Schritt vor dem Lager wichen die Reiter nach rechts aus und begannen, in einer enger werdenden Spirale die Greifen zu umkreisen. Auf einen lauten Befehl hin stießen die Männer ihre metallenen Lanzen in den Boden und zogen ihre Säbel. „Wollen die uns verarschen!“ schimpfte Logan, der sichtlich genervt schien von dem Spektakel. Als sie auch noch anfingen mit der flachen Seite gegen die Lanzen zu schlagen, konnte Atheris spüren, wie der Boden leicht anfing zu vibrieren. Schon nach kurzer Zeit schossen die Würmer aus dem Boden und die Reiter zogen die Lanzen wieder aus dem Boden und machten Jagd auf die wild umherkriechenden Biester. Das Spektakel dauerte nicht lange und neun weitere Würmer lagen tot auf dem Wüstenboden … dann wurde es ruhig. Atheris, der seine Klinge noch immer erhoben hatte, war verwundert über das was die Fremden gerade veranstaltet hatten. Einer der Wüstenreiter, vermeintlich der Anführer der Gruppe, näherte sich ihnen und begann, in einer für Atheris kaum verständlichen Sprache zu reden. „Hört sich entfernt nach elfisch an!“ dachte er sich. Die Stimme des Anführers hörte sich warm und unerwartet freundlich an. „Wir verstehen deine Sprache nicht!“ versuchte er höflich mit Gesten zu vermitteln, und erhob dabei seine beiden Hände, um ihre friedlichen Absichten zu untermauern, dabei machte er drei Schritte aus der Formation heraus auf den Anführer zu. Der Anführer schien zu verstehen und wechselte in eine andere Sprache, die für Atheris entfernt nach den Dialekten, aus den südlichsten kaiserlichen Provinzen klang und er zumindest die grobe Kernbotschaft verstand. Da er nicht wusste, inwiefern seine Freunde in der Lage waren, selber zu verstehen, was gesagt wurde, versuchte er es sinngemäß zu übersetzten. „Friede sei mit euch, Sadiq! Mein Name ist Zahir ben Salem!“ sprach der Anführer und breitete dabei seine Arme offen vor der Brust aus, wobei seine Handflächen gen Himmel zeigten. „Aen Ard Feainn! Mein Name ist Atheris von Toussaint!“ antwortete der Nilfgaarder und wieder holte die Geste von Zahir. „Was treibt euch in diese trostlose Gegend?“ stellte der Wüstenmann weiter seine Fragen. „Meine Freunde und ich sind durch unglückliche Umstände in diese missliche Lage geraten!“ entgegnete Atheris. „La yuhimu! Ihr habt Glück gehabt meine Freunde, dass meine Späher euch entdeckt haben, die nächste Oase liegt etwa zwei Tagesreisen von hier entfernt, und so wie es aussieht werdet ihr sie mit euren Vorräten und eurem zustand kaum erreichen können!“ fuhr Zahir fort. „Werdet ihr uns Helfen… Sadiq?“ fragte Atheris und machte eine Geste in Richtung seiner Freunde. Zahir entblößte eine Reihe strahlend weißer Zähne, bevor der braungebrannte Mann antwortete: „Das Gebot der Gastfreundschaft wird bei meinem Volk hochgehalten, Sadiq. Wir werden euch nicht den Aasfressern überlassen. Meine Karawane befindet sich nicht weit von hier und erwartet meine Rückkehr. Macht euch bereit und folgt uns!“ erneut machte Zahir eine einladende Geste.

Während die Greifen ihre Ausrüstung zusammenpackten und auf zwei Dromedaren verstauten, die Zahir ihnen zur Verfügung gestellt hatte, trat Egon zu Atheris. „Meinst du, wir können ihm vertrauen?“ – „Haben wir eine bessere Wahl?“ antwortete Atheris mit einem leichten Schulterzucken. „Wenn du die Portalsteine meinst…nein!“ erwiderte Egon mit einem leicht resignierten Blick. Atheris war überrascht, als die Ophiri sie einluden auf ihren Dromedaren mitzureiten und auch seinem Hengst wurde die Last der Pritsche abgenommen. Das Aufsteigen auf die exotischen Tiere war gewöhnungsbedürftig, denn sie legten sich auf den Boden, damit die Reiter Platz nehmen konnten. Atheris hatte so etwas Ähnliches im Krieg erlebt. Bei den Friedensgesprächen von Cintra war König Henselt von Kaedwen so fett gewesen, dass man seinem Pferd beigebracht hatte, für ihn auf die Knie zu gehen, damit der Mann ohne seine Würde zu verlieren aufsteigen konnte. Der ungewohnte Passgang der Tiere fühlte sich seltsam an und mehrfach erwischte er sich dabei, wie er sich am Sattel festkrallte, weil er dachte, das Dromedar würde umkippen. Er brauchte nicht lange um für sich zu entscheiden, dass er den Kreuzgang der Pferde bevorzugte. Zumindest konnte er aber nun nachvollziehen, warum man diese Tiere auch Wüstenschiffe nannte, denn in der Tat hatte man bei geschlossenen Augen das Gefühl, sich auf einem Boot bei leichtem Wellengang zu befinden. Wie ihnen Zahir versprochen hatte, dauerte es nicht lange und sie gelangten zu dem Rest seiner Karawane, und gemeinsam zogen sie durch die kühle Nacht weiter. Kurz nach dem Sonnenaufgang schlugen sie das Lager im Schatten zweier massiver Felsen auf. Es dauerte auch nicht lange und zehn große Zelte waren aufgestellt. Es herrschte trotz der steigenden Temperaturen ein reges Treiben im Lager. Ihr Gastgeber Zahir hatte sich erwartungsgemäß in das größte und prunkvollste der Zelte zurückgezogen, aber auch das ihnen zur Verfügung gestellte Zelt konnte sich sehen lassen. Es war groß genug, dass alle bequem platzfanden und sich auf weichen Kissen ausstrecken konnten. Im Zelt war es trotz der hohen Außentemperaturen angenehm kühl, und ein ‚Khadim‘ – eine Art Bediensteter – brachte ihnen Wasser und seltsame braune, getrocknete Früchte, die aber recht gut schmeckten und ein sättigendes Gefühl verursachten. Atheris fiel auf, wie sein Pferd das Interesse einiger Ophiri weckte. Saleha hatte ihm erzählt, wie pferdebegeistert die Menschen in Ophir waren. „Die besten Reittiere der Welt stammen aus Ophir!“ hatte sie erzählt … aber er glaubte das nicht. Im Gegensatz zu den eher kleinen und wendigeren Tieren aus Ophir, war Ker’zaer eine Züchtung aus seiner Heimat Toussaint, bei der viel Wert auf Kraft, Vielseitigkeit und einen guten Charakter gelegt wurde, damit die Tiere sich hervorragend für die Hohe Schule der Reitkunst eigneten. Er hätte sich selber ein so edles Tier nie leisten können, aber Ker’zaer war ein Geschenk von einem nilfgaarder Adligen für seine Verdienste nach der Schlacht von Brenna und der darauffolgenden gemeinsamen Flucht durch die Sümpfe bis zur Jaruga, gewesen. Neben der Verpflegung sendete Zahir ihnen auch seinen persönlichen Medicus vorbei, der ihre Wunden untersuchte und versorgte. Für Nella konnte der Mann, der sich als Sharif vorstellte, leider nicht viel machen. „Ihr Körper ist durch den Wasser- und Nahrungsmangel zwar geschwächt, aber ansonsten fehlt ihr nichts!“ war seine Diagnose gewesen. Bei den Mangelerscheinungen konnte er zumindest helfen, mit einer Art Schlauch und Trichter verabreichte er der Magierin eine trübe, gelb-bräunliche Flüssigkeit, die in den feinen Nasen der Hexer fürchterlich stank. „Das wird ihren Körper stärken, so dass er sich von den Strapazen erholen kann … gegen ihre Bewusstlosigkeit haben meine Mittel nicht geholfen, es tut mir leid Sadiq!“ erklärte er sich, bevor er das Zelt nach einiger Zeit wieder verließ.

Es war das erste Mal seit dem Fall von Kaer Iwhaell, dass die Greifen sich richtig erholen konnten.  Bis auf Raaga und Atheris hatten sich alle zum Schlafen niedergelegt. Mit einem Weinkelch in der Hand näherte sich der nilfgaarder Hexer seinem Freund, der es sich auf einem weichen Kissenlager bequem gemacht hatte und zu ihm hinaufblickte. „Wir hätten es deutlich schlechter erwischen können!“ meinte Atheris und der Skelliger nickte zustimmend, wie es seine Art war. „Ob es Valerian ebenfalls in Sicherheit geschafft hat? Ich habe in dem Gemetzel nicht mehr sehen können, was passiert ist.“, fuhr er fort. „Ich bin mir sicher, dass der Alte heil rausgekommen ist, er hat nicht nur die Augen einer Katze, sondern auch deren sieben Leben!“ antwortete Raaga und wirkte dabei ziemlich zuversichtlich. Die beiden älteren Hexer unterhielten sich noch eine ganze Weile über die Vorgänge in den letzten Tagen. Sie waren sich einig, dass der beste Weg um zu ihrem Ziel – die Leuenmark – zu kommen über Miklagard führte. Die beiden Cousinen waren reich und hatten beste Verbindungen – allerdings trieben sie sich nicht immer in ihrer Heimatstadt rum, aber über das Problem konnten sie sich noch Gedanken machen, wenn es eintreten würde. Von dem riesigen Handelshafen Miklagards würden sie sicher über den Seeweg weiterreisen können. Die Frage war, wie weit lag Miklagard von ihrer jetzigen Position entfernt? Wenn sie Glück hatten, war das Ziel der Karawane von Zahir bereits eben jene Stadt und sie mussten ihn nur überzeugen, sie mitzunehmen.

Gerade als sich die beiden über den besten Ansatz unterhielten, betrat ein Ophiri das Zelt. „Mein Herr hat nun Zeit für euch, Sadiq!“ sprach er, wartete einen höflichen Moment und trat wieder ins Freie. Die beiden Hexer erhoben sich und folgten dem Khadim aus dem Zelt, während sie den Rest der Gefährten weiterschlafen ließen. Sie schritten an mehreren Zelten vorbei, in denen sich die Wachen und Arbeiter ausruhten. Die kostbaren Waren wurden streng bewacht, und als sie das große Zelt von Zahir erreichten, hatten sie sich einen guten Eindruck über die Karawane verschaffen können. Vor dem Zelt stand ein Wächter, der Atheris um einen guten Kopf überragte, und der sie mit seinem großen Krummsäbel in der Hand kritisch beäugte. Letztendlich trat er aber zur Seite und gab den Weg ins Innere frei. Das Zelt war geräumig und ließ trotz seiner Zweckmäßigkeit den Reichtum Zahirs erahnen. Der Kaufmann saß auf einem großen Kissen auf einer Empore und hatte eine Art Schlauch im Mund stecken, der zu einem Gefäß führte, in dem eine grünliche Flüssigkeit über einem kleinen Feuer blubberte. Kleine, weiße Wolken verließen beim Ausatmen seine Nase und verbreiteten einen interessanten Geruch im Zelt. Hinter ihm stand ein junger, in kostbare Gewänder gehüllter Mann und betrachtete die Fremdlinge aus aufgeweckten, fast schwarzen Augen. Atheris erinnerte sich, dass dieser Ophiri schon während der letzten Nacht nicht von Zahirs Seite gewichen war … vielleicht ein Leibwächter? Was folgte war ein traditioneller Ophirische Gästeempfang, bei dem Essen und Wein geteilt und höfliche Floskeln ausgetauscht wurden. Die ganzen Rituale zogen sich ziemlich in die Länge, und Atheris bemerkte, wie sein Freund Raaga bereits ungeduldig auf seinem Platz hin und her rutschte – der Skelliger hasste derart offizielle Anlässe. Im weiteren Verlauf des Gesprächs lenkte Atheris mehr oder weniger geschickt auf das Thema Miklagard. Er war erleichtert zu erfahren, dass die Stadt sich tatsächlich in ihrer Nähe befand und die Wüste im Westen an den Grenzen zu eben jener Stadt endete. Nachdem er zusätzlich noch die Namen der beiden Cousinen Eiwa und Saleha in einem Nebensatz fallen ließ, hatte er spätestens das Interesse Zahirs geweckt. Ob Miklagard tatsächlich auf seinem Weg gelegen hätte konnte Atheris nicht sagen – es interessierte ihn aber auch nicht weiter, denn der Kaufmann bot ihnen an, sie bis zu ihrem Ziel zu bringen. Als sie viel später endlich wieder in ihrem Zelt waren, ließ sich Atheris auf sein Kissenlager fallen, streckte sich ein letztes Mal und schlief erleichtert ein. Der Weg durch die Wüste könnte sich von einer üblen Tortur zu einer angenehmen Erfahrung wandeln.

Kapitel 4 – Überfall

Zahir hatte recht behalten, es dauerte noch gute zwei Tagesreisen durch die trostlose Wüste, bis sie schließlich die Oase erreicht hatten. Atheris hatte die Zeit damit verbracht, mehr über Ophir zu erfahren. „Wissen ist Macht!“ war der Leitspruch der Gelehrten vom Kastell Graupian gewesen, wo er seine Jugendzeit verbracht hatte. Frei nach diesem Credo hatte er Gespräche geführt, beobachtet und sich unter die Leute gemischt. Die größten Gefahren in der Wüste waren tatsächlich die extremen Temperaturen, verbunden mit Wassermangel und die unliebsamen Sandwürmer, die über Erschütterungen des Bodens ihre Opfer fanden – diese Gefahren wären aber noch einigermaßen überschaubar gewesen, da die Würmer nicht bekannt dafür waren, große Gruppen an Menschen anzugreifen – eine große Gefahr war der rechtsfreie Raum, der viele Räuber und Verbrecher anzog. Weder Miklagard noch irgendeines der anderen an die Wüste angrenzenden Königreiche in Ophir versuchten diesen Glutofen komplett zu kontrollieren, zu groß und zu unwirtlich war dieses Gebiet. Die Folge war, dass Karawanen, wie die von Zahir, ihre eigene Privatarmee benötigten, um dieses Gebiet sicher zu passieren. Der alte Karawanenführer von Zahir schien aus Atheris Sicht ein Meister seines Faches zu sein, denn er führte sie über geheime und sichere Pfade ohne Zwischenfall zu der Oase, die sich in einem kleinen Tal vor ihnen ausbreitete.

Die Größe und das geschäftige Treiben, das hier herrschte, erstaunte Atheris. Er hatte sich nicht vorstellen können, dass so ein lebendiger Ort in einer Wüste existieren kann – auch wenn er davon gehört hatte. Es mussten mindestens drei unterschiedliche Karawanen ihr Lager hier aufgeschlagen haben, um ihre Wasservorräte zu füllen. Dieses kleine Tal war wohl ein wichtiger Knotenpunkt der Handelsstraßen zwischen den östlichen und westlichen Reichen Ophirs – vielleicht war es sogar mal eine Stadt gewesen, die ebenfalls zum Teil aufgegeben worden war. Es gab große Steingebäude, in denen geschäftstüchtige Familien ihre Leistungen für die Reisenden Händler darboten, einen kleinen Markt, auf dem Früchte und Getränke verkauft wurden und so manch ein Geschäft zwischen den Karawanen schon gemacht wurde, bevor diese ihr Ziel erreichten. Zuletzt gab es sogar noch eine kleine Arena, in der ab und an Wettkämpfe ausgetragen wurden. Nachdem ihnen einer der Dienstbote Zahirs mitgeteilt hatte, dass sie hier einen Tag lagern würden, um den Tieren und Menschen die dringend benötigte Erholung zu bieten, machte sich Atheris auf, und schlenderte zwischen den alten Gebäuden umher. Auf seinem Streifzug traf er auf Heskor, der dabei war, die verschiedenen Handelsgüter genauer zu inspizieren. Atheris kannte ihn schon eine ganze Weile und wusste, dass der alte Dienstleister immer auf der Suche nach der nächsten gewinnbringenden Geschäftsidee war. Das kleine Handelsgeschäft, das er führte, war jahrelang sein finanzielles zweites Standbein und zugleich auch seine Tarnung für seine nicht legalen Aufträge gewesen.

Die letzten Jahre waren bescheiden gelaufen, Atheris hatte miterlebt, wie der Großteil seines Vermögens innerhalb von wenigen Tagen verloren gegangen war. Gerade als der Gute wieder einigermaßen Fuß gefasst hatte, ging ein Großteil seiner Ware bei der Schlacht um Kaer Iwhaell in Flammen auf. Die wenigen Besitztümer, die Heskor noch hatte, trug er entweder am Körper oder – so hoffte Atheris – auf dem Weg in die Leuenmark. Die Welt bot unendlich viele Möglichkeiten, man musste nur die Augen und Ohren offenhalten und die Gelegenheit beim Schopf ergreifen. Heskor zeigte ihm, wie intensiv die Ophiri ihren Handel betrieben – gestenreich, lautstark und schnell. Ein Handschlag hier, eine erhobene Hand dort und die Ware wechselte den Besitzer. Neben der Art und Weise war auch die Frage, was die Händler hier an Waren darboten, für Heskor von Interesse. Feinste Seide und andere kostbare Stoffe, herrlich verarbeiteter Schmuck mit seltenen Juwelen besetzt, fruchtige Weine und etwas, stärkerer Alkohol – der nach Lakritze schmeckte, Gewürze, die Atheris nicht kannte und Felle von Tieren, von denen er noch nicht einmal geträumt hatte. Heskor schien begeistert zu sein, wenn er diese Waren auf den Märkten in den nördlichen Königreichen oder vielleicht auch im Kaiserreich feilbieten würde, könnte er ein Vermögen machen. Einzig die lange Überfahrt zwischen den Kontinenten war ein nicht zu unterschätzendes Risiko, sonst würde der Handel bereits florieren. Heskor kam mit der Idee, die Portalsteine zu nutzen. Eine permanente Verbindung zwischen den Kontinenten wäre eine schnelle und sofern von einem Magier überwacht auch sicherer Weg, die kostbaren Waren zu transportieren. Er würde bei nächster Gelegenheit auf jeden Fall ein Gespräch mit Nella oder Lennox führen. Gut gelaunt schlenderten die beiden weiter und Heskor ließ seinen Geschäftsphantasien freien Lauf und Atheris hörte ihm mal mehr oder weniger interessiert zu.

Als die Dunkelheit über die Oase hereinbrach und das Treiben in den Lagern zunahm – eine Karawane schien sich für die Weiterreise vorzubereiten – machten es sich die beiden unter einer Palme bequem. Heskor zog eine dicke Pfeife aus seiner Tasche, stopfte diese mit ‚dem besten Tabak der Welt‘ und ließ kleine Ringe in den Abendhimmel steigen. Atheris lehnte sich zurück an den Baum, schlug die Beine übereinander, faltete die Hände hinter dem Kopf und betrachtete, wie die letzten Sonnenstrahlen am Horizont verschwanden.

„Oh! Jetzt wird’s interessant!“ freute sich Heskor und zeigte mit seinem Finger auf eine Gestalt, die zwischen den Zelten umherstrich. Atheris wusste, dass Heskor kein moralisches Urteil über Diebe oder vielleicht auch heimlich Liebende fällte. Noch interessanter wurde es, als ein weiterer Schatten zum ersten stieß. Einen dritten entdeckten die beiden hinter einem seltsamen Baum. „Was habt ihr vor?“ sinnierte Atheris noch laut, als einer der Schatten eine Fackel entzündete und begann, diese hoch in der Luft zu schwenken. Er folgte der Blickrichtung, in die der Verdächtige schaute und auf einmal war da am Rande einer Düne ein zweites Signal. Das war alles andere als ein harmloser kleiner Diebstahl oder eine heimliche Liebschaft, das war ein verdammter „Überfall!“ schrie Atheris seinen letzten Gedanken laut aus und zog sein Stahlschwert vom Rücken. Heskor neben ihm hatte die Situation ebenfalls erkannt und begann bereits mit gezogenen Dolchen hinunter zu den anderen Kameraden zu rennen.

Seine feinen Ohren warnten Atheris vor dem heranreitenden Angreifer. Im letzten Moment warf er sich zu Boden und entkam damit der gekrümmten Klinge, die sich von hinten auf ihn herabgesenkt hatte. Er rollte sich schnell zur linken Seite, um nicht von einem zweiten Reiter nieder gemacht zu werden. Zu seinem Leidwesen waren es mehr als zwei Reiter die angriffen und so erwischte ihn ein dritter Angreifer, und er wurde hart niedergeritten, wobei ihn das Knie des Pferdes hart am Kopf traf. Für einen kurzen Moment schien es so, als ob die Sterne vor seinem inneren Auge mit hoher Geschwindigkeit zusammengezogen wurden, bevor er von einer alles umfassenden Dunkelheit umgeben wurde. Er musste für einen längeren Moment das Bewusstsein verloren haben, denn als er die Augen wieder öffnete und sich seine Sicht wieder schärfte, war in der Oase die Hölle losgebrochen. Brennende Zelte und Häuser, schreiende Menschen und Tiere und überall Leichen. Der Vollmond wurde von dem dunklen Rauch verhüllt. Seine Augen suchten das Zelt, indem seine Freunde lagerten. Das Zelt stand in Flammen und der Sandboden vor dem Zelt war vom roten Blut durchtränkt. In der Mitte standen Viktor und Raaga Rücken an Rücken und erwehrten sich der Angreifer. Mit einem kurz aber kräftig geführten Stich seiner im Mondlicht blitzenden Klinge holte Viktor gerade einen der Banditen aus dem Sattel, während Raaga seine Axt aus einem zertrümmerten Brustkorb zog, nur um sie einen Augenblick später in den Schädel eines in schwarz gekleideten Mannes zu versenken. Aber wo waren die anderen? Immer noch leicht schwankend und mit einem schmerzenden Kopf rannte er so schnell es ging durch den tiefen Sand auf Viktor und Raaga zu. Als er noch etwa vierzig Schritt von seinen Freunden entfernt war, flog einer der Banditen durch eine Zeltöffnung und blieb reglos vor ihm liegen, dabei starrten die leeren Augen ihn an, als ob sie immer noch nicht realisiert hatten, was soeben passiert war. „Atheris, wo warst du? Wir haben dich überall gesucht!“ schrie Logan, als er durch die Zeltöffnung, dicht gefolgt von Egon, ins Freie trat. „Ihr habt mich gefunden! Los zu den anderen!“ rief Atheris und rannte weiter. Wo war eigentlich Heskor geblieben? Immer wieder suchte er nach dem Assassinen, nicht, weil er sich Sorgen um ihn machte, denn er konnte sehr gut auf sich selbst aufpassen, viel mehr interessierte ihn, warum er nicht hier war zum Helfen! Mit den beiden jungen Hexern dich an seinen Fersen rannte er zu dem, was einst ihr Zelt gewesen war. „A d’yaebl aép arse! Wo ist Nella?“ entfuhr es Atheris. Panik stieg in ihm auf, die Magierin war in ihrer Bewusstlosigkeit den Angreifern schutzlos ausgeliefert. Er versuchte sich einen Überblick über das Chaos zu verschaffen, aber das war unmöglich, es gab keine Ordnung mehr. Er entdeckte Viktor und Raaga, die inzwischen stark unter Bedrängnis standen und sich zwischen zwei steinerne Mauerreste zurückgezogen hatten. „Helft den beiden!“ sagte Atheris und die beiden jüngeren Hexer rannten los.

Atheris rannte auf der Suche nach Nella durch die umkämpften Straßenzüge, bis er Ker’zaer entdeckte. Einer der Banditen hatte sich des Tieres bemächtigt und ritt mordend durch die fliehenden Zivilisten. Wütend rannte der Hexer dem Reiter hinterher und als der Dieb den Fehler machte, das Pferd zu zügeln, um sich einen Kelch aus einen der Straßenläden zu nehmen, kannte Atheris keine Gnade und trieb seine Stahlklinge dem Mann von hinten durch das Genick. Leblos fiel der Körper zu Boden und Atheris schwang sich auf sein Ross, das ihn mit einem freundlichen Schnauben begrüßte.

Der Rückzug der Banditen kam genauso überraschend wie der Angriff. Atheris sah, wie immer mehr der Reiter ihre Plünderungen einstellten und sich aus dem Staub machten. Wider besseren Wissens entschloss sich der Hexer den Fliehenden zu folgen. Etwas außerhalb der Oase war offenbar der Sammelpunkt der Schurken. In einer großen Senke zwischen zwei Dünen warteten inzwischen zwei Dutzend Reiter und es trafen tropfenweise immer noch Nachzügler ein. Atheris wartete etwas abseits und beobachtete ungesehen, was sich vor seinen Augen abspielte. Es war sein Glück, dass die Meute nicht sonderlich diszipliniert zu sein schien, denn anstatt leise zu warten, jubelte die Menge über den erfolgreichen Raubzug, wohl fest in der Annahme, dass sie keiner verfolgen würde. Neben verschiedensten Kisten, Töpfen und Körben hatten sie auch einige Gefangene gemacht, darunter entdeckte er auch die Elfenmagierin, die sich einer der Männer vor sich auf sein Pferd gezogen hatte. Nun hing sie dort wie ein nasser Sack und Atheris war kurz davor seinem Pferd die Sporen zu geben und die Drecksäcke niederzumachen. „Warte, Atheris!“ flüsterte Heskor, der scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht war. „Wenn du jetzt angreifst, erreichst du nur deinen schnellen Tod!“ fuhr er fort. Heskor hatte sicherlich recht, ein Fontalangriff war nicht sonderlich erfolgsversprechend, aber er hatte schon aussichtslosere Kämpfe geführt und überlebt. So warteten die beiden unerkannt bis sich die Gruppe gesammelt hatte. Der vermeintliche Anführer, ein großer Mann mit hageren Gesicht und einem fein rasierten Vollbart, zählte seine Männer und war sichtlich sauer über das Ergebnis, es schien ein höherer Blutzoll gewesen zu sein, als ihm lieb war. Nichts desto trotz machten sie sich im Licht des Mondes auf den Weg zurück in die Wüste. Atheris und Heskor hielten etwas Abstand und folgten den im Sand gut sichtbaren Spuren. Der Mond hatte noch nicht seinen Zenit erreicht, als die Räuberbande vor einem kleinen Gebirgszug haltmachte. Ein Felsen versperrte ihnen den Weg in die dahinterliegende Schlucht. „Aftah ya samsam!“ sprach der Anführer in einem gebieterischen Tonfall, und wie von Geisterhand bewegte sich das Hindernis zur Seite und gab den Eingang frei. „Hmmmm…!“ flüsterte Heskor und Atheris stimmte seinem Kameraden zu. Als der letzte der Räuber die Schlucht betreten hatte, rollte der Felsen zurück in seine ursprüngliche Position. Die beiden Gefährten machten einen großen Bogen und näherten sich dem Eingang von der Seite. Die Pferde ließen sie unter einem Felsvorsprung zurück und legten die letzten Schritte zu Fuß zurück. Am Felsen angelangt hielten sie kurz inne und lauschten nach Geräuschen. Heskor hob die Faust, dann den Zeigefinger und den Mittelfinger – Zwei. Atheris nickte zustimmend. Seine feinen Ohren hatten auch mindestens zwei leise Stimmen vernommen, die sich unterhielten. Atheris beobachtete, wie Heskor vorsichtig mit der Handfläche über den Felsen strich und sich dann die Berührungspunkte am Übergang zwischen Fels und Steinwand genauer betrachtete. Mit einer flinken Bewegung tauchte auf einmal aus dem Nichts ein kleines Messer in der Hand von Heskor auf und er schnitt eine kleine Öffnung in den Felsen … wobei Felsen falsch war, wie Atheris erkannte. Es musste sich um eine Attrappe handeln. Heskor benötigte eine gefühlte Ewigkeit mit seiner Arbeit, denn immer wieder hielt er inne und schien zu lauschen, was sich auf der anderen Seite des Eingangs abspielte. Gerade als Atheris anfing ungeduldig zu werden, verschwand das Messer und Heskor zauberte einen kleinen Spiegel hervor, der an einem Stab befestigt war. Diesen führte er durch das Loch und machte sich vermutlich ein genaues Bild der Situation. Er schien mit seiner Erkenntnis zufrieden zu sein, denn er steckte auch den Spiegel wieder weg und zog dafür ein kleines Ledertäschchen hervor und öffnete es leise. Atheris erkannte zwei kleine metallene Röhrchen, die Heskor herausnahm und zusammensteckte – ein Blasrohr, interessant. Der Hexer beobachtete weiter, wie sein Begleiter eine kleine Innentasche öffnete, in der vier kleinen metallenen Phiolen befestigt waren. Der Auftragsmörder schien einen Moment zu überlegen und entschied sich dann für eines der Gifte ‚Nowitschok` – interessante Wahl, dachte sich Atheris.

Als nächstes zog er zwei kleine Pfeile aus ihrer Befestigung, öffnete das Giftfläschchen und tauchte die Pfeilspitzen hinein. Langsam steckte er das Blasrohrdurch die Öffnung und schaute durch das Rohr, steckte dann den ersten Pfeil hinein und schoss. Heskor wiederholte das Ganze in atemberaubender Geschwindigkeit ein zweites Mal, als wenn es das natürlichste der Welt war. Atheris vernahm nur einen Wimpernschlag später das dumpfe Aufprallen zweier Körper. Zufrieden mit seinem Ergebnis nahm Heskor die Felsenattrappe und schob sie weitgenug zur Seite, dass sie passieren konnten. Atheris sah die beiden Wachen, die leblos am Boden lagen und offensichtlich bei einem Kartenspiel ihr zeitliches gesegnet hatten. Nicht gerade ehrenhaft, dachte sich Atheris, aber andererseits waren das Räuber und keine Männer von Ehre. Atheris wollte schon der Schlucht weiter folgen, als er merkte, dass Heskor zurückgeblieben war. Als er sich nach seinem Begleiter umblickte, sah er, wie sich dieser die Zeit nahm, um die beiden Männer so zu drapieren, dass man auch den ersten Blick denken musste, dass sie friedlich dasaßen und Karten spielten – Atheris lief es kalt den Rückenrunter. Er hatte seinen Freund noch nie bei seiner eigentlichen Tätigkeit beobachtet … vielleicht musste er das Bild, das er sich von Heskor gemacht hatte doch nochmal überdenken … aber dafür war jetzt keine Zeit. Sie folgten der schmalen Schlucht zu einem Höhleneingang, der gerade breit genug war, um einen Reiter passieren zu lassen. Nachdem die beiden sich vergewissert hatten, dass der Eingang nicht bewacht wurde, schlichen sie sich in die Dunkelheit. Im Inneren öffnete sich eine große natürliche Halle, die über tausende von Jahren durch Wasser und Sand aus dem harten Stein geschliffen worden war. Ein schmaler Pfad, der aus dem harten Stein der Höhlenwand geschlagen worden war, führte gut zehn Schritt in die Tiefe. Am Höhlenboden sah er das Lager der Räuber, wobei Lager absolut untertrieben war, es wirkte vielmehr wie eine kleine Siedlung mit Gebäuden und Ställen. Das wertvollste in der Höhle war mit Sicherheit ein kleiner See mit genügend Wasser, um die Siedlung zu versorgen und das Leben in der Wüste überhaupt erst ermöglichte.

Ob es hier eine unterirdische Quelle gab oder das Wasser woanders herkam, konnte er auf die Schnelle nicht feststellen. Durch ein großes Loch in der Höhlendecke gelangte etwas Mondlicht, so dass Atheris mit seinen scharfen Augen keine Probleme hatte sich gut zurecht zu finden, ob die Lichtverhältnisse für Heskor ein Störfaktor waren, konnte er nicht sagen, aber der Attentäter machte keine Anzeichen, dass er darüber nachdachte. Von ihrer Position aus hatten sie einen guten Überblick und konnten sehen, wie die erbeuteten Waren in einem Lagerhaus gesammelt wurden. Der Räuber, der Nella entführt hatte, schien auf einmal nicht mehr glücklich mit seiner Beute zu sein, denn er musste sich von seinem Anführer eine ordentliche Standpauke anhören – vielleicht sollten bewusst keine Personen entführt werden? Egal, der Anführer ließ die Elfe von zwei weiteren Männern in das größte der Häuser tragen. Langsam schlichen sie den Pfad hinab, wobei schleichen nicht die größte Stärke von Atheris war. Die gefühlte Sicherheit, in der sich Räuber wähnten, machte es ihnen aber verhältnismäßig einfach, ungesehen zwischen die ersten Gebäude zu gelangen. Der Hexer bemerkte eine ihm inzwischen bekannte Bauweise, es war dieselbe wie in der verlassenen Wüstenstadt – aber deswegen waren sie nicht hier. Beide harrten einen Moment zwischen zwei Kisten versteckt aus und beobachteten das Treiben. Die meisten Männer waren noch beim Verladen und Begutachten der geraubten Güter beschäftigt. Zwei weitere ließen sich von einem alten Feldscher die Wunden behandeln. Ihre Toten hatten sie in der Oase zurückgelassen. In einem ungesehenen Moment kletterte Heskor auf das Flachdach des Gebäudes und verschwand aus dem Sichtfeld von Atheris. „A d’yaebl aép arse!“ fluchte Atheris leise und kletterte dem Gefährten nach aufs Dach. Heskor hatte sich inzwischen neben eine alte Holzkiste gelegt, die genügend Deckung bot und sich eine von Ratten zerfressene, durchlöcherte Decke über den Kopf gezogen. Atheris robbte zu ihm hinüber, vermied aber mit der übelstinkenden Decke in Kontakt zu kommen. Eine Weile lagen die beiden dort auf dem Dach und beobachteten das große Gebäude, in dem sich Nella aufhielt und dessen Umgebung. Sie durften sich nicht ewig Zeit lassen, die Nacht war schon so gut wie vorbei und Atheris wollte vermeiden, dass sie durch die pralle Mittagssonne den Weg zur Oase finden mussten. Es war ein stetes Kommen und Gehen in dem Haus, Atheris vermutete, dass es sich vielleicht um eine Art Taverne handeln konnte, in der sich die Männer ihre Rationen holen konnten, oder sich zu gesellschaftlichen Zwecken trafen. Das Haus hatte insgesamt drei Stockwerke und im obersten schien der Anführer sein Lager aufgeschlagen zu haben. „Heskor! Wie machen wir es?“ flüsterte Atheris. „Ganz einfach, du marschierst rein und lenkst sie ab und ich hole Nella!“ antwortete er mit leiser Stimme. Das klang zwar nach einem dummen Plan, aber Atheris hatte keine Geduld mehr, wenn er sich nicht verzählt hatte, waren keine fünf Mann in dem Haus, das Risiko war er bereit einzugehen. Etwas hielt ihn am Fuß fest – „Atheris, zieh die Decke über deinen Kopf, wenn du über die Straße zum Haus gehst, sonst schlägt noch jemand Alarm und dann haben wir ein Problem!“ Im Schatten meinte er ein boshaftes Lächeln von Heskor zu sehen. Widerwillig nahm er das stinkende, flohverpestete Ding unter den Arm und ließ sich in die Nebengasse hinunter. Dort zog er sich das löchrige Teil über den Kopf und marschierte los. Als er halber über der Straße war, erkannte er Heskor’s Antlitz auf dem Dach – wie war er so schnell auf die andere Seite gekommen? Egal – das konnte er ihn noch später fragen. Atheris erreichte die hölzerne Tür und öffnete sie, sie war erwartungsgemäß nicht verschlossen gewesen. Das Erdgeschoss ähnelte entfernt einem Tavernen Raum, nur gab es keine Stühle sondern die in Ophir üblichen Sitzkissen und flache Tische. An einer Art Tresen stand ein Wirt oder Koch – was auch immer und füllte kleine tönerne Becher mit einer klaren Flüssigkeit. Ein Mann stand bei ihm und wartete vermutlich auf die Getränke, die er für sich und seine Kumpane holen wollte. Diese saßen zu viert an einem Tisch und löffelten eine Suppe – keiner beachtete den Hexer mit den zwei Schwertern auf dem Rücken. Erst als der Mann mit den gefüllten Bechern zum Tisch zurückkehren wollte entdeckte dieser Atheris, der inzwischen mit gezogener Stahlklinge mitten im Raum stand. „Ich muss ja ziemlich furchterregend wirken“, dachte sich der Hexer, als er sah, wie das Tablett zitterte. „Karim, kommst du endlich?“ fragte einer am Tisch, als er sah, dass der Mann mit dem Tablett stehen geblieben war. Erst als er dessen Blick folgte, schrak er ebenfalls auf und wollte seinen Dolch ziehen. Doch Atheris hatte das kommen sehen und im gleichen Moment wie die Hand des Mannes den Griff seiner Waffe spürte, spürte er auch die Spitze der Klinge an seiner Kehle. Mit dem Zeigefinger seiner Linken vor den Lippen, zeigte er den Männern an, dass sie schweigen sollten – und das taten sie auch. Es dauerte nicht lange und Heskor kam mit Nella über die linke Schulter geworfen die Treppe hinunter. „Wie hast du …?“ wollte Atheris ansetzten, unterließ aber den Rest der Bemerkung. Er legte Nella auf das Kissen vorsichtig ab, griff in seinen Mantel und zog ein Flächen heraus. Atheris sah, wie er einen Tropfen des Inhaltes auf den Tisch fallen ließ und wie sich dieser sofort durch das Holz fraß – Säure! Die Augen der Männer wurden größer, als er sich dem Mann mit dem Tablett näherte und in jeden der Becher etwas schüttete. Dann nahm er die Gefäße und stellte jedem eines vorsichtig auf den Kopf, selbst der Wirt entkam dem Spiel von Heskor nicht. Heskor steckte seinen Kopf durch die Tür und gab Atheris das Zeichen, dass der Weg frei war. Über zwei Seitengassen näherten sie sich schnell den Stallungen – sie hatten keine Zeit! Als sie die Rückseite des Stalles erreicht hatten, bedeutete Heskor dem Hexer mit Nella im Arm zu warten. Atheris sah, wie Heskor sich dem Stallburschen von hinten näherte und ihn dann kurz und schmerzlos mit einem Würgegriff außer Gefecht setzte. Er zog den bewusstlosen Jungen zum Hintereingang, versteckte ihn hinter einem Stapel Holzbrettern und ließ ihn dort liegen. Anschließend gab er Atheris ein Zeichen und er eilte zu ihm. Leise sattelten sie zwei Pferde und sabotierten bei den nicht benötigten Sätteln die Gurte und Riemen, um eine mögliche Verfolgung zu verzögern. Zuletzt nahm Heskor eine brennende Fackel und warf sie in die große Futterkrippe. Die Flammen schossen augenblicklich nach oben und die Pferde gerieten in Panik. Heskor schwang sich gerade noch rechtzeitig auf das für ihn vorgesehene Pferd, um mit der fliehenden Herde davon zu galoppieren. Es war ein halsbrecherischer Ritt durch die engen Straßenzüge der kleinen Siedlung, aber Atheris schaffte es, zügig sich an die Spitze der Herde zu setzten und auf den schmalen Pfad nach draußen.  Als sie den schmalen Pfad hinaufgaloppierten, war sich der Hexer nicht mehr so sicher, dass es eine gute Idee gewesen war- aber nun mussten sie da durch. Atheris war erleichtert, als er mit Nella vor sich im Sattel das Dunkel der Höhle verließ, dicht gefolgt von Heskor, der sich sichtlich Mühe gab, nicht von seinem Pferd zu fliegen. Einige Schritte weiter wartete das nächste Hindernis auf sie, der falsche Felsen. Ein letztes Mal trieb Atheris sein Pferd zu einem gestreckten Galopp an und mit einem Sprung setzte das Tier durch den getarnten Eingang hindurch und die drei Gefährten sahen das Morgengrauen über der Wüste heraufziehen. Nachdem Atheris sein treues Ross eingesammelt hatte, brachten sie im Galopp so viel Strecke wie möglich zwischen sich und die Höhle. Wenig später stand die Sonne bereits hoch am Himmel und Atheris fand sich erneut mitten in der Wüste wieder. Zum Glück hatte er die verlauste, stinkende … ist ja auch egal. Dieses gehasste Ding spendete nun während des Rittes wertwollen Schatten. Ohne Ausrüstung für ein Lager und nur mit wenig Wasser ausgestattet kämpften sie sich durch den Glutofen, der sich Wüste schimpfte zurück in Richtung Oase, was sich gar nicht als so leicht herausstellte. Atheris sah, wie Heskor im Sattel zusammengesunken war und offensichtlich eingeschlafen war. Immer wieder hörte er, wie sein Gefährte im Schlaf wirres Zeug redete, etwas von einem Wesen, das weder Form noch Gestalt hatte … das aus den Tiefen der Hölle stammte … das ihn beobachtete – schon sein ganzes Leben und das Jagd auf ihn machte. Atheris schüttelte den Kopf, aber Albträume waren keine Seltenheit bei dem was sie bei ihrer Arbeit alles erlebten.

Am späten Nachmittag, die Sonne hatte ihren Zenit bereits überschritten, riss ein lauter Ruf Atheris aus seinem Schlaf. Er brauchte einen kurzen Moment sich wieder zu finden und er konnte sich nicht erinnern, wann er in der Hitze eingenickt war. Er wischte sich über die trockenen Augen, was er sogleich bereute, die wunden Augen schmerzten bei der Berührung, verrieten ihm aber, dass er nicht mehr am Träumen war und dass Viktor und Egon tatsächlich auf ihn zu gerannt kamen. “Endlich, ihr habt euch ganzschön Zeit gelassen!” stammelte er in seiner kecken Art und lächelte seinen Freunden zu.

Kapitel 5 – Miklagard

Nach dem Überfall auf die Karawane vor fünf Tagen und der geglückten Rettungsaktion waren sie noch in derselben Nacht weitergezogen. Atheris saß weit oben über dem Wüstensand, bequem auf einem der Dromedare und betrachtete das gewaltige Naturschauspiel, das sich ihm bot. Bereits vor zwei Tagen hatte sich das Spektakel am Horizont angedeutet. Zahir hatte ihnen erklärt, dass diese riesige Felsenkante, die sich wie eine Sichel durch die Wüste zog, die natürliche Grenze zum Königreich Miklagard bildete. Die fast senkrechte Wand, auf die sie zuhielten, war etwa hundert Schritt hoch und es existierten nur wenige, streng bewachte Pfade, die hinauf zum Hochplateau führten. Wie streng die Pässe bewacht wurden erlebte Atheris, als sie am Fuße des Plateaus ankamen. Eine schmale etwa drei Schritt breite Rampe war in den Felsen geschlagen worden, an deren Ende ein massives, gut fünf Schritt hohes Tor den Weg versperrte. Oben hinter den Zinnen des Tores sah Atheris vier Armbrustschützen, deren bronzefarbene Schuppenpanzer in der Sonne funkelten. Zahir ritt als erstes zum geschlossenen Tor und nach mehreren höflichen Grußworten und einigen gewechselten Münzstücken öffnete sich die großen Flügeltüren und ein Trupp von zehn schwerbewaffneten Soldaten trat hindurch. Die ebenfalls mit bronzefarbenen Rüstungen ausgestatteten Männer begannen sofort mit der Überprüfung der Karawane und gingen dabei für Atheris Empfinden ziemlich gründlich vor – hatte Zahir etwa zu wenig für die Passage bezahlt? In seiner Heimat Nilfgaard gab es wie in jedem anderen Land, das er bereist hatte, das Problem der Korruption, wobei der Kaiser im Vergleich zu den Königen in den nördlichen Reichen diese nicht duldete und die Strafen für derlei Vergehen empfindlich waren. So akribisch wie die Soldaten hier vorgingen, kannte er allerdings nur in Kriegszeiten. Als die Wachen zu Atheris und seinen Freunden kamen, wurde die Situation etwas komplizierter. Wie sollte man auch erklären, dass eine ganze Reihe schwer bewaffneter Fremder, mit zwei Klingen auf dem Rücken und einer bewusstlosen Elfenmagierin sich bei einer Handelskarawane aufhielten. Zahir erwies sich als Meister der Zunge, denn auch wenn Atheris nicht alles verstand, was der Händler so über die Greifen erzählte, die Geschichte hörte sich wahnsinnig interessant an, vor allem wie er die Rettung Nellas laut und gestenreich erzählte, schien die Soldaten zu überzeugen … oder waren es wieder die Münzen gewesen, die den Besitzer gewechselt hatten? Atheris musste lächeln. Als Zahir auch noch die beiden Cousinen aleha bint Nour bint Heema bint Zarah al’Hakima und Eiwa Al’Razina nannte und dass diese Fremden Freunde von ihnen waren, ging es auf einmal ganz schnell mit der Kontrolle und die Karawane wurde durch das Tor gewunken. Als es endlich weiterging, schwang sich Atheris erfreut zurück auf sein exotisches Reittier und nur wenige Momente später genoss er die Aussicht, die sich ihm bot. Der schmale Pfad, welcher in die Felsenwand getrieben worden war, bot gerade genug Platz für ein Dromedar oder Pferd und war ganz sicher nichts für schwache Nerven. An manchen Stellen war der Pfad mit einer Art Hängebrücke verbessert worden, da Teile abgestürzt zu sein schienen. An einer besonders engen Stelle, musste Atheris kurz an das Portal denken und überlegte, ob es wirklich so viel gefährlicher war, als das, was die Ophiri hier als Weg bezeichneten. Es dauerte fast den ganzen Tag, bis sie oben am Plateau angelangt waren und vor einem weiteren Tor standen. Die Papiere, die sie unten erhalten hatten, machte es bei der zweiten Kontrolle deutlich leichter zu passieren. Atheris blickte noch einmal zurück und schaute auf die riesige Wüstenebene hinunter. Der Anblick war atemberaubend, zeigte aber auch unmissverständlich auf, wieviel Glück sie gehabt hatten und aus dieser lebensfeindlichen Umgebung entkommen waren. Hier oben war das Klima deutlich angenehmer, so dass Zahir sie darüber informierte, dass sie von nun an tagsüber reisen würden. Am nächsten Morgen zogen sie in aller Früh weiter und Atheris wechselte zum ersten Mal wieder auf sein geliebtes Ross. Es dauerte auch nicht lange, bis sie die erste Siedlung passierten und es war offensichtlich, dass die Bewohner in dieser Gegend von der Tonarbeit lebten. Vor den Hütten der Handwerker stapelten sich wunderschöne Töpfereien und unglaubliche Menge an gebrannten Ziegeln. Die Lehmgruben, an denen sie vorbeizogen, waren die größten, die Atheris in seinem Leben gesehen hatte. Je weiter sie zogen umso mehr nahm die Luftfeuchtigkeit zu und zwei Tagesreisen später hatte sich der trockene Tonboden in ein kultiviertes Sumpfgebiet gewandelt. Die Leute wohnten in begrünten Hütten und bauten Pflanzen in seichten, überfluteten Feldern an. In seiner Heimat wurde viel Aufwand betrieben, solche Sumpfgebiete trockenzulegen, von der Möglichkeit Wasserpflanzen anzubauen hatte er bisher noch nie etwas gehört. Die Gegend war nach den Tagen in der Wüste eine schöne Abwechslung, einzig die ständige Belästigung durch die Mücken war ihm ein furchtbarer Dorn im Auge. Erst als die Hexer nach der zweiten zerstochenen Nacht sich zusammensetzten und eine Tinktur auf Basis eines Insektoiden-Öls zusammenbrauten, wurde ihre Situation erträglicher.

Einige Tage später erreichte die Karawane die Kornkammer Ophirs. Die goldenen Ährenfelder erstreckten sich, soweit das Auge reichte und am Horizont sah Atheris das Ziel ihrer Reise, die Stadt Miklagard. Ihr Weg führte sie durch die Felder und Weiden. Die weißen Türme und die blaugoldenen Dächer wurden größer und erhoben sich wie ein einziger riesiger Palast vor ihnen. Je näher sie kamen, desto beeindruckender wurde die Kulisse. Zahir erklärte ihnen, dass die palastähnlichen Gebäude zur Madrasa gehörten – Madrasa, so hatte Atheris gelernt entsprach im weiteren Sinne einer Universität. Die Wissenschaft hat einen großen Einfluss auf das Stadtleben und die Politik, hatte ihm Saleha erzählt, und das ist es, was Miklagard so einzigartig macht. Obwohl die ganze Stadt wie ein Palast wirkte, war dieser nicht inmitten der Stadt, sondern lag etwas außerhalb der Stadtmauern auf einem Gebirgskamm. Mit bloßem Auge konnte man ihn nicht sonderlich gut erkennen, lediglich das Glitzern der prunkvollen Dächer verriet ihm die genaue Position. Besonders auffällig war ein großer, in seiner Architektur chaotisch wirkender Turm, die Hauptbibliothek der Stadt, die unter den Einwohnern ‚Babaal‘ genannt wurde.

Das Wetteifern der Kaufleute sorgte dafür, dass innerhalb der Stadt neben den Gebäuden der Madrasa wunderschöne und repräsentative Bauten entstanden waren. Noch bevor sie das südöstliche Stadttor erreichten, wurden Boten zu Saleha und Eiwa ausgesandt, welche die beiden Cousinen über die Ankunft der Greifenhexer unterrichten sollten, sofern sie sich in der Stadt aufhielten. An den Toren Miklagards trennten sich die Wege von Zahir und den Greifen. Der Kaufmann hatte sein Versprechen erfüllt und sie sicher in die Stadt gebracht. Nun zog er nach einer langen und freundschaftlichen Verabschiedung seines Weges. Während sie hinter dem Stadttor auf einem kleinen Platz auf die Boten warteten, beobachtete Atheris das rege Treiben auf den Straßen. Es war lange her, dass er in einer solch großen Stadt gewesen war und er empfand es als willkommene Abwechslung, nachdem er die letzten Jahre meist in der Wildnis oder in Kaer Iwhaell verbracht hatte. Es dauerte nicht sonderlich lange, bis Saleha’s Bote auf dem Platz eintrat und sie im Namen von ihr willkommen hieß. Zu ihrer Überraschung hatte er vier große Sänften mitgebracht, die jeweils von acht starken Männern getragen wurden.  Die immer noch nicht zum Bewusstsein gekommene Nella wurde in einer der Sänften gelegt und die anderen Greifen nahmen in den übrigen Platz, lediglich Atheris bevorzugte den Rücken seines Pferdes. Ihr Weg führte sie über Prachtstraßen, die mit vielen verschiedenen kleineren und größeren Geschäften sowie Kaffeehäusern gesäumt waren, über zwei Marktplätze, auf denen allerlei Exotisches Feilgeboten wurden, vorbei an Stadthäusern, die sich mit Marmor und Brunnen schmückten und an Dekadenz kaum zu überbieten waren. Es war eine reiche Stadt und von dem was der Hexer sah, konnten nur wenige Städte mit der Schönheit dieses Ortes mithalten. Eine dieser Städte, die ihm in den Sinn kam, war die Hauptstadt des Kaiserreiches, die auch liebevoll die Stadt der goldenen Türme genannt wurde.

Die Zeit verging schnell und sie erreichten ihr Ziel, das Stadthaus von Saleha. „Nicht schlecht!“ kommentierte Atheris das Bauwerk, das vor ihm aufragte. Die meisten Herrscher kleinerer Reiche konnten mitnichten ein Palais wie dieses vorweisen. Durch das mit blauen Mosaiken und Marmor verzierte, repräsentative Eingangstor gelangten sie in einen großen rechtwinkligen Innenhof, der neben einem kleinen schönen Kräutergarten, vor allem die Stallungen, eine große Küche und die Gemächer der Bediensteten beherbergte. Hier wurde ihnen von einem ziemlich großen, grobschlächtig wirkenden Skelliger das Gepäck abgenommen und er war es auch, der wenig später Ker’zaer im Stall versorgte – warum Saleha trotz ihres Reichtums nicht mehr Bedienstete hatte, verwunderte Atheris. Liebevoll streichelte Atheris sein treues Tier und beeilte sich dann seinen Gefährten zu folgen, die bereits in Richtung Hauptgebäude geführt wurden – von dem einen großen Skelliger. Verwundert schüttelte der Hexer den Kopf und beschleunigte seinen Schritt. Über eine breite weiße Treppe mit drei Stufen wurden sie zu einem weiteren Eingangsbereich geleitet, dessen Portal von zwei schönen Statuen geschmückt wurde. Der Boden war mit feinem Marmor ausgelegt und die Wände mit kunstvollen Mosaiken geschmückt, die unterschiedlichste Szenarien darstellten. Hinter dem Eingangsbereich lag ein weiterer, kleinerer Innenhof, in dessen Zentrum ein weißer Springbrunnen stand, in dessen Wasser drei Seerosen schwammen. Außenherum waren bunte Blumenbeete angelegt. Die für Atheris unbekannten Blumen verströmten einen faszinierenden Duft. Der Innenhof wurde eingeschlossen von Säulengängen, die es ermöglichten, trockenen Fußes zum Hauptflügel zu gelangen oder aber Sitzgelegenheiten im Schatten boten. Ein Pfau bemerkte die Neuankömmlinge und schlug sein Rad. Direkt neben dem Brunnen stand eine niedrige Bank aus weißen Marmor, die mit großen bunten Kissen ausgelegt war.

Saleha stand nah am Eingang und unterhielt sich leise mit einem hochgewachsenen Mann in edlen dunklen Gewändern. Atheris hatte den Eindruck, als ob sie ihn gerade hinauskomplimentieren wollte. Sie hatte zwar ein nettes Lächeln aufgesetzt, aber das musste nichts heißen, es konnte auch nur aus Höflichkeit sein. Es dauerte ein kleines Weilchen, bis sich der Mann endlich überreden ließ. Er verabschiedete sich mit einer sehr tiefen Verbeugung und einem Handkuss von Saleha, wobei letzterer überraschend lang dauerte. Endlich wendete sich der Mann ab und schritt auf die Hexer zu. Vermutlich ein Krieger, dachte sich Atheris, der die raubtierhaften Bewegungen musterte. Er grüßte die Hexer freundlich, zu freundlich für seinen Geschmack und er war sich sicher, dass dieser Mann genau wusste, was sie waren – Hexer. Vielleicht hatte er von ihnen gehört oder gelesen … egal, für den Moment freute sich Atheris einfach nur, die Gesichter der beiden Cousinen zu sehen, die sie nun fröhlich begrüßten.

Nach einer herzlichen Begrüßung nahm Saleha Atheris zur Seite und führte ihn in eine der Ecken des Hofes. „Was um alles in der Welt ist passiert, Atheris? Was hat euch an dieses Ende der Welt verschlagen und wo ist Valerian?“ fragte sie etwas überrascht. Ihre Augen musterten ihn von oben bis unten – er musste wohl immer noch ziemlich fertig aussehen, nach all den Strapazen der unfreiwilligen Reise. „Bevor ich dir die ganze Geschichte erzähle, benötigt Nella dringend eure Hilfe, sie hat seit Tagen nicht mehr das Bewusstsein erlangt und musste mit einem Schlauch ernährt werden“ fuhr Atheris fort. Er drehte sich zu der Magierin um und bemerkte, dass Eiwa bereits bei der Elfe stand und dem großen Skelliger Anweisungen gab. Vorsichtig hob er sie hoch und folgte Eiwa ins Haupthaus. „Mach dir keine Sorgen, Atheris! Wenn jemand sich mit leergebrannten Magiern auskennt, dann ist es Eiwa!“ beruhigte Saleha den Hexer. Schon bald kam der Diener wieder zurück und zeigte nun den übrigen Gästen ihre Quartiere. Auch hier kannte der Luxus keine Grenzen und Egon merkte fröhlich an, dass Großmeister Valerian überlegen sollte, ob sie nicht lieber ihre neue Schule hier gründen wollten. Zumindest was die Annehmlichkeiten anbelangte, gab Atheris dem jungen Hexer recht.

Nachdem sie sich frisch gemacht und etwas ausgeruht hatten, wurden sie zum Essen gerufen. Eiwa, die eine Spezialistin der magischen Analyse war, hatte in der Zwischenzeit Nella behandelt und sie war auf dem Weg der Besserung. Eiwa erzählte Atheris zwar beim Essen, was sie genau gemacht hatte und wo das Problem lag, aber er hatte es nicht wirklich verstanden – und an das monotone Nicken der anderen Zuhörer, dass er nur zu gut aus Valerians Unterrichtsstunden kannte, verriet ihm, dass es ihnen nicht anders erging. Zumindest grob hatte er die Ursache für die Bewusstlosigkeit kapiert. Nella hatte sich während der Schlacht um Kaer Iwhaell und bei der anschließenden Flucht durch das Portal so verausgabt, dass sich ihr Astralkörper runtergefahren hatte, um sie vor weiterem Magieentzug zu schützen. Einer der Nebeneffekte war dabei, dass sie auch das Bewusstsein verloren hatte. Später erzählte Atheris den Cousinen ausführlich die Geschichte, wie die Greifenhexerschule Kaer Iwhaell letztendlich durch die Fanatiker gefallen war … von Valerians Flucht und der bleibenden Ungewissheit, ob er überlebt hatte … und von ihrer eigenen Flucht durch das Portal, mit der anschließenden Reise durch die Wüste. „Es war ziemlich leichtsinnig, mein lieber Atheris, das Portal ohne Kenntnisse über dessen Funktionsweise zu nutzen – aber ich verstehe, dass ihr nicht gerade eine Wahl in der Situation hattet!“ mahnte Saleha und lächelte den nilfgaarder Hexer keck an, bevor sie wieder ernster fortfuhr, „und ihr meint Valerian hat es ebenfalls geschafft zu entkommen?“ „Wir haben nur gesehen, wie der Steintroll, auf dem Valerian stand, zu Fall gebracht worden ist und kurz darauf eine blendende Explosion … ab dem Zeitpunkt verlieren sich seine Spuren! Wir werden erst wissen, ob es ihm gelungen ist zu fliehen, wenn wir ihn am vereinbarten Treffpunkt wiedersehen!“ entgegnete Atheris.

Wenig später lenkte Saleha das Thema in eine andere Richtung. „Wie sieht es mit den Forschungen an der Kräuterprobe aus? Sollen wir fortfahren? Eiwa und ich sind in den letzten Monaten gut mit unserer Arbeit vorangekommen und die Gelegenheit drei mutierte Hexer, hier mit den Möglichkeiten unserer Labore untersuchen zu können, würde die Forschung deutlich beschleunigen … Was meinst du?“ die begeisterte Aufregung war in Saleha’s Stimme deutlich zu hören. „Unabhängig von Valerians Schicksal, stehen wir als Greifenhexer weiterhin hinter dem Vorhaben, und ich für meinen Teil stehe dir für deine Untersuchungen zur Verfügung!“ antwortete Atheris ohne zu zögern. Seine Gedanken schweiften kurz ab und er erinnerte sich an seine Zeit an der Universität in Nilfgaard. Man hatte ihn damals, nachdem man ihn in der Wildnis aufgelesen hatte, auf Herz und Nieren untersucht, um mehr über das Wesen der Hexer und deren Mutationen zu erfahren. Auch heute noch waren seine kaiserlichen Landsleute hinter den Geheimnissen her und Atheris musste sich, zum ersten Mal seit langem, an seinen letzten Auftrag erinnern, welchen er im Namen des Kaisers erhalten hatte. Schnell schüttelte er die Gedanken wieder ab und lächelte Saleha charmant an.

Nach dem ganzen Erzählen widmete sich Atheris endlich dem Essen. Die beiden Cousinen hatten sich nicht lumpen lassen und ein wahres Festmahl aufgetischt und er hatte sich vorgenommen, von dem Angebot an Speisen und Tränken alles einmal probiert zu haben. Die Stimmung wurde zunehmend ausgelassener und alle lachten und hatten ihren Spaß, fast so wie bei ihrem letzten Abendessen in Kaer Iwhaell. Bei gutem Wein und einigen anderen Spirituosen führte Atheris tiefsinnige Gespräche über alles was ihm an diesen Abend so in den Sinn kam. Als er sich gerade mit vollem körperlichen Einsatz dem Nachtisch zu widmen wollte, kam Saleha zu ihm und baute sich vor seinem Platz auf … es wirkte fast schon gebieterisch. Mit der rechten Hand zog sie eine Weinflasche hinter ihrem Rücken hervor und hielt sie ihm unter die Nase mit den Worten „Wie wäre es mit diesem Nachtisch?“ „Nein!“ hauchte der Hexer „doch!“ grinste die Gelehrte zurück. Atheris hatte das Etikett sofort erkannt. Es war ein echter ‚Est Est‘ aus seiner Heimat und sein absoluter Lieblingswein. „Wie bist du an die gekommen?“ fragte er voller Begeisterung. „Du hast mir beim letzten Treffen so von dem Wein vorgeschwärmt, dass ich keine Kosten gescheut habe und mir ein paar Flaschen direkt aus Toussaint besorgt habe!“ lächelte Saleha und zog den Hexer auf die Beine. „Wie wäre es, wenn wir mit den Untersuchungen … schon heute Nacht loslegen würden?“ sprach sie und zog den Hexer mit sich. Atheris lächelte vergnügt und folgte Saleha, die mit einem verführerischen Hüftschwung den Raum verließ. Ihm war durchaus bewusst, dass Miklagard streng matriarchisch geführt wurde und dementsprechend von einem Mann erwartet wurde sich unterzuordnen, was er in dieser Nacht liebend gern machte.

Kapitel 6 – Das Labor

Am nächsten Morgen machten sich die beiden Cousinen und die mutierten Hexer Viktor, Raaga und Atheris auf den Weg zur „Universität“, während der Rest der Gefährten im Stadthaus verweilte. Die Madrasa al’Alchemya, also die Schule der Alchemie lag im Osten der Stadt an den Ausläufern der Gebirge und ruhte auf einem Felsenplateau. Die mit sieben großen weißen Säulen ausgestattete Front des Bauwerkes erinnerte Atheris mehr an einen alten Tempel, als an eine wissenschaftliche Akademie, aber der äußere Eindruck täuschte. Kaum waren sie durch das Eingangsportal geschritten, wandelte sich der prunkvolle Stil, der die Ophirischen Bauten ausmachte, in eine der Wissenschaften dienliche Funktionalität. Die Grundstruktur im Inneren bildete ein zylindrisches, offenes Treppenhaus, das sich über sieben Stockwerke nach oben erstreckte und nur knapp unterhalb der großen Kuppel, die das Zentrum des Gebäudes bildete, endete. Der Boden im Eingangsbereich war im Vergleich zu dem prunkvollen Stadthaus von Saleha schlicht gehalten.

Über eine der Wände in der großen Hall erstreckte sich eine große Wandzeile mit Regalen und Fächern, in denen hunderte von Dokumenten und Büchern lagen. An einem langen Tresen vor dieser Wand waren Angestellte damit beschäftigt, sich um das Anliegen der Studenten zu kümmern.  Einige Wächter behielten das muntere Treiben im Auge. Immer wieder wurden Saleha und Eiwa respektvoll und freundlich gegrüßt, wenn sie jemanden passierten.

Atheris fiel eine interessante Konstruktion in einer Ecke auf, es handelte sich um eine Transportplattform, die an einem Seilzug hing, und über die man ebenfalls auf die verschiedenen Ebenen gelangen konnte. Die Kuppel hatte viele große ovale Fenster und im Treppenhaus waren überall geschickt platzierte Spiegel zu sehen, mit deren Hilfe der zentrale Bereich von Licht durchflutet wurde. „Willkommen in der Madrasa der Alchemie meine Freunde!“ strahlte Saleha und breitet dabei die Arme aus. „Folgt mir, ich gebe euch eine kleine Führung durch die Anlage, bevor wir zu meinem Labor gehen!“ sagte sie und schritt voran. Wieder fühlte sich Atheris in seine Jugendzeit erinnert, die er an der kaiserlichen Akademie im Kastell Graupian verbracht hatte. Auch hier in Miklagard gab es die zu erwartenden Räumlichkeiten wie eine riesige, über mehrere Stockwerke reichende Bibliothek, Lehrzimmer für den Unterricht der Studenten, Büros für die Professoren und was nicht fehlen durfte, die verschiedensten Arten von wissenschaftlichen Laboren. „Wo befindet sich dein Labor?“ fragte Atheris die Gelehrte. „Im Keller, mein Lieber!“ antwortete Saleha und als sie den fragenden Gesichtsausdruck von dem Hexer sah, fuhr sie mit einer Erklärung fort, „die Labore im Keller unterliegen hohen Sicherheitsvorkehrungen! Die drei Ebenen sind aus dem harten Felsengestein geschlagen worden und der Zugangsbereich wird durch eine Schleuse von mehreren Türen abgeriegelt. Ja, die Universität hat aus ihren Fehlern in der Vergangenheit gelernt!“ Als sich die Gruppe dem Kellereingang näherte, sahen sie, dass Saleha nicht untertrieben hatte. Der Eingangsbereich war überraschend klein gehalten und die äußersten Türen waren aus schwerem dickem Metall gearbeitet, die eher an einen Tresor als an einen Durchgang erinnerte. Das zweite Tor bestand aus einer Art Bleilegierung, warum das so war, wollte er lieber nicht wissen. Vier schwer bewaffnete Wachen grüßten Sie respektvoll und prüften mit kritischen Blicken die Fremden, ließen sie aber unbehelligt passieren. Eine schmale gewundene Treppe führte sie ziemlich steil nach unten in die Tiefen des Felsenplateaus. Spätestens hier war der Glanz Ophirs komplett verschwunden und die Funktion bestimmte die Form und Ausstattung der Räumlichkeiten. Saleha’s Räumlichkeiten befanden sich auf der untersten Ebene. Die Wendeltreppe endete in einem langen, kahlen aber mit alchimistischen Lampen gut ausgeleuchteten Gang. Zwei weitere Soldaten standen am Anfang des Ganges und wie zuvor, wurden sie genau gemustert. Ihr Weg führte sie vorbei an verschiedenen Lagerräumen und Arbeitsräumen, an deren Tür Symbole angebracht waren, die klar verrieten, dass hier nicht unvorsichtig gehandelt werden durfte. Ein der Metalltüren schimmert bläulich – Atheris vermutete eine Dimeritiumlegierung, vermutlich befanden sich in dem Raum besonders wertvolle oder gefährliche alchimistische Zutaten. Atheris empfand eine bedrückende Stimmung, wie konnte man hier unten bloß die ganze Zeit aushalten? Vor einem, mit einer schweren Tür, verschlossenen Raum blieben sie stehen. Saleha drehte sich zu ihnen um und sagte: „Wie euch vielleicht aufgefallen ist, werdet ihr als Hexer hier in Miklagard nicht so sehr angestarrt wie in eurer Heimat. Das liegt nicht nur daran, dass das Wissen und die Geschichten über die Hexer hier nicht sonderlich verbreitet sind, sondern vor allem daran, dass wir andersartige Erscheinungsbilder gewöhnt sind. Die Wissenschaftler unserer Universität widmen sich schon seit vielen Dekaden der Erforschung von Mutagenen und ihren Folgen auf den Organismus. Fast alles, was wir im Alltag verwenden, wurde durch Mutationen verändert, von Pflanzen über Tiere bis hin zu den Menschen. Viele Änderungen haben uns das Leben leichter gemacht, bessere Ernteerträge, mehr Milch bei den Kühen oder aber auch wetterresistentere Pflanzen. Auch in der Medizin haben wir Fortschritte gemacht, so konnten wir eine beachtliche Anzahl an Erkrankungen lindern oder sogar ausmerzen und somit unsere Lebensqualität verbessern. Aber neben ethischen Fragestellungen gab es und gibt es auch massive Probleme durch das Eingreifen in die Organismen. Ein Problem kennt ihr als Hexer ja selber, die Unfruchtbarkeit! Viele der Pflanzen und Tiere sind unfruchtbar, und wir müssen bei jeder Generation wieder neu eingreifen und die Mutation erneut durchführen. Zudem haben wir durch die Veränderung in den natürlichen Kreislauf der Natur eingegriffen und somit ein Aussterben der Arten verursacht. Ihr seht also, es gibt massive Probleme, an denen wir arbeiten.“ Eiwa nahm den Faden auf und ergänzte: „Zudem könnt ihr euch sicherlich vorstellen, dass unser Wissen über Mutationen zu Begehrlichkeiten, vor allem beim Militär, gesorgt haben. Auch Diar al’Fahid, der Kriegsminister, den ihr bei eurer Ankunft gesehen habt, hegt Ambitionen in dieser Richtung. Versteht ihn nicht falsch, er ist sicher einer der ‚Guten‘ aber die Sicherheit unserer Heimat liegt ihm am Herzen. Unsere Wissenschaftler haben auch in der Vergangenheit mit mehr oder weniger Erfolg an militärischen Projekten gearbeitet …  bis die Mutter unserer Regentin in ihrer Regierungszeit, auf Drängen des Volkes und Empfehlung ihrer Räte, die Forschungen in diese Richtung strikt verboten hat und dieses Verbot bis heute Bestand hat – zum Missfallen von unserem Kriegsminister. Hier hinter dieser massiven Tür befinden sich die wichtigsten Forschungsergebnisse bezüglich der Mutationen. Neben den Dokumentationen lagern hier auch die Reserven für die Samen und Föten, die für unsere Landwirtschaft zwingend notwendig sind!“ Die beiden Gelehrten gingen einige Schritte weiter zum nächsten verschlossenen Lagerraum und Saleha fuhr mit ihren Erklärungen fort: „Was hinter dieser Tür gelagert ist, nenne ich das Gruselkabinett. Es sind die Überbleibsel der Bemühungen einer vergangenen Generation von Wissenschaftlern, die uns daran erinnert, was alles schiefgehen kann, wenn man mit der Natur spielt. Ich möchte es euch zeigen um euch eine Vorstellung davon zu geben, wie schwer und kompliziert es ist, eine gezielte Mutation mit einem gewünschten Ergebnis herbei zu führen, ohne dabei schreckliche und nicht gewollte Nebenwirkungen zu verursachen. Genau dort liegt auch das Problem mit eurer Kräuterprobe begraben. In meinen Gesprächen mit Valerian und den Untersuchungen der Blutproben, die ich bereits erhalten hatte, ist es gut nachvollziehbar, warum die Mortalitätsraten so enorm hoch sind, warum nur Jungen unter zehn Jahren überhaupt eine realistische Chance hatten, die Mutationen zu überleben und warum die Mutationsergebnisse so unterschiedlich ausfallen“. Eiwa versuchte noch eine Erklärung zu geben, welch wichtigen Einfluss die Magie bei der Wandlung hatte, gab es aber auf, als sie die leeren Blicke der jungen Hexer bemerkte und blickte mit hochgezogener Augenbraue zu Saleha. Saleha verkniff sich ein Schmunzeln. Sie schätzte die kühle Analytik ihrer Cousine sehr, jedoch musste dies die jungen Männer ohne die jahrelange akademische Ausbildung überfordern. „Aber nun seht selber, was alles schieflaufen kann, folgt mir!“ sprach sie mit einem ernsten Tonfall und öffnete die Tür. Schon bei den ersten Exponaten verstand Atheris, warum dieser Raum den Namen ‚Gruselkabinett‘ verdient hatte. In langen Regalen lagerten hunderte von Glasbehältern in unterschiedlichen Größen und Formen. Die meisten von ihnen waren mit einer durchsichtigen Substanz gefüllt, in der massiv verunstaltete Kreaturen schwammen, die direkt aus einem Alptraum entsprungen zu sein schienen. Die Vielfalt der Experimente war für Atheris erstaunlich und beängstigend zugleich, neben nicht lebensfähigen Föten, bei denen man das Ausmaß der Mutationen nur erahnen konnte, gab es auch mannshohe Behälter, bei denen unter anderem versucht worden war, Menschen und Tiere zu kreuzen. Für letztere Versuche waren die Verwandlungen der Werwölfe die Forschungsgrundlage gewesen. Viele der fehlgeschlagenen Experimente waren schon Jahrzehnte her, und nur anhand der Aufzeichnungen konnten die heutigen Wissenschaftler, sofern sie das wollten, nachvollziehen, wie und was der Zweck des Versuches war. Atheris hatte schon viel Übel in seinem Leben gesehen und auch seine eigene Mutation, so hilfreich sie auch im Kampf gegen Monster sein mochte, warf immer wieder ethische Debatten und Ausgrenzungen auf. Was er aber hier und jetzt sah, übertraf seine schlimmsten Vorstellungen. „Ein Ghul ist eine wahre Schönheit, im Vergleich zu dem was hier teilweise zu sehen ist!“ fasste Raaga trocken zusammen. Am Ende des ‚Gruselkabinetts‘ gab es eine weitere schwere Tür, vor der Saleha kurz innehielt, bevor sie auch diese schweren Riegel öffnete und die Hexer hineinführte. Der Raum bestand grob aus zwei Teilen, einem vorderen Bereich, der an eine kleine Bibliothek erinnerte und einen durch Gitterstäbe abgetrennten zweiten größeren Teil, der mehr wie ein Gefängnis aussah. Im letzteren waren sechs weiß gekachelte Tische kreisförmig angeordnet, in deren Mitte ein großer kupferner Behälter stand, von dessen Mitte aus gläserne und kupferne Röhrchen zu den Tischen liefen. Auf jedem Tisch ruhte ein abscheuliches Monster, das Atheris nicht zuordnen konnte. Die Röhrchen endeten in verschiedenen Regionen der Körper und versorgten diese mit unterschiedlichen Flüssigkeiten. Das leichte Heben und Senken der Brustkörbe verriet, dass diese Kreaturen am Leben waren, was dazu führe, dass Atheris scharf die Luft einzog. „Das hier sind die lebensfähigen Experimente aus den militärischen Forschungen unserer Universität. Sie wurden hier vor knapp vierzig Jahren weggeschlossen, da sie eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellten, da sie charakterlich zu labil waren und zu aggressivem Verhalten tendierten. Seither liegen sie in einem künstlichen Koma, bis der Ethikrat der Universität entschieden hat, was mit ihnen passieren soll. Versteht das nicht falsch, es wurde viel versucht ihnen ein ‚normales‘ Leben trotz der Mutationen zu ermöglichen. Aber vier von ihnen waren bereits zum Tode verurteilte Schwerverbrecher und zwei von ihnen waren treue Soldaten Miklagards, die an einer unheilbaren Krankheit dahinsiechten.“  Erzählte die Gelehrte, während sie die Reaktionen der Hexer beobachtete. Atheris fiel es schwer, seinen Blick von den Mutanten abzuwenden, es war der Universität tatsächlich gelungen, Mischwesen aus Tieren und Menschen zu erzeugen und damit Mutationen zu bewirken, die über die der Hexer hinausreichten. Einzig die magische Komponente der Kräuterprobe fehlte hier komplett. Atheris betrachtete die Wesen genauer, ähnlich wie bei den Werwölfen waren die Körper im wesentlichen humanoid, wohingegen der Kopf ziemlich dem des gekreuzten Tieres entsprach. Bei den Extremitäten war die Mischung zwischen Mensch und Tier am größten, hier hatten alle klauenbewährte Hände und Füße und einer der Mutanten sogar den Ansatz von Flügeln. Atheris wäre nicht in den Sinn gekommen, verfluchte Wesen zu untersuchen und diese auf den menschlichen Körper anzuwenden. Die Tiere, die verwendet wurden, besaßen Eigenschaften, denen man wohl militärisch etwas abgewinnen wollte, eine Panzerechse, ein Löwe, ein Stier, eine Schlange und eine Fledermaus. Nachdem die Cousinen mit den Hexern noch ein wenig über die Wesen philosophiert hatten, verließen sie den Raum wieder und kamen endlich zum eigentlichen Labor von Saleha.

Der Raum war geräumig und mit bunten Kacheln verkleidet, was Atheris einen sauberen Eindruck vermittelte, es war so ganz anders als das Labor von Meister Valerian, bei dem mehr Chaos als Ordnung herrschte. In einer Ecke stand ein großer hölzerner Schreibtisch, auf dem einige Schriftrollen und Bücher gestapelt lagen. Die Mitte des Raumes nahm ein sehr großer, metallener Tisch ein, auf den verschiedenen, komplex wirkenden Konstellationen von Glaskolben, Reagenzgläsern, Glasspiralen, Kupferbehälter und drei Ölbrenner aufgebaut standen. An den Wänden befanden sich schwere Holzregale, die mit Büchern, Schriftrollen und verschiedenen Reagenzien vollgestellt waren, wobei auffiel, dass alles fein säuberlich beschriftet war. Zuletzt fiel dem Hexer eine Apparatur in einer weiteren Ecke des Raumes auf. Sie bestand aus einem zylindrischen Metallbehälter, in den mehrere unterschiedlich vermutlich geschliffene Linsen gesteckt werden konnten. Unterhalb des Zylinders war ein kleiner flacher Teller, dessen Mitte aus durchsichtigen Glas bestand. Unter dem Teller befand sich ein schwarzes Tuch, welches einen runden, faustgroßen Gegenstand verdeckte. Saleha hatte das Interesse des Hexers bemerkt und trat an ihn heran, während sie seinen starken Schwertarm umschlang. „Damit mein lieber Atheris, können wir dein Blut und deine Zellen untersuchen, auch wenn dies nur ein kleines Exemplar ist. Ich werde es dir in den nächsten Tagen zeigen!“ lächelte die Alchemistin und schob ihn weiter in den Raum, das Augenrollen von Raaga, der in seinem Rücken stand, hatte er nur erahnen können.

Die ersten Untersuchungen dauerten den ganzen Vormittag, während Eiwa die magische Analyse der Hexer Mutationen genauer unter die Lupe nahm, und dafür Raaga mit seltsamen Geräten systematisch viele Fragen stellte, widmete sich Saleha der anatomischen und physiologischen Auswirkungen und machte sich daran, die Körper von Atheris und Viktor genauer zu vermessen, Organe abzutasten und mit Durchschnittswerten zu vergleichen. Schon nach den ersten Ergebnissen, zeichnete sich ab, dass alleine schon die Mutationen von Atheris und Viktor nur bedingt ähnlich verlaufen waren, zu unterschiedlich waren die Auswirkungen in den körperlichen Eigenschaften. Nachdem sie auch einige Tests der Sinnesfertigkeiten durchgeführt hatte, zogen sich Raaga, Viktor und Eiwa zum Mittagessen in Salehas Anwesen zurück, nur Atheris und Saleha blieben im Labor zurück um noch einen Versuch durchzuführen. Immer wieder erwischte sich Atheris dabei, wie er an seine Jugend denken musste und die Experimente, die die Professoren damals in Nilfgaard an ihm durchgeführt hatten, um mehr über die Kräuterprobe der Hexer zu erfahren, und ihm war klar, dass der Geheimdienst des Kaiserreiches nach wie vor an den Ergebnissen interessiert war. Auch der Eid, den er vor vielen Jahren abgelegt hatte, seine Heimat unter allen Umständen zu beschützen, lastete in diesem Moment schwer auf seinem Herzen. Was könnte der Kaiser mit dem Wissen anfangen, das in diesen Keller schlummerte … er brauchte sich das gar nicht weiter vorzustellen, das, was einige Schritte von hier entfernt hinter der dicken Tür lauerte, konnte und wollte er nicht gutheißen. Atheris fiel ins Grübeln, aber andererseits, was die Hexer mit der Wiederentdeckung der Kräuterprobe und sogar deren Verbesserung vorhatten, unterschied sich nicht wirklich so sehr von dem, was mit den sechs Wesen angestellt worden war. Zwar waren vier von den sechs Mutanten schon vorher gewalttätig gewesen, aber konnte man das bei einem Hexer ausschließen? Die Geschichten der Katzenschule kannte Atheris von Valerians Erzählungen gut genug, obwohl auch hier wieder nicht alle verrückt waren, er hatte einen getroffen, der bei der Verteidigung von Kaer Iwhaell geholfen hatte und der hatte sich als ein recht anständiger Kerl erwiesen hatte. Auch das äußerliche Erscheinungsbild war aus seiner Sicht keine Rechtfertigung, klar sahen die sechs Wesen in ihrer Mischform zum Fürchten aus, aber auch die weniger gravierenden äußeren Veränderungen der Vatt’gern verursachten bei den Menschen alles andere als vertrauensvolle Gefühle … wobei die Katzenaugen auch bei den Frauen meist gut ankamen. „Was schmunzelst du, Atheris?“ fragte Saleha von der anderen Seite des Tisches. „Ich freue mich einfach nur hier zu sein!“ antwortete der Hexer, während er der Gelehrten ein Gefäß mit einer schleimigen, grünlichen Flüssigkeit überreichte, einem Elixier, das vielleicht den ersten Schritt zur neuen Kräuterprobe darstellen konnte.

Kapitel 7 – Was bei Valerians grauem Bart?

Es war spät geworden und die Sonne über Miklagard war vor einigen Augenblicken am Horizont untergegangen. Im unterirdischen Labor bekamen Saleha und Atheris davon allerdings nichts mit. Vertieft in ihre Experimente hatten die Gelehrte weitere Versuche mit dem Hexer durchgeführt und er ließ es beharrlich über sich ergehen. „Lass uns noch eine letzte Testreihe starten, mir ist da gerade noch eine interessante Idee gekommen!“ meinte Saleha, während sie die letzten Testergebnisse in ihren Notizen erfasste. „Ich bin für jede Schandtat bereit!“ antwortete Atheris, obwohl er sich innerlich darauf gefreut hatte, heute Abend mit den anderen das Badehaus aufzusuchen. Eiwa hatte am Vorabend von dieser Einrichtung erzählt und sie brannten alle darauf, sich von den Masseuren verwöhnen zu lassen. „Lass mich noch kurz Austreten, bevor wir weitermachen!“ ergänzte Atheris seine Antwort. Das bräunliche, warme Getränk, das die Cousinen dem Hexer gegeben hatten und welches leicht bitter schmeckte, trieb ihn öfter auf den stillen Ort, als er es gewöhnt war.

Atheris trat hinaus in den Flur und machte sich zum wiederholten Male auf den Weg zum Abort. Als er die schwere Eisentür zum ‚Gruselkabinett‘ passierte, hörte er ein lautes Klicken und während er sich noch zu dem Geräusch drehte, wurde er von einer Explosion von den Beinen gerissen und hart gegen die Wand geschleudert. Als Atheris wieder das Bewusstsein erlangte, konnte er nicht sagen, wie lange er außer Gefecht gesetzt war. Erst als er seine Augen endlich wieder öffnete und er in seinem Mund einen eisernen Geschmack wahrnahm, wurde ihm wieder klar, wo er sich befand. Beim Versuch aufzustehen stürzte er zweimal unsanft zu Boden, bevor er es endlich schaffte sich zu erheben. Das feine Gehör eines Hexers war oftmals von Vorteil, aber gerade bei Explosionen erwies es sich als ein großes Problem. Er spürte wie ihm das Blut an der Stirnseite runter tropfte und durch das schrille Pfeifen seiner Ohren vernahm Atheris Schreie, die von Saleha sein mussten. Als er gerade seinen Dolch ziehen wollte umschlossen ihn zwei riesige Arme. Die mit Schuppen bedeckten Gliedmaßen fingen sofort an, sich enger zu ziehen, und ihm die Luft aus den Lungen zu pressen. Er versuchte den Solarplexus seines Gegners mit dem Ellenbogen zu erreichen, aber er konnte sich nicht genug bewegen um eine Wirkung zu erzielen, geschweige denn, ob der Mutant überhaupt so etwas besaß. Auch ein Kopfstoß nach hinten erzeugte nicht die gewünschte Wirkung. Durch die Rauchschwaden und seinen sich langsam brechenden Blick sah der Hexer, wie Saleha aus ihrem Labor stürmte und einen Gegenstand auf das Biest warf. Mit einem zischenden Geräusch das gepaart war mit einem schmerzhaften Schreien, löste sich die Umklammerung ein wenig, und das reichte Atheris, um die kurze Klinge aus seiner Armschiene zu lösen und sie in dem schuppigen grünen Fleisch zu versenken. Mit all seiner Kraft drehte der Hexer das Messer und zog es anschließend quer über den Unterarm des Mutanten, wobei er merkte, wie er die Muskeln und Sehnen trennte. Der Griff lockerte sich soweit, dass er seinen linken Ellenbogen in der Magengrube seines Gegners versenken konnte. Zumindest glaubte Atheris, dass es sich um diese handelte, aber der Erfolg gab ihm recht. Als sich der Griff endgültig lockerte, befreite sich der Hexer mit einer Rolle nach vorne. Wieder auf den immer noch etwas zittrigen Beinen zog er in einer fließenden Bewegung seine beiden Dolche aus den Beinholstern und ging, ohne zu zögern, zum Gegenangriff über. Saleha musste das Biest mit irgendeiner Säure im Gesicht getroffen haben, zumindest war es für den Hexer ein leichtes unter dem versuchten Biss hindurch zu tauchen und die beiden Klingen in den Seiten des Halses zu versenken, wo die Halsschlagadern für gewöhnlich verliefen. Mit einer leichten Drehbewegung löste der Hexer die Waffen wieder aus seinem Opfer, und brachte sich mit einem großen Schritt aus der Schlagdistanz des Monsters. Dieses stellte jedoch keine Gefahr mehr da, mit einem letzten Gurgeln brach das Wesen leblos zusammen. Erst jetzt bemerkte der Hexer den schneidenden Schmerz der Wunden, die ihm die Splitter der Explosion zugefügt hatten und sein weißes Hemd zum Teil rot gefärbt hatten. „Alles in Ordnung bei dir, Atheris?“ fragte ihn Saleha besorgt. Der Hexer musterte die Frau und zumindest sie sah unverletzt aus. „Mir ging es schon besser, aber ich bin noch am Leben, Danke!“ antwortete Atheris und warf einen Blick auf das Trümmerfeld, das sich neben ihm befand. „Sie dir das Desaster nur an!“ brach es wütend aus Saleha raus, als sie die gesprengte Kammer betrat. Atheris trat zu ihr in den Raum und sah die Verwüstung, die die Eindringlinge angerichtet hatten. Am Boden vor ihnen lagen die zwei Wächter und neben ihnen vier in schwarzes Tuch gekleidete Männer, deren Gliedmaßen so verrenkt waren, dass der Hexer keine Zweifel hatte, dass sie keine Gefahr mehr darstellen konnten. Zwischen den Toten lag der erschlagene Fledermausmutant, der aus mehreren letalen Stichwunden blutete und keine Lebenszeichen mehr von sich gab. Weiter hinten im Raum lagen weitere Männer sowie der Löwen- und der Adlermutant. „Die Dokumente und die zwei übrigen Mutanten … sie sind weg!“ Saleha zeigte auf die fast leeren Regale im Vorraum und auf den geöffneten Käfig. Der Behälter, der zwischen den Steinbetten gestanden hatte, war umgefallen und die Flüssigkeiten hatten sich auf dem Boden verteilt. Man musste kein Jäger sein, um zu sehen, wie die Mutanten ihre Schlafstätte verlassen hatten und in den Vorraum geschlichen waren. Hier war es dann zum Kampf mit den Eindringlingen gekommen, den nicht alle überlebt hatten. Atheris beugte sich zu einen der toten Männer und zog ihm das Tuch vom Gesicht. Der Hexer zog überrascht die Luft ein „diesen hier kenne ich … ganz sicher! Er gehört zu Zahirs Männern!“ sagte er zu Saleha. „Wenn das Wissen in die falschen Hände gelangen sollte …“ fuhr die Gelehrte fort und der Hexer nickte, er hatte den gleichen Gedanken gehabt. „Wenn Zahir dahinter steckt, müssen wir ihn ausfindig machen!“ fügte Atheris hinzu.  Wenigsten wussten die Diebe nichts von den Experimenten mit den Hexermutagenen. „Also, wo fangen wir an?“ fragte Saleha noch, aber Atheris war bereits auf dem Weg nach oben.

Kapitel 8 – Freizeit

Während die anderen den Tag im Labor verbrachten, hatten es sich die verbliebenen Greifen in der Stadtvilla von Saleha gemütlich gemacht und genossen die Annehmlichkeiten.  Erst nach dem Mittagessen beschlossen die drei, sich in der Stadt etwas umzusehen und einige von Eiwa‘s ‚Empfehlungen‘ zu besuchen. Sie kamen allerdings nicht sonderlich weit, denn bereits an der Hafenpromenade entdeckte Logan ein sehr einladend wirkendes Kaffeehaus, in dem er die kulturellen Errungenschaften Miklagards unbedingt vertiefen wollte, und da weder Heskor noch Egon einen sinnigen Einwand gegen etwas Kultur hatten, deswegen waren sie ja schließlich auch losgezogen, betraten sie das bereits gut gefüllte Gebäude und ließen sich auf einer der niedrigen Emporen, die mit Kissen und einem kleinen runden Tisch ausgestattet war, nieder. Die optimale Lage Miklagards an einer großen Flussmündung mit offenen Zugang zum Meer war eine der Hauptursachen für den blühenden Handel und somit den Reichtum der Stadt.  Schiffe aus vielen ihnen bekannten und zum Teil auch unbekannten Ecken der Welt liefen hier permanent ein und aus. Neben einigen Handelskoggen aus dem Kaiserreich Nilfgaard, war vor allem der große Anteil an Langschiffen aus Skellige auffällig. „Mir war nicht bekannt, dass die Skelliger mit Ophir einen solchen Handel betreiben!“ sinnierte Heskor und überdachte einmal mehr seine Pläne für ein mögliches Handelsgeschäft. „Eiwa hatte doch gestern Abend erzählt, dass sich viele Skelliger hier in Miklagard niedergelassen haben und sogar einen permanenten Handelsposten hier errichtet haben, und zudem gerne als Soldaten in der Armee von Miklagard angeheuert werden. Die Regentin selber verfügt über eine eigene Skelliger-Kompanie, die ihr als Leibgarde dient Sie leben fast alle in einer eigenen großen Siedlung nördlich der Stadtmauern. Raaga wollte sich dort heute Abend mal umschauen!“ antwortete Logan lehrerhaft auf die Feststellung seines Freundes. „Klugscheißer!“ antwortete Heskor mit einem Lächeln im Gesicht, „würdest du Valerian auch mal so gut zuhören im Unterricht, wärst du auch sicherlich bereits Geselle!“ fügte er feixend hinzu und leerte sein Schnapsglas, dessen Inhalt ihn an Lakritze erinnerte. Nachdem sie sich auch noch an einer sogenannten Wasserpfeife versucht hatten, und Egon sich bei einem Glücksspiel mit den Einheimischen über den Tisch hatte ziehen lassen, was fast in einer handfesten Schlägerei geendet war, machten sie sich gutgelaunt auf den Weg zum Badehaus. „Ich bin wirklich gespannt, wie ein Dampfbad so ist!“ zeigte sich Egon mehr als interessiert, denn wie so etwas funktionieren sollte, konnte er sich nicht vorstellen. In dem Dorf, aus dem er kam, gab es einen kleinen Fluss und ab und an mal einen kleinen Zuber. Ihr Weg führte sie von der Promenade weiter an den Anlegedocks für die größeren Handelsschiffe vorbei, und so gesellig wie die Freunde unterwegs waren, wäre Egon fast mit Zahir zusammengestoßen, der sich gerade mit einigen seiner Männer unterhielt. Freundlich grüßte der Händler die Greifen, wechselte ein paar Nettigkeiten aus und ging weiter seinen Geschäften nach. „Wie es scheint, will er seine Handelsreise mit dem Schiff fortsetzten!“ stellte Heskor beiläufig fest, während er die dicke Handelskogge musterte, welches von Hafenarbeitern bereits eifrig beladen wurde. „Ich würde auch nicht mehr freiwillig den Weg durch die Wüste wählen!“ stellte Logan mit vollkommener Überzeugung fest, drehte sich um und folgte Egon, der von dem ganzen nichts mitbekommen hatte. Das Badehaus lag im Zentrum der Stadt. Um nicht den gleichen Weg wie zum Hafen zu gehen, wählten die drei einen Umweg, der sich allerdings als ein ordentlicher Fußmarsch herausstellte, Heskor aber die eine und andere Gelegenheit ermöglichte, einige Kleinode käuflich zu erwerben – die beiden Cousinen waren bereit gewesen, ihm ein zinsfreies Startkapital zu gewähren, nachdem sie erfahren hatten, dass er fast alles verloren hatte. Als sie vor dem Badehaus standen, überlegten die drei kurz, ob sie auf einen Abstecher im Labor vorbeischauen sollten, aber nach einem Moment der Stille einigten sie sich grinsend darauf, lieber sofort das wohltuende Nass aufzusuchen. Es war Raagas knurrender Ruf, der sie kurz vor dem Betreten des Bades innehalten ließ. Der Skelliger hatte seine Hände in die Hüften gestemmt und starrte die drei an. „Wie ich sehe, habt ihr richtig Spaß gehabt, während wir anderen hart gearbeitet haben!“ stellte der Hexer fest. „Wir haben uns nur kulturell weitergebildet!“ antwortete Logan mit seinem typisch schelmischen Grinsen im Gesicht. „Habt ihr die Übungen absolviert, wie ich es euch heute Morgen aufgetragen habe?“ raunzte Raaga die beiden Lehrlinge an. „Äh…welche…!“ wollte Egon antworten, als ihm Logan auf den Fuß trat und das Wort übernahm. „Atheris meinte, wir sollten die Möglichkeit nutzen und uns kulturell weiterbilden!“ sagte der Blondschopf und fuhr mit seiner Argumentation fort, „und wir sind noch nicht fertig mit unseren Nachforschungen, in diesem Gebäude vor uns gibt es noch viel Kultur zu entdecken! Man soll hier sogar in Dampf baden können!“ Gerade als Raaga zu einer Schimpftriade ansetzten wollte, trat Viktor neben ihn, legte ihm die Hand auf die Schulter und meinte auf seine ruhige, gelassene Art: „Weißt du was Raaga! Ich denke heute kannst du eine Ausnahme machen! Ich für meinen Teil, werde mich den dreien anschließen, ein gutes Bad und etwas Kultur hat noch niemandem geschadet. Die Übungen können wir auch in der kühleren Abenddämmerung nachholen. Kommst du auch mit?“ Raaga, der als Valerians rechte Hand und Geselle für einen Teil der Ausbildung der Lehrlinge verantwortlich war, brauchte einen Moment, um sich innerlich wieder zu beruhigen. Atheris hatte keinerlei Weisungsbefugnis gegenüber Egon und Logan, da er selber nur ein Lehrling war, auch wenn er aufgrund seines Alters und Erfahrungen von Valerian anders behandelt wurde. „Nein Danke! Macht ihr nur, ich suche mir eine Taverne im skelliger Viertel!“ antwortete er, während er bereits kehrtgemacht hatte. Eiwa, die das ganze ruhig mit angehört hatte, zuckte kurz mit den Schultern und meinte dann süffisant: „Raaga, mit schlechter Laune, in einer Taverne voller Landsmänner? … das könnte interessant werden!“ und machte ebenfalls kehrt. Das Badehaus war ähnlich wie die meisten Gebäude in Miklagard aufgebaut, durch das einladend wirkende Eingangsportal gelangten sie in einen großzügig angelegten Innenhof, in dem die Besucher verschiedensten körperlichen Ertüchtigungen nachgingen. „Zum Glück ist Raaga nicht mitgekommen, er wäre bei dem Anblick der Geräte hier sicherlich auf dumme Gedanken gekommen!“ sagte Logan und erntete ein fast verängstigtes Lachen von Egon, „mach bloß keine Scherze darüber! Dagegen wäre die Wüste ein Zuckerschlecken gewesen!“ antwortete er seinem Kameraden. Ein großer Torbogen führte sie in eine große, belebte Halle, die mit den hier typischen bunten Mosaiken ausgekleidet war. Dieser Treffpunkt bildete offensichtlich das gesellschaftliche Zentrum des Bades. Hier saßen und standen die Besucher wie sie die Götter geschaffen hatten und unterhielten sich sowohl über privates als auch geschäftliches Dinge. Der überwältigende Anteil der weiblichen Besucher fiel dabei besonders ins Auge, aber Heskor erinnerte die beiden jüngeren Greifen daran, dass hier in Miklagard ein strenges Matriarchat herrschte, und sie sich hier besser zurückzuhalten sollten, um keine Probleme zu verursachen. Von einem Bediensteten wurden sie in einen Raum geführt, in der sie sich entkleideten und lediglich mit einem Tuch bewaffnet wieder in die Halle zurücktraten. „Psst…Heskor!“ zischte Logan, als er sah, dass sich der ältere Mann das Tuch um die Hüften geschlungen hatte. „Heeessskor!“ wiederholte sich Logan etwas lauter, bis dieser sich zu ihm umdrehte. „Was?“ fragte Heskor mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wir wollen doch hier keine Probleme bekommen, also trage dein Handtuch wie die anderen Männer besser auch über die Schulter gelegt!“ grinste Logan, als Heskor sich leicht verlegen umblickte. „Hups!“ grinste er zurück, löste das Tuch um seine Hüften und schwang es elegant auf seine Schulter. „Besser?“ fragte er, „viel besser!“ entgegnete Logan und fügte hinzu „hoffentlich ist das Wasser hier nicht zu kalt!“. Als sie weitergingen meinte Egon: „Valerian würde mit uns ein Hühnchen rupfen, wenn er wüsste, dass wir uns hier unbewaffnet herumtrieben!“ „Dann haben wir ja Glück, dass der alte Mann nicht hier ist, um uns als Strafe Runden um das Badehaus laufen zu lassen!“ erwiderte Viktor trocken und machte sich auf den Weg zum Dampfbad.

Die Zeit verging schnell und ehe sich die Hexer versahen, war die Dunkelheit über der Stadt hereingebrochen. Heskor und Viktor unterhielten sich gerade mit einem Händler aus Skellige, den sie auf ein paar Gläser des hiesigen Schnapses eingeladen hatten. Heskor hatte den Mann schon fast so weit beackert, dass er ihnen eine Passage in die Leuenmark zu einem vernünftigen Preis anbieten könnte. Währenddessen waren die beiden jüngeren Hexerlehrlinge dabei mit zwei ophirischen Schönheiten anzubandeln, beziehungsweise sich anbandeln zu lassen. Ihrer Aufmerksamkeit beraubt, nahmen die Greifen nicht wahr, wie sich im Licht der Fackeln ein großer schwarzer Schatten in eines der Becken gleiten ließ. Ein kreischender und dann abrupt erstickender Schrei einer Frau riss ließ sie aufschrecken. Panik brach aus und die verbliebenen Gäste verließen so schnell sie konnten das Wasser, während sich in der Mitte das rote Blut im sprudelnden Wasser verteilte. Egon und Logan sprangen sofort ins Wasser und begannen den Leute aus dem Wasser zu helfen, während Heskor und Viktor in die Halle gerannt kamen. Wenig später war Logan der letzte, der sich im Wasser befand, nachdem er gerade einer alten Dame aus dem Wasser geholfen hatte, als er in seinen Augenwinkeln die schäumende Welle wahrnahm, die sich sehr schnell auf ihn zubewegte. Gerade als er sich innerlich darauf vorbereitete, sich mit allem zu wehren, was er hatte, packten ihn im letzten Moment zwei kräftige Hände und zogen ihn aus dem Wasser. Der junge Hexer fand sich in den Armen von Heskor wieder, während Viktor mit einem schweren Kerzenständer auf den abscheulichen Kopf einschlug. Nach zwei schweren Treffern, ließ sich das Biest zurück ins Wasser gleiten und schwamm auf die andere Seite des Beckens. Dort sprang es aus dem Wasser und verließ den Raum durch einen Vorhang. Es war mindestens drei Schritt hoch und Viktor erkannte in dem Monster den Mutanten aus der Asservatenkammer. „Verdammt, wie kommt das hierher?“ rief Viktor. Das entsetzte Schreien der Gäste in den anderen Raum ließ nicht lange auf sich warten. „Logan…Egon, hinterher! Heskor, hol die Waffen!“ knurrte Viktor und rannte mit dem Kerzenständer in der Hand dem Monster hinterher. „Bei Valerians grauem Bart!“ schimpfte Logan und stürzte Viktor hinterher. Im anderen Raum erblickten sie das Monster, wie es sich gerade über sein nächstes Opfer hermachen wollte. Bevor die Echse ihr Opfer stellen konnte, schleuderte Viktor den Kerzenständer gegen den Rücken des Biestes, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit auf sich lenken zu können, und das gelang ihm auch. Das Wesen, halb Mensch halb Tier ließ sich mit einem furchtbaren Brüllen auf alle Viere fallen, und lief mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu. Kurz vor dem Aufeinandertreffen stoben die Greifen auseinander und ließen den Angreifer ins Leere laufen. Es hatte sich Logan als sein erstes Opfer auserkoren und setzte dem nackten Blondschopf nach. Der Blondschopf schlitterte so schnell er konnte den Beckenrand entlang, was gar nicht so einfach war, da diese blöden Kacheln feucht und verdammt rutschig waren und nur ein Fehler konnte ihm in seiner Situation das Leben kosten. Als er merkte, dass seine Flucht aussichtslos war, bremste er ab, drehte sich um und rannte seinem Jäger entgegen. „Logan! Nein!“ schrie Viktor aus einiger Entfernung. Die Echse öffnete ihre vor Zähnen strotzenden Fänge, und keinen Moment zu früh, setzte Logan zu einem Sprung an, zog die Beine an und ließ den Mutanten unter sich hinwegfliegen. Im richtigen Augenblick drückte sich Logan nochmal einmal mit dem rechten Bein von dem Schädel seines Gegners ab, wodurch er einen zusätzlichen Impuls nach oben erhielt und mit seinen nach oben gestreckten Armen einen der Deckenleuchter zu fassen bekam. Den Schwung nutzend zog er sich vollends hoch und schaffte es außerhalb der Reichweite des Jägers, der die Situation mit einem erneuten animalischen Brüllen quittierte. Wütend machte sich das Wesen auf, sich ein neues Opfer zu suchen. Seine Wahl fiel auf Viktor, der sich inzwischen mit einem Wischmopp und einem Holzeimer bewaffnet hatte. Als er den Mutanten nun auf sich zustürmen sah, nahm er den Mopp, schlug diesen gegen die Wand, dass der untere Teil abbrach und richtete die Spitze auf das Maul seines Gegners, während er den Eimer ähnlich einem Faustschild in der anderen Hand hielt. Kurz vor dem Aufprall zerschnitt ein scharfes Pfeifen die Luft und ein kurzer Bolzen grub sich in die Schulter des Biestes und riss dieses überrascht zu Boden. Viktor nutzte die sich bietende Gelegenheit und rammte die Spitze seines Stiels mit voller Wucht in eines der Augen, des sich am Boden wälzenden Wesens. Schwer gezeichnet griff das Wesen nach einem Metallgitter, das eine Öffnung in der Wand verkleidete, riss es aus seiner Fassung und schleuderte es auf den Hexer, der sich gerade noch ducken konnte. Durch diese Öffnung floh das Wesen in die Dunkelheit. Die drei anderen Greifen gesellten sich zu Viktor und starteten zur etwa einen Schritt hohen und ebenso breiten Öffnung in der Wand. Heskor warf ein Bündel vor die Füße seiner Freunde, das deren Ausrüstung beinhaltete, spannte mit Hilfe des Fußbügels die aufgegabelte Armbrust und legte einen neuen Bolzen auf. Viktor war der erste, der in Windes Eile seine Ausrüstung anlegte, sich ein Messer zwischen die Zähne steckte und dann mit dem Kopf voran, dem Wesen in die Dunkelheit folgte. „Ernsthaft jetzt?“ fragte Egon und blickte zu den beiden anderen hinüber. Logan zuckte mit den Schultern „Schade, ich hatte gerade erst gebadet!“ und verschwand ebenfalls durch die Öffnung. „Schau mich nicht so an! Ich habe schon schlimmeres erlebt!“ sprach Heskor und tat es den anderen beiden gleich. So hatte sich Egon das Hexer Dasein nicht vorgestellt, „Na dann, Waldmannsheil!“ rief der junge Lehrling und stürzte sich ebenfalls ins Dunkel.

Kapitel 9 – Die Jagd

Saleha und Atheris waren auf ihrem Weg aus den unteren Ebenen der Madrasa. Die Einbrecher waren schnell und hart vorgegangen. Die schwere Schleusentür hing nur noch in den Angeln und im Eingangsbereich lagen die Wachen sowie einige Studenten und Mitarbeiter erschlagen am Boden. „Ich muss den Alarm auslösen!“ rief Saleha und rannte in einen Nebenraum. Kurz darauf erschall eine helle Glocke und es dauerte nur wenige Momente, als die schweren lauten Glocken der Stadt in das Läuten mit einfiel. Während Atheris die Szenerie betrachtete, sah er wie auf der anderen Seite des Platzes sechs Gestalten, die ähnlich gekleidet waren wie die Eindringlinge in einer der Gassen, die sich auf der anderen Seite des Platzes vor der Universität befand, verschwanden. Bei sich trugen sie etwas, was aussah wie eine große metallene Kiste. Ohne zu zögern begann Atheris mit der Verfolgung.

Unter dem Badehaus waren die Viktor, Logan, Egon und Heskor dem Ungetüm durch die kleine Öffnung in die Kanalisation gefolgt. Zu Beginn war es noch relativ einfach gewesen den Spuren zu folgen. Der Belüftungsschacht hatte sie über Umwege in die untere Ebene geführt, vorbei an Wasserrohren aus Ton und Kupfer bis sie schließlich im Kesselraum angelangten. Hier wurde das warme Wasser für die Bäder aufbereitet und genau hier hatte das Monster wieder zugeschlagen. Der Diener lag in einer sich ausbreitenden Blutlache am Boden und die Spuren wiesen den Greifen den Weg durch eine zerstörte Holztür in die Abwasserkanalisation. Zu Beginn war der Gestank und die Verunreinigung noch erträglich gewesen, das ganze Restwasser, das aus den Becken hier abgelassen wurde, sorgte dafür, dass nicht viel Unrat liegen blieb. Den eingeschlagenen Weg des flüchtigen Mutanten konnten sie gut eingrenzen, da die meisten Rohre, die in den Schacht mündeten zu klein waren, um diese zu betreten. Dies änderte sich abrupt, als sie den ersten großen Knotenpunkt in der Kanalisation erreichten. Hier mündeten vier Kanäle in ein großes Becken, indem die Greifen knietief in einer ekeligen und stinkenden Brühe standen. Nachdem sie das Becken durchsucht, aber den Mutanten unter Wasser nicht gefunden hatten, war es nicht leicht gewesen, eine mögliche Spur aufzunehmen. Letztendlich waren es Viktors scharfe Augen gewesen, die ungewöhnlichen Kratzspuren an der Öffnung des größten Kanals entdeckt hatten, die zu ihrer Beute passten. Wenig später waren sie sich ziemlich sicher, dass sie ihrem Ziel auf der Spur waren, denn sie konnten, wenn sie kurz innehielten, das schwere Kratzen von Krallen auf Stein klar und deutlich vernehmen. Nach einer langgezogenen Biegung gelangten sie zum vermeintlichen Hauptabwasserkanal, hier mündeten die mannshohen Kanäle in einem steten Strom aus Fäkalien und sonstigen Unrat, der sich wie ein brauner, unterirdischer Fluss, in Richtung Meer bewegte. Zu ihrem Leidwesen konnten Sie kein Boot finden, das sie hätten nutzen können und so ließ sich zunächst Logan in die stinkende Suppe hinab. „So eine verdammte Scheiße!“ schimpfte dieser als er begann mit leichten Schwimmbewegungen gegen die Strömung anzukämpfen. „Wollen wir dem Viech wirklich hierhinein folgen?“ fragte Heskor, der sich an der kahlen Stirn kratzte, während er zum jungen Blondschopf hinunterblickte. „Wie haben keinen Auftrag erhalten, und ich denke unsere Schuldigkeit ist mehr als getan!“ stimmte Egon ein, wobei er versuchte nicht zu tief einzuatmen. Viktor war sichtlich hin und her gerissen und man konnte an seinem Gesicht ablesen, dass auch er nicht wirklich Lust hatte, es Logan gleich zu tun. Ein heftiger Schlag traf unerwartet Logan an den Beinen und zog sie ihm unter dem Körper weg, so dass er mit einem lauten Platschen in den braunen Fluten verschwand. Viktor zögerte keinen Moment und sprang Logan hinterher. Egon zog seinen Dolch, bückte sich wie eine Raubkatze und machte sich sprungbereit, während er die bewegte Oberfläche beobachtete. Heskor stand direkt neben ihm und zielte mit seiner Armbrust auf die Stelle, wo die beiden Hexer verschwunden waren.  Der Moment zog sich eine gefühlte Ewigkeit hin, und die beiden konnten nur erahnen, was sich unterhalb der Oberfläche abspielte. Egon zuckte für einen Moment zusammen, als sich die Fluten für einen Moment teilten und sich der Echsenmutant aus der braunen Suppe erhob. Auf seinem Rücken befand sich  Logan, der seinen linken Arm um den Hals des Wesens gelegt hatte und gleichzeitig immer wieder mit seinem Jagdmesser auf die Flanke einstach. Viktor befand sich direkt vor dem Mutanten, er hatte seine Beine eng um dessen Taille geschlungen, und war mit beiden Händen damit beschäftigt, das riesige Maul, mit den messerscharfen Zähnen von sich fernzuhalten, während die bösartigen Klauen ihm das Kettenhemd am Rücken zerfetzten. Heskor zielte auf die entblößte Flanke des Monsters und ließ erneut einen Bolzen fliegen. Das Geschoss traf aus kurzer Distanz sein Ziel und die Echse ließ sofort von Viktor ab, der aber seine Umklammerung nicht löste und nun mit seinen Fäusten begann, das Wesen zu bearbeiten. Egon warf sich mit einem Hechtsprung ebenfalls auf die Panzerechse und brachte es aus dem Gleichgewicht.

In der festen Umklammerung und im Nahkampf mit den Hexern begann das Wesen mit heftigen Rollbewegungen um die eigene Achse und schaffte es unter dem Fluchen der Greifen diese abzuschütteln. „Verdammt! Wir hatten es!“ schrie Viktor und spuckte einen ganzen Schwall an braunem Wasser aus. „Los hinterher, da vorne schwimmt er!“ schrie Heskor aus seiner erhöhten Position heraus. Mit einem lauten Platschen landete er neben den anderen und gemeinsam nahmen sie erneut die Verfolgung auf.

Atheris rannte so schnell ihn seine Beine tragen konnten durch die engen und dunklen Gassen der Stadt, immer den sechs Einbrechern folgend, die sich fast wie Affen über etwaige Hindernisse hinwegsetzten. Immer wieder musste er diversen Gegenständen und vereinzelten Bewohnern ausweichen, die zum Teil schockiert reagierten und ihm Wörter hinterherwarfen, von denen er nicht wissen wollte, was sie zu bedeuten hatten. Das harte Training der letzten Jahre in den Wäldern rund um Kaer Iwhaell zahlte sich aus. Sein durch die Mutationen veränderter Metabolismus verlieh ihm sowohl eine höhere Geschwindigkeit, als auch eine bessere Ausdauer wie den Flüchtigen. Gerade als er dabei war, die Männer einzuholen, wechselten sie von der Gasse hinauf auf die Dächer. Der Hexer fluchte laut, ergriff einen Stuhl, der vor einer Hintertür stand und vermutlich für die nächtliche Wasserpfeife vorgesehen war, und warf das Ding auf den letzten der Einbrecher. Er hatte nicht wirklich damit gerechnet, etwas zu treffen, aber der Stuhl streifte den Mann so unglücklich, dass dieser ins Straucheln geriet, den Absprungpunkt verpasste und übel gegen eine Hauswand krachte. Ein inneres Triumphgefühl kam nur kurz auf, denn er war mehr als beschäftigt, den anderen beiden zu folgen. Die Hatz ging weiter über die flachen Dächer, wie ein Bluthund klebte Atheris an den schwarzgekleideten Männern und er kam ihnen immer näher. Als er die ersten Masten des Hafens erblickte, und der Hexer sich überlegte, ob dieser das Ziel ihrer Flucht war, blieben zwei von ihnen stehen und zogen ihre Krummsäbel. Atheris sprang zu den beiden auf das Flachdach. „Wo sind die Dokumente!“ rief er den beiden zu, doch keiner der beiden antworte. „Wäre auch zu einfach gewesen!“ murmelte der Hexer. Er griff langsam über seine Schulter, löste die Schwertscheide vom Rücken, und zog seine scharfe Klinge in einer fließenden Bewegung. Die Schwertscheide warf er achtlos nach vorne auf den Boden, wobei er während der Bewegung das Hexerzeichen ‚Aard‘ wirkte. Die Druckwelle löste sich von seiner Handfläche und wie von einer unsichtbaren Faust getroffen, wurden die beiden Männer unsanft zu Boden geschmettert. Mit drei schnellen Schritten war er über seinen Gegner und bevor die beiden sich wieder sammeln konnten, hatte er sie entwaffnet, den einen Bewusstlos geschlagen und den zweiten in den Schwitzkasten genommen. Er Blickte sich noch einmal um, aber von den letzten drei Gesuchten sah er keine Spur mehr.

Wenig später hatte Atheris den Hafen von Miklagard erreicht. Bei dem Anblick des riesigen Hafens und der gefühlt unzähligen Schiffe, sank ihm das Herz in die Hose. „A d’yaebl aép arse!“ fluchte Atheris, während er seinen Blick über den Hafen wandern ließ, er hatte während des kurzen Verhörs aus dem Einbrecher nicht viele Informationen gewinnen können, entweder waren sie zu allgemeint gewesen, oder er hatte nicht verstanden, was der Mann von sich gegeben hatte. Obwohl es Nacht war, herrschte hier im Hafenviertel noch reges Treiben. Aus den Tavernen ertönten fröhliche Seemannslieder oder wie man es auch bezeichnen konnte, ein fröhliches Gegröle. In den dunklen Nebengassen erspähte der Hexer neben Matrosen, Liebespärchen und den einen oder anderen Haudegen, der sich den Abend nochmal durch den Kopf gingen ließ. „Egal wo man sich auf der Welt befindet, manches ändert sich nie!“ bemerkte Atheris und konzentrierte sich wieder auf seine eigentliche Mission. Kurz spielte der Hexer mit dem Gedanken auf das Dach eines der Häuser zu klettern, um eine bessere Übersicht zu bekommen, aber er verwarf diese Idee schnell wieder, von den Dächern hatte er genug gehabt für diese Nacht, stattdessen rannte er auf die Promenade. Während er den Hafen entlangrannte und die einzelnen Schiffe beobachtete, fragte er immer wieder Passanten ob sie einen Mann namens Zahir gesehen hatten, aber niemand konnte oder wollte dem Hexer helfen. „Aen iarean nyald aep kroofeir!“ schimpfte Atheris verzweifelt, und schlug mit der Faust laut auf ein Fass, das neben ihm stand. „Gloir aen Nilfgaard!“ grüßte ihn auf einmal ein Mann, der hinter ihm aufgetaucht war.  Er war in feiner schwarzweißer Gewandung gekleidet und das stilisierte goldene Sonnensymbol des Kaiserreiches schmückte seine Brust. „E’er y glòir!“ erwiderte Atheris, nach dem Brauch seiner Heimat. „Mein Name ist Kapitän Calderon aep Barca, und meine Männer haben vom Schiff aus einen Soldaten des Kaiserreiches in Not gemeldet! Wenn ich es richtig sehe, stimmt diese Annahme jedoch nicht zur Gänze, du bist ein Vatt’ghern! Ist bestimmt eine interessante Geschichte, aber zunächst einmal, was ist dein Problem, du wirkst verzweifelt?“ begann der Mann seine Konversation. „Mein Name ist Atheris aus Toussaint, ein Vatt’ghern und ein Veteran der drei nördlichen Kriege. Ich erzähle dir meine Geschichte gerne, aber vorher muss ich dringend den Händler Zahir finden! Kennst du ihn?“ entgegnete der Hexer. Calderon schien für einen Moment zu überlegen, und schaute zu einem etwas entfernten Dock hinüber. Atheris folgte seinem Blick, doch der Kai war leer. Der Kapitän schaute sich in Richtung Hafenbecken um und zeigte, nach wenigen Augenblicken, auf eine dicke Handelskogge, die bereits einen Teil ihrer Segel gesetzt hatte und auf die Hafenausfahrt zuhielt. „Er hatte mit mir um eine Überfahrtmöglichkeit in seine Heimatstadt verhandelt. Mein Weg führt mich aber in den Norden, zurück in das Imperium. Kapitän Rawan hingegen hat sein Angebot wohl angenommen, zumindest wurden Zahirs Güter auf das Schiff dort gebracht!“ sagte der nilfgaarder Kapitän. „A d’yaebl aép arse!“ wiederholte Atheris seinen Fluch, dankte seinem Landsmann und rannte die Promenade in Richtung Hafenausfahrt entlang. Wie sollte er nur an Bord gelangen, geschweige denn es anhalten?! Es war nicht mehr weit bis zur Hafenausfahrt, spätestens dort würde das Schiff unter vollen Segeln kaum noch einzuholen sein. Die Hafenausfahrt war durch zwei große, massive Türme gesichert, die im Zusammenspiel mit einer Hafenmauer ein Nadelöhr bildeten, die jedes Schiff, das in oder aus dem Hafen wollte, passieren musste. Kurz überlegte er, ob er von der Mauer mit einem Sprung zum Schiff gelangen konnte, aber der Abstand war viel zu weit. In einem Sprung setzte Atheris über einen Stapel Kisten hinweg, passierte zwei torkelnde Seemänner und konzentrierte sich dann wieder auf sein Problem. Die Türme waren mit schweren Katapulten ausgerüstet, man könnte das Handelsschiff versenken und so Zahir an der Flucht hindern, aber er hatte keine konkreten Beweise, dass Zahir selber für den Diebstahl verantwortlich war, zudem müsste er die Wachen erstmal davon überzeugen, auf Grund seiner Aussage, ein fremdes Schiff zu versenken. Kurz bevor er den Turm auf seiner Seite des Hafens erreichte, sah er eine dicke Kette vom Turm ins Wasser hängen, und wenn er es richtig interpretiert, auf der anderen Seite der Verjüngung das andere Ende. Im Kaiserreich gab es einige Hafenstädte, die eine ähnliche Verteidigungsmaßnahme besaßen. „Also gut, dann eben die Kette!“ Atheris lächelte und beschleunigte noch einmal sein Tempo. Er erreichte einige Augenblicke vor dem Schiff die Hafenausfahrt. Die Tür zum Turm stand offen, wurde aber von zwei Soldaten bewacht. Als diese den heranstürmenden Hexer erblickten, zogen diese ihre Krummsäbel und schrien ihm etwas entgegen. Auch wenn er die Worte nicht verstand, war die Ansage eindeutig. Wie bei einem Déjà-vu formte er mit seinen Fingern erneut das Hexer-Zeichen Aard und kurz bevor er die auf ihn gerichteten klingen erreichte, entfachte er die Druckwelle…beziehungsweise, wollte er diese entfesseln, aber sie blieb aus. „Was zum…?“ entfuhr es dem überraschten Atheris, der es gerade noch schaffte, dem ersten Hieb, der gegen seine rechte Schulter ausgeführt worden war, auszuweichen. Die zweite Attacke blockte er mit seinem Dolch, den er aus seinem Beinholster gezogen hatte. Mit einem festen Tritt, gegen den Knöchel des ersten Wächters, zwang er diesen auf die Knie, während er selber im folgenden Moment, aus seiner gebückten Haltung nach vorne schoss und seine Schulter der anderen Wache in die Magengrube versenkte. So gut die Wachen aus Miklagard auch ausgerüstet waren, diese beiden hier, waren zu seinem Glück, schon lange nicht mehr in einen ernsthaften Kampf gefordert gewesen. Als Atheris den Turm betrat, sprangen zwei weitere Wachen von ihren Stühlen auf und kippten dabei ihren Spieltisch um. Ohne sich zu erklären, stürmte er an den beiden Männern vorbei zu der Winde, mit der er hoffte, die Kette straffen zu können. Er betrachtete für einen Moment den komplexen Mechanismus, nahm eine große Axt aus einer Halterung und zerschlug, mit zwei kräftigen Hieben, ein dickes Tau. Mit einem lauten Krachen, das den Turm in seinen Grundfesten erbeben ließ, fiel ein massiver Gegenstand im Keller des Turmes hinunter, und mit einem Blick aus dem Fenster erkannte er, dass sich die Kette aus dem Wasser erhoben hatte, und die Hafenausfahrt versperrte. Die vier Wachen hatten inzwischen den Hexer erreicht, und er blickte auf vier scharfe Klingenspitzen, die vor seinem Gesicht die Luft zerschnitten. Langsam ließ er die schwere Axt aus seinen Händen gleiten, und erhob als Zeichen seiner Aufgabe, beide Hände über den Kopf. Er sah den Knauf der Waffe kommen, ließ sich aber mit einem Schlag auf den Solar Plexus zu Boden strecken. Sein Gehör vernahm, neben dem Brüllen der Wachen, auch das Schreien der erschrockenen Seemänner, die versuchten, eine Kollision mit der Hafenkette zu vermeiden. Unsanft wurde Atheris von den Soldaten gefesselt und an den Füßen aus dem Turm gezogen. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie das Schiff beigedreht hatte. Ein dumpfer Tritt gegen seinen Kopf ließ den Hexer schwarz vor Augen werden und er verlor das Bewusstsein.

Als der Hexer wieder zu sich kam, blickte er in Salehas besorgte Augen. Während sie ihm auf die Beine half, zeigte sie auf die Kogge, die inzwischen von zwei kleinen Patrouillenbooten der Hafenwache geentert wurde. „Wir haben gesehen, wie das Schiff beigedreht hat und dachten uns schon, dass du deine Hände im Spiel hast!“ sagte die Gelehrte und bedeute den Wachen mit einem Wink weiter Platz zu machen. Am Fuße des Turms, befand sich ein weiteres kleines Patrouillenboot, mit dem sich die beiden zum geenterten Schiff übersetzten ließen. Zahir stand vor seinen Männern und protestierte mit wilden Gesten, während er mit dem Kommandanten der Wache diskutierte. Für einen kurzen Moment hielt er in seiner Schimpftriade inne, als er sah, wie Saleha und Atheris an Bord der Kogge gingen. „Sayida, wir haben bisher nichts gefunden!“ meldete sich einer der Soldaten bei Saleha. „Sucht weiter, wir müssen die Dokumente sicherstellen!“ war ihre knappe Antwort.

 

Mühsam waren die vier dem tiefen braunen Strom gefolgt, noch immer auf der Jagd nach dem inzwischen schwer verwundeten Mutanten. Rücken an Rücken glitten sie durch das Wasser, jederzeit auf einen Angriff gefasst. Ein erschrockener Aufschrei, gefolgt von einem unheimlichen Gurgeln ließ die Greifen in der Kanalisation zusammenzucken. „Das kam von dort hinten!“ schrie Logan und zeigte auf einen abzweigenden Seitenarm. Sie beeilten sich, zur besagten Stelle zu gelangen und ließen dabei in ihrer Vorsicht etwas nach. Wieder hörten sie ein ersticktes Gurgeln, diesmal schien es nah zu sein, aber sie konnten in der Dunkelheit nichts erkennen. Beim dritten Mal sahen sie im seichten Abwasser des Seitenarms, den gebückt über seinem letzten Opfer kauernden Mutanten. Mit einem ausgerissenen Arm im Maul, blickte sie das Wesen direkt an, und die weißen Zähne, scharfen Zähne, bildeten in der Dunkelheit eine abscheuliche Fratze. Heskor fackelte nicht lange, zielte mit ruhiger Hand, atmete langsam aus und betätigte sachte den Abzug. Der Bolzen flog in einer fast perfekten Geraden und traf das Monster am Hals. Schwer getroffen kippte das Monster, nun selber gurgelnd, zur Seite.

Die drei Hexer hatten inzwischen die Entfernung zu der humanoiden Panzerechse zurückgelegt. Mit schnellen und wilden Schlägen ihres Schwanzes versuchte sie, im Todeskampf die Hexer auf Distanz zu halten. ‚Zipp‘ ein vierter Bolzen von Heskor beendete das Schauspiel und das Wesen sackte leblos zusammen. Während sich Viktor zweimal versichert, dass das Monster keine Gefahr mehr darstellte, eilten die übrigen zum schwer verletzten Opfer. Die schwarze Kleidung hing in Fetzten an dem Körper des jungen Mannes. Egon prüfte die Vitalzeichen und schüttelte nur den Kopf, ihm war nicht mehr zu helfen. Logan entfernte das Tuch vor dem Gesicht des Mannes und fuhr erschrocken zurück, es war Amir, der Sohn Zahirs! „Was bei Valerians grauem Bart hat er hier verloren?“ fluchte Logan und blickte zu den anderen. „Das wird er uns nun nicht mehr sagen können!“ schüttelte Viktor traurig den Kopf. Nach einem Moment der Stille räusperte sich Heskor „Also gut, wir sollten schauen, dass wir hier unten wieder rauskommen und Amir nehmen wir mit!“ „Seht mal hier!“ rief Egon von der Mündung des Seitenarms. Er war auf eine metallene Kiste gestoßen, die achtlos zur Hälfte im Wasser lag. Trotz ihrer Größe, war die Kiste überraschend leicht, als Egon versuchte sie anzuheben. „Sie ist versiegelt!“ stellte Heskor fest, während er auf das Schloss zeigte. „Die nehmen wir auch mit und untersuchen sie später im Trockenen!“ knurrte Viktor, der offensichtlich keine Lust mehr hatte länger an diesem Ort zu verweilen. Sie folgten der Strömung des Hauptkanals. Nach einem kurzen Stück des Weges bemerkten sie eine weitere Gestalt im Strom treibend. „Der hier war auch einer von Zahirs Männern!“ schrie Egon „Die Kehle ist von scharfen Zähnen zerrissen worden!“ führte er weiter fort. „Kommt, wir müssen weiter, ich glaube meine Nase fault bei dem Gestank langsam ab!“ schimpfte Viktor, dessen Laune sich zunehmend verschlechterte.

 

Derweil lief die Durchsuchung am Bord der ‚Mahnaz‘ weiter. „Was machen wir, wenn die Dokumente und Proben nicht hier sind?“ fragte Atheris die Gelehrte. „Frag lieber nicht!“ seufzte Saleha und beobachtete, wie die Soldaten eine weitere Kiste entleerten. „Atheris! Atheris! … Hier drüben!“ drang die Stimme von Logan an das Ohr des Nilfgaarder. „Atheris! Hier drüben, beim Kanal!“ erklang Logans Stimme erneut. „Was für ein Kanal?“ murmelte Atheris und drehte sich um. Nicht weit entfernt sah er an der Mündung der Kanalisation seine Freunde stehen, die ihm wild zuwinkten. Einige Minuten später näherte sich Saleha und Atheris am Bord des kleinen Patrouillenboots seinen Freunden. Von oben bis unten mit Kot beschmiert standen die Vier vor ihnen. Atheris rümpfte die Nase, als er ihnen ein Seil hinüberwarf. Sein Lächeln verblasste, als er die Leiche Amirs am Boden liegen sah. „Wir hatten im Badehaus eine unliebsame Begegnung und das eine führte zum anderen!“ erklärte Logan, nachdem er den Blick des Nilfgaarders gedeutet hatte. „Was hat euch denn auf das Schiff dort getrieben?“ fragte Heskor. „In der Madrasa ist eingebrochen worden. Unterlagen und Dokumente sind aus dem ‚Gruselkabinett‘ entwendet worden!“ antwortete Atheris. „Dort auf der Kogge befindet sich Zahir! Seine Männer waren am Überfall beteiligt und nun suchen wir an Bord nach den Dokumenten!“ fuhr der Nilfgaarder fort. „Dann ist es sicher kein Zufall, dass wir Amir, und einen von Zahirs Männern in der Kanalisation aufgefunden haben! Und das hier dürfte soeben noch interessanter geworden sein!“ Heskor zeigte auf die Truhe, die sie gefunden hatten. Salehas Augen weiteten sich „das ist sie! Es ist zwar nicht alles, was entwendet wurde, aber das ist das wichtigste!“ die Gelehrte sprang unerwartet aus dem Boot und rannte vorbei an den Greifen zur Truhe. Nach einer kurzen Prüfung des Siegels drehte sie sich um und lächelte. „Das Siegel ist intakt!“ Zufriedenheit und die Erleichterung war ihr sichtlich ins Gesicht geschrieben. Gemeinsam machten sie sich alle auf den Rückweg zur Hafenpromenade, wo sie ausgiebig zu den Vorkommnissen von der Wache befragt wurden.

Die Beweislast reichte aus, um Zahir und seine Männer fürs erste in Haft zu nehmen, und die Mahnaz in den Hafen zur weiteren Untersuchung zurückzubringen. Als der Morgen graute, machten sich die Freunde auf den Weg zurück zu Salehas Residenz, wo sie sich ihre Wunden versorgen ließen und sie auf eine endlich wieder wache Nella trafen. „Wo steckt eigentlich Raaga?“ fragte Atheris, als sie bei einer kleinen Mahlzeit gemeinsam am Tisch saßen. „Der wollte endlich mal wieder eine richtige Taverne besuchen, mit richtigem Met und guter Musik!“ antwortete Heskor. „Eiwa müsste bei ihm sein!“ merkte Egon an. „Das war vermutlich der einzige Grund, warum er endlich mal wieder in die Heimat wollte, von wegen persönliche Angelegenheiten klären, der wollte endlich mal wieder richtig einen Drauf machen!“ gluckste Logan lachend und mit erhobenen Weinkelch von der anderen Seite des Tisches.

Kapitel 10 – Ein unerwarteter Gast

Es hatte nicht lange gedauert, bis Raaga eine Taverne nach seinen Vorstellungen gefunden hatte. In all der Pracht und exotischen Schönheit der Stadt, war die rustikale Einrichtung eine willkommene und für Raaga heimatliche Abwechslung. Wie auf den Inseln üblich, gab es einen langen Tisch, an denen sich die Gäste gesellig wie sie waren zusammenfanden und neben einer großen Menge an Bier und Met auch noch die besten und deftigsten Speisen genossen.  Zunächst hatte Raaga noch Bedenken, dass die hier ansässigen Landsmänner die Sitten nicht mehr lebten, aber dem war zu seinem Glück nicht so. Es dauerte auch nicht lange, als er in der Begleitung von Eiwa mitten unter ihnen saß, und sie sich das Seemannsgarn und sonstige zotige Geschichten anhörten. Raaga der normalerweise eher ruhig blieb, ließ sich nach der fünften Runde Met und der mehrfachen Aufforderung von Eiwa, ebenfalls zu der einen oder anderen Geschichte aus dem Leben eines Hexers hinreißen. Seine Geschichten, die er in kurzen und wenig ausschweifenden Sätzen von sich gab, ließ die Männer in jeder Pause, die Raaga machte, um seinen Krug zu leeren, einen Gesang anstimmen „Was trinkt ein Hexer bevor er jagen geht! Skelliger-Met! Skelliger-Met!“.

Als der Morgen graute und sich die Taverne weitestgehend geleert hatte, saßen Eiwa und Raaga alleine am Tresen und nippten an ihren Humpen. Der Volksmund sagt, dass Hexer aufgrund ihrer Mutationen trinkfest sind, was grundsätzlich auch der Wahrheit entsprach, es war aber letztendlich wie in so vielen Dingen des Lebens eine Frage der Menge und der Dosierung des Gesöffs, das er zu sich nahm. An diesem Abend hatte er viel getrunken und er spürte die Wirkung des Alkohols. Seine Hand wanderte zu einem kleinen Beutel, den er an seinem Gürtel trug, öffnete diesen und zog eine kleine Flasche mit der Aufschrift ‚Weiße Möwe‘ heraus. Raaga betrachtete die milchig weiße Flüssigkeit für einen Moment. Die meisten Hexer nutzten diesen Trank vor allem in den Wintermonaten, um sich die Zeit angenehmer zu gestalten, da die Einnahme zu leichten Halluzinationen führte. Mit seinem Daumen schnippte Raaga den Korken von der Flasche und schüttete die Flüssigkeit in seinen gerade frisch gefüllten Krug. Eiwa beobachtete den Hexer und das Fläschchen genau und fragte: „Das Elixier ist sicher nichts für mich oder?“ Raaga schaute sie mit ihren katzenhaften Augen an und antwortete, schon leicht lallend: „Lieber nicht, ich kenne keinen Menschen, der das getrunken und überlebt hat!“ Gerade als der Hexer dazu ansetzte, seinen letzten Krug zu genießen, flog die Tür aus den Angeln und jemand sehr großes und schweres betrat mit einem kräftigen Schnauben die Taverne. Die wenigen noch anwesenden Gäste ließen sich vor Schreck unter den Tisch sinken und der Wirt, ein großer und kräftiger Skelliger, brachte sich mit einem beachtlichen Sprung hinter den Tresen in Deckung. Raaga hatte sich umgedreht und betrachtete den Neuankömmling interessiert, während Eiwa den Mutanten aus der Asservatenkammer sofort erkannte. Das Wesen, das er betrachtete, war eine wilde Mischung aus Mensch und Stier, das schwarze Fell glänzte vor Schweiz und aus zwei kleineren Wunden tropfte frisches Blut. Für einen Moment schaute es sich im Schankraum um, bis sein Blick auf den Hexer und die Magierin fiel und hängenblieb. Die gelben Augen schienen den Hexer zu durchbohren und Raaga merkte, wie sich jede Faser seines Körpers anspannte und das Adrenalin in seinen Adern anfing zu kochen. Obwohl der Abend feucht und lang war, wusste er, dass seine silberne Axt hinter ihm am Tresen lehnte und er sie schnell erreichen konnte. Der Mutant setzte sich mit donnernden Schritten in Bewegung und näherte sich dem Tresen. Die verbliebenen Skelliger, die unter dem langen Tischen kauerten, nutzten die Gelegenheit und verließen fluchtartig den Raum. Das Wesen schob sich zwischen Eiwa und Raaga an den Tresen, und ließ seine mächtigen Arme auf diesen krachen. „Wirt, ein Met! Aber schnell!“ grollte das Wesen mit seiner tiefen Stimme. Nachdem er einige Augenblicke gewartet hatte, aber nichts geschah, schlug es mit seiner Faust kräftig auf den Tresen, so hart, dass die Holzplatte einen großen Riss bekam. Raaga, der seinen Krug rechtzeitig von der Platte genommen hatte, blickte äußerlich gelassen auf seinen Nachbarn. Zumindest für den Moment, schien sich das Wesen nicht um den Hexer oder die Magierin zu kümmern. „Wirt! Ein Met! Ich habe Durst!“ grollte es erneut. Raaga schaute zum Krug in seiner Hand, und begann dann in ruhiger Stimmlage „hier nimm meins!“. Der gehörnte Kopf drehte sich langsam zu Raaga und der feuchte Atem des Stiermenschen blies ihm direkt ins Gesicht. Der Hexer streckte dem Wesen den Krug entgegen. Mit einem kurzen „Shukraane!“ nahm es das Gesöff entgegen, roch einmal kräftig daran, und Raaga war es, als könnte er ein Lächeln in seinem Gesicht erkennen. Mit einem großen Schluck leerte es den Krug und warf diesen gegen ein Fenster, durch das inzwischen einige Schaulustige starrten. „Kan dhlk jayidaan!“ sprach das Wesen, dessen Laune sich etwas gebessert hatte. „Wirt! Komm schon! Noch ein Met!“ grollte das Wesen und polterte wieder auf dem Tisch herum. Nachdem sich erneut hinter dem Tresen nichts tat, schnappte sich Raaga seine Axt, und sprang elegant über den Tresen auf die andere Seite. Dort lag der Wirt der Länge nach unter dem Tresen und nur das leichte Zittern seines Körpers verriet, dass er alles mitbekommen hatte. Der Hexer schnappte sich einen frischen Krug, füllte diesen mit Met und schob ihn zu dem wartenden Gast. „Shukraane!“ brummte das Wesen. Der Hexer füllte noch zwei Krüge und schob einen von ihnen zu Eiwa hinüber. Gemeinsam hoben sie die Krüge und tranken den Inhalt in einem Zug. Raaga hatte nicht mitgezählt, wieviel Eiwa an diesem Abend getrunken hatte, aber sie erwies sich als äußerst trinkfest. Insgesamt musste er sich eingestehen, dass sie erfrischend anders war als die meisten Magierinnen die er kannte, auf jeden Fall konnte man mit ihr Spaß haben. Ein Grollen vor ihm riss ihn aus seinen Gedanken und er füllte erneut die Krüge. Nach sechs weiteren Runden begann das Wesen zu gähnen und legte kurz darauf sein Haupt auf dem Tresen ab und begann laut zu schnarchen. Nachdem sich Eiwa und Raaga vergewissert hatten, dass der Mutant auch friedlich schlief, halfen sie dem Wirt auf die Beine und verließen gemeinsam den Schanksaal Richtung Ausgang. Draußen vor der Tür standen inzwischen zwanzig schwerbewaffnete Männer der Stadtwache, die dem Trio wortlos zunickten und dann an ihnen vorbei in die Taverne marschierten. Neben den Soldaten hatte sich auch ein großer Pulk von Schaulustigen eingefunden, die sich das ganze Ereignis durch die Fenster angeschaut hatten und nun Eiwa und Raaga zujubelten. Die beiden Protagonisten bahnten sich langsam ihren Weg durch die Gratulanten und wunderten sich dabei, was sie denn gemacht haben sollten, letztendlich wollte das Wesen einfach mal wieder einen Drauf machen.

Epilog – Der Aufbruch

Atheris stand auf der Hafenpromenade und schaute zu, wie die letzten Kisten und Fässer an Bord der ‚Addan‘ geladen wurden. In einem langen Gespräch mit Kapitän Calderon hatte Atheris herausgefunden, dass dieser im Dienste von Arteveck Aep Laedahm, einem Gelehrten des Kastell Graupian in Ophir unterwegs war, und nachdem Atheris ihm erzählt hatte, wie er seine Jugend an eben jener Universität verbracht hatte und er Francois noch aus seiner Jugendzeit kannte, bot der Kapitän den Greifen eine Überfahrt ins Kaiserreich an, von wo aus sie mit einem anderen Schiff in die Leuenmark weiterreisen konnten.

„Atheris! Da bist du ja!“ Saleha’s Rufen übertönte das geschäftige Treiben am Pier. „Ich hatte dich bei den anderen im Stadthaus gesucht, Egon erzählte mir, dass du bereits zum Hafen aufgebrochen warst!“ fuhr die Gelehrte fort. „Ich wollte nur sichergehen, dass Ker’zaer gut behandelt und sicher verladen wird!“ lächelte der Hexer „Was kann ich für dich tun?“ „Eiwa und ich haben die letzten Tage damit verbracht Ordnung in das Labor zu bringen und zu prüfen, ob alle Dokumente und Proben vorhanden oder vernichtet sind. Wie soll ich sagen … bei den Aufräumarbeiten ist mir die Probe von Viktor in die Hände gekommen. Die Analyse war zum Zeitpunkt des Angriffs noch nicht fertig gewesen … nun ist sie es. Was auch immer bei der Kräuterprobe von Viktor passiert ist, sie unterscheidet sich massiv von denen der anderen Hexer, egal welcher Schule!“ führte Saleha aus. „Hmmm … es waren komplett andere Umstände, er hat die Mutation als Erwachsener durchgemacht und wenn ich mich recht erinnere, war ein Magier namens Silven für die Transformation hauptverantwortlich!“ antwortete Atheris nachdenklich. „Gibt es Probleme?“ fuhr er fort. „Es ist noch ziemlich früh etwas Genaues zu sagen, aber die Mutationen schreiten bei ihm immer noch voran, der ganze Metabolismus ist nicht stabil, auch wenn es im Moment so wirken mag. Ich werde mich bei euch melden, wenn ich mehr herausgefunden habe, aber behalte ihn im Auge!“ antwortete die Gelehrte.

Beide saßen noch eine Weile und unterhielten sich darüber, wie es mit der Erforschung der Kräuterprobe weitergehen könnte und wie sie mit Valerian in Kontakt treten konnten. Später am Mittag kamen die restlichen Greifen zum Schiff und nach einer freundschaftlichen Verabschiedung von Eiwa und Saleha, gingen sie an Bord der ‚Addan‘, die kurz darauf die Segel setzte und den Hafen in Richtung Norden verließ. Als die Sonne am Horizont unterging, erreichte das Schiff die offene See und nahm volle Fahrt auf.

Mehrere Tage nach der Abreise der Hexer verabschiedete sich Saleha von ihren Ratskollegen. Die Sitzung war stellenweise ausgesprochen hitzig gewesen. Dass geheimes Wissen aus den Kellern gestohlen worden war, war nur ein kleiner Teil des Ganzen. Die Ausmaße der Zerstörung in der Madrasa, die hohe Anzahl an Toten und Verletzen hatte im gesamten Stadtstaat für Aufsehen gesorgt. Eiwa und sie hatten die Tage zuvor beratschlagt, was in welcher Form gesagt oder besser nicht gesagt werden sollte. Aber ihre Sorge war unbegründet gewesen. Denn ebenso hatte sich die Kunde verbreitet, dass es eine Gruppe von Hexern war, die Schlimmeres verhindert hatten. So war aus der Sorge, dass Forschung an Mutationen noch strenger untersagt worden, das Gegenteil erwachsen. Nicht nur in den Räten der Regentin, auch auf den Straßen wurde darüber diskutiert, ob die geltenden Vorschriften zur Forschung an Mutanten nicht doch gelockert werden sollten.

Zu Hause angekommen legte Saleha das aufwendige Ornat ab und zog eine bequeme Tunika über. Eiwa hatte währenddessen, halb liegend, in einer der Sitzecken Platz genommen und lauschte geduldig Salehas Tiraden über die blasierten Ratsmitglieder und deren leeren Worthülsen. Sie wusste nur zu gut warum sie sich von den Amtsgeschäften fern hielt und spürte, dass auch ihre Cousine dringend mal wieder Abstand vom diesem Theater brauchte.

Als Saleha sich endlich in die Kissen ihr gegenüber fallen ließ merkte Eiwa trocken an „was alle scheinbar vergessen, natürlich hilft den Hexern ihre Mutation im Kampf, aber am Ende waren es Herz und Verstand und der Wille beherzt einzugreifen, als es notwendig war. Das steckt in keinem Gen, das Du mir je gezeigt hast.“ „Du hast vollkommen recht. ‚Möge unser Verstand stets mit Klarheit und unser Geist stets mit Wachsamkeit gesegnet sein‘“ zitierte Saleha den klassischen Gruß Miklagards in abgewandelter Form. Eine angenehme Pause entstand zwischen den beiden. „Und nun?“ durchbrach Eiwa irgendwann die Stille. Saleha schwieg noch etwas bevor sie antwortete „Ich glaube nicht, dass sich bei uns viel ändern wird. All diese ‚al‘ahmaqs‘ haben eh nicht verstanden um was es ging und wer die Angreifer nun wirklich waren – ich weiß es ja selber nicht… Zahir und seine Männer waren nur Handlanger, er wird sich noch einigen Befragungen stellen müssen, bevor ein abschließendes Urteil über ihn gefällt wird. Diar hat sein neugieriges Bohren zu den Hexern eingestellt, als man ihm mehr Geld und Personal für Wachen und Kampfmagier zugesagt hat… Er ist ein guter Freund, aber er ist noch zu ambitioniert, was seine Karriere betrifft.“ Wieder trat Stille ein. Eiwa beobachtete ihre Cousine, versuchte ihre Mimik und Körpersprache zu ergründen. „Was noch? Etwas hast du mir noch nicht erzählt, oder?“ Saleha lächelte müde zurück „sicher, dass Du nicht doch mit in den Rat möchtest? Du entwickelst Talent.“ sie seufzte „Gangar hat alle Unterlagen aus dem Labor zusammengetragen. Und wenn er sagt, dass er alle Ecken und Ritzen abgesucht hat, besteht für mich kein Zweifel. Es fehlt der Vergleich zwischen Viktor und Atheris.“ Eiwa sog die Luft ein, sagte aber nichts dazu.

Beide blieben noch lange so sitzen, lauschten dem abklingenden Lärm von den Straßen und dem einsetzenden Zirpen der Zikaden. Als es dunkel wurde, kam Esraina mit dem Abendessen herein, zündete ein paar Kerzen an und setzte sich zu den Cousinen. Kurz darauf gesellte sich der große Skelliger namens Gangar dazu und die vier aßen und plauderten über Belanglosigkeiten. Als alle fertig gegessen hatten ergriff Esraina das Wort „Sayida? Sollen wir die Vorbereitungen starten? So wie immer?“ „Ja“ merkte Eiwa knapp an und Saleha ergänzte „und sollte Gangar von seinem Auftrag früh genug zurückkehren, kommt er mit. Sicherheitshalber.“ Wir müssen mit den Hexern reden.

Atheris stand alleine an der Reling des Schiffes und hatte seinen gefüllten Weinkelch in der Hand. Die halbleere Flasche Est Est die er von Saleha als Abschiedsgeschenk erhalten hatte, stand in einem Wassereimer neben ihm am Boden. Eine zierliche Hand legte sich auf seine Schulter. „Nella!“ grüßte er die Elfenmagierin, er hatte sich nicht umblicken müssen, der liebliche Duft, den sie versprühte, hatte sie wie immer verraten. „Atheris!“ antwortete sie mit ihrer zarten Stimme. „Es ist Zeit für dich zu gehen, nicht wahr?“ vollendete der Hexer ihren Satz. Atheris ahnte, dass Nella sehr besorgt um ihren geliebten Valerian sein musste, wenngleich sie es niemals lautstark offen kundtun würde. Es war damit ein leichtes, ihr nächstes Handeln zu erahnen. „Ja!“ war die knappe Antwort und Atheris lächelte verständnisvoll. „Richte Valerian meine Grüße aus und sag ihm, dass ich auf den Rest seiner Schule Acht geben werde!“ fügte Atheris hinzu. „Das weiß er, sonst wäre er nie gegangen!“ antwortete sie. „Gute Reise!“ wünschten sich die beiden fast gleichzeitig. Nella trat einige Schritte zurück und mit einer kurzen Formel und einer knappen Handbewegung öffnete sie ein Portal, das sie nach Wyzima bringen würde, hoffentlich in die Arme ihres Geliebten. Atheris erinnerte sich daran, dass Valerian dereinst Andeutungen gemacht hatte, dass er dort noch einer interessanten Spur auf den Grund gehen wollte. „Eines noch Atheris!“ sagte die Elfe „Ja?“ fragte der Hexer. „Benutze die Portalsteine nicht ohne mich! Du hattest Glück, dass ich in der Mitte des Portals lag und es sich durch meine Magie stabilisiert hat, sonst hätte es böse enden können!“ sprach sie ihre Warnung aus. „Ich weiß!“ war seine kurze Antwort. Nachdem Nella durch das kleine Portal getreten und in einem kleinen Feuerball verschwunden war, wendete sich Atheris ab und nahm wieder seine Position an der Reling ein.

Einige Zeit später … Im tiefsten Inneren des Schiffes saß eine Gestalt versteckt zwischen den Kisten des Laderaums und betrachtete das wissenschaftliche Dokument in seiner rechten Hand und eine Phiole in seiner Anderen. Das Gesicht zeigte keine Freude, ob der Errungenschaft in seiner Hand, es wirkte zutiefst nachdenklich.


Von Fängen, Klauen und braunen Schmuddelbildchen

Von Fängen, Klauen und braunen Schmuddelbildchen

Metagame

Von Matthias

„Der Sturm des Wolfes bricht an, das Zeitalter von Schwert und Axt. Die Zeit der Weißen Kälte und des Weißen Lichts nahet. Die Zeit von Wahnsinn und die Zeit von Verachtung, Tedd Deireádh, die Endzeit. Die Welt wird im Frost vergehen und mit der neuen Sonne wiedergeboren werden.“

Aen Ithlinnespeath, die Prophezeiung Ithlinnes.

Bildquelle: Zeichnung von David R. (SC von Volmar von Brugge)

Kapitel 1: Alarm im Darm

Wenige Tage nach dem Untergang von Kaer Iwhaell, Rittmarshausen in der Schattenau

Der alte Mann dachte an den Feuerschein und Rauch in der Ferne, die stummen Zeugen der Vernichtung alles, wofür er die letzten Jahre kämpfte. Er dachte daran, wie er mit seinen beiden Begleitern davonritt, das brennende Kaer Iwhaell im Rücken, und sorgte sich wieder einmal um seine Schüler. „Es wird Zeit, in freundlichere Gesichter zu blicken, Valerian – ich dachte ihr seid recht gut mit jedem Freund… man möchte sagen – „Familie“?!“ Volmar lächelte milde, Charlotte grinste verstohlen. Der grauhaarige Alte nickte mit einem leichten Grummeln. Valerian saß auf einem Baumstumpf am Straßenrand und Charlotte stand vor ihm mit ihrem braunen, offen getragenem Wams, unter dem etliche kleine Beutelchen und Taschen umherbaumelten, mit ihrem breiten, braunen Schal der das lyrische Abzeichen auf ihrer Brust beinahe verdeckte und dem olivfarbenen Jägershütchen auf dem Kopf, unter dem ihre langen Haare fast gut versteckt waren. Sie wickelte einen weißen Leinenverband von seinem Kopf und spülte die Platzwunde an der Schläfe noch einmal ab. Valerian sinnierte über ihre eigentliche Haarfarbe, ihm ist bisher nie so recht aufgefallen, ob das ein blond oder ein braun ist – wohl irgendetwas dazwischen. Aber im Zuge seiner Lebensweisheit wusste er, dass man Frauen so etwas nur mit gewissem Risiko fragen konnte, genauso wie wenn man nach ihrem Gewicht in Pfund fragen würde. „Das wars. Wir haben keine Verbände mehr. Aber die Wunde heilt gut Valerian… Nichts, was ich nicht von Hexern gewohnt wäre.“ Sagte Charlotte und bedachte den Wolfshexer Volmar von Brugge mit einem Seitenblick. Der saß ebenfalls auf einem Baumstumpf, aber auf der gegenüberliegenden Straßenseite, und trank etwas aus einem ledernen Trinkschlauch. Danach ruckelte er an seiner braunen Lederrüstung über dem Kettenhemd und dem breiten ledernen Schwertgurt, der über seine linke Schulter ging, um den Sitz seiner beiden Schwerter auf dem Rücken zu ändern. Seine braunen, lockigen Haare und der Vollbart wurden verdeckt von einem mitgenommenen braunen Schal, den er als Kapuze um den Kopf geschlagen hatte. Hinter ihm grasten die Schimmelstute Brunhild, Volmars Rappe Vargheist und Charlottes Fuchs Spalla.

„Wir ändern unsere Route. Wir reiten nicht nach Nordwesten weiter über die Waldau, sondern ziehen westwärts durch die Elfenau und dann erst nach Norden. Mindestens ein freundliches Gesicht erwartet uns – wenngleich es eine typisch elfische Unterkühltheit besitzt… also genau deins Volmar.“ Charlotte kam aus dem Grinsen nicht mehr raus. Zum ersten Mal seit dem Fall von Kaer Iwhaell hob sich die Stimmung des Trios. „Mein lieber Bekannter wird uns sicherlich gut bewirten – und gute Betten haben wir auch mal wieder nötig… außerdem ist der Umweg überschaubar. Ihr kennt ihn: Wir reisen zu Baron Nuriel von der Elfenau, und dann weiter nach Norden zur Elfenküste.“ Volmar betrachtete Valerian: Auch wenn er es ihm nie sagen würde, der etwas kleine alte, grauhaarige Mann besitzt eine natürliche Autorität, ein angeborenes Talent zum Anführer und Lehrmeister – und er kann es noch so sehr leugnen. Sein aubergine-farbener Rüstmantel mit den weißen Runen, seine Lederrüstungsteile mit den Nieten und die runenverzierten Schwerter auf dem Rücken gaben Valerian ein besonderes, passendes Erscheinungsbild zu seiner einzigartigen Persönlichkeit… und dennoch gab es viele Marotten an Valerian, die Volmar unsäglich nervten.

Sie ritten weiter den Weg entlang bis kurz vor die Auengrenze und folgten sodann einer kleinen Straße, die irgendwann von der Haupthandelsstraße abbog. Diese führte sie mitten durch einen dichten Wald, der durch die tiefstehende Nachmittagssonne in mystische, obskure Schattenspiele getaucht wurde. Valerians alte Schimmelstute „Brunhild“ schnaubte. „Willkommen in der Elfenau!“ moderierte Valerian geübt altklug. Volmar spürte, dass dieser Wald voller Geschichte war, voller Zorn und rastloser Seelen. „Der Herr dieser Au, Baron Nuriel, ist seit Beginn unserer Zeit in Solonia ein enger Vertrauter von uns… Er war der erste Auenherr, der eine tiefe Freundschaft zu uns, der Greifenschule aufbaute. Er war es, der uns regelmäßig mit Aufträgen versah…“ „Kann ich mir vorstellen, bei dem scheußlichen Wald.“, warf Charlotte ein. „… zwei gegen einen ist ungerecht.“, grummelte Valerian und zwinkerte Charlotte zu. Plötzlich blieb er stehen und seine beiden Begleiter folgten seinem Beispiel. Die Pferde scheuten und beschwerten sich lauthals. „… du hast nicht zufällig auch diesen Wald intensiv gesäubert, Valerian?“ „Nur die Zonen in der Nähe des waldnahen Anwesens Nuriels, auf der gegenüberliegenden Seite… dieser Wald ist ein Fass ohne Boden, was Geisterwesen betrifft. Auch einige fiese Feenwesen find…“ „VAAAALEEEERIIAAAAAN!“ zwei große bernsteinfarbene, leuchtende Kugelaugen in einer kleinen Silhouette rannte frontal auf die drei Berittenen zu. Charlottes Hand wanderte erschrocken zu ihrem Kurzschwert. Im ersten Reflex ging Volmars linke Hand zum Silberschwertgriff an der linken Schulter – dann lächelte er mild und wies mit einer sanften Handbewegung Charlotte an, sich zu entspannen. Valerian seufzte: „… der Fluch Solonias. Wo man auch hinkommt, immer wieder wird Valerian geschrie…“ „OOPAAAAACHEN!“ Vor den drei Pferden stand eine kleine Gestalt, vielleicht von der Größe eines Gnoms, doch von der Statur eines Kindes. Sie war gehüllt in Sackleinenlumpen, auf dem Rücken lag eine zerrissene alte blaue Pferdedecke wie ein Mäntelchen, und auf dem Kopf thronte ein Reisig Hütchen. An der Spitze aus der Hutmitte blühte ein einzelnes Gänseblümchen – nichtsdestotrotz kam den Hexern ein herber Gestank entgegen. „Hallo Firi. Es ist schön dich zu sehen. Das hier sind meine Freunde Charlotte und Volmar.“ „Hallo Volle Lotte und hallo Voll der Arsch… Was glotzt du so? Du Miesepeter!“ Die kleine Firi streckte Volmar die Zunge raus. „Ein Göttling, Valerian? Hier?“ „Der ist aber süß!“, sagte Charlotte mit geröteten Wangen. „Ich bin Firi! Und bin eine ‚sie‘, wenn schon – ist mein Kleid nicht ein eindeutiger Hinweis?“ Sie machte eine kecke Drehung in der Hoffnung, ihr „Kleid“ würde prinzessinnenhaft wehen – tatsächlich war der schmutzverkrustete Leinenklumpen aber so starr wie Baumrinde, und hing straff an der dürren Gestalt. „Wunderschön Firi. Und es ist schön dich nach den Jahren wiederzusehen. Wir wollen zu Nuriel – erlaubst du uns deinen Wald zu durchqueren?“ Charlotte kicherte über Valerians Förmlichkeit. Firi nahm Haltung an, und sprach stolz: „Gewiss! Ich gewähre euch sogar mein persönliches Geleit! Folgt mir – und wehe der Miesepeter guckt weiter so doof!“ Valerian grinste Volmar an.

„Sag mal, ‚Firi‘…“ begann Volmar, „woher kennst du den alten Mann hier?“ „Er war vor einigen Jahren hier im Wald, und hat dem Elfen, dem neuen Herrn der Elfenau geholfen die Leichenfresser zu verhauen. Ich habe ihn damals zu einigen der Monsternester geführt – muss aber sagen, einige hat er übersehen, vor allem hier im Firiwald! Schäm dich Opachen!“ „Gewiss, wie konnte ich das übersehen…“ Valerian räusperte sich, lehnte sich zu Volmar rüber und flüsterte etwas von ‚Bezahlung Nuriels‘. Volmar nickte bedächtig und lächelte.

„Bekommst du uns sicher hier durch Firi? Ohne Schwierigkeiten?“, fragte Valerian „Klaaaaaar! Es kann nichts passieren. Naja, abgesehen von den zwanzig Leichenfressern hier auf dem Weg!“, entgegnete das kleine Wesen. Alle drei Reiter hielten sofort. „Wie bitte?“, fragte der alte Hexer. „Najaaaa, also ich könnte euch ja eine Abkürzung zeigen – aber dafür müsstet ihr mir einen Gefallen tun…“ Firi drehte sich mit ihren leuchtenden Augen gespenstisch-langsam um, und sah das Trio mit breitem Grinsen an.

„Es ist nicht mehr weit zu meinem Haus. Hopp hopp!“, rief der Göttling fröhlich. Das Trio war inzwischen abgestiegen und führte die Pferde am Halfter durchs Unterholz des Waldes vorbei an dicken Farnen und vorbei an den mächtigen knorrigen Stämmen uralter Bäume. Charlotte und Firi hatten sich inzwischen angefreundet, Charlotte durfte sogar einmal für ein paar Minuten Firis heiligen Reisighut aufziehen – gab diesen Firi aber wegen eines befremdlich unangenehmen Geruches der Kopfbedeckung zügig zurück. Nach einer halben Stunde kamen Sie zu einem riesigen alten toten Baum, dessen massiver Stamm vorne ein kleines Loch aufwies. „So – liebe Hexerchens, hier mein Auftrag.“ Firi räusperte sich würdevoll: „Befreit mein stilles Örtchen von dem dort ansässigen Monsterproblem, und ich zeige euch einen Geheimpfad der sicher zu dem Elfenmann führt.“ Alle drei zogen eine Augenbraue hoch. Charlotte fragte zuerst: „Warum betonst du ansässig so?“ „Ganz einfach Lottilein -weil das Monster wortwörtlich da-sitzt!“, sie zeigte auf das Unterholz weiter hinter den toten Riesenbaum, in das ein kleiner Trampelpfad durch Farne führte. „Hat es dich angegriffen Firi? Bist du verletzt?“ „Nein, nein…“ antwortete sie Valerian. „Eigentlich ist sie ganz lustig. Aber sie weigert sich von meinem Lieblingsplatz runterzukommen – und damit ist meine… Logistik behindert. Ihr sollt sie also nicht totschlagen, nur irgendwie da wegbekommen.“, fuhr Firi fort. Aus drei fragend hochgezogenen Augenbrauen, wurden sechs. „Aaaaach jetzt macht schon. Ihr werdet es sehen, wenn ihr da seid – und tschüss ich warte hier daheim!“ „Und was für ein Mon…“, wollte Volmar gerade ansetzen – aber Firi war bereits im Baum verschwunden.

Die drei Gefährten ließen ihre Pferde angebunden bei Firis Heim zurück und folgten dem Pfad zu Fuß. Trotz der Nacht versuchten sie ihr Glück und suchten nach Spuren und Hinweisen. Der silberne Mondschein war eine leichte Hilfe dabei. Der Pfad war rege gepflastert von jungen wie alten Fußspuren Firis. Sonst war nichts zu sehen – doch stieg mit fortschreitendem Pfad den Hexernasen ein übler Latrinengestank entgegen. „Trollscheiße!“, stellte der alte Hexer überrascht fest. „Wie bitte? Du kannst die Monsterspezies am Gestank der Scheiße erkennen Valerian?“, fragte Volmar ungläubig. „Nur, wenn es sich um miese Diarrhöe handelt… den Geruch kenn ich von unserem ‚Hof-Troll‘ Effenberg und Talbot. Mein Schüler Atheris hatte sich mal den Spaß erlaubt und Effenberg und Talbot etwas weiße Möwe gegeben… wir mussten wegen des Gestanks in der Nacht die Burg evakuieren und im Wald die Nacht verbringen…“, fuhr der Alte fort. Charlotte und Volmar sparten sich lieber die Rückfragen und schlichen weiter voran. Nach einigen Metern offenbarte sich hinter dem Gestrüpp eine kleine, runde Lichtung. In deren Mitte befand sich ein flacher, hohler Baumstumpf, auf dessen Wurzeln ein romantischer Lichtstrahl vom Mond herabschien. Auf dem Stumpf selbst saß eine große dunkle Gestalt. Sie klammerte sich am Stumpf mit ihren riesigen Pranken fest und jaulte unsäglich – wobei ihr ein donnernder Furz entfloh. Dann gleich noch einer – der Wald bebte. Während die drei Helden diesen bizarren Anblick erst verdauen mussten, ließ sie eine dritte gigantische Flatulenz zusammenzucken: Auf diesem Baumstumpf saß eine Trolldame, offenkundig geplagt von ihrem Gedärm – und fäkalierte in die natürliche Latrine inmitten der idyllischen Waldlichtung. „Ich gesagt‘ hab, in Ruhe sch… Oh, ihr nicht Firi? Verschwindet!“, grollte die Dame. Valerian trat vor: „Wir kommen gerade von Firi – wir… wollen dir helfen. Lass mich raten… du hast Firis Eintopf gekostet?“ „Ja! Zwar wenig Fleisch – aber gut lecker. Jetzt ich sitzen drei Tage auf Hintern. Kann Stumpf nicht verlassen.“, erwiderte der Troll. „Moment – woher hast du das mit der dünnschiss-verursachenden Göttlingssuppe gewusst?“, fragte Volmar. Valerian schwieg betreten, und verzog keine Miene – er war zu sehr damit beschäftigt die Erinnerung an jene Suppe vor einigen Jahren zu vergessen. Damals haben seine Jagdgefährten ihm alle mitgeführten wollenen Wundverbände aus ihren Taschen geben müssen für seinen… „Ich kenne dein Leiden. Aber ich kenne auch die Lösung. Warte hier – Volmar und ich werden dir Kräuter bringen, die dir helfen.“, beendete Valerian seine Ausführung. Die Hexer nickten sich kurz zu, und verschwanden dann ins raschelnde Gestrüpp. Die Trolldame wandte sich Charlotte zu, die etwas verloren auf der Lichtung vor dem furzenden Monster stand, im schönsten Mondenschein. „Aaaargh – diese Schmerzen… Was machen Menschleins auf Baumstumpf, um bei Kacka abzulenken?“, fragte das Ungetüm. Charlotte überlegte kurz, lächelte und zog ihren Rucksack vom Rücken.

Wenige Augenblicke später kamen die beiden Hexer zurück. Valerian hatte einiges an Schöllkraut gefunden und hatte nun beide Arme voll davon. Volmar hat ein heilendes Moos gefunden, Wundfuß, das als Allheilmittel der Priesterinnen der Melitele in Ellander genutzt wird. Den Beiden bot sich bei ihrer Rückkehr ein verstörender Anblick: Schräglinks vor der Trolldame kniete Charlotte, aus ihrer Nase ragte ein, in die Nasenlöcher gestopftes Taschentuch, womit sie im Mondenschein aussah wie ein Stier mit stählernem Nasenring, und die kleinen Fasanenfedern an ihrem Hütchen bildeten die Hörner. In Ihren Händen hielt sie kleine und große Pergamentkärtchen. Mit verstopfter Nase klang sie, als ob sie einen üblen Schnupfen hätte: „… und das hier ist Königin Meve von Lyrien. Meine neuste Handelsware! Der mir bekannte Zeichner hat sich bei der Oberweite etwas künstlerische Freiheit gelassen…“, erklärte sie. „Die hat Narbe im Gesicht! Gut Kämpferin?“, fragte die Trolldame. „Oh ja! Während des zweiten Nilfgaard-Krieges verlor unsere geliebte Königin ihre Armee im Kampf gegen das verfickte Nilfgaard. Sie erhielt jedoch Verstärkung durch viele Freiwillige, angeblich auch Zwergen-Söldner aus Mahakam. Sie wurde dann als Anführerin der Rebellen wegen ihrer hellen Haare die ‚Weiße Königin‘ genannt. Es gelang ihnen bis nach Angren vorzudringen und dann zerschlug sie…“ „Ist der da auch weißer König?“, wurde Charlotte von der Trolldame unterbrochen, diese zeigte auf Valerian, der neben Volmar auf die obskure Geschichtsstunde zuschritt. Volmar zuckte zwar kurz als das Wort ‚Angren‘ fiel, antwortete aber dennoch zuerst auf die Trollfrage: „Nein – aber das wäre er bestimmt gern. Er wird ja von allen immer ‚hoher Herr Valerian‘ gena…“ „Wir haben dein Kraut. Kau‘ das hier, in rund einer Stunde wird’s dir besser gehen.“, schnitt Valerian ihn gelassen ab. „So, wir sind hier fertig. Trolldame – hat uns gefreut. Besuch doch mal unseren Burgtroll Effenberg und Tal…“ „Moment – ohne Arschpapier ich hier nicht weg gehen!“ Schweigen legte sich über die drei. Kurz darauf wurde seufzend in den Rucksäcken gekramt: Verbände waren keine mehr da. Zuerst musste also das gute Schreibpergament von Charlotte dran glauben. „Mehr!“ sagte die Dame auf dem Abort. Als nächstes lieferte Volmar aus seinen Taschen eine alte Karte vom Kaiserreich Nilfgaard: „Die ist erstens eh nicht mehr aktuell bei der nilfgaardischen Außenpolitik – und zweitens… wer will schon eine Nilfgaardkarte bei sich haben?“ Charlotte, als Lyrierin erklärte Feindin Nilfgaards, warf Volmar einen belohnenden Blick zu. Valerian meinte sogar ein romantisches Zwinkern zu sehen. „Brauch mehr. Da ist noch…“, beschwerte sich die Trolldame. Valerian kramte weiter in seinem Rucksack, und warf ihr die Karte des Kontinents Solonia zu. „Hast du dem Troll gerade unsere Landkarte für unsere Reise als Arschpapier gereicht, Valerian?“ Valerian räusperte sich „Erstens, kenne ich das Land sehr gut – und zweitens, sind wir gerade dabei zu emigrieren…“, er deutete bedächtig auf den zersplitterten Mond über ihren Köpfen, dessen Teile seit letztem Jahr stetig dem Kontinent entgegenstürzten. „MEHR!“ sagte die Trolldame. „Hab nichts mehr.“, sagten Volmar und Charlotte im Chor. Sie blickten gespannt Valerian an, der seufzte. Er fischte aus seiner Tasche ein Pergament, das kunstvoll in Leder gehüllt war und reichte es den gierigen Trollpranken. „Was war das… Valerian?“, fragte Volmar. „Die Lehensurkunde von Kaer Iwhaell.“ Das Geräusch einer Zikade ertönte. Dann das eines Uhus. „Naja… ist ja jetzt nicht mehr mein Lehen – hab es ja dem Herrn Hartmut von Munzlar übertragen. Der wird’s bestimmt eh umbenennen…“, erklärte der alte Mann. „MEEEEHR!“, schrie das Monster vom Baumstamm herüber. Die drei überlegten kurz, bis schließlich Volmars und Valerians Blicke auf dem Beutelchen vor Charlottes Knien verharrten. „Oooooh neeeein! Nein nein nein! Denkt nicht mal im Traum daran…!“, sagte sie, mit einem Anflug von Panik in ihrem Gesicht.

Das Trio kehrte zum großen toten Baum zurück. „Und, hat alles geklappt?“ „Ja…“, grummelte Charlotte und malte sich aus, wie eine Spur aus braun-besudelten Motivationsbildchen in den Wald führte, eine Spur aus lyrischer Erotik und Trollscheiße. „Sag mal Firi… warum gehst du eigentlich nicht woanders in den Wald zum… fäkalieren?“, fragte Volmar. „Aaaach – fääääääääkaliiiiieren kann ich überall! Aber ich gehe immer da auf meinen Lieblingsstumpf: Seit mir ein Bauer sagte, Kacke sei toll, um Blumen wachsen zu lassen – nehme ich jeden Tag eine frische Handvoll aus dem Baumstumpf für Olivia.“, führte der Göttling aus. „Wer ist Olivia?“, Charlotte bereute die Frage sofort. „Na Olivia ist meine Pflanze im Hut! Die kriegt jeden Tag eine Handvoll aus dem Baumstumpf!“, erklärte Firi. Die Stute Brunhild wieherte laut auf.

Charlotte hat sich im Folgenden stark dafür ausgesprochen Firis Angebot abzulehnen, vor ihrem Baumstumpf die Nacht zu verbringen. Der Göttling hielt sein Wort, und brachte innerhalb von drei Stunden die müde Reisegruppe zum Waldrand. „Sooo – wir sind da Freunde. Grüßt den Elfenmann von mir!“ Sie verabschiedeten sich von dem munteren Göttling mit fehlendem Geruchssinn und wandten den Blick nach vorn: Als sie den dunklen Wald verließen, zeigte sich vor Ihnen weites, offenes Land mit sanften Hügeln, Tälern und Flüssen. In der Senke direkt vor Ihnen stand eine Herrenhaus, das jetzt von dem Licht der aufkeimenden Morgendämmerung kitschig angestrahlt wurde. Die drei lächelten, nickten sich zu, und saßen auf.

Kapitel 2: Träume sanft

Eine Stunde später, in den Gemächern des Herrenhauses

„…Firi kocht also immer noch Suppe – und hat schon wieder jemanden vergiftet…“ Baron Nuriel nickte bedächtig. Der Elf saß in einem silberseidenen Morgengewand mit den drei Gefährten im Kaminzimmer des Hauses, in seiner rechten Hand ein kunstvoll verzierter Tonbecher mit Henkel. Um seinen Hals trug er wie immer die Rune Arhain. Seine spitzen Ohren lugten unter den geflochtenen Strähnen an den Schläfen hervor. ‚Nur ein Elf bringt es fertig früh morgens wie ein gestriegeltes Paradepferd auszusehen‘, dachte Charlotte so bei sich. Nuriel hingegen versuchte Volmar und Charlotte einzuordnen. Er hatte sie zwar an jenen Tagen vor einigen Monden getroffen, jenen schicksalshaften Tagen – an dem König Gernot von den zwölf Auen starb. Doch hatte er sie damals nicht so im Fokus, und allein, weil sie nun die Gesellschaft Valerians teilten, erregten sie seine Neugierde – und Neugier war eine seiner größten Schwächen. „Valerian, so sprich doch endlich – welcher Umstand schickte euch auf die Reise?“ „Auf die Reise hierher, nun… unsere Freundschaft würde ich sagen. Wir wollten nach den letzten unschönen Ereignissen mal wieder ein vertrautes und sympathisches Gesicht sehen.“ Nuriel lächelte kühl und milde – das konnte er seiner Großmutter erzählen. Er hatte den Alten inzwischen allerdings sehr liebgewonnen, und ein loses Band des Vertrauens verknüpfte beide Männer. Valerian fuhr fort: „Ansonsten nun ja, du weißt es ja: Wir verlassen diese Gestade. Kaer Iwhaell wurde vor einigen Tagen verwüstet von hetzenden Fanatikern, und Silberschwerter können sich nicht mit berstenden Himmelskörpern und göttergleichen Lichtelfen aus anderen Sphären messen… Ich meine, wenn es nur popelige Standardelfen wären.“ Nuriel lachte verlegen über den Scherz und verbarg seine tiefe Verbitterung. Einmal hatte er mit anderen diese Welt gerettet, und nun ging sie das zweite mal unter und würde ein Wesen, das so etwas wie einen Tochter für ihn war, wahrscheinlich mit sich reissen, doch behielt er diese Gedanken für sich. „Aber jetzt mal ehrlich, Nuriel. Die Schule wurde vor einigen Tagen zerstört,“ Nuriels Gesicht zuckte einen Bruchteil einer Sekunde bei dieser Nachricht, dann hatte er sich wieder unter Kontrolle „Ich reise mit Volmar und Charlotte in unsere Heimat… wir machen uns auf die Suche nach Wissen: Um die Spezies der Hexer vor dem Aussterben zu bewahren brauchen wir nicht nur eine neue Heimat – sondern auch Antworten auf die Frage unseres Erschaffungsprozesses. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, wenn du es gestattest, mein Freund.“ Nuriel nickte bedächtig – wenn jemand Verständnis dafür hatte, Dinge vor anderen zu verbergen, dann er. Er strich flüchtig über die kaum noch sichtbare Narbe an seinem Hals. „Du weißt mein lieber Valerian, dass meine Bibliothek dir offensteht?“ „Ja, aber dieses spezielle Wissen wird sich in keiner Bibliothek Solonias befinden – Leider. Ungern lasse ich meine Familie…“ Volmar verschluckte sich bei dem Wort an seinem dampfenden Kräutertee „… ohne mich zur Leuenmark aufbrechen, doch habe ich es Volmar versprochen – und außerdem…“ „…bist du ein verklärter, moralischer, alter Ehrenmann Valerian.“ Die beiden Männer lächelten sich zu. Charlotte rollte mit den Augen bei diesem geschwollenen Geschwafel.

Nuriel erwies Ihnen seine vollumfängliche Gastfreundschaft, und die Reisenden nahmen diese dankbar an. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht, führten diese unzählige geschwollene und zusehends-nicht-geschwollene Gespräche. Zusehens gewannen auch Nuriel, Volmar und Charlotte leichte Sympathie füreinander. Sie tranken morgens und nachmittags köstlichen Tee und abends sagenhafte Weine, die sich fast mit den besten Toussaints messen konnten. Bis auf Volmar – der sich eher an den Schnäpsen des Hauses erfreute. Der Wolfshexer wollte Nuriel zum Würfelspiel überreden – und zog dem Elfen nach einer Runde derart das Kupfer aus der Geldkatze, dass sich dieser worttrocken aus dem Spiel verabschiedete und Valerian und Charlotte stattdessen den Vortritt zum begnadeten Glücksspieler ließ. Sie tauschten abwechselnd Geschichten und Anekdoten aus, bis die Gefährten sich schließlich zur Nachtruhe in ihre Schlafgemächer zurückzogen.

Doch Nuriel konnte nicht schlafen. Gedankenverloren saß er vor dem Kaminfeuer. Er wischte sich über das Gesicht, als wäre es ein Zeichen für sich selbst, die Maske der Fröhlichkeit abgelegt zu haben. Sicher hatten sie nichts gemerkt, wie aufgewühlt sein Inneres war. Seine Masken waren viele. Unbedarftheit, Naivität, Harmlosigkeit, emotionslose Kühle und viele mehr. Sie verbargen die dünne Schicht, die über dem schlummernden Wahnsinn lag. Er hatte zu viel gesehen. Sogar den Tod selbst.

Er wischte seine Melancholie zur Seite und begann zu meditieren – sein Weg, seinen Geist stabil zu halten, so gut es ging. Nach einiger erhob er sich – er grübelte, und heute wollte seine Konzentration nicht bleiben. Nach einiger Zeit fasste er einen Entschluss: Es war zwar nicht rechtens was er im Sinn hatte, aber er würde sie vielleicht nie wiedersehen – er wollte die letzten Momente mit Ihnen auskosten. Aus einer Truhe holte er seine Glaskugel hervor – er hatte sie Jahre nicht benutzt. Dann setzte er sich mit Blick auf die Kugel vor das Kaminfeuer, öffnete seinen Geist, sein zweites Gesicht und den Blick auf die Astralebenen. Fast liebevoll begann er, seine schlafenden Gäste zu betrachten, als wären es seine Kinder.

„Varin… Varin nein…!“ unruhig wälzte sich Volmar in seinem Bett umher, neben ihm lag Charlotte. Auch Valerian träumte sehr rege diese Nacht. Während die Hexer sich in der Traumwelt bewegten, saß der Baron noch vor dem prasselnden Kaminfeuer. In seinen Händen hielt er eine leuchtende Kugel, von der ein violetter Schein ausging. Nuriel konzentrierte sich, und lenkte seinen Fokus auf Volmar:

Nuriel sah durch Volmars Augen erst eine Stadt, eine große, in deren Mitte eine hohe Burg thronte. Die Burg sah aus wie eine Schule, oder Akademie. Vielleicht eine Universität oder Magierakademie aus Volmars Heimat? Er sah eine Gruppe von Zauberern durch eine Straße flanieren, sie passierten den Laden eines Schmieds… dann sah Nuriel ein Schmiedefeuer, und kunstvolles Elfenschmiedewerkzeug hämmerte auf glühenden Stahl, auf einen Schwertrohling. Das Bild verschwamm, der Ort wechselte und die Szene wandelte sich in Feuersschein am Horizont… Männer, und etliche Kinder schrien, es ertönte Kampfeslärm. Nuriel spürte überwältigende Gefühle. Hass, Wut, Furcht, Entsetzen, Trauer… nun sah er einen sehr jungen Volmar inmitten einer zerstörten Burg, vor ihm ein sehr alter Mann mit langen ergrauten Haaren. Um ihn herum lagen Trümmer, glühende Balken und Leichen. Volmar schrie ihn lauthals an und dem jungen Hexer schienen sogar Tränen über seine Wangen zu laufen. Nuriel verstand leider keine Worte, dafür war der Traum zu undeutlich. Der Streit eskalierte in einem starken Handgemenge, der alte Mann war sichtlich dem jungen Hexer überlegen und so brachte er Volmar schnell zu fall, der Traum löste sich im Nebel und dem lauten Aufschrei Volmars auf, und wurde von einem weiteren Traum abgelöst: Nun sah Nuriel einen Sumpf, und darin ein Lagerfeuer. Am Lagerfeuer saßen zerlumpte Gestalten, wahre Hurensöhne mit Narben, Pocken und Tätowierungen. Nuriel erkannte Volmar unter den Gestalten erst sehr spät, da dieser nur in Lumpen und Fetzen gekleidet war, auch seine Schwerter, das wohl markanteste Merkmal eines Hexers, hatte er nicht bei sich. Auf den ersten Blick erinnerte das Szenario den Elfen an eine Art Gefangenenlager, doch schienen die Gestalten keine Gefangenen zu sein, sondern Holzfäller – so folgerte der Baron aus den zahlreichen Äxten, die bei den Gestalten am Lagerfeuer lagen. Plötzlich verschwamm der Traum durch Scharen krächzender Krähen, die durch die Vision flogen und Nuriel die Sicht nahmen. Dann ein schmerzerfüllter Schrei – Blutfontänen spritzten zum Sternenhimmel, die Gestalten vom Lagerfeuer lagen nun mit schmerzverzerrten Gesichtern aufgespießt von Wurzeln im modrigen Matsch. Vor Volmar, der inmitten des Massakers im Dreck kniete stand eine riesenhafte Silhouette, deren Kopf von einem gigantischen Hirschgeweih gekrönt wurde. Mit einem weiteren Schrei… zerfiel der Traum. Volmar musste aufgewacht sein. Nuriel seufzte bedächtig löschte das Licht der Zauberkugel – und schenkte sich gelassen Wein nach. Er wusste, dass Volmar als Hexer gewiss sein Amulett beobachten könnte, den Magiesensor. Also wartete er einige Zeit ab, bevor er sich erneut mit der Kugel im Schoß seinen Fokus auf Charlotte lenkte, die Begleiterin Volmars, von der er immer noch nicht so recht wusste, womit sie eigentlich ihren Lebensunterhalt verdiente. Er wußte nur – ihre Gestalt löste bei ihm Emotionen aus, die er sonst immer verbannt hatte. Einen kurzen Moment grinste er.

Eine große Stadt bei Nacht, Nuriel sieht Charlotte, wie sie an einer Wand lehnt, neben ihr zwei riesige Kartoffelsäcke. Fünf Zwerge kommen zu ihr, blicken sich vorsichtig um. Sie unterhalten sich, doch ist der Traum zu verschwommen, um etwas zu verstehen. Einer der Zwerge wirft ihr mit einem Grinsen einen prallen Münzbeutel zu. Die Jungs packen sich jeweils zu zweit einen der Kartoffelsäcke, da reißt eine Seite an einem Sack auf und mehre Schwerter, Äxte und Dolche fallen klirrend auf das dreckige Straßenpflaster. Wieder verschwimmt die Szene komplett – Der Elf sieht immer noch eine große Stadt, wenn gar nicht sogar dieselbe? Doch diesmal steht Charlotte unter einem großen Torbogen vor einem riesigen Marktplatz. In dessen Mitte steht ein großer Frühlingsfest-Baum, und leicht bekleidete Mädchen laufen im Reigen bei Gesang und Tanz um den Baum und halten lange Stoffbänder an den Händen, die mit der Mastspitze des Festbaums verbunden sind. Nuriel verspürte bei diesem Anblick eine Woge der Erregung – die Nachwirkungen der verfluchten Kette, die man ihm gegen seinen Willen in der Burg der Hexer angelegt und letztes Jahr unter großen Schmerzen entfernt hatte. Das Artefakt hatte seine Emotionen, die er jahrelang durch Meditation so gut unter Kontrolle gebracht hatte, ins Unermessliche übersteigert, etwas, was eine tiefe Krise in ihm ausgelöst hatte, weil emotionale Kontrolle immer das gewesen war, woran er tief geglaubt hatte. Es hatte etwas in ihm verändert, das er noch nicht abschließend einschätzen konnte. Auf eine verbotene Art und Weise gefiel ihm dieser neue Zug an sich. Er konzentrierte sich wieder. Händler, Gaukler, Musikanten, Spielleute, Barden, Dichter und unzählige Feiernde und Betrunkene verstopfen den Platz. Plötzlich blickt Charlotte über ihre rechte Schulter, und sieht noch wie drei Männer sich am anderen Ende des langen Torbogens hinter der Ecke verstecken. Sie hatten Tätowierungen am Hals die Spielkarten zeigten. Nuriel sieht erstmalig wie Charlotte in Panik verfällt: Sie rennt in die Menschenmenge, verlangsamt dort stetig ihr Tempo, um unterzutauchen, und landet irgendwann an einem Ausschank für Schnäpse. Dort sieht sie Volmar und mustert ihn. Wieder verschwimmt die Szenerie, und Nuriel steht in einer einfachen Herberge in einem spartanisch eingerichteten Gästezimmer. Sein Blick wandert von der einsamen, noch tapfer leuchtenden Kerze am Nachttisch auf das Bett – auf dem sich gerade Volmar und Charlotte heftig liebten. Trotz der verringerten Emotionen der Hexer, konnte der Baron bei ihm rege Freude und tiefe Gefühle ablesen – abgesehen von den hormonellen Explosionen, die der Mann sowieso gerade erlebte. Der Elf verzog das Gesicht, erst leicht angewidert, von dem heftigen menschlichen Koitus, der der Ästhetik von liebenden Elfen in Einigem nachstand, dann blickte er äußerst angetan. Er nahm einen tiefen Schluck aus dem Weinglas. Als das nichts half, griff er zur ganzen Flasche. Derselbe Raum, scheinbar etwas später, da sich nun die Morgensonne durch das schmutzverkrustete, mickrige Fenster zwängte. Charlotte und Volmar lagen in voller Nacktheit auf dem Bett, Arm in Arm. Die Tür zum Zimmer flog schlagartig auf, die drei Männer mit der Tätowierung stürmten in den Raum – Volmar rollte, noch splitterfasernackt, seitwärts vom Bett auf die Männer zu. Noch im Aufstehen zog er sein Stahlschwert aus der neben dem Bett aufgestellten Schwertscheide. Nuriel zwinkerte kurz überrascht, als ihm in der Traumwelt eine enorme Blutfontäne entgegensprühte – genervt wischte er erneut mit der Hand zur Seite.

„Die Frau hat wohl auch schon einiges hinters sich. Und ihr Berufsbild ist mir jetzt immerhin klar. Sowie die ‚Kreise‘, in denen sie verkehrte. Hm, … Nun gut. So wollen wir doch noch einmal einen abschließenden Blick in den Geist des alten Haudegens werfen…“, dachte sich Nuriel. Ein paar Zimmer weiter seufzte Valerian im Schlaf, und wälzte sich unruhig umher. Das Amulett an seinem Hals begann zu zucken, bis es aus der weiten Öffnung seines Leibhemdes rausrutschte und auf dem Kissen neben Valerians Hals zum Liegen kam. Das Zucken wurde stärker…

Nuriel sah Wim, den Lehrling Valerians. Sofort zogen sich Sorgenfalten durch die Stirn des Elfen. Er erinnerte sich an den grausamen Traum, den er gesehen hatte, damals. Der Bursche sprintete über den Burghof, auf seinem Rücken ein Rucksack und ein Schwert geschultert – und in der Hand einen großen Schlüssel zwergischer Machart aus einem dunklen Metall. Valerian stand in einem Burgfenster, und erspähte Wim bei der Flucht. Der alte Hexer rief seinem Schüler etwas nach… Nuriel hielt kurz inne: Also ist Wim geflohen? Zu welcher Truhe könnte dieser Schlüssel passen? Könnte es sein, dass sich die Vision von damals erfüllen wird…? Nuriel rief sich die Vision in Erinnerung, die er selbst vor zwei Jahren auf Kaer Iwhaell gesehen hatte: Wim, vom Blutmagier Isador korrumpiert und voller Wahnsinn, tötete erst seine Hexerlehrlingskollegen, und schließlich nach einem spektakulären Klingentanz Valerian. Sollte diese Vision doch wahr werden? Blickt Wim vielleicht in einen dunklen Abgrund, der in ihn zurückblickt und tiefe Schatten hinterlässt? Dies wäre bei einem Herz voller Schatten und Leere, wie es bei dem Hexerlehrling der Fall ist, nicht verwunderlich.

Der Elf setzte seine Erkundung in Valerians Geist fort. *Er sah nun einen jungen Valerian, das Haar nur an den Schläfen leicht ergraut – ihm gegenüber, ein Mann mit braunem Haar, jünger als Valerian, mit athletischer Statur. Sein Rüstzeug schwarz, auf der Brust ein zuckendes Hexeramulett, im Gesicht zwei leuchtende Katzenaugen, aber nicht von jener ruhigen Klarheit Valerians, sondern Augen mit fehlerhafter Mutation, mit geplatzten Äderchen und irrem Blick. Sie standen sich auf einem Bergplateau gegenüber. Beide hielten ein Schwert in Ihrer Hand, doch war das des Fremden merkwürdig gekrümmt – wie ein Säbel oder ein langes Messer, nur zeigte die leichte Krümmung der schlanken Klinge verkehrtherum nach vorne, fast wie bei einer angedeuteten Kralle. Der Schnee lag eine Elle hoch, und frische Flocken flogen sanft und geräuschlos zu Boden. „Aguire – Schon wieder? Reicht nicht eine Schule? Derselbe Fehler erneut? Nach allem, was wir dir gaben? Keiner sonst gab dir eine zweite Chance. Wie konntest du ihn nur umbringen?“, schimpfte Valerian. Der junge Mann schrie wie irre– und griff an: Er webte einen Zauber, und Nuriel nahm durch Valerian die Hitze eines aufkeimenden Feuerzaubers wahr. Valerian webte den Schutzzauber ‚Heliotrop‘, einen magischen Schild, der frontale magische Angriffe abwehren kann – doch schwenkte der aufkeimende Feuerzauber Aguires chaotisch im Elementfluss um, und der Angreifer änderte seine Fingergestik überraschend: Eine magische Druckwelle ‚Aard‘ schoss in den Schneehang rechts von Valerian, und ein Grollen machte sich bemerkbar. Sofort rollten einige Felsen über die Schneedecke auf Valerian zu. Der Greifenhexer machte erst einen großen Satz nach vorne, aber um der breiten Steinfront zu entkommen, setzte er eine Sprungrolle nach – auf Aguire zu: Dieser hatte schon ein krallenförmiges Wurfmesser gezückt und schleuderte es mit einer knappen Bewegung präzise auf Valerian während seiner Rolle zu – und verfehlte knapp dessen Scheitel. Valerian rollte weiter und stand flüssig aus dem Manöver auf, um mit einem diagonalen Streich von links unten das Klingenspiel zu eröffnen – doch dazu kam es nicht. Aguire trat mit der Fußspitze locker in den Pulverschnee und erzeugte eine kleine Schneewolke, die Valerian blenden sollte. Valerian brach seinen Angriff ab, schlug mit dem Schwert von links nach rechts eine abwehrende Mühle und machte eine Pirouette nach links hinten. Er wollte direkt daraus mit einem Hieb von links oben fortfahren, doch war sein Gegner schon im Gegenangriff mit einem starken Streich von links oben. Valerian brach seinen Angriff erneut ab und blockte den Angriff mit seinem schräg erhobenen Schwert in der Parade ab, und machte einen Ausfallschritt unter dem Angriff Aguires hinweg. Er wollte sich Neu-Positionieren… Aguire jedoch schien jeden Streich Valerians zu kennen und im vornherein zu vereiteln. Valerian setzte immer wieder zu Schnitten und Stichen mit dem Hexerschwert an, musste diese aber immer wieder mit einer Pirouette oder Meidbewegung abbrechen. Aguire steht Valerian in nichts nach – im Gegenteil: Deren tanzender Stil ist sehr ähnlich, wenngleich der jüngere Hexer eindeutig heimtückischer und dreckiger kämpfte. In einer kurzen Pause stehen sich beide gegenüber, das Schwert in horizontaler Fechtstellung neben dem Ohr mit der Spitze zum Feind, der ‚Fensterstellung‘. Da greift Aguire in das Revers seiner schwarzen Lederrüstung und wirft Valerian mit einem bösen Lächeln etwas entgegen: In Zeitlupe sieht Valerian, wie ein blutverkrustetes Menschenohr auf ihn zufliegt – im Reflex schlägt er eine Mühle und wehrt das fliegende Körperteil mit der Klingenbreitseite ab. Nuriel spürt, dass Valerian weiß, wem das Ohr gehörte, und der Elf fühlt das Entsetzen des Greifenhexers. Aguire ging wieder zum Angriff über: Mit einem Hagel aus Schlägen und Stichen brachte er Valerian in starke Bedrängnis. Unzählige Drehungen und Finten machten eine Vorhersage der Angriffe fast unmöglich, dazu kam die fremdartige Mechanik der gekrümmten Klinge, die förmlich um die Paraden Valerians herumstechen wollte und Valerian mit weiten Paraden aus der Deckung lockte. Aguire führte nun einen Schnitt von rechts außen auf die Beine Valerians – welchen der Greifenhexer parierte. Doch plötzlich änderte Aguire die Schlagrichtung, und die geschliffene gebogene Rückschneide des Schwertes schnitt zurück – und traf Valerians Oberschenkelinnenseite. Noch bevor die klaffende Wunde der Oberschenkelarterie mit ihrem Spektakel begann, führte er einen Stich zum Herzen Valerians aus. Der Greif parierte diesen kreisförmig von unten nach oben in einer Wischbewegung, doch Aguire nahm den kreisförmigen Impuls auf und schnitt von links in Valerians rechte Körperseite, er nahm daraufhin mit seiner linken Hand Valerians Schwertarm und verdrehte diesen zur Körpermitte hin – auf sein Krummschwert zu. Er zog dieses aus der blutenden Körperseite Valerians und mit der schneidenden Rückbewegung durchtrennte er Adern, Sehnen und Fleisch an Valerians Arminnenseite. Valerians Schwert fiel zu Boden, kurz darauf gefolgt von Blutstropfen. Der Greifenhexer fiel auf die Knie und um ihn herum bildete sich ein schauriges rotes Muster im weißen Schnee. Nuriel wollte schreien, so sehr belastete ihn das Bild. Doch er beherrschte sich. Die Szenerie kam zum Stillstand – als ob die Zeit selbst innehielt, und alles um Valerian herum verschwand. Langsam blickte Valerian auf – und lächelte Nuriel direkt an. Seine rechte Hand hatte das Hexermedaillon in der Hand. *Nuriel war für einen Moment verwirrt. Opachen überraschte ihn immer wieder.

„Sehr interessant.“, dachte der Elf „Nicht nur, dass Valerian schon mal im Schwertkampf besiegt wurde – er scheint auch schon damals so leichtgläubig anderen gegenüber gewesen zu sein wie er es heute ist. Und so ein Wim-Fiasko scheint er ebenfalls schon einmal erlebt zu haben.“ Nuriel blickte aus dem Fenster. „Und, der Alte hat mich wieder einmal mit seinen magischen Fertigkeiten überrascht. Er hat anscheinend das ‚Ankern‘ als Fertigkeit erlernt. Unser Abschied scheint wie unser Kennenlernen – mit einem Moment der freudigen Verblüffung.“ „Überraschen werde ich ihn auch noch ein letztes Mal…“ murmelte er vor sich hin. Er ging zu seinem Schreibtisch, auf dem ein Tannenzapfen lag, und nahm ihn in die Hand. Gedankenverloren blickte er aus dem Fenster in die Nacht, der Mond stand über dem Herrenhaus. Ein paar Minuten später lächelte er zufrieden und ging zu Bett.

Einige Tage später, an der Elfenküste

„Aaaach – das Gekreische von Möwen, das Läuten von Schiffsglocken und wütende Vorarbeiter, die ihre Ladung-löschenden Hafenarbeiter anbrüllen – das klingt so vertraut nach…“ „Novigrad.“ unterbrach Valerian lächelnd die schwärmende Charlotte. Die drei saßen an der Hafenpromenade auf einem Mauervorsprung, und betrachteten gelassen die wuselnden Arbeiter beim Schaffen und Treiben. „… Ich wollte sagen ‚Arbeit‘, Valerian.“, verbesserte Charlotte. „Arbeit… ach du meinst deine ‚Sonderdienstleistungen im Logistik-Nischengeschäft‘?“, fragte Valerian. „Exakt.“ Die drei lachten. Trotz der alptraumhaften Nacht in Nuriels Anwesen, hatten sie einen freundschaftlichen Abschied, und verließen Nuriels Herrenhaus mit frischen Vorräten – vor allem ein paar Fläschlein von Wein und Schnaps machte das Trio sehr glücklich.

Eine große Möwe kreiste über ihnen. Etwas Weißes platschte auf Valerians Rüstung. Angewidert blickte er zur lachenden Möwe über sich. Für einen Moment glaubte er, etwas aus ihren Füßen fallen zu sehen, dann traf ihn etwas am Kopf. „Au! Blödes Vieh!“ entfuhr es ihm. Ein Tannenzapfen kullerte vor seinen Füßen herum. Charlotte wollte den Tannenzapfen wütend wegwerfen, aber Volmar hielt sie davon ab. „Sieh“ sagte er. Auf dem Tannenzapfen war eine grüne Rune aufgemalt.

Valerian ergriff den Tannzapfen und hielt ihn sich vors Gesicht. „Arhain, Nuriels Rune“, murmelte er nachdenklich. Als wäre es das Stichwort gewesen, flackerte ein Licht über dem Zapfen auf, dass sich blitzschnell zu einer schimmerigen Silhouette Nuriels veränderte, der in der üblich theatralischen Art und Weise anfing zu sprechen, die er immer an den Tag legte, wenn ihm danach war. „Alter Angeber.“ Dachte Valerian, das wäre auch weniger theatralisch gegangen. Der Elf musste immer eine gewisse Dramatik erzeugen, ohne ging es wohl nicht bei ihm. Nuriel bedankte sich für die gute Zeit mit Valerian die vergangenen Jahre und den Abend mit Volmar und Charlotte. Und er hatte auch einige Bitten an Valerian gerichtet…

Nachdem sie alle Drei die Abschieds-Botschaft Nuriels gesehen hatten, lächelte Valerian. Er hoffte, dass sie sich wiedersehen würden. Sollte er wieder eine Burg sein Eigen nennen, so würde er dem Wunsch des Elfen entsprechen ein Zimmer für ihn freihalten – gute Dozenten würde er immer brauchen können. Eines nur ärgerte ihn: Arghal. Dass er die elende Möwe des Elfen über sich füttern sollte, bis er sie zu Nuriel zurücksenden wollte, passte ihm gar nicht. Arghal lachte in der Luft und ließ neben Volmar etwas Weißes auf den Boden platschen. Volmar blickte Charlotte angewidert an, aber die grinste nur und zuckte mit den Schultern. Die Möwe landete auf ihrer Schulter und fing liebevoll an, an ihrem Haar zu knabbern. Charlotte grinste: „Also ich mag sie“. Valerian lächelte, und ging in Gedanken noch einmal die Ereignisse der letzten Stunde durch:

Kurz nach ihrer Ankunft in der zentralen Hafenstadt an der Elfenküste steuerte Valerian selbstbewusst auf eine Filiale des vertrauten Handelskontors ‚Benno Stab‘ zu. Am Tresen stand kein bekanntes Gesicht, sondern ein pockennarbiger Kaufmannsgehilfe. „Benno Stab Handelskontor – ‚Wenn‘s der Stab nicht hat, hat’s keiner‘, wie kann ich Ihnen helfen der Herr?“, begrüßte sie der Gehilfe. „Mein Name ist Valerian, und mir gehört die Funkenflug. Seit Wochen schifft ihr unseren Hausstand in die Leuenmark. Vereinbart war, dass wir erst in einer Woche die letzte Ladung überführen sollen – doch der Plan hat sich geändert: Die Schule wurde angegriffen und die Funkenflug muss dringend jetzt schon ablegen, bevor unsere Angreifer das Schiff…“ „Hoher Herr Valerian… “, fiel ihm der Kaufmann ins Wort. Bei der Betitelung musste Volmar Prusten vor Lachen. „Euer Lehrling war bereits vor einigen Tagen hier und hat sich bereits um alles gekümmert.“, fuhr der Gehilfe fort. „… Welcher Lehrling?“, fragte Valerian mit hochgezogenen Augenbrauen. „Na, Wim Delvoye. Er hat sich vergewissert, dass die Ladung, insbesondere die schwere Steintruhe an Bord ist und hat das sofortige Ablegen in Eurem Namen befohlen. Er hatte sogar einen Brief mit einem Greifensiegel mit Instruktionen dazu dabei…“ Valerian schwieg ob der Antwort des Kaufmannes. Volmar stichelte „… du solltest etwas mehr Sorgfalt walten lassen im Verschluss deines Schulsiegels hoher Herr Valerian.“ Der Gehilfe schaute betreten, und fuhr fort: „… ich entschuldige mich für die Unannehmlichkeiten… aber falls es den Herrn Valerian tröstet – Wim wollte ebenfalls den Kurs zur Leuenmark beibehalten, er hat also im weitesten Sinne in Ihrem Interesse gehandelt mein Herr.“, versuchte der Angestellte des Handelskontors zu beschwichtigen. „Wohl kaum. Ich weiß, was er in der Steintruhe sucht… nur gut, dass es sich nicht dort befindet.“, antwortete Valerian mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck.

Valerian konnte beim Kaufmannslehrling trotz Verhandlungsgeschick und ‚Axii‘-Trickkiste keine Überfahrt zur Heimat ermöglichen, da alle Schiffe des Handelskontors bereits ausgebucht oder zu See waren. Charlotte nahm das Ruder in die Hand, und in der erstbesten Hafenkneipe konnte sie einen Kapitän auftreiben, der gegen klingende Münze eine Überfahrt für die drei inklusive Pferden und Möwe in die ferne Heimatwelt des Trios anbot. Später am Abend, nach ein paar Humpen Bier fragte Charlotte leicht angetrunken „Sagt mal ihr beiden – wir machen ja jetzt eine Schiffsfahrt rüber in die Heimat… aber das ist doch mehr als nur ein anderes Land! Also müsste man das eigentlich nicht via Portal machen, so wie ursprünglich geplant? Ich meine, hier ist der Mond in drei Teile gebrochen – in der Heimat ja aber zum Glück nicht… also muss das doch eine ganz andere Welt oder so sein, korrekt? Wie funktionieren diese Schiffsreisen zwischen den Welten denn – ich habe diese Überfahrten zwar wiederholt… ‚arrangiert‘, aber nie so recht verstanden…“ Valerian antwortete unbewusst im Lehrmeisterton: „Gut beobachtet – zumindest das mit dem Mond. Den Rest solltest du eigentlich wissen, weil Nuriel das gestern Nacht erzählt hat. Aber vielleicht warst du auch zu sehr mit dem Rotwein beschäftigt, … oder schmachtenden Blicken zu…“ Volmar räusperte sich geräuschvoll und setzte fort: „Reisen zu fremden Welten sind durchaus via Schiff möglich. Ich meine, schau dich doch mal in den ganzen Welten bei den hunderten von Möchtegern-Abenteurern um: Jeder Hinz und Kunz reist‘ Kreuz und Quer durch die Sphären, nicht nur via Schiff, sondern auch via Portal! Manche Nautiker haben vor langer Zeit durchaus Nadelöhre in andere Welten gefunden, verschlungene Kurse durch mystische Nebel, durch Tore in andere Weltmeere…“, bevor Volmar wieder in einen seiner langen gefürchteten Monologe verfiel, unterbrach ihn Charlotte elegant mit einer beiläufigen Berührung seines Handrückens und sagte: „Danke Volmar, danke Valerian. Ich erinnere mich düster an Nuriels Ausführungen – besonders an den weinerlichen Passus, indem er ausgiebigst beschrieb, dass er zu seiner Welt bisher nicht zurückgefunden hat. Und ja, ich erinnere mich auch an eure Debatte zu ‚Valerians magietheoretischem Wissenschaftspodium mit der Kernhypothese ~steht eine neue Sphärenkonjunktion an? ~‘… da tatsächlich jeder Hinz und Kunz mit Portalen zwischen Welten hin- und herreist… das muss ich zugeben.“ Es gab noch einige Lacher, bevor sich die Sonne langsam dem Meer näherte, und die drei Gefährten das Schiff ‚Iliki‘ bestiegen – was die drei nicht ahnten: Ein neugieriger schwarzer Kater namens Parzival hatte sich bereits an Bord des Schiffes begeben und sollte den Tag verfluchen, an dem er wieder auf ein Schiff mit Valerian gelandet war – wie damals schon in Novigrad. Wie der Burgkater Kaer Iwhaell’s auf das Schiff Iliki kam? Das ist eine andere Geschichte. „Nun, auf zum Festland, auf zur Heimat, auf zur Schatzsuche – gemeinsam werden wir Erfolg haben, zusammen. Auf nach Lan Exeter! Dort…“ „Jaja. Ist schon gut Volmar. Schnapsrunde?“, Charlotte unterbrach Volmar elegant und die drei ließen ihre Zeit in Solonia ein letztes Mal feierlich ausklingen, mit einem klirrenden Anstoßen von Schnaps- und Weinflaschen auf die guten, wie düsteren Tage Solonias und der nunmehr vergangenen Greifenhexerschule Kaer Iwhaell auf dem Kontinent Solonia.

Kapitel 3: Lan Exeter

Mit der Einfahrt in die Praxeda Bucht, rieselten große Schneeflocken sanft zur glatten See hinab, angestrahlt von der roten Morgensonne. Valerian war früh auf. Er konnte schlecht schlafen. Zu viele Gedanken und Erinnerungen kreisten in seinem Kopf umher. Während die Morgenschicht der Deckmannschaft langsam den Dienst übernahm, und begann, die Iliki zum Anlegen klar zu machen, stand Valerian an der Bugreling, faltete seine Hände und stützte die Unterarme auf dem Holz ab und blickte aufs Meer. Einige Meter neben ihm, im gebührenden Abstand, lag der Kater Parzival, und blickte neugierig durch ein Loch in der hölzernen Balustrade der Kogge aufs Meer und die fliegenden Fische darin. Der Kater bemerkte Valerian, fauchte herzhaft und hoppelte davon übers Deck – und versuchte die Möwe Arghal zu fangen, die gerade einen gefangenen Fisch an Deck verzehren wollte. Valerian interessierte die Tiere unwesentlich. Er ordnete seine Gedanken, doch das war schwer. Er fühlte, als hätte er versagt, in der einzigen Aufgabe, die ihm anvertraut war als Ältester der Greifen: Die Schule beisammen zu halten, und das Erbe der Hexerzunft fortzuführen. Kaer Iwhaell in Solonia ist Vergangenheit, und das Schicksal seiner Schüler ist vielfach ungewiss. Ob die Gruppe Atheris, Nella, Logan, Heskor, Egon und Raaga es durch Lennox‘ Portal geschafft haben? Ob sie nun schon in der Mark sind? War es richtig, die Nekromantenmaske heimlich Atheris zu geben, einem Lehrling? Kurz lächelte er, als er an Nella dachte, und den Duft ihrer langen blonden Haare. Doch dann verfinsterte sich seine Miene wieder – Wim. Er hat versucht die Maske aus der Koschbasalttruhe Bruenors auf der Funkenflug zu stehlen… gut, dass er ihm zuvorgekommen ist. Doch was, wenn er mit seinem Vorhaben Erfolg hat? „Warum konnte ich ihn nicht retten…“, seufzte er. Seine Gedanken wanderten zu Mei, seiner Ziehtochter, die in den dunkelsten Stunden der Greifenschule mit irgendwelchen Privatangelegenheiten auf Skellige oder sonst wo beschäftigt war, anstatt bei ihrer Familie, die sie dringender brauchte, denn je, zu sein. Ob sie vielleicht bei diesem adretten Baron aus Orgulistan war – zugegeben, er freute sich für sie, eine so gute Partie gemacht zu haben… Dennoch nahm er eine Distanzierung von Mei zu der Greifenfamilie wahr. Seine Gedanken kreisten weiter: Um Freunde und Bekannte wie Viktor aus Königswald, Tjaske, Vladim, Konrad von Tannhauser, Saleha, Eiwa Al Razina, Hartmut von Munzlar… aber auch um Feinde wie Silven, Isador, Tichondron oder den Lichtelfen… hoffentlich haben die Greifen zumindest vor Letzterem ab nun ihre Ruhe.

Er wischte sich mit beiden Händen deprimiert durch das Gesicht und beruhigte seine rasenden Gedanken. Er musste nach vorne schauen, nach Lan Exeter. Er blickt wortwörtlich auf, und sah nun langsam, durch den Schneefall hindurch, die Silhouette der Drachenberge über der Landmasse aufragen. Er erinnerte sich an diesen Anblick, als er ein junger Mann war. Er hatte sich eine Überfahrt von Novigrad nach Lan Exeter mühsam zusammengeklaut und -gespart, und war gerade dabei das Deck zu schrubben und Taue aufzuschießen, als sich ihm erstmalig der Anblick von Kovir und Poviss anbot, mit seiner wunderschönen Winterhauptstadt Lan Exeter, einer Stadt wie aus dem Märchen.

Moment… wollte Valerian nicht eigentlich den Blick gen Zukunft richten? Er lachte kurz. „Ich bin alt geworden.“ „Nein – das bist du schon lange.“ Mit einem Lächeln gesellten sich Charlotte und Volmar zu ihm, und lehnten sich ebenfalls auf die Reling. Dann begann Volmar mit seiner gefürchteten Erzählerstimme: „Aaaaah – Lan Exeter voraus. Die Winterhauptstadt von Kovir und Poviss. In der großen Tangomündung gelegen ist diese Stadt auf einmalige Art und Weise komplett im Wasser gebaut worden. Eine Stadt ohne Straßen, nur Kanäle, auf denen schlanke Boote mit Rudern und hohem Bug hin und herfahren zwischen steinernen Kais.

Wir werden gewiss den Großen Kanal entlangfahren, die Admiralitätsresidenz, den Sitz der Kaufmannsgilden, und den ‚Kleinen Palast der Kultur und Kunst‘ bestaunen – und alle stattlichen Häuser werden schmale, hohe verzierte Häuserfronten haben, da die Stadtsteuer der Lan Exeter‘ Hausbesitzer an der Breite der Häuserfront progressiv bemessen wird. Sehen werden wir auch den Ensenada Palast König Esterad Thyssens, wo er jetzt gerade noch gewiss im Schlafgemach neben Königin Suleyka von Talgar liegt. Übrigens eine der wenigen Ehen der Edlen, bei denen man sich sicher sein kann, dass beide sich inniglich lieben – so spricht zumindest das Volk und die Palastdienerschaft. Vermutlich liegt neben der Königin ein abgegriffenes, zerlesenes „gutes Buch“ vom Prophet Majoran. Sie ist bekannt für ihre Gläubigkeit.

Kovir ist noch für viele andere Dinge bekannt: Für seine Gelehrten, Händler, Techniker und Magier. Einen der besten Geheimdienste der Welt. Eine der effizientesten Berufsarmeen der nördlichen Welt, mit seinen attraktiven Renten und Prämien für seine Kriegsknechte und Söldner, und allen voran ist es bekannt für seinen unendlichen Reichtum, das war aber nicht immer so:

Erst war Kovir nur für sein Meersalz, und seine Glashüttenarbeiten bekannt, aber auch nicht mehr. Aus dieser Zeit stammen die redanischen oder kaedwenischen Sprichworte ‘jemanden nach Poviss jagen’, ‘dann geh doch nach Kovir!’, ‘ich dulde hier keine kovirischen Zustände!’ oder ‘in Poviss kannst du Schlaumeier spielen!’. Besagte ‚Schlaumeier‘ kamen tatsächlich nach Kovir, so auch einige Geologen. Diese fanden dort reiche Bodenschätze, frei nach dem Motto ‚ist das Land karg, liegen die Schätze der Natur unter dem Lande – denn die Natur liebt das Gleichgewicht.‘ Der Stand heute: Nur Mahakam fördert mehr Eisenerz. Ein Viertel der Kontinent weiten Förderung von Silber, Nickel, Blei, Zinn und Zink findet hier statt. Die Hälfte der Kupfererz Förderung. Ein Dreiviertel von allen seltenen Erzen, die übrigens auch in unseren vorzüglichen Schwertstählen stecken, wie Mangan, Chrom, Titan, Wolfram, Platin oder Ferrosaurum, Kryobelit und Dimeritium – von manchen übrigens auch Dwimerit genannt. Und Gold, Valerian: Man sagt 80 Prozent des weltweit gewonnenen Goldes stammt aus Kovir und Poviss. Fährt man so in Kovir ein, wie wir gleich, so begrüßen einen auf den Molen imposante Mauern und Festu…“ „Volmar…“ Valerian seufzte: „Ich habe hier einen Großteil meiner Jugendzeit verbracht – respektive in Kovir. Du weißt doch, wo die erste Greifenschule Kaer y Seren liegt… oder besser lag, nicht wahr? …Ach Charlotte, warum musste ich ihn diesmal unterbrechen bei seinem Monolog?“ „Ach – ich war dran?“, Charlotte blinzelte unschuldig. „Tut mir leid, ich dachte das letzte Mal war ich dran?!“ Volmar grunzte „Ich such mir was zum Frühstücken…“ und verließ die beiden an der Reling kichernden Kameraden.

Gut gestärkt nach einem gemeinsamen Frühstück und frohen Mutes, standen die drei erneut an der Reling mitsamt Reisegepäck, und bestaunten die von Volmar ausgiebig beschriebenen Mole und Dämme mit seinen Mauern, Türmen und Festungen. Nach den äußeren Hafenmauern überwältigte die drei ein Meer aus Masten und Segeln in dem riesigen Hafen der Stadt. Die Iliki steuerte souverän auf einen der Steinkais im Wasser zu, und nach einem kurzen Händeschütteln mit dem Kapitän verließen die drei über eine knarzende Holzplanke die Kogge. Ein Hafenbeamter mit Holzbrett und Pergament in der einen, und Schreibfeder in der anderen Hand, begrüßte die Ankömmlinge. Er nickte ihnen hektisch zu, sodass beinahe seine große Pelzmütze und seine Hornbrille herunterfiel. „Ihr drei gehört nicht zur Besatzung. Name, Grund des Besuches, Dauer des Verbleibs in Lan Exeter?“ Charlotte sprach mit einem charmanten Lächeln vor: „Grüße von Valentin. Wir gehören zur Handelsgesellschaft.“ Unverhohlen legte sie dem Beamten ein kleines klirrendes Beutelchen aufs Schreibbrett. „So so, Valentin also. Grüß ihn zurück. Na, dann passt auf – ich habe einen Rat für euch. Kehrt direkt wieder auf das Schiff um: Die Stadt ist abgeriegelt. Quarantäne. Seit vorgestern wütet eine Krankheit in der Stadt… man sagt, es sei die Rückkehr der Catriona Seuche. Keiner darf die Stadt verlassen. Ich mach bei euch eine Ausnahme, wenn ihr jetzt gleich wieder zurückwollt…“ Charlotte schüttelte den Kopf: „Kommt nicht in Frage. Aber danke dir, Ansgar.“ Der Schreiberling verbeugte sich, und wollte sich sodann umdrehen, um die gelöschte Fracht zu protokollieren – und stolperte dabei über einen schwarzen Kater der unglücklich hinter ihm saß und sich putzte. Arghal saß auf einem Fass daneben und lachte kreischend.

„Und was nun?“ fragte Volmar die anderen. Sie saßen auf einem der beschriebenen Ruderboote, dass gerade den Hafenkai verließ und auf die Kanäle der Innenstadt zusteuerte, aus der Luft verfolgt von einer weißen Möwe. „Ich kenne da jemanden von früher. Den können wir um Rat fragen, wie wir aus der Stadt kommen.“ Valerian lehnte sich zum Bootsführer rüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr, und gab ihm eine Münze. Der Bootsführer nickte, und das Boot hielt weiter auf den Großen Kanal von Lan Exeter zu. Schon nach einigen der prachtvollen Häuser von Edlen und Kaufleuten, steuerte das Boot in einen kleineren Kanal nach rechts, an dem es anlegte. Das Trio folgte einer kleinen Treppe von der steinernen Anlegestelle aus hoch auf das Plateau des schmalen Gehweges entlang des Kanals. Nachdem ein zweites größeres Boot mit ihren Pferden folgte, gingen sie an der beeindruckenden Häuserreihe den großen Kanal entlang – bis Valerian irgendwann vor einem sehr schmuckvollen Haus stehenblieb. Seine schmale hohe Fassade bildete ab dem ersten Obergeschoss einen Überstand, der vor der Haustür mit gravierten und bemalten Holzsäulen schmuckvoll gestützt wurde. Volmar las ein goldenes Schild über dem Gehweg mit der Inschrift „Carduin von Lan Exeter“. Sie banden ihre Pferde an einem Pfosten an.

Valerian klopfte und wartete einen Moment, dann klopfte er erneut, aber wieder nichts. Valerian wollte sich gerade umdrehen zu Volmar und Charlotte, um betreten mit der Schulter zu zucken, da hörte man ein genervtes „Jaaa jaaa doch…“, von drinnen. Ein Poltern die Treppe hinunter, ein Schemen hinter dem bunten Glasfenster – und dann öffnete sich die Tür: Vor Ihnen stand ein Mann in Nachtgewand und Schlafmütze. Seine Gesichtszüge wirkten erhaben, er hatte eine dominante Nase und starke Nasolabialfalten. Feine Bartstoppeln schattierten sein Gesicht. Im Kontrast dazu standen helle, bernsteinfarbene Augen. „Valerian? Du hier? Jetzt?… muss das so früh sein? Komm doch bi…“ „Carduin. Es ist wichtig!“, unterbrach ihn der alte Hexer. Carduin seufzte, und winkte die drei hinein in einen Raum, der wohl ein Wohnzimmer gewesen sein musste – bis ungeordnete Büchertürme und Staubschichten verschiedener Generationen das Zimmer erobert hatten. Sie gingen zu einem Tisch, der über und über mit Pergamenten voll war. Gelassen aber zügig, sammelte Carduin die Pergamente ein, um Platz zu schaffen für eine Unterredung. „Mach doch bitte ein Kaminfeuer an, Valerian… Ei‘ grau bist du geworden Bursch!“ Valerian gehorchte mit einem Nicken wie ein Schuljunge, und machte ein wärmendes Feuer im kalten Zimmer an. Sie setzten sich an den Tisch. „Viel ist passiert Valerian, und mich dünkt, es müsste nun gut dreißig Jahre her sein… nicht wahr? Möchtest du mir nicht deine Begleitung vorstellen?“, fragte Carduin. Volmar kam ihm zuvor „Volmar von Brugge, Hexer der Wolfsschule. Und das ist Charlotte.“, sie nickte. „Hocherfreut Charlotte von…?“ Nach einem kurzen Schweigen Volmars und Charlottes, fuhr Valerian fort: „Wir sind gerade angekommen in Lan Exeter und haben von der Quarantäne gehört. Wir wollen die Stadt verlassen. Kannst du uns helfen?“ Der Zauberer Carduin seufzte: „Schwierig. Ich sitze ebenfalls hier fest.“ „…möchtest du denn ebenfalls fort, Carduin von Lan Exeter?“ Carduin blickte Valerian an und versucht zu ergründen, was der Greifenhexer von seinen politischen Verstrickungen in die Angelegenheiten des neuen Rats der Zauberer und König Radowids von Redanien der letzten Jahre mitbekommen hatte. „Du hast recht, Valerian, dies ist mein Name. Doch habe ich seit einiger Zeit ‚Verpflichtungen‘ in Redanien… und dort sollte ich mich eigentlich auch die ganze Zeit befinden, wenn ihr versteht, was ich meine.“ Er schwieg bedeutungsvoll, und fuhrt fort: „Ich habe mich also von meiner derzeitigen Funktion zum Wohle des Großen und Ganzen abgewandt und bin für eine kurze ‚Stippvisite‘ vor drei Tagen hier in meine Heimat gekommen – dann wurde die Stadt abgeriegelt, wegen dieser grassierenden Seuche. Ich habe versucht, mittels Portal die Stadt zu verlassen – doch verhindert die Hofzauberin im Ensenada Palast, dass ich dem Unsinn hier entfliehen kann, mit einem potenten Gegenzauber, der Portalreisen unterdrückt. Kein Wunder: Weder will Thyssen aus altruistischen Gründen eine Seuche verbreiten, wie zuletzt den großen Catriona Ausbruch 1272 in den nördlichen Königreichen – noch möchte man die Gerüchte von infrastruktureller Schwäche in Lan Exeter als Handelszentrum der Meere oder von einem geschwächten Poviss streuen. Stellt euch mal den Einbruch von Devisenmärkten oder Handelskursen vor? Auch politisch, alles sehr verständlich…“, führte der Magier aus. „Mag sein Carduin – aber wir sind keine Magier, und unsere Affinität zu Politik hält sich in Grenzen. Kannst du uns hier rausbringen?“, fragte Valerian etwas ungeduldig. „Das weiß ich nicht – aber vielleicht könnt ihr es selbst, beziehungsweise ihr gemeinsam?“ Das Trio blickte sich fragend an, bevor der Magier fortfuhr. „Ich habe auf den Ebenen der Logik und der Informationswirtschaft in Lan Exeter nach einem Ausweg gesucht. Vergeblich, trotz meiner mannigfaltigen Kontakte hier. Eine Option gibt es noch: Gewiss seid ihr mit der Kunst der Wahrsagerei als magische Disziplin vertraut – die Wahrsagerei hat die unschöne Eigenschaft, dass man sie allein nicht derart gut praktizieren kann, wie mit einem Probanden zusammen. Es ist zwar nicht mein magisches Kerngebiet, aber alles nötige Wissen hat mir die Schule Ban Ard mitgegeben – und alles Weitere steht hier in den Büchern zur Oneiromantie…“ „Ungern Carduin. Die Traumdeutung ist ein sehr vages Feld, und offenbart auch viel Persönliches von den Träumenden…“, stellte Valerian fest. „Valerian, ich kenne dich seitdem du als Bursche nach Lan Exeter gekommen bist. Was fürchtest du, das ich sehen könnte?“, entgegnete der alte Magier. Der Greifenhexer schwieg. Charlotte und Volmar stimmten in das Schweigen mit ein. Eine bessere Idee hatten sie nicht.

Schließlich erklärte sich Valerian wider seiner Bedenken bereit. Er wollte Volmar und Charlotte, die Carduin sowieso schon offenkundig misstrauten, nicht persönlichen Offenbarungen aussetzen. „So, ich bin fertig. Lege dich bitte auf das Canapé, Valerian.“ Carduin hatte das Sofa von verschiedenem Krimskrams seiner Unordnung befreit, und zeigte nun mit offener Hand auf das Möbelstück. Valerian sattelte seinen Schwertgurt vom Rücken ab und drückte ihn mit einem vertrauensvollen Nicken Volmar in die Hand. Dann legte er sich auf die bequeme, wenngleich staubige Liege. „Ich werde dir erst einige Fragen stellen, um mich in einen geistigen Einklang mit dir zu begeben. Mein Ziel ist es, dass unsere mentalen Schwingungen zwischen Träumenden und Führenden sich harmonisieren – so vermag ich es dir als Magier den Traum zu induzieren und diesem Traum dann detailliert im Ablauf zu folgen.“, sprach der Magier und begann mit seinem Vorhaben. „Großartig!“, kommentierte Valerian trocken. „Nun gut mein lieber Hexer. Warum möchtest du Lan Exeter verlassen? Was suchst du außerhalb der Stadt mit deiner Begleitung.“ Valerian dachte nach, und schwieg. Carduin räusperte sich höflich ungeduldig. „Wir sind auf der Reise zur Schule der Wolfshexer. Da die Greifenschule sich erneut im Niedergang befindet, haben Volmar und Charlotte eingewilligt mir in der Suche nach Wissen zu helfen, um die Schule zu retten.“, beantwortete Valerian die Frage. „Fabelhaft Valerian. Was empfindest du dabei? So ein Hexer diese Frage beantworten kann…“, fuhr Carduin mit seinen Fragen fort. „Ganz ehrlich, erschreckend viel Carduin. Furcht, Neugierde, Angst, Zaudern, aber überwiegend Sorge.“, zählte Valerian auf. „…um wen?“, fragte der Magier. „Meine Familie.“ Valerian zwinkerte Volmar zu, der genervt seufzte. Carduin wahrte die Professionalität: „Gut Valerian. Du kennst Lan Exeter. Ich möchte, dass du dir nun vorstellst, wie du den großen Kanal entlangfährst. Ab dem Bernsteinviertel wirst du viele Kranke sehen auf den Promenaden, gehetzte Wachen die Ordnung halten wollen, protestierende Kaufleute wegen der Quarantäne und huschende Pestdoktoren… schließ deine Augen. Entspanne dich…“ In der Stimme Carduins lag eine sonderbare Beruhigung, und Valerian schlief, zu seinem Erstaunen, simultan ein.

Valerian sah den Kanal, die prächtigen Häuserfronten. Er saß allein auf einem Ruderboot, er steuerte dieses selbst auf das Tor von Lan Exeter zu. ‚Valerian! ‘ Hört er eine vertraute Stimme rufen. Er blickte zur Seite, und sah Nella, die ihm aufgeregt zuwinkte. ‚Valeeeriaaaan!‘ Diesmal von der anderen Seite des Kanals – wo Meidwynn stand, sie rief verzweifelt, und der orgulistanische Baron zerrte diese in die Dunkelheit einer Gasse zwischen den Häusern. ‚Valerian! …Valerian! Vaaaleeeeriaaaan!‘ Immer wieder ertönten Stimmen seiner geliebten und geschätzten Menschen. Immer wieder erschienen sie über ihm an den Promenaden des sonst menschenleeren Kais. Sie winkten, sie riefen, sie weinten, sie schrien. Sie bedeutetem ihm schneller zu machen! Schneller zu rudern! Genervt schrie Valerian, und eine Aard-Druckwelle, geboren aus seiner Wut, sprengte in einem Kugelförmigen Ausstoß das Boot. Plötzlich sah Valerian schwere Ketten an seinen Füßen, die ihn tiefer zogen, immer tiefer, in das dunkle-türkisblau des Kanals. Gerade als die Ohnmacht drohte, spürte er eine Hand, die die seine ergriff – und ihn mit einem starken Ruck hochzog: Valerian sprang aus dem Wasser, und stand neben seinem Freund, Konrad von Tannhauser. Valerian erkennt die Hafenstadt Novigrad, wie sie in seiner Kindheit aussah. Da lief ein Kaufmann an ihm vorbei, eilends, hinter ihm her eine verzweifelte Dame, offenkundig aus prekärem sozialem Umfeld und mit zweifelhaftem Beruf. Sie zeigte auf ihren Bauch, und gestikulierte wild – der Mann hörte nicht, und lief auf ein Schiff zu. Er ging auf die Brigg, warf die Ladeplanke von Bord – und schaute plötzlich Valerian an. Das Gesicht des Kaufmanns änderte sich – seine Wangen hoben sich, die Lachfalten, die Nasenfalte… und Valerian sah plötzlich in sein eigenes Gesicht, das ihn anlächelte – und wieder änderte sich das Gesicht, diesmal zum Gesicht Konrads.

Valerian schreckte auf. Er befand sich wieder auf dem edlen Sofa. Carduin sah ihn durchdringend an, Charlotte und Volmar hatten inzwischen auf Stühlen Platz genommen und blickten Valerian fragend an. „Was hast du gesehen Valerian?“, fragte Volmar. Der Greifenhexer war noch nicht in der Lage zu antworten. Carduin übernahm die Erklärung: „Valerians Geist ist voller Sorge um seine Engsten und Liebsten. In dem Gewirr seiner Gedanken aber, sind wir auf eine Goldader der Wahrheit gestoßen, einem verblüffendem Quant Schicksal: Valerian scheint einen lebenden Verwandten zu besitzen, den er bisher wohl nur als Freund kannte, und erfuhr etwas über seine Herkunft.“ Valerian schwieg. „Wollen wir weitermachen, Bursche?“ Er antwortete noch immer nicht. Volmar sprang ein: „Ich übernehme ab hier. Ich denke, Valerian hat genügend Dinge im Geist, die er nun zerdenken muss – mein Geist ist frei von den Ketten an Verwandte und… Familie.“ Valerian und Volmar nickten sich einander zu.

Volmar begrüßte den Komfort des Canapé, im Vergleich zum Stuhl. Noch während der Fragen Carduins, schlief er ein und bestätigte dies mit einem herzhaften Schnarchen. Auch er fuhr im Traume auf dem Großen Kanal, und hielt auf das Stadttor zu. Hinter ihm stand Varin, sein geliebter Ausbilder aus Kaer Morhen. Varin flüsterte ihm ins Ohr: „Sieh genau hin.“ Volmar war irritiert. Er blickte sich um, sah die Kranken, die Doktoren, die Wachen, die Kaufleute, die Proteste vor den Toren… doch dann bemerkte er ein Zucken an seinem Amulett. „Sieh genau hin Volmar.“ Er blinzelte. Über den Kranken sah er ein dunkles, ätherisches Band aus Magie. Es reichte hoch in den Himmel. Volmars blickte geradewegs nach oben, und über ihm und ganz Lan Exeter schwebte die Erscheinung einer toten Frau. Ihr Gewand in Fetzen, ihre Haut warf Eiter- und Pestbeulen, die aufplatzten, und das freigewordene Sekret floss aus den Wunden hinab und wandelte sich im Flug zu grünen Schneeflocken, die auf Lan Exeter schneiten. Das Bild veränderte sich – es stellte sich komplett auf dem Kopf, sodass Lan Exeter im Himmel lag und die Erscheinung mit gefalteten Händen auf dem Boden. Vom Himmel fiel wie ein Blitz das Silberschwert eines Hexers hinab, und durchbohrte die Zunge im Rachen der Frau. Volmar erkannte, dass es sein Silberschwert war. „Eine Pesta!“, Volmar setzte sich ruckartig auf. Carduin runzelte die Stirn: „Eine Pestmaid, eine Erscheinung die Krankheit und Seuche verursachen kann… hmmm…“ Ohne weiteren Kommentar stürmte Carduin aus dem Zimmer, und kam wieder mit einem Pergament. Er las murmelnd einen Krankenbericht, und folgerte dann laut: „Die hier grassierende Seuche kann gar keine Catriona sein. Es findet sich bei den umhin beschriebenen Symptomen kein blutiger Auswurf. Lediglich andere Symptome. Ich stimme deiner Theorie zu, Volmar von Brugge.“ Volmar strahlte – so sehr, was ein Wolfshexer in Sachen Mimik vermochte. „Hört zu, ich habe eine Theorie…“

Es war Mitternacht, die vier Gefährten standen auf dem zentralen Friedhofsplatz. Volmar und Valerian hielten ihr Silberschwert in der Hand, dessen Klinge fahl im Mondlicht glänzten. Auf Valerians Schwert, leuchteten blaue, mythische Runen auf. „Hier ist es.“, Carduin zeigte auf ein Grab. „Galita von Hengfors.“ Diese Wissenschaftlerin wurde vor einer Woche hier in Lan Exeter… zu Tode gefoltert. Sie vertrat einige makabre Theorien zur Catriona Seuche von 1268 und 1272, die nicht in Übereinstimmung mit dem wissenschaftlichen Kanon waren – was erstmal nicht schlimm war. Aber sie ging so weit, dass sie Portale und interdimensionale Reisen untersagen wollte, da sie diese für die Quelle der Catriona hielt. Sie fing an die Portalreisen von anderen Magiern in Lan Exeter zu sabotieren, wobei ein angesehener Stadtzauberer zu Tode kam… das ist gelinde ausgedrückt dafür, dass seine Körperteile an einem Dutzend verschiedener Stellen in der Stadt gefunden wurden…“ Charlotte grunzte. Er fuhr fort: „Die Hofzauberin konnte belegen, dass es Galitas Sabotage war. Nach ihrer Festnahme wurde sie gefoltert und aufgefordert ihre Theorien zu widerrufen. Sie weigerte sich schreiend, bis sie durch den Folterknecht in den Kerkern Lan Exeters den Tod fand…“ „Volmar, hilf mir ein großes Yrden zu ziehen.“ Valerian und Volmar beschworen einen magischen Kreis aus violettem Licht mit einem Durchmesser von rund acht Schritt. Charlotte zündete ein Räucherwerk aus Kräutern an, dass die beiden Hexer vorbereitet hatten, und verteilte den aromatischen Rauch mit wedelnder Hand. Carduin zog ein Pergament aus seiner Tasche und begann: „Nun denn, versuchen wir es wie besprochen. ‚Galita von Hengfors, ich rufe euch zum wissenschaftlichen Kolloquium – um eure These zu verteidigen!‘ …Ean vaín né élle ibháin na larvash!“ Carduins Hände leuchteten grünlich beim Skandieren der elfischen Beschwörungsformel. Nach einer Zeit des Wartens, fuhr aus der Erde eine ätherische Gestalt auf, und manifestierte sich im Kreis des Yrden-Zaubers. Es war die einer Frau, und sie glich der Beschreibung Volmars aus dessen Traum – von fahler ungesunder Haut, in Fetzen einer Gelehrtenrobe gekleidet und voller eitriger Beulen und Pusteln. Ihre Augenhöhlen waren leer und eine lange Zunge lugte aus Ihrem Kopf, dem der Unterkiefer gänzlich fehlte. Sie fauchte, und stöhnte. Carduin räusperte sich: „Verteidige deine Thesen im wissenschaftlichen Disput!“ Die Pestmaid fauchte nun ärgerlicher, und hielt auf Carduin zu. Volmar sprang vom Kreisrand auf die Pesta zu. „So wird das nichts!“ „Verdammt Volmar!“, fluchte Valerian – und sprang von der anderen Seite, weiter entfernt dazu. Carduin stürzte beim Zurückweichen, und fiel rücklings auf den Boden. Die Erscheinung raste jetzt auf ihn zu, und eine meterlange Zunge schoss auf den am Boden liegenden Magier zu. „Vael elan my elyenthain g’lan faray!“ Carduin erhob seine Hände und um ihn herum baute sich eine wabernde goldene Schutzsphäre auf, ein höherer Zauber, an dem die spitze Zunge abprallte. Volmar drosch mit einem horizontalen Hieb von hinten auf die Pesta ein – er spürte den Widerstand von Materie, er hatte sie also getroffen. Galita schrie schrill auf – und alle Vögel und Insekten der Nacht verstummten plötzlich komplett. Charlotte sah es zuerst: „Seht!“ Ein Kreis aus Rattenschwärmen schloss sich um die Gruppe, am Himmel über ihnen flogen Schwärme aus Insekten. „In den Yrden-Kreis!“, schrie Valerian, und zog Charlotte hinein. Die Tiere schwärmten um den Yrden-Kreis herum, aber drangen nicht hinein. Das violette Leuchten der Kreislinien wurde schwächer. Valerian fluchte laut auf, viel mit einer komplexen Handgestik auf die Knie und streckte seine Hände zum Kreisrand hin: „Ich halte das Yrden aufrecht. Volmar halte du die Pesta auf!“ Da war Volmar sowieso schon dabei: In diesem Moment schoss ein Strahl grüner Kotze in einem giftigen Schwall auf Volmar zu – dieser zauberte ein Quen-Schutzzeichen und drehte sich in einer Pirouette zur Seite weg. „Achtung!“, rief Charlotte: Zwei illusionäre Ebenbilder Galitas griffen von den Seiten Volmar an. Der Wolfshexer nutzte den Schwung der Pirouette und schlug in die eine Illusion einen sauberen Schnitt – wodurch sich diese in Rauch auflöste. Charlotte warf ein Wurfmesser auf Galita zu – doch diese löste sich ebenfalls in dunklen Schwaden auf. Plötzlich erschien hinter Charlotte die Pestmaid, um sie von hinten zu umarmen, Charlotte schrie. Volmar nahm sein Silberschwert in die Haltung des ‚Schützen‘, indem er es wie ein Speerwerfer schräg unten hinter sich bereithielt, und dann wie eine Balliste beschleunigte: Das Silberschwert traf genau in den Rachen der Pesta, durchstoß die Zunge und penetrierte die Schädelrückwand des Geistes. Galita sank zu Boden, Volmar nahm Charlotte schützend in den Arm, den Blick auf die Pesta gerichtet. Die Ratten- und Insektenmasse lichtete sich. Valerian erhob sich, und stellte sich schützend neben Volmar und Charlotte. Die Pesta röchelte. Valerian sprach: „Ich bin der Leiter der Schule und Akademie Kaer Iwhaell, und ich habe deine wissenschaftliche Arbeit zu den Hypothesen der Catriona Seuche für wegweisend und deduktorisch korrekt befunden. Ich entlaste deine Arbeit von allen weltlichen Vorwürfen und erkenne diese als Gelehrter an.“ Galitas Röcheln und Fauchen schwand, und ihre Augen weiteten sich. „Wir werden alle weiteren Folgeschritte befolgen, die auf deinen logischen Schlussfolgerungen basieren. Bette dich nun zur Ruhe in dem Wissen, dass du der Menschheit und Wissenschaft ein wichtiges Andenken hinterlassen hast, Galita von Hengfors.“ Der runzlige Körper von Galita wandelte sich kurz in den einer älteren Frau mit einer abgetragenen Professorenrobe, wonach dieser sich sofort in Staub auflöste. Valerian folgerte: „Wissenschaftler wollen nur eines: Anerkennung und Respekt für ihre Arbeit, und ihrem Publikum ein Erbe und Andenken mitsamt ihrem Namen hinterlassen, und den Pfaden ihrer Zunft der Gelehrten dienen und Tore öffnen für die aufkommenden scholarae und studiosi der nächsten Generation…“ Valerian schüttelte den Kopf, und steckte sein Silberschwert routiniert in die Schwertscheide auf dem Rücken. „Also ich würde ja sagen…“, sagte Volmar „… du hast sie greifentypisch totgeplappert.“ „… das kommt gerade von dir Volmar?!“, kommentierte Charlotte. Alle drei lächelten. Carduin nicht – der beschwerte sich über Graberde und Unrat auf seiner orange-roten Magierrobe. Dann hoppelte ein schwarzer Kater aus dem Schatten eines Grabsteins zu Carduin und rieb sich schnurrend an den Beinen des Zauberers.

Kapitel 4: Höhle der Qualen

Die Reisenden blieben noch drei Tage bei Carduin, bis die Beamten der Stadt die Quarantäne aufhoben, da die Seuche wie von Zauberhand verschwunden war. Nach einer intensiven Verkostung der Lan Exeter‘ Weine und Schnäpse bei Carduin in der dritten Nacht, verabschiedete sich das Trio von dem Gastgeber bei Sonnenaufgang. Sie verließen sein Haus, nur um auch ihn durch den Knall eines Portals in seinem Haus verschwinden zu hören. Valerian drehte sich von der Tür des Hauses um, und blickte auf dem Kanal. Vor ihm auf einem stählernen Poller saß eine weiße Möwe – neben einem schwarzen Kater. Der alte Hexer seufzte. „Es kommt nicht in Frage, dass ich euch mitnehme – ‚Kaer Iwhaell ist kein Zoo‘, verdammt! Aber, damit Nuriel oder die tierliebe Mei mir nicht zürnen…“ er räusperte sich, „…lieber Arghal. Bitte bleib bei Parzival bis zu unserer Rückkehr. Diese Reise kann länger dauern, aber wenn wir zurückkommen – dann gewiss über Lan Exeter. Sollten wir in drei Monden nicht zurückkehren – geh zurück zu Nuriel. Ähm… verstanden?“ Arghal kreischte. Parzival gähnte. Volmar schüttelte ungläubig den Kopf. Charlotte nicht: Die hatte angefangen die Szene mit einem Kohlestift flüchtig zu skizzieren, in der der Großmeisterhexer Valerian sich herabbeugte und mit einer Möwe neben einem Kater parlierte – die Skizze wollte sie ihrem Zeichner geben und das fertige Bild „Valerian in Lan Exeter“ taufen. Der Alte war sich irgendwie sicher, dass er die Möwe nicht so schnell loswerden würde – leider. Wieder hatte er einen Zoo an der Backe. Er betrachtete das Federvieh, den Kater und die Pferde, und Brunhild wieherte laut schallend auf.

Sie verließen die Stadt durch das prächtige bannerumwehte Stadttor und ritten zuerst an der Praxeda Bucht ostwärts entlang nach Yspaden in Creyden. Ursprünglich war es Charlottes Plan, ab hier weiter südwärts nach Novigrad zu reisen, doch entschied sie sich freiwillig einen Umweg in Kauf zu nehmen bis zum Kestrelgebirge.

Sie folgten also zu dritt dem Fluss Braa entlang weiter nach Osten bis zur Stadt Jamurlak. Dann gelangten sie weiter über das prächtige Hengfors über die Braa nach Braafeld in das Land Caingorn. Vor ihnen ragte das weiße Kestrelgebirge auf, dass sie von der nächsten Station in Aed Gynvael trennte. Sie beschlossen vor der Passage des Gebirgspasses noch eine Nacht in ordentlichen Betten zu verbringen, und kehrten in eine Taverne an der Hauptstraße ein. Das eingeschneite Gasthausschild zeigte einen steppenden Bären mit der Inschrift: „Zum Tanzenden Bär“. Valerian schmunzelte über den Wortwitzvorrat, den er mit zu seinem befreundeten Bärenhexer Tjaske nehmen würde. Nach dem Absatteln und der Übergabe der Pferde an den pickligen Stallknecht, betraten die drei die geheizte Stube. Es war insgesamt sehr wenig los, sie hatten also freie Platzwahl, und entschieden sich für einen Ecktisch im hinteren Bereich der Wirtsstube, mit guter Sicht über die Taverne. Eine vollbusige Schankmaid empfing sie reizvoll: „Hallo die Herre… Oh! Hallo Volmar. Tut mir leid dich enttäuschen zu müssen, aber deine Stammrunde ist heute nicht zum Würfeln und Kartenspiel da. Ich habe vorhin einen Topf Met heißgemacht, wollt ihr was davon?“

Mit dampfenden Metbechern vertrieben sie die Kälte aus ihren Gliedern. Valerian begann die Konversation: „Sag mal Volmar. Ich gehe davon aus, dass die Schwertlehre der Greifen sich nicht um Welten um die der Wölfe unterscheidet – mein Fechtmeister lehrte mich, dass man sein Schwert im Kampf gegen Monster auf gar keinen Fall in den Schützengriff nehmen und als Speer werfen sollte… ‚sowas tun nur verliebte Narren und Selbstüberschätzer‘. Wie ein Selbstüberschätzer wirkst du mir nicht…“ Er lächelte abwechselnd Volmar und Charlotte zu. Mit etwas Fantasie konnte man den Anflug einer Errötung auf Volmars Wangen erkennen. Charlotte übernahm das Reden: „Er redet nicht so gern über… uns.“ Valerian brach wieder das Schweigen: „Sagt mal, was macht ihr eigentlich, wenn wir in Kaer Morhen fündig geworden sein sollten? Ich werde nach unserer Unternehmung in die Leuenmark reisen und meine Zöglinge suchen.“ Volmar überlegte. Charlotte antwortete zuerst: „Ich werde wie gesagt, morgen abreisen nach Novigrad. Ich habe da noch eine Angelegenheit mit einem gewissen Zwerg namens Hacker zu klären, meine geliebte Arbaleste betreffend…“, Charlotte grummelte etwas in sich rein. Volmar fuhr fort: „Nun Valerian, ich sagte dir damals schon in Solonia – ich möchte dich und die Greifen beobachten. Ich wollte feststellen, worin sich die Wolfsschule von der Greifenschule unterscheidet, und sehen ob und wie wir zusammenarbeiten können. Du siehst, hier an unserer Mission – das Urteil ist vorläufig positiv ausgefallen. Dennoch werde ich mir etwas Zeit auf Kaer Morhen nehmen, um meine weiteren Aktionen in der großen Mission zu planen, die Hexerzunft auf meine Art und Weise zu unterstützen. Du musst wissen Valerian: Ich beäuge deinen Plan zur Kräuterprobe auch sehr Teil kritisch. Ich unterstütze ihn, ja natürlich, das weißt du. Ich habe wortwörtlich mein Blut dafür gegeben. Aber dennoch habe ich Angst vor… fehlgeschlagenen Experimenten, oder fehlgeleiteten Alchemisten oder Magiern, die jenes Wissen missbrauchen könnten, an denen Saleha, Eiwa, Nella und du forschen. Dennoch denke ich, dass es besser ist, dass die Greifen und du, dieses schwierige und notwendige Thema angehen und dabei lieber von mir bewacht und begutachtet werdet, als von irgendwelchen irren Zauberern oder Spinnern. Ich muss gestehen – ich glaube ihr als Greifen könnt das sogar besser ergründen als die paar übrigen einsamen Wölfe.“ Valerian nickte. „Ich verstehe deine Ressentiments. Mehr als manch anderer. Und deswegen freue ich mich so sehr über deine Unterstützung.“, antwortete Valerian. „Doch Valerian, bitte versprich mir, sobald wir in Kaer Morhen sind – kein Wort über unsere Pläne zu meinen Brüdern. Ich möchte nicht, dass sie Probleme bereiten könnten oder sich Sorgen machen, so gerne ich sie auch… teilweise… habe.“, sprach der Wolfshexer weiter. „Einverstanden. Dafür versprich du mir auch etwas Volmar: Ich habe nachgedacht. Wenn das hier vorbei ist, möchte ich im Laufe der nächsten Monate eine Expedition nach Kaer y Seren vorbereiten in den Drachenbergen. Dort liegt zu viel kostbares, als auch gefährliches Wissen, das ich als Ältester der Greifen bergen muss, und zur neuen Greifenschule bringen möchte – so ich diese denn hoffentlich, mit der Zustimmung des Rates der Leuenmark in selbiger errichten darf, versteht sich… aber wenn es soweit ist, versprichst du mir mich zu begleiten, nach Kaer y Seren?“ Theatralisch schlug Volmar in Valerians gereichte Hand ein. „Ach Greif, wenn wir eines gemeinsam haben, dann ist es unsere Einstellung: Wir beide wollen unseren Schulen gerecht werden, unsere Zunft voranbringen und unseren Brüdern helfen. Wir beide sind stolz Hexer zu sein, und das zu tun, was wir tun.“ „Ach Wolf. Der Stolz darauf ist schon lange dahin. Das wird dir in 80 Jahren gewiss auch so gehen.“, antwortete der alte Hexer.

Am nächsten Tag, standen die drei vor der Taverne an der Wegscheidung. Ein Weg kam von Westen, einer führt nach Süden, und einer nach Osten, auf das Kestrelgebirge zu. „Der Zeitpunkt der Verabschiedung, meine lieben Herren.“ Die Schmugglerin wollte südwärts reisen, gen Novigrad. Charlotte und Valerian umarmten sich freundschaftlich. „Ich habe noch was für dich Opa…“, sie kniete sich hin, und fummelte in dem Schaft ihres Stiefels – und zog ein Schmuddelbildchen heraus, dass sie behände in Valerians Gürteltasche steckte. „Hier – mein letztes seit dem Firi-Vorfall… war eigentlich für schlechte Zeiten gedacht – oder schwierige Bestechungen…“ Valerian lachte. „Danke dir Charlotte, ich nehme diese Bestechung von dir gerne an – und beim Wiedersehen sagst du mir, womit ich mich für diese Bestechung dann revanchieren muss.“ Valerian trat zurück, und ließ Volmar nun Raum für die Verabschiedung. Er und Charlotte schauten Valerian aber nur erwartungsvoll an, und etwas betreten. „Achso… ich nun ja, gehe ein paar Schritte vor.“ Valerian räusperte sich, nickte Charlotte zu und schritt gemütlich voran auf die Oststraße zu, wo ihre Pferde schon bereitstanden. Hätte Valerian seine übermenschlichen Hexersinne genutzt, hätte er gewiss gesehen, wie sich Charlotte und Volmar inniglich küssten, bevor sie sich mit einer Umarmung verabschiedeten – aber so etwas hätte Valerian gewiss nie getan, so wie wir ihn kennen, nicht wahr? Er zog stattdessen lieber die Motivationskarte aus seiner Tasche, die Charlotte ihm zusteckte: Sie zeigte einen fetten, betrunkenen Zwerg in unerotischer Pose, der herzhaft rülpste. Er lächelte und stieg in den Sattel auf die treue Brunhild.

So begannen die beiden Hexer mit der letzten Etappe ihrer Reise. Ihr Weg führte über das Kestrelgebirge und seinen Gebirgspass bei Caingorn aus bis nach Kaedwen und die Stadt Aed Gynvael. Auch dort rasteten Sie eine Nacht in einem ordentlichen Wirtshaus, um sich dann weiter ostwärts aufzumachen und der Zielgeraden zu folgen – dem Fluss Gwenllech.

„Ich habe vergessen, wie schön euer Tal ist, Wolf.“, sagte Valerian auf seiner Schimmelstute und bestaunte die Kulisse von Kaer Morhen: In der Talmitte schlängelte sich der türkise Fluss Gwenllech zu dessen rechter Uferseite sie auf einem breiten, erdigen Trampelpfad ritten. Der Fluss war umgeben von grünen Gräsern mit Schneeresten im Schatten, in einem Tal, das von saftig grünen Nadelwäldern gesäumt war, die mit steigender Höhe immer mehr und mehr Schneeweiß zeigten. Eingerahmt wurde das Tal von zwei Gebirgsausläufern der Blauen Berge, des Bergmassivs, auf das sie zuritten. Vor selbigem, in die Gebirgsflanke eines Berges gebaut, lag die Höhenburg Kaer Morhen, gerade rund tausend Schritt entfernt. Volmar auf seinem Rappen hingegen antwortete nicht keck oder stolz auf Valerians Satz – er sah vor dem geistigen Auge die Kulisse in dunkler Silhouette, gekrönt von Rauchsäulen und Feuersschein am Horizont, und hörte die Schreie von… „Volmar?“, Valerian stupste ihn an. Vargheist wieherte besorgt. Der Wolfshexer blinzelte kurz, und nickte. „Ja… gewiss, gewiss Valerian. Jetzt folg mir.“ Er gab dem Rappen die Sporen und wechselte in einen leichten Galopp. Sie ritten den Pfad weiter flussabwärts, bis sie zu einem kleinen Wasserfall kamen. Kurz danach wurde das Flusswasser seichter. Volmar ritt voran und preschte durch das knöchelhohe Wasser der Furt. Die vorher breite Straße wurde nun ein schmaler Trampelpfad, durch hohe Gräser und scharfkantige Felsen. Rechts von Ihnen wurde der Gwenllech breiter, und bildete sogar einige kleine Felsinseln, mit Fichten besetzt, optisch gekrönt von der Ruine der einst stolzen Wolfshexerburg. Sie folgten dem Pfad durch die Idylle weiter, bis direkt neben ihnen eine Holzkonstruktion im Boden begann sich nach vorne hin auszudehnen. „Das hier ist der Damm. Vor hunderten Jahren war hier eine Eisenmine. Der Damm machte die Zeche erst bewirtschaftbar. In jüngerer Historie hatten wir hier eine der Schmieden für die Hexer. Ich weiß, dass dort noch einige Bücher liegen – die können wir inspizieren.“ Volmar nickte nach links, einen steinigen schmalen Weg entlang, der in eine schattige Kluft eines Bergausläufers führte.

Der Pfad führte schlängelnd an den scharfkantigen Flanken der Kluft vorbei, bis zu einem alten Stolleneingang. Die Hexer traten in die allumfassende Dunkelheit und ihre Katzenaugen weiteten sich. „Rechts entlang.“ Volmar schritt voran. Sie durchquerten zwei Abbiegungen und kamen an einem eingestürzten Schacht vorbei zu einer großen Höhle mit Stalagmiten und Stalaktiten. „Hey Volmar, wie kann man sich Stalagmiten und Stalaktiten merken? Mieten steigen – Titten hängen…“, plauderte Valerian. „Valerian… jetzt nicht bitte.“ Valerian räusperte und besann sich. Dieser Ort könnte genauso wie die Höhle der Kräuterprobe ein Platz unschöner Erinnerungen sein, und kein passender für Scherze. „Verzeih.“ Valerian nahm eine feine magische Schwingung wahr. Ihm fielen einige unförmige Steinklumpen am Boden auf. „Volmar schau: Ein Golem stand hier. Wenn du dich konzentrierst, nimmst du noch die Schwingungen des Konstruktes oder seines Befehlszaubers wahr…“ Der Wolf nickte. „Tatsächlich. Einer meiner Brüder erwähnte, dass hier bis vor kurzem einer noch wache gehalten hatte. Komm mal her Valerian.“ Sie gingen weiter durch die Höhle in einen zweiten großen Raum. Dieser war versehen mit einem großen Ofen in der Mitte, Schwertständern an der rechten Seite und Arbeitstischen an der linken, daneben noch einigen Regalen. Wenngleich einige Bücher in den Regalen standen, befand sich in diesen nichts, was für die Kräuterprobe relevant wäre – dort ging es hingegen mehr um Geheimnisse der Metallurgie und der Schmiedekunst. „Die nehme ich mit.“, sagte Volmar.

Sie verließen die Mine am Nachmittag und ritten weiter über den löchrigen Damm, zurück zur Hauptstraße. Diese passierte den Fluss an einer flachen Furt und gabelte sich dann kurz vor der Burg Kaer Morhen. Sie bogen links ab und ritten weiter den Weg entlang nordwärts, und durchquerten die Felsenschlucht zwischen der Hauptburg und einer Turmruine auf einem einsamen Felsvorsprung neben der Burganlage. Nachdem sie die Burgmauern über sich passierten, öffnete sich vor ihnen das Tal erneut und wurde breiter. Jetzt zeigte sich ein kleiner Blick durch weitere Talschlängelungen nordwärts auf den glänzenden See von Kaer Morhen. Sie hielten aber nicht weiter darauf zu, sondern ritten nordwestlich in das Hügelgebiet vor dem See einen schmalen Pfad entlang, vorbei an den abgebrannten Ruinen ehemaliger Holzbehausungen. Der Weg führte direkt in das Gebirge, mehrere hundert Meter steil bergauf. Mit jedem Schritt schloss sich die Schneedecke mehr um das aufstrebende Gras. Irgendwann führte die Serpentine auf einen Felsvorsprung, auf dem sich den Hexern eine Höhle auftat. „Wir sind da. Hier ist es… passiert.“ Sie stiegen von den Pferden ab, schritten durch den knarzenden Schnee und betraten schweigend die Höhle, die aus einem schlauchartigen Höhlengang voller Stalag… zapfen bestand. Das Echo ihrer Schritte war gewaltig – ‚so mussten auch die Schreie der Burschen gewesen sein‘ dachte Valerian sich dabei, aber sagte nichts. Die Höhle selbst öffnete sich nach kurzer Zeit etwas in ihrer Breite. Valerian machte an der linken und rechten Wand alte Fackeln in rostigen, eisernen Fassungen aus, und entzündete diese mit einer magischen ‚Igni‘-Geste. Der Fackelschein gab die Details der Höhle frei: An den Wänden zwischen den knorrigen Steinsäulen der Stalagmiten waren Höhlenmalereien, oder eher Skizzen mit weißer Farbe an der Wand. Hier war der Boden teilweise mit Pflastersteinen geebnet worden. In drei Ausbuchtungen der großen Höhle am Ende des Durchgangs, waren gitterartige Tische aus gebogenen Metallstreben platziert, einige Bücherregale, Tische, Urnen und Bottiche. Valerian und Volmar sahen sich schweigend um. Volmars Blick war auf einen der Metalltische geheftet. Es dauerte, bis er sich von dem Anblick und den üblen Gedanken daran losreißen konnte. Valerian hob ein Blatt vom Boden auf, eine herausgerissene Seite aus einem tabellarischen Register: „… Manfred von Verden, 8, Tod nach Verabreichen des zweiten Kräuterabsuds, Leberversagen. Gisbert von Daevon, 10, Tod nach Verabreichen von Aristida, multiples Organversagen…“ Valerian sparte es sich, den Rest vorzulesen. Ohne dass Volmar es kommentierte, spürte Valerian, dass es so besser sei. Er sah weitere Pergamente auf dem Boden liegen, sammelte wie bei einer Schnitzeljagd die Seiten ein und sortierte die gefundenen Ablaufberichte. Volmar trug eine kleine Urne in der Hand: „Hier. Nimm die mit. Man kann bis heute noch die Mutagenmatsche da drin riechen. Vielleicht hilft es euch ja bei der Entschlüsselung der Formel.“ Valerian sah alle Bücher, Hefte, Kataster und Berichte im Schein alter Fackeln durch. Bei jedem Werk schaute er Volmar mit einem fragenden Blick an, und dieser nickte zustimmend – dann stapelte Valerian die relevanten Dokumente geordnet auf einen Haufen in der Höhlenmitte, neben der Urne mit der stinkenden Mutagenpampe. Mehrere Stunden verlief das so. Sie fanden etliche Versuchsprotokolle, Beschreibungen von Autopsien an den ersten missglückten „Versuchsobjekten“, die Aufschlüsselungen von Versuchsreihen verschiedener erster Mischungen… aber niemals die finale Mixtur der Kräuterprobe, die die Wolfsschule zuletzt nutzte. Immerhin ließen sich einige Inhaltsstoffe und Reagenzien klar bestätigen, wie Germer, Haargerste, Nachtschatten oder Wolfsbann, oder einige Stoffe auch dementieren. „Saleha und Eiwa werden Luftsprünge machen. Ich denke, das wird ihre Forschung immens beschleunigen. Danke Volmar…“, sagte Valerian. Volmar grummelte in Zustimmung. Er inspizierte konzentriert die vermeintlichen Foltertische, diverse Kräuterstößelapparaturen, Bottiche für Kräutertees und, so wie Valerian auch, Bücher – viele Bücher. Plötzlich spürten die Hexer ein Zucken ihrer Medaillons, und die Stimme eines Kindes rief in schwachem Echo: „Ich fühle mich nicht gut Meister… macht mich los! Bitte!“ Die Hexer schwiegen eine Weile. Dann sagte Volmar „Bitte… lass uns hier fertig werden.“

Sie beschleunigten ihr Vorhaben und packten einige Dokumente ungelesen zu dem Stapel in der Höhlenmitte. Auch zwei weitere Urnen haben sich zu den Fundsachen dazugesellt. Alles wurde in mehrere kleine Transportbeutel aufgeteilt, und draußen den wartenden Brunhild und Vargheist an den Sattel geschnürt. Ihr Atem dampfte in der Kälte, denn die wärmende Sonne war längst untergegangen und das Mondlicht untermalte die gespenstische Stimmung des tragischen Ortes. „Es gibt in Kaer Morhen noch einige Bücher die relevant sein könnten… dort reiten wir nun hin, und natürlich, um dort die Nacht zu verbringen. Ich bitte dich, das Reden nach Möglichkeit mir zu überlassen. Und denk an unsere Abmachung: Kein Wort über unsere Unternehmung, Valerian… und alle Dokumente kommen nach dem Abschluss eurer Forschung wieder zu mir zurück.“ Der Alte nickte: „Ich schwöre.“ Sie sprangen auf die Pferde, welche freudig wieherten darob die windige Klippe verlassen zu dürfen und so ritten sie bei hellem Vollmond gemächlich Richtung Tal.

In der Talsohle angekommen ritten sie im langsamen Schritt die Serpentine hoch bis zur Zugbrücke, die über den Burggraben reichte. Vor den beiden erhob sich in der Nacht die Außenmauer und das Tor von Kaer Morhen, voller Löcher und Makel im Mauerwerk. Die Spuren des Angriffs auf die Burg vor etlichen Dekaden, waren immer noch im hellen Mondlicht gut zu sehen. „Komm schon!“, rief Volmar. Sie ritten durch das hohe, schlanke Burgtor durch eine zugige Vorhalle in den ersten Burghof. Valerian hielt inne: Die Burg war auch von dieser Perspektive aus in einem desolaten Zustand. Löcher im Mauerwerk, teilweise dilettantisch geflickt. Morsche Gerüste standen planlos herum und einsame Balken und Bretter verteilten sich über Wände und Böden. Wild wucherndes Unkraut aus jeder Ritze. Er wollte es gerade kommentieren, da hielt er sich doch mit seiner Äußerung zurück: Jemand, dessen Burg gerade erneut zerstört wurde und der gar kein Zuhause mehr besaß, hat sich kritische Kommentare zu der Wolfshexerresidenz zu verkneifen. Außerdem stand es um die Geldgeber der Wolfshexer bestimmt schlechter, als um die der Greifenschule. So hatten sie doch viel Ähnlichkeit miteinander, die Burg der Wölfe und die der Greifen: Beide angegriffen und verwüstet durch wütende Meuten.

Valerian löste sich von den Gedankenspielen. Sie sattelten ab, kümmerten sich um die Pferde und durchschritten die drei verwüsteten Burghöfe der Außenburg, bis sie vor einem großen Portal aus massiver Eiche standen, das in die Innenburg führte. Sie traten ein, und die Hexer rochen den einladenden Duft von Fichtenholzrauch und gekochtem Gulasch. Sie schritten durch die beiden Vorzimmer in die große Haupthalle. Während Valerian die hohen gotischen Deckenbögen und Fensterformen bestaunte, rief Volmar mit einem Echo: „Jemand Zuhause?“ „…Volmar?“ Von rechts hinten her, wo das Kaminfeuer loderte, stand ein Mann auf und kam den beiden Hexern entgegen: Er hatte glatte dunkle Haare und eine verheerende Narbe auf der rechten Wange. „Eskel! Es ist sehr schön dich zu sehen. Bist du alleine hier?“ „Nein. Die anderen schlafen schon, ich bin noch als einziger wach. Wer ist dein Begleiter?“ „Ich möchte dir jemanden vorstellen: Valerian. Er ist ein alter Hexer der Greifenschule.“ Valerian nickte Eskel freundlich zu. Dieser antwortete mit einem Lächeln: „Sehr erfreut, Valerian. Ich bin Eskel. Kaer Morhen hatte immer wieder in seiner Geschichte Angehörige anderer Schulen zu Gast. Sei also willkommen. Bist du ein Freund Volmars, bist du auch mein Freund… Wildgulasch?“

Im Laufe einer ausgiebigen Mahlzeit am Tisch vor dem Kaminfeuer, kamen die drei ins Gespräch. Erst tauschten sich Volmar und Eskel ausgiebig über deren letzte Reisen und Aktionen aus – abgesehen natürlich von dem tatsächlichen Vorhaben, das Volmar und Valerian hier verfolgten. Eskel hakte zum Glück nicht näher nach, weswegen genau die beiden „hier zufällig auf der Durchreise“ waren. Dann irgendwann, nach einer Zeit des respektvollen Zuhörens, klinkte sich der alte Hexer in das Gespräch ein: Valerian berichtete, dass er noch vor der Verwüstung der alten Greifenschule Kaer y Seren und vor dem großen Angriff auf Kaer Morhen einmal die Wolfsschule besuchte. Er war damals noch ein junger Grünschnabel, so erzählte er, und berichtete, wie er einige Bücher aus der berühmten Bibliothek Kaer y Serens nach Kaer Morhen zum Großmeister der Wölfe brachte. Die Drei unterhielten sich ausgelassen über diesen oder jenen Hexer, die sie kennen und kannten und schwelgten in amüsanten Erinnerungen an ihre Ausbildung oder die harte Schule des alltäglichen Hexerdaseins. Die Stimmung war gelockert, also traute sich Valerian: „Welches Vieh hat dir das verpasst?“ und deutete mit seinem Holzlöffel, von dem rote Gulaschsoße tropfte, auf Eskels rechte Gesichtshälfte. Der Narbengesichtige schwieg einen Moment, Volmar blickte betreten in seine Holzschüssel. „Das schlimmste Monster von allen, Valerian. Das Schicksal… Mein Kind der Überraschung hat mich damit überrascht. Ich möchte nicht darüber reden.“ Der Alte nickte verständnisvoll. Eskel wechselte das Thema: „Die Greifenschule… erzähl mir doch mal ein bisschen: Wo treibt ihr euch jetzt herum? Wie viele gibt es noch von euch? Und sag mal… kanntest du eigentlich Coën?“ Valerian hob die Augenbrauen: „Ja, natürlich. Aber was heißt ‚kanntest‘?“ Volmar und Eskel warfen sich einen eindeutigen Blick zu. Eskel berichtete sachlich: „Coën hielt es nicht so mit der üblichen politischen Neutralität der Hexer. Er kämpfte für die nördlichen Königreiche in Brenna. Die Schwarzen haben ihn niedergestreckt in der Schlacht…“ „Verdammt. Er war ein feiner Kerl. Doch wenigstens gehört er zu den wenigen Hexern, dessen Todesumstände seiner Zunft bekannt sind – ein seltenes Phänomen in unserem Berufsstand.“ Eskel sparte sich die pikante Geschichte, dass der Tod Coëns in diesen Hallen, in denen Sie Wildgulasch aßen, von einem Medium vorausgesagt wurde.

Wieder wurde das Thema gewechselt: Valerian ging auf Eskels weitere Fragen ein und erzählte von den vielen Schicksalsschlägen der Greifenschule, erst in den Drachenbergen bei Kaer y Seren, dann in den Amellbergen bei Haern Cadwch und schließlich von Kaer Iwhaell und seiner jüngeren Geschichte. Danach fiel Valerian in bedrückende Gedanken, und eine sorgenvolle Miene breitete sich auf seinem Gesicht aus. Volmar wusste Rat: „Mein lieber Valerian – ich glaube es wird Zeit für eine Fortsetzung unseres Lieblingstrinkspiels aus Ylos: ‚Ich Hexer hab‘ noch nie…‘…“ Eskel lachte laut auf: „Ich hol drei Flaschen weiße Möwe!“ Und so verbrachten die drei ungleichen Monsterjäger einen sagenhaften Abend mit drei Flaschen ungemein starkem, halluzinogenem Hexerschnaps und einem Trinkspiel, bei dem man dann trinken muss, wenn man auf die Frage des Gegenübers hin zu einer Monsterspezies in der Vergangenheit einen Hexerauftrag zu dem Monster versaut hat – und diese amüsanten Geschichten dazu wurden von den Dreien bei schallendem Gelächter in der Halle von Kaer Morhen vor dem Kaminfeuer erzählt, bis tief in die Nacht hinein.

Die strahlende Morgensonne traute sich endlich über die Bergspitzen der Blauen Berge und wärmte den Rücken von Volmar und Valerian und begann den Frost der alten Welt zu schmelzen. Mit gefüllten Taschen ritten sie schweigend und herb verkatert die Straße neben dem kalten Gwenllech entlang. Vargheist und Brunhild schnaubten, und Dampfschwaden verließen ihre Nüstern. Volmar brach die kopfschmerzbedingte Stille: „Sag mal Valerian… einen Platz weiß ich noch, der interessant sein könnte für unsere Reise. Die Wolfshexer hatten vor wenigen Jahren Bekanntschaft gemacht mit einer Bande namens Salamandra, die Wissen um die Kräuterprobe gestohlen haben soll vor einigen Jahren. Diese Geheimnisse wurden zwar weitestgehend von meinen Brüdern zurückerobert – doch existiert da angeblich bei Wyzima ein Labor oder Unterschlupf der Salamandra, dass wir noch inspizieren könnten… was meinst du?“ „Worauf warten wir? Wir werden nicht jünger. Reiten wir los, durch eisige Bergpässe, bevor du deinen jungen Stolz aufs Hexerdasein verlierst, lieber Volmar. Aber selbst, wenn es soweit ist, keine Sorge: Du gehörst jetzt zur Familie.“, Valerian gab seinem Rappen die Sporen und galoppierte voran. Volmar lachte kurz, dann schmunzelte er. „… möge unsere Welt unter einer neuen Sonne wiedergeboren werden.“ Sagte er bei sich und galoppierte dem alten Hexer hinterher. Er meinte noch das Kreischen einer Möwe zu hören, doch ist dies gewiss unmöglich bei der unendlichen Distanz zur Meeresküste.


Das letzte Gefecht um Kaer Iwhaell

Das letzte Gefecht um Kaer Iwhaell

Metagame

Von Peter

Kapitel 1 – Abschied

Greifenburg Kaer Iwhaell, Solonia, Winter 1279

Der Großmeister der Greifenhexer Valerian „Draugr“ von Novigrad stand in seinem grauen Morgenmantel mit einer Tasse heißen Kräutertee auf dem Balkon vor seinem Gemach und schaute hinunter zum verschneiten Innenhof der alten Burg Kaer Iwhaell. Vier seiner verbliebenen fünf Schüler waren gerade dabei, ihre morgendlichen Übungen im Innenhof zu absolvieren. Der ehemalige nilfgaarder Soldat Atheris lieferte sich gerade einen erbitterten Schwertkampf mit Viktor. Die Fähigkeiten der beiden hatte sich in den letzten Monaten erneut deutlich verbessert. Valerian nickte zufrieden und er wendete seine Aufmerksamkeit auf seine beiden jüngsten Schüler. Logan und Egon mussten härter als seine anderen Schüler an ihrer Physis arbeiten, um den Nachteil der fehlenden Kräuterprobe zumindest ein wenig ausgleichen zu können. Das Wissen um die Kräuterprobe, welche die Mutationen bei den Hexern erzeugte, war verloren gegangen. Valerian war strickt dagegen einen seiner Schüler ohne die verbesserten Fähigkeiten auf Monsterjagd zu entsenden, er musste einen Weg finden, das Wissen zurück zu erlangen. Er blickte zu seinem Gepäck, das vor seiner Kleidertruhe für die anstehende Expedition bereitstand. Auf dieser würde er auf die Suche nach dem verlorenen Wissen gehen. Außer den Hexern waren inzwischen viele Bewohner aus dem naheliegenden Dorf ‚Treuhall‘ damit beschäftigt, verschiedenste Kisten, Fässer und Truhen auf Ochsenkarren zu verladen. Gerade erst verließ ein vollbepackter Wagen die Tore in Richtung Hafen an der Elfenküste, um einen Teil der Bibliothek vor dem kommenden Untergang zu bewahren – zumindest was von der Bibliothek nach deren Diebstahl und der langsamen Restaurierung des Bücherbestandes übrig war. Valerians Blick richtete sich zum Himmel. Obwohl die Sonne bereits aufgegangen war, konnte er die Ursache der sich anbahnenden Katastrophe deutlich sehen: Der Mond am Firmament war vor vier Monaten in drei Teile zerbrochen, hatte seine Bahn verlassen und stürzte nun unaufhaltsam auf sie zu. Einige Gelehrte, die Valerian gut kannte, hatten geschätzt, dass im Winter nächsten Jahres der Himmelskörper einschlagen würde, wobei schon deutlich früher Umweltkatastrophen eintreten würden. Valerian hatte daraufhin die Evakuierung von Kaer Iwhaell befohlen und dafür die wenigen Goldreserven verwendet, die er auf die Schnelle zur Verfügung hatte. Sein Ziel war es, soviel Ausrüstung wie möglich zu retten. Die ‚Funkenflug‘, eine alte Handelskogge, die den Greifenhexern gehörte, lag an der Elfenküste vor Anker und wartete auf ihre wertvolle Ladung. Mit dem Schiff würden alle durch die geheime Nebelbank, die vor dem Kontinent Solonia lag und eine Art permanentes Portal bildete, dessen Ursprung Valerian nicht kannte, in die ‚alte Welt‘ gelangen. Einige Minuten verharrte der alte Mann in seiner Beobachterrolle und rief dann laut in den Hof hinunter: „Versammlung in fünfzehn Augenblicken!“ Er drehte sich um und schritt in das Innere der Räumlichkeiten. Viele von seinen persönlichen Sachen waren bereits verladen worden, wodurch der Raum kalt und ungemütlich wirkte. Erneut musste er also ein ihm lieb gewonnenes Heim aufgeben. In seinem, mit vielen Fellen ausgestatteten Bett, lag noch eine blonde Elfe, die ihn halb verschlafen zulächelte, während er sich anzog. Nella würde ihn auf der anstehenden Reise nicht begleiten und dieser Umstand machte ihn, obwohl er doch ein vermeintlich gefühlsloser Hexer war, sehr traurig. Valerian verließ sein Quartier, lief den langen Gang des Wohntraktes entlang, blickte in die leer geräumten Zimmer und gelangte über eine lange gewundene Treppe hinunter. Wenig später waren alle Bewohner von Kaer Iwhaell in der gemütlichen Halle des Marstalls versammelt. Neben den Greifenhexern waren noch die blonde Elfenmagierin Nella, der Händler und Dienstleister Heskor, sowie der Wolfshexer Volmar von Brugge mit seiner Begleiterin Charlotte anwesend. Valerian war ein Führer wider Willen und mochte keine großen Reden halten, deswegen fasste er sich wie immer kurz und knapp: „Die Vorbereitungen zur Evakuierung laufen seit Wochen und sind fast beendet. Die wichtigsten bürokratischen Angelegenheiten hier sind ebenfalls geklärt. Volmar, Charlotte und ich werden heute Mittag bereits abreisen. Ich habe Volmar versprochen, ihn auf der Suche in Kaer Morhen nach essenziellem Wissen für die Zukunft unserer Schule zu unterstützen. Hoffentlich gelingt es mir, das benötigte Wissen bezüglich der Kräuterprobe zu erlangen, an der Saleha und Eiwa so emsig mit uns forschen… wir werden sehen.“ Valerian machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr „Atheris, ich bitte dich die Evakuierung von Kaer Iwhaell wie besprochen zu Ende zu führen. Wir sehen uns dann im Frühjahr in der Leuenmark, bei der Fischzuchtanlage von Alastriona wieder. Noch Fragen?“ Valerian blickte in die Runde und Atheris zeigte ihm mit einem Nicken, dass er verstanden hatte. Der Großmeister der Greifenhexer wartete bis alle den Raum verlassen hatten, um ihren Aufgaben wieder nachzugehen und rief dann nochmal seinen ältesten Schüler zurück. „Atheris, noch eine Sache! Eigentlich war geplant, das Artefakt nun in Bruenors Koschbasalttruhe zu lagern… ich hab mich umentschieden. Du hast bisher gute Arbeit geleistet und die Maske stets in sicherer Bewegung gehalten. Hier – nimm sie erneut an dich“ er drückte dem großen Hexer eine versiegelte, kompakte Truhe in die Hand und fuhr fort, „ich vertraue dir das Artefakt an, erneut. Du kennst die Gefahr und die Macht, die damit verbunden ist, also bleibe nach der Abreise immer in Bewegung, halte dich von Ärger fern und wir treffen uns in einigen Wochen am verabredeten Treffpunkt wieder!“, Valerian packte seinen Schüler noch einmal kräftig an dessen breiten Schultern, schaute ihm tief in die katzenhaften Augen und wendete sich dann ab. Er schritt aus dem Marstall, und traf im Flur den wartenden Volmar – der ihm verstehend zunickte: Sie gingen zusammen in Valerians Studierzimmer: es gab noch einiges vor der Reise mit dem Wolfshexer unter vier Augen zu besprechen.

Am späten Nachmittag war der Moment des Abschiedes gekommen. Während Volmar und Charlotte bereits auf ihren Pferden saßen, befestigte Valerian noch seinen Schlafsack hinten am Sattel. Die restlichen Bewohner der Schule hatten sich am Tor versammelt und unterhielten sich angeregt miteinander. Nachdem der alte Hexer auch seine Schwerter verstaut hatte, schwang er sich auf seine Schimmelstute ‚Brunhild‘, nickte nochmal allen zu und gab dann seinem Tier die Sporen. Die drei Gefährten ritten durch das offene Tor, folgten der geraden, bergab verlaufenden Straße durch das Dorf und erreichten nach einigen hundert Metern das offene Feld.

Atheris stand noch einige Zeit mit Logan auf der Burgmauer und beobachtete die Abreise seines Meisters. Als die drei Reiter am Horizont verschwunden waren, drehte er sich zu seinem Freund um und sagte mit einem Lächeln im Gesicht: „Scheint als ob wir die Ehre haben, als letzte die Lichter auszumachen. Komm, es gibt noch einiges zu erledigen, bevor wir uns ebenfalls zum Hafen aufmachen!“ Der jüngere Hexer schüttelte seinen blonden Schopf und folgte seinem Freund in den Hof, in dem die anderen Schüler bereits warteten.

Bildquelle: Die beste Tamira aller Zeiten

Die Wintersonne war hinter der alten Burg untergegangen, die letzten Dorfbewohner stellten ihre Arbeit für den Tag ein und die verbliebenen Bewohner von Kaer Iwhaell hatten sich im umgebauten Marstall versammelt. Diese Halle war in den letzten Jahren maßgeblich das Zentrum der Burg gewesen. Vorlesungen, Festmahle, Trainingshalle und so manch einen feuchtfröhlichen Abend hatten die Hexer in den letzten Jahren hier erlebt. Nun wirkte die Halle kahl, die Einrichtung war bereits auf die Ochsenkarren verladen worden und nur der letzte Eichentisch mit zwei langen Bänken stand noch an seinem angestammten Platz. Die Tischplatte war alt und erzählte durch ihre Flecken und Gravuren so manch eine unterhaltsame Geschichte. Da waren zum einen eine fast schon künstlerische Gravur, welches die Wappen der größeren nördlichen Königreiche in einem Quadrat darstellte, welches von der großen flammenden Sonne Nilfgaards umgeben wurde. Böse Zungen behaupteten es sei der nilfgaardische Hexer Atheris gewesen, der dieses Meisterwerk in den Stammtisch geschnitzt hatte, doch dieser widersprach selbst nach dem siebten Schnaps noch und leugnete, dass er für dieses Werk verantwortlich war. Logan hatte eine seiner Eroberungen künstlerisch auf der Platte verewigt und zuletzt gab es noch einen großen roten Fleck, der tief in die Poren des Holzes eingedrungen war und trotz mehrmaligen Schrubbens nicht mehr zu entfernen ging. Diesen legendären Fleck hatte Großmeister Valerian persönlich verursacht und wurde nur liebevoll von seinen Schülern als ‚Pax Valerian‘ bezeichnet. An ihrem letzten Abend, saßen nun die verbliebenen Greifen an ihrem Lieblingstisch und feierten ein letztes Mal. Atheris hatte den Abschied von Kaer Iwhaell als Anlass genommen, seine letzte Flasche ‚Est Est‘ zu öffnen und jedem seiner Freunde einen Schluck des besten und erlesensten Weines aus seiner Heimat Toussaint zu spendieren. Nach dem alle Kelche gefüllt waren, erhob sich Atheris und begann zu sprechen: „Meine Freunde, wenn ich mich in unserer erlauchten Runde umschaue, stelle ich fest, dass wir alle verschiedene Vaterländer haben. Der Begriff Vaterland fühlt sich männlich an. Vaterland kann blutrünstig sein. Vaterland ist gerade in Redanien und Temerien –aber nicht nur dort – auch ein missbrauchter Begriff. Für das Vaterland wurden schreckliche Kriege begonnen. Ich selber habe drei dieser Kriege jahrelang erlebt und bin zu der Erkenntnis gelangt, dass ich mir wünsche, dass es in jedem Staat Männer geben möge, die über die Vorurteile der Völkerschaft hinwegsehen könnten, und genau wüssten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört. Vor nunmehr fünf Jahren begegnete ich bei einem Sommerfeldzug per Zufall unseren Großmeister Valerian und auch, wenn es noch einige Zeit dauerte, fand ich hier bei den Greifen eine neue Familie, eine neue Heimat.“ Atheris machte eine rhetorische Pause und blickte seinen Freunden einzeln in die Gesichter bevor er fortfuhr. „Heimat! Heimat fühlt sich weiblich an. Heimat bietet Schutz, wie der Schoß einer Mutter. Heimat ist ein Ort der Geborgenheit, der freien Entfaltung, ein Ort der Liebe. Heimat kommt von ‚Heim‘, von Haus. In diesen Tagen starren die Bewohner Solonias genauso wie wir aus unseren Häusern gen Himmel und betrachten den Mond, wie dieser unsere Welt zu zerstören droht. Wir haben die Wahl, erneut gegen die unbesiegbar erscheinenden Lichtelfen ein letztes Mal ins Gefecht zu ziehen oder die Flucht. Pest oder Cholera. So oder so, wir verlieren alle unsere Heimat Kaer Iwhaell. Aber ich frage euch, was macht Kaer Iwhaell aus? Die alten Mauern? Diese Halle hier? Der Tisch an dem wir sitzen? Nein! Meister Valerian hat es bereits vor zwei Jahren bei der Belagerung durch die Redanier richtig erkannt: Wir sind Kaer Iwhaell, wir sind die Greifen und unsere Heimat ist da, wo wir sind! Also lasst uns an diesem letzten Abend kein Trübsal blasen, denn wir schlagen Morgen ein neues Kapitel in der Geschichte der Greifenschule auf! Deswegen lasst uns nicht auf unsere Vaterländer anstoßen, sondern auf unsere Heimat! Auf uns!“ Atheris erhob den Kelch und die anderen Greifen standen von ihren Plätzen auf und erwiderten die letzten Worte unisono. Es sah so aus, als ob es ein feuchtfröhlicher Abend werden würde. Während sich die Hexer eine interessante Geschichte von Logan über eine seiner Eroberungen anhörten, bemerkte Heskor, dass die Elfenmagierin Nella gedankenversunken auf Valerians freien Platz starrte. Der alte Haudegen nahm seinen Kelch und setzte sich zu ihr „Alles in Ordnung meine Liebe?“ fragte er. Sie blickte Heskor an und antwortete mit einem Lächeln: „Ich musste gerade an die letzten Jahre hier auf Kaer Iwhaell denken. Die Zeiten hier waren nie einfach gewesen, aber wir haben viele Freunde kennen gelernt und auch Gutes bewirkt. Nun geht unsere Zeit hier zu Ende, wir haben unser Heim so gut wie geräumt und viele Gefährten der letzten Jahre haben uns inzwischen verlassen, um eigene neue Wege zu gehen. Valerian ist zu seiner Expedition aufgebrochen, Raaga wird irgendwo in Skellige unterwegs sein und auch wir machen uns demnächst auf den Weg in die Leuenmark. Das ist wirklich das Ende eines Kapitels!“ Heskor trank einen Schluck und betrachtete den Honigwein in seinem Kelch, bevor er ebenfalls anfing zu philosophieren „und gleichzeitig der Anfang einer neuen Geschichte. Ich sehe es wie Valerian und Atheris: Wir sind eine Familie und egal an welchem Ort wir uns befinden, die Wege führen uns wieder zusammen. Diese alte Burg hat ihren Zweck als Heimat und Schule erfüllt und ich für meinen Teil freue mich auf die Leuenmark. Wir haben viele sehr gute Freund dort und ich bin überzeugt davon, dass wir dort die Schule wiederaufbauen werden!“ „Ja, ich freue mich auch auf das Neue, aber es fühlt sich schon so an, als wenn wir die Menschen hier in Solonia im Stich lassen…“ fuhr die Elfe fort. Der Unternehmer Heskor hob die Schultern und erwiderte pragmatisch wie er war: „Fast göttliche Wesen, die den Mond zerbrechen lassen können… Zeitblasen und deren Explosionen, von denen ich nichts verstehe und vieles mehr…“ er schwieg einen Moment „Nein, ich sehe wirklich nicht, wie wir hier noch von Hilfe sein können! Das Unheil zu verhindern haben wir die letzten drei Jahre versucht, und die Situation ist nach jedem unternommenen Schachzug schlimmer geworden. Dass wir alle noch am Leben sind, grenzt an ein Wunder!“ Nella war mit ihren magischen Fähigkeiten eine der Wenigen gewesen, die beim letzten Feldzug noch etwas bewirken konnte, aber auch sie gestand sich ein, dass sie hier und jetzt nicht mehr viel ausrichten konnte. Gerade als die Magierin wieder ihr Wort erheben wollte, wurde die Tür zur großen Halle aufgerissen und ein völlig entkräfteter Raaga stürzte hindurch. Geistesgegenwärtig sprangen Viktor und Atheris von der Bank auf und stürmten die zehn Meter bis zur Tür und schafften es gerade noch ihn aufzufangen, bevor er den Boden unfreiwillig küsste. Während die beiden älteren Hexer ihren Freund stützend zum Tisch führten, hatte Egon einen frischen Humpen Met besorgt, den der Skelliger dankend in einem einzigen großen Zug leerte. Nella war inzwischen hinter den erschöpften Hexer getreten und begann leise einen magischen Spruch zu skandieren, woraufhin ihre Handflächen ein leicht rötliches Licht abstrahlten. Sie legte die Hände an Raagas Schläfen und der Neuankömmling seufzte angenehm auf. Nachdem Nella mit ihrem Wirken geendet hatte, schien der Patient wieder soweit bei Kräften zu sein, dass er anfing zu berichten „Freunde, wir haben ein ernsthaftes Problem.“

Kapitel 2 – Unerwartete Wege

Ein Tag früher am Rande der Schwertau, Solonia

Die Wintersonne war inzwischen seit einer ganzen Weile untergegangen und der Wind fegte hörbar um die Taverne, in der sich Raaga für die Nacht niedergelassen hatte. Er saß alleine in einer Ecke des geräumigen Schankraums, hatte die Füße auf einen zweiten Stuhl hochgelegt und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Humpen. „Hmmmm… was für ein beschissenes Gesöff verkaufen die denn hier als Met!“ grummelte er und nahm zur Sicherheit noch einen großen Schluck hinterher, man konnte sich schließlich auch mal irren. Im Schankraum herrschte ein reges Treiben. Er kannte das aus seiner Heimat, den Skellige-Inseln. Besonders wenn die Winter lange und kalt waren, zog es die Bewohner in die Schenken, um die Wärme und Geselligkeit der Gemeinschaft zu suchen. Eigentlich wollte er schon seit Wochen in seiner alten Heimat sein, um einigen privaten Angelegenheiten nachzugehen, aber es kam anders als erwartet. Ein lukrativer Auftrag hatte ihn in der Schwert-Au gehalten und es war ihm erst heute Morgen gelungen, dem Biest ein Ende zu bereiten. Es war sein bisher härtester Kampf gewesen. Das Ungeheuer hatte sich mit allem gewehrt, was es aufzubieten hatte, aber letztendlich hatte seine scharfe Silberaxt sein Ziel gefunden und es erledigt. Nun lag seine Trophäe neben ihm in der Ecke und morgen früh würde er für sie eine stattliche Summe Gold erhalten. Sein Blick wanderte zum stinkenden, triefenden Bündel, bei dem man, mit ein wenig Fantasie, die Umrisse des Basiliskenkopfes darin erahnen konnte. Raaga richtete seine Aufmerksamkeit zurück auf die Leute im Schankraum. Die Stimmung im Raum war bedrückend, die Welt Solonia mit ihrem gespaltenen Mond war dem Untergang geweiht und die Bewohner wussten es. Zwei Bauern, die sich einige Tische entfernt unterhielten, erregten sein Interesse. Die beiden schienen ihn immer wieder zu beobachten und sich über ihn zu unterhalten. Offensichtlich hatten die beiden zwar was von Hexern gehört, aber nichts von ihren guten Sinnen und somit ahnten sie nicht, dass er die beiden teilweise verstehen konnte. „…sie lagern hier ganz in der Nähe! Wir sollten uns anschließen!“ sagte der schwarzhaarige Jüngling mit dem Lockenkopf. „Sie versprechen einen Ausweg! Einen Weg unser aller Leben zu retten! Lass es uns tun!“ erwiderte der Zweite. Die beiden tranken sich noch etwas Mut an und verließen die Taverne. Raaga zögerte einen Moment „Verdammt, was mach ich hier eigentlich!“ fluchte er, schnappte sich seine Sachen, schnippte eine kullernde Silbermünze auf den Tisch und folgte den beiden in die Nacht hinaus.

Er sah wie die beiden über den schneebedeckten Marktplatz des kleinen Dorfes schlenderten, dann in eine Seitengasse abbogen und schließlich die Dorfgrenze überschritten. Ihr Weg führte sie durch ein kleines Wäldchen, über eine Brücke, die über den teilweise zugefrorenen Fluss ragte, hinaus auf die Felder. Raaga war der beste Spurenleser der Greifenhexer und so fiel es im leicht, den beiden mit genügend Abstand und ungesehen durch die Nacht zu folgen. Nach einer Weile sah der Hexer einen breiten Lichtschein hinter einer Anhöhe und als er sich weiter näherte, hörte er tosenden Krach und lautes Stimmengewirr aus der Ferne. „Das müssen ja hunderte sein!“ dachte er sich und schlich von nun an sehr vorsichtig weiter. Er sah, wie die beiden Verfolgten über einen schmalen Pfad die Anhöhe erklommen und aus seinem Sichtfeld verschwanden. Der Skelliger bog vom Pfad ab und kämpfte sich leise durch die dicht bewachsene Böschung nach oben. Die Böschung gab aufgrund des Winters nur bedingt Sichtschutz, aber Raaga rechnete auch nicht mit besonders aufmerksamen Wachen. Schließlich fand er eine geeignete Stelle, die genügend Schutz bot, den Rand der Anhöhe zu observieren. Von seinem kleinen Versteck aus erblickte er ein riesiges Heerlager – wobei ‚Heerlager‘ der falsche Ausdruck war, verbesserte Raaga seinen eigenen Gedankengang. Für ein Militärlager herrschte hier zu viel Chaos, lediglich im Zentrum konnte der Hexer eine gewisse Grundordnung erkennen. Seine Sinne hatten ihn nicht getäuscht: Grob überschlagen sah er an die hundert Zelte und ein Vielfaches an Menschen. In der Mitte des Lagers war ein größerer freier Platz, in dessen Mitte ein großes Lagerfeuer brannte. Hier auf dem zentralen Platz hatte sich ein Großteil der Menschen versammelt; sie trugen lange weiße Roben, die mit einem zerbrochenen roten Vollmond bemalt waren. Auf dem Kopf trugen sie ebenfalls weiße Gugeln, die so tief ins Gesicht gezogen waren, dass man ihre Gesichter nicht erkennen konnte, bei einigen sah es danach aus, dass sie extra Sehschlitze in den Stoff geschnitten hatten. Auf einem Podest stand ein Mann in roter Robe und einem langen rötlichen Vollbart. Er wirkte in Verbindung mit dem flackernden Lichtschein des Lagerfeuers sehr bedrohlich. Dieser Bärtige sprach im lauten, hetzerischen Tonfall zu seinen Anhängern:“… seitdem der unselige, verstorbene König Gernot diesen Bastarden ein Lehen überlassen hat, haben die Probleme in Solonia erst begonnen! Untote Drachen, Dämonenbeschwörungen, adoptierte, betrunkene Trolle, die wahllose Züchtung tollwütiger Wildtiere, ausländische Besatzungsarmeen und Lichtelfen! Selbst die Orks befinden sich auf der Flucht! Der Ursprung allen Übels liegt nicht mehr weit von hier! Ich sage euch meine Brüder! Lasst uns zu ihrer Burg ziehen und sie ein für alle Male ausrotten! Die Götter werden uns ob dieses Dienstes gnädig sein und unsere Welt verschonen!“ die Vorwürfe gingen noch weiter und Raaga musste immer wieder verwundert den Kopfschütteln. Er war dabei gewesen, als die Greifenhexer zum ersten Mal nach Solonia gekommen waren und er hatte die meisten Ereignisse, die nun gegen die Hexer gerichtet wurden, selbst miterlebt. Die Greifen waren während der ganzen Krisen in den letzten Jahren immer an vorderster Frontlinie gestanden und hatten viel bluten müssen, um die Bewohner der Welt zu schützen und nun wurde von diesem Blender alles gegen sie verwendet. Raaga kochte innerlich vor Wut, aber er schaffte seine Emotionen unter Kontrolle zu halten und hörte der Brandrede weiter zu „… Alle neuen Brüder, die sich uns heute angeschlossen haben: Bewaffnet euch, wir ziehen morgen weiter!“ Der Fanatiker sprach noch ein paar weitere Plattitüden, bevor er das Zentrum des Lagers unter tosendem Applaus und lautem Geschrei verließ. Er lief einmal um das Feuer, ließ sich ausgiebig feiern und zog sich schließlich mit einigen Männern und Frauen in ein großes Zelt zurückzog, vor dem zwei Wachen standen. „Die haben sie doch nicht mehr alle!“ grummelte Raaga geschockt, nachdem er die Worte vernommen hatte. Er lag noch eine ganze Weile in seinem Versteck und versuchte, so viele Informationen wie möglich zu sammeln, die für die Greifen relevant werden könnten: Mannstärke, Bewaffnung, Belagerungsgerät, Vorräte und vieles mehr. Unerwartet tat sich ihm auf einmal eine günstige Gelegenheit auf, als einer der Fanatiker sich seiner Position näherte, um auszutreten. Als der Mann seine Hose öffnete, schlich sich der Hexer in einem kurzen Bogen hinter ihn und setzte ihm sein gezücktes Jagdmesser an den Hals. „Da habe ich dich wohl mit runtergelassenen Hosen erwischt! Ist dir etwa kalt? Scheint heute nicht mehr dein Tag zu werden!“ flüsterte Raaga dem Fanatiker ins Ohr. Mit einem kräftigen Schlag auf den Hinterkopf schickte er diesen ins Land der Träume. Raaga fesselte den Bewusstlosen und versteckte ihn. Der Hexer betrachtete das Gesicht des jungen Mannes, er war keine zwanzig Jahre alt, seine Mine wirkte friedlich. „Verdammter Fanatismus!“ fluchte Raaga, und packte den Mann in seinen Schlafsack, damit dieser nicht über Nacht erfrieren würde. Wenig später marschierte der Hexer durch das Lager, die erbeutete Gugel hatte er tief ins Gesicht gezogen und die weiße Robe verdeckte sein Stahlschwert, das er vor sich auf den Bauch gebunden hatte. Nicht, dass Raaga damit rechnete aufgrund seiner markanten Gesichtszüge oder seines blonden Bartes erkannt zu werden, aber wegen seiner katzenartigen Augen. Mit seiner langen Axt in der Hand wanderte er langsam durch das Lager, blieb bei manchen Grüppchen stehen und lauschte den Gesprächen. Es gab so viel Hass unter ihnen und alles fokussierte sich auf Kaer Iwhaell und die dort lebenden Hexer. Endlich stand er vor seinem eigentlichen Ziel, dem großen Zelt im Zentrum des Lagers, in dem der vermeintliche Anführer verschwunden war. Vor dem Eingang standen immer noch zwei Wachen. Er schlenderte unauffällig zum Eingang und stellte sich neben eine der Wachen und wirkte das ‚Axii‘-Zeichen. Mit diesem Zauber beeinflusste er den Verstand des Wachmanns, bevor Raaga ihm mit freundschaftlichen Tonfall begrüßte: „Hol dir ein Bier, mein Bruder. Ich werde solange für dich hier die Stellung halten!“ Mit einem wohlwollenden Nicken schritt der Fanatiker davon, auf der Jagd nach etwas ‚Gutem‘ zu Trinken. Als Raaga an die nun freigewordene Stelle trat, musterte der zweite Mann vor dem Zelt den Neuankömmling. Zum Glück trug der Hexer nicht wie die meisten seiner Gefährten zwei ikonische Schwerter auf dem Rücken, sondern bevorzugte seine Silberaxt zusätzlich zu dem Stahlschwert. „Schönes Stück trägst du da bei dir, mein Bruder!“ sprach der Fanatiker nach einem kurzen Moment und zeigte auf die Axt. „Danke, … Bruder. Ich kann es kaum erwarten, das gute Stück in die Köpfe der Bastarde zu versenken!“ antwortete Raaga, spuckte auf den Boden und versuchte dabei so angewidert wie möglich zu klingen. In seiner neuen Position stand er lange Zeit ruhig vor dem Zelt und richtete seine Aufmerksamkeit auf das, was er vom Inneren des Zeltes vernahm. Viel konnte er trotz seiner guten Sinne nicht vernehmen, aber er hörte immer wieder die Worte ‚Isador‘, ‚Maske‘ und ‚unvorstellbare Macht‘. Bei den Worten verzog Raaga das Gesicht, er hasste den bösartigen Magier Isador und viel schlimmer war, dass diese Fanatiker oder zumindest ihre Führung von dem Artefakt wussten, das sich seit einigen Wochen in der Verwahrung der Greifenhexer befand. Er musste so schnell wie möglich zu Valerian gelangen und seinen Ziehvater vor der Bedrohung warnen. Endlich kehrte der Wachmann von seinen ein, zwei oder vielleicht auch drei Getränken zurück. Als er an Raagas Seite trat, konnte dieser eine deutliche Alkoholfahne wahrnehmen. Der Hexer nickte dem Mann kurz zu und schlenderte ruhig und lässigen Schrittes aus dem Lager. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte er endlich den Rand des Lagers, seine Schritte beschleunigten immer mehr und als er sich sicher war, dass er außer Sicht war, warf er die Gugel und die Robe hinter einen Busch und begann zu rennen.

Als die Wintersonne über der Schwert-Au aufging und die verschneite Welt in einen Winterzauber verwandelte, entdeckten zwei Fanatiker beim morgendlichen Austreten einen ihrer Brüder. Er lag bewusstlos, und gut in einen Schlafsack verpackt, in einem Gebüsch. Aus dem neben ihm stehenden, blutigen Sack kam ihnen ein übelriechender Gestank entgegen und mit etwas Fantasie, konnte man die Umrisse eines Basiliskenkopfes erahnen.

Kapitel 3 – Es beginnt

Wieder in der Gegenwart, Greifenburg Kaer Iwhaell, Solonia Raaga rang nach Luft, außer Atem nach seinem Dauerlauf zur Burg: „Ich bin vor einem Tag auf eine Gruppe von Fanatikern gestoßen und sie haben nur ein Ziel – uns!“ „Var’oom? Ich meine ‚warum‘?“ fragte Atheris, dessen Laune sich schlagartig verdüstert hatte. „Sie geben uns die Schuld an den Ereignissen in den letzten Jahren! Mit unserem Eintreffen hat der Niedergang Solonias begonnen und sie verbreiten die Ansicht, dass, wenn sie uns auslöschen, die Götter das Unheil abwenden werden!“ „Je extremer die Situation, desto leichter lassen sich die Menschen durch so einen Blödsinn beeinflussen!“ schimpfte der sonst stille Viktor. „Was machen wir jetzt?“ fragte Logan. „Wir sollten einen Boten Valerian hinterhersenden, er sollte unterrichtet werden! Raaga, wieviel Zeit bleibt uns schätzungsweise noch, bevor die Fanatiker hier eintreffen?“ fragte Atheris. Raaga überlegte einen kurzen Moment und schätze, dass eine entsendete Vorhut aus Reitern innerhalb weniger Stunden eintreffen könnte. Nach einer kurzen, aber intensiven Diskussion über ihre Lage, waren sich die Hexer einig, dass eine sofortige Evakuierung der Burg die einzige sinnvolle Lösung war. Egon und Logan liefen daraufhin los und trommelten die Dorfbewohner erneut zusammen. Sie mussten über die Gefahr informiert werden. Nathan, einer der beiden Stallburschen wurde Valerian hinterhergeschickt und die Hexer begannen noch in der Nacht mit dem finalen Auszug aus Kaer Iwhaell.

Die ganze Nacht über herrschte reges Treiben in der Burg. Vier vollbeladene Ochsenkarren verließen im Morgengrauen die Burg, drei weitere standen noch im Innenhof und wurden in Eile beladen. Atheris hatte seinen schwarzen Hengst Ker’zaer bereits fertig gesattelt und prüfte den Sitz der Satteltaschen. Logan und Egon waren noch im Hauptgebäude und liefen ein letztes Mal die Räumlichkeiten ab, um zu prüfen, ob etwas Wichtiges vergessen worden war. Die Magierin Nella instruierte gerade noch zwei kräftige Kerle, die dabei waren, eine schwere Kiste aus Valerians Labor auf einen der Wagen zu hieven. Die verpackten Gläser darin klimperten und klirrten aufgeregt. Heskor verstaute den letzten Rest seiner Handelswaren auf dem zweiten Wagen und Viktor stand seit Stunden oben auf dem alten Bergfried von Kaer Iwhaell und hielt Ausschau nach den Fanatikern. Lediglich Raaga hatte sich für einige Stunden zum Schlafen hingelegt. Es war eine heftige Diskussion gewesen, da er sich störrisch geweigert hatte sich auszuruhen. Letztlich war es Nella, die es geschafft hatte, ihn zur Vernunft zu bringen. Es würde nicht mehr lange dauern und sie würden sich auf den Weg zum großen Hafen in der Elfen-Au machen, um diese Welt für immer zu verlassen. Es war Viktors lauter Schrei, der sie alle aufschrecken ließ

„Sichtung! Eine Gruppe von fünfzehn Reitern kommt auf uns zu!“ Die anderen Hexer rannten zur Burgmauer neben dem Haupttor und mussten mit ansehen, wie die Reiter über die vier Ochsenkarren herfielen, die vor wenigen Augenblicken Kaer Iwhaell verlassen hatten. Die Fahrer wurden brutal massakriert und die wertvolle Ladung in Brand gesteckt. Einige Dorfbewohner, die nichts mit der Evakuierung der Burg zu tun hatten, kamen schreiend aus ihren Häusern gerannt und liefen auf das noch offene Burgtor zu, um sich in die vermeintliche Sicherheit der Mauern zu bringen. „Nein! Diese verdammten Bastarde!“ schrie Logan und zog in einer fließenden Bewegung sein Schwert. Atheris war inzwischen in den Innenhof gesprungen, schwang sich gekonnt auf sein Streitross und preschte im gestreckten Galopp durch das offene Burgtor. Mit gezogenen Stahlschwert ritt er die enge gepflasterte Straße hinunter, vorbei an den flüchtenden Bewohnern und erreichte nur wenige Augenblicke vor den Angreifern die Dorfgrenze. Dort zügelte der nilfgaarder Hexer sein Pferd und wartete. Die Fanatiker verlangsamten ihr Tempo und versuchten die neue Situation einzuschätzen. Einen Moment betrachtete die Gruppe den in schwarz-gold gerüsteten Reiter, der sich ihnen in den Weg gestellt hatte. Die goldene Sonne des Kaiserreichs Nilfgaard, die auf seiner Rüstung angebracht war, strahlte passend in der nun aufgegangenen Morgensonne und die scharfe Stahlklinge in seiner Hand erschien wie ein Versprechen Atheris‘. Nach einer kurzen Absprache lösten sich vier Reiter aus der Gruppe der Fanatiker und bildeten eine lose Formation. Atheris beobachtete ruhig, wie sich die Vier im schnellen Galopp auf ihn zubewegten. Seine langjährige Erfahrung in der kaiserlichen Armee ließ ihn erkennen, dass diese Reiter keine erfahrenen Kavalleristen waren. Im Galopp standen drei von ihnen in ihren Steigbügeln und nur einer von ihnen war in der Lage, den Schwung seines Pferdes im Sattel auszusitzen. Ihre Zügel hielten sie krampfhaft in der einen Hand, während sie in der anderen ihre gezogene Waffe schwangen. Ein kampferprobter Reiter musste in der Lage sein, bei hoher Geschwindigkeit sicher im Sattel zu sitzen und die Besten von ihnen steuerten ihr Pferde im Kampf nicht mit den Zügeln, sondern mit dem Druck ihrer Unterschenkel, zu leicht konnte es in der Schlacht passieren, dass man durch wildes Gezerre an den Zügeln die Kontrolle über das Reittier verlor und im schlimmsten Fall abgeworfen wurde. Atheris ließ seinen schwarzen Hengst steigen und wild mit den Vorderhufen auskeilen, bevor er mit einem lauten „Se’ege na tuvean!“ seinem Ross die Sporen gab und frontal auf die gegnerische Formation losstürmte.

Sein einfaches Einschüchterungsmanöver zeigte Wirkung, die Fanatiker zögerten für einen Moment und waren sich ihrer selber nicht mehr so sicher. Atheris nutzte ihr zögerliches Verhalten und brach zwischen den beiden mittleren Reitern durch die Formation. Mit einem sauberen Mittelhau durchtrennte er dem Reiter rechts von ihm die Kehle und da die Formation alles andere als sauber geritten war, hatte er sogar noch die Zeit den Schwung seines Streiches in einen Stich über seine linke Schulter enden zu lassen und damit den Fanatiker links von ihm in dessen Blöße zu treffen. Beide Gegner landeten tödlich getroffen auf dem Boden. Atheris ließ Ker’zaer eine Wendung um die Hinterhand aus dem vollen Galopp vollführen und in die gegenläufige Richtung wieder angaloppieren. Durch dieses Wendemanöver brachte sich der Hexer hinter die beiden verbliebenen Angreifer und setzte ihnen nach. Die beiden Fanatiker waren einen weiten Bogen geritten, um ihn erneut zu stellen. Das kostete Zeit und durch die Kehrtwende konnte sich Atheris sein nächstes Ziel in aller Ruhe aussuchen. Für Ker’zaer, das edle Streitross aus Toussaint, war es ein leichtes die beiden anderen Tiere einzuholen und obwohl die Verfolgten mit Hacken versuchten den Hexer loszuwerden, schafften sie es nicht. „Nicht mal einfache Galoppwechsel haben diese Anfänger drauf“, dachte sich Atheris und setzt sich von hinten zwischen die beiden Fanatiker und mit einem präzisen Stich von hinten holte er den Rechten der beiden aus dem Sattel. Der Linke versuchte mit einem Rückhandschlag den Hexer zu treffen, der band aber den Hau mit seinem Parier, ergriff dessen Handgelenk und zog ihn mit einem kräftigen Ruck vom Pferderücken. Mit einem hörbaren Knacken landete dieser auf dem schneebedeckten Boden. Der Nilfgaarder blickte sich zu den übrigen Reitern um, offensichtlich hatten sie kein Interesse, es ihren Kameraden gleich zu tun. Im versammelten Galopp ritt Atheris im Triumph zurück zur Dorfgrenze und platzierte sich wieder an der Ausgangsposition. Dort ließ er gekonnt seinen Hengst auf der Stelle tänzeln. „Glaeddyvan vort! Lasst die Schwerter fallen und kehrt zurück zu euren Familien! Ihr werdet Solonia nicht retten können, indem ihr unsere Burg angreift. Hier wartet nur der Tod auf Euch, Aen Ard Feainn!“ schrie Atheris ihnen zu, machte kehrt und ritt im leichten Galopp zurück zur Burg. Dort angelangt empfing ihn Raaga mit den Worten „Meine Fresse, Atheris! Was ist in dich gefahren! “ „Ich habe fast mein ganzes Leben in der kaiserlichen Armee Nilfgaards gedient. Diese Reiter dort sind jeder für sich keine sonderlich große Gefahr! Für sie ist ein Pferd ein Transportmittel und keine Waffe! Die waren ja schon mit einem einfachen Frontalangriff überfordert!“ verteidigte Atheris sein Handeln, „und außerdem habe ich so den Dorfbewohnern etwas Zeit verschaffen können“, fuhr er fort. „Was machen wir jetzt?“ fragte Logan in die inzwischen versammelte Runde. Die Blicke richteten sich auf Raaga, er war der ranghöchste Greifenhexer und die rechte Hand von Valerian. Er war diese Rolle sichtlich noch nicht gewohnt, aber in Stresssituationen trotzdem immer fähig, entschieden zu handeln. Der Skelliger blickte zur Dorfgrenze, dort verweilten die übriggebliebenen Fanatiker und schienen auf etwas zu warten. „Wenn eine erste Vorhut bereits hier ist, bezweifle ich, dass wir es mit den übrigen Ochsenkarren bis zum Hafen schaffen. Ich hatte gehofft wir hätten mehr Zeit, aber sie scheinen sich ziemlich beeilt zu haben… Was haben wir denn noch für Möglichkeiten?“ erfasste Raaga die Situation. Es entbrannte eine hitzige, aber sachliche Diskussion in der klar wurde, dass eine Belagerung spätestens mit dem Eintreffen der von Raaga beschriebenen Hauptstreitmacht der Fanatiker zu ihren Ungunsten enden würde. Dementsprechend blieb ihnen nur die Flucht, die Frage war nur wie? Die Dorfbewohner Treuhalls waren allesamt in die Burg geflüchtet und die Hexer konnten sie nicht einfach im Stich lassen, nicht nachdem sie sehen mussten, was mit den Fahrern der Ochsenkarren passiert ist. Es gab einen schmalen versteckten Pfad, der vom alten Teil Kaer Iwhaells den Burghügel hinunterführte in ein kleines Waldstück. Dort gab es ein kleines Höhlensystem, in dem die Einwohner ausharren konnten. Das Problem war aber, dass die Bewohner nur dann eine realistische Möglichkeit hatten unentdeckt zu bleiben, wenn die Fanatiker nicht nach ihnen suchen würden und das war der Fall, wenn die Hexer tot oder sichtbar entkommen würden. „Wir können versuchen, die Portalsteine meines Schülers Lennox zu verwenden!“ meldete sich die Magierin Nella zu Wort. „Wenn ich es schaffe, die Steine richtig anzuordnen, bringen sie uns in seine Heimat und wir wären in Sicherheit. Problem ist aber, dass ich erstmal die versiegelte Kiste mit den Steinen aufbekommen muss und anschließend die korrekte Anordnung aus seinen Notizen herausfinden muss. Außerdem lässt das arkane Potential der Steine nur eine begrenzte Anzahl von reisenden Personen zu. Die Ochsenkarren müssen wir zurücklassen!“ fuhr die Elfe fort und ihre süßen Spitzöhrchen wippten aufgeregt beim Reden. „In Ordnung, dann beginne du mit deiner Arbeit.“ sagte Raaga. „Das Portal sollten wir im Innenhof des alten Burgteils aufstellen, diesen können wir mit unserer geringen Zahl am längsten halten.“ ergänzte Atheris. Die Greifen begannen mit der Vorbereitung für das letzte Gefecht um Kaer Iwhaell.

Einige Stunden vorher auf dem Weg in Richtung Elfen-Au

Valerian, Volmar und Charlotte ritten gemütlich die Hauptstraße entlang. Den Mantel eng um seine breiten Schultern geschlungen, saß der alte Hexer gedankenverloren tief in seinem Sattel. „Aaaach…wenn mein alter Meister Heswinn mich so sehen könnte…oder Erland, oder der alte Keldar… die würden den Kopf schütteln. Ich bin nicht mal ein Schatten ihrer damaligen Größe. Ob ich es jemals zu deren Meisterschaft als Großmeister bringen werde? Ich hätte mir nie erträumen lassen, dass das Schicksaal der Greifenschule von mir als ihrem Ältesten abhängt! Was ist, wenn ich versagen sollte? Was wird dann aus meinen Schülern? Was ist, wenn mir etwas zustoßen sollte? Der Großteil des alten Wissens der Greifen würde verloren gehen…“ Die Geräusche eines sich schnell nähernden Reiters rissen Valerian aus seinen Gedanken. Er drehte sich zeitgleich mit Volmar im Sattel um und blickte aufmerksam zurück. „Was ist los?“ fragte Charlotte, deren Sinne nicht mit denen der Mutanten mithalten konnten. „Ein Reiter, der sich uns schnell nähert!“ antwortete Volmar. „Es ist Nathan, mein Stallknecht! Was macht der hier!?“ Valerian ließ seine Stute Brunhild wenden und galoppierte seinem Bediensteten entgegen. Als der alte Hexer den jungen Mann erreichte, erkannte er die Pfeilspitze, die aus dessen Schulter ragte. Valerian zügelte sein Pferd, stieg ab und holte den Knecht vorsichtig aus dem Sattel und legte ihn auf den Boden. Nathan hatte viel Blut verloren und die Wunde musste dringend versorgt werden. „Meister Valerian!“ stammelte der Jüngling „Kaer Iwhaell wird von Fanatikern angegriffen. Sie geben uns die Schuld an dem furchtbaren Schicksal Solonias!“ stammelte der Verwundete. Valerians katzenartige Augen weiteten sich. „Ich danke dir Nathan für das Überbringen der Nachricht. Kennst du den Plan meiner Schüler?“ fragte der alte Hexer. „Als ich aufgebrochen bin, war der Plan, die Burg vorzeitig zu evakuieren, man wollte es nicht auf einen Kampf ankommen lassen!“ antwortete der Jüngling. „Volmar…Charlotte, könnt ihr euch bitte um Nathans Verletzung kümmern…?“ Valerian blickte angespannt zu seinen Begleitern. „… Valerian, zieh endlich los!“ Volmar und Charlotte nickten dem alten Hexer zu. Dieser sprang in einer fließenden Bewegung auf seine Schimmelstute und gab ihr die Sporen.

Kapitel 5 – Das letzte Gefecht um Kaer Iwhaell

Greifenburg Kaer Iwhaell, Solonia

Den ganzen Vormittag über trafen immer wieder kleinere Gruppen der Fanatiker auf den offenen Feldern vor dem Dorf Treuhall ein. „Ich zähle inzwischen dreiundsiebzig von ihnen!“ erstatte Egon an Raaga Bericht. Die Hexer gingen davon aus, dass es sich bei diesen Einheiten um eine Vorhut handelte, die alle Wege zu Kaer Iwhaell patrouilliert hatten, um eine Flucht der Hexer zu verhindern. Wie viele der Ochsenkarren in Richtung Elfenau in ihre Hände gefallen waren, mochte sich keiner auf der Burg ausmalen. Atheris und Raaga standen oben auf dem alten Bergfried und betrachteten die Situation. Kaer Iwhaell lag auf einer Anhöhe direkt hinter dem Dorf Treuhall. Der einzige befestigte Weg zur Burg führte durch die enge, gepflasterte Dorfstraße direkt zum Haupttor. Der Fluchtweg, den die Dorfbewohner genommen hatten, lag auf der gegenüber liegenden Seite des Haupteingangs und dürfte keinem der Angreifer bekannt sein. Trotzdem hatten sie einen freiwilligen Mann aus dem Dorf am Eingang positioniert, um die Hexer zu warnen, sollten sich doch Angreifer von hinten nähern. Ein dritter Weg führte durch einen Bergwald zum Haupttor. Dieser Weg eignete sich aufgrund des Gefälles aber nicht für schweres Belagerungsgerät. Atheris vermutete, dass die Fanatiker das Haupttor direkt angreifen würden, so wie es vor zwei Jahren das Expeditionscorps der verhassten Redanier getan hatte. Damals standen viele Verbündete den Greifen zur Seite und es war schon eine schier unmögliche Aufgabe, das Tor zu halten. Jetzt standen die Hexer ohne Verstärkung da und zusätzlich hatten sie auch noch Mitstreiter von damals verloren. Lediglich ein Dutzend junger Männer aus dem Dorf hatten sich Waffen besorgt und waren bereit, die Burg zu verteidigen. „Unser letztes Gefecht werden wir wohl am Eingang zum alten Burgteil führen.“ sagte Atheris und zeigte auf die Treppe und den anschließenden Torbogen zum alten Teil der Innenburg Kaer Iwhaells auf einer Anhöhe, innerhalb der äußeren Burgmauern. Der Innenteil bestand aus einer Burgruine, aus alten, wehrhafteren Tagen in Solonia. Die Ruine hatte keine Dächer mehr, aber die Mauern waren dick und stabil und der alte Bergfried, der ebenfalls zur Innenburg gehörte, war wunderbar geeignet, den Innenhof mit tödlichen Pfeilen einzudecken. Hinter dem Torbogen zu Füßen des Bergfrieds war Nella dabei, das Portal auf dem schneebedeckten Hof zu errichten.

Zeichnung: Kaer Iwhaell im Herbst 1279

„Es ist, wie du es beschrieben hast Raaga, ein wild zusammengewürfelter Haufen. Ich sehe kaum Struktur in ihrem Aufmarsch! Siehst du die mit den Schilden im Zentrum? Das sind vermutlich die einzigen Söldner auf dem Feld!“ Atheris zeigte auf eine Formation mit zwanzig schwer bewaffneten Männern. Raaga brummte zustimmend. „Unser Vorteil ist, dass sie uns nicht einfach von allen Seiten angreifen können.“ fuhr Atheris fort. „Wenn sie wüssten wie wenige wir sind, hätten sie uns schon längst angegriffen und überrannt. Vielleicht kennen sie die Geschichte mit der redanischen Belagerung vor zwei Jahren?“ beendete der nilfgaarder Hexer seine Ausführung.

Nella hatte die magisch versiegelte Kiste mit den acht Portalsteinen geöffnet. Die richtige Anordnung machte ihr zu schaffen: Es gab zu viele Kombinationsmöglichkeiten der acht Steine und jede Falsche konnte beim Versuch, das Portal zu nutzen, in einem totalen Desaster enden. Sie überschlug die Anzahl stochastischer Optionen… achtmal der mathematische Operator Fakultät … Ihr rann eine Schweißperle über das sonst so stoische Elfengesicht „…vierzigtausenddreihundertzwanzig Permutationen.“ Die Notizen, die ihr Schüler Lennox hinterlassen hatte, waren noch nicht fertiggestellt. Immerhin wurde die Kombination der ersten fünf Steine beschrieben. Somit musste sie nur die korrekte Anordnung der letzten drei Steine selber analytisch kombinieren, was dann wesentlich weniger Permutationen bedeutete. Als Raaga zu ihr hinunterkam und sich nach dem Stand des Portals erkundigte, antwortete die Magierin zuversichtlich „ich brauche nicht mehr lange, wir können das notwendige Gepäck bereits im Steinkreis platzieren!“ der Hexer brummte.

Atheris, der inzwischen ebenfalls den Bergfried verlassen hatte, gesellte sich zu den beiden. „Ich werde zu den Verrückten da draußen reiten und versuchen zu verhandeln. Ich glaube zwar nicht, dass es inhaltlich etwas bringen wird, aber zumindest könnte es uns etwas zusätzliche Zeit verschaffen. Valerian würde sicher auch so handeln!“ informierte er seine Freunde. „Atheris, bei aller Liebe zur Diplomatie, das hier sind Fanatiker, die sind doch nicht mehr klar in der Birne, was willst du mit denen verhandeln?“ fragte Raaga auf seine typisch rohe Art. „Ich war dabei, als Valerian mit den Kodros-Barbaren der Leuenmark verhandelt hat, es hatte damals ebenfalls nichts gebracht, aber ihre Anführer waren für eine gute Stunde mit uns beschäftigt und wir konnten einige Informationen gewinnen!“ entgegnete Atheris. „Also gut, mach was du nicht lassen kannst, aber bleibe wenigstens so weit weg von deren Angriffslinie, dass du noch fliehen kannst!“ stimmte Raaga zu. Atheris ging in den großen Innenhof des neuen Burgteils, nahm sich eine alte Lanze von der Wand der Rüstkammer, befestigte ein weißes Tuch an dessen Spitze und ging zu seinem treuen Ross.

Valerian hatte in einem Gewaltritt die Strecke zur Burg zurückgelegt. Von seiner Position aus hatte er einen guten Überblick über die Lage auf den Feldern vor Kaer Iwhaell. „Verdammt, dass sieht nicht gut aus!“ schimpfte er und ritt weiter auf die Feinde zu. Es dauerte nicht lange, bis er von den Fanatikern erblickt wurde. Kurz darauf löste sich eine Gruppe von zwölf Reitern, die ihm entgegenkam. Die Hände als Geste der Friedfertigkeit erhoben, ließ er sich von den Reitern einkesseln. „Mein Name ist Valerian ‚Draugr‘ von Novigrad, Meister der Greifenhexer und Herr der Burg von König Gernots Gnaden, die ihr im Begriff seid anzugreifen. Ich will mit eurem Anführer verhandeln!“ Die Reiter blickten sich kurz enttäuscht an, bevor der älteste von ihnen antwortete „Folge uns!“ In Formation ritten sie ins Zentrum der kleinen Armee auf den Feldern vor Treuhall. Valerian war gerade dabei sich zu fragen, warum ihn keiner aufgefordert hatte, seine Waffen niederzulegen und erwartete kühn das Schlimmste für sich, in der Hoffnung seinen Schülern Zeit zu verschaffen oder mit seinem Opfer den rasenden Zorn der Wilden zu besänftigen – als ihn ein harter Schlag an der Schläfe traf und er träge aus dem Sattel kippte. Das dumpfe Geräusch seines eigenen Aufpralls auf dem frostigen Boden hat er in seiner Bewusstlosigkeit nicht mehr gehört.

Atheris war gerade dabei, sich in seinen Sattel zu schwingen, als Viktor oben vom Bergfried rief: „Es tut sich was, sie haben Holz auf einen Wagen geladen und einen Pfahl aufgestellt! Leute, das sieht aus wie ein Scheiterhaufen!“ Die übrigen Hexer rannten zur Mauer und schauten zur Dorfgrenze. Der fahrbare Scheiterhaufen wurde auf einem Karren fast bis an den Dorfrand geschoben und was sie dann sahen, ließ den Hexern das Blut im Körper erstarren: Eine Gruppe von schwer bewaffneten Soldaten führten einen sichtlich geschlagenen und gefesselten Valerian zum Wagen und ohne eine Gegenwehr vom Alten banden sie ihn an den Pfahl. Ein Mann in einer roten Robe und langem rötlichen Bart trat mit einer Fackel aus der Menge hervor, entzündete sie und begann überraschend laut zu rufen: „Feinde Solonias! Seht her, wir haben euren Meister! Er wird der Erste sein, der zur Besänftigung der Götter beitragen wird! Und ihr werdet ihm in Kürze in die Hölle folgen!“ Mit diesen Worten zündete der Mann den Scheiterhaufen an. „Vaaaater! Nein!!!“ schrie Raaga, blind vor Zorn zog der Skelliger seine silberne Axt vom Rücken, sprang über die Mauer aufs Pflaster der Dorfstraße und rannte in einer unnatürlich hohen Geschwindigkeit die Dorfstraße hinunter zum brennenden Scheiterhaufen, geradewegs auf die Fanatiker zu.

„Was passiert da draußen?“ rief Atheris vom Innenhof hinauf zur Mauer „Es ist Valerian, sie verbrennen ihn auf einem Scheiterhaufen!“ antwortete Logan mit gehetztem Gesichtsausdruck „und Raaga ist losgerannt, um ihn zu befreien!“ fuhr der junge Blondschopf fort. „Öffnet die Tore, schnell!“ befahl Atheris den beiden Männern, die am Haupttor standen und preschte los.

Raaga erreicht im vollen Sprint die erste Reihe der Robenträger, die ihm auf der gepflasterten Dorfstraße im Weg standen. Es waren sechs von ihnen, die mit ihren Speeren auf ihn warteten. Mit dem Zeichen „Aard“ erzeugte der Skelliger eine Druckwelle, welche eine Bresche in die Formation blies und Raaga den Durchbruch ermöglichte. Eine zweite Reihe aus ebenfalls sechs Fanatikern wartete einige Meter dahinter auf ihn. Sie waren ausgestattet mit kleinen Bucklern und Kurzschwertern. Mit einem ordentlichen Hieb zielte er auf den Kopf des vor ihm stehenden Mannes und obwohl dieser die Axt mit seinem Buckler zu blocken versuchte, reichte die Wucht des Hiebes aus, um ihm den Schädel zu spalten. Die beiden neben ihm stehenden Fanatiker gingen nun ebenfalls zum Angriff über: Den ersten Streich, der auf seine Brust zielte, wehrte Raaga mit dem Axtschaft ab und tauchte unter dem zweiten Hieb, der auf seinen Hals zielte, hindurch. In geduckter Haltung legte der Skelliger sein ganzes Gewicht nach vorne und rammte den Mann, der ihn gerade noch enthaupten wollte, mit aller Wucht seine Schulter in die Gegend seiner Leber. Entkräftet landete der Fanatiker auf den Boden, aber Raaga hatte keine Zeit ihm nachzusetzten, die nächsten beiden Schwerter rasten bereits auf ihn zu. Mit einer Rolle zur Seite brachte er sich aus Angriffsreichweite der Schwerter, allerdings bedrohten ihn nun wieder die Speerspitzen der ersten Reihe hinter ihm. Mit einem Abwehrschwung schlug er die Speere beiseite, sprang zwischen die Speerträger und verwandelte ihren Distanzvorteil in ihren tödlichen Nachteil. Mit zwei kurzen ruckartigen Schlägen tötete er zwei von ihnen, bevor ein Dritter ihn von hinten umfasste und ein weiterer versuchte, ihn mit seinem Speer zu durchbohren. Mit dem Hinterkopf brach der Hexer dem Fanatiker hinter sich die Nase, woraufhin dieser seinen Griff lockerte. Dies reichte Raaga, um mit einer halben Körperdrehung dem Speer auszuweichen, so dass dieser den Mann hinter ihm erstach. Zwei weitere Angriffe von Schwertern prasselten auf ihn ein, den ersten Streich konnte er noch mit dem Axt-Blatt parieren, der Zweite erwischte ihn trotz Ausweichmanövers noch am Oberarm. Die Lederrüstung des Hexers verhinderte schlimmere Verletzungen und im Rausche von Kampf und Zorn fühlte Raaga nicht den Schmerz der klaffenden Wunde. Die Fanatiker hatten es geschafft, Raaga zu stellen und von allen Seiten drohten ihm nun bedrohliche Klingen. Gerade als er sich bereit machte zu seiner Verteidigung das Zeichen „Quen“ zu wirken, bahnte sich ein in schwarz-gold gerüsteter Reiter seine Bahn durch die Reihen der Fanatiker. Raaga nutzte die erneute Bresche, die Atheris mit seinem Sturmangriff geschlagen hatte, und setzte erneut seinen Feinden zu.

Valerian versuchte seine Sinne zu sammeln und sich von seinen Fesseln zu befreien, aber er hatte keinen Erfolg. Er erkannte das Brennen des seltenen Metalls an seinen Handgelenken: Die Dimeritiumfesseln an seinen Handgelenken erlaubten ihm, keine magischen Zeichen zu wirken und die Stricke die ihn hielten, gaben keinen Millimeter nach. Der Qualm in seinen Augen ließ seine Sicht verschwimmen, aber er konnte erkennen, wie sein Ziehsohn Raaga mit erhobener Axt in die Front der weißen Roben brach und in jener Wildheit, die einen Skelliger auszeichnete, auf die Schädel seiner Gegner einschlug.

Keinen Augenblick zu früh durchbrach Atheris die Reihen der Fanatiker neben Raaga. Die Ersten von ihnen konnten dem anstürmenden Nilfgaarder mit einem Sprung zur Seite noch ausweichen, bevor die Lanze Zwei von ihnen durchbohrte. Atheris musste den schweren Spieß fallen lassen und zog in einer flüssigen Bewegung sein Schwert aus der Scheide, die er an der Flanke seines Hengstes befestigt hatte. Von oben ließ er die scharfe Stahlklinge auf die rotweißen Männer niederrasen. Die Zuversicht, Valerian erreichen zu können wich, als sich ihm eine dritte Reihe gepanzerte Schildträger in den Weg stellten und mit langen Speeren nach ihm stachen. Es waren die Söldner, die er mit Raaga ausgemacht hatte. „A d’yaebl aép arse!“ fluchte Atheris, als sein Ansturm vollends zum Erliegen kam und er damit beschäftigt war, sich nicht vom Pferd reißen zu lassen. Es war diesmal Raaga mit seiner Axt, der Atheris in die Bresche gefolgt war und nun neben ihm auftauchte und Tod und Verderben unter die Fanatiker brachte. Es wurden aber immer mehr, und die Schildträger hatten einen Wall geformt und drängten die beiden Hexer vom Wagen weg. Raaga schrie vor Zorn auf, als er merkte, dass sie ihr Ziel aus dem Auge verloren. Auf einmal entfesselte sich um sie herum ein Feuerinferno. Atheris schütze seine Augen vor der Hitze und Ker’zaer geriet in Panik und drohte ihn abzuwerfen. Brennende und verkohlte Körper flogen durch die Luft, und es stank nach Schwefel und verbranntem Fleisch. Dem Nilfgaarder kamen schlagartig Gedanken an die erlebte Schlacht in Sodden in den Sinn, in welcher er vor vielen Jahren ein ähnliches Inferno überlebt hatte. Gerade als er seinen Hengst wieder unter Kontrolle gebracht hatte, sah er einen zweiten riesigen Feuerball über seinen Kopf fliegen und einige Meter weiter in die Reihen der Fanatiker einschlagen. Der Feuersturm wiederholte sich und die Reihen der Feinde gerieten endgültig in Unordnung. Wie Ameisen rannten die Feinde hin und her und Raaga, nutzte die Gelegenheit und versuchte sich seinen Weg, trotz der Flammen zu Valerian zu bahnen. Atheris drehte sich im Sattel um und sah, wie Nella auf der Mauer neben dem Haupttor stand und beide Hände gen Himmel erhoben hatte, ihr Gesicht von Wut und Verzweiflung gezeichnet. Sie formte mit ihren Händen erneut einen Feuerball, ließ diesen mit ihrer Energie anwachsen um ihn schließlich in hohem Bogen fliegen zu lassen.

Der dritte Einschlag war der heftigste. Die Druckwelle warf den Wagen mit dem Scheiterhaufen um. Valerian landete erneut hart auf dem Boden, diesmal aber in höchster Konzentration. Er realisierte schnell, dass der Pfahl gebrochen war und er sich von ihm lösen konnte. Er robbte den Boden entlang und Streifte den Holzpfahl von seinem Rücken ab. Danach brachte er seine mit dem Dimeritium gefesselten Hände über die angezogenen Beine nach vorne, ergriff sich ein kurzes Schwert von einer Leiche neben ihm und schaffte es gerade noch die ersten Angreifer mit dem Falchion gekonnt abzuwehren. Mit dem Wagen im Rücken rückten ihm die Fanatiker immer näher und egal wie viele er tötete, es kam immer ein Neuer nach. Auch wenn die Lage immer noch aussichtslos erschien, stand er wenigstens nicht mehr auf einem brennenden Scheiterhaufen – und Valerian entsann sich an die Lektionen der Greifenschule zur Abwehr mehrerer Gegner. Die Dimeritiumfesseln brannten auf der Haut seiner Handgelenke und der Großmeister der Greifen konzentrierte sich auf den Tanz seiner Klinge. Er beschloss möglichst viele von den Spinnern in den Tod mitzunehmen. „Von Oben!“ grollte ein tiefer Kampfschrei in seiner Nähe und im gleichen Augenblick wurden die beiden Fanatiker vor Valerian durch eine riesige Holzkeule zermalmt. „Alter Mann – gehen jetzt!“ brüllte der der riesige Troll, der auf einmal vor Valerian auftauchte.

Der Hexer sprang über die ihm dargebotene Hand auf die Schultern des Ungetüms. Es war der Steintroll Effenberg und Talbot, der in den Wäldern nahe der Burg lebte und über die Jahre eine feste Freundschaft zu den Greifen aufgebaut hatte – basierend auf starkem Alkohol, mit dem der Troll bei Laune gehalten wurde. Nie war Valerian glücklicher gewesen ihn zu sehen. Von den Trollschultern aus hatte Valerian einen besseren Blick über die Situation: Sein Blick wanderte zu Raaga und Atheris, die unter starker Bedrängnis versuchten, sich zu ihm durchzuschlagen. Jedoch schlossen sich die Reihen der zuströmenden Fanatiker um die beiden und sie würden nicht mehr lange standhalten können. „Raaga, Atheris! Zieht euch zurück so lange ihr noch könnt! Ich komme hier klar!“ schrie der Meister ihnen zu. „Vaaalleeeriannn! Wir werden Lennox‘ Weg nehmen!“ schrie Atheris über die Köpfe der Feinde hinweg und Valerian gab ihm ein Zeichen, dass er verstanden hatte. Atheris ließ seinen Hengst über die Hinterhand wild dreimal im Kreis drehen und verschaffte sich so etwas Platz. Schnell zog er den Skelliger hoch auf sein Pferd und Raaga wirkte ein letztes „Ard“-Zeichen und die Druckwelle, die er entfachte, ließ sie aus der Umkesselung ausbrechen und die beiden Hexer preschten im gestreckten Galopp die Dorfstraße wieder hinauf zur Burg, dicht gefolgt von den Fanatikern, die jede taktische Disziplin verloren hatten. Oben auf der Mauer hatten Viktor, Logan und Egon angespannt das Geschehen auf dem Feld verfolgt. Viktor hatte die beiden jüngeren Hexer daran gehindert ebenfalls blind die Burg zu verlassen und den letzten Rückzugsort preis zu geben. Jetzt sah das Trio, wie die beiden Freunde die Dorfstraße hoch preschten und sahen den Pulk an Fanatikern die ihnen dicht folgten. „Seht doch nur, dort!“ schrie Logan und zeigte auf die letzte Seitengasse, die keine zwanzig Schritt vor den Burgtoren auf die größere Dorfstraße mündete. Dort hatte sich eine kleine Gruppe von Robenträgern versteckt und hielten eine lange Holzstange bereit. „Verdammt! Mir nach!“ schrie Viktor und setzte über die Mauer. So schnell ihn seine Beine trugen überbrückte er die kurze Strecke zur Gasse und gerade als die Gegner die beiden Flüchtenden mit der Stange zu Fall bringen wollten, schleuderte der langhaarige Hexer seine lange Stahlklinge auf den Ersten von ihnen. Die Klinge durchbohrte die Brust seines Opfers und ließ den Mann vornüber auf die Stange kippen. Dies reichte aus, dass sich der schwarze Hengst über das nun flach am Bodenliegende Hindernis ohne Probleme hinwegsetzten konnte und der Hinterhalt misslang. Viktor zog sein Jagdmesser aus dem Gürtel, duckte sich unter einem Schwerthieb hinweg und versenkte die kurze Klinge zwischen den Rippen des zweiten Angreifers. Ein Dritter Fanatiker wollten ihn von hinten erstechen, aber im letzten Moment wurde dessen Klinge von einer kräftigen Parade zur Seite geschlagen und Logans runder Schwertknauf zertrümmerte mit einem lauten Knacken dessen Gesicht. Viktor zog mit einem Ruck seine geworfene Waffe aus dem leblosen Körper, drehte sich in einer fließenden Bewegung um und sah, wie Egon mit einer Finte die Attacke des vierten Robenträgers ins Leere rauschen ließ und diesen mit zwei rasch ausgeführten Hieben auf Unterarm und Hals humorlos tötete. Den letzten Angreifer nahm sich Logan vor, indem er dem Mann seine rechte Blöße anbot. Als der erwartete Stich des Gegners erfolgte, machte er einen Satz nach links, drehte sich über seine linke Schulter und nutzte den Schwung der Drehung, um mit einem mächtigen Hieb, den Fanatiker den Kopf von den Schultern zu trennen. „Das hättest du aber auch leichter haben können!“ stellte Egon fest, der das Manöver beobachtete hatte. Logan antwortete mit einem schelmischen Grinsen, drehte sich um und rannte so schnell er konnte zurück zum Haupttor, dicht gefolgt von Viktor und Egon. „Feuer frei!“ schrie Atheris, noch bevor die Dorfbewohner das Tor geöffnet hatten. Die zwölf Freiwilligen begannen mit Bögen und Armbrüsten einen tödlichen Hagel aus Pfeilen und Bolzen auf die Fanatiker niederregnen zu lassen und ermöglichten dadurch allen fünf Hexern die sichere Rückkehr in die Burg. Das letzte Gefecht um Kaer Iwhaell hatte endgültig begonnen.

„Alles in Ordnung bei dir Raaga?“ fragte Atheris völlig fertig von dem Ausfall. „Ein paar Kratzer, ich werde es überleben!“ antwortete der Skelliger, während sich dunkle, nasse Flecken auf seinem Rüstwams zeigten und die provisorisch verbundenen Wunde an seinem Arm durchnässte. „Dann auf die Mauer! Es hat gerade erst begonnen!“ lächelte Atheris und sprang die Treppe hinauf zu ihren Freunden. Die Beiden stellten sich zu den anderen Hexern und blickten auf die Feinde, die gegen die Burgmauer brandeten, doch noch hielt das eiserne Tor dem Ansturm halt. „Wo sind Nella und Heskor?“ fragte Atheris, während er sich unter einem zischenden Armbrustbolzen hinwegduckte. „Nella hat nach ihrem dritten Feuerball das Bewusstsein verloren! Heskor hat sie nach hinten in den Bergfried gebracht und versucht ihr zu helfen!“ schrie Logan, während er einem Fanatiker, der es auf die Mauer geschafft hatte, mit einem sauber geführten Hieb die Kehle aufschlitze und ihn mit einem kräftigen Tritt zurück in die Menschenmenge vor der Mauer beförderte. Keiner der Hexer hätte sagen können, wie lange das Massaker bereits dauerte, aber Valerians hartes Training zahlte sich aus, denn jeder, der die Mauer betrat, fand augenblicklich den Tod. Untypisch für den Kampfstil der Greifen verzichteten sie auf die große Fechtkunst, die komplexe Bewegungslehre oder den üblichen Klingentanz – dafür war einfach weder Platz noch Zeit. Es wurden nur kurze, lethale Schläge und Stiche angesetzt auf Venen und Aorten – es war das reinste Morden. Die Situation verschlechterte sich rapide, als die Fanatiker einen improvisierten Rammbock die Dorfstraße hinaufzogen. „Wenn das Tor fällt, ziehen wir uns zum alten Teil der Burg zurück!“ schrie Atheris über das Kampfgetümmel hinweg den anderen zu. „Igni auf mein Zeichen!“ schrie Raaga, als der riesige, angespitzte Baumstamm vor den Toren in Position stand. Raaga und Viktor wirkten gemeinsam das Hexerzeichen mit einer Handgeste, sodass zwei Feuerströme auf die Ramme einwirkten. Die anderen Schüler konnten die Zeichen noch nicht wirken und Atheris war damit beschäftigt, die Lücke, die durch das Fehlen von Raaga und Viktor entstanden, war zu schließen. Von den Flammen erfasst, schrien die Rammenträger und wälzten sich entflammt am Boden, nur um wenige Momente später von anderen Fanatikern ersetzt zu werden. Die Hexer wiederholten das Ganze noch einmal, doch obwohl die Ramme brannte, ließen die Feinde nicht von ihr ab. Mit einem hässlich klingenden metallischen Getöse barst das Tor schließlich und ein rotweißer Strom ergoss sich auf den Innenhof von Kaer Iwhaell. „Rückzug!“ befahl Raaga und die überlebenden Dorfbewohner und die Hexer kletterten und sprangen von der Mauer und sprinteten über den großen Innenhof zum alten Teil der Burg. Der Eingang lag einige Schritt über dem äußeren Hof und nur eine schmale Treppe führte zu ihm hinauf. Hier mussten die Hexer solange Widerstand leisten, bis das Portal einsatzbereit sein würde. Während die überlebenden Männer des Dorfes quer durch den Innenhof der Ruinen liefen und den geheimen Pfad in das Höhlensystem hinter der Burg nahmen verteidigten die Hexer den Zugang zur Innenburg. Da die Treppe nur Platz für zwei Männer nebeneinander bot, rotierten die Verteidiger immer wieder durch, um sich so vereinzelt Verschnaufpausen zu verschaffen. „Uns bleibt nicht mehr viel Zeit! Ich gehe nach hinten und verschaffe mir einen Überblick über die Situation mit dem Portal!“ rief Atheris, schwer keuchend. Der ältere Hexer rannte in den hinteren Teil der Ruine, wo das Portal aufgebaut werden sollte. Auf einen Umhang gebettet lag Nella, neben ihr saß Heskor, der alles versuchte, um sie wieder zu Bewusstsein zu bringen. „Heskor…?“ fragte Atheris und schaute besorgt auf die Elfe und Panik stieg in ihm auf, als er sah, dass die Portalsteine offenkundig nicht fertig angeordnet waren. „Stront! Die letzten drei Steine fehlen immer noch!“ schimpfte Atheris. Er griff das Notizbuch von Lennox, welches neben den drei Portalsteinen lag und öffnete es. „Aha… So so!“ staunte Atheris laut. „Kannst du damit was anfangen, Atheris?“ fragte Heskor überrascht. „Äh, nein! Hier steht etwas, aber ich könnte dir nicht mal sagen, welche Sprache das sein soll! Aber hey, hier gibt es zumindest ein paar Bilder…vielleicht…“ antwortete Atheris, drehte das Buch und seine Skizzen mit fragendem Blick auf den Kopf und fing dabei an, die drei Portalsteine mit den gemalten Bildern und kryptischen Skizzen möglicher Anordnungsmuster abzugleichen. Nur wenige Augenblicke später ertönte ein lauter Schrei vom Eingang des Bergfrieds „Atheris! Wir können sie nicht mehr aufhalten!“ es war Raagas Stimme und es lag verzweifelte Wut in ihr. „… alles klar, gebt mir ein paar Wimpernschläge und zieht euch dann zurück!“ rief Atheris zurück. Heskor schaute den Hexer verdutzt an „Wie? Was? Bist du dir sicher?“ Atheris zuckte nur mit den Schultern „was soll ich denn sonst sagen? Das wir hier nicht wegkommen? Los bring Nella in den Kreis!“ rief Atheris, nahm die Steine, das Büchlein und seinen treuen Hengst und führte diesen in den offenen Steinkreis. Mit einem kurzen Axii-Zeichen beruhigte er das Tier. Der Nilfgaarder setzte zwei der drei Steine in die Kreisformation ein. Dabei orientierte er sich an den Abständen der bisher ausgelegten Steine. Den letzten Stein hielt er in der Hand und der Hexer hoffte inständig, dass dies der Schlüsselstein war. „Achtung Kartätsche!“ hörte man Viktors Schrei und eine kleine Explosion erschütterte den alten Torbogen und Steine prasselten auf den Boden. Durch den dicken Qualm, der durch den Eingang drang, stürmten die vier übel gezeichneten Hexer in Richtung Portal, dicht gefolgt von schwer gerüsteten Fanatikern. Völlig außer Atem erreichten sie den Steinkreis. „Atheris, los!“ schrie Raaga von der anderen Seite. Atheris setzte den vermeintlichen Schlüsselstein ein, doch nichts geschah. „Verdammt! Muss man noch eine Zauberformel sprechen!?“ schimpfte er. Doch gerade als er die Steine wieder versetzten wollte, bildete sich ein bläuliches Feld um sie herum und der Kopf eines Angreifers, der sich gerade auf Egon stürzen wollte, fiel sauber abgetrennt zu Boden in die blaue Säule, die sich um die Greifen gebildet hatte. Blaue Blitze bildeten sich um den Portalkreis und durchzuckten den kleinen Innenhof. Auf einmal verschwamm die Szenerie vor ihnen und einen Augenblick später umhüllte sie absolute Dunkelheit.

Zeitgleich verstärkten sich die blauen Blitze und Funken sprühten vom Portal aus in alle Richtungen des Innenhofs. Die Fanatiker warfen sich vor Panik auf den Boden. Einer der Blitze fand seinen Weg zu einem der vollbeladenen Ochsenkarren, auf dem ein Teil des Labors von Valerian verladen war und fing Feuer. Es dauerte nicht lange bis ein größerer Behälter mit der Aufschrift ‚Serrikanische Mischung‘ in die Luft flog und eine heftige Kettenreaktion mit den anderen alchemistischen Gütern auf dem Karren verursachte. Die heftige Explosion verwüstet einen Großteil von Kaer Iwhaell und ließ den alten Bergfried zusammenbrechen. Außerhalb des Dorfes Treuhall stand ein Mann, in roter Robe gekleidet und lachte erregt, als er beseelt das ewige Feuer der Reinigung im Hort des Bösen erblickte.

Einige Augenblicke früher, auf den Feldern vor Kaer Iwhaell

Valerian wollte ihnen zunächst auf den Schultern des Trolls zur Burg folgen, aber ein zweiter Schildwall schnitt ihm auf der gepflasterten Dorfstraße den Weg ab. „Zurück zum Wald, mein Freund!“ schrie Valerian und der Troll stampfte in die gewünschte Richtung. Kurz bevor sie den Waldrand erreichten, kam eine Gruppe von Reitern, die mit Seilen und Hacken versuchten, den Troll zu Fall zu bringen. Valerians kurzes Falchion erschlug diejenigen, die er mit der kurzen Klinge vom Trollrücken aus erreichen konnte – aber das reichte nicht. Mit einem lauten ‚Rumms‘ schlug der schwere Leib des Trolls im zertrampelten Schnee auf und der alte Hexer musste sich mit einer gekonnten Sprungrolle retten und befand sich wieder mitten unter den Fanatikern. Der Troll grollte vor Wut, schaffte es aber nicht mehr wegen der Menschenmassen, die sich auf ihn warfen, zurück auf die Beine zu kommen. Valerian konnte die Angreifer, die ihn umzingelten mit seiner überlegenen Fechtkunst ausstechen: Einen diagonalen Hau eines Robenträgers passierter er geduckt mit einer Parade und positionierte sich neben den Angreifer. Mit einer flüssigen Doppelschrittdrehung brachte er den Falchionknauf an den Klingenansatz des gegnerischen Langschwertes und schleuderte dieses in seiner Körperdrehung mit einer Entwaffnung schwungvoll weg – direkt in den Brustkorb des Hintermannes. Valerian drehte sich in einer Pirouette weiter, wechselte die Manöverrichtung überraschend und hieb mit dem Falchion einem weiteren Fanatiker von unten in den Schritt, sodass die gekrümmte Klinge steckenblieb. Valerian duckte sich in Drehung unter einem horizontalen Hau weg und zog dabei das geworfene Langschwert aus dem Torso des am Boden liegenden Schreienden Robenträgers. Kurze Zeit später befand sich ein Kreis aus Blutspuren und abgetrennten Gliedmaßen um den alten keuchenden Mann. Da sah er, wie eine zweite, größere Welle an Fanatikern sich dem Dorf näherte. Er musste kurz schlucken und eine innere Hoffnungslosigkeit machte sich in ihm breit. Der Kreis der Angreifer umschloss Valerian enger: Mit einer schnellen Parade ließ er die Klinge des Angreifers, der Valerians Unachtsamkeit ausnutzen wollte, zur Seite abgleiten und mit einem kurzen Rückhandstreich schlitze der alte Hexer dem Mann die Halsschlagader durch. „Na los! Wer will der nächste sein!“ brüllte Valerian in aller Verzweiflung die um ihn stehenden Gegner an. Eine kleine, unscheinbare Bewegung aus dem nahen Waldrand erweckte seine Aufmerksamkeit. Plötzlich lächelte er, und schloss seine Augen: Ein lauter Knall, gefolgt von einem grellen Blitz durchbrach die Szenerie. Valerian wurde von zwei starken Armen zur Seite gezogen und ein paar geschickte Hände warfen ihm eine Robe und eine Gugel über den Kopf. In der allgemeinen Verwirrung, die im Umkreis von mehreren Metern herrschte, wurde er schnellen Schrittes ins Unterholz des Waldes geführt. Unerkannt erreichte er mit seinen beiden Helfern das Herz des Waldes. Volmar und Charlotte zogen sich die Gugeln vom Kopf „Das wurde mehr als knapp, tausend Dank!“ sagte Valerian und lächelte seinen Rettern zu. „Wir müssen hier verschwinden alter Mann, komm schnell!“ flüsterte Volmar und zeigte tiefer in den Wald. Valerian drehte sich noch einmal um: Die Burg war inzwischen überrannt worden, das Haupttor stand offen und die Horde stürmte in den Innenhof. Ein paar blaue Blitze zuckten in der Nähe vom alten Bergfried durch die Luft, gefolgt von mehreren starken Explosionen, welche die alte Burg erschüttern ließen. Augenblicklich stand die Hälfte von Kaer Iwhaell in Flammen, dunkler Rauch und Flammenzungen stiegen in die Luft. Auf dem Feld vor dem Dorf setzten Jubelschreie unter den Fanatikern ein. Valerian senkte den Blick und hoffte, dass seine Freunde alle aus dieser Feuerhölle entkommen waren. Er folgten Volmar und Charlotte im Laufschritt, bis sie zu einer ihm wohlbekannten Lichtung kamen: Hier war das Zuhause des Steintrolls und hier hatte er viele makabre Unterhaltungen mit ihm geführt – und natürlich sehr viel Alkohol getrunken. Nun standen dort in der Mitte der Lichtung ihre Pferde. Seine Stute Brunhild grüßte ihn mit einem vertrauten Schnauben. Charlotte ging zu einem alten Baumstumpf und zog ein paar Äste zur Seite. Zum Vorschein kam ein langes Bündel, dass Charlotte aufnahm, zu Valerian hinüberging und es ihm in die Hand drückte. „Nein… wie hast… unglaublich… Danke!“ stammelte Valerian. Er brauchte das Bündel nicht zu öffnen, um zu wissen, was es enthielt. Er konnte die Magie der Runen auf seinen Schwertern fühlen. „Frag lieber nicht, wie Charlotte an deine Stute und die Schwerter gekommen ist!“ grinste Volmar und die Schmugglerin aus Lyrien machte dabei einen leichten Knicks und grinste frech. Sie trat näher an Valerian heran und stand dicht vor ihm, „da wäre noch eine Kleinigkeit zu erledigen oder, Meister Valerian?“ fragte sie keck. Sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen und schaute Valerian vielversprechend in die Augen. Dieser zog irritiert die Augenbrauen hoch und versuchte sich zu räuspern, als sich mit einem leisen Klicken die Dimeritiumfesseln an seinen Handgelenken lösten. Mit einem breiten Lächeln steckte sie die wertvollen Fesseln in ihre Tasche und blickte verrucht in Richtung Volmar, der davon allerdings nichts mitbekam, da er gerade dabei war, sein Stahlschwert von der Rückenscheide zu ziehen. „Sie kommen, wir sollten hier jetzt verschwinden!“ rief er und alle drei schwangen sich in ihre Sättel und ritten einen kleinen Jagdpfad entlang. Als sie am Ende des Pfades den Wald verließen und in einem weiten Bogen nordwärts ritten, konnten sie nochmal einen letzten Blick zurückwerfen. Das Feuer hatte die Burg fest im Griff und dunkler Qualm stieg in den blauen Winterhimmel. Im Schatten des Waldes konnte er eine große buckelige Silhouette erkennen, die ihm zum Abschied zuwinkte und ganz gewiss vertraut und bestialisch nach Schnaps stank.

„Der Sturm des Wolfes bricht an, das Zeitalter von Schwert und Axt. Die Zeit der weißen Kälte und des weißen Lichts nahet. Die Zeit von Wahnsinn und die Zeit von Verachtung, Tedd Deireádh, die Endzeit. Die Welt wird im Frost vergehen und mit der neuen Sonne wiedergeboren werden…“ zitierte Valerian lehrmeisterhaft, wendete seinen Blick von Kaer Iwhaell ab und richtete seinen Blick auf den Weg, der vor dem Trio lag.


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Metagame

Von Helena

Kaedwen, das kleine Städtchen Sturmbach, 28. Jenner des Jahres 1279

Es war ein eisiger Morgen, als sich Ida vom Hof ihres Vaters aufmachte. Sie hatte von ihrer Freundin den Rat bekommen, sich der örtlichen Heilkundigen mit ihrem Problem anzuvertrauen. „Sie urteilt nicht über dich, sie wird dir helfen“ hatte Hanna gesagt. Hoffentlich behältst du Recht dachte Ida, als sie ihren Mantel eng um den Körper schlang und los eilte. Es war noch so früh, die Wolken waren rosa von der aufgehenden Sonne, und vereinzelte Schneeflocken tänzelten durch die kalte Luft. Es waren wenige Minuten bis die ersten Häuser des Städtchens zu sehen waren, auf den Straßen war kaum jemand unterwegs. Vor ihr bog ein Ochsenkarren auf den Weg, der leere Kisten und Fässer transportierte. Der große Wagen holperte über die Spurrillen im gefrorenen Schlamm und durchbrach leise quietschend die morgendliche Stille. Ida erreichte den Marktplatz, und nur wenige Straßen weiter an einer Ecke erkannte sie das Aushängeschild nach dem sie Ausschau gehalten hatte: „Van Beldrias – Heilkunde und Apotheke“. Nervös blieb sie vor der Tür stehen. Ihr warmer Atem bildete weiße Wölkchen vor ihrem Gesicht, und sie griff an ihren Gürtel, wie um sich zu vergewissern, dass der Beutel mit den ersparten Münzen immer noch da war. Das raue Leder und das metallische Klimpern gaben ihr den nötigen Mut, die Tür auf zu stoßen und einzutreten.

Der Innenraum des kleinen, zweistöckigen Stadthäuschens schien sehr geräumig und gleichzeitig vollgestellt. Das Öffnen der Tür hatte kein Glöckchen ausgelöst, wie es häufig der Fall war bei den Geschäften in der Stadt, und trotzdem erschien sofort eine junge Frau aus einem Hinterzimmer, und kam an den Verkaufstisch. „Guten Morgen! Wie kann ich helfen?“ Ein leises Lächeln ermutigte Ida, näher zu treten. An dem hölzernen Tresen angekommen antwortete sie: „Guten Morgen. Sind Sie Frau van Beldrias?“ „Ja, die bin ich. Was brauchst du?“ „Ich bräuchte Ihre Hilfe. Ich… also ich hab…“ verunsichert stammelte Ida vor sich hin, und sah dabei auf ihre Füße. Sie spürte den durchdringenden Blick der Frau auf sich ruhen und wurde noch nervöser. „Wie heißt du, Mädchen?“ wurde sie gefragt. Verunsichert sah sie auf, und blickte dabei in auffällig hellbraune Augen. „Ida“, gab sie leise von sich. „Hallo Ida. Du kannst mich Malva nennen“, antwortete die ruhige, freundliche Stimme. Der Blick der Ärztin bohrte sich in den von Ida, und ihr war als würde ein Flüstern oder Rascheln durch den Raum ziehen. „Du brauchst keine Angst haben. Sag mir, wie ich dir helfen kann.“ Malva hatte sich leicht nach vorne gebeugt und die letzten Worte mit viel Nachdruck gesprochen.

„Ich… ich war vor etwa zwei oder drei Monden mit einem jungen Mann zusammen. Ich hatte ihn auf dem Markt kennen gelernt, und wir hatten uns am Abend in der Taverne wieder getroffen. Es führte eins zum anderen, nun habe ich seit dem keine Blutung mehr gehabt, und ich habe ihn nie wieder gesehen, er ist wie verschwunden. Mein Ruf ist ruiniert, und wenn ich jetzt ein Kind bekomme, ohne einen Ehemann, dann wird mein Vater mich rausschmeißen. Ich kann das Kind nicht bekommen. Ich.. ich kann nicht“, sprudelte es aus Ida heraus, ihre Scham schien verschwunden und ihr Angst vor einem Urteil gleich mit. Malva musste ein selbstzufriedenes Schmunzeln unterdrücken und fragte: „Du möchtest das Kind loswerden?“. Ida nickte. Malva hielt einen Moment inne, als würde sie irgendetwas versuchen zu hören. „Was ist?“ fragte Ida, und blickte sich verwirrt um. „Ach nichts. Gib mir einen Moment, ich hole etwas, das wird dir helfen.“ Sie verschwand im Nebenzimmer, aus dem sie zuvor gekommen war, man hörte, wie ein Korken aus einer Flasche gezogen wurde, sowie ein paar weitere Geräusche, die Ida allerdings nicht genau zuordnen konnte.

Stattdessen sah sie sich im Laden etwas um. Von der Decke hingen an einigen Holzbalken Kräuter, die zum Trocknen aufgehängt wurden, sowie Knoblauchketten und ein vereinzeltes Tierfell, wohl das eines Marders. Im hinteren Teil des Raums war ein gusseiserner Ofen, in dem ein Feuer prasselte und den ganzen Raum angenehm erwärmte. Darauf stand ein Topf mit einer dampfenden Flüssigkeit, daneben waren Regale mit Mörsern, Flaschen gefüllt mit eingelegten Kräutern, kleine Salbentöpfchen und viele Bücher. Gegenüber vom Ofen war ein großer, massiver Tisch aufgebaut, darauf lagen ein weißes Tuch und eine Art strohgefülltes Kopfkissen. Auf dem Tresen direkt vor sich sah Ida ein großes Glas, gefüllt mit kleinen Stoffsäckchen die prall gefüllt und mit einer Schleife zugebunden waren. Auf einem kleinen Schild daneben stand „Nächtliche Alpträume und Dämonen im Kopf halten Dich wach? Ein Säckchen friedlicher Schlaf für nur 6 Kopper“. Neugierig beugte sich Ida über das Glas, um sich die Säckchen genauer anzusehen. Ihr strömte ein angenehmer Lavendelduft entgegen, gemischt mit einem anderen, süßlichen Geruch, den sie aber nicht erkannte. „Die Säckchen brauchst du wohl kaum, wenn du das hier nimmst.“ Ida schreckte auf, Malva war lautlos wieder aufgetaucht und stand jetzt vor ihr, mit einem kleinen Fläschchen in der Hand.

„Das ist eine Tinktur aus Beifuss und Frauenmantel. Träufele davon 25 Tropfen in einen kleinen Becher Wein, und trinke den in einem Zug leer. Du wirst Schmerzen haben, aber wenn alles gut verläuft, wirst du das Kind kurz darauf tot gebären. Die Tage danach musst du dich schonen. Trink genug, iss tüchtig und überanstrenge dich nicht. Du wirst müde sein, aber auch entspannt. Wenn du am dritten Tag noch immer bluten solltest, oder vorher sehr viel, lass nach mir rufen.“ Malva reichte Ida das Fläschchen, doch als diese danach greifen wollte, hielt die Ärztin es für einen Moment noch fest. „Nimm das nur, wenn du dir ganz sicher bist.“ Ida nickte, und nahm das Fläschchen entgegen. Sie hielt es mit ihrer Hand fest umklammert, sah dann zu Malva auf und sagte sehr leise: „Danke! Ich glaube, niemand außer dir hätte mir geholfen!“

Malva schmunzelte. „Ich sehe keinen Sinn darin, dir Hilfe zu verwehren. Dafür verstehe ich wohl zu wenig von moralischen Dilemmas. Ich versteh auch nicht viel von Verzweiflung oder Angst, aber ich erkenne, dass du sie hast. Wenn ich dir dabei helfen kann, wieso sollte ich es nicht?“ Ida lächelte. Sie hatte nicht erwartet, dass ihr Ausflug so positiv für sie enden würde. Sie bezahlte die Tinktur, bedankte sich noch einmal und wollte gerade den Laden verlassen, als die Tür aufflog und vier Personen hastig in die kleine Apotheke traten. Eine der Gestalten wurde von zweien gestützt. „Bitte, helft ihm! Konrad hat sich das Bein gebrochen!“ rief eine Frau, die den offensichtlich verletzten Konrad stützte. Ida erkannte die Personen, es waren der Förster von Sturmbach, seine Ehefrau, sowie deren beiden Söhne. Sie blickte zu Malva, die tief durchatmete, sich sammelte und dann sagte: „Bringt ihn auf den Behandlungstisch. Aber vorsichtig, das Bein sollte er nicht mehr bewegen.“ Konrad wurde von seiner Frau und seinem jüngeren Sohn am Tresen vorbei zum massiven Holztisch geschleppt, wo er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht absetzte. Der ältere Sohn blickte sich skeptisch in dem Raum um, bevor er seiner Familie folgte. „Leg das Bein hoch, wenn‘s geht, ich bin sofort bei euch“, sagte Malva, und verschwand zügig im Hinterzimmer.

„Wir sollten zum alten Michel gehen, der hat Ahnung von dem was er tut“, raunte der ältere Sohn. „Sei still, Vince. Der alte Michel wohnt zu weit weg, und von ihr habe ich nichts Schlechtes gehört!“ zischte die Mutter. Vince schnaubte. „Aber auch nur, weil du dich nur mit unserer Ziege unterhältst! Diese Ärztin ist schon seit drei Jahren in Sturmbach, und niemand kennt sie so wirklich. Ich hab viele Gerüchte gehört. Sie würde alchemistische Experimente machen, sie scheint Dinge zu wissen, die kein normaler Medicus weiß… sie kommt mir komisch vor.“ „Wenn ich dir so suspekt bin, dann verlass mein Haus.“ Malva war wieder im Raum, und stand auf einmal sehr dicht vor Vince. „Keine Sorge, ich werde mich um deinen Vater kümmern, aber ich will niemanden der mich bei meiner Arbeit behindert hier drin haben.“ Sie klang sehr ruhig, aber bestimmt. „Das ist doch lächerlich!“ Vince wich ihrem Blick aus, und versuchte seine Anspannung mit einem Lachen zu überspielen. „Jetzt beeil dich, Vater verblutet sonst noch.“

Ida, die die ganze Szenerie bisher vom Tresen aus beobachtet hatte, blickte zum ersten Mal auf das Bein von Konrad, welches vor Blut triefte, und an dessen Unterschenkel ein Stück Knochen aus dem Fleisch hervor ragte. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck und sie musste weg sehen. Malva starrte Vince noch einen Augenblick lang an, dann ging sie zu Konrad. „Nimm hiervon einen Schluck. Das ist Mohn-Extrakt, das wird die Schmerzen lindern, und dich schläfrig machen, sodass ich mich besser um dein Bein kümmern kann.“ Sie hielt ihm eine kleine, braune Flasche an den Mund und ließ ihn trinken. „Was eine Spinnerin“, gab Vince kopfschüttelnd von sich, während er auf und ab lief. Seine Mutter hielt währenddessen Konrads Hand fest und strich ihm die Haare von der verschwitzten Stirn. „Lass doch einfach gut sein, Vince. Sie hilft Papa…“ meldete sich der jüngere zu Wort.

„Wenn helfen darin besteht ihn auf Drogen zu setz-„ weiter kam er nicht, den Malva hatte sich abrupt zu ihm umgedreht, ihm den Mörser aus der Hand genommen, welchen er aus Neugierde vom Regal genommen hatte, und erwiderte lautstark: „Wenn du ein Problem mit meinen Arbeitsmethoden hast, dann verschwinde aus meinem Haus. Ich werde das kein drittes Mal sagen, also verzieh dich.“

Vince war für einen Moment wie erstarrt, doch er schien Malva nicht ernst zu nehmen. Sein Fehler, denn einen Augenblick später hatte sie ihn am Kragen gepackt, zur Tür geschliffen und ihn raus geworfen, im wahrsten Sinne des Wortes. Ida war überrascht, denn so stark sah Malva nicht aus, und sie wusste das Konrad mit seinen Söhnen regelmäßig Holz hacken war. Die Tür schlug zu, Malva drehte sich zu den verbliebenen vier Personen im Raum um und versuchte ein Lächeln.

„Verzeiht mir, aber Störungen bei der Arbeit kann ich wirklich nicht gebrauchen.“ Sie eilte hinter den Tresen, krempelte die Ärmel ihres roten Wamses hoch, strich sich eine dunkelblonde Strähne aus dem Gesicht und legte verschiedene Werkzeuge parat. Konrad schien inzwischen etwas weggetreten zu sein, und seine Frau und der verbliebene Sohn wagten kein Wort mehr zu sagen, während Malva sich daran machte, die offene Wunde und das gebrochene Bein zu versorgen. Als ein lautes Knacken ertönte, und Konrad schmerzerfüllt aufstöhnte sah Ida das pulsartig austretende Blut und ihr wurde plötzlich speiübel. Sie lief zur Tür, das Fläschchen mit der Tinktur in ihrer Hand fest umschlungen, und verließ das Haus. Vor der Apotheke musste sie erst einmal tief durchatmen. Die kalte Luft stach in ihrer Lunge, aber langsam verzog sich die Übelkeit.

„Na, haste auch zu viel von der Irren?“ Vince stand an die Hauswand gelehnt, sein dreckiger Stiefel ruhte an der Fassade. „Ja, genau“, nervös lachte Ida. Sie wollte schnell nach Hause. „Wozu warst du überhaupt bei der?“ fragte er mit einer Mischung aus Neugierde und Skepsis in der Stimme. „Nur was gegen Bauchschmerzen“, murmelte sie, und hielt dabei das Fläschchen etwas hoch. Vince nickte.

„Die Schlampe wird es noch bereuen mich rausgeschmissen zu haben.“ Er spuckte aus, direkt vor die Eingangstür. Ida war die ganze Situation sehr unangenehm. Sie gab noch ein nervöses Lachen von sich, dann stammelte sie etwas von „muss jetzt los“, und machte sich hastig auf den Weg, zurück zum Marktplatz und über den matschigen Weg nach Hause.

Kaedwen, das kleine Städtchen Sturmbach, 12. Hornung des Jahres 1279

Nachdem Ida die letzten drei Tage schmerzerfüllt und zurückgezogen durchlebt hatte, ging es ihr endlich besser. Ihr ging es sogar richtig gut. Sie fühlte sich befreit, und nachdem sie ihre blutigen Laken gewaschen, selbst ein warmes Bad genommen und eine heiße Suppe gegessen hatte, machte sie sich auf nach Sturmbach. Sie wollte Malva danken. Dafür, dass sie ohne Sorge um ihre Zukunft weiter leben konnte. Es war nach wie vor bitterkalt draußen, und die letzten Tage schien es geschneit zu haben, doch mit ungetrübter Laune stapfte Ida durch den knirschenden Schnee. Nach einigen Minuten erreichte sie die ersten Häuser des Städtchens, in dem es genauso ruhig schien wie bei ihrem letzten Besuch. Als sie den Marktplatz und die Straßenecken danach erreichte, hielt sie vergeblich Ausschau nach dem Schild der Apotheke. Sie war in der richtigen Straße, doch als sie näher kam, sah sie, dass das Schild abgerissen war, und zertrümmert am Boden lag. Nur noch die Worte „Heilkunde und Apotheke“ waren lesbar, der Name war vollkommen zersplittert. Entsetzt blickte sich Ida um. Das sah nicht nach dem Ergebnis einer starken Windböe aus. Dann erst viel ihr das Ausmaß des Schadens auf. Sie taumelte einige Schritte zurück, und schlug vor Schreck die Hände vor den Mund.

Die Fenster des kleinen Stadthäuschens waren eingeschlagen, die Tür hing schief in der Angel und das Haus schien weitestgehend ausgeräumt zu sein. Vor dem Fenster lagen die noch leicht qualmenden, verkohlten Überreste einiger Möbelstücke. Von Malva war keine Spur mehr. „Was ist hier geschehen?“ fragte Ida einen Mann, der ein paar Häuser weiter ein paar Säcke Getreide von einem Karren schleppte.

„Die haben diese Ärztin verjagt, gestern Abend. Haben gesagt, sie sei eine Hexe oder sowas. Nicht ganz klar im Kopf. Eine Gefahr für die Allgemeinheit. Sie war aber schon gar nicht mehr zuhause. Hatte wohl ihre Habseligkeiten gepackt und war verschwunden. Sehr verdächtig, wenn du mich fragst“, murrte der Alte. Ida bedankte sich, ging ein paar Schritte zurück zum Haus, und sah sich noch einmal die Trümmer an. Ein noch glimmendes Stuhlbein brach zusammen und wirbelte dabei grau-weiße Asche auf, die den herunterfallenden Schneeflocken entgegen stieg. Es war ein kalter Tag.


Gestrandet

Gestrandet

Metagame

Von Peter

Schwertau, Königreich der Zwölf Auen, Winter 1279

„Verdammt ist es kalt geworden!“ murmelte Logan und zog seinen Umhang enger um die Schultern. Atheris, der größere und deutlich ältere der beiden Vatt’ghern, schaute zu seinem Begleiter rüber und nickte ihm zustimmend zu. Die beiden waren jetzt bereits seit einer Woche im Auftrag des Großmeisters der Greifenhexer Valerian im Grenzgebiet der Schwertau unterwegs. Mit sich führten sie eine gefährliche Ladung, die sicher in einer kleinen verschlossenen Holztruhe verstaut war. „Immer in Bewegung bleiben, haltet euch von Ärger fern und wir treffen uns in zwei Wochen am verabredeten Treffpunkt wieder“ waren die letzten Worte ihres Meisters gewesen. Ohne die eisige Kälte wäre es ein richtig schöner Ausritt gewesen, die Sonne schien strahlend vom Himmel, die Landschaft war vom weißen Schnee bedeckt und die Berge im Hintergrund bildeten eine beachtliche Kulisse. Gegen Nachmittag machten die beiden Reiter am Wegesrand eine Pause. Während Atheris die Karte studierte, versorgte Logan die Pferde. „So ein Mist, die Wasserschläuche sind zugefroren und unser Mittagessen ist hart wie Stein“ schimpfte er und biss dabei leicht genervt auf einem Stück Brot herum. Atheris blickte von der Karte auf und erwiderte, „nicht allzu weit von hier ist, glaube ich, ein Gasthof auf der Karte vermerkt. Er liegt zwar nicht auf unserer vorgesehenen Strecke, aber ich denke, wir sollten den Umweg in Kauf nehmen!“ Der junge Hexer nickte zustimmend. Die Aussicht, die Nacht in einem warmen Bett und mit einer ordentlichen Mahlzeit im Bauch verbringen zu können, hellte ihre Laune auf. Und so schwangen sich die beiden zurück auf den Rücken ihrer Pferde und zogen weiter.

Am Nachmittag waren die beiden Hexer tief in ihren Sätteln zusammengesunken und schwiegen, als sie von einem plötzlichen Wetterumschwung überrascht wurden: Innerhalb von wenigen Momenten wurde aus einem schönen Wintertag das reinste Schneechaos. Der Wind peitschte ihnen den Schnee ins Gesicht und jagte die Kälte endgültig durch ihre Mäntel. „Verdammt! Ich kann die Hand vor Augen kaum noch sehen!“ fluchte Atheris. „Wir müssen aufpassen, dass wir uns in dem Chaos nicht verlieren! Wir sollten uns aneinanderbinden!“ schrie Logan zurück. „Gute Idee!“ erwiderte der große Hexer. Sie befestigten ein Seil zwischen sich und führten fortan ihre Pferde am Zügel. Es dauerte gefühlt eine Ewigkeit, aber schließlich zeigte Atheris auf ein kaum wahrnehmbares Licht mitten im undurchdringlichen Weiß des Schneesturms. Völlig durchfroren erreichten sie das gesuchte Gasthaus „Sieht doch ganz einladend aus“, meinte Logan schmunzelnd. Er war sichtlich erleichtert, endlich angekommen zu sein. Das Gasthaus bestand aus einem zweistöckigen, gemütlich aussehenden Haupthaus und einem Nebengebäude, das aussah wie die Stallungen. Die beiden Hexer führten ihre Pferde in den Stall. Ein Bursche, der gerade dabei war, die Stallungen zu säubern, kam angelaufen und nahm die Tiere in Empfang. Atheris warf ihm eine silberne Münze zu, um sicherzustellen, dass die Reittiere bestens versorgt wurden. Mit ihrem leichten Gepäck unterm Arm gingen sie in den Schankraum. Mit einem prüfenden Blick musterten die beiden Gefährten die anderen Gäste. Am auffälligsten waren vier Soldaten aus der Au, die ebenfalls vor dem Sturm hier Zuflucht gesucht hatten. Am Tresen stand der Gastwirt, ein großer rothaariger Mann, der auch gut und gerne ein Schmied hätte sein können und neben ihm seine auf den ersten Blick wunderschöne Tochter, die ebenfalls rote Haare und Sommersprossen im Gesicht hatte. Entgegen der nördlichen Königreiche wurden Hexer in der Schwertau nicht sofort mit Beleidigungen oder einem Hausverbot bedacht. Hier galt das Gastrecht noch als hohes Gut, und so begrüßte der Wirt die beiden Monsterjäger freundlich. „Guten Tag die Herren, mein Name ist Hermann und das ist meine Tochter Charlotte – was können wir für euch tun?“ eröffnete er seine Begrüßung. „Wir hätten gerne ein Zimmer mit zwei Betten, wenn es geht ein heißes Bad und zuletzt ein warmes Essen mit einer Flasche Wein!“ entgegnete Atheris und legte dabei seine Geldkatze klingend auf den Tresen, um die Zahlungsfähigkeit der beiden zu untermauern. „Wie ihr wünscht, die Herren!“ sagte der Wirt und gab seiner Tochter ein Zeichen. Sie führte die beiden mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht eine Treppe hoch auf die obere Etage, wo sich offensichtlich die Gästezimmer befanden. Ihr Zimmer war einfach, sauber und vor allem warm. Diese Tatsache alleine zauberte Logan ein weiteres breites Lächeln in sein jugendliches Gesicht. „Wenn ihr beiden so weit seid, dann kommt wieder runter: Ich bereite euch das Bad vor“, sprach Charlotte und verließ sie. Wenn sich die scharfen katzenhaften Augen des älteren Hexers nicht täuschten, hatte das Mädchen beim Gehen Logan frech zugezwinkert – ob der Blondschopf das auch bemerkt hatte? Schwer zu sagen, denn er hatte sich schon auf sein Bett geworfen und strahlte wie ein kleiner Junge. „Es braucht ja nicht viel, um dich glücklich zu machen“ lachte Atheris. Nachdem sie ihr Gepäck verstaut hatten, machten sie sich auf den Weg ins Bad. Nur das geheime Truhenförmige mit Tüchern umhüllte Bündel, das sie bewachen sollten, nahmen sie mit.

Als sie sich in den Zuber setzten und das heiße Wasser die Kälte aus ihren Gliedmaßen vertrieb, kehrten vollends die Lebensgeister wieder. Sie ließen sich von Charlotte jeweils einen Humpen Bier bringen und unter den Umständen schmeckte es köstlich und hob ihre Stimmung. Sie blieben eine ganze Weile im Zuber und ließen sich von der Wirtstochter gerne den Rücken schrubben. Gebadet und mit guter Laune machten sie sich später im Schankraum an das Abendessen. Es gab leider kein Wildbret, aber dafür einen schmackhaften Eintopf. Nachdem sie satt waren, gesellte sich Logan an den Tresen und fing an, sich mit Charlotte zu unterhalten, die gerade mit dem Zapfhahn ein frisches Weinfass anschlug, während Atheris sich mit einem Kelch Rotwein an einen freien Tisch setzte, sein Tagebuch aus einer Tasche holte und anfing, seinen letzten Eintrag zu vervollständigen.

Der kürzliche Tod von zwei Reisegefährtinnen während der Sommerfeldzüge hatte ihn in letzter Zeit beschäftigt und veranlassten ihn über sein eigenes Schicksal nachzudenken. So notierte er die folgenden Worte auf die leere Seite: „Nach meinem Empfinden entfaltet sich das Elysium eines Vatt’ghern in seinem Gewissen, und wenn er sich seiner Verantwortung bewusst ist, wenn er gesucht und gefunden hat, wenn er sich dem gemeinsamen Ideal seiner Schule angenähert, seine Pflichten als Jäger erfüllt hat, dann ist er gut darauf vorbereitet, eine Welt zu verlassen, die er ein wenig besser zu machen sich bemüht hat. Er wird seinen Nachfolgern ein Königreich hinterlassen, das von seiner Arbeit geprägt und für alle Menschen lebenswerter sein wird.“ Ein gellender Schrei ließ ihn aufschrecken. Sein Blick traf sich mit dem von Logan und fast simultan zogen sie ihre Schwerter und stürmten los. Hinter dem Tresen führte eine steile Treppe in das Kellergewölbe des Gasthofes, vorbei an einem kleinen runden Tisch, an dem wohl öfters Karten gespielt wurde, vorbei an Regalen voller Geschirr und einem Spülzuber in einen großen Raum, in dem der Wirt seine Vorräte lagerte und in dessen Mitte sich ein alter, verschlossener Brunnen befand. Hier stand die Charlotte, die kreidebleich und mit beiden Händen an den Wangen etwas anstarrte, was weiter hinten im Raum vor den Blicken der Hexer verborgen lag. Mit gezogenen Schwertern drängten sich die beiden an der Frau vorbei. Ein paar Füße schauten hinter einem großen Fass hervor. „Das ist einer der Soldaten aus der Au!“ flüsterte Logan. Sie näherten sich weiter und behielten dabei die Umgebung genau im Auge, aber sie konnten keine weitere Gefahr ausmachen. Atheris beugte sich zum Leichnam des Soldaten runter und untersuchte ihn. Die Todesursache war schnell gefunden, ein scharfes Küchenmesser steckte in seinem Brustkorb. Er war an seinem eigenen Blut erstickt. Es gab keine Anzeichen für einen Kampf im Raum, noch wies der Körper weitere frische Blessuren auf. Als sich die beiden Hexer gerade daran machten den Raum weiter zu untersuchen, kamen die drei Kameraden des Gefallenen angelaufen. Die leicht angetrunkenen Soldaten sahen ihren Mann am Boden liegen und der älteste von ihnen schrie: „Was bei allen Göttern ist hier passiert! Verdammt! Macht Platz!“ fuhr er fort und schob die beiden Hexer zur Seite. Atheris und Logan blickten sich kurz an und zogen sich in den Schankraum zurück. Als sie sich wieder an ihren Tisch gesetzt hatten, fragte der jüngere der beiden Hexer: „Was meinst du was da unten passiert ist?“ „Ich kann wirklich nicht sagen, was da unten passiert ist Logan, es sieht für mich auf den ersten Blick nach einem Unfall aus! Letztendlich ist es aber nicht unser Problem. Valerians Anweisungen sind eindeutig, wir sollen uns aus Ärger heraushalten und auf das Artefakt achten“ erwiderte der sichtlich mies gelaunte muskelbepackte Hexer. Sie blieben noch eine Weile im Schankraum, bevor sie sich in ihr Zimmer begaben und sich zur Nachtruhe niederlegten. Die Tür und die Fenster sicherten sie mit kleinen Alarmglöckchen ab, diese hatte ihnen ihr Freund der Händler und Meisterattentäter Heskor mitgegeben, der berühmt für sein Alarmglöckchenspiel ist.

Am nächsten Morgen erwachte Atheris ausgeschlafen nach einer ruhigen Nacht. Wie er schnell feststellte, war er alleine im Zimmer. Das zweite Bett war leer, jedoch lag Logans Ausrüstung noch wie am Vorabend aufgeräumt auf einem Stuhl in der Zimmerecke. Die Tür war verschlossen, aber nicht mehr gesichert, er musste heute Nacht unbemerkt das Zimmer verlassen haben. Der Hexer zog sich an, prüfte das geheime Bündel, das neben ihm im Bett gelegen hatte, und nachdem alles in Ordnung schien, ging er hinunter in den Schankraum. Auch hier war sein Begleiter nicht aufzufinden. Nicht dass er sich Sorgen um ihn machte, sein Freund war durchaus mehr als in der Lage, auf sich selber aufzupassen, aber unter den Umständen des Vorabends würde er ihn doch gerne bei guter Gesundheit wissen, bevor er sich einem ausgiebigen Frühstück widmen würde. Nachdem er seinen Gefährten im Haupthaus nicht findet konnte, machte er sich über den kleinen überdachten Verbindungsweg auf den Weg zum Nebengebäude. Der Schneesturm hatte über Nacht kaum an Stärke verloren, und der Schnee peitschte ihm erneut unangenehm ins Gesicht. „So schnell werden wir hier wohl nicht wegkommen!“ seufzte er leise vor sich hin und schritt die letzten Meter weiter zu den Stallungen. Dort angelangt vergewisserte er sich, dass ihre beiden Pferde gut versorgt waren. Gerade als er dabei war, seinem schwarzen Hengst Ker’zaer eine Rübe zu reichen, vernahm er ein Geräusch vom Dachboden. „Logan! Bis du da oben auf dem Heuboden?“ rief er laut. Es dauerte nicht lange und der blonde Schopf schaute über den Rand nach unten und sein breites Grinsen im Gesicht sprach Bände. „Kommst du auch zum Frühstücken oder brauchst du noch etwas Zeit?“ fragte Atheris mit einem Grinsen im Gesicht. Der junge Hexer ließ sich elegant vom Heuboden herabgleiten, ihm folgte wenig später Charlotte und beide schlossen sich dem älteren Hexer an. Wenig später waren die beiden Gefährten mit dem Essen fertig und unterhielten sich, was sie als nächstes tun sollten. „Wir sind hier vorerst gestrandet Logan, und werden hier noch eine Zeit ausharren müssen!“ sprach Atheris und nippte an seinem Becher. „Wollen wir den Mord an dem Soldaten weiter untersuchen?“, fragte der junge Hexer, während er seinen heißen Tee schlückchenweise trank. „Die Anweisungen von Valerian waren klar, ‚haltet euch von Ärger fern!‘ Und zudem hast du ja selber mit angesehen, dass die Soldaten unsere Hilfe nicht wollen, also halten wir die Füße still und erledigen unseren Auftrag!“ Und so kam es, dass die beiden Hexer einen ruhigen Tag im Haus verbrachten. Logan vertrieb sich seine Zeit am Tresen, indem er viel mit Charlotte turtelte, und Atheris saß mit dem geheimen Paket in einer Ecke des Schankraumes und las in einem Buch mit dem Titel „Vampire – Fakten und Mythen“. Meister Valerian hatte es ihm auf die Reise mitgegeben, um sein Wissen um die Blutsauger zu vertiefen. Gerade las Atheris die spektakuläre Hypothese des Dottore Marxell Hippocampi der Universität Kastell Graupian, nach welcher ‚Vampiroide nur Blut Anderer trinken müssen, weil sie nicht bei Tageslicht hinauskönnen und deswegen einen wichtigen Nährstoff im Körper nicht bilden können, der sich nur bei Tageslicht synthetisiert im Körper – man könnte also sagen Ihre Lebensvoraussetzung der Dunkelheit mache sie depressiv, und der Rausch unseres Blutes heile sie von dieser Tristessé.‘

Der ältere der beiden Hexer beobachtete immer wieder das Treiben im Schankraum und wie die Schwertauer Soldaten versuchten, dass Schicksal ihres Kameraden zu ergründen. Der Abend verging genauso ereignisarm wie der Rest des Tages. Nach einem guten Abendessen verabschiedete sich Atheris und ging zu Bett. „Ich komme in ein paar Augenblicken nach, ich werde noch einmal im Stall nach dem Rechten schauen!“ gab ihm Logan mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Nachdem das Zimmer wieder mit den Glöckchen abgesichert war, legte sich der große Hexer ins Bett und schlief sofort ein. Es war mitten in der Nacht, als ein abscheulicher Schrei ihn abrupt aus seinen Träumen riss. Die einsetzenden Rufe und Befehle der Soldaten verrieten, dass nichts Gutes passiert sein konnte. Schnell zog sich Atheris Hose und Hemd an und machte sich mit seinem Schwertgurt über die Schulter geworfen auf den Weg runter in den Keller, aus welchem er die Stimmen der Soldaten hörte. „…es kann nicht sein, niemand hat den Keller betreten, wir hatten permanent eine Wache am Eingang stehen!“ stammelte einer der Soldaten, sie verstummten, als sie Atheris die Treppe runter schreiten sahen. „Darf ich fragen was passiert ist und warum hier so ein Tumult mitten in der Nacht ausgebrochen ist, oder soll ich mich wieder schlafen legen, weil ihr alles im Griff habt?“ fragte der muskulöse Hexer die zwei vor ihm stehenden Soldaten. Nach einem kurzen Blickwechsel entgegnete der ältere der beiden: „Unser Kamerad war im Kellergewölbe unterwegs, um weiter nach Hinweisen für das Geschehen gestern Abend zu suchen, als wir den Schrei hörten. Er liegt dahinten, neben dem Regal, es ist auf ihn gekippt und hat ihn vermutlich erschlagen!“ Er zeigte auf ein umgestürztes schweres Holzregal im hinteren Teil des Raumes. Neben zerbrochenen Krügen und Tellern lag der Verstorbene, den die beiden Kameraden bereits geborgen und dort unter einem Tuch abgelegt hatten. „Darf ich mir ein Bild von der Lage machen, oder wollen die Herren Soldaten ihre eigenen Ermittlungen fortführen?“ fragte Atheris mit einer bewusst hochgezogenen Augenbraue. Wieder blickten die beiden sich an, dann nahm einer seine Geldkatze von der Seite und fragte Atheris mit einem verachtenden Blick: „Wieviel nimmst du, Meister?“ über das ‚Meister‘ wollte er beinahe grinsen, ließ sich aber nichts anmerken. Atheris ließ die beiden links stehen und antwortete ohne sich umzudrehen „die nächste Runde geht auf euch!“ Gerade als er sich dem Gefallenen näherte, stieß Logan zu ihm. „Sieht auf den ersten Blick wieder wie ein Unfall aus!“ meinte der junge Hexer und betrachtete das Chaos vor sich. Atheris blickte auf und schaute zu ihm rüber, „so erscheint es zumindest! Hast du dich geschnitten Logan? Du hast Blut an deinem Hals!“ sprach er und senkte seinen Blick wieder. „Das ist nur ein Kratzer, Charlotte hatte sich bei dem Schrei erschreckt und muss mich dabei gekratzt haben!“ erwiderte er. „…Ganz gewiss hat sie dich dabei gekratzt.“ Zwinkerte Atheris ihm zu. Beide machten sich an die Arbeit und begannen sich systematisch vom Körper aus umzuschauen. Nach einer Weile setzten sich die beiden auf den Rand des versiegelten Brunnens, der ganz in der Nähe des Opfers mitten im Raum war, und begannen zu diskutieren. „Die Todesursache war definitiv das gebrochene Genick des Mannes. Das schwere Regal hat ihm beim Umstürzen unglücklich erwischt – es sieht auch bei genauerer Betrachtung noch nach einem Unfall aus!“ fasste Logan die Erkenntnisse zusammen. Atheris nickte zustimmend und dachte laut nach: „Es sieht aus wie ein Unfall, definitiv. Es gibt auch keinerlei Hinweise, die darauf schließen lassen, dass jemand anderes in diesem Raum war, und die Soldaten hatten den einzigen uns bekannten Zugang zusätzlich auch noch permanent bewacht. Aber wir sind uns beide einig, dass die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Unfälle innerhalb von so kurzer Zeit, die mitten in der Nacht passieren und zwei erfahrenen Soldaten das Leben gekostet haben, nicht sehr hoch sein kann.“ Der große Hexer ließ den Blick durch den Raum wandern, verharrte kurz bei der Vorratskammer, in dem der andere Soldat aufgefunden worden war und blickte wieder zurück zu Logan, bevor er weitersprach: „Eines haben beide Vorfälle aber gemein, die Soldaten sind jeweils mit dem Blick in unsere Richtung verunglückt, kann das ein Zufall sein? Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand so schnell rückwärts gegen ein Regal stößt, dass dieses auf ihn stürzt? Du hast es gesehen, dass Regal ist alt, aber stabil und war zusätzlich sogar noch in der Wand leicht verankert. Ich bin fest davon überzeugt, dass es nicht ohne weiteres umgefallen sein kann!“ Beide saßen noch eine ganze Weile da und sprachen mögliche Theorien durch, aber weder kamen sie auf eine plausible Erklärung noch fanden sie einen weiteren Hinweis, der ihnen half. Während die beiden Soldaten sich um ihren toten Kameraden kümmerten und der Wirt mit seiner Tochter anfing, den Keller wieder aufzuräumen, machten sich die beiden auf den Weg zu ihrem Zimmer und legten sich schlafen. Der neue Morgen brachte nichts neues, das Schneechaos war noch schlimmer geworden und es gab weder von den Soldaten noch vom Wirt Nachrichten über weitere Vorkommnisse in der Nacht. „Ich denke es bleibt uns nichts Anderes übrig, als uns heute Nacht selber auf die Lauer zu legen und mit eigenen Augen zu prüfen, was da Nachts im Gewölbe vor sich geht“, sagte Atheris, während er ein Stück Wurst abschnitt und es auf sein Frühstücksbrot legte. „Wie wollen wir das anstellen?“ entgegnete Logan interessiert. „Ganz einfach, wir stecken dich in ein leeres Fass und du beobachtest, was passiert und falls es gefährlich wird, schreist du laut. Währenddessen werde ich vor dem Keller die Stellung halten“, antwortete der ältere Hexer. Logan’s Blick verlor seine fröhliche Mimik, denn es war klar, dass ihn die Aussicht auf die bevorstehende Nacht nicht sonderlich glücklich machte – wenngleich er das Ausharren in Holzkonstruktionen gewöhnt war, zumindest laut hartnäckiger Schulexterner Gerüchte bezüglich eines ominösen Hexerschrankes. In den Armen von Charlotte hätte es ihm sicherlich besser gefallen, aber das war nun mal das Schicksal eines Vatt’ghern. Nachdem sie die beiden verbliebenen Soldaten und den Wirt über das Vorhaben unterrichtet hatten, verbrachten sie den Mittag mit den Vorbereitungen. Ein präpariertes Eichenfass stellten sie in eine schlecht ausgeleuchtete Ecke, so dass Logan eine gute Sicht auf den Raum haben würde. Einen kleinen Hocker konnten sie im Versteck noch unterbringen, dadurch würde es zumindest etwas bequemer werden. Einigermaßen zufrieden mit ihrer Arbeit zogen sich die beiden in ihr Zimmer zurück, damit sie für ihr Vorhaben gut ausgeruht sein würden.

Am späten Abend saß Logan schließlich in seinem Versteck. Ihm war schnell langweilig und seine Gliedmaßen schmerzten nach kurzer Zeit. Die Meditationsübungen, die er von Meister Valerian gelernt hatte, halfen ein wenig die Situation erträglicher zu machen. Innerlich verfluchte sich Logan, dass er bei diesen Lektionen nicht besser aufgepasst hatte. Er hatte immer mehr Spaß beim Fechten und den körperlichen Übungen gehabt. Die Meditationsübungen hatte er immer als die Spinnereien eines alten Mannes abgetan und das rächte sich nun. Wie lange er letztendlich in dem Fass verbrachte, konnte er nicht mehr sagen; und als er gerade innerlich am Hadern und Schimpfen war, wäre im fast die leichte Bewegung am Rand des Brunnens entgangen. Sein Adrenalinspiegel schnellte nach oben und seine Sinne schärften sich. „Was bei Valerians grauem Bart ist das nur?“ dachte er sich und beobachtete, wie jemand oder etwas aus dem verschlossenen Brunnen kletterte. Das Wesen stand nun im Raum, mit dem Rücken zu ihm gewendet. Von der Statur her war es ein junges Mädchen, vielleicht zwölf Jahre alt mit hellem schütterem Haar. Es stand da, nur mit einem zerschlissenen Nachthemd bekleidet. Unter ihr bildete sich langsam eine Pfütze und ihre nackten Füße platschten spielerisch in dem Wasser. Logan hatte in seinem Leben schon einiges an Monstern und geheimnisvollen Wesen gesehen, aber das sich ihm jetzt bietende Szenario verursachte bei ihm eine Gänsehaut. Ziemlich lange stand das Mädchen einfach nur da, den Blick zu Boden gerichtet, das lange Haar verdeckte ihr Gesicht und die Schultern hingen schlaff nach unten, als ob es keine Körperspannung hätte. Es summte dabei eine kaum hörbare Melodie, die Logan seltsam vertraut vorkam und in ihm traurige Gefühle weckte. Gerade als er sich an die Situation gewöhnte, wendete das Mädchen plötzlich den Kopf in seine Richtung, der Blick der fahlen Augen, die ihn gefühlt direkt durch das Fass anstarrten, ließen sein Herz zu Eis erstarren. Ohne dass es ihm bewusst war, hielt er die Luft an. Nach einer gefühlten Unendlichkeit verschwand das Mädchen schließlich wieder in den verschlossenen Brunnen. Der junge Hexer zählte langsam bis hundert, beruhigte seine Nerven und stieg endlich aus dem Fass. Er ging zum Brunnen und betrachtete die Abdeckung: Sie war massiv, verschlossen und es gab auch kein Anzeichen für eine Pfütze an der Stelle, wo gerade noch das Mädchen gestanden hatte. „Das erklärt einiges!“ murmelte Logan und ging mit schmerzenden Gliedmaßen in Richtung Ausgang. Hinter der Tür kauerte Atheris auf der Treppe, seine silberne Klinge war gezogen und ruhte griffbereit auf seinem Schoß. Er blickte auf, als Logan durch die Tür trat.

Wenig später saßen alle versammelt im Schankraum und Logan erzählte ausführlich über seine Beobachtungen, anschließend zogen sich die beiden Hexer in eine Ecke zurück und besprachen das weitere Vorgehen. Atheris holte aus seinem Reisegepäck ein altes Buch hervor mit dem Titel „Geister, Erscheinungen und die Verdammten“, er hatte es aus der Bibliothek von Kaer Iwhaell mitgenommen, zumindest was von der gestohlenen und abgebrannten Bibliothek seit der redanischen Belagerung übrig blieb, und sah nun eilig Seite für Seite durch bis er schließlich den gesuchten Eintrag mit einer Zeichnung gefunden hatte. Mit einem Finger zeigte er auf das Bild und meinte „deine Beschreibungen haben mich hieran erinnert, Logan. Was meinst du?“ „Es trifft ziemlich gut zu, allerdings Bekleidung und vor allem das Alter war natürlich anders,“ stimmte der junge Hexer zu. „Will man eine Erscheinung loswerden, muss man zuerst ihren Körper finden. Man versuche es in ungeweihter Erde oder in der Ecke eines Friedhofs, wo Gesetzlose begraben werden. Wenn man den Leichnam ausgräbt, wird man feststellen, dass er nicht verwest ist und Blut auf den Lippen hat. Man durchbohre den Leichnam mit einem Espenpflock, schneide den Kopf ab, lege ihn dem Leichnam zwischen die Beine und zünde alles an – sicher ist sicher. Dann kehrt die Erscheinung niemals zurück. Es sei denn, man macht etwas falsch – dann ist es um einen geschehen!“ las Atheris laut aus dem Buch vor und blickte seinen Freund an. „Also fehlt uns nur der Leichnam, ein Espenflock – wo auch immer wir den herbekommen sollen im Winter – und einen Friedhof hat es hier auch nicht und ja, ich denke auch was du denkst, die Erscheinung kam aus dem Brunnen und…“ Logan schluckte bei dem Gedanken und hielt kurz inne bevor er fortfuhr „…im Brunnen, das bedeutet einer muss sich wohl abseilen und nach dem Körper tauchen. Schau mich nicht so mit deinen Katzenaugen an Atheris, wir knobeln wie immer!“ fasste Logan zusammen. Atheris blickte an sich herunter und deutete mit seinen beiden Handflächen die Breite seines Körpers an und anschließend tat er das gleiche bei Logan, er sagte aber nichts weiter, und der junge Hexer gab mit einem Nicken zu verstehen, dass er dem Argument zustimmte. So kam es, dass Logan nur wenig später an einem Seil hängend in die Dunkelheit herabgelassen wurde. Wie sehr wünschte er sich die Katzenaugen von Atheris in diesem Moment. Als er den Wasserspiegel berührte, schnitt das kalte Wasser wie ein Dolch in seine Haut. „Der Brunnen musste gewiss von einem Gletscher unterirdisch gespeist werden!“ dachte sich der junge Lehrling. Als Logan komplett ins Wasser eingetaucht war, konnte er im ersten Moment nichts außer den Steinwänden mit den Händen ertasten und seine Füße fanden den Grund nicht. Logan holte ein paar Mal tief Luft und ließ sich dann unter die Wasseroberfläche gleiten. Nach einer kurzen Strecke öffnete sich eine größere Zisterne und er konnte sich nicht mehr am Brunnenrand orientieren. Die dunkle Kälte umfasste ihn, und er verlor das Gefühl für Raum und Zeit. Fast wäre er in Panik geraten, als etwas Weiches seinen nackten Fuß berührte. Geistesgegenwärtig machte er eine Rolle und griff beherzt nach dem Etwas, das ihn da berührt hatte. Er fühlte sich sehr beklommen, als ihm klar wurde, dass er eine kleine Hand in seinem Griff hatte. Er zog dreimal am Seil und tauchte vorsichtig dem kleinen Licht entgegen, das durch die Lampe, die Atheris runtergelassen hatte, verströmt wurde. Mit dem Seil zogen sie den kleinen, zerbrechlich wirkenden Körper hoch in das Kellergewölbe.

„Für eine Wasserleiche ziemlich gut erhalten, lediglich die Blutspuren auf dem Mund fehlen, aber sie lag ja auch im Wasser und nicht unter der Erde. Hier am Hals weist sie eine Wunde auf, könnten Bissspuren sein, aber es ist nicht mehr wirklich gut zu erkennen, zu aufgequollen ist die Haut!“ sprach Atheris und zeigte zuerst auf die Lippen und anschließend auf die Stelle am Hals. Logan, der sich in der Zwischenzeit abgetrocknet und wieder angezogen hatte, nickte zustimmend. Der Wirt und die Soldaten betrachteten ebenfalls den Leichnam, konnten aber auch keine neuen Erkenntnisse liefern. Der Wirt wusste auch nicht von einem vermissten Mädchen zu berichten. Er und die beiden Soldaten legten zusammen und boten den Vatt’ghern in Summe zwei Gold- und vier Silberstücke, wenn Sie sich um das Problem mit dem Geist kümmern würden. „Wir nehmen den Auftrag an!“ sagte Atheris und nahm die Münzen an sich. Die beiden gingen auf ihr Zimmer. Auf dem Weg dorthin flüsterte Logan: „Was ist aus dem Vorsatz geworden, uns aus allen Schwierigkeiten rauszuhalten?“ Atheris blieb stehen und blickte Logan in die Augen bevor er antwortete: „Ich weiß Logan, es sind nicht die Anweisungen unseres Meisters, aber hier sterben Menschen und wir können versuchen, etwas dagegen zu machen. Valerian hat noch nie jemanden im Stich gelassen, der unsere Hilfe benötigte und ich denke, wenn er hier wäre, würde er nicht anders handeln wie wir. Außer dass er wohl besser wüsste, auf was er sich hier einlässt als wir beide!“ Beim letzten Satz mussten beide schmunzeln und gingen weiter.

Die Vorbereitungen für den Bannversuch dauerten den ganzen Nachmittag an, doch woher den Espenpflock nehmen? Logan brachte Besenstile und Heugabeln – doch war jenes Holz schon brüchig und voller Makel. Atheris grübelnder Blick schweifte durch den Schankraum, bis er auf einen Gegenstand auf dem Tresen verharrte: Den massiven Zapfhahn eines Weinfasses.

Die beiden Hexer bereiteten die Überreste wie in dem Buch beschrieben vor. Es war sicher nicht die beste Idee, das Feuer im Kellergewölbe zu entzünden, aber einen besseren Raum gab es in diesem Schneechaos nicht. Anschließend bauten sie in ihrem Zimmer das kleine Reise-Alchemie-Labor auf und fertigten ein Klingenöl an, das im Wesentlichen aus Arenaria und Bärenfett bestand. Logan betrachtete seine eingefettete Silberklinge und zitierte aus dem Lehrbruch: „Es existiert eine geheimnisvolle Grenze zwischen den Welten der Toten und der Lebenden, welche für rastlose Geister einfacher zu überqueren ist als für Menschen. Wenn Ihr einen geisterhaften Gegner verletzen wollt, dann überzieht zuerst eine Klinge mit diesem Öl. Dann erst wird die Waffe den Vorhang durchdringen können, der die Welten trennt und somit den Geist schädigt.“ Als letzte Vorsichtsmaßnahme bildete Atheris das Zeichen Yrden um die zu verbrennenden Überreste. Die magische Falle würde ihnen einen weiteren Vorteil verschaffen, falls etwas Unerwartetes passieren sollte. Logan beherrschte das Zeichen zwar nicht, aber untertützte Atheris beim Wirken mit seiner eigenen Kraft.

Nachdem die Vorbereitungen kurz nach Einbruch der Nacht beendet waren, verließ der Wirt den Keller und nur die beiden Hexer blieben zurück. Atheris wirkte ein kleines Igni-Zeichen und der magisch entstandene Funke setzte die mit Öl übergossene Leiche in Brand, in ihr gipfelnd ein eingeschlagener Zapfhahn im Brustkorb, der Fasshammer zum Anstich noch daneben liegend. Ein unangenehmer Geruch verbreitete sich im Raum und der Qualm begann in den Augen zu brennen. Gerade als das Feuer seinen vermeintlichen Höhepunkt erreichte, barst der Körper in einem Funkenregen auseinander, und wie eine Furie brach die Erscheinung hervor und mit einem hasserfüllten Gesichtsausdruck, wendete sie sich gegen Atheris, der mit gezogenem Silberschwert bereitstand. Er duckte sich unter dem ersten Schlag der Verdammten hinweg, berührte mit seiner Hand das Yrden-Zeichen und schickte all seine magische Energie hinein. Ein violetter Lichtkegel bildete sich augenblicklich um das Wesen und den Hexer und ließ ersteres sich manifestieren. Nun kam die Zeit der Schwerter: Logan sprang von hinten in den Kreis und durchbohrte mit seiner Klinge die Erscheinung. Mit großen überraschten Augen betrachtete diese den aus dem Brustkorb ragenden Ort des silbernen Schwertes, und als nach einem kurzen Augenblick das Wesen den Blick wieder auf Atheris richtete, konnte sie nur noch die im Feuerschein blitzende Klinge des großen Hexers wahrnehmen, bevor sich ihr Kopf vom restlichen Körper trennte und der ganze Spuk sich in einer grauweißen Wolke auflöste. „War es das jetzt?“ fragte Logan. „Ich denke…ja!“ antwortete Atheris langsam. „Es ging ehrlichgesagt… schnell. Sehr schnell. Es lief etwas anders als erwartet, aber die Vorbereitung hat sich bezahlt gemacht!“ fügte er nach einem kurzen Moment des Schweigens hinzu. Er zuckte überrascht mit den Schultern. Die beiden Gefährten verharrten noch eine Weile an ihren Plätzen und betrachteten die Glut bis diese endgültig erloschen war. Erst als nur noch die kalte Asche übrig war und es keinerlei weitere Anhaltspunkte mehr gab, dass noch etwas in dieser Nacht passieren könnte, packten die Hexer ihre Ausrüstung zusammen und verließen den Keller. „Ist es vorbei?“ fragte Charlotte, die Wirtstochter, mit großen Augen, als die beiden Hexer den Schankraum betraten. „Ja, es ist vorbei!“ antwortete Logan ihr mit einem liebevollen Lächeln. Zur Erfrischung bot der Wirt ihnen jeweils einen großen Krug Bier an, und die beiden Freunde nahmen es dankend an. „Es gibt Schlimmeres, als sich den Staub mit einem Bier die Kehle herunterzuspülen!“ sagte Logan und leerte den ersten Becher mit einem Zug, und Atheris tat es ihm gleich. Nach einigen weiteren Runden wollte Logan nach den Pferden sehen und verabschiedete sich mit einem Augenzwinkern von dem großen Hexer. Es war natürlich kein Zufall, denn Charlotte hatte erst vor wenigen Augenblicken den Schankraum in Richtung Stall verlassen. „Es sei dem Kleinen gegönnt!“ dachte sich Atheris und nahm noch einen großen Schluck, dann begab er sich zu Bett. Währenddessen lag Logan auf dem Heuboden im Stroh und ließ sich von seiner Herzensdame langsam ausziehen. Er genoss den Duft ihrer Haare, die durch sein Gesicht streiften und die sanften Lippen, di seine nackte Brust berührten. Er ließ sich komplett fallen und lebte ganz im Hier und Jetzt. So kam es, dass er die beiden scharfen Zähne von Charlotte nicht bemerkte, die auf einmal aus ihrem Mund ragten. Wie hypnotisiert ließ er alles über sich ergehen. Selbst den Moment, als die messerscharfen Zähne in seinen Hals eindrangen, quittierte er nur mit einem lauten Aufstöhnen. Zeitgleich erreichte Atheris das Schlafzimmer und wollte gerade das aufgeschlagene Buch über Vampire, das noch auf seinem Bett lag, beiseitelegen, als sich auf einmal sein Augen weiteten, die Haut bleich wurde und der Adrenalinspiegel nach oben schoss. Er zog in einer flüssigen Bewegung sein Silberschwert aus der Scheide, griff in Eile nach einem kleinen Hölzernen Kästchen, in dem sich ein halbes Dutzend kleiner Phiolen befand, griff sich Diejenige mit der Aufschrift „schwarzes Blut“, löste den Verschluss, schluckte die übel schmeckende Flüssigkeit hinunter und sprintete los. Das Buch, indem er gerade noch gelesen hatte, fiel dabei geöffnet vom Bett auf den Boden. Auf dessen linker Seite war eine Zeichnung zu erkennen, die eine wunderschöne junge Frau dargestellte, und auf der anderen Seite ein Monster, das nur noch entfernt an ein weibliches Wesen erinnerte, dessen Maul mit spitzen Zähnen ausgestattet war und dessen Hände wie furchtbare Klauen aussahen. Der Text darunter lautete: „Es heißt, Bruxae suchen attraktive junge Männer heim und saugen ihnen das Blut aus. Diese Vampire bewegen sich lautlos in der Dunkelheit und tauchen unvermittelt vor ihren Opfern auf. Bruxae können die Gestalt wunderschöner junger Mädchen annehmen, weshalb manche sie mit Wassernymphen verwechseln, doch ihre langen Fangzähne und ihr unverhohlener Blutdurst verraten sie immer…“. Atheris erreichte den Nebeneingang zum Stall, in seinem Gesicht traten auf Grund des Trankes seine Adern bereits schwarz hervor. Er riss die Tür auf und stürmte in die Stallung. Sein Blick wanderte sofort Richtung Heuboden, auf dem er die beiden Liebenden bereits das letzte Mal vorgefunden hatte. Er erkannte nur noch Charlottes roten Schopf, weitere Ähnlichkeit hatte das Wesen, das er über Logan gebeugt sah, nicht mehr mit dem hübschen Mädchen gemein. Er bündelte alle seine verbliebenen magischen Reserven und wirkte das Ard-Zeichen, welches für Atheris‘ Verhältnisse eine sehr heftig ausfallende Druckwelle auslöste, durch welche die beiden vorderen Stützen des Dachbodens weggerissen wurden. Logan und der Vampir krachten hart auf den Stallboden, Atheris näherte sich mit einem riesigen Satz und mit einem gut platzierten Stoß durchbohrte er die Brust der Bruxa. Für einen kurzen Moment stiegen schon Triumphgefühle in dem älteren Hexer auf, und ein zufriedenes Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab, als er sein Schwert mit einem Ruck aus dem Körper des Monsters befreite, um zu einem weiteren tödlichen Schlag in Richtung Hals auszuholen. Im letzten Moment blockte der Vampir mit seinen scharfen Klauen die Klinge. Den Gegenangriff mit der anderen Klaue konnte Atheris gerade noch mit der Parierstange seines Schwertes abfangen. Mit wilden Hieben trieb Charlotte den Hexerlehrling zurück. Gerade als sich eine Kontermöglichkeit ergab und er einen tiefen Stoß in Richtung Kehle platzieren wollte, löste sich das Wesen vor ihm in Luft auf. „Verdammt, ich wusste nicht, dass die das können!“ fluchte der Hexer und bewegte sich vorsichtig in Richtung Logan, der gerade dabei war wieder zu sich zu kommen. „Über dir, Atheris!“ schrie Logan. Der Angriff des Vampirs kam von oben, aber dank Logan konnte Atheris gerade noch reagieren: Es fehlte nicht viel und ihre Klauen hätten ihm seinen Hals zerfetzt, so aber gruben sich die Krallen tief in seine linke Schulterrüstung und hinterließen drei tiefe Schrammen im Stahl. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis Atheris es schaffte, sie mit einem Schlag des Schwertknaufes, den er ihr mitten ins Gesicht verpasste, abzuschütteln. Die Bruxa taumelte nun schwer im Gesicht getroffen von dem Hexer weg. Es sah so aus, als ob der Schlag sie ein paar Zähne gekostet hatte „ich glaube du hast da was verloren!“ schrie der Hexer und setzte ihr nach, und mit einer schnellen einstudierten Folge von Hieben, die er sich von seinem Meister abgeschaut hatte, konnte er dem Wesen noch einige Wunden hinzufügen. Bevor er jedoch den letzten, vermeintlich tödlichen Hieb des Ausfalls setzten konnte, löste sich der Vampir wieder in Luft auf, so dass der Hau nur die Luft zerschnitt. „Verdammt!“ fluchte Atheris und nahm sofort wieder seine Hut ein. Die Pferde wieherten und der schwarze Ker’zaer war inzwischen kurz davor, die Tür seiner Box zu zerlegen. Er blickte sich in alle Richtungen um und versuchte in seinen Bewegungen kein Muster erkennen zu lassen. Sein Blick suchte Logan, doch er konnte seinen Freund nicht mehr sehen. Ein Fußabdruck auf dem von Hafer und Stroh bedeckten Boden verriet den nächsten Angriff des Vampirs. Mit einer schnellen Drehbewegung verbunden mit einem tiefen Ausfallschritt gelang es Atheris erneut das Wesen mit einem präzisen Stoß zu durchbohren. Die Wucht des Angriffs des Vampirs warf beide zu Boden, und der Hexer konnte seine Klinge nicht mehr befreien. Die beiden rollten ineinander verschlungen über den Boden. Atheris versuchte immer wieder mit kurzen, aber harten Faustschlägen, sich einen Vorteil zu verschaffen und so das Wesen abzuschütteln, aber sie erzielten leider nicht die erhoffte Wirkung. Letztendlich war es die Bruxa, die es schaffte, den Hexer am Boden festzunageln, und ihre Fänge gruben sich in seinen Hals. Gerade als er dabei war das Bewusstsein zu verlieren durchbohrte eine lange Silberklinge den Kopf des Monsters. Ihre Augen brachen und die Bruxa verwandelte sich zurück in das junge Mädchen. Logan zog langsam seine Klinge zurück, und man konnte ihm ansehen, dass er innerlich zutiefst erschüttert schien. „Danke Logan, das war im aller letzten Moment!“ stöhnte Atheris, sichtlich gezeichnet von dem Kampf, versuchte er sich zu erheben. Gerade als die beiden den Stall verlassen wollten, kam der Wirt hereingestürmt. Als er seine Tochter tot am Boden liegen sah, brach er in Tränen aus, und er begann mit einem lauten Wehklagen. Logan ergriff das Wort und erklärte im ruhigen Tonfall dem verzweifelten Mann, was sich zugetragen hatte und dass dies hier mit Sicherheit nicht seine Tochter war. Der junge Hexer blieb beim verwirrten Mann, während Atheris sich zurück zum Zimmer schleppte. Er suchte in der kleinen Holzkiste die rote Flasche mit der Aufschrift „Schwalbe“ und trank den Inhalt in einem Schluck. Es schmeckte etwas bitter, aber er hatte sich in letzter Zeit leider an den Geschmack gewöhnen müssen. Mit dem Gedanken, die Welt wieder ein wenig sicherer gemacht zu haben, legte sich Atheris auf sein Bett, vertraute sich der Wirkung des Trankes an und fiel Dank des enthaltenen Diethylethers in einen tiefen heilenden Schlaf. Vier Tage später ließ der Schneesturm endlich nach und auch Atheris war wieder in einem Zustand, der ihm eine Weiterreise erlaubte. Logan hatte die Pferde gesattelt und die Ausrüstung sicher verstaut. Es fehlte nur noch die geheimnisvolle kleine Truhe, die Atheris mit sich trug. Nach einer kurzen Verabschiedung gaben die beiden Hexer ihren Reittieren die Sporen und machten sich auf die längst überfällige Weiterreise.

Der Wirt beobachtete die beiden Reiter, wie sie in der Winterlandschaft verschwanden. Das Wesen, das sich hinter ihm aus dem Nichts materialisierte, bemerkte er dabei nicht.


Vertigo - Teil 1 - Gift und Biebermütze

Vertigo - Teil 1 - Gift und Biebermütze

Metagame

von Earl

Es roch durchdringend nach Alkohol, Schweiß und Rauch. Das Gasthaus „Schwarze Rose“ hier in Dreiberg war ein kleines, etwas abseits des Stadtzentrums gelegenes Etablissement. Es war proppenvoll und unglaublich laut. An der Theke drängten sich die Zecher und schrien abwechselnd nach mehr Bier, Wein oder Schnaps. Und mit jedem Mal wurden die Rufe gellender, unverständlicher und mit noch mehr unflätigen Ausdrücken geschmückt. Zwischen den Gästen drängten sich die Huren und stellten ihre Argumente in engen Miedern und weit ausgeschnittenen Blusen zur Schau. An den Tischen ging es wie auch am Ausschank laut und geschäftig zu. Mindestens genauso viele Kopper und Kronen wechselten den Besitzer mit atemberaubender Geschwindigkeit. Es wurde gespielt. Würfel rollten, Karten wurden triumphierend auf Tische geworfen. Wetten wurden abgegeben, ob sich Gast X nun tatsächlich auf Hure Y einließ. Laute Pfiffe der Verlierer und Triumphjubel der Gewinner hallten von den gekalkten Wänden wider.

„Komm, los Mann. Eine Runde noch. Ich will ´ne zweite Chance du Hohlbirne!“, lies sich ein Untersetzter aus einer der Würfelrunden vernehmen. Ein anderer, der aufgestanden war und sich gerade zum gehen wandte drehte sich um. „Bleib locker Ullrich, ich nehm dir dein restliches Geld noch früh genug ab. Es is´ spät. Ich will heim. Muss morgen früh raus.“, schrie die Hohlbirne gegen den Lärm an, gähnte und schob sich die rote Biebermütze mit den Rabenfedern auf dem Kopf zurecht. Der untersetzte Ullrich lachte dröhnend auf. „Ach was, die Nacht is´ noch jung und die Huren frisch“, mit diesen Worten packte er der am nächsten stehenden Dirne an den Hintern, worauf er sich direkt eine schallende Ohrfeige von ihr einhandelte. „10 Kopper du Sau!“, schrie ihn die Dirne an. Ullrich wandte sich um, wollte seinen Kumpanen fragen, ob er den Preis angemessen fände, doch der andere war bereits Richtung Tür verschwunden.

Hieronymus torkelte hinaus auf die enge Gasse. Er schloss hinter sich die Türe zum Gasthaus und sofort sank der Lärmpegel ab. Tatsächlich fiepte nun ein unerträglicher Ton in seinen überreizten Ohren. Mit einem tiefen Zug atmete er die frische, kühle Nachtluft ein und fast augenblicklich traf ihn die volle Wucht des Alkohols, den er den ganzen Abend in sich hinein gekippt hatte. Er taumelte kurz und musste sich an einem der Butzenfenster der „Schwarzen Rose“ abstützen. In seinem Kopf drehte sich alles. Er atmete schneller, versuchte den Ekel in der Magengegend abzuschütteln, doch es gelang ihm nicht. Mit einem lauten Würgen erbrach er sich gegen die Fachwerkfassade. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Noch einmal schüttelte es ihn krampfartig und er übergab sich abermals platschend gegen die Wand. Er taumelte rückwärts und wischte sich mit dem Handrücken Reste seines Mageninhalts und Speichel von Mund und Kinn. „Scheiße, der letzte Wodka war schlecht.“, flüsterte er schwer atmend. Als er sich etwas beruhigt hatte und wieder klarer denken konnte wurde ihm erst bewusst, was er da gerade angerichtet hatte. Schnell drehte er sich um und verließ unsicheren, torkelnden Schrittes die Szenerie Richtung Obermarkt.

Am nächsten Morgen erwachte er mit heftigen Kopfschmerzen. Durch das geschlossene Fenster fielen einige wenige Sonnenstrahlen in denen Staubkörnchen tanzten. Hieronymus setzte sich auf und zog sich den verbeulten Hut aus dem Gesicht. Er sah an sich hinab, er trug immer noch Hemd, Hose und Schuhe. Mit einem Stöhnen fiel er zurück in die Kissen und versuchte sich an den Heimweg zu erinnern. Doch irgendwie prangte in seiner Erinnerung ein gähnendes Loch. Er wusste, dass er die steile Treppe zu seiner Kammer erst nach mehrmaligen Anläufen hatte erklimmen können. Doch wie er es ins Bett geschafft hatte, wie er es überhaupt geschafft hatte, die Türe zu öffnen war ihm rätselhaft. Er schlief erneut ein.

Nach weiteren zwei Stunden erwachte er. Diesmal ging es ihm schon besser. Er griff zu einem Fläschchen mit einer orangefarbenen Flüssigkeit auf seinem Nachttisch. Er besah sich den Korken und den Wachsrand, befand dass niemand während seiner Abwesenheit die Flasche manipuliert hatte und entkorkte eben jene. Er leerte den Inhalt mit einem Zug, verzog das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse und schüttelte sich. „Uähh, dieses Siffzeug. Ich trink nie mehr Alkohol.“ Der Redanier schlug die Decke zurück und versuchte sich zum Aufstehen zu Motivieren. Beim dritten Anlauf gelang es ihm und er schwang sich abrupt aus dem Bett. Fast augenblicklich kehrten die Kopfschmerzen zurück. Er fasste sich mit schmerzverzerrter Miene an die Stirn und hielt kurz inne, bis die Schmerzen sich auf ein erträgliches Maß eingependelt hatten. Hieronymus zog sein Hemd aus und warf es in die Ecke, wo sich bereits ein kleiner Haufen Wäsche befand. Er ging zu einem Tisch mit Spülschüssel am Fenster, öffnete jenes und goß aus einer bereit gestellten Karaffe kühles Wasser in die Schüssel. Einen Moment lang beobachtete er die bunte Menschenmenge, die sich unten auf der Gasse tummelte. Hie und da bellte ein Hund, Hühner gackerten, man rief sich Grüße zu. Er riss sich von dem Anblick los und wusch sich schnell aber gründlich den Mief der vergangenen Nacht vom Leib.

Als er ein frisches Hemd angezogen hatte, fingerte er seine rote Biebermütze mit der silbernen Entenbrosche und den Rabenfedern zwischen den Falten der Bettdecke hervor und griff sich dann seine Fechtjacke vom Haken an der Wand neben der Türe und zog sie an. Vom Tischchen daneben nahm er seine fingerlosen Handschuhe und streifte auch diese über. Er zog sich die modisch geschnittene Jacke glatt und kontrollierte das Rote Wappen mit dem weißen Adler. Der Redanier befand, dass damit alles in bester Ordnung war. Als er schon fast zur Türe hinaus war, fiel ihm auf, dass er seinen Gürtel vergessen hatte. Hieronymus stöhnte genervt auf.

Als er den Gürtel mit seinen Ausrüstungstaschen und dem Hodendolch endlich am Fußende seines Bettes gefunden, sich gegürtet und das Haus verlassen hatte war eine gute halbe Stunde vergangen. „Moin Hieronymus!“, rief sogleich ein kleiner rattengesichtiger Mann der drei Häuser weiter gerade noch mit einem Händler um ein paar Schuhe gefeilscht hatte. Nun eilte er die Straße herauf und gab dem Junker vom Aschenberg die Hand. „Grüß dich Wilmund. Na, was führt dich hier herauf in die Strohgasse? Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du nur wegen einem Paar Schuhe hier bist.“ Hieronymus grinste verschwörerisch. Auch Wilmund grinste. „Weißte, gestern Nacht hat jemand Mara Haager ans Bein gepisst. Du weißt doch. Ihr gehört die „Schwarze Rose“. Irgendein Depp hat es geschafft anderthalb Meter der Gasthausfassade voll zu kotzen. Sie hat mich beauftragt den Trunkenbold zu finden, der das zu verantworten hat. Sie hat was von Prügel und Hausverbot gefaselt.“ Mit einem Mal wurde es Hieronymus ziemlich warm unter der Mütze und er nahm sie ab. „Puhh, Wilmund. Das is‘ keine leichte Aufgabe oder. Wie willst du den denn finden?“ Der Rattengesichtige machte eine siegessichere Miene. „Is doch ganz klar. Ich pick mir einen der vielen Suffköppe raus, die hier oben am „Goldbarsch“ rumlungern. Den füll ich richtig ab und bring ihn ihr vorbei. Todsicheres Ding.“ Hieronymus kratzte sich am Kopf. „Ja klar, todsicher. Du temerischer Fuchs. Tja, weißt du ich muss dann auch mal weiter. Zum Mittag ist in der Kaserne eine Besprechung der Offiziere angesetzt. Na dann. Wir sehen uns.“ Und ohne ein weiteres Wort abzuwarten eilte der junge Stabsunteroffizier in die entgegengesetzte Richtung davon.

Er kam an Lädchen und Marktständen vorbei, an offenen Kochstellen über denen Fleisch auf Rosten brutzelte, an ein oder zwei Gauklertruppen und an einem Bärendompteur. Als er schließlich an der Taverne „goldener Adler“, die an einem großen Marktplatz lag, hielt um sich einen Schluck Bier zu genehmigen begann gerade auf der anderen Seite des Marktes ein Barde in malvenfarbenem Doublet und mit keckem Hütchen gleicher Farbe zu singen und dazu zu Klampfen. Als er das Gasthaus wieder verließ war der Barde verschwunden. Hieronymus ging über den Markplatz. Wieder vorbei an Ständen. Er entschied sich für eine Abkürzung zur Kaserne, die zwischen zwei großen Stadthäusern hindurch führte.

Als er in die enge Gasse eingetreten war, bemerkte er zwei Kerle, die in etwa 3 Meter entfernt herum lungerten. Einer von ihnen trug einen breitkrempigen braunen Hut und einen alten zerschlissenen Gambeson. Der Andere hatte sich die langen Haare zu einem festen Knoten im Nacken gebunden und trug eine auffällige rote Weste. Sofort machte sich ein Kribbeln in Hieronymus Nacken breit. Der Junker zögerte nicht, sondern ging schnurgerade zwischen den beiden Häuserfassaden weiter. Als er noch etwa 4 Schritt entfernt war zog der Schläger mit dem Hut einen Katzbalger aus der Scheide an seiner Hüfte. Der andere mit den langen Haaren griff sich einen herum liegenden faustgroßen Sandstein vom Boden und zog ebenfalls seine Kurzwehr blank. Sie harrten einen Moment aus. Dieser Moment reichte dem Stabsunteroffizier um mit der rechten seinen Dolch und mit der linken Hand eine etwa 20 cm lange Nadel aus der Hutkrempe zu ziehen. Dann sprangen die beiden Angreifer los. Der Hutträger hieb von links unten zu. Mit einer Halbdrehung entzog sich der junge Offizier dem Hieb, sah sich allerdings zugleich mit einem Stich des Langhaarigen auf sein Gesicht konfrontiert. Er zog im letzten Moment den Kopf zur Seite und machte einen Ausfallschritt nach rechts. Er zog das linke Bein nach, duckte sich unter dem herannahenden Sandstein hinweg und rammte dem langhaarigen die Nadel tief ins Knie. Sein Gegner schrie auf und ließ den Sandstein fallen. Diesen kleinen Triumph nutzte Hieronymus um ihm den Hodendolch knapp über der Hüfte in die Seite zu stechen. Blut schoß aus der Wunde hervor und lief dem Junker sogleich über die Hand. Er rutschte mit der Hand vom Dolch ab und kam aus dem Gleichgewicht. In der Zwischenzeit hatte der breitkrempige Hut die Distanz überwunden. Geistesgegenwärtig griff der junge Mann nach dem fallen gelassenen Stein und blockte damit den Katzbalger. Der Mann mit der roten Weste war gerade im Begriff vor Schmerzen in die Knie zu gehen, da packte ihn Vertigo, riss ihn hoch und drückte ihn zwischen sich und den nächsten Stich des Katzbalgers. Der konnte nicht mehr stoppen und durchbohrte den Langhaarigen auf Brusthöhe. Ein letzter Schrei. Dann war er Tod.

Doch schon hatte der Mann mit dem Hut sein Kurzschwert zurück gezogen, trat zwei Schritte vorwärts und setzte zum nächsten Angriff an. Sein Gegenüber mit der Biebermütze nutzte den Moment um ihm den Sandstein entgegen zu schleudern. Dann hob er schnell die Kurzwehr des Gefallenen auf und startete seinen Angriff. Eine schnelle Finte rechts oben, dann das Schwert nach unten ziehend in Richtung des Oberschenkels. Doch sein Gegner hatte nicht geschlafen und sein Schwert ebenfalls nach unten gerissen. Klirrend trafen die Waffen aufeinander. Doch Hieronymus war schon einen Schritt weiter. Er riss die Faust hoch und verpasste dem Hutträger einen Schlag auf die Nase. Diese brach knackend. Für einen Moment war er vom Schmerz geblendet und gab Hieronymus die Chance abermals zuzuschlagen. Er ließ den Katzbalger fallen. Auch Hieronymus senkte seine Klinge. „Wer hat dich gekauft? Wer hat dich für meinen Tod bezahlt? Die Nilfgaarder? Hääh? Machs Maul auf.“ „Leck mich“, presste sein Blut überströmter Gegner hervor. Krachend traf sein Schädel auf das Fachwerk eines der Stadthäuser. Und noch einmal knallte sein Kopf gegen die Wand. Blut lief unter seinem Hut hervor. „Und jetzt?“ Ein blutverschmiertes Grinsen. Hieronymus verlor nun tatsächlich die Geduld. Er stieß seinen Angreifer zu Boden. Trat ihm hart gegen den Kopf. Ein leises Stöhnen. Hieronymus bückte sich zu seinem Opfer hinab. „Was hast du gesagt?“ „Grüße von Emhyr du redanischer Hurensohn!“ Und mit diesen Worten schnellte ein Stilett hervor und durchbohrte Vertigos Wade. Schreiend ging Hieronymus in die Knie. Er riss das Stilett aus seinem Bein und rammte es seinem Gegner durch den Hals. Ein Röcheln. Dann war der Attentäter Tod.

Hieronymus erhob sich unter Stöhnen. Er presste die Zähne zusammen und fingerte an seiner Gürteltasche mit den Trankfläschchen herum. Schnell fand er, wonach er gesucht hatte. Eine Phiole mit gelber zäher Flüssigkeit. Mit zitternden Fingern entkorkte er das Gefäß. Er spürte bereits das Kribbeln im Bein. Mit einer vergifteten Klinge hatte der junge Offizier gerechnet. Hieronymus kippte also schnell den pulshemmenden Stoff hinunter. Mit etwas Glück würde er es schnell genug zum Offizierslazarett schaffen. Schon taumelte er dem Licht der belebten Straße entgegen. Die Flüssigkeit begann seinen Puls zu schwächen. Die Augenlider flimmerten, die Ränder seines Sichtfeldes verschwammen. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht! Hieronymus presste ein Stöhnen hervor. Blut hatte seine Hose und das Fußbett seines linken Schuhs durchtränkt. Er schlurfte unter Aufbietung seiner letzten Kräfte der großen Straße entgegen. Er fiel vornüber. Direkt vor die Füße einer Stadtpatrouille. Seine Lippen formten die Worte: „Offizierslazarett. Vergiftung. Schnell.“ Dann umfing ihn Dunkelheit.

„Hier lang. Schnell. Hier herüber. Nein da lang. Los Beeilung. Er wurde vergiftet. Ja. Und er hat viel Blut verloren. Wir müssen sofort handeln.“

Kopfschmerzen und ein dumpfes Pochen im linken Bein weckten Hieronymus auf. Er blinzelte, konnte jedoch nichts erkennen, denn das Licht blendete ihn. Also schloss er die Augen wieder. Wie durch einen dicken Wattebausch nahm er Geräusche wahr, konnte jedoch nicht klar genug denken um sie genauer zu verorten. Stöhnend versuchte er seinen Kopf frei zu bekommen und nach ein paar Augenblicken gelang ihm das tatsächlich. Nun konnte er auch die Augen einen Spalt breit öffnen. Er lag offenbar unter einem weit geöffneten Fenster und darüber erstreckte sich eine tiefe Balkendecke. „Können Sie mich hören? Hieronymus Katz. Können Sie mich verstehen?“ Hieronymus drehte leicht den Kopf (was ihn schon eine gewaltige Kraftanstrengung kostete) und erblickte eine große Gestalt in grün. Er versuchte zu antworten, doch es kam nur ein brüchiger Laut heraus. „Er ist noch zu schwach. Er braucht mehr Ruhe.“

Hieronymus musste wieder eingeschlafen sein, denn als er das nächste Mal zum Fenster empor sah, war es geschlossen und nur einige wenige Sonnenstrahlen fielen rot glühend durch die Butzenscheiben. Und auch diesmal war sofort jemand da, der sich nach seinem Befinden erkundigte. Und diesmal, konnte er antworten: „Ja. Ja ich..verstehe. Mir geht’s gut.“ brachte er mühsam hervor. „Herr Katz ruhen Sie sich aus.“ Doch er wollte sich nicht ausruhen. Er hatte sich genug ausgeruht. Wie lange hatte er wohl schon in diesem Zimmer verbracht? „Wie lange?“, erkundigte er sich leise. „Wie bitte? Ach so! Nun in ein paar Stunden sind Sie seit genau 9 Tagen hier im Offizierslazarett“, gab die grüne Gestalt zum Besten. Seit 9 Tagen! Seit 9 Tagen schon lag er untätig hier herum! Er hatte seine Besprechung mit den anderen Offizieren der Dreiberg-Division verpasst! Er hatte den Auftritt von Lea van Dyken im „Drei Kronen“ verpasst! Hätte er es gekonnt, so hätte er sich jetzt wohl mit der Hand vor den Kopf geschlagen. Stattdessen stieß er hart die Luft aus. „Was ´s passiert?“, erkundigte er sich weiter. „Sie müssen sich ausruhen. Herr Katz. Hören Sie.“

Hieronymus schreckte hoch! „Wie lange? Was passiert?“, plärrte er. Und noch während er das tat, sah er sich zum ersten Mal richtig um. Da standen weitere Betten. Mindestens 5 in einem langen Raum mit niedriger Balkendecke. Nur 2 andere Betten waren belegt. Und die beiden Offiziere sahen nun zu ihm herüber. „Ey Mann. Halt die Fresse! Du bist hier nicht alleine!“, rief einer der beiden. Der Junker vom Aschenberg versuchte sich zu sammeln, spähte angestrengt im Raum umher, konnte allerdings niemanden außer den beiden Leidensgenossen sehen…. Er schlug augenblicklich die Decke zurück und sprang aus dem Bett, fiel allerdings sofort vorn über und schlug hart auf dem Boden auf. Seine Beine schmerzten und das linke Bein pochte immer noch sehr unangenehm. Während er sich wieder aufrichtete tropfte Blut aus seiner aufgeschlagenen Nase, doch das störte ihn nicht. Auch das Lachen der beiden anderen Offiziere störte ihn nicht, im Gegenteil, es stachelte ihn an. Und so erhob er sich vollends und machte einige langsame Schritte, wobei er das Gesicht schmerzerfüllt verzerrte. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Das hier war also das Offizierslazarett in Dreiberg. Hmm. Irgendwo hier mussten seine Sachen aufbewahrt werden. Nur wo? Er blickte sich um, doch da flog schon die Türe am Ende des Raumes auf und herein marschierte ein Medicus, der Vertigo vorwurfsvoll ansah: „Sofort zurück ins Bett! Sind Sie noch bei Trost? Sie haben …“ Doch Hieronymus Katz vom Aschenberg hörte ihm gar nicht zu, er hatte besseres zu tun. Grob stieß er den Mann in Grün beiseite und näherte sich dem Ausgang. „Sie sind doch irre! Ich hole die Wachposten!“, rief der Medicus laut und rannte los. „Gut“, rief ihm Vertigo mit rauher Stimme hinterher, „dann können Sie auch gleich Nikolas Treuhand her schleifen! Ich will eine Unterredung mit ihm und zwar sofort! Und bringen sie mir meinen Hut, sonst hol ich mir hier drin ja noch eine Erkältung.“

Eine halbe Stunde später saß Vertigo, lediglich mit leinenem Hemd, Bruche und knallroter Biebermütze bekleidet im Garten des Offizierslazaretts auf einer Bank, beobachtete die Bienen bei der Arbeit und wartete darauf, dass Nikolas Treuhand endlich auftauchen würde. Man hatte versucht ihn mit Gewalt zurück ins Bett zu befördern, doch erst nachdem er einen der Wachposten unter größter Anstrengung zu Boden geschlagen hatte und verlangt hatte, man möge sich Dienstschlüssel und Berechtigungsstufe in seiner Militärakte ansehen, da war man bereit gewesen nach Nikolas Treuhand, dem Chef der Abteilung für leichte Kavallerie der Dreiberger Stadtsicherheit, zu schicken.

Nikolas Treuhand war ein Oberst im Dienste des redanischen Militärgeheimdienstes und hatte natürlich nur sehr wenig mit der Stadtsicherheit von Dreiberg zu schaffen, gab es doch offiziell sowieso nur 2 leichte Kavallerieeinheiten bei der Stadtsicherheit Dreibergs. Inoffiziell lag diese Zahl bei 15. Diese Kavallerieeinheiten des Geheimdienstes waren in der gesamten Stadt und im Umland von Dreiberg stationiert und warteten nur darauf in sämtliche Himmelsrichtungen losgeschickt zu werden um Handelspapiere sicher zu stellen, Truppenbewegungen der Scoi’iateal und Nilfgaarder Verbände auszukundschaften, wichtige Handelsmissionen zu schützen usw.

„Haltung annehmen, Oberst Nikolas Treuhand anwesend!“, gebot eine raue Stimme. Vertigo schreckte aus seinen Gedanken hoch, sprang auf und salutierte. Einen Moment blieb es still, dann gebot dieselbe Stimme „Rühren Herr Stabsunteroffizier.“ Er legte die angespannte Haltung ab und drehte sich zu Nikolas Treuhand um. Der Chef der Geheimdienstabteilung war ein Mann in den Dreißigern, er hatte rabenschwarzes Haar und einen ebenso schwarzen Vollbart. Er war Hochgeschossen und äußerst sehnig. Der Oberst trug eine schwarze Cotte aus Samtstoff und darüber den typischen Offiziersgarnasche der Reitereieinheit von Dreiberg. „Nun Vertigo, ich sehe du bist wohlauf. Wir hatten größte Bedenken ob wir dich jemals wieder für den aktiven Dienst einsetzen könnten. Aber du hattest offenbar einen guten Einfall und sehr großes Glück obendrein. Das Herzschmerz einzusetzen, um die Durchblutung zu verlangsamen und dadurch die Ausbreitung des Giftes zu stoppen war sehr schlau und sehr dumm zugleich. Du hattest gerade einen Kampf hinter dir, warst aufgepeitscht und dein Puls war hoch. Dagegen dieses Zeug anwirken zu lassen war, als würdest du einem Pferd in vollem Galopp einen Baumstamm vor die Hufe werfen. Du bist zusammengebrochen, weil dein Körper das nicht verkraftet hat. Hätte dich nicht die Patrouille gefunden wärst du wahrscheinlich tot. Du kannst dich glücklich schätzen, dass es kein neuartiges Gift war und die Medici hier im Hospital so gut ausgebildet sind. Es hat in der Woche vor dem Angriff auf dich schon zwei weitere Anschläge auf Geheimdienstler gegeben. Die beiden hatten nicht so viel Glück.“

Einen Moment herrschte Stille. Dann fragte Hieronymus: „Was sagen die Ärzte, bin ich tauglich? Wann kann ich zurück in den Dienst? Der Drahtzieher hinter dieser Sache muss gefunden werden. Gibt es da schon Hinweise? “ „Nee du. Es gibt keine weiteren Befunde bei dir. Zumindest nicht, dass wir wüssten. Die Medici hätten dich allerdings gerne noch ein paar Tage hier behalten um sicher zu gehen, dass es da nicht doch irgendwas gibt“, antwortete Nikolas reserviert. „Ach was! Mumpitz! Ich muss zurück in den Dienst. Ich bin tauglich!“, beteuerte Hieronymus. „Es liegt nicht in deinem Aufgabengebiet das festzustellen! Reiß dich zusammen Mann. Ich brauche Leute, die gesund und einsatzfähig sind. Keine kranken Krähen, die plötzlich im Einsatz vom Gaul kippen! Die Drahtzieher sind übrigens gefunden. Oder was dachtest du, was der Geheimdienst die letzten 15 Tage seit dem ersten Attentat gemacht hat? Wir stehen kurz vor der Festnahme der betreffenden Personen. Rotte 7 wird sich morgen Mittag um diese Angelegenheit kümmern. Du kannst dich also ganz beruhigt noch ein paar Tage ausruhen. Unternimm ein paar Spaziergänge im Garten. Leg dich auf die faule Haut. Und in ein paar Tagen bist du wieder voll einsatzfähig.“

Der Junker nickte langsam, in seinem Kopf arbeitete es bereits. „Na gut, aber was wenn mich die Medici bis morgen Mittag für tauglich befinden?“ Nikolas zog eine Augenbraue streng nach oben: „Was willst du damit sagen?“ „Ist doch klar. Wenn ich tauglich bin, überträgst du dann der Rotte 3 den Einsatz? Du weißt du schuldest mir noch was!“ Nikolas lachte: „Scheint als wärst du tatsächlich schon wieder ganz der Alte. Du Gauner. Ja. Ja gut. Sollte man dich für tauglich befinden, was man nicht tun wird, dann kriegst du den Auftrag. Abgemacht!“

Die beiden hatten sich unter Händeschütteln verabschiedet und als Nikolas gegangen war, hatte Vertigo einen der Heileradepten losgeschickt, ihm einige seiner Habseligkeiten zu holen und ihn dann sofort mit einem wichtigen Auftrag in die Oberstadt weiter geschickt. Er lachte bei dem Gedanken daran, welch dummes Gesicht Nikolas machen würde, wenn er, Hieronymus Katz Junker vom Aschenberg, morgen früh voll tauglich bereit stehen würde. Bester Laune ließ er sich auf einer Bank im sonnendurchfluteten Garten nieder, schob die rote Biebermütze in den Nacken und steckte sich seine Pfeife an.


Ein befellter Bote

Ein befellter Bote

Metagame

von Pam

„Schon wieder Post für Mei? Sind wir ne Hexerschule oder die Poststelle von Solonia? Niemand kann so viele Briefe bekommen und sie auch noch lesen. Sie bekommt Briefe und merkwürdig riechende Päckchen und ist daraufhin wieder irgendwo unterwegs. Wenn sie nicht meine Tochter wäre und ich ihr nicht vertrauen würde, wäre ich wahrlich ziemlich irritiert und würde hinterher schnüffeln.“ „Ja und zum Glück bist du ein so toller Ziehvater, dass du Mei so sehr vertraust und dies nie in Erwägung ziehen würdest!“

Nella stand in Valerians Schreibzimmer und hielt einen Brief in der Hand. Einer von vielen in letzter Zeit. Dieser hier roch etwas nach gebratenem Speck. Mal eine Abwechslung, dachte sich Valerian. „Ist Mei nicht im Turm?“, kam es etwas pampiger von Valerian zurück wie er es eigentlich beabsichtigt hatte. Nella schüttelte nur den Kopf und legte den Brief auf Valerians großen Holzschreibtisch. „Ich bin direkt zu dir. Der Bote drückte mir den Brief in die Hand und war schon wieder weg. So viel ich weiß, ist sie in ihrem Zimmer und packt.“, antwortete die in rot und weiß gekleidete Magierin mit ihren langen blonden Haaren, welche sie seitlich mit einer Strähne nach hinten gebunden hatte. „Ich wollte sie nicht stören. Bist du bitte so gut und gibst ihn ihr, danke!“ Ohne auf eine Antwort Valerians wartend, drehte sich Nella schon um und war im Begriff zu gehen. Die Stimmung auf Kaer Iwhaell war seit den Ereignissen um Wim und Isador auf allen Seiten ziemlich angespannt, da sie Wim zwar von ihm hatten lösen aber ihn nicht gänzlich vernichten konnten. Wenigstens ging es Wim den Umständen entsprechend gut und der Hexermeister hoffte, so etwas bei einem seiner Familienmitglieder nie mehr durchmachen zu müssen. Er hatte erst mal die Schnauze voll von diversen Bessenheiten oder sonstigen seelischen Übernahmen, welche nicht auf Gegenseitigkeit beruhten. Erst jetzt realisierte Valerian was Nella soeben sagte. Bevor diese durch die Tür in den langen Flur verschwand, sprach er sie etwas verwirrt an. „Wie? Was? Häh … Mei packt. Wo geht sie denn jetzt schon wieder hin? Sie war doch erst vor kurzem ewig auf Skellige unterwegs.“ „Wenn sie dir es nicht sagt, warum sollte sie es ausgerechnet mir erzählen?“, grinste Nella frech und war schon halb aus dem Zimmer.

In dem Moment stand plötzlich Mei hinter ihr und hob ihre rechte Augenbraue. „Du kannst mich jetzt auch persönlich fragen, Vater.“, während sie das sagte drückte sie sich an Nella vorbei in die Schreibstube und schaute den verdatterten Valerian an. „Nicht das ich es dir erzählen würde aber die Zeit wird kommen und du wirst es erfahren, keine Sorge. Du weißt ich würde nichts tun ohne es vorher ordentlich geprüft zu haben und ich mir nicht hundert Prozent sicher wäre und außerdem ist da auch Zauberinnen Kram dabei, den du eh nicht verstehen würdest.“, man hörte von draußen ein leises und dumpfes Kichern. „Nur leider bedarf es meiner Anwesenheit bei diesem Problem. Ich habe meine Reise ja wegen Wim unterbrochen und nun setze ich diese fort. Damit ich das endlich hinter mir habe und längere Zeit hier bei euch bleiben kann. Ich reise ja schließlich nicht zum Vergnügen, mein lieber Vater.“ Mit jedem Wort schritt Mei langsam auf Valerians Schreibtisch zu und stützte sich nun auf diesem ab. Dabei sah sie ihn mit ihren zweifarbigen Augen eindringlich an um ihm zu signalisieren, dass sie die Wahrheit sprach und weiß was sie tat.

„Du weißt, du kannst mir vertrauen Valerian. Aber es gibt eben Dinge, die ich dir zu diesem Zeitpunkt noch nicht erzählen kann oder nicht sollte. Und falls es dich beruhigt, ich bin auf Ard Skellig unterwegs, gegeben falls mache ich noch einen kleinen Abstecher nach Faroe, wenn es die Umstände zulassen.“ Das Mei schon weitere Abstecher nach Oxenfurt, Novigrad, Kerack und in Solonia liegend die Auen besucht hatte, erwähnte sie nicht und dies sollte ihr Vater auch erst einmal nicht wissen. Zumal sie sich in große Gefahr begab, wenn sie nach Novigrad und Oxenfurt reiste. Dies allerdings nur unter größten Illusionszaubern die sie beherrschte. Denn erwischte man sie dort, würde sie dem Scheiterhaufen nicht noch einmal entgehen, so war sie sich sicher. Aber der Hintergedanke und aus welchen Gründen sie dies tat, waren gute Gründe und wegen IHR würde sie diese Gefahr auch zukünftig eingehen. Auch wenn Außenstehende Mei’s Beweggründe nicht nachvollziehen konnten, war die Zauberin es IHR schuldig, auf irgendeine banale Art und Weise. Wirklich erklären konnte sie es sich auch nicht, warum sie diese Gefühle für die kleine Schwarzhaarige hegte. Und was es genau für Gefühle waren. Sie musste helfen, egal wie. So war doch ihre Meinung immer gewesen, wenn sie die Fähigkeit und das Können besaß jemandem zu helfen, den sie wertschätzte und egal auf welche Art und Weise liebte, so tat sie dies auch. Ohne einen Vorteil daraus zu ziehen, wie es oft viele über Zauberinnen dachten.

Nach einigen Sekunden der Stille, durchriss die etwas raue Stimme Valerians ihre Gedanken. „… natürlich hast du Recht, aber … naja. Ich vertraue dir, Töchterlein. Hier ist übrigens, wer hätte es gedacht, ein Brief für dich. Gerade frisch eingetroffen aus …“, mit seinen Katzenaugen untersuchte er den Brief in seiner linken Hand. „… aus … keine Ahnung steht nix drauf. Hier!“ Der Hexer wedelte mit dem Brief vor Mei’s Nase herum und auch ihr stieg der Geruch von gebratenem Speck in die Nase. Begleitet von anderen Gerüchen, Eierkuchen und Hund, wenn sie sich nicht täuschte.
„Hmm riecht gut … oh da fällt mir ein ich muss Mila noch vor der Abreise füttern.“ „Wann holt Lennox die eigentlich mal wieder ab? Sie ist doch sicherlich schon wieder gesund oder? Ich würde mich mal wieder freuen ein leckeres, großen Stück Fleisch essen zu können, das wandert ja immer direkt zu Mila.“, raunzte Valerian etwas mürrisch und tat so als würde er in einem Dokument etwas lesen um dem strafenden Blick Mei’s zu entgehen.

„Kann sich nur noch um Tage handeln, ich musste das Bein vor ein paar Wochen nochmals operieren, da sich die Wunde entzündet hatte. Mila schleckte daran obwohl ich es ihr verboten habe. Nicht jedes Tier hört eben auf mich.“, sagte Mei lachend. „Also … ich verabschiede mich und passt auf euch auf, wenn etwas ist, wird Resta mich finden oder ein Spitzel von Heskor oder Vertigo. Ich liebe dich Vater. Mach’s gut!“. Sie ging um den großen Tisch herum und umarmte ihren Ziehvater länger wie sie es sonst tat. Mit dem Brief in der Hand verließ sie den Raum und begab sich in die Küche um das Futter für Mila zu holen. Die schwarze Pantherdame befand sich im Freilaufgehege neben ihrem Turm auf der kleinen Rasenfläche in den Ruinen und wartete sicherlich schon auf ein saftiges Stück Fleisch. Den Brief wollte sie nach der Portalreise in Ruhe lesen, so entschied die Zauberin.

Ungewohnt schlicht gekleidet, geschmückt mit einer Artefaktkette, welche ihren Fuchsschwanz und die Zähne verschwinden ließ, und die kupferfarbenen, langen Haare zu einem Flechtzopf zusammengebunden, betrat Mei die kleine Hütte auf Ard Skellig und fand alles wieder so vor wie sie es vor einigen Tagen verließ. Niemand machte sich an der Einrichtung zu schaffen, was hier nicht unüblich war. Sogar die Flasche Est Est stand noch auf dem Tisch. Zugegeben, verließ Mei die Hütte etwas überstürzt und hatte keine Zeit diverse kleinere Dinge wegzuräumen. Das holte sie mit einigen schnellen Handbewegungen nach und schon sah die kleine Holzhütte nicht mehr ganz so unordentlich aus.

Nachdem sie ihr kleines Gepäckstück in der großen verzierten Holztruhe verstaute, setzte sie sich auf das gemütliche weiche Bett und zog den Brief aus der Tasche. Das Sigel kannte sie nicht und deshalb zögerte sie erst etwas bis sie den Brief öffnete und zu lesen begann. Sichtlich überrascht las sie ihn zu Ende und war noch überraschter als sie den Absender erblickte. Ein Jarl schrieb ihr, DER Jarl aus Undvik, welcher vor ein paar Monaten noch ein Vagabund war und an dessen Name sie sich gut erinnern konnte. Zwar wurde er nur beiläufig als Rist bezeichnet, was wohl eine Abkürzung war, aber dennoch einprägsam genug. War bei ihr auch nicht anders, dachte sie. Sie starrte nochmals den Brief an: … vermutlich erinnerst du dich nicht mehr an unsere kurze Begegnung vor etwa zwei Jahren in Cintra. Ich wanderte damals als einfacher Vagabund an der Seite Annas … Und ob sie sich an diesen Kerl erinnerte. Etwas zottelige dunkle Haare zu einem Zopf zusammengebunden, nicht sehr groß, markante Gesichtszüge mit Bart und seine Kleidung verriet, dass er aus Skellige stammen könnte. Er hing bei dieser Begegnung immer wie eine Klette an Anna, daran erinnerte sie sich noch gut. Umso mehr wunderte es sie, wie dieser Mann es zu einem Jarl schaffte. Sie war allerdings auch nicht wirklich mit der Erbfolge der Skelliger vertraut. Mei las nochmals weiter und fing an sich mit Skoija zu unterhalten. „Hörst du das Kleine … er hat das dringende Bedürfnis sich mir zu unterhalten. Ich bin echt überrascht, dass ich nach all den vielen Briefen nun einen von Hjaldrist in den Händen halte. Ach wenn er wüsste, was ich schon alles wegen Anna unternommen habe. Das Schreiben hier bestärkt mich nun noch mehr. Eigentlich habe ich schon darauf gewartet, dass von ihm etwas kommt, schließlich ist er neben Vadim ein sehr guter Freund von Anna. Und das lustige, die beiden befinden sich hier in unmittelbarer Nähe. Ich könnte sie einfach besuchen und mich selbst davon überzeugen, wie es ihr geht. Was meinst du? Sie muss mich ja nicht sehen.“ Sie machte eine kurze Pause und wartete auf eine Antwort Skoijas.

„Ja du hast recht, es wäre zu riskant, dass Silven etwas davon mitbekommen könnte. Dann werde ich die beiden wohl erst auf dieser Insel Geddes treffen. Diese Insel … ich bin echt gespannt wie die so ist und es trifft sich so gut. Dann antworte ich dem Jarl wohl lieber gleich, bevor mir wieder etwas dazwischenkommt. Aber nett von ihm, dass er sich Gedanken darüber macht wie ich dort hinkomme. Was meinst du, Skoija? Die Olyckssyster im Hafen lassen und sich quasi kutschieren lassen … hmm lieber nicht, es ist zwar nett gemeint aber den Stress muss sich der gute Hjaldrist ja nicht machen. Er hat als Jarl sicher andere Probleme, zumal ich ja sowieso vor hatte mit den ganzen Zauberinnen und Filip via Schiff anzureisen.“ Was der Jarl aus Undvik beim Verfassen des Briefes nämlich nicht wusste, war die Tatsache, dass sie mit ihren Kolleginnen bereits beschlossen hatte, sich auf dieser besagten Insel Geddes zu treffen um dort Informationen auszutauschen. Auch bezüglich Anna, da manche ihrer Kolleginnen, vor allem Nyra, etwas schlampig waren, wenn es darum ging Ihr Informationen über den Briefweg zukommen zu lassen. Mit diesen Gedanken erhob sie sich und kramte in einem kleinen etwas schief geratenen Regal nach ihren Schreibutensilien. Nach kurzer Suche fand sie auch ein Papier welches nicht Opfer von Mäusezähnen wurde und schritt zu dem langen Eichentisch der am Fenster stand. Mit einer gekonnten Handbewegung ließ sie auf magische Weise das Fenster auffliegen und es strömte salzige und warme Luft in die Hütte. Einen tiefen Atemzug später setzte sich die Zauberin an den Tisch, breitete ihre Schreibutensilien aus und begann zu schreiben.

„So nur noch unterzeichnen, versiegeln und schon kann ich dich auf die Reise schicken.“, sagte Mei zu dem Brief vor ihr auf dem Tisch. Noch während sie dies aussprach, überlegte sie wie jetzt der Brief zu Rist gelangte. Momentan befand sie sich eher am Arsch der Welt, um so zügig einen Boten auftreiben zu können und ewig lange sollte der Brief hier nicht herumliegen oder auf dem Weg zum Jarl sein. Erfahrungsgemäß waren die Möwen nicht sehr geeignet um Briefe zu überbringen. Jetzt bereute sie es, dass sie ihren Raben Resta nicht hier hatte. Sie war verlässlich und wäre innerhalb einer Stunde locker von Ard Skellig nach Undvik und wieder zurückgeflogen. Nach einiger Gedenkzeit und einem Becher Wein entschied sie sich doch mit einem Portal die Insel zu wechseln und dort nach einem Boten Ausschau zu halten. Außerdem hoffte sie, dort jemanden zu finden der wusste wo sich Hjaldrist aufhielt. Mei wusste zwar, dass er auf Undvik war aber nicht genau wo er sich auf der kleinen Insel befand. Sie kannte die Insel zwar von früher aber war schon längere Zeit nicht mehr dort gewesen. Vielleicht zukünftig ja öfters, dachte sich die Zauberin. Sie zog sich schnell ein anderes dunkelgrünes Kleid an, steckte ihre Haare hoch und streifte sich ihre Brokat Gugel über den Kopf. Mit dem Brief von ihr und Rist bewaffnet verließ sie nicht einmal die Hütte um gekonnt und fast schon mit hypnotischen Armbewegungen und einem Spruch in ihrer Sprache sprechend, ein blau leuchtend, wabberndes Portal zu öffnen. Elegant schritt sie darauf zu, wurde von dem Leuchten verschluckt und mit einem dezenten Zischen schloss sich das Portal und Mei war verschwunden.

Die Luft auf Undvik war wie überall auf Skellige, salzig und warm, typische Insel-Luft eben. Entweder man mochte diesen Geruch oder man hasste ihn. Undvik war eine der kleineren Inseln der Skellige Inseln und lag zwischen An Skellig und Ard Skellig. Im Grunde sah sie wie jede hügelige Insel aus, eine Mischung aus kleineren Hügeln, bis hin zu großen Bergen bedeckt mit übersichtlichen kargen Baumgruppen oder kleinen Wäldchen, längeren kahlen Bodenabschnitten, viel Wasser und obenauf waren die Gipfel mit Schnee bedeckt. Undvik die Winterinsel, sie machte ihrem Namen alle Ehre.

An einem kleineren Wald standen einige Wildpferde und füllten ihre hungrigen Mägen mit den wenigen Gräsern die sie finden konnten. Plötzlich reckte ein junger Schimmel seinen Hals und schnupperte nervös in die Luft. Ein leises Wiehern entfuhr ihm, als er eine Veränderung in der Luft bemerkte, er spannte seine Muskeln an, bereit zur Flucht. Man vernahm ein immer lauter werdendes Zischen und die Luft begann bläulich zu flimmern. Als das Zischen seine endgültige Lautstärke erreicht hatte, schreckte das Pferd auf und hüpfte mit einem großen Satz zur Seite. Wo vor einigen Sekunden noch der Schimmel stand, öffnete sich plötzlich ein Portal und die rothaarige Zauberin schritt ebenso elegant wieder aus ihrem Portal heraus und stand nun auf der Wiese. So schnell sich das Portal öffnete war es auch schon wieder mit einem kleinen Aufblitzen verschwunden. Mei blickte sich um und sah das aufgeschreckte Pferd, welches sie nun mit großen, ängstlichen Augen anglotzte. Sie lächelte sanft und streckte ihre Hand dem Pferd entgegen aus und ließ es daran schnüffeln.

„Schhht, tut mir wirklich leid dich erschreckt zu haben. Ganz ruhig du schönes Geschöpf du.“, besänftigte sie den Hengst und legte behutsam ihre Hand auf seine Nüstern und streichelte seinen Kopf. Er duftete nach Freiheit und Wildheit, sein Fell war ganz weich und sie fühlte einen kleinen Wirbel auf seiner Stirn. Sie standen sich in der Zwischenzeit direkt gegenüber und Mei konnte ihre Stirn an die des Pferdes lehnen. Dann flüsterte sie: „Pass gut auf dich und deine Herde auf, hast du gehört!“ Der Hengst schnaubte hörbar wie zur Bestätigung aus und legte seine Ohren nach hinten. Nun bemerkte auch Mei die Stimmen in der Ferne. Sie streichelte dem Hengst noch einmal zur Verabschiedung den Kopf. „Ahh die können mir sicher sagen wo ich den Jarl finde. Mach’s gut Großer.“ Mit einem weiteren Hüpfer trabte der Hengst einige Schritte weg, aber gerade so um die Zauberin noch im Auge behalten zu können. Um nicht auffällig plötzlich im Nirgendwo zu stehen, steckte sie die Briefe in ihren Ausschnitt und tat so als würde sie Kräuter suchen und zupfte einige Grashalme heraus. Da sie nicht wie sonst ihren pompösen und recht auffälligen Kopfschmuck trug, wurde die Frau erst nicht von den heranlaufenden Männern bemerkt. Erst nach einigen Schritten mehr auf Mei zu, blieben die ersten zwei Männer plötzlich stehen, der hintere Mann bemerkte dies nicht sofort und rempelte versehentlich die anderen Männer an. „Hey sag mal warum bleibt ihr einfach stehen?“, frug der rundliche Mann. Die Männer trugen allesamt einfache Tuniken und Pluderhosen, welche mit typischen Wadenwickeln befestigt wurden. Der Größere der Gruppe schielte nach hinten und sprach in die Runde: „Da siehst du die Frau da hinten nicht? Boa diese Haare, aber keine von hier der Kleidung nach. Was macht die hier so allein am Waldrand.“ „Wohl eine von der mutigen Sorte!“, lachte der Dritte hämisch. Die Männer waren erst so mit sich beschäftigt, dass sie gar nicht bemerkten, dass sich Mei schnurstracks auf die Gruppe zu bewegte. „Guten Tag die Herrschaften. Schön jemanden hier anzutreffen. Ihr könnt mir doch sicher sagen wo ich den Jarl, Hjaldrist Halbjørnsson Falchraite, hier auf der Insel finde. Ich war schon einige Zeit nicht mehr auf Undvik und kenne mich wohl nicht mehr so gut aus wie ich anfangs geglaubt hatte.“, sprach die Zauberin und lächelte gutmütig. Ihre Augen nicht von den Männern abwendend. Denn Stress mit einer Bande Männern auf dieser kleinen Insel konnte sie nun wirklich nicht gebrauchen. Nicht, dass sie eine Chance hätten aber, wenn man es vermeiden konnte. „Ha wusste ich es doch … du bist nicht von hier, Kleine. So so haste dich also verirrt. Sei froh, dass du nicht auf Ard Skellig bist, wenn du dich hier schon verläufst. Da hätte man wahrscheinlich nur noch deine kalte Leiche gefunden … und das wäre echt schade um dich.“, blöckte der Große und musterte die Zauberin von oben bis unten. „Ach komm schon Gehardt, lass sie doch und sei einmal in deinem Leben höflich, wenn du einer hübschen Dame begegnest.“, mischte sich nun der rundliche Kerl ein, rollte mit den Augen und schob sich an seinen Kumpanen vorbei und stand nun direkt vor Mei. Er verbeugte sich höflich vor ihr und sprach sie direkt an: „Werte Dame, darf ich mich vorstellen, mein Name ist Kay Hebrigsson, ortsansässiger Händler feinster Speisen. Und selbstverständlich werden wir euch den Weg zur Falkenburg zeigen. Gerne begleiten wir euch auch sicher dorthin, wenn ihr dies wünscht!“ Die beiden anderen Männer verzogen das Gesicht und waren nicht begeistert, was ihr Kumpel da vorschlug. Da sie doch eigentlich anderes vorhatten, als eine Reisende zur Falkenburg zu begleiten. Die offensichtlich eine Orientierung wie eine Kartoffel hatte. Mei schaute die Männer abwechselnd an und dachte an ihre Gedanken in der Hütte. „Das ist sehr freundlich von euch aber mir ist schon Genüge getan, wenn ihr mir den Weg beschreibt. Dann finde ich schon selbst dorthin.“, entspannte sie etwas die Situation, da sie den anderen beiden Männern ansah, dass sie keine Ambitionen hatten sie dorthin zu begleiten, zumal sie sich vor Ort ja aus Sicherheitsgründen nicht blicken lassen wollte. Wie der Brief nun endgültig zu Rist gelangte kam ihr vorhin schon in den Sinn. Es sollte aber kein menschlicher Bote sein.

Der höfliche Mann erklärte Mei den Weg zur Falkenburg, diese befand sich sogar nur 10 Minuten Fußweg entfernt. Nachdem sie sich herzlichst bedankte, schritten die Männer wieder los und waren nach einiger Zeit nicht mehr zu sehen. Bei der heiligen Melitele wollten sie nicht noch mehr wissen und ließen sich schnell überzeugen. Mei atmete noch einmal tief ein, sog die moosige, kalte Luft ein und ließ sich auf dem kargen Steinboden nieder. Sie schloss die Augen, legte ihre Hände in den Schoß und murmelte etwas vor sich hin. Nach wenigen Sekunden raschelte und fiepte es neben ihr. Ein rotbraunes Fellknäuel mit einer großen schwarzen Nase und noch größeren gelben Augen, lugte zwischen einem Busch hervor und streckte neugierig den buschigen Schwanz in die Höhe. Geduckt und fast schon mit dem Boden verschmelzend, kroch ein adulter Fuchs zu Mei und legte vorsichtig seinen Kopf auf ihren Schoß. Die Frau in dem grünen Kleid hatte jedoch immer noch die Augen geschlossen und murmelte immer noch vor sich hin. Der Fuchs hob den Kopf und legte ihn schräg und starrte sie an. Keine andere Reaktion seitens Mei. Auffordernd stupste der Fuchs sie an und vergrub daraufhin seine Schnauze in ihren Händen. Sogleich begann Mei den Fuchs feinfühlig an der Schnauze zu streicheln. Das Fuchsmännchen genoss diese Zärtlichkeit und gab ein zufriedenes Knurren von sich und ließ seine Ohren entspannt sinken. Langsam öffnete Mei ihre Augen und blickte auf den sichtlich entspannten Fuchs, welcher sie in der Zwischenzeit schon komplett belagert hatte. Sie betrachtete ihn noch einen Augenblick, spürte das flauschige Winterfell unter ihren Händen und hörte dann schlagartig auf ihn zu streicheln. Empört hob er seinen Kopf und schaute die Zauberin in die Augen. Mei lächelte und stupste die große schwarze Nase des Männchens mit dem Finger an und sagte: „Genug gekuschelt. Würdest du mir einen großen Gefallen erweisen?“, sie wartete auf eine Reaktion und wurde nicht enttäuscht. Aufmerksam und wieder mit schiefem Kopf schaute der Fuchs sie an. „Ich habe hier einen Brief und der müsste so schnell wie möglich zur Falkenburg, besser gesagt zu Jarl Hjaldrist. Ich selber sollte aber aus Sicherheitsgründen nicht dort aufschlagen, sonst würde ich ihn persönlich überbringen. Und ganz ehrlich, dir vertraue ich hier mehr wie einem Boten. Ich laufe auch ein Stück mit dir mit.“ Wie von der Tarantel gestochen sprang der Fuchs freudig auf und hechelte aufgeregt. Tänzelnd signalisierte er, dass er sich der Aufgabe gewachsen fühlte und rannte schon zu dem schmalen Trampelpfad. Mei erhob sich und erinnerte sich an die Worte des Mannes, der ihr den Weg beschrieben hatte. Das Fuchsmännchen hüpfend und sie mit ordentlich Tempo hinterherlaufend begab sich das etwas schräge Duo zur Falkenburg. Die Umgebung während der kurzen Wanderung war wundervoll und trotz der eher tristen Winterlandschaft mit so viel Leben erfüllt. In der Zwischenzeit war die Sonne schon beachtlich weit gesunken, nicht mehr allzu lange und sie ging vollends unter um dem Mond gänzlich Platz zu schaffen. In der näheren Ferne konnte Mei das große Tor zur Falkenburg ausfindig machen und beschloss ab hier dem Fuchs die Leitung übernehmen zu lassen. Sie kramte in ihrem Ausschnitt nach den beiden Briefen und streckte erst den Jarls Brief ihm vor die Nase. Er schnüffelte daran und merkte sich den Geruch um später den Empfänger ausfindig machen zu können. Mei steckte diesen wieder ein und hielt ihm nun ihren geschriebenen Brief vor die Schnauze. Fast schon gekonnt schnappte er sich ihn und platzierte ihn zwischen seinen Zähnen. Er setzte sich hin und hob seine linke Pfote. Grinsend nahm Mei sie in ihre Hand und schüttelte sie zur Verabschiedung. Sie hauchte ein leises „Danke“ und der befellte Bote machte sich an sein Werk. Eher springend als rennend steuerte der Fuchs auf die Burg zu und war am Ende nur noch als kleiner brauner Fleck zu erkennen. Mei wartete noch eine Weile, bis sie sich sicher war, dass ihr Bote in der Burg war. Ihr war klar, dass er irgendein Schlupfloch finden musste um hineinzugelangen, da es ziemlich merkwürdig wäre, wenn plötzlich ein Fuchs mit Brief im Fang vor den Torwachen stehen würde. Wahrscheinlich hätten sie ihn eher verscheucht. Mei riss sich selbst aus ihren Gedanken und drehte ihren Kopf in Richtung eines kleinen Fensters in der Falkenburg. Eben noch dunkel gewesen, leuchtete plötzlich eine Kerze oder Fackel auf und man konnte eine schemenhafte Gestalt ausfindig machen. War es womöglich der Jarl oder gar Anna. Nie würde Mei dies erfahren. Sie hoffte nur, dass es ihr gut ginge und richtete ein Stoßgebet für sie zur heiligen Melitele gen Himmel. Auf das sie über die Schwarzhaarige junge Frau wache. Besorgt sah sie wieder zum Tor. Als sie sich sicher war, dass alles geklappt hatte, öffnete sie versteckt wieder ein bläulich schimmerndes Portal und war verschwunden.

Das Fuchsmännchen bremste kurz vor dem Tor ab, gerade so, dass die Wachen ihn nicht sahen. Erst nach rechts blickend, dann links, entschied er sich rechts nach einer Lücke in der Mauer oder einer anderen Möglichkeit zu suchen um ins Innere der Falkenburg zu gelangen. Sein Gesuch wurde bald belohnt, als er eine enge, bröckelige Stelle in der Mauer fand, an der sich bereits ein großer Busch am Mauerwerk zu schaffen gemacht hatte. Er legte den Brief kurz ab und buddelte sich einen schmalen Tunnel. Erst vergaß er fast das gefaltete Pergament und wollte ohne ihn losstürmen, als es ihm wieder einfiel. Mit etwas Dreck benetzt sah sich der Fuchs in einem kleinen Gärtchen wider. Schnüffelnd begab er sich hurtig zu einem großen, langen Gebäude in dem zwischenzeitlich Fackeln oder Öllampen erleuchtet wurden, da die Dämmerung allmählich eintrat. Schleichend entlang der Wand suchte er nach einer Öffnung um in das Gebäude zu gelangen. Er hatte nur den Fährtengeruch von Mei erhalten als sie ihn an dem Brief des Jarls hatte schnuppern lassen. Dieser roch für einen Menschen eher nur nach Essen aber das Männchen roch tiefer und hatte schon bald eine geeignete Fährte aufgespürt. Nach einigen Metern erblickte er eine Tür durch die gerade eine sehr junge Frau mit langen Zöpfen heraustrat und wohl zu den Stallungen eilte. In der Hoffnung es würde noch jemand die Tür öffnen, lauerte das Fuchsmännchen an der Wand um schnell hineinhuschen zu können. Kurze Zeit später drückte eine etwas ältere Frau die Türe auf und plärrte irgendwas Unverständliches in einem schrecklichen skelliger Akzent in das Gebäude hinein. Ohne zu zögern hüpfte das Tier mit einem weiten Satz aus seinem Versteck und schlüpfte durch die Tür. Jedoch nicht unbemerkt. Die Skelligerin schreckte auf und schrie wie am Spieß. „Ahhhh … was zum … Merrrleeeee … ah das geht bestimmt auf deinen Mist. Holst mir hier verlaustes Vieh ins Haus, ihhgitt!“

Viel mehr bekam er nicht mehr mit, da er seiner Fährte folgend quer durchs Gebäude raste. Einige Männer stellten sich ihm in den Weg. Diesen konnte er aber geschickt ausweichen und gelang so tiefer in das Gebäude. Bald hatte er sein Ziel erreicht. Nach wenigen Schritten befand er sich in einem großen, hell beleuchteten Saal wieder. Eingerichtet mit langen Tischen und sehr vielen Sitzgelegenheiten. Eine dieser Sitzgelegenheiten fiel im besonders ins Auge, ein Stuhl der wahrlich ein Thron sein könnte, sein Ziel. Von draußen hörte man Geschreie und harte Schritte. All das kümmerte den Fuchs nicht, er hatte seine Aufgabe vorerst gemeistert. Schade nur, dass der Empfänger nicht anwesend war. Vielleicht wurde dieser ja wegen des unbeabsichtigten Tumults aufmerksam und musste sich auf seinem Thron ausruhen.
Ausruhen war ein gutes Stichwort. Frech hopste er auf den Thron legte den Brief neben sich ab und machte es sich auf einem weichen Kissen bequem. Er entschied sich, hier auf den Jarl zu warten, früher oder später wird er wohl auftauchen müssen um seinen Pflichten nachzugehen. Gähnend und schmatzend rollte er sich ein, den Blick auf die große schwere Tür gerichtet, welche nur einen Spalt weit offen war. Schlagartig wurde diese aufgerissen und vier Männer stürmten herein. Gefolgt von der alten Frau. „Jetzt macht doch nicht so einen Tumult. Ich habe nur was Kleines mit Fell gesehen. Vielleicht war es auch irgendeine Katze.“ „Vorhin hast du gesagt, es war groß und hatte einen langen buschigen Schwanz. Kannst du dich mal entscheiden Weib. Der Jarl hat, bei Freya mehr zu tun als um sich um räudiges kleines Vieh in seinem Haus zu kümmern. Wenn es kein Monster ist, ist es auch keine Gefahr. Erschlag es, wenn du dem Vieh nochmal begegnest!“, schnauzte einer der Wachen die arme Frau an. Die beiden verfielen in einen kleinen Streit. In dem Moment betrat ein Mann mit dunklen, längeren Haaren, welche zu einem Zopf zusammengebunden waren, den Raum. Auf einem Kopf trug er einen wertvoll aussehenden Reif, wie eine Krone. Selbstbewusst und bestimmt trennte er die beiden Streithammel.

„Was ist denn hier los?“, begann er zu sprechen. „Tumult so früh am Abend, was soll das? Britta?“ Die ältere Frau, die mittlerweile ziemlich fertig aussah, antwortete erst etwas zögerlich. „Ich wollte zum Kräutergarten und plötzlich huschte durch die Tür etwas Felliges an mir vorbei ins Gebäude. Ich hab mich zu Tode erschreckt und laut aufgeschrien, aber ich denke es war vielleicht nur eine Katze. Tut mir leid für diesen Aufstand, Hjaldrist.“ Einer der Männer suchte währenddessen den Raum ab, blieb auf Hjaldrist’s Thron hängen und öffnete langsam den Mund um etwas zu sagen. „Keine Katze … ein wilder Fuchs hat sich hier Zutritt verschafft! Schaut mal da, der hat es sich auf dem Thron gemütlich gemacht.“, der Mann zeigte mit dem Finger zu dem hölzernen hohen Stuhl und dem darauf liegenden Fuchs. Hjaldrist grinste breit, denn so etwas hatte er noch nicht erlebt. Langsam ging er auf seinen Thron zu, um den Fuchs näher betrachten zu können. Er machte keinerlei Anstalten verschreckt wegzurennen, wie man es eigentlich von einem wilden Tier erwarten würde. Im Gegenteil, Hjaldrist konnte ihm so nah kommen wie er es zuvor nie konnte. Das war in dem Augenblick ein wunderschönes Gefühl. Das Fuchsmännchen hob seinen Kopf und schaute den Mann mit der Krone schräg an und bellte kurz auf. Dieser erschrak kurz und lachte auf. Erst jetzt fiel ihm der kunstvoll gefaltete Brief neben dem Fuchs auf. Aus Angst das Tier könnte ihn beißen, wenn er nach dem Brief griff, sprach er besänftigend auf ihn ein. Ruckartig schnellte das Tier hoch uns saß nun aufrecht da. Dabei fiel der Brief vor den Thron zu Boden. Mit dem Fuß versuchte der Jarl den Brief vorsichtig herzu fischen, da er immer noch die Befürchtung hatte der Fuchs könnte ihn zerfleischen. Ein ihm bekannter Duft stieg ihm in die Nase. Konnte das sein, dachte er sich. Er starrte erst auf den Brief, dann zu dem Fuchs. Ohne Vorwarnung sprang dieser auf und hüpfte an Hjaldrist vorbei zur offenstehenden großen Tür und verschwand.

„Schnell Olfir, renne hinterher und eskortiere ihn sicher wieder hier raus … schnell … im soll nichts geschehen!“, schrie der Jarl beinahe seine Wache an. Olfir glotzte ihn erst dümmlich an, tat aber wie ihm befahl und rannte dem Fuchs hinterher. „Was ist denn plötzlich los Hjaldrist? Warum soll Olfir einen wilden Fuchs hinausbegleiten?“, stammelte Britta fassungslos. Rist schaute auf den Brief in seiner Hand. Das Sigel erkannte er von einem anderen Schreiben das Anna vor einiger Zeit erhielt. Als er das Pergament umdrehte und die schöne schwungvolle Schrift erkannte, wurde seine Vermutung bestätigt. „An den Jarl, Hjaldrist Halbjørnsson Falchraite“ Ebenso roch das Papier leicht nach Vanille. Er war sichtlich erstaunt so schnell eine Antwort vom Silberfuchs zu erhalten und vor allem auf solch eine Art und Weise. Irgendwie hatte das Stil. „Weil der Fuchs einer Bekannten gehört, der ich einiges zu verdanken habe.“, antwortete der Jarl ernst …


Ach wie gut, dass niemand weiß...

Ach wie gut, dass niemand weiß...

Metagame

Von Peter

Februar 1279: Solonia, Königreich der zwölf Auen, in der Kronau

Es war früher Nachmittag, die Wintersonne schien über die verschneite Kronau und kitzelte Atheris in der Nase. Der Greifenhexer lag seit einigen Minuten versteckt hinter einem großen Felsen und beobachtete den Eingang zu einer alten Gruft. Hier hatte sich eine Gruppe von drei Ghulen versammelt, die sich wild über ein Stück Aas hermachten. „Sheyss, wir sind zu spät. Das wird wohl David gewesen sein!“ zischte der nilfgaarder Hexer leise. „Er hätte nie alleine losziehen sollen, der verrückte Junge“ erwiderte der junge Stallknecht Robert, der an der Seite von Atheris kauerte. Robert hatte sich bereit erklärt den Hexer zur verlassenen Gruft zu führen, zu welcher der Jäger David aus dem nahe gelegenen Dorf aufgebrochen war, um einem Gerücht über Monstersichtungen nachzugehen. „Und was machen wir nun? Dein Auftrag vom Bürgermeister lautete ja David zu finden und hier ist er, naja zumindest was von ihm übrig ist“ fragte er. „Ich werde mich um die Ghule kümmern. Ich habe einen mir heiligen Eid geschworen, Menschen vor solchen Bestien zu schützen, das ist meine Bestimmung als ein Vatt’ghern und ich gedenke diesen zu erfüllen!“ entgegnete Atheris und zog seine Silberklinge vom Rücken.

Aus einer Tasche, die er an der Seite trug holte er ein kleines Fläschchen und ein sauberes Leinentuch. Er entleerte den Inhalt auf das Tuch und fing an, die Klinge einzufetten. „Was machst du da? Das stinkt ja widerlich!“ fragte Robert leise. Der Stallknecht beobachtete mit großen Augen, den Hexer. „Nekrophagen sind an giftige Gase gewöhnt. Doch selbst die widerlichsten Ghule und Graveir sind den giftigen Wunden nicht gewachsen, die eine mit Nekrophagenöl bedeckte Klinge schlägt, so habe ich es von meinem Meister Valerian gelernt. Dieses Öl besteht im Wesentlichen aus Hundetalg und Pusteblumen, das klingt zwar nicht spektakulär, aber wird mir bei meinem Vorhaben gleich große Dienste leisten.“ erklärte Atheris ruhig. Sein Blick wanderte von der Klinge in seiner Hand zu den Ghulen. „Das Glück scheint mir hold zu sein, der Wind hat sich nicht gedreht, sie werden mich gegen den Wind erst spät wittern können.

Je näher ich an sie unbemerkt herankommen kann, desto leichter wird es für mich!“ fuhr der Hexer mit seinen Erklärungen fort. Er verstaute das Fläschen samt Leinentuch wieder in der Tasche, prüfte ob der Rest seiner Ausrüstung korrekt saß und erhob sich lautlos. „Se’ege na tuvean!“ flüsterte Atheris wie vor jedem seiner Kämpfe und schlich mit gezogener Klinge hinter dem Stein hervor. Wie eine Katze pirschte er sich durch den frisch gefallenen Schnee an seine Beute heran. Wenige Meter vor der Gruppe verharrte er für einen kurzen Moment, fokussierte sich auf den mittleren der drei Ghule und sprang mit dem Schwert über dem Kopf erhoben nach vorne. Die Silberklinge blitze in der Sonne, als sie aus der Kehle des ersten Monsters wieder zum Vorschein kam. Blut spritze auf den weißen Schnee und die Augen des Wesens erloschen noch während es verwundert auf die Klinge herabstarrte, die ihm das Ende bereitet hatte. Den eigenen Schwung nutzend zog Atheris sein Schwert aus dem erschlaffenden Körper um den Ghul zu seiner Rechten abzuwehren, der gerade mit einer seiner großen hässlichen Klauen nach seinem Bein griff. Wie ein heißes Messer durch Butter schnitt die scharfe Klinge durch das Fleisch und durchtrennte die Sehnen und Knochen des Unterarms, was mit einem qualvollen Heulen des Ghuls quittiert wurde. In einer flüssigen Bewegung ließ er die Klinge zur anderen Seite tanzen um dem letzten heranstürmenden Ungetüm entgegenzutreten. Atheris wich mit einem Ausfallschritt zur Seite aus und verpasste dem Ghul einen ‚en passant‘ Streich, welcher diesem die entblößte Flanke aufschlitzte. Der letzte verbliebene Gegner brüllte vor Wut, blieb aber auf Distanz. „Nou goed, lass es uns zu Ende bringen!“ schrie Atheris und sprang über eines der toten Wesen und stürmte mit erhobenen Schwert geradewegs auf den Ghul zu, welcher es ihm gleichtat. Kurz vor dem Zusammenprall wich der Hexer dem Angriff mit einer Hechtrolle aus und ließ den Ghul ins Leere stürzen. Atheris rollte sich schnell über die linke Schulter ab, drehte sich in der Hocke verbleibend halb herum und ließ die Klinge in einem weiten Bogen die Luft zerschneiden. Es war ein blinder Schlag, aber er traf das Monster noch am Hinterlauf und brachte es zu Fall. Langsam erhob sich der Hexer und ging in Richtung seines Opfers und gab dem sich am Boden wälzenden Wesen den Gnadenstoß.

„Warte noch hinter dem Stein Robert!“ rief Atheris in Richtung seines Begleiters. „Ich prüfe zuerst noch die Gruft!“ Nachdem er sich vergewissert hatte, dass kein weiterer Ghul in der Nähe lauerte, holte sich der Hexer jeweils die Köpfe seiner Beute und verstaute diese in einen großen Leinensack, den ihm Robert geholt hatte. Den Rest überließ er den natürlichen Aasfressern. Die Überreste von David brachten Robert und er in ein leeres Grab in der Gruft und verschloss dieses mit einem Steindeckel. Auf dem Rückweg zu den Pferden sprach der junge Robert: „Das sah ganz einfach aus, wie du mit den Monstern fertig geworden bist, sie hatten keine Chance gegen dich! Hätte ich schwerer erwartet.“ Atheris blickte auf den Jungen, der ihn freudig anstrahlte. „Das hängt von vielen Faktoren ab Robert.“ entgegnete Atheris freundlich und sprach weiter. „Ich wusste, welche Art von Wesen mich erwartete, ich kannte ihre Schwächen und war bestens vorbereitet. Mein Meister Valerian hat mir alles Hilfreiche über Ghule im theoretischen Unterricht beigebracht. Zudem hatte ich den Überraschungsmoment auf meiner Seite und letztlich gehört neben dem eigenen Können auch etwas Glück dazu.“ Der Hexer schmunzelte und fuhr mit seinen Erläuterungen zum Kampf fort, während der Junge ihm gefesselt lauschte. Einige Minuten später erreichten sie ihre Pferde und Atheris verstaute seine Ausrüstung in den Satteltaschen. „Ruhig Ker’zaer! Alles ist gut.“ besänftigte Atheris seinen großen Rappen, der vom Geruch der Trophäen nicht gerade begeistert schien. Anschließend stieg er in den Sattel und machte sich mit seinem Begleiter auf den Rückweg zum nahe gelegenen Dorf, um vom Bürgermeister das Geld für den Auftrag zu kassieren.

Drei Tage später:

Die Wintersonne war früh untergegangen und es zog ein kalter Wind durch die tief eingeschneiten Gassen des kleinen Dörfchens. In den Wohnhäusern war das Licht bereits erloschen und die Bewohner lagen in ihren warmen Betten und träumten vom kommenden Frühling. Lediglich in der Taverne zur ‚Goldenen Garbe‘, die direkt am Marktplatz lag, brannte noch Licht. Im Schankraum war nicht mehr viel los, ein wenig begnadeter Musikant zupfte an seiner Laute und versuchte sich eher schlecht als recht an ein paar Versen. In der Mitte der Schänke stand ein großer Tisch, an dem vier ältere Männer in ein Kartenspiel vertieft waren. Der Wirt und seine hübsche Schankmaid standen am Tresen und unterhielten sich gut gelaunt miteinander. Ein junges, wohl frisch verliebtes Pärchen saß eng umschlungen in der Ecke und vernachlässigten ihren bereits erkalteten Eintopf. Am Tisch neben den beiden saßen zwei junge Kerle, die es sich offenbar zur Aufgabe gemacht hatten, diesen Abend ihren Monatslohn zu versaufen. An der langen Tafel, die an der Stirnseite des Schankraumes stand und an der gut und gerne zehn Personen hätten Platz finden können, saß Atheris. Er hatte vor sich ein kleines Buch aufgeschlagen und füllte gemütlich dessen leere Seiten. Neben ihm stand noch der Rest von einem reichlichen Abendessen und ein Krug mit Rotwein. Bei einem Blick über seine Schultern konnte man die ersten Zeilen der Seite gut lesen: ‚Mein Name ist Atheris von Toussaint, ein Vatt’ghern der Greifenschule und dies ist meine Geschichte.‘ Atheris hatte sich schon länger vorgenommen seine Gedanken und Erinnerungen nieder zuschreiben und somit zu bewahren. Der Volksmund sagt nicht umsonst, dass noch nie ein Hexer alt und schwach in seinem eigenen Bett gestorben sei und Atheris fand die Vorstellung schön, dass eines Tages jemand das Buch in die Hände bekommen würde und für einen Moment die Erinnerung an einen Hexer mit dem Namen Atheris auf flackern würde. Natürlich war ihm bewusst, dass er weder ein bekannter Held noch ein sonderlich guter Hexer war, aber interessante Geschichten konnte er schon einige erzählen zum Beispiel über sein Leben als Vatt’ghern, über seine Zeit als Offizier im Dienste des Kaiserreichs Nilfgaard während der nördlichen Kriege oder über das Leben auf der Greifenhexerfestung Kaer Iwhaell mit all seinen Freunden. Der Gedanke an letztere ließ ihn unwillkürlich schmunzeln. Atheris blickte von seinem Buch auf und ließ den Blick durch den Schankraum schweifen und überlegte in welcher Form er erzählen sollte. „Eigentlich ist das doch irrelevant, ich bin kein Poet und letztlich kommt es auf die Geschichte an, die ich erzählen möchte“ sprach er mit sich selbst. Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Weinbecher und überlegte kurz, ob man dieses Getränk überhaupt Wein nennen durfte, denn mit den sehr guten Tropfen aus seiner Heimat Toussaint hatte dieser Fusel wirklich nichts gemein. Eigentlich war er schon viel zulange nicht mehr in seiner Heimat gewesen, mit den wunderschönen Weinbergen, dem milden Klima und den schönen Straßen der Hauptstadt Beauclair! Aber seit er aus der kaiserlichen Armee ausgetreten war und sich den Greifenhexern um Großmeister Valerian angeschlossen hatte, war einfach zu viel passiert und der Weg von Solonia nach Nilfgaard war ohne die Verwendung von Portalen nicht gerade der kürzeste. Atheris setzte wieder die Feder an und fuhr fort: ‚Soweit ich weiss bin ich der uneheliche Sohn des Grafen Ramon du Lac aus Toussaint, der aus einer Liebelei mit einer seiner Zofen hervorgegangen ist. Dies muss im Sommer 1220 gewesen sein, Genaueres habe ich nie herausfinden können.‘ Er schaute auf und blickte seine Hand an: wie 58 Jahre sah sie nicht aus, das musste an den Mutationen der Hexer liegen. Valerian hatte ihm einmal erklärt, dass der Metabolismus dadurch deutlich verlangsamt würde und der Alterungsprozess sich verzögerte. Wie alt dann wohl sein Meister sein musste? Der alte Mann war in einer körperlich sehr guten Verfassung nur beim Pissen über die Burgmauer hörte man ab und an die Beschwerden des Alters. ‚Als Bastard war ich am Hofe des Grafen politisch nicht gewünscht und ich wurde in sehr jungen Jahren zu den Vatt’ghern der Vipernschule gegeben.‘ Atheris nahm erneut einen Schluck aus dem Kelch, war es überhaupt von Belang, wo er herkam, wer seine Eltern waren und wie er aus dem elterlichen Haus gerissen wurde? Was wäre aus ihm geworden, wenn er am Hofe aufgewachsen wäre? Während er noch überlegte, flog auf einmal die Tür der Taverne auf und der junge Stallknecht Robert kam kreidebleich hineingestürmt und blickte sich in der Taverne um. Seine Augen fanden den ihm bekannten Hexer und er eilte zu ihm an den Tisch. „Atheris!“ keuchte er völlig außer Atem, „wir benötigen dringend deine Dienste!“ Atheris schob ihm den Weinkelch über den Tisch zu „Trink erst mal einen Schluck und dann erkläre mir in Ruhe, was ich für dich machen kann.“ Robert schob den Kelch dankend zur Seite „Wir haben keine Zeit dafür! Er hat das Baby meiner Schwester mitgenommen und hat das Dorf bereits verlassen!“ „Wer hat das Baby mitgenommen und warum?“ fragte Atheris überrascht. „Ein Kobolt war es! Erik, der Mann meiner Schwester, und sie selbst sind schon mit einigen anderen Knechten losgezogen, um die Verfolgung aufzunehmen! Ich bitte dich, beeile dich, helfe ihnen, du bist doch ein Hexer, du hast uns doch auch mit den Ghulen geholfen, verdammt, unternimm etwas! Sitze hier nicht einfach rum!“ kreischte Robert voller Panik. „In Ordnung, lass uns losziehen!“ mit diesen Worten erhob sich Atheris von der Bank, griff hinter sich und holte seinen Brustgurt mit den beiden Schwertern hervor, warf sie sich diese über die Schulter und eilte zur Tür. „Erzähle mir mehr, warum sollte ein Kobolt das Kind entführen, kennst du ihn etwa?“ fragte Atheris, während sie durch den tiefen Schnee liefen. „Er war des Öfteren zu Gast bei unserem Hof, ich weiß nicht genau, was er wollte oder um was es ging! Aber er war vorhin da und auf einmal gab es Schreie und als ich die die Stube kam, waren der Kobolt und das Baby weg und meine Schwester kniete heulend am Boden!“ antwortete Robert, der sichtlich Probleme hatte, mit dem Hexer Schritt zu halten. „In welche Richtung sind der Kobolt und die Verfolger gezogen?“ fragte Atheris und blickte sich suchend um. „Richtung Norden zum alten Wald, direkt hinter den Äckern! Es ist erst wenige Augenblicke her, sie können nicht viel Vorsprung haben!“ entgegnete der Stallknecht. „Hör mir zu Robert, du willst sicher deiner Schwester helfen, es ist aber wichtig, dass du zum Bürgermeister gehst und ihn bittest, die anderen Dörfler zusammenzutrommeln!“ entgegnete Atheris und zog seinen braunen Mantel enger um den Hals, es war bitter kalt und die Zeit drängte: bei der Kälte würde für das Baby nicht lange durchhalten, falls es der Kobolt böse mit ihm meinte. Atheris folgte der Dorfstraße Richtung Norden und schon bald fand er die Spuren der Verfolgten im tiefen Schnee und machte sich daran, sie einzuholen. Der Schnee peitschte ihm inzwischen schmerzhaft ins Gesicht und er verfluchte sich selbst zum wiederholten Male, dass er sich nicht noch mehr warme Sachen übergezogen hatte. In der kaiserlichen Armee sagte man immer, es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur die falsche Kleidung! Nach einiger Zeit erreichte er den beschriebenen Waldrand. „Die Spuren der Verfolger trennen sich hier, sie haben sich in Dreiergruppen aufgeteilt, offensichtlich haben sie die Spur des Kobolten hier verloren.“ sprach Atheris seine Gedanken laut aus. Er selber hatte bisher keine Spur eines Kobolten erkennen können. Bis hierhin hatte er nur Spuren der Verfolger gefunden. „Es müssten vermutlich kleinere Fußabdrücke zu sehen sein oder hatte der Kobolt etwa große Füße?“ dachte Atheris. „Um was für eine Art von Kobolt handelt es sich überhaupt? Kann er Magie wirken und somit seine Spuren verwischen! Verdammt, ich wünschte Valerian oder Raaga wären hier“. Raaga war einer der besten Fährtenleser, die Atheris jemals kennen lernen durfte und Großmeister Valerian würde in so einer Situation sicherlich durch seine Erfahrung wissen, was zu tun war. Atheris hatte im Vergleich zu den beiden einen Großteil seines Lebens in der kaiserlichen Armee gedient und war zwar ein gut ausgebildeter Soldat und oft auch hinter den feindlichen Linien als Aufklärer aktiv, aber für diese Art von Auftrag war er einfach der falsche Hexer am richtigen Ort. Letztlich entschied er sich einfach, die Richtung einzuschlagen, die bisher noch keiner der Verfolger genommen hatte. Selbst wenn es nicht richtig war, so konnte er zumindest den Suchradius erhöhen und einen weiteren Teil des Waldes absuchen. Der alte Wald mit seinen großen Bäumen wirkte in der winterlichen Dunkelheit schön und mystisch. Es war eine jener Gegenden, wo der menschliche Verstand einem allerlei Monster und Dämonen suggerieren konnte. Immer wieder verharrte Atheris und schaute sich um und versuchte, etwas Verdächtiges wahrzunehmen, aber da war einfach nichts. Etwa eine halbe Stunde später überlegte er sich, ob diese planlose Suche noch Sinn ergeben würde. Der Wald war sicherlich riesig und er könnte hier Tage lang durch die Gegend irren und nichts finden. Nicht einmal die anderen Dörfler, die auf der Suche waren konnte er noch wahrnehmen. Der Wald schluckte fast alle Geräusche. „Verdammt, es geht hier um ein kleines Baby, ein unschuldiges Leben! Mach was! Aufgeben ist keine Option! Denk nach!“ versuchte sich Atheris selbst zu motivieren und ging weiter. Als seine Verzweiflung immer größer wurde, fing auf einmal sein Hexermedaillon an, leicht zu vibrieren. Auch wenn er sich nicht sicher sein konnte, dass es was mit den Kobolt zu tun hatte, war es zumindest mal ein Zeichen, dass irgendetwas oder irgendjemand in der Nähe sein musste, das magischer Natur war. So schnell es ihm möglich war, nahm er die magische Fährte auf und rannte wie von Sinnen durch das Unterholz. Er sprintete eine längere Strecke als er vermutet hatte, demnach musste die Quelle der Magie relativ groß sein, sonst hätte das Medaillon nicht in so einer großen Entfernung angeschlagen. Schließlich gelangte Atheris an den Rand einer kleinen Lichtung, in deren Mitte tatsächlich ein kleines Männchen mit dem Rücken zu ihm stand. Vor dem Wesen in ein Tuch gewickelt lag das Baby auf etwas, das aussah wie ein großer Pilz. Um die beiden herum erkannte Atheris einen aus Steinen gebildeten Ring. Einer der Steine schien noch nicht lange an seinem Platz zu liegen, er war der einzige, der noch keine dicke Schneehaube trug. „Ist das etwa eine Art Portal?“ dachte sich Atheris. Er hatte vor einigen Wochen mit der Magierin Nella, einer Freundin Valerians, einmal über solche Steinportale gesprochen. Nella hatte ihn gewarnt, dass mit jedweder Art von Portalen nicht zu spaßen sei und man als nicht ausgebildeter Magier tunlichst die Finger von so was lassen sollte, aber er sah auf die Schnelle keine andere Lösung. Atheris trat auf die Lichtung, bückte sich beim Betreten des Kreises nach dem nicht schneebedeckten Stein und nahm diesen in die Hand. Das kleine Männlein drehte sich augenblicklich zu ihm um. Seine Fratze war angsterregend. Die zwei kleinen gelben Augen starrten Atheris aus einem voller Narben, Warzen und Falten verunstaltetem Gesicht entgegen, seine Nase war lang und sah aus wie die eines Boxers. Es trug einen langen Bart und grüne verdreckte Kleider. An der Hüfte des Kobolten konnte er ein kleines Messer erkennen. Die spitzen Zähne in seinem Mund kamen zum Vorschein, als es beim Anblick des Hexers anfing zu grinsen. „Was sehen meine alten müden Augen hier, ein Vatt’ghern, der auszog ein kleines Baby vor dem Bösen Monster zur retten, wie heroisch!“ sprach das Männchen zu Atheris. „und nun? Wirst du deine Silberklinge ziehen und mir das Baby mit Gewalt entreißen? Hast du auch das richtige Waffen-Öl aufgetragen?“ sprach der Kobolt mit einer für seine Größe sehr tiefen Stimme weiter. Atheris beobachtete die Bewegungen des Wesens weiter, nicht sicher, was er zu erwarten hatte. Er antwortete schließlich: „Es kommt auf dich an, wenn du mir das Baby aushändigst, habe ich kein weiteres Problem mit dir! Wie sieht es aus?“ Das Wesen antwortete ohne zu zögern: „Lass es mich erklären Hexer, es ist im Grunde ganz einfach! Ich habe mit der Bäuerin einen Vertrag. Ich habe ihr in einer Notsituation geholfen und sie hat mir ihr Erstgeborenes versprochen. Es ist also ähnlich wie bei euch Vatt’ghern die Kinder der Vorsehung.“ er machte eine kurze Pause und musterte den Hexer, bevor er fortfuhr: „Da mir die Bäuerin und ihr Ehemann das Kind aber nicht freiwillig geben wollten, trotz meiner höflichen Erinnerung und mit dem Verweis auf den Vertrag, habe ich mir das Kind letztlich selber geholt und ich möchte anmerken, ohne jemanden dabei zu verletzen.“ Wieder machte es eine kurze Pause, „Willst du mir also mein Anrecht auf das Kind streitig machen oder gestehst du ein, dass deine Auftraggeber im Unrecht sind? Es liegt also in diesem Fall bei dir Hexer, wie die Sache hier weitergeht!“ Das Wesen schwieg und wartete offensichtlich auf eine Antwort. Atheris überlegte einen Moment, der Kobolt hatte grundsätzlich nicht ganz unrecht, die Vatt’ghern hatten tatsächlich auch mit den Kindern der Vorsehung eine Art Entlohnung, die dazu führte, dass Kinder von ihren Eltern getrennt wurden. Atheris selber erging es ja in seiner Kindheit nicht anders, wobei in seinem Falle von einem liebenden Vater nicht dir Rede sein konnte und von seiner Mutter wusste er einfach zu wenig. „Ich kann deine Punkte verstehen!“ erwiderte Atheris nach einer kurzen Zeit. „Aber es ist moralisch nicht vertretbar, kleine Kinder von ihren Eltern zu trennen. Auch wenn wir Vatt’ghern es mit den Kindern der Vorsehung ebenso handhaben, rechtfertigt dies nicht deine Handlung. Ich persönlich und viele Vatt’ghern, die ich kennen gelernt habe, lehnen diese Praxis ab. Sie ist ein Relikt aus längst vergangenen, finsteren Tagen und hatte damals wie heute keine Daseinsberechtigung. Ich bin hier aber nicht derjenige, der für die Einhaltung von Gesetz und Ordnung verantwortlich ist, mir geht es hier und jetzt nur um das Wohlergehen des Babys und deswegen fordere ich dich auf, es mir zu übergeben und friedlich deines Weges zu ziehen.“ Atheris war sich nicht sicher, wie der Kobolt reagieren würde, machte sich aber auf alles gefasst. „Es tut mir leid, dass du es so siehst, aber ich werde nicht auf meinen Lohn verzichten!“ entgegnete das Wesen und seine Mine verfinsterte sich noch einmal, was Atheris gar nicht für möglich gehalten hatte. „Kann ich dich nicht mit etwas Anderem entschädigen? Wir können uns doch sicher auf ein faires Geschäft einigen!“ versuchte Atheris eine friedliche Lösung zu finden. „Man sagt euch Hexern nach, dass eure Lenden genauso vertrocknet sind wie die heißesten Wüsten und dass von dort kein Leben entspringt. Da ich jedoch für meine Vorhaben Kinder benötige, gibt es somit nichts, was du mir bieten kannst!“ lehnte der Kobolt kopfschüttelnd ab. „So sage mir, was hast du mit den Kindern vor?“ warf Atheris ein. „Das geht dich nichts an Hexer, es ist gleich ob ich Heroen ausbilden möchte, sie teuer verkaufe oder sonst etwas mit ihnen mache, es sind meine und damit muss ich mich nicht rechtfertigen und schon gar nicht gegenüber einem Rumstreuner wie dir!“ antwortete das Wesen scharf. „Wie kam es denn zu dem Vertrag mit der Bäuerin?“ versuchte Atheris die Lage zu entspannen. „Der Großgrundbesitzer, dem das Land gehört, welches die Bäuerin gepachtet hat, hatte gehört, dass sie aus Stroh Gold spinnen könne und da der Ehemann ihm noch einiges an Pacht schuldete, hat er sie gefangen genommen, damit sie ihm einen Strohballen in Gold umspinnt, ansonsten hätte er ihrem Mann seine Schläger auf den Hals gehetzt. Da sie allerdings keinerlei besonderes Talent hatte, habe ich ihr den Handel angeboten und meinen Teil der Abmachung auch eingehalten, wo wir wieder bei dem Baby und somit meinem Lohn wären.“ erzählte der Kobolt. „Warum um alles in der Welt sollte der Großgrundbesitzer glauben, dass die Bäuerin so etwas tun kann, ich bin kein Magier, aber Stroh in Gold zu transformieren habe ich bisher noch nicht gesehen. Die Bäuerin wäre zudem in der Lage, ihren eigenen Hof zu kaufen, wenn sie über so eine Fähigkeit verfügen würde, das ist doch kaum zu glauben!“ erwiderte Atheris. Der Kobolt setzte ein breites Lächeln auf: „Ihm werden schon die richtigen Beweise zugespielt worden sein!“ kicherte er. „Dir ist schon klar, dass die Geschichte meine Entscheidung, dir das Kind nicht zu überlassen, untermauert oder?“ erwiderte Atheris in einem schärferen Unterton. „Na wenn schon, du hast doch deine Entscheidung schon längst gefällt! Schon beim ersten Anblick deiner Fresse wusste ich, dass diese Nacht für dich nicht gut ausgehen wird. Ich wollte nur sehen, ob du wirklich so bescheuert bist, den Versuch zu starten, mir meine Beute zu entreißen!“ Mit diesen Worten zog das kleine Wesen blank. Atheris löste langsam sein Silberschwert vom Rücken, hielt es samt Scheide waagrecht vor sich und zog ebenfalls blank. Anschließend legte er die Schwertscheide ab, dehnte sich etwas und lockerte seine Muskeln. „Also lass uns beginnen!“ sagte Atheris und ging in seine seit Jahren gewohnte Ausgangsstellung mit dem Schwert erhoben über seinem Haupt. „Dann zeig mal was du kannst, ich habe gehört ihr Hexer seid schnell, wollen wir mal sehen wie schnell!“ mit diesen Worten schoss der Kobolt in einer unfassbaren Geschwindigkeit nach vorne. Es hagelte eine ganze Reihe von schnell ausgeführten Hieben und Stichen auf Atheris ein, nur mit Mühe konnte er das Wesen auf Distanz halten. Bisher war sein Freund Raziel der schnellste Schwertkämpfer gewesen, dem Atheris bisher begegnet war, aber dieses kleine Monster hier war bedingt durch seine Körpergröße noch gewandter als er. Nach einem ersten Schlagabtausch ließ das Wesen ab und sprach breit grinsend: „Es war ein Fehler von dir, du bist schnell, das muss man dir lassen, aber du bist bei weitem nicht schnell genug und wie ich sehe, hast du dir weder einen magischen Schild aufgebaut noch irgendeines eurer magischen Zeichen gewirkt, was ist los Hexer? Erkennst du den Ernst der Lage nicht, in der du dich befindest?“ Es stimmt, Atheris war zwar in seiner Kindheit als Vatt’ghern ausgebildet worden und durch die Kräuterprobe mutiert, aber seine damalige Schule war untergegangen und er war als Kind in die Hände des Kaiserreichs Nilfgaards gefallen, die ihn zwar hervorragend im Kampf ausgebildet hatten, aber eben nicht als Hexer. Erst Großmeister Valerian, dem er vor drei Jahren das erste Mal begegnet war, hatte ihn als Schüler aufgenommen und seine Ausbildung übernommen. Er war bei weitem nicht begabt genug, in einer Kampfsituation ein Zeichen wirken zu können. „Ach komm schon du kleiner Mann! Für so was wie dich benötige ich doch keine Magie, mit dir werde ich auch so fertig!“ brachte Atheris ruhig hervor. Beim nächsten Angriff sprang der Wicht kräftig ab und griff Atheris auf Augenhöhe an. Widernatürlich lang dauerte der Sprung und der letzte Stich des Angreifers durchstieß Atheris `s Deckung und die kleine scharfe Waffe drang tief in seine linke Seite ein. Atheris stöhnte auf. Der Kobolt stand wieder vor ihm und leckte das frische Blut von seiner Klinge. „Nicht schlecht mein lieber, nicht schlecht! Und damit meine ich nicht dein Können mit dem überdimensionierten Zahnstocher, sondern dein Blut. Es ist stark, schmeckt zwar wie bei Menschen üblich nach Eisen, aber durch aus zu gebrauchen!“ freute sich das Wesen und ging wieder in den Angriff über. Diesmal umkreiste der Kobolt Atheris und führte einige Scheinangriffe aus. „Beinarbeit…in Bewegung bleiben, lass dich nicht stellen! Halte ihn auf Distanz und setzte die Finten ein, die ich dir beigebracht habe!“ Valerians Worte, die er immer in den Übungskämpfen mit Raziel gebetsmühlenartig wiederholt hatte, schossen Atheris durch den Kopf. „Wenn er dir zu schnell ist, dann versuch ihn aus den Takt zu bringen! Setze die Zeichen sinnvoll ein, Aard kann deinen Gegner aus dem Gleichgewicht bringen, Blendbomben können dir für kurze Zeit einen Vorteil verschaffen und denk an deine Waffenöle, wenn der Gegner schnell ist, dann lähme ihn einfach! Mach es nicht so kompliziert! Nutze das Gelände zu deinem Vorteil!“ Ging die Predigt weiter. Atheris hatte leider keine Blendbomben am Mann, und um ein Waffenöl aufzutragen, war in Anbetracht der Lage auch keine Lösung, aber das Gelände nutzen, dass konnte funktionieren! Atheris spähte nach einer Möglichkeit, die ihm helfen konnte und tatsächlich kam ihm eine Idee. Er ließ sich von dem Wesen zurückdrängen bis er in einer größeren Mulde war, hier lag der Schnee deutlich höher und Atheris bemerkte sofort, dass der kleine Kobolt mit seinen kurzen Beinen mehr Schwierigkeiten hatte, seine Schnelligkeit auszuspielen. Einige leichte Treffer konnte er inzwischen auch verbuchen, aber die schienen seinen Gegner nicht zu beeinträchtigen. Atheris sammelte in seinem Inneren seine magische Energie und formte das Zeichen Aard. Er wirkte das Zeichen nicht direkt auf das Wesen, denn dafür war er viel zu schlecht, sondern er zielte mit dem Windstoß vor das kleine Männchen auf den Boden und blies ihm damit eine ordentliche Schneewehe mitten ins Gesicht. Den kleinen Augenblick, der sich bot nutze Atheris, machte einen großen Satz nach vorne und rammte mit aller Kraft sein Silberschwert in den Leib der Kreatur. Das grünliche Blut spritzte auf den weißen Schnee, und mit großen Augen starrte der Kobolt auf das Schwert, dass bis zum Parier in seinem Brustkorb steckte. Wie von einem Hammerschlag wurde Atheris von der kleinen Faust des Wesens getroffen und durch die Luft gewirbelt. Beim Aufschlag presste es ihm die Luft aus den Lungen und er sah nur noch verschwommen. Der Kobolt kam auf ihn zu, zog mit einem hasserfüllten Lachen das Schwert aus seinem Leib und warf es von sich in den Schnee. Atheris versuchte auf die Beine zu kommen, aber diese gehorchten ihn nicht mehr. Das Wesen näherte sich und sagte: „Ich habe dich unterschätzt, aber jetzt ist es mit dir vorbei, bereite dich auf dein Ende vor!“ Atheris tastete nach seinen Dolchen, die er immer am Oberschenkel trug und zog beide. Er hatte kaum noch Gefühl in den Händen, irgendwas muss beim Aufprall kaputtgegangen sein. Das kleine Männchen zögerte nicht und sprang ihn an. Mit seinen Händen, die es wie Klauen einsetzte, versuchte es Atheris das Herz herauszureißen und gleichzeitig ihm mit seinen Zähnen die Kehle zu zerfetzen. Einen Dolch hatte das Männchen ihm schon bei der ersten Attacke aus der Hand geschlagen, mit der zweiten stach er verzweifelt auf das Männchen ein, das aber die Wunden komplett zu ignorieren schien. „Verdammt, warum stirbst du nicht!“ schrie Atheris unter großen Schmerzen, er merkte wie seine Rippen brachen und der Kobolt den Brustkorb gewaltsam öffnete. Vollkommen verzweifelt und dem Ende nahe, griff Atheris nach der Sonne Nilfgaards, die er immer noch als Zeichen an seiner Jacke trug. Obwohl diese golden glänzte war sie doch vor allem aus Eisen gefertigt worden. Mit letzter Kraft wirkte er das Zeichen Igni und erhitze das Metall in seiner Hand. Dieses fing sofort an zu glühen und verbrannte Atheris die Handflächen. Wild schlug er mit den rotglühenden Sonnenstrahlen auf den Kopf und besonders auf die Augen des Kobolts ein. Immer mehr Energie legte Atheris in das Zeichen und das Metall fing an zu schmelzen. Aber es zeigte Wirkung, der Kobolt schrie vor Schmerzen und versuchte sich von Atheris zu lösen, dieser umklammerte ihn aber mit seinem freien Arm und zog ihn eng an sich. „Gloir aen Ard Feainn!“ schrie Atheris und mit einem letzten Schlag drang Atheris in das schreiende Maul des Wesens ein und dort ließ er das schmelzende Metall endlich los. Der Kobolt zuckte wild bevor er in sich zusammensackte und nur noch ein Röcheln von sich gab. Atheris stieß ihn von sich. „A d’yeabl aép arse, lieber lasse ich mir bei lebendigen Leib das Herz rausreißen, als meinen Eid nicht zu erfüllen!“ hauchte Atheris. Langsam kroch er auf das nur noch zuckende kleine Männlein zu, neben diesem lag im Schnee versunken sein Silberschwert, er nahm es in die unverletzte Hand und trennte mit vier Hieben das Haupt des Wesens von seinem Körper. Mit letzter Kraft krabbelte Atheris zurück zu dem Baby und umschloss es mit seinem Körper. „Ich schaffe es leider nicht mehr, dich in Sicherheit zu bringen, es tut mir unendlich leid!“ flüsterte Atheris ihm ins Ohr. Das Baby schien mit einem verspielten Lächeln zu antworten. Atheris schaute sich um, zog alle Tränke die er noch irgendwo am Körper fand raus und warf diese gegen einen Baum. Mit einem letzten Igni, das nicht mehr als ein Fünkchen Hoffnung war, setzte er alles in Brand und kauerte sich um das Baby zusammen. Die Hitze in seinem Rücken tat gut und nach einer kurzen Weile verlor er das Bewusstsein. Die Schatten, die sich schnell der Lichtung näherten, nahm er nicht mehr war.

Vier Tage später

Atheris öffnete die Augen und sah ein ihm alt bekanntes Gesicht. „Mei, was machst du hier in der Kronau?“ flüsterte Atheris, „wo ist das Baby?“ fuhr er fort. „Das, was ich immer mit dir mache, mein Guter, ich flicke dich wieder zusammen und du kannst dich beruhigen, dem Kind geht es den Umständen entsprechend gut und ist bei seiner Mutter!“ antwortete Mei lächelnd. In der Tat war es nicht das erste Mal, dass die Magierin Atheris retten musste und er war froh, sie zu sehen! „Wann können wir nachhause aufbrechen Mei?“ frage er. „In ein bis zwei Tagen teleportieren wir zurück nach Kaer Iwhaell, es ist einiges in Deiner Abwesenheit geschehen, aber jetzt ruhe dich erstmal weiter aus, diesmal war es verdammt knapp! Wäre ich auch nur drei Stunden später hier eingetroffen, hätte ich nichts mehr für dich tun können.“ antwortete sie und verließ das Zimmer. Atheris schloss wieder die Augen und schlief seelenruhig ein.